Inhaltsverzeichnis i
1 Einleitung. 1
2 Was ist Rassismus? 5
2.1 Zur Entstehungsgeschichte von „Rasse“ und Rassismus. 5
2.1.1 Die historische Entwicklung des Begriffs „Rasse“ 5
2.1.1.1 Entstehung und Verbreitung des Begriffs „Rasse“ 5
2.1.1.2 „Rasse“ als Weg zur Systematisierung menschlicher Erscheinung 7
2.1.1.2.1 „Rasse“ als Klassifikationskriterium: Francois Bernier 7
2.1.1.2.2 „Race“ als „lineage“: von Leibnitz bis Linné. 7
2.1.1.3 „Rasse“ als Schlüsselbegriff der Menschheitsgeschichte 8
2.1.1.3.1 „Rasse“ als (k)ein Vehikel universellen Fortschritts. 8
2.1.1.3.2 Degeneration der „Rassen“ durch Vermischung: Arthur de Gobineau. 9
2.1.1.4 „Rasse“ als Weg zur „natürlichen“ Auslese. 11
2.1.1.4.1 Adaption der Theorien von Darwin: Sir Francis Galton 11
2.1.1.4.2 „Rassenbewusstsein“: Houston Stewart Chamberlain 12
2.1.1.5 Völkischer „Rasse“-Begriff und Antisemitismus im Nationalsozialismus 13
2.1.1.6 Der Begriff der „Rasse“ nach 1945. 15
2.1.2 Die historische Entwicklung des Begriffs Rassismus. 16
2.1.2.1 Ursprünge des Begriffs Rassismus 16
2.1.2.2 Etablierung des Begriffs Rassismus nach 1945 17
2.1.2.3 Die Schwierigkeit des Begriffs in Deutschland 17
2.2 Zur Begriffsbestimmung von Rassismus 18
2.2.1 Definitionsansätze moderner Rassismustheoretiker 19
2.2.1.1 Wertung von (biologischen) Unterschieden: Albert Memmi. 19
2.2.1.2 Rassenkonstruktion als Bedeutungskonstitution: Robert Miles. 20
2.2.1.3 Rassismus ohne „Rassen“ als differentialistischer Rassismus: Etienne Balibar 21
2.2.2 Rassismus als komplexes Phänomen: das Konzept dieser Arbeit 23
2.3 Theorien über die Entstehung von Rassismus 24
2.3.1 Psychologische und psychoanalytische Erklärungsansätze 25
2.3.1.1 Rassismus als Abspaltung innerer Persönlichkeitsanteile: Erklärungsansätze der
Psychoanalyse 25
2.3.1.2 Rassismus als Problem von Vorurteilen: Erklärungsansätze der Sozialpsychologie 26
2.3.1.3 Rassismus als Problem der autoritären Charakterstruktur: Erklärungsansatz der
Kritischen Theorie. 28
2.3.2 Soziologische Erklärungsansätze. 31
2.3.2.1 Der sozialisationstheoretische Erklärungsansatz: Wilhelm Heitmeyer. 31
2.3.2.2 Rassismus als Teil des Gesellschaftsbildes: Der Ansatz von Even und Hoffmann 33
Inhaltsverzeichnis ii
2.3.3 Soziobiologischer Erklärungsansatz 34
2.3.4 Ökonomischer Erklärungsansatz 36
2.3.5 Diskursanalytischer Erklärungsansatz 38
2.3.6 Ideologietheoretischer Erklärungsansatz 40
2.3.7 Vielzahl von Erklärungsansätzen: der Erklärungsansatz dieser Arbeit 41
2.4 Zwischenfazit: Historische Entwicklung, Definition und Erklärung von
Rassismus. 42
3 Pädagogik gegen Rassismus und Ausgrenzung 44
3.1 Zur Notwendigkeit einer antirassistischen Pädagogik in Deutschland 44
3.2 Entstehungsgeschichte und Handlungsfelder. 46
3.2.1 Ursprünge einer „anti-racist education“ in Großbritannien. 46
3.2.2 Anfänge einer antirassistischen Pädagogik in Deutschland 48
3.2.3 Handlungsfelder einer antirassistischen Pädagogik. 49
3.2.4 Exkurs: Interkulturell und/oder Antirassistisch? 50
3.3 Theorie einer subjektorientierten, antirassistischen Pädagogik 52
3.3.1 Kritik an antirassistischer Pädagogik als Änderung rassistischer
Einstellungen. 52
3.3.2 Der subjektwissenschaftliche Ansatz Klaus Holzkamps 53
3.4 Zwischenfazit: Zur Situation der antirassistischen Pädagogik
in Deutschland. 54
4 Trainingsansätze gegen Rassismus und Ausgrenzung
im Vergleich. 56
4.1 Das National Coalition Building Institute (NCBI) Training. 56
4.1.1 Entstehung und Adaption in Deutschland. 57
4.1.1.1 Die Anfänge des Trainings in den USA. 57
4.1.1.2 Die Adaption des Trainings für die deutsche Bildungsarbeit 57
4.1.2 Ziele und Didaktik 58
4.1.2.1 Zielsetzungen des Trainings. 58
4.1.2.2 Didaktische Umsetzung der Ziele 59
4.1.3 Methodische Grundlagen 61
4.1.4 Praktische Umsetzung im Training 62
Inhaltsverzeichnis iii
4.1.5 Kritische Würdigung. 64
4.1.5.1 Die Schwachpunkte des Trainings. 64
4.1.5.1.1 Methodisch unreflektiertes Thematisieren von Vorurteilen. 64
4.1.5.1.2 Vernachlässigung der gesellschaftlich-strukturellen Dimension des Rassismus 65
4.1.5.2 Die Stärke des Trainings: Entwicklung von Verhaltensweisen gegenüber rassistischen
Äußerungen. 66
4.2 Das „Braunäugig /Blauäugig“-Training („Blue Eyed“) 66
4.2.1 Entstehung und Adaption in Deutschland. 67
4.2.1.1 Die Anfänge des Trainings bei Jane Elliott. 67
4.2.1.2 Die Adaption des Trainings für die deutsche Bildungsarbeit 68
4.2.2 Ziele und Didaktik 69
4.2.2.1 Zielsetzungen des Trainings. 69
4.2.2.2 Didaktische Umsetzung der Ziele 69
4.2.3 Methodische Grundlagen 70
4.2.4 Praktische Umsetzung im Training. 72
4.2.5 Kritische Würdigung. 74
4.2.5.1 Die Schwachpunkte des Trainings. 74
4.2.5.1.1 Starre Konzeption in inhaltlicher und methodischer Hinsicht 74
4.2.5.1.2 Fehlende Handlungsperspektive 76
4.2.5.1.3 Autoritäres Lernarrangements des Trainings 77
4.3 Das Betzavta-Training. 79
4.3.1 Entstehung und Adaption in Deutschland. 80
4.3.1.1 Die Anfänge des Trainings in Israel 80
4.3.1.2 Die Adaption für die deutsche Bildungsarbeit 81
4.3.2 Ziele und Didaktik 82
4.3.2.1 Zielsetzungen des Trainings. 82
4.3.2.2 Didaktische Umsetzung der Ziele 83
4.3.3 Methodische Grundlagen 86
4.3.3.1 Kognitiv angelegte Übungen in Einzel- und Kleingruppenarbeit. 86
4.3.3.2 Übungen mit spielerischem Charakter 87
4.3.4 Praktische Umsetzung im Training. 88
4.3.5 Kritische Würdigung. 90
4.3.5.1 Die Schwachpunkte des Trainings. 90
4.3.5.1.1 Gefahr von Lernbarrieren bei spielerischen Übungen 90
4.3.5.1.2 Rassismus als Thema ist fakultativ. 91
4.3.5.2 Die Stärken des Trainings 92
4.3.5.2.1 Übernahme der Lernproblematik durch eigenes Erfahren 92
4.3.5.2.2 Nicht nur ein „Anti“, sondern ein „Pro“ 93
Inhaltsverzeichnis iv
4.4 Das Anti-Bias-Training 94
4.4.1 Entstehung und Adaption in Deutschland. 94
4.4.1.1 Die Anfänge des Trainings in Südafrika. 94
4.4.1.2 Die Adaption für die deutsche Bildungsarbeit 95
4.4.2 Ziele und Didaktik 96
4.4.2.1 Zielsetzungen des Trainings. 96
4.4.2.2 Didaktische Umsetzung der Ziele 97
4.4.3 Methodische Grundlagen 99
4.4.3.1 Methoden des interaktiven Lernens 99
4.4.3.2 Methoden des selbstgesteuerten Lernens 101
4.4.4 Praktische Umsetzung im Training. 101
4.4.5 Kritische Würdigung. 103
4.4.5.1 Die Schwachpunkte des Trainings. 103
4.4.5.1.1 Gefahr der breit gefächerten Diskriminationserfahrungen. 103
4.4.5.1.2 Gefahr der Überforderung der Teilnehmenden 103
4.4.5.2 Die Stärken des Trainings 104
4.4.5.2.1 Symbiotische Betrachtung verschiedener Ebenen. 104
4.4.5.2.2 Selbstbestimmung durch Selbststeuerung 105
4.4.5.2.3 Anti-Bias als Lebenseinstellung. 106
4.5 Zwischenfazit: Reflexiver Vergleich der Trainingsansätze 106
5 Schlussfolgerungen für die politische Bildungsarbeit gegen
Rassismus und Ausgrenzung 109
5.1 „Philosophie“ und Wertorientierung. 109
5.2 Ziele, didaktische Prinzipien und Inhalte 110
5.2.1 Zielsetzungen einer antirassistischen Bildungsarbeit 110
5.2.1.1 Sensibilisierung für rassistische Phänomene und Ausgrenzung 110
5.2.1.2 Entwicklung eines Unrechtsbewusstsein 111
5.2.1.3 Entwicklung von Handlungsperspektiven 111
5.2.2 Didaktische Prinzipien einer antirassistischen Bildungsarbeit 112
5.2.2.1 Erfahrungsorientierung 112
5.2.2.2 Handlungsorientierung. 114
5.2.3 Inhalte einer antirassistischen Bildungsarbeit. 114
5.3 Grundlegende methodische und praktische Anforderungen. 116
5.3.1 Methodische Umsetzung. 116
5.3.2 Praktische Umsetzung 117
Inhaltsverzeichnis v
5.3.2.1 Flexibles Reagieren auf Zeitvorgaben 117
5.3.2.2 Berücksichtigung der Bedürfnisse der Teilnehmenden 118
5.3.2.3 Training als Raum des Vertrauens 118
5.3.2.4 Moral versus Aufklärung 119
5.4 Grenzen einer antirassistischen Bildungsarbeit. 119
5.4.1 Gefahrenpunkt des quasi therapeutisches Settings 120
5.4.2 Eingeschränkte Reichweite der Erwachsenenbildung 120
5.4.3 Schranken durch die bildungspolitische Gesamtsituation 121
5.4.4 Pädagogische Anstrengungen reichen nicht aus 121
6 Fazit 122
7 Anhang I
7.1 Interview mit dem Anti-Bias-Trainer J.K. I
7.2 Interview mit der Betzavta-Trainerin A.S. V
7.3 Interview mit dem Betzavta-Trainer G. M. VIII
7.4 Interview mit der ehemaligen „Blue- Eyed“-Trainerin S. Y. XII
7.5 Interview mit der NCBI-Trainerin.U A. XVI
7.6 Literaturverzeichnis XVIII
Politische Bildung gegen Rassismus und Ausgrenzung 1
1 Einleitung
Eine politische Bildungsarbeit gegen Rassismus und Ausgrenzung in Deutschland ist nötig. Eine Vielzahl aktueller Ereignisse, Situationsbeschreibungen und Phänomene bestätigen dies: In den letzten beiden Jahrzehnten verfestigten und verbreiteten sich rechte und rechtsextreme Gewalttaten und Tendenzen in Deutschland. Die Politik stand und steht der Entwicklung bisweilen hilflos gegenüber und sucht Lösungen in kurzfristig angelegten Präventions- und Interventionsstrategien oder in der Entpolitisierung des Phänomens als Problem einer kleinen, randständigen Minderheit orientierungssuchender Jugendlicher. Studien und Untersuchungen zahlreicher WissenschaftlerInnen belegen darüber hinaus fast jährlich aufs Neue die Existenz rassistischer Denk- und Handlungsweisen innerhalb der Bevölkerung in Deutschland auf hohem Niveau oder gar ihre Zunahme. Forschungen zeigen immer wieder die Verwobenheit rassistischer Bilder, Mythen und Phantasien im alltäglichen Diskurs unserer Gesellschaft. Seit dem Wiederaufflammen des Nahost-Konflikts nimmt die Zahl antisemitischer Vorfälle in Form von Beschimpfungen, Friedhofsschändungen und Übergriffen deutlich zu. Vielfach verstecken sich antisemitische Denkweisen auch hinter der Kritik an der israelischen Politik. Politiker, nicht nur aus den Reihen der Konservativen und Liberalen, tragen mit rechtspopulistischen Äußerungen und so genannten „Tabubrüchen“ ebenfalls dazu bei, den Antisemitismus zu schüren. Darüber hinaus ist gerade gegenüber Moslems seit den Anschlägen des 11. September 2001 nicht nur ein verstärktes Misstrauen, sondern auch offene Ablehnung, Ausgrenzung und Diskriminierung zu verzeichnen.
