Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. 1
2 Das Konzept der „Sphären der Gerechtigkeit“ 2
2.1 Die Kunst der Trennung als Ausgangspunkt. 2
2.2 Soziale Güter und geteilte Überzeugungen einer Gemeinschaft. 3
2.3 Komplexe Gleichheit. 4
3 Walzers kommunitaristische Demokratievorstellung. 5
3.1 Die politische Gemeinschaft und die Communities. 5
3.1.1 Die Bedeutung der Communities. 5
3.1.2 Mitgliedschaft in der politischen Gemeinschaft. 6
3.2 Demokratischer Staat und Zivile Gesellschaft. 7
3.2.1 Die Zivile Gesellschaft. 7
3.2.2 Die Aufgaben des demokratischen Staates. 8
3.2.3 Partizipation in der zivilen Gesellschaft. 10
4 Kritische Betrachtung des Walzerschen Demokratieverständnis. 11
4.1 Die Ungerechtigkeit der „Sphären der Gerechtigkeit“ 11
4.2 Ein vormoderner Begriff politischer Gemeinschaft. 12
4.3 Das Risiko in der walzerschen Gemeinschaftsbindung. 13
5 Fazit. 15
6 Literaturverzeichnis S 17
Wie viel Gemeinschaft braucht die Demokratie? 1
1 Einleitung
Spätestens seit Anfang der 90er Jahre erzwingen aktuelle politische und gesellschaftliche Umbrüche in Ost- und Westeuropa immer wieder ein Nachdenken über die Bedeutung von Gemeinschaften für stabile Demokratien. Wieviel Gemeinschaft brauchen Gesellschaften, wie viel Konsens benötigt eine Demokratie? Kann in heutigen pluralen Gesellschaften überhaupt noch von *einer* Gemeinschaft gesprochen werden? Die Beantwortung dieser Fragen fällt schwer, da vor allem mit Blick auf die deutsche Geschichte Gemeinschaftsdenken ideologieverdächtig erscheint.
Aus einem anderen theoriegeschichtlichen Hintergrund 1 heraus beschäftigt sich bereits seit Anfang der 80er Jahre eine theoretische, politikphilosophische Bewegung mit genau diesen Fragen: der aus Nordamerika kommende Kommunitarismus. Die kommunitaristische Strömung umfaßt so unterschiedliche Autoren wie Michael Sandel, Amitai Etzioni, Charles Taylor, Richard Rorty und ist deshalb schwer in das übliche Links-Rechts-Schema einzu-ordnen. Gemeinsam ist den kommunitaristischen Autoren jedoch der „Versuch einer Wiederbelebung von Gemeinschaftsdenken unter den Bedingungen postmoderner Dienstleistungsgesellschaften“ 2 . Der Kommunitarismus prägte nicht nur in den USA die Debatte um die Integrationsfähigkeit moderner Gesellschaften, thematisiert bis heute den Verlust politischer Integration in hochindustrialisierten Gesellschaften und glaubt in der Stärkung der Gemeinschaften und ihrer Werte eine Lösung für die zunehmende Individualisierung und Politikverdrossenheit zu erkennen. 3 Mit diesem Gemeinschaftsdenken bezieht der Kommunitarismus Position gegen den politischen Liberalismus, der zur Lösung gesellschaftlicher Probleme auf eine Stärkung individueller Rechte und Freiheiten setzt und diese über universalistische Norm- und Gerechtigkeitsprinzipien absichert.
Auch Michael Walzer, der kommunitaristisch geprägt das individualistische Menschenbild kritisiert und den Blick auf die sozialen Gemeinschaften richtet, wird zu den zentralen Akteuren der politisch-philosophischen Debatte zwischen Kommunitaristen und Liberalisten 4 gerechnet. Mit seinem Werk „Sphären der Gerechtigkeit“ distanziert er sich zu John Rawls liberaler, universalistischer „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ und wirbt für ein pluralistisches
1 Zur Vorgeschichte und dem theoretischen Hintergrund der Kommunitarismus-Debatte: Joas, Hans:
Gemeinschaft und Demokratie in den USA - die vergessene Vorgeschichte der Kommunitarismus-Diskussion,
in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 1992, S. 859ff.
2 Neumann, Franz (Hrsg.): Handbuch Politische Theorien und Ideologien, Bd. 1, Opladen, 1998, S. 238.
3 Eine ausführliche Darstellung über Grundaussagen, Entstehungskontext und Zielsetzungen des
Kommunitarismus findet sich in: Kersting, Wolfgang: Die Liberalismus-Kommunitarismus-Kontroverse in der
amerikanischen politischen Philosophie, in: Politisches Denken Jahrbuch 1991.
Wie viel Gemeinschaft braucht die Demokratie? 2
Gerechtigkeits- und Gleichheitskonzept: „Unterschiedliche Lebensformen bedingen unterschiedliche Konzeptionen der Gerechtigkeit“ 5 . Diese Gerechtigkeitskonzeption wird für Walzer zum Dreh- und Angelpunkt seiner Demokratievorstellung und seiner Auffassung einer zivilen Gesellschaft.
