Inhaltsverzeichnis
Seite
1. Zur Erzählsituation 3
2. Zur Perspektive 3
3. Zur Kapitelsegmentation 4
4. Zu den Figuren 5
5. Zur Raumstruktur 5
6. Zur Ereignisstruktur 7
7. Zu den expliziten bzw impliziten Wert und
Normensystemen 7
Literaturverzeichnis 8
Anhang 9
Anhang A 9
Anhang B 10
Anhang C 11
Zur Erzählsituation / Zur Perspektive 3
Die vorherrschende Erzählsituation in der Kurzgeschichte "Frau Beate und ihr Sohn" von Arthur Schnitzler aus dem Jahre 1913 – im Sinne Stanzels – ist die personale Er- zählsituation. In dem Text ist kein grammatikalisch expliziter Sprecher vorhanden, er enthält aber Wertungen und Kommentare, die aus der Sichtweise der Figur Beate stam- men (meist in Form von Monologen). Durch diese Merkmale ist der Text der persona- len Erzählsituation zuzuordnen: „Was gab ihm das Recht, was den Anlass, sich in sol- cher Weise zum Anwalt und Schützer von Ferdinands Andenken aufzuwerfen?“(S.169) Die Empfindungen, wie die Entrüstung, entstehen direkt in der Figur Beate. Ein anderes Beispiel ist auf S.164ff zu finden: Man erfährt das Gespräch zwischen dem Baumeister und den „Buben“ nur durch Beate und ihre Wahrnehmung.
Eine Klassifikation des gesamten Textes ist jedoch sehr schwierig, da einzelne Passagen vorhanden sind, in denen eine übergeordnete Distanz erscheint, die Kommentare und Wertungen einbringt, die nicht von den Figuren stammen. An diesen Abschnitten tritt eine auktoriale Erzählsituation in Kraft, wie z.B.: „(...)und sie rettete ihre geblendeten Augen mit einem fliehenden Blick über das schmale Wiesenufer, (...)“(S.138) Durch den Ausdruck „fliehenden Blick“ muss eine höhere Instanz vorhanden sein, die über den Figuren steht und die Erlebnisse in berichtendem Stil beschreibt. Von den direkten Reden wird ebenfalls durch eine auktoriale Erzählsituation berichtet, wie z.B. das Ge- spräch zwischen Beate, dem Baumeister und der Baumeisterin (S.143).
Der Leser nimmt über Beate das Erzählte auf, d.h. sie tritt als Perspektivträger auf: „[...] aber erschreckt beinah spürte sie um ihre Lippen ein Lächeln, das aus dem Grunde ihrer Seele gekommen war, ohne dass sie es gerufen, und das untrüglich, beinahe schamlos, deutlicher als alle Worte sprach: […]“ (S.169). Die Eindrücke Beates werden von der Erzählinstanz wiedergegeben. Die Erzählinstanz teilt Beates Wissen und durch ihre Wahrnehmung und ihre Gefühle wird die Geschichte dem Leser vermittelt.
Der Text verwendet verschiedene Perspektiven für die Hauptfiguren Hugo und Beate: Beate wird aus der Innenperspektive dargestellt, Hugo hingegen (wie die anderen Per- sonen auch) aus der Außenperspektive. Dadurch, dass Beate Perspektivträger der Erzäh- lung ist, bietet sich nur diese Perspektive an, da dem Leser so ihre Empfindungen zum
Zur Perspektive / Zur Kapitelsegmentation 4
Geschehen zu teil werden. Weiterhin bekommt man durch ihre Gedanken viele Mono- loge mit, die teilweise mit der Vergangenheit zu tun haben (Rückblicke).
Hugo hingegen wird von der Außenperspektive aus der Sichtweise Beates betrachtet: "Aber die Augen der Mutter, die sich indes an den Dämmerton des Zimmers gewöhnt hatten, konnten nicht länger übersehen, daß der seltsam wie schmerzhaft gespannte Zug um die Lippen des Siebzehnjährigen, der ihr im Lauf der letzten Tage immer wieder aufgefallen war, auch im Antlitz des Schlafenden sich nicht lösen wollte.“(S.137) Durch diese Beschreibung Beates kann man auf die inneren Regungen Hugos schließen.
An einer Textstelle ändert sich die vorherrschende Perspektive jedoch signifikant: Zum Ende der Erzählung (S.208) tritt Hugo gemeinsam mit seiner Mutter als Perspektivträ- ger auf. Hier wird nicht nur von Beates Empfindungen berichtet, sondern über das ge- meinsame Erleben von Hugo und Beate: "[...] eine schmerzliche Sehnsucht stieg aus der Tiefe ihrer Seele auf und flutete dunkel in die seine über. Und beiden war es, als triebe der Kahn, der doch fast stille stand, weiter und weiter [...]. Zu gleicher Fahrt waren sie verbunden, der Himmel barg für sie in seinen Wolken keinen Morgen mehr [...]". Nach langer Zeit verbinden sich an dieser Stelle Mutter und Sohn wieder, es kommt zur Wie- dervereinigung der beiden, die sich hier aus der Perspektive beider darstellt, da die "schmerzliche Sehnsucht" Beates nun auch den Burschen ergreift. Jedoch sehen sie kei- nen anderen Ausweg mehr, als Selbstmord zu begehen, da die Öffentlichkeit über alles Bescheid weiß.
Am Anfang des Kapitel 1 (bis nach dem Gespräch Beates mit Fortunata) wird die Aus- gangssituation der Erzählung beschrieben. Darin werden die Hauptfiguren präsentiert und es erfolgt eine Einführung in das Thema. Es wird vor allem auf die Unterschiede vom frommen Mutterleben (Beate) und dem "verruchten Leben" (Fortunata) hingewie- sen. Weiterhin thematisiert Schnitzler die Entfremdung von Mutter und Sohn.
Nach dem Gespräch mit Fortunata findet die Transformation (Ende des 1. Kapitels und
2. Kapitel) statt: Beate nimmt die Annäherungsversuche von Bertram, dem Direktor und
Fritz erstmals wahr und gesteht sich nun auch ihre eigene Begierde ein. Die Transfor- mation gipfelt im Geschlechtsverkehr zwischen Beate und Fritz (S.177/178). Hugo ent- fremdet sich währenddessen immer weiter von seiner Mutter und verlässt vorzeitig das Abendessen, um, ohne seine Mutter davon in Kenntnis zu setzen, alleine loszuziehen.
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Simone Hedtke, 2006, Frau Beate und ihr Sohn, Munich, GRIN Publishing GmbH
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