Diese Beispiele sollen genügen, um die Handlungsrelevanz von Strategien und Praxen gegen Rassismus und Ausgrenzung zu verdeutlichen. Neben vielen anderen politischen und gesellschaftlichen Institutionen und Entscheidungsträgern kommt auch dem Erziehungs-und Bildungssystem die Verantwortung zu, Rassismus und Ausgrenzung demokratische und an Gleichberechtigung orientierte Lern- und Bildungsangebote entgegen zu setzen. Es
Politische Bildung gegen Rassismus und Ausgrenzung 2
ist notwendig diese Lernprozesse voran zu bringen, damit in unserer Gesellschaft Menschen aus anderen Herkunftsländern und Kulturkreisen, Flüchtlinge und MigrantInnen als gleichberechtigte Menschen leben können und Anerkennung erfahren.
Innerhalb der Sozialwissenschaften gibt es seit geraumer Zeit eine Vielzahl wissenschaftlicher Forschungsarbeiten, die sich mit dem Phänomen Rassismus und vor allem mit dem Versuch seiner Erklärung beschäftigen. Forschungen über Anti-Rassismus hingegen sind in den sozialwissenschaftlichen Disziplinen ein blinder Fleck geblieben. Dies trifft weitgehend auch auf die Erziehungswissenschaft zu, in der sich erst seit Ende der 1980er Jahre einzelne Diskussionen um eine antirassistisch ausgerichtete Pädagogik zeigen. Obwohl es heute im Erziehungs- und Bildungswesen einige Konzepte, Ansätze und Strategien einer antirassistischen Pädagogik gibt, fristen sie dennoch im Gegensatz zu ihrer „großen Schwester“, der interkulturellen Pädagogik, ein Randdasein. So gibt es zwar mittlerweile eine große Anzahl praktischer Konzepte und Methoden einer antirassistisch ausgerichteten Pädagogik, aber gerade im theoretischen Bereich fehlt eine fundierte Verankerung. Dies trifft vor allem auch auf eine politische Bildungsarbeit gegen Rassismus zu und schlägt sich in der Literatur nieder, die gerade im Theoriebereich einer politischen Bildung gegen Rassismus und Ausgrenzung dürftig ist.
Es wird mit dieser Arbeit ein Beitrag dazu geleistet, die Randständigkeit einer Pädagogik gegen Rassismus in Richtung auf eine breite Verankerung entsprechender Konzepte und Handlungsansätze zu überwinden. Darüber hinaus sollen verschiedene theoretische Standpunkte gebündelt und weiterentwickelt werden.
Gegenstand der Arbeit ist politische Bildungsarbeit gegen Rassismus und Ausgrenzung im Rahmen der Erwachsenenbildung. Nach einer theoretischen Abhandlung über Entstehung und Definition von Rassismus werden vier verschiedene Trainingsansätze und -formen gegen Rassismus miteinander verglichen und ihre jeweiligen Stärken und Schwächen heraus gearbeitet. In einer Schlussfolgerung werden dann Kriterien für eine Bildungsarbeit gegen Rassismus und Ausgrenzung mit Erwachsenen aufgestellt.
Im zweiten Kapitel erfolgt zunächst eine theoretische Abhandlung darüber, wie der Begriff „Rasse“ im sprachlichen und wissenschaftlichen Feld entstanden ist. Von den Ursprüngen des Begriffs im arabischen und europäischen Raum über die scheinbar wertfreie Verwen-
Politische Bildung gegen Rassismus und Ausgrenzung 3
dung zur Systematisierung menschlicher Erscheinungsbilder wird „Rasse“ - vor allem mit Hilfe der Wissenschaft - das Kriterium zur quasi natürlichen Selektion und in letzter Konsequenz zur Vernichtung von Menschengruppen, wie sie im Nationalsozialismus ihren Höhepunkt gefunden hat. Der Begriff Rassismus entstand im Gegensatz zu seinem Bezugsobjekt, der „Rasse“, erst relativ spät in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts und hatte (vor allem in der Bundesrepublik Deutschland) in der gesellschaftlichen Entwicklung der Nachkriegszeit lange Zeit keinen Platz. Auch hier wird in angemessener Kürze die historische Entwicklung seit der Entstehung des Begriffs nachgezeichnet.
Im weiteren wird ersichtlich, dass Rassismus nicht einheitlich definiert werden kann. Es werden Theorien bekannter Rassismustheoretiker gegenübergestellt, ihre Definitionsansätze diskutiert und eine Rassismusdefinition für diese Arbeit entwickelt.
Darüber hinaus ist es für das Ziel der Arbeit wichtig, verschiedene Erklärungsansätze für die Entstehung von Rassismus aufzuzeigen. Rassismus wird in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen verschieden erklärt: so werden Erklärungsansätze aus der Psychologie, der Soziologie, der Soziobiologie, der Ökonomie und der Diskursanalyse, sowie der Erklärungsansatz des Rassismus als Ideologie kurz skizziert. Im Anschluss wird für diese Arbeit ein Erklärungsansatz bestimmt.
Vor der Darstellung der antirassistischen Trainingsansätze erfolgt in einem dritten Kapitel eine Einordnung der Pädagogik gegen Rassismus in den allgemeinen Kontext der Erziehungswissenschaften. Dabei wird aufgezeigt, warum eine Bildungsarbeit gegen Rassismus überhaupt (pädagogisch) wünschenswert und auch nötig ist. Nach einem kurzen Abriss über die Entstehungsgeschichte der antirassistischen Pädagogik, ihren Anfängen in Großbritannien und ihre Adaption in Deutschland, zeigt ein Überblick die verschiedenen Handlungsbereiche einer solchen Pädagogik. Darüber hinaus soll in einem Exkurs auch eine Abgrenzung der antirassistischen Pädagogik von der interkulturellen Pädagogik erfolgen, denn trotz mancher synonymer Verwendung verbergen sich hinter den beiden Begriffen unterschiedliche Zielsetzungen und Konzeptionen. Abschließend soll in diesem Kapitel die in einschlägiger Literatur oft zitierte Theorie antirassistischer Pädagogik von Klaus Holzkamp als minimale Grundlage für die Darstellung und Bewertung der vier Trainings- ansätze vorgestellt werden.
Politische Bildung gegen Rassismus und Ausgrenzung 4
Im vierten Kapitel werden vier Trainingsansätze gegen Rassismus gegenübergestellt: das Anti-Bias-Training, ein Training mit der Zielsetzung, gegen jede Form von Diskriminierung zu agieren; das Betzavta-Training, das seinen Schwerpunkt vor allem auf demokratische Bildung setzt; das „Braunäugig/Blauäugig“-Training, das die gefühlsmäßige Erfahrung von Rassismus in den Mittelpunkt stellt und das Training NCBI, das Vorurteile bekämpft. In der Gegenüberstellung der verschiedenen Trainings ist darzulegen, in welchem historischen Kontext außerhalb Deutschlands sie entstanden sind, wie sie in Deutschland adaptiert wurden und vor allem welche Zielsetzungen sie auf Grundlage welcher Didaktik mit welchen Methoden verfolgen. Dazu und vor allem um in einem nächsten Schritt Stärken und Schwächen der jeweiligen Trainings aufzuzeigen, wurden TrainerInnen interviewt, um Erkenntnisse über die Trainings nicht nur aus sekundären, sondern auch aus primären Quellen zu erhalten.
Aus der Gegenüberstellung der jeweiligen Stärken und Schwächen werden dann im fünften Kapitel schlussfolgernd Kriterien für eine gute und sinnvolle Bildungsarbeit gegen Rassismus und Ausgrenzung mit Erwachsenen im Sinne einer demokratischen und politischen Pädagogik formuliert. Es wird aufgezeigt, was diese Bildungsarbeit leisten muss und welche Ziele sie mit welchen Methoden erreichen kann.
Im sechsten Kapitel werden die Ergebnisse dieser Arbeit in einem kurzen Fazit zusam- mengefasst und ein Ausblick gegeben.
Politische Bildung gegen Rassismus und Ausgrenzung 5
2 Was ist Rassismus?
2.1 Zur Entstehungsgeschichte von „Rasse“ und Rassismus
2.1.1 Die historische Entwicklung des Begriffs „Rasse“
Der Begriff „Rasse“ ist ein soziohistorisches Konstrukt, dem nach heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen keine biologische Realität entspricht, die legitimieren könnte, Menschen als „Rassen“ in Gruppen einzuteilen. 1 Dennoch hat „Rasse“ die Geschichte der Menschheit in den letzten Jahrhunderten nachhaltig geprägt und beeinflusst, sie wurde zum Teil der gesellschaftlichen Konstruktion von Realität. Obwohl der Begriff „Rasse“ als wissenschaftliche Kategorie abzulehnen ist, erscheint historisches Wissen über seine Entstehungsgeschichte nötig, da sich noch im heutigen Rassismus Elemente des historischen „Rasse“-Denkens wieder finden lassen. In diesem Kapitel wird die Entstehung des Begriffs „Rasse“ im europäischen Raum in seinen entscheidenden Entwicklungsschritten skizziert. Das Ziel dieses Kapitels liegt nicht darin, sich durch die Darstellung der historischen Entwicklung einer Definition von „Rasse“ anzunähern, sondern vielmehr darin, die Wandelbarkeit seiner Bedeutungsinhalte und damit seine willkürliche Verwendung aufzuzeigen.
2.1.1.1 Entstehung und Verbreitung des Begriffs „Rasse“
Über den etymologischen Ursprung des Begriffs gibt es unterschiedliche - zum Teil stark voneinander abweichende - wissenschaftliche Meinungen. Fest steht jedoch, dass es bereits im 13. Jahrhundert in den romanischen Sprachen vereinzelt entsprechende Formen gab, so beispielsweise das spanische „raza“, das portugiesische „raca“, das italienische „razza“ und das französische „race“. 2 Eine Hypothese über eine noch weiter zurückgehende Etymologie stellt Immanuel Geiss auf: Der realhistorische Zusammenhang legt seines Erachtens eine Ableitung aus dem Arabischen „ras“ (Kopf, Haupt eines Clans oder Stamms, im weiteren Sinne auch Abstammung) nahe. 3 Für diesen Ursprung des Wortes spricht auch, dass im spanischen und portugiesischen Raum das Wort zuerst verwendet wurde und gerade die iberische Halbinsel seit der arabisch-berberischen Eroberung im
1 Aus diesem Grund wird in dieser Arbeit der Begriff „Rasse“ in Anführungszeichen gesetzt. Die Existenz von wie auch immer gearteten menschlichen „Rassen“ wird abgelehnt. Die Historie zeigt auf, dass der Begriff „Rasse“ ab dem 19. Jahrhundert dazu diente, menschlichen Gruppen einen Status von Über- bzw. Unterlegenheit zuzuweisen. Die Entwicklung des Begriffs „Rasse“ wird hier nur skizzenhaft dargestellt.
2 Conze, Werner: Rasse, in: Brunner, Otto; Conze, Werner; Koselleck Reinhardt (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe: Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Band 5, Stuttgart 1984, S. 135-178., S. 137.