In nachfolgender Arbeit soll nun zunächst Michael Walzers Konzept der „Sphären der Gerechtigkeit“ dargestellt werden. Dazu wird es notwendig sein, das zentrale Element seines politisch-philosophischen Entwurfs, nämlich die Trennung der Gesellschaft in Sphären und die daraus resultierende komplexe Gleichheit, vorzustellen. Um die politische Implikation seines Werkes zu verstehen ist es in einem zweiten Schritt erforderlich, die Rolle der pluralen Gemeinschaften innerhalb einer Gesellschaft zu beleuchten. Daraufhin gilt es, Walzers Vorstellung eines demokratischen Staates als zivile Gesellschaft aufzuzeigen. In einem zweiten Hauptteil wird nachfolgend dieser kommunitaristische Gerechtigkeits- und Demokratieentwurf kritisch beleuchtet, nicht zuletzt auch unter dem Blickwinkel des politischen Liberalismus. Somit sollte es abschließend möglich werden, die eingangs gestellte Frage nach dem Nutzen eines Mehr an Gemeinschaft für moderne Demokratien zu beantworten.
2 Das Konzept der „Sphären der Gerechtigkeit“
2.1 Die Kunst der Trennung als Ausgangspunkt
Michael Walzer beschäftigt sich in seinem Werk „Sphären der Gerechtigkeit“ mit Fragen der distributiven Gerechtigkeit, also mit einer gerechten Verteilung von gesellschaftlichen Gütern. Er unternimmt den „Versuch, Pluralität und Gleichheit in einer Theorie distributiver Gerechtigkeit zusammen zu denken“ 6 . Walzers Politikverständnis nimmt seinen Ausgang in der Auffassung, daß Gerechtigkeit nicht mittels eines einzigen Prinzips gesichert werden kann. Dies ist deshalb nicht möglich, weil die Verteilung der verschiedenen Güter für jedes Gut gesondert erfolgen muß. Die unterschiedlichen Güter einer Gemeinschaft bilden „Sphären“, innerhalb derer sie verteilt werden und die unabhängig für sich beurteilt werden müssen: „Jedes Gut soll nach den Geltungskriterien seiner eigenen ‘Sphäre’ zugeteilt werden.“ 7
4 Einen guten Überblick zu der Debatte liefert: Wallach, John R.: Liberals, Communitarians and the Task of
Political Theory, in: Political Theory, Volume 15, Number 4, 1987.
5 Rieger, Günter: Wieviel Gemeinsinn braucht die Demokratie? Zur Diskussion um den Kommunitarismus, in:
ZfP, H. 3/1993, S. 319.
6 Ellrich, Lutz: Zulassung und Ausschluß - der Umgang mit Verschiedenheit, in: Deutsche Zeitschrift für
Philosophie, H. 6/1993, S. 1059.
7 Walzer, Michael: Sphären der Gerechtigkeit, Frankfurt a. M. 1992, S. 12.
Wie viel Gemeinschaft braucht die Demokratie? 3
Somit trennt Michael Walzer zwischen verschiedenen Gütern menschlicher Existenz und faßt die Gesellschaft als eine in Sphären getrennte Welt auf. Die Sphären bilden geschützte Handlungsspielräume, indem sie von einander unabhängig sind und somit „eine faire, manipulationsfreie Verteilung der Handlungschancen von Bürgern und Gruppen“ 8 gewährleisten. Seine liberale Grenzziehung, „the art of separation doesn’t make only for liberty but also for equality.“ 9 , weil Wertsphären mit eigenen Verteilungsregeln entstehen, die durch die relative Autonomie der einzelnen Sphären geschützt werden.
2.2 Soziale Güter und geteilte Überzeugungen einer Gemeinschaft
Wenn in Michael Walzers politischer Theorie von sozialen Gütern die Rede ist, so sind diese nicht mit der alltagssprachlichen Bedeutung des Wortes „Gut“ irrtümlich zu vertauschen. Es handelt sich keineswegs um materielle Wert- oder Gebrauchsgegenstände. In seiner distributiven Gerechtigkeitstheorie geht es somit nicht um die Verteilung von Besitz, sondern um ganz andere Güter: Der Zugang zu politischer Macht, Ämtern und Arbeit, die Gewährleistung von Sicherheit und Wohlfahrt, öffentliche und private Anerkennung, die Ermöglichung von Religionsausübung, Erziehung und Bildung, die Annehmlichkeit von Liebe und Freizeit - dies alles sind nach Michael Walzer soziale Güter, welche die Gesellschaft in Sphären aufteilen und nach je eigenen Kriterien distribuiert werden müssen. 10 Es sind „Muster, in denen eine Gemeinschaft ihre eigene Identität und die ihrer Mitglieder herausbildet“ 11 . Somit ist es nach Michael Walzer auch nicht möglich, ein einzigartiges Set von Grundgütern für alle moralischen Welten zu benennen.