3 Geiss, Imanuel: Geschichte des Rassismus, Frankfurt am Main 1988, S. 16.
Politische Bildung gegen Rassismus und Ausgrenzung 6
achten Jahrhundert in intensive Berührung mit Arabern und Berbern kam 4 . Die etymologische Bedeutung des Wortes verweist in allen zuvor aufgeführten romanischen Sprachen in Richtung einer „Zugehörigkeit zu und die Abstammung von einer Familie, einem Haus, im Sinne von ‚edlem Geschlecht‘ bis hin zum Synonym für ‚Herrscherhaus‘“. 5 Obwohl das Wort damit noch nicht in der Bedeutung des modernen, naturwissenschaftlichen Begriffs eines (pseudowissenschaftlichen) Kriteriums zur Einteilung von Menschengruppen verwendet wurde, verbirgt sich dahinter die Vorstellung einer langen Ahnenreihe mit her-vorragenden Qualitäten und edler Abstammung. Im spanischen Raum bekommt „raza“ noch eine andere Konnotation: es wird zum Synonym für reine Abstammung, die Voraussetzung war, um öffentliche Ämter auszuüben. Damit wird „raza“ „zumindest nominell das entscheidende Kriterium der spanischen Gesellschaft“ 6 . Es verdeutlicht auch den aufkommenden Antijudaismus, denn reine Abstammung bedeutete, auf drei Generationen keine jüdischen oder maurischen Vorfahren zu haben. 7
Der frühe „Rasse“-Begriff wurde im europäischen Raum ebenfalls von der Adelsdiskussion in Frankreich im 16. Jahrhundert geprägt. Nach Colette Guillaumin ist der Begriff „Rasse“ sogar „(...) bis zu einem gewissen Grad eine aristokratische Erfindung.“ 8 „Race“ wurde beim alten französischen Geburtsadel zur Bezeichnung der aristokratischen Abstammungslinie ersten Grades verwendet und vor allem dazu gebraucht, über diese Demonstration der erblichen Zusammengehörigkeit das Eindringen des aufsteigenden Amtsadels in den eigenen Stand zu verhindern und ihm die damit verbundene privilegierte Position vorzuenthalten. Obwohl „Rasse“ in seiner vorwissenschaftlichen Bedeutung bis zu diesem Zeitpunkt im Sinne von „Abstammung“ verwendet wurde und der so bezeichneten Gruppe keine unveränderlichen Charakter- und Verhaltenseigenschaften zuschrieb, wurde er dennoch zu einem Politikum, das Ausschluss- und umgekehrt auch Einschließungsmechanismen beinhaltete und einer Gruppe von Personen Privilegien sichern half.
4 Neben dieser etymologischen Herleitung des Wortes „Rasse“ finden sich bei Conze, Werner, a.a.O. noch weitere Ableitungen, beispielsweise vom lateinischen Wort „radix“ (Wurzel) oder aus dem Germanischen, nach dem Wort „reiza“ (Genealogische „Linie“). Vgl. dazu Conze, Werner, a.a.O., S. 137.
5 Ebenda.
6 Terkessidis, Mark: Psychologie des Rassismus, Opladen 1998, S. 85.
7 Geiss ( Geiss, Imanuel, a.a.O., S. 116ff) stellt klar, dass das Kriterium, „Jude zu sein“ in der spanischen Gesellschaft nicht als unveränderliches Kriterium angesehen wurde. 1492 wurden die Juden im spanischen Raum aufgefordert, sich unter Zwang taufen zu lassen oder das Land zu verlassen. Dem widerspricht Conze, der mit dem Zwangsbekehrungsedikt die Juden als „Rasse“ ins europäische Bewusstsein gerückt sieht. Vgl. dazu: Conze, Werner, a.a.O., S. 140.
8 Guillaumin, Colette: Zur Bedeutung des Begriffs „Rasse“, in: Institut für Migrations- und Rassismusfor- schung e.V.: Rassismus und Migration in Europa, Hamburg 1992, S. 77-87, S. 81.
Politische Bildung gegen Rassismus und Ausgrenzung 7
2.1.1.2 „Rasse“ als Weg zur Systematisierung menschlicher Erscheinung
2.1.1.2.1 „Rasse“ als Klassifikationskriterium: Francois Bernier Nach der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus (1451-1506) im Jahre 1492 nahmen die Reise- und Erfahrungsberichte von Forschungsreisenden stark zu, so dass das Beobachtungsmaterial über Menschen aus fremden Erdteilen rasch anstieg. Es wuchs der Bedarf, diese Beobachtungen zu ordnen und zwei zentrale Fragestellungen zu beantworten: Wo ist der Ursprung der Menschheit und wie lassen sich die Differenzen zwischen den Menschen erklären. 9 Der Mensch wurde zum Studienobjekt. Das 17. Jahrhundert war sodann die Entstehungsphase des wissenschaftlichen Denkens, das sich in der Zeit vor allem durch Systematisierung und Klassifizierung von Natur und Mensch auszeichnete. 1687 stellte der französische Arzt und Forschungsreisende Francois Bernier (1620-1688) ein Kategorisierungssystem auf, mit dem er große Menschengruppen als „race“ oder „espèce“, also im Sinne von Art oder Gattung, einteilte. 10 Neu war in diesem System nicht nur die Aufteilung der gesamten Erdbevölkerung in fünf Gruppen, die er geographisch ordnete, sondern auch die Einteilung nach somatischen Gesichtspunkten. Bernier teilte die Menschen nach Form und Zustand von Haaren, Nasen oder Ohren ein und machte „Rasse“ somit zu einem anthropologischen Kriterium „(...) noch ohne wertende Abstufungen, ohne rassistische Absicht“ 11 .
2.1.1.2.2 „Race“ als „lineage“ 12 : von Leibnitz bis Linné
Berniers Kategorisierungssystem der „races“ wurde von verschiedenen Naturwissenschaftlern und Philosophen aufgegriffen und abgewandelt: Gottfried Wilhelm Leibnitz (1646-1716) teilte beispielsweise 1697 die Erdregionen nach dem Kriterium der Sprache ein. George Louis Leclerc, Comte de Buffon (1707-1788), schrieb die Naturgeschichte der Menschheit und unterteilte diese in einzelne Stämme oder „Rassen“. Der schwedische Arzt Carl von Linné (1707-1778) ordnete 1735 verschiedene Menschengruppen in die Systema naturae. 13
9 Siehe dazu:Terkessidis, Mark, a.a.O., S.89.
10 Einen guten Überblick über die Systematisierung menschlicher Erscheinungsformen im 17. und 18. Jahr-hundert liefern Conze, Werner, a.a.O., S. 142ff und Mosse, George L.: Rassismus. Ein Krankheitssymptom in der europäischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Königstein 1978, S. 9ff.
11 Geiss, Imanuel, a.a.O., S. 148.
12 Banton, Michael: Racial Theories, Cambridge 1998, S.17. Banton skizziert den Einfluss der Vorstellungen von Monogenese und Polygenese im 16. und 17. Jahrhundert auf den Begriff „Rasse“.
13 Eine ausführliche Darstellung der Werke der benannten Wissenschaftler und Philosophen findet sich in: Conze, Werner, a.a.O., S. 143ff. Darüber hinaus sei darauf hingewiesen, dass die Systema naturae zunächst lediglich Pflanzen kategorisierte und erst später auf Tiere und Menschen ausgeweitet wurde.
Politische Bildung gegen Rassismus und Ausgrenzung 8
Den genannten Kategorisierungssystemen sind zwei Merkmale gemeinsam: Sie alle sind erstens geprägt von dem vorherrschenden Ordnungssystem der Zeit, in der die Bibel als Autorität die menschlichen Angelegenheiten regelte. Es existierte der Glaube an die Monogenese, also an die Vorstellung, dass alle Menschen von einem Urpaar abstammen und sich beispielsweise nur durch Umwelteinflüsse unterschiedlich entwickelt hätten. „Race“ wird als „lineage“ im Sinne einer monolinearen Abstammung verwendet, die damit zunächst alle Menschengruppen als eine Spezies mit verschiedenen Unterarten bewertet. Zweitens verzichteten die genannten Naturwissenschaftler und Philosophen darauf, den verschiedenen „Rassen“ soziale oder kulturelle Eigenschaften oder Charakterzüge zu zuordnen. Lediglich Carl von Linné fügte den Menschengruppen in der zehnten Auflage seines Werks Systema naturae geistig-kulturelle Eigenschaften hinzu, wobei festzuhalten ist, dass zu diesem Zeitpunkt Weißen bereits positive („durch Gesetz regierte Europäer“) und Schwarzen negative Eigenschaften („der Afrikaner mit boshafter, fauler und lässiger Gemütsart“) zugeschrieben wurden. 14
2.1.1.3 „Rasse“ als Schlüsselbegriff der Menschheitsgeschichte
2.1.1.3.1 „Rasse“ als (k)ein Vehikel universellen Fortschritts
Aufklärung und Entstehung der Moderne wurden von Säkularisierung und dem Abschied vom Glauben an eine monolineare Abstammung begleitet. Der Gedanke der Polygenese, also des getrennten Ursprungs verschiedener Menschengruppen und daran geknüpfter fundamentaler Unterschiede, beeinflusste auch die „Rassen“-Theoretiker. Doch nicht nur diese Veränderungen hatten einen entscheidenden Einfluss auf die Weiterentwicklung der „Rasse“-Konzeptionen. Auch andere historische Rahmenbedingungen trugen zum Aufstieg des Rassismus bei. Die im 18. und 19. Jahrhundert erfolgte Industrialisierung und die beginnende Kolonialisierung, verbunden mit der Ausbeutung von Rohstoffen und Arbeitskräften der so genannten Neuen Welt, beeinflussten das Denken in Naturwissenschaft und Philosophie. Der Begriff „Rasse“ wurde aus seiner Funktion als Klassifikationskriterium herausgelöst und in den Kontext der gesamten Menschheitsgeschichte gestellt. 15 In dem Werk Geschichte der Menschheit des Göttinger Kulturhistorikers Christoph Meiners (1747-1810) wurde „Rasse“ zum Grundbegriff der Entwicklung der Menschheitsgeschichte. In seiner Unterscheidung der kaukasischen (Germanen, Romanen, Semiten) und der mongolischen „Rasse“ hatte er in dem Begriff „Rasse“ „(...) eine Typus-Einheit von
14 Eine detaillierte Darstellung der Entwicklung des Werks von Carl von Linné findet sich in: Conze, Werner, a.a.O., S. 145f.
15 Geiss, Imanuel, a.a.O., S. 161f.
Politische Bildung gegen Rassismus und Ausgrenzung 9
‚Körper‘ und ‚Geist‘ sowie ‚Charakter‘ und ‚Sitten‘ gesehen und die stammesgeschichtlich entstandenen Großgruppen ihren gradweise verschiedenen Erbanlagen entsprechend für größere oder geringere Leistungen im Erringen von ‚Kulturstufen‘ (...)“ 16 für fähig befunden. Aus den unterschiedlichen Anlagen zur kulturellen und geistigen Entwicklung schlussfolgerte Meiners nicht nur die Ungleichwertigkeit beider „Rassen“, sondern auch ein Überlegenheitsgefühl für die kaukasische „Rasse“ und damit für die „europäischen Nationen“, 17 denn Meiners stellte mit seinem „Rasse“-Begriff nicht nur den Bezug zu Fortschritt und kultureller Entwicklung her, sondern auch zur Nation, was eine zentrale Veränderung der Begrifflichkeit beinhaltete. Aufgegriffen wurde diese Konzeption 1848 durch den Historiker Georg Friedrich Kolb (1808-1884). Obwohl auch Kolb die Überlegenheit der kaukasischen „Rasse“ betonte, führte sie bei ihm nicht zur Überlegenheit der europäischen Nationen.
„Die Rasseneigenschaften der ‚Kaukasier‘ ermöglichen deren Suprematie auf der ganzen Erde - jedoch nicht zur Unterdrückung, sondern zur kulturellen Entwicklung der anderen, die nach Befreiung von ihrem ‚Stabilitätswesen‘, d.h. ihrer Fortschrittsfeindlichkeit, danach streben (...) in selbsteigener Entwicklung fortzuschreiten.“ 18
„Rassen“-Ungleichheit ist damit nicht nur das Mittel einer einseitigen kulturellen Entwicklung seitens der Europäer, sondern kann durch die Lernfähigkeit der „rückständigen Rassen“ zu einem Vehikel für universellen, kulturellen Fortschritt werden. Christoph Meiners und Georg Friedrich Kolbs unterschiedliche Positionen skizzieren die beiden vorherrschenden Denkströmungen Mitte des 19. Jahrhunderts sehr deutlich: auf der einen Seite der Glaube an die Überlegenheit der europäischen Nationen, begründet mit „höherwertigen“ geistigen und kulturellen Eigenschaften und Charakterzügen, sowie andererseits der Glaube, dass gerade diese Überlegenheit dazu beitragen würde, den „minderwertigen“ Menschengruppen zu kulturellem und geistigem Fortschritt zu verhelfen.
2.1.1.3.2 Degeneration der „Rassen“ durch Vermischung: Arthur de Gobineau Anfang des 19. Jahrhunderts gab es eine Vielzahl von „Rasse“-Theorien mit sich zum Teil überschneidenden und widersprechenden Systemen und Klassifizierungen, da fast jeder
16 Conze, Werner, a.a.O., S. 151.
17 Meiners, Christoph: Grundriß der Geschichte der Menschheit, Lemgo 1785, S. 21f, zitiert nach: Conze, Werner, a.a.O., S. 152. Christoph Meiners griff mit seiner Systematisierung der Menschengruppen auf die Arbeiten des Göttinger Anthropologen Johann Gottfried Blumenbach zurück, der die Existenz einer kaukasischen „Rasse“ zehn Jahre vor Meiners postulierte. Blumenbach nahm eine wertende Abstufung der Menschheit nach ästhetischen Gesichtspunkten vor. Vgl. hierzu: Geisen, Thomas: Antirassistisches Geschichtsbuch: Quellen des Rassismus im kollektiven Gedächtnis der Deutschen, Frankfurt 1996, S. 17.
18 Conze, Werner, a.a.O., S.155f.
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Autor eigene Kriterien zur Einteilung von Menschengruppen anwendete. 19 Im gleichen Zeitraum entdeckten Wissenschaftler der aufkommenden Linguistik die indoeuropäischen Sprachenfamilien im Gegensatz zu den semitischen Sprachen, in denen bislang das Hebräische als Ur-Sprache galt. 20 Die Entdeckung der Verwandtschaft von Sanskrit, gotischer und keltischer Sprache führte zu dem fatalen Umkehrschluss einer gemeinsamen „rassischen“ Abstammung. Mit dieser Gleichsetzung von Sprache und „Rasse“ wurde der arische Mythos geschaffen. Er basierte auf der Unterscheidung zwischen indogermanischen und semitischen Sprachen, die bei vielen Wissenschaftlern zu einer Gleichsetzung von Indogermanen mit Ariern und so zu einer Unterscheidung zwischen Ariern und Semiten führte. 21
Eine theoretische Verarbeitung und Festigung fand der Arier-Mythos mit dem französischen Diplomaten Arthur de Gobineau (1816-1882). In seinem mehrbändigen Werk Essay sur l’inégalité des races humaines (1853/55) „verband er erstmals die bisher weitgehend getrennten Hauptstränge des Rassismus - den Anti-Judaismus kurz vor seiner Metamorphose zum modernen Antisemitismus und den Anti-Negrismus.“ 22 Ausgangspunkt Gobineaus sind die drei ungleichen „Rassen“ Gelbe, Schwarze und Weiße, wobei eine Hierarchisierung bereits fest geschrieben ist: „C’est là ce que nous apprend l’Histoire. Elle nous montre que toute civilisation découle de la race blanche, qu’aucune ne peut exister sans le concours de cette race (...)“ 23 . Die weiße, an anderen Stelle auch „arisch“ genannte, „Rasse“ sei Ursprung jeglicher Zivilisation und übernähme somit die Führungsrolle in der Menschheitsgeschichte. Dennoch lebe sie heute nicht mehr in ihrer reinen Form, da eine „mélange du sang“ 24 , eine Vermischung mit anderen Gruppen, stattfand. Diese Vermischung könne zwar anfänglich noch höhere „Rassen“ hervorbringen, ab einem bestimmten
19 Eine Übersicht über die Willkürlichkeit der Einteilung von Menschengruppen in „Rassen“ stellt Immanuel Geiss in einem Schaubild über „Rassenkonzepte“ zusammen: Geiss, Imanuel, a.a.O., S. 142ff.
20 Geisen, Thomas, a.a.O., S. 20f.
21 Der Fund des indischen Sanskrits Ende des 18. Jahrhunderts hatte zu einer allgemeinen Bewunderung der altindischen Kultur geführt. Mit der Entdeckung der Sprachverwandtschaft der späteren indogermanischen Sprachen schlussfolgerte nun beispielsweise der Romantiker Friedrich Schlegel einerseits, dass der Ursprung aller Kultur in Indien liege, und andererseits, dass die Sprachenverwandtschaft auch auf eine gemeinsame „rassische“ Abstammung schließen lässt. Da der Sanskrit die Sprache der obersten indischen Kaste darstellte, deren Ahnen die Arier waren, wurde die Verwandtschaft der indoeuropäischen Sprachen mit „arischer Rasse“ gleichgesetzt. Dieser „arische Mythos“ breitete sich nicht nur in Deutschland aus, sondern auch in anderen europäischen Ländern wie Frankreich oder England und in den USA. Vgl. zur Entstehung des arischen Mythos: Geiss, Imanuel, a.a.O., S. 162ff.
22 Ebenda, S. 168.
23 Gobineau, Arthur de: L’Inégalité des Races, Paris 1984, 1 1853/55, S. 215. Übersetzt bedeutet das Zitat: „Das lehrt uns die Geschichte. Sie zeigt uns, dass jegliche Zivilisation von der weißen Rasse abstammt, dass keine einzige existieren würde ohne die Beihilfe dieser Rasse...“.
24 Ebenda, S. 44.
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Punkt jedoch führe jede weitere Vermischung zur „dégénération“ 25 , zum Untergang. Daraus schlussfolgerte Gobineau, dass die weiße „Rasse“ ab diesem Punkt für sich, das bedeutet „rein“, bleiben müsse, um zu überleben. Langfristig jedoch sah er die Degeneration, auch für die „arische Rasse“ als unvermeidbar an - ein Ausdruck für seine pessimistische Sicht. Seine Theorie hatte einschneidende Wirkung für die weitere Entwicklung von „Rasse“-Konzeptionen, da der Gedanke an eine „Reinhaltung der Rasse“ zur Verhinderung von Degeneration „später zur ‚Rassenhygiene‘, bewussten Selektion und Manipulation zur ‚Rettung‘ der ‚höheren‘ Rasse und Vernichtung ‚minderwertiger‘ Rassen (führte, A.d.V.).“ 26
2.1.1.4 „Rasse“ als Weg zur „natürlichen“ Auslese
2.1.1.4.1 Adaption der Theorien von Darwin: Sir Francis Galton Eine wesentliche ideologische und wissenschaftliche Stütze des aufkommenden Rassismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stellten die Theorien des englischen Naturforschers Charles Darwin (1809-1882) dar. Seine Evolutionslehre, dargelegt in dem Werk The Origins of Species by Natural Selection (1859), umfasste folgende zentrale Aussagen 27 : die Organismen im Tier- und Pflanzenreich reproduzieren sich exponentiell, wobei die Arten in einem ständigen Konkurrenzkampf um die begrenzten (Umwelt-)Ressourcen stehen. In diesem „struggle for life“ haben die effektiver an das Umfeld angepassten Organismen die besseren Überlebenschancen: die zweckmäßig Angepassten überleben, die Ungeeigneten scheitern. Evolution geschieht über natürliche Selektion. Merkmale, die dem Organismus helfen, in der Umwelt zu überleben, werden genetisch weitergegeben und führen zur Veränderung des Erbguts. Die Variabilität der Arten entsteht durch natürliche Selektion.
Diese Darwinschen Prinzipien wurden - jedoch nicht von Darwin selbst - auf die Gesellschaft übertragen. Seine Theorie der „Natural Selection“ und des „Survival of the Fittest“ wurde von verschiedenen „Rassen“-Theoretikern übernommen und mit dem „Recht des Stärkeren“ ergänzt. 28 Darwin verlieh somit der von Gobineau vorgebrachten Rettung der so genannten „höheren Rassen“ - synonym für die „arischen Rasse“ - eine wissen- 25 Ebenda,S. 41.
26 Geiss, Imanuel, a.a.O., S. 169.
27 Vgl. dazu: Geisen, Thomas, a.a.O., S. 27.
28 Dies entspricht nicht der Intention Darwins, da dem englischen Wort „fit“ nicht die Bedeutung „stark“ entspricht, sondern „(gut) angepasst“. Siehe hierzu auch: Oxford English Dictionary, wo „fit“ unter anderem mit „well adapted for“ oder „to live in harmony with“, jedoch nie mit „strong“, im Sinne von „stark“ assoziiert wird. Hornby: Oxford Advanced Learner’s Dictionary of current English, Fourth Edition, Oxford 1989, S. 461.
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schaftliche Grundlage: „Der Darwinismus forderte nicht nur die Visionen von Rassenkämpfen, er führte auch ganz direkt zur Begründung der Rassenerbpflege (Eugenik).“ 29 Als Begründer der Erbgesundheitslehre gilt der Brite Sir Francis Galton (1822-1911). Seine zentralen Aussagen basierten auf den Theorien Darwins: „Der Wert der Erbgesundheit bestimmte darum die Qualität der Rasse“ und von der sich als „Rasse“ definierenden Gruppe „(...) konnte natürliche Auslese jederzeit zur Verbesserung (der „Rasse“, A.d.V.) benutzt werden“ 30 .
Der Kampf ums Überleben stünde darüber hinaus in Verbindung mit der Erhaltung der von Generation zu Generation übertragenen, angeborenen körperlichen und geistigen Eigenschaften. Der so durch den Sozialdarwinismus geprägte Rassismus des späten 19. Jahr-hunderts entwickelte rasch „nationale“ Varianten, die sich in ihren Vorstellungen gegenseitig beeinflussten. Deutsche Vordenker von Sozialdarwinismus und Rassenhygiene waren beispielsweise der Zoologe Ernst Haeckel (1834-1919) und der Arzt Alfred Ploetz (1860-1940), einer der bedeutenden „Rassenhygieniker“ auf deutschem Gebiet. 31
2.1.1.4.2 „Rassenbewusstsein“: Houston Stewart Chamberlain Beeinflusst von den Gedanken Gobineaus und den weitreichenden Interpretationen der darwinschen Evolutionsprinzipien entwickelte der britischstämmige Wahldeutsche Houston Stewart Chamberlain (1855-1927), Schwiegersohn Richard Wagners, in seinen Grundlagen des 19. Jahrhunderts (1899) „die Theorie von der Überlegenheit der arischen ‚Rasse‘, deren Hauptbestandteil die Deutschen bilden (...)“ 32 . Chamberlain war somit einer der ersten Theoretiker, der die „arische Rasse“ explizit mit den Deutschen gleichsetzte. Neu war in seinem Werk auch, dass er sich in der Einteilung der „Rassen“ weitgehend von somatischen Unterscheidungskriterien löste und vor allem kulturelle und psychologische Kriterien zur Unterscheidung heranzog: „Rasse ist nicht ein Urphänomen, sondern sie wird erzeugt: physiologisch durch charakteristische Blutmischung, gefolgt von Inzucht; psychisch durch den Einfluss, welchen lang anhaltende, historisch-geographische Bedingungen auf jene besondere, physiologische Anlage ausüben.“ 33 Der „Germane“ ist für Chamberlain „(...) die Seele unserer Kultur. (...) Blicken wir heute umher, wir sehen, dass die Bedeutung einer jeden Nation als lebendige Kraft von dem Verhältnis des echt germanischen Blutes in ihrer Bevölkerung abhängt.“ 34 Die Weltherrschaft sei, so Chamberlain,
29 Mosse, George L., a.a.O., S. 70.
30 Eine ausführliche Darstellung des Werk von Sir Francis Galton befindet sich in: Ebenda, S. 71ff.
31 Meier-Mesquita, Cintia: Rassismus und antirassistische Erziehung, Freiburg 1999, S. 38ff.
32 Geisen, Thomas, a.a.O., S. 25f.
33 Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts, München 1922, S. 376.