Der soziale Charakter der zu verteilenden Güter ergibt sich zum einen daraus, daß die Bedeutung von Gütern historisch gewachsen ist, zum anderen dadurch, daß jede Gesellschaft für sich aushandelt, was als distributives Gut gilt. Dies beinhaltet, daß die Bedeutung der Güter nicht im voraus endgültig festgelegt werden kann, sondern sie ist sozialen Prozessen, einer sozialen Dynamik unterworfen 12 . Sie wird bestimmt von den Mitgliedern der politischen Gemeinschaft, welche die Güter jeweils nach ihrer Beschaffenheit analysieren und bewerten. Walzer geht sogar soweit zu behaupten, „daß wir die Verteilung sozialer Güter weder verstehen noch beurteilen und kritisieren können, bevor wir deren Bedeutung für (...) Männer und
8 Krause, Skadi / Malowitz, Karsten: Michael Walzer zur Einführung, Hamburg 1998, S. 65.
9 Walzer, Michael: Liberalism and the Art of Separation, in: Nida-Rümelin, Julian/ Vossenkuhl, Willhelm
(Hrsg.): Ethische und politische Freiheit, Berlin 1998, S. 270.
10 Eine ausführliche Darstellung zur „Theorie der Güter“ liefert Walzer selbst in: Walzer, Michael (2), a.a.O., S.
30ff.
11 Krause, Skadi/ Malowitz, Karsten, a.a.O., S. 67.
12 Michael Walzer liefert in Walzer, Michael (2), a.a.O. sechs theoretisch Sätze zu sozialen Gütern: S. 32ff.
Wie viel Gemeinschaft braucht die Demokratie? 4
Frauen begriffen haben, unter denen diese Güter verteilt werden sollen. Verteilungsgerechtigkeit (...) steht in Relation zu sozialen Sinnbezügen.“ 13 .
2.3 Komplexe Gleichheit 14
Die Trennung der Gesellschaft in verschiedene autonome Sphären, konstituiert durch unterschiedliche Güter mit jeweils anderen Verteilungsmodi, sind die Grundvoraussetzungen für Walzers Gerechtigkeitskonzeption, der komplexen Gleichheit. In seinen Augen ist eine Gesellschaft, in der alle über die selben Rechte und Güter verfügen, eine Illusion, die nicht zu verwirklichen ist. Gleichheit, „die man (...) nicht beim Wort nehmen darf“ 15 kann nicht über ein einziges, allgültiges Prinzip erzielt werden. Deshalb bedient sich Walzer des Begriffs der komplexen Gleichheit: Gerechtigkeit in einer Gemeinschaft herrscht dann vor, wenn zum einen die Verteilung der Güter nach ihren sozialen Bedeutungen in den Sphären gesichert ist. Die Mitglieder der politischen Gemeinschaft legen also nicht nur die Bedeutung der einzelnen sozialen Güter fest, sondern sie bestimmen weiterhin, wie die Trennungslinien der Sphären zu ziehen sind und welche Art der Verteilung in dem jeweiligen Bereich als gerecht empfunden wird. Dies ist abhängig von den geteilten Überzeugungen der politischen Gemeinschaft, weil „die gemeinsamen Sensibilitäten und Intuitionen der Mitglieder einer historischen Gemeinschaft eine Lebenstatsache“ 16 sind. Des weiteren bedingt komplexe Gerechtigkeit aber auch, daß Vorteile in einer Sphäre nicht zu Vorteilen in anderen Sphären führen. Gerechtigkeit erfordert also nicht die Anwendung strikt egalitärer Prinzipien, sondern die Anwendung sphärenspezifischer Verteilungskriterien. Somit geht es Walzer auch nicht darum, zwischen Menschen existierende materielle Unterschiede zu beseitigen: Monopole in einzelnen Sphären, die bestimmte Menschen in dieser Sphäre begünstigen, sind solange legitim, wie diese Monopole nicht zu dominanten Gütern werden 17 , also in anderen Sphären zu Privilegien führen. In Michael Walzers Gerechtigkeitskonzeption haben daher nicht alle Menschen gleich viel in allen Bereichen, aber diese Ungleichheiten akzeptieren sie, weil die Autonomie der Sphären gewährleistet, daß z.B. ein Erfolg in der Sphäre Wirtschaft, der Reichtum verursacht, nicht zu beispielsweise politischer Macht führen kann.
Gerechtigkeit im Sinne komplexer Gleichheit, wie Michael Walzer sie favorisiert, kann aber niemals nur allein institutionell produziert werden. „Vielmehr bedarf sie der Stabilisierung in
13 Ebenda, S. 11.
14 Ausführlich in: Krause, Skadi/ Malowitz, Karsten, a.a.O., S. 62ff. und Walzer, Michael (2), a.a.O., S. 26ff.
15 Walzer, Michael (2), a.a.O., S. 17.
16 Ebenda, S. 61.
17 Zur Unterscheidung von Monopolen und dominanten Gütern siehe: Ebenda, S. 36ff.
Arbeit zitieren:
Bettina Dettendorfer, 2000, Wie viel Gemeinschaft braucht die Demokratie? Michael Walzers kommunitaristischer Ansatz , München, GRIN Verlag GmbH
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