34 Ebenda, S. 282.
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umkämpft von zwei „Rassen“, die für ihn gleichermaßen „Gut“ und „Böse“ verkörpern: „‚Juda‘ macht den ‚Germanen‘ die legitime Weltherrschaft streitig, indem es selbst die Weltherrschaft anstrebt.“ 35 Chamberlain definierte somit nicht nur die jüdischen Menschen explizit zu einer „Rasse“, sondern stellte sie den „Germanen“ auch antagonistisch als das Böse gegenüber. Weiterhin führte er neue Elemente wie „Rassenbewusstsein“ und „Rassenseele“ in den Begriff ein und hob ihn damit bis zu einem gewissen Grad ins Mystische. Die Verknüpfung der beiden Elemente „Kampf gegen die Juden um die Weltherrschaft“ und „Rassenseele“ - verbunden mit einem Rückbezug zu Gobineau - wird in folgendem Gedanken Chamberlains deutlich:
„Der Sieg über die Juden würde zu keiner sozialen und wirtschaftlichen Veränderung führen, sondern zu einer Revolution des Geistes, und die arische Rassenseele würde dann die Welt beherrschen. Eine neue Kultur würde entstehen, die der gegenwärtigen Degeneration ein Ende setzen würde.“ 36
Dieser Gedanke lässt sehr gut erkennen, was das Werk Chamberlains für die Nationalsozialisten als theoretische Grundlage interessant und ihn zu einem frühen Apologeten des nationalsozialistischen Gedankenguts machte.
2.1.1.5 Völkischer „Rasse“-Begriff und Antisemitismus im Nationalsozialismus
Mit dem Nationalsozialismus wurde das Denken in Kategorien von „Rasse“ zur offiziellen Staatsdoktrin und zur Begründung eines millionenfachen Massenmords. Die „arische Rasse“ erhielt nach den Vorgaben Hitlers absolute Vorrangstellung und wurde zum Motor jeglichen Handelns. Bereits in seinem Agitationsbuch Mein Kampf (1925) legte Hitler (1889-1945) zentrale Aufgaben fest: Um die Vormachtstellung der „arischen Rasse“ zu sichern, müssten sowohl „Rassesinn“ und „Rassegefühl“ durch Erziehung und Bildung hergestellt, als auch die „Menschenauslese“ im „völkischen Staat“ vorangetrieben werden. 37 Das nationalsozialistische Erziehungsverständnis sah Erziehung funktional zur politischen Auslese und als Instrument der Herrschaftssicherung. Obwohl es keine partei- oder staatsoffizielle Doktrin einer nationalsozialistischen Pädagogik gab, war die Pädagogik, neben anderen gesellschaftlichen Akteuren, eine zentrale Stütze des faschistischen Systems mit einer wesentlichen Aufgabe: der Erziehung zum faschistischen Staat mittels der Verbreitung eines „(...) Raster(s), das jeden und jede nach rassistischen Kriterien als ‚wertvoll‘ oder ‚min-
35 Geiss,Imanuel, a.a.O., S. 173.
36 Mosse, George L., a.a.O., S. 100.
37 Hitler, Adolf: Mein Kampf, zitiert nach: Gamm, Hans-Jochen: Führung und Verführung, Pädagogik des Nationalsozialismus, München 1990, S. 58f.
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derwertig‘ einstufte, verbunden mit dem hybriden Bewusstsein, selbst zur ‚wertvollen Herrenrasse‘ zu gehören (...)“ 38 . Beteiligt waren an der Erziehung neben Einrichtungen der NSDAP wie Jugendverbänden, außerschulischen Eliteschulen und Fortbildungsstätten die herkömmlichen Erziehungseinrichtungen des Schulwesens, der Hochschule, der Erwachsenenbildung. Sicherlich wurden auch die Einrichtungen des Erziehungssystems nach der Machtergreifung durch Zwang, über Gesetze und Erlasse gleichgeschaltet und Teile der (politisch unliebsamen) Pädagogenschaft aus ihren Positionen vertrieben. Aber neben den exponierten pädagogischen Akteuren wie Ernst Krieck (1882-1947), der die Schaffung eines „völkischen Erziehungsstaates“ zum Ideal erhob, oder Baldur von Schirach (1907-1974), der die Vollendung eines „volksgemeinschaftlichen Jugendstaates“ anstrebte 39 , gab es auch teils eine hohe Zustimmung in der Pädagogenschaft zum Nationalsozialismus. Hier ist vor allem auf einige Repräsentanten der geisteswissenschaftlichen Pädagogik hinzuweisen. Eduard Spranger (1882-1963) und Wilhelm Flitner (1889-1990) begrüßten die Machtergreifung und sahen Chancen, ihre Ideen der nationalkonservativen Volksgemeinschaft zu verwirklichen. 40
Die Erziehungswissenschaft, die sich nicht mehr nur auf das Jugendalter beschränken, sondern alle Generationen erfassen sollte, beteiligte sich im Nationalsozialismus nach den Vorgaben Adolf Hitlers daran, den „‚Siegeszug der besten Rasse‘ (zu verwirklichen) (...). Die beste ‚Rasse‘ ist die der ‚Arier‘. Sie ist der eigentliche ‚Kulturbegründer‘, der ‚Urtyp dessen‘, ‚was wir unter Mensch verstehen‘, die ‚geniale Rasse‘ schlechthin.“ 41 Den Gegensatz zu dieser „genialen Rasse“ fand der Nationalsozialismus in der Verengung des Rassismus auf die Juden und Jüdinnen: „Er (die Juden als „der Teufel“, A.d.V.) ist keine Religionsgemeinschaft, sondern ‚Volk‘, sogar ‚Rasse‘, eine wahre ‚Pest‘, mit dem Traum der eigenen ‚Weltherrschaft‘, so dass ‚in unserem Volke die Personifikation des Teufels als Sinnbild alles Bösen die leibhaftige Gestalt des Juden annimmt‘.“ 42 Um die Existenz Deutschlands zu sichern, sei nicht nur die Schaffung von „Lebensraum“ durch verheeren-
38 Keim,Wolfgang: Erziehung unter der Nazi-Diktatur, Band II, Kriegsvorbereitung, Krieg und Holocaust, Darmstadt 1997, S. 3.
39 Eine sehr detaillierte Darstellung der exponiertesten pädagogischen Akteure des Nationalsozialismus liefert Hermann Giesecke. Er stellt die Ideen von Ernst Krieck, Alfred Bäumler und Baldur von Schirach in ihren Konzepten und ihrer praktischen Umsetzung dar. Vgl. dazu: Giesecke, Hermann: Hitlers Pädagogen. Theorie und Praxis nationalsozialistischer Erziehung, Weinheim und München 1993.
40 Olbrich, Josef: Geschichte der Erwachsenenbildung in Deutschland, Bonn 2001, S. 222. Ein anderer geisteswissenschaftlicher Pädagoge, der auch in verschiedenen Aufsätzen Adolf Hitler verherrlichte, ist Theodor Wilhelm. Er gab zwischen 1933-1945 zusammen mit Alfred Bäumler die Internationale Zeitschrift für Erziehung heraus. Vgl. dazu: Keim, Wolfgang (Hrsg.): Pädagogen und Pädagogik im Nationalsozialismus -Ein unerledigtes Problem der Erziehungswissenschaft, Frankfurt am Main 1988, S. 23.
41 Geiss, Imanuel, a.a.O., S. 281.
42 Ebenda, S. 282.
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de Kriegszüge nötig, sondern auch die „(...) Unterwerfung ‚minderwertiger‘ Völker und die Vernichtung ‚niederer‘ ‚Rassen‘, vor allem der Juden.“ 43 Dieser Vernichtungswille führte, zusammen mit der im Namen von „Rassenreinheit“ durchgeführten Euthanasie, in der extremsten Steigerung des „Rassedenkens“ in den Mord von Millionen von Menschen.
2.1.1.6 Der Begriff der „Rasse“ nach 1945
1951 gab die UNESCO (United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization) eine Erklärung zum wissenschaftlichen Standpunkt der „Rassen“-Forschung ab. In dieser Erklärung wurde festgehalten, dass genetische Differenzen kein zentraler Faktor für das Erbringen kultureller Leistung darstellen, dass Persönlichkeit und Charaktereigenschaften „rasselos“ sind und die Existenz von „Rassen“ vom wissenschaftlichen Standpunkt her nicht zu rechtfertigen ist. 44 Die Diskussionen im Vorfeld der Deklaration belegen jedoch, dass diese Schlussfolgerungen keineswegs mit der in der Erklärung gezeigten Eindeutigkeit gezogen wurden. Gerade den an der Ausarbeitung der Deklaration beteiligten Anthropologen und Genetikern fiel es schwer, auf die Verwendung des Begriffs „Rasse“ zur Kennzeichnung und Einteilung von Menschengruppen zu verzichten. 45 Hier zeigte sich, dass die Ablehnung des Begriffs nicht unbedingt auf Einsicht von PolitikerInnen oder gemeinsam geteilten Forschungserkenntnissen von WissenschaftlerInnen fußte, sondern auch und vor allem politischen Motiven geschuldet war, nachdem nach 1945 im Ganzen ersichtlich war, welche Grausamkeiten im Namen der nationalsozialistischen „Rassenideologie“ durchgeführt wurden. Dennoch war mit der Deklaration, der noch weitere folgen sollten, der politisch motivierte Abschied vom „Rasse“-Begriff eingeleitet. 46
43 Ebenda, S. 283.
44 Einen Überblick über die Diskussionen zur Verfassung der Deklaration liefern: Weingart, Peter; Kroll, Jürgen; Bayertz, Kurt: Rasse, Blut und Gene: Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland, München 1995, S. 602 ff.
45 Dass es vor allem den GenetikerInnen und AnthropologInnen schwer fiel, auf „Rasse“ als Begriff zu verzichten, zeigte sich daran, dass in der erste Deklaration, hauptsächlich von SozialwissenschaftlerInnen verfasst, einige Formulierungen auf argen Widerstand der zuerst genannten Gruppe stießen. Auf Druck der Anthropologen und Genetiker wurde eine zweite Deklaration verfasst, die wiederum, nun von der anderen Seite, auf viel Kritik und Widerstand stieß. Letztendlich wurde 1951 die Deklaration verabschiedet, welche aber nur bei 23 von 80 beteiligten WissenschaftlerInnen auf volle Zustimmung stieß, 26 stimmten im Grundsatz zu, 31 WissenschaftlerInnen hatten (aus den unterschiedlichsten Motiven) Einwände oder substanzielle Kritik. Vgl. dazu Weingart, Peter; Kroll, Jürgen; Bayertz, Kurt, a.a.O., S. 605ff.
46 Dies gilt vor allem für den deutschsprachigen Raum. Im englischsprachigen Raum findet der Begriff „race“ dagegen eine breite Verwendung im politisch-öffentlichen und gesellschaftlichen Diskurs: als Gesetzesbegriff („race relations act“), in den Sozialwissenschaften („race relations“) oder in der Alltagssprache („race riots“). Der Begriff „race“ hat einerseits eher eine kulturelle Bedeutung und ist weniger geschichtlich belastet als in Deutschland. Andererseits wird er auch klar als politischer Agitationsbegriff von diskriminierten Gruppen verwendet. Vgl. dazu: Leiprecht, Rudolf: Alltagsrassismus. Eine Untersuchung bei Jugendlichen in Deutschland und den Niederlanden, Münster 2001, S. 30 und Bielefeld, Ulrich (Hrsg.): Das Eigene und das Fremde. Neuer Rassismus in der Alten Welt? Hamburg 1998, S. 17f.
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Auch im Forschungsfeld der Genetik haben WissenschaftlerInnen in den letzten 50 Jahren mit Hilfe von Untersuchungen menschlicher Gene durch Verfahren der Immunologie und Proteinchemie festgestellt, dass „(...) keines dieser Gene perfekt eine ‚rassische‘ Gruppe von einer anderen trennt.“ 47 Wissenschaftliche Erkenntnisse belegen, dass es im genetischen Bauplan kein Gen gibt, dass in einer bestimmten Form zu 100% bei der einen geographisch eingeteilten Menschengruppe und in anderer Form nur bei einer geographisch anderen Menschengruppe auftritt. Somit steht fest: „Jegliche Verwendung von Rassekate-gorien muss ihre Rechtfertigung aus anderen Quellen als der Biologie beziehen.“ 48
2.1.2 Die historische Entwicklung des Begriffs Rassismus
2.1.2.1 Ursprünge des Begriffs Rassismus
Die Phänomene, die mit dem Begriff Rassismus verbunden sind, existieren seit der Entstehung der Moderne 49 , das Wort Rassismus selbst ist jedoch eine relativ junge Sprachschöpfung. Eine exakte Datierung der Entstehung des Begriffs ist nicht möglich. Sicher ist aber, dass er im englischen Sprachraum als „racism“ in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts zuerst aufgetaucht war. Rassismus war der Name eines Buches, dass der Deutsche Magnus Hirschfeld bereits 1933/34 verfasste, aber erst einige Jahre später in Großbritannien publizierte. 50 Hirschfeld benutzte Rassismus zunächst als politischen Kampfbegriff, mit dem er sich gegen die Propaganda der „Rassenideologie“ und die nationalsozialistische Politik wendete. Darüber hinaus versuchte er aber auch, die Theorien über „Rasse“ des 19. Jahr-hunderts als pseudowissenschaftlich zu widerlegen. Hirschfeld gab jedoch in seinem Werk Rassismus keine explizite Definition dessen, was formal mit diesem Begriff verbunden war. In den späten 30er und frühen 40er Jahren des 20. Jahrhunderts entstand vor allem im englischsprachigen Raum eine intensive Debatte über Rassismus. Einigkeit bestand bei den AutorInnen in der Erkenntnis, dass eine Ausgrenzung von Menschen auf Grundlage
47 Lewontin, Richard C.; Rose, Steven; Kamin, Leon J.: Die Gene sind es nicht...Biologie, Ideologie und menschliche Natur, München und Weinheim 1988, S. 99.
48 Ebenda, S. 102.
49 Über die Entstehung des Rassismus bestehen unterschiedliche Ansichten: Viele Autoren verbinden mit Rassismus das aus dem „Rasse“-Denken der Moderne (auf Grundlage von Industrialisierung und Kolonialisierung) hervorgegangene Gedankengut und Verhalten, so beispielsweise Miles, Robert: Rassismus. Einführung in die Geschichte und Theorie eines Begriffs, Hamburg 1991, S. 63 oder Banton, Michael, a.a.O., S.171. Im Gegensatz dazu bezeichnet Geiss dieses als „modernen Rassismus“, dem er „proto-rassistische“ Dispositionen (Xenophobie, Endogamie, Blutreinheit, etc.) gegenüberstellt (Geiss, Imanuel, a.a.O., S.48). Diesen Proto-Rassismus gab es bereits in der weiteren Vorgeschichte des Rassismus, die Geiss in dem Zeitraum von 1500 v. Chr. bis 1492 ansiedelt. Vgl. dazu: Geiss, Imanuel, a.a.O., S. 19f. Diese Zeiteinteilung in einen weiten und engen Rassismus nach Geiss birgt natürlich die Gefahr, dass das Phänomen des Rassismus verwässert wird und seine Spezifik verloren geht.
50 Vgl. Miles, Robert: Rassismus..., a.a.O., S. 58f.
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„rassischer“ Kriterien keine Legitimation besäße und dies als „racism“, als Rassismus, zu bezeichnen sei. Nur selten wurde aber der „Rasse“-Diskurs gänzlich verworfen, denn viele AutorInnen hielten an der Kategorie zur Systematisierung menschlicher Erscheinung fest. 51
2.1.2.2 Etablierung des Begriffs Rassismus nach 1945
Die Diskussion um den Begriff Rassismus entwickelte in den Jahrzehnten nach 1945 zwei Stränge. Zum einen erfolgte in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen eine Ausei-nandersetzung mit den „Rasse“-Theorien und vor allem mit dem im Nationalsozialismus praktizierten Rassismus. Heute gibt es gerade auch im englisch- und französischsprachigen Raum eine Vielzahl von RassismustheoretikerInnen, die das Phänomen des Rassismus in seinen historischen und sozialwissenschaftlichen Ausprägungen erforschen. Zum anderen wurde der Begriff Rassismus auf Ausgrenzungsmechanismen und -ideologien in verschiedenen Ländern angewandt. So rückte beispielsweise die alltägliche und strukturelle Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung in den USA als Rassismus in das Blickfeld der Öffentlichkeit. In Südafrika wurden die Diskriminierungspraktiken des Apartheidregimes mit dem Begriff Rassismus bezeichnet. 52 Auch viele ehemalige Kolonialstaaten wie Frankreich, Großbritannien oder die Niederlande sahen sich nach 1945 zu Debatten über innergesellschaftlichen Rassismus gezwungen, da im Zusammenhang mit den antikolonialen Befreiungskämpfen gerade Rassismus zum Instrument der Kritik an den Kolonialmächten wurde. Es kamen im Zuge der Dekolonialisation viele BewohnerInnen der ehemaligen Kolonien in die „Mutterländer“, was die Diskussion über Rassismus voran trieb. 53
2.1.2.3 Die Schwierigkeit des Begriffs in Deutschland
Einen anderen Verlauf machte die Verwendung des Begriffs Rassismus in der Bundesrepublik Deutschland. Obwohl er in Nachbarländern wie Frankreich gängig war, spielte Rassismus als Begriff in den wissenschaftlichen und öffentlichen Debatten der Bundesrepublik Deutschland eher eine marginale Rolle. Rassismus war begrifflich tabuisiert. „In Germany the word Rassismus had too many associations with the Nazi era to be acceptable (...)“ 54 . Tatsächlich schien dem Begriff immer die Konnotation der „rassisch“ begründeten Vernichtungspolitik der NationalsozialistInnen und die Gräueltaten des so genannten Dritten Reichs anzuhaften. Da Deutschland aber einen zumindest vordergründig prokla-
51 Ebenda.
52 Geiss, Imanuel, a.a.O., S. 296ff.
53 Ebenda, S. 315ff.
54 Banton, Michael, a.a.O., S. 160.
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mierten radikalen Bruch mit dem Naziregime vollzogen hatte, obwohl die Aufarbeitung der Vergangenheit genauso wie die Thematisierung von personellen oder inhaltlichen Kontinuitäten in Politik, Justiz, Wissenschaft und Gesellschaft kaum verwirklicht war, konnte es in dieser Logik folgerichtig auch keinen Rassismus mehr geben. „Aber auch in der Bundesrepublik lockert sich ein Nachkriegstabu: der Rassismus-Begriff wird vermehrt benutzt.“ 55 Vor allem seit dem deutlichen Anstieg von physischer Gewalt gegen Flüchtlinge und anders aussehende Menschen Anfang der 1990er Jahre findet die Bezeichnung Rassismus sowohl im wissenschaftlichen als auch im öffentlichen Raum eine breitere Verwendung. 56 Dennoch bleibt anzumerken, dass in Diskussionen über Anfeindungen, Diskriminierung und Gewalt gegenüber den genannten Personen vorzugsweise das Wort „Ausländerfeindlichkeit" oder „Fremdenfeindlichkeit“ statt Rassismus verwendet wird. 57 Die negative Konnotation sowie die Scheu vor dem Wort Rassismus scheinen weiterhin Bestand zu haben.
2.2 Zur Begriffsbestimmung von Rassismus
Was verbirgt sich nun hinter dem Phänomen Rassismus? Welches Verhalten kann als rassistisch bezeichnet werden? Rassistische Zuschreibungen scheinen sich je nach historischsozialer und gesellschaftspolitischer Situation zu unterscheiden: Die Diskriminierung der Schwarzen in den USA unterschied sich beispielsweise vom Apartheidregime in Südafrika. Dennoch ist es möglich, Kernelemente und Grundzüge des Rassismus auszumachen und ihn als sozialwissenschaftliche Kategorie zu definieren. Dabei ist darauf zu achten, dass eine sinnvolle Rassismusdefinition weder zu eng noch zu weit gesteckt sein darf, da ein inflationärer Gebrauch die Erklärungskraft verringert. 58 Im folgenden Kapitel sollen zunächst die Grundgedanken einiger ausgewählter Rassismustheoretiker dargestellt werden. Dies ermöglicht anschließend, eine eigene Definition von Rassismus zu skizzieren.
55 Bielefeld, Ulrich (Hrsg.), a.a.O., S. 12.
56 Es ist anzumerken, dass in Wissenschaft, Politik und Medien offener mit dem Begriff umgegangen wird. Gerade im Bereich der Wissenschaft ist seit den späten 80er Jahren ein gesteigertes Interesse an der Thematik in Psychologie, Soziologie, Erziehungswissenschaft und Politikwissenschaft feststellbar.
57 Es soll nicht bestritten werden, dass in bestimmten Situationen der Begriff Fremdenfeindlichkeit durchaus angebracht ist. Dennoch ist er im Zusammenhang mit Phänomenen des Rassismus eher verfälschend. Auch der Begriff „Ausländerfeindlichkeit“ suggeriert, dass AusländerInnen per se Leidtragende von Rassismus werden. Dies ist nicht der Fall, denn es sind bestimmte Menschengruppen mit einem spezifischen phänotypischen Erscheinungsbild oder kulturellen Hintergrund, die von Rassismus betroffen sind.
58 Es macht wenig Sinn, eine Aussage wie die folgende zu treffen: „Die Musterung ist der nächste Fall hier-zulande praktizierten Rassismus.“ (Huisken, Freerk: Ausländerfeinde und Ausländerfreunde. Eine Streitschrift gegen den geächteten wie den geachteten Rassismus, Hamburg 1987, S. 58). Der Autor ist sich zwar dessen bewusst, dass dies für gewöhnlich nicht als Rassismus bezeichnet wird. Er will aber Rassismus derart weit definieren, dass „ (...) auf Naturbesonderheiten als Grund für die Zuweisung von gesellschaftlichen
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2.2.1 Definitionsansätze moderner Rassismustheoretiker
2.2.1.1 Wertung von (biologischen) Unterschieden: Albert Memmi
Ein Definitionsansatz, der sehr oft herangezogen wird, um das Phänomen Rassismus zu bestimmen, ist die Definition des aus Tunesien stammenden Honorarprofessors für Kultursoziologie an der Pariser Universität Sorbonne, Albert Memmi. Er begreift Rassismus als Festlegung und Instrumentalisierung von realen oder imaginären Unterschieden im Dienst der Rechtfertigung von Herrschaft, aggressivem Verhalten und der Durchsetzung von Interessen. Weit gefasst versteht Memmi Rassismus als die „(...) verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Vorteil des Anklägers und zum Nachteil seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen“ 59 . Dabei ist ihm wichtig zu betonen, dass es „(...) Herrschaft an sich (ist), die den Rassismus benutzt“ 60 . Um diese Begriffsbestimmung noch zu präzisieren, bezieht Memmi Rassismus im strengen Wortsinn ausschließlich auf den biologischen Gehalt: „Der Begriff Rassismus passt genau für die biologische Bedeutung, und ich schlage vor, ihn zukünftig ausschließlich für den Rassismus im biologischen Wortsinne zu gebrauchen“ 61 . Der so verstandene Rassismusbegriff bei Memmi enthält zwar zentrale Elemente, die für eine Definition von Rassismus wichtig sind, so beispielsweise die Verabsolutierung von realen oder imaginären Unterschieden. Dennoch stellt diese Begriffsbestimmung keine überzeugende analytische Definition dar, da sie das Spezifische des Rassismus gegenüber anderen Ausgrenzungsformen nicht exakt erfasst. Denn nach Memmis Definition würde auch sexistisches oder behindertenfeindliches Verhalten unter den so gewählten Begriff fallen, weil auch im Sexismus eine Verabsolutierung und Bewertung von realen und fiktiven (biologischen) Unterschieden zum Nachteil des „Opfers“ statt findet. Weiterhin trifft Memmi keine Aussage darüber, ob die im Rassismus vorgenommenen Wertungen positiv oder negativ sind. Auch hier sollte eine analytische Präzision erfolgen. Darüber hinaus stellt er zwar in einem Interview fest, dass Rassismus sich „(...) in der Gegenwart also nicht mehr auf biologische oder soziobiologische, sondern auf ethnische, kulturelle und religiöse Unterschiede“ 62 bezieht. Dem kann er aber mit seiner Begriffsbestimmung nicht Rechnung tragen.
Zwecken verwiesen (...)“ wird (Ebenda, S. 59). Mit einer solch weiten Definition von Rassismus verschwimmt das Phänomen in beliebiger Ungenauigkeit.
59 Memmi, Albert: Rassismus, Hamburg 1992, S. 103.
60 Vgl. dazu ein Interview mit Albert Memmi in: Burgmer, Christoph (Hrsg.): Rassismus in der Diskussion, Berlin 1997, S. 47.
61 Memmi, Albert, a.a.O., S. 121.
62 Burgmer, Christoph (Hrsg.), a.a.O., S. 50.
Politische Bildung gegen Rassismus und Ausgrenzung 20
Ebenso steht bei ihm der individuelle, vom Einzelnen ausgehende Rassismus stark im Vordergrund, gesellschaftliche Strukturen und Mechanismen finden jedoch keine Beachtung. Es gilt also, nach einer differenzierteren Begriffsbestimmung zu suchen.
2.2.1.2 Rassenkonstruktion als Bedeutungskonstitution: Robert Miles
Robert Miles, ehemaliger Professor für Soziologie an der Universität Glasgow, stellt in seiner Definition von Rassismus weniger den individuellen Aspekt in den Vordergrund, sondern wendet den Begriff nur auf ideologische Phänomene an und versucht „(...) Rassismus durch seinen ideologischen Gehalt, nicht durch seine Funktion zu definieren“ 63 . Mit einer Begriffsbestimmung können seiner Ansicht nach kein historisch konkreter Gehalt, sondern nur allgemeine ideologische Merkmale bestimmt werden. Der ideologische Gehalt des Phänomens Rassismus zeichnet sich nach Miles zunächst durch eine „Bedeutungskonstitution“ aus. Eine Gruppe von Menschen wird anhand eines „oder mehrerer biologischer Merkmale“ als „Kollektivgruppe“ in der Weise definiert, „(...) dass ihr ein naturgegebener, unwandelbarer Ursprung und Status und von daher eine ihr innewohnende Differenz anderen Gruppen gegenüber zugeschrieben werden“ 64 . Das Anderssein der Gruppe erscheint als eine ihr inhärente Tatsache, soziale Verhältnisse werden naturalisiert. Es erfolgt eine „racialisation“, eine „Rassenkonstruktion“ als ein „(...) Prozess der Grenzziehung zwischen verschiedenen Gruppen, wobei bestimmte Personen, primär mit Bezug auf (angenommene) angeborene (gewöhnlich phänotypische) Merkmale innerhalb dieser Grenzen verortet werden“ 65 . Darüber hinaus wird die so gekennzeichnete Gruppe mit zusätzlichen, negativ bewerteten sozialen, kulturellen oder biologischen Merkmalen besetzt. Erst mit dieser zusätzlichen Zuschreibung von negativen Merkmalen und Eigenschaften spricht Miles von Rassismus. Weiterhin können sich die Merkmale, die zu Bedeutungsträgern werden, historisch verändern und sich auch nicht sichtbare, reale oder fiktive Merkmale zu Bedeutungsträgern einer „Rassenkonstruktion“ entwickeln. 66 Nach Miles ist Rassismus eine „Ideologie der Aus- und Eingrenzung“. 67 Obwohl Miles hier von Rassismus als Ideologie der Aus- und Eingrenzung spricht, möchte er sich in seiner Begriffsbestimmung nur auf das ideologische Phänomen beziehen und Rassismus im
63 Leiprecht, Rudolf: „...da baut sich ja in uns ein Hass auf...“. Zur subjektiven Funktionalität von Rassismus und Ethnozentrismus bei abhängig beschäftigten Jugendlichen, Hamburg 1990, S. 111.
64 Miles, Robert: Rassismus...., a.a.O., S. 105.
65 Miles, Robert: Bedeutungskonstitution und der Begriff des Rassismus, in: Räthzel, Nora: Theorien über Rassismus, Hamburg 2000, S.17-33, S. 21.
66 Miles, Robert: Rassismus...., a.a.O., S. 105ff.
67 Ebenda, S. 106.
Politische Bildung gegen Rassismus und Ausgrenzung 21
Interesse theoretischer Genauigkeit konkret von der Ausgrenzungspraxis trennen. 68 Es ist Miles zwar in seiner These zuzustimmen, dass Ausschließungspraxen verschiedene Ursachen haben können und nicht zwangsläufig das Ergebnis von Rassismus sind, dennoch erscheint diese Trennung zwischen Ideologie und Praxis wenig sinnvoll. Ideologien werden durch Menschen umgesetzt, indem ihr Verhalten durch ideologische Theorien bis zu einem gewissen Grad beeinflussbar ist. Ferner scheint mit solch einer Unterscheidung die begriffliche Genauigkeit zu verschwinden, wenn der Begriff Rassismus sich nur auf die Ebene der Ideologie beschränkt, aber seine praktischen Auswirkungen, z. B. als Abwertung oder Ausgrenzung von Menschen, mit einem anderen Begriff bezeichnet werden. Der Begriff sollte den Gesamtprozess der Abwertung von Andersheit und Ausgrenzung von bestimmten Menschengruppen erfassen. Dennoch ist Miles Begriffsbestimmung von Rassismus wesentlich differenzierter als die von Memmi. Miles löst sich von der unbedingten Wertung biologischer Merkmale, bezieht auch soziokulturelle Merkmale mit ein, und gesteht den Merkmalen geschichtliche Variationsmöglichkeiten zu.
2.2.1.3 Rassismus ohne „Rassen“ als differentialistischer Rassismus: Etienne Balibar
Für den französischen Philosoph Etienne Balibar ist Rassismus zunächst ein „gesellschaftliches Verhältnis“ 69 . Rassistische Erscheinung „(...) hat keine festen Grenzen, sie ist ein Moment der Entwicklung, das je nach (...) historischen Umständen und Kräfteverhältnissen in der Gesellschaftsformation einen anderen Platz im Spektrum möglicher Rassismen einnehmen kann.“ 70 Balibar sieht den Rassismus abhängig vom historischen, politischen und soziokulturellen Kontext einer Gesellschaft. 71 Um historische Entwicklungswege des Rassismus nachzuzeichnen, bedient sich Balibar verschiedener Unterscheidungsformen des Rassismus: theoretischer (als Doktrin) und spontaner Rassismus (als Vorurteil), nach außen und nach innen gerichteter Rassismus (zum Beispiel gegen minorisierte Gruppen im nationalen Raum) oder ausschließender (als Ausrottung, Eliminierung) und einschließender Rassismus (verbunden mit Unterdrückung, Ausbeutung). 72 Mit dieser systematischen
68 Miles, Robert: Bedeutungskonstitution...., a.a.O., S. 22f.
69 Balibar, Etienne: Rassismus und Nationalismus, in: Ders.; Wallerstein, Immanuel: Rasse - Klasse - Nation: ambivalente Identitäten; Hamburg/Berlin 1990, S. 49-86, S. 54.
70 Ebenda, S. 52.
71 Damit knüpft Balibar an die Definition von Stuart Hall an, der es für sinnvoll hält, aufgrund der historisch verschiedenen Ausprägungen des Rassismus nicht von Rassismus sondern von „Rassismen“ zu sprechen. Vgl. dazu: Hall, Stuart: Rassismus als ideologischer Diskurs, in: Räthzel, Nora (Hrsg.): Theorien über Rassismus, Hamburg 2000, S. 7-16, S. 11.
72 Vgl. die Unterscheidungsformen von Rassismus in: Balibar, Etienne: Rassismus und Nationalismus..., a.a.O., S. 50f. Neben den oben bereits aufgeführten Kategorien unterscheidet Balibar Rassismus noch als
Politische Bildung gegen Rassismus und Ausgrenzung 22
Unterscheidung verdeutlicht Etienne Balibar, dass es keinen invarianten Typus von Rassismus gibt, der allgemeine, überhistorische Gültigkeit besitzen würde. Balibars Werk ist aber vor allem durch seine Begriffsbestimmung des gegenwärtigen Rassismus bedeutsam. Für ihn stellt der heutige Rassismus einen „Rassismus ohne Rassen“ oder einen „Neorassismus“ dar. Es ist für ihn eine Form von Rassismus, „(...) dessen vorherrschendes Thema nicht mehr die biologische Vererbung, sondern die Unaufhebbarkeit der kulturellen Differenzen ist; eines Rassismus, der - jedenfalls auf den ersten Blicknicht mehr die Überlegenheit bestimmter Gruppen oder Völker postuliert, sondern sich darauf beschränkt, die Schädlichkeit der Grenzverwischung und die Unvereinbarkeit der Lebensweisen und Traditionen zu behaupten“ 73 . Das zentrale Kennzeichen dieses kulturellen Rassismus stellt das Verwerfen des Begriffs „Rasse“ zugunsten der Begriffe Ethnizität oder Kultur dar. 74 Balibar schließt mit einer solchen Definition an den französischen Politologen Pierre-André Taguieff an, der diese Erscheinungsform einen „racisme differentialiste, sur des bases culturalistes“ 75 nannte. Taguieff betonte ebenfalls die Transformation des Begriffs „Rasse“ zu Ethnizität und den Wandel der Zuschreibung eines genetischen Mangels, wie er in den „Rasse“-Theorien vor 1945 postuliert wurde, hin zur Zuschreibung von Kulturdefiziten. Kultur wird im differentialistischen Rassismus nach 1945 zum quasi natürlichen Merkmal, denn „(...) auch die Kultur (kann) durchaus als eine solche Natur fungieren, ganz besonders als eine Art und Weise, Individuen und Gruppen a priori in eine Ursprungsgeschichte, eine Genealogie einzuschließen (...)“ 76 . Somit wird menschliches Verhalten nicht durch die Zugehörigkeit zu einer „Rasse“ determiniert, sondern der Mensch ist unveränderlich durch seinen kulturellen Ursprung bestimmt. Balibar verdeutlicht somit eine zentrale These der aktuellen Forschung, nämlich, dass die Kategorie „(...) ‚Kultur‘ mittlerweile einen ‚Rasseersatz‘ darstellt und dass sich der neue Rassismus durch ‚Kulturalismus‘ - statt wie bisher durch Biologismus - auszeichnet (...).“ 77 Publikationen und Schriften der so genannten Neuen Rechten im gesam-
selbst-und fremdbezogenen Rassismus, im Sinne einer Zuordnung zu überlegenen und „minderwertigen“ Kollektivgruppen und institutionellen Rassismus (durch staatliche Institutionen ausgeübt) versus soziologischem Rassismus, wo Rassismus als gesellschaftliche Bewegung fassbar ist.
73 Balibar, Etienne: Gibt es einen „Neo“-Rassismus? in: Ders.; Wallerstein, Immanuel: Rasse - Klasse -Nation: ambivalente Identitäten; Hamburg/Berlin 1990, S. 23-38, S. 28.
74 Ebenda, S. 28f.
75 Taguieff, Pierre-André zitiert in: Terkessidis, Mark, a.a.O., S. 102.
76 Balibar, Etienne: Gibt es...., a.a.O., S. 30.
77 Cinar, Dilek: Alter Rassismus im neuen Europa? Anmerkungen zur Novität des Neo-Rassismus, in: Kossek, Brigitte (Hrsg.): Gegen-Rassismen. Konstruktionen - Interaktionen - Interventionen, Hamburg 1999, S. 55-72, S. 61.
Politische Bildung gegen Rassismus und Ausgrenzung 23
ten europäischen Raum verdeutlichen, dass diese Entwicklung auch für Deutschland Gültigkeit besitzt. 78
2.2.2 Rassismus als komplexes Phänomen: das Konzept dieser Arbeit
Rassismus stellt für die Autorin ein komplexes Phänomen dar, so dass nicht ein Wesen oder eine Erscheinungsform von Rassismus ausgemacht werden kann. Statt dessen spielen verschiedene ideologische Diskurse 79 eine Rolle, die dem Rassismus unterschiedliche Formen geben. In diesen Diskursen ist zwischen biologistischen und kulturalistischen Argumentationssträngen zu unterscheiden. Die biologistischen Stränge speisen sich aus den historischen „Rasse“-Theorien, die auch heute noch im kollektiven Gedächtnis verwurzelt sind. Die kulturalistischen Argumentationslinien gründen sich demgegenüber auf kulturelle und ethnische Unterschiede, was von der Rassismusforschung als „Neorassismus“ oder „differentialistischer Rassismus“ bezeichnet wird.
Gemeinsam ist beiden Argumentationslinien zunächst die Konstitution einer Gruppe auf-grund von phänotypischen, kulturellen oder sozialen Merkmalen als quasi natürliche Herkunftsgemeinschaft oder Abstammungsgruppe. Zusätzlich werden dieser Gruppe negative, reale und/oder fiktive, biologische, kulturelle und/oder soziale Eigenschaften zugeschrieben, was diese Gruppe wesensmäßig anders macht und der eigenen Gruppe gegenüber als nicht gleichwertig, als „minderwertig“ einstuft. Verbunden damit sind Ausgrenzungsmechanismen gegenüber dieser Gruppe bzw. die Macht, diese Ausgrenzungsmechanismen gegenüber der so definierten Gruppe durchzusetzen.
Angelehnt an die niederländische Rassismusforscherin Philomena Essed wird weiterhin zwischen Rassismus auf der Mikroebene und in Makrostrukturen unterschieden. Rassismus auf der Mikroebene zeigt sich in der Gesamtheit von Haltungen, Überzeugungen, Einstellungen, Stereotypen, Vorurteilen und Abwertungen, die keineswegs nur in offener und extremer Form, sondern auch subtil, unauffällig und verdeckt auftreten, alltäglich oft unbewusst reproduziert werden und häufig unhinterfragt bleiben. Dies wird von AutorInnen
78 Einen Überblick über den Diskurs der „Neuen Rechten“ in den letzten Jahren liefert: Müller Jost: Rassismus und Nationalismus der „Neuen Rechten“ in der Bundesrepublik. Die Aktualisierung der „Konservativen Revolution“ im Kontext des Neo-Rassismus, in: Das Argument 195, Hamburg 1992, S. 723-731. Müller stellt heraus: „Das zentrale Thema der ‚Neuen Rechten‘, die ‚nationale Identität‘, ist hier als ‚Kulturrelativismus‘, als Differenz der ‚kulturellen Identitäten‘ der Völker konzipiert (...).“ (S. 727).
79 Diskurs wird angelehnt an Teun van Dijk verstanden als „ (...) eine Form des Sprachgebrauchs und der Kommunikation (...), als soziale Bedeutung und Aktion und als eine sozio-kulturelle, politische und ideologische Praxis, die gesellschaftliche Systeme und Strukturen bestimmt.“ (Vgl. die Bestimmung von „Diskurs“ bei: Dijk, Teun A. van: Rassismus heute. Der Diskurs der Elite und seine Funktion für die Reproduktion des Rassismus, Duisburg 1991, S. 10.)
Politische Bildung gegen Rassismus und Ausgrenzung 24
als „Alltagsrassismus“ 80 (Rudolf Leiprecht), „Alltäglicher Rassismus“ 81 (Philomena Essed), „Informeller Rassismus“ 82 (Stephen Castles) oder als „individueller Rassismus“ 83 (Anja Meulenbelt) bezeichnet. Dennoch darf der Blick auf die Makroebene nicht versperrt bleiben: „Es stellt sich in zunehmendem Maße heraus, dass der gegenwärtige Rassismus ein strukturelles Phänomen ist, d. h. in den Strukturen unserer Gesellschaft verankert ist.“ 84 In diesem Sinn wird nach Robert Miles Rassismus auf der Makroebene in dieser Arbeit als „institutioneller Rassismus“ definiert. Darunter sind alle institutionalisierten Formen von Ausgrenzung, alle Strukturen wie Gesetze, politische Bestimmungen oder administrative Praktiken gefasst, die Formen der systematischen Ausschließung von ethnisch oder phänotypisch definierten Gruppen beinhalten. Diese Formen basieren jedoch zusätzlich, wie Miles dies definierte, historisch oder aktuell auf einem rassistischen Diskurs. 85 Rassismus tritt nicht als einheitliches Phänomen auf, sondern stellt sich sowohl als Ideologie, Struktur sowie Denk- und Handlungsweise - beeinflusst durch die jeweilige historische und gesellschaftspolitische Situation - dar. Doch wie entsteht Rassismus - welche Erklärungen gibt es dafür?
2.3 Theorien über die Entstehung von Rassismus
Wie entsteht Rassismus, welche Faktoren sind dabei relevant? Die Antworten darauf sind vielfältig und je nach wissenschaftlicher Fachrichtung und je nach Standpunkt gänzlich verschieden. Da von den Erklärungsmodellen Ziele und Methoden der Strategien gegen Rassismus und ihre politische und pädagogische Umsetzung abhängen, werden nun im nächsten Kapitel ausgewählte Theorien für das Entstehen von Rassismus dargestellt und in ihren zentralen Aussagen kritisch hinterfragt. Im Anschluss daran wird der in dieser Arbeit favorisierte Erklärungsansatz für das Entstehen von Rassismus herausgearbeitet.
80 Leiprecht, Rudolf: Alltagsrassismus..., a.a.O., S. 2.
81 Essed, Philomena: Die Niederländer als Alltagsproblem - Einige Anmerkungen zum Charakter des Weißen Rassismus, in: Essed, Philomena; Mullard, Chris: Antirassistische Erziehung. Grundlagen und Überlegungen für eine antirassistische Erziehungstheorie, Felsberg 1991, S. 11-44, S. 33.
82 Bielefeld, Ulrich (Hrsg.), a.a.O., S. 140.
83 Meulenbelt, Anja: Scheidelinien. Über Sexismus, Rassismus und Klassismus, Reinbek 1988, S. 156.
84 Essinger, Helmut; Pommerin, Gabriele: Interkulturelles Lernen - Auf dem Weg zu einer antirassistischen Erziehung, in: Essinger, Helmut; Ucar Ali: Erziehung: Interkulturell - Politisch - Antirassistisch. Von der interkulturellen zur antirassistischen Erziehung, Felsberg 1993, S. 78-83, S. 241.
85 Vgl. dazu: Miles, Robert: Rassismus..., a.a.O., S. 113ff. Ein deutsches Beispiel für einen derart gefassten institutionellen Rassismus stellt beispielsweise die Asyl- und Ausländergesetzgebung dar. Debatten um diese Gesetze sind oft begleitet von rassistischen Diskursen auf politischer Ebene und beinhalten in der Praxis Ausschlussmechanismen. Dies sind die beiden zentralen Kriterien für institutionellen Rassismus.
Politische Bildung gegen Rassismus und Ausgrenzung 25
2.3.1 Psychologische und psychoanalytische Erklärungsansätze
2.3.1.1 Rassismus als Abspaltung innerer Persönlichkeitsanteile: Erklärungsansätze der Psychoanalyse
Psychoanalytische Erklärungsmuster basieren alle mehr oder weniger auf dem Freudschen Modell, „(...) nach welchem das Ich eine Art Dreifrontenkrieg gegen das Über-Ich, das Es und die Realität zu führen hat (...)“ 86 . Sie gehen auf die zentralen Thesen Sigmund Freuds (1856-1939) zurück, nach denen die Welt für die Individuen in ein „Innen“ und ein „Außen“ getrennt ist, die kindliche Entwicklung sich in psychosexuellen Phasen vollzieht und unbewusste Vorgänge des Ichs sich in Projektion, Abwehr und Abspaltungstendenzen verwirklichen. Rassistische Erscheinungsformen werden nun mit unterschiedlichen Argumentationslinien erklärt. Zunächst gibt es Erklärungsmodelle, die der Beziehung des Ichs zu seiner äußeren Realität eine zentrale Rolle zuweisen. Rassismus wird in den Modellen verstanden als „(...) Antwort auf bedrohliche Verschiebungen in der äußeren Realität“ 87 . Unter bedrohlichen Verschiebungen werden dabei anomische und labilisierende Phänomene in der gesellschaftlichen Entwicklung gefasst, die sich in realen Konkurrenzverhältnissen auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt oder gesellschaftlichen Absturzgefahren manifestieren können. Rassismus entsteht, weil das Individuum dazu tendiert, die Bedingtheit der „Realangst in den Konkurrenzverhältnissen“ nicht auf abstrakte, ökonomische oder gesellschaftliche Strukturen zurück zu führen, sondern „die Bedrohung zu personalisieren“ als „Angst vor Fremden“, so dass ein „Potpourri von Realangst und neurotischer Angst“ entsteht. 88
Eine weitere Richtung rückt das Verhältnis von Ich und Es in das Zentrum der Betrachtung: „Im Konflikt des Ich mit dem Es werden Juden, Ausländer und Fremde auf vielfältige Weise zu Containern für ungeliebte libidinöse, aggressive und narzisstische Regungen.“ 89 Als Beispiele sieht Ottomeyer die „Projektion der oralen Gier“ in dem Bild des Ausländers, der in der „sozialen Hängematte“ liegt und „auf unsere Kosten“ lebt. 90 Auch der Bezug zur analen Thematik, dem Säuberungswahn, wird in dem Bild des „Ausbrennen eines Schädlings und Krankheitserregers“, wie er im Nationalsozialismus geprägt wurde,
86 Ottomeyer, Klaus: Psychoanalytische Erklärungsansätze zum Rassismus. Möglichkeiten und Grenzen, in: Mecheril, Paul; Teo, Thomas (Hrsg.): Psychologie und Rassismus, Hamburg 1997, S. 111-131, S. 112. Eine differenzierte Darstellung der Freudschen Psychoanalyse mit ihren zentralen Hypothesen und ihren mannigfachen Widersprüchlichkeiten ist im Rahmen der Arbeit nicht möglich.
87 Ebenda, S. 113f.
88 Ebenda.
89 Ebenda, S. 120.
90 Ebenda, S. 121.
Politische Bildung gegen Rassismus und Ausgrenzung 26
hergestellt. 91 In dieser psychoanalytischen Betrachtungsweise kommt Rassismus quasi die Funktion eines Ventils für verdrängte und unterbewusste libidinöse oder narzisstische Empfindungen zu, die in den Stadien der psycho-sexuellen Entwicklung des Kindes als orale, anale und ödipale Thematik geprägt wurden.
In psychoanalytischen Erklärungsmustern wird das Entstehen von Rassismus als bewusste oder unbewusste Projektion von irgendwie gearteten Ängsten, abgespalteten Persönlichkeitsanteilen oder verdrängten Bedürfnissen begründet. Rassismus wird somit zu einem höchst irrationalen Phänomen, für das der Mensch selbst keine Verantwortung mehr trägt. Rassismus entsteht mit quasi unvermeidbarer Konsequenz. Man kann ihm weder politisch noch pädagogisch begegnen, da sein Ursprung in das Unbewusste des Individuums verlagert wird. Die gesellschaftliche Bedingtheit menschlichen Lebens und die Interaktion mit anderen Menschen werden in der Psychoanalyse ausgeblendet.
Obwohl es sinnvoll ist, die subjektive Konstruktion von Fremdheit zu betonen, erfährt dieser Aspekt dort seine Grenze, wo die Konstruktion verabsolutiert wird. Damit wird es relativ, wer zum Opfer der Projektion gemacht wird. Es könnte alle Menschen gleichermaßen treffen. Dies widerspricht jedoch der Realität, denn die Projektionen treffen bestimmte Gruppen und haben je nach Gruppe durchaus unterschiedliche Inhalte. Die psychoanalytischen Erklärungsmuster sind deshalb zur Erklärung für das Entstehen von Rassismus nicht hinreichend tragfähig.
2.3.1.2 Rassismus als Problem von Vorurteilen: Erklärungsansätze der Sozialpsychologie
Die Vorurteilsforschung ist ein in der Psychologie weit ausdifferenziertes und gut analysiertes Forschungsfeld zur Erklärung von abwertenden und rassistischen Denk- und Handlungsmustern. Sie entstand vor allem im angelsächsischen Raum nach 1945 im wissenschaftlichen Konsens des Zweifels an der natürlichen Hierarchie der „Rassen“. Die Vorur-teilsforschung brach mit dem (wissenschaftlichen) Paradigma der selbstverständlichen Überlegenheit bestimmter Menschengruppen und deutete Rassismus statt dessen als Phänomen individueller Einstellungen und Wahrnehmungen der Menschen. 92 In den letzten Jahrzehnten hat sich die Vorurteilsforschung so stark ausdifferenziert, dass es schwierig ist, sie in all ihren Facetten und Komponenten darzustellen. Dennoch lassen sich einige
91 Ebenda, S. 123.
92 Vgl. zur Entstehung der Vorurteilsforschung: Terkessidis, Mark, a.a.O., S. 18. Im Gegensatz zu Terkessidis datiert Rommelspacher das Entstehen auf die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts. Vgl. dazu: Rommelspacher, Birgit, Psychologische Erklärungsmuster zum Rassismus, in: Mecheril, Paul; Teo, Thomas (Hrsg.): Psychologie und Rassismus, Hamburg 1997, S. 153-172, S. 157.
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Bettina Dettendorfer, 2003, Politische Bildung gegen Rassismus und Ausgrenzung. Ein Vergleich ausgewählter antirassistischer Trainingsansätze - Schlussfolgerungen für die politische Bildungsarbeit, München, GRIN Verlag GmbH
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