Inhalt
Seite
Einleitung 1
1. Person und Werk Brigitte Reimanns 3
1.1 Leben als Materialquelle zum Schreiben 3
1.2 Christa Wolfs Konzept der Subjektiven Authentizität 4
bei Brigitte Reimann
2. Die Künstlerin Elisabeth 5
2.1 Die Figur Elisabeth und ihre Parallelen zu Brigitte Reimann 5
2.2 Elisabeth auf dem Bitterfelder Weg 7
2.2.1 Das kulturpolitische Programm Bitterfelder Weg 7
2.2.2 Elisabeths Leben als Künstlerin unter Werktätigen 8
2.2.3 Brigitte Reimann auf dem Bitterfelder Weg 9
2.3 Elisabeths Kunstverständnis im Zusammenhang mit
Subjektiver Authentizität 10
2.4 Begegnungen mit dem Ministerium für Staatssicherheit 11
3. Bruder und Schwester 14
3.1 Die Geschwister in der Erzählung 14
3.2 Die Geschwister von Brigitte Reimann und ihr Einfluss
auf die Erzählung 16
3.3 Kritik am System der DDR: Gründe für Ulis Fluchtwunsch 18
3.3.1 Bürokratie und Planwirtschaft 18
3.3.2. Ulis Verhältnis zur Partei 20
3.3.3 Politische Müdigkeit und mangelnder Idealismus 21
4. Schlussfolgerungen 23
5. Literaturverzeichnis 25
II
Einleitung
„[...] wenn die Stasi es darauf anlegt, kann die mir Staatsverleumdung
Brigitte Reimanns Erzählung Die Geschwister erschien 1964, drei Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer, zu einer Zeit, als „der ständige, die wirtschaftliche Entwicklung in der DDR lähmende und sich allmählich zur Katastrophe ausweitende Aderlass durch die Massenflucht der Bevölkerung gestoppt worden [war]“ 2 und sich im ganzen Land tausendfach die Tragödie von schmerzhaften Familienteilungen abgespielt hatte und noch abspielen sollte. 3 Neben Christa Wolfs Roman Der geteilte Himmel stellte Die Geschwister damals eine der bedeutendsten literarischen Umsetzungen dieses Problems dar und traf damit den Nerv der Zeit. 4 Brigitte Reimann schöpfte den Stoff für ihre literarische Arbeit überwiegend aus ihrem eigenen Leben und ihren Erfahrungen. So setzen sich auch die beiden in Die Geschwister miteinander verwobenen Geschichten – die der Schwester Elisabeth und die der Künstlerin Elisabeth 5 – mit Problemen auseinander, die unmittelbar den Lebenserfahrungen der Autorin entstammen. Es soll der Versuch unternommen werden, den verschiedenen Motiven und Figuren der Erzählung reale Ereignisse und Personen aus Brigitte Reimanns Leben zuzuordnen. Als Quellen hierfür werden hauptsächlich Tagebuchaufzeichungen der Autorin sowie eine Biographie von Dorothea von Törne herangezogen. 6
2
Helmut M. Müller (Hg.):
Schlaglichter der deutschen Geschichte.
Leipzig/Mannheim: Brockhaus-Verlag (2002), S.369
3
Im Jahre 1961 erreichte die Zahl der Flüchtlinge mit 207.026 ihren Höhepunkt, doch auch in den Jahren nach dem Mauerbau blieb sie jährlich im fünfstelligen Bereich. Vgl. Matthias Judt (Hg.):
DDR-Geschichte in Dokumenten.
Bonn: Christoph Links Verlag (1998), S. 545
4
vgl. Dorothea von Törne:
Brigitte Reimann: Einfach wirklich leben.
Berlin: Aufbau-Verlag (2001), S.145
5
vgl. Margrid Bircken, Heide Hampel (Hg.):
Brigitte Reimann. Eine Biografie in Bildern.
Berlin: Aufbau- Verlag (2004), S. 128
6
Brigitte Reimann:
Ich bedaure nichts. Tagebücher 1955-1963.
Berlin: Aufbau-Verlag (1997), Brigitte Reimann:
Alles schmeckt nach Abschied. Tagebücher 1964-1970.
Berlin. Aufbau-Verlag (1998), Dorothea von Törne:
Brigitte Reimann: Einfach wirklich leben.
Berlin: Aufbau-Verlag (2001)
1
Um diesen biographischen Ansatz zu begründen, werde ich in Kapitel 1 kurz auf das Leben der Autorin und den Charakter ihres literarischen Schaffens eingehen. Den theoretischen Hintergrund hierzu werden Werke von Christa Wolf und Anna Maria Weise bilden. In den beiden folgenden großen Kapiteln – Die Hauptfigur Elisabeth und Bruder und Schwester – wird versucht, Übereinstimmungen und Abweichungen zwischen der Erzählung und den Erfahrungen der Autorin herauszuarbeiten. Im Wesentlichen soll das in getrennten Abschnitten (Erzählung/ Leben der Autorin) geschehen, aufgrund der komplexen Verflechtungen der beiden Bereiche wird es jedoch zwangsläufig zu Überschneidungen und Vermischungen kommen.
Im zweiten Kapitel soll auf die Figur Elisabeth eingegangen werden. Zunächst wird das Augenmerk auf ihre Persönlichkeit und auf evtl. Ähnlichkeiten mit Brigitte Reimann gerichtet. Im Hinblick auf die Tatsache, dass Elisabeth als Malerin in einem Kombinat lebt und arbeitet, werde ich dann auf die wichtigsten Punkte des kulturpolitischen Programms Bitterfelder Weg eingehen. Von besonderem Interesse wird dabei sein, wie Brigitte Reimann sich am Beispiel von Elisabeth mit der Kulturpolitik der DDR und den daraus resultierenden Problemen der Künstler auseinandersetzt. Weiterhin soll die literarische Verarbeitung von Brigitte Reimanns Erfahrungen mit dem Ministerium für Staatssicherheit untersucht werden, und wie sie in der Erzählung die Funktionsweise dieses Überwachungsapparates erkennbar macht.
Kapitel 3 widmet sich schließlich dem Kern der Erzählung, der Auseinandersetzung zwischen Elisabeth ihrem Bruder Uli. Als er sich entschließt, die DDR zu verlassen, ist Elisabeth traurig und bestürzt, und zwischen den beiden beginnt ein „Ringen um Verständnis und Zuneigung.“ 7 Zunächst wird das Verhältnis der Geschwister in der Erzählung näher beleuchtet. Es folgt ein Vergleich mit dem Verhältnis, das Brigitte Reimann zu ihren Geschwistern hatte. Anschließend soll betrachtet werden, auf welche Art und Weise Brigitte Reimann die Umstände und Ereignisse darstellt, die zu dieser Flucht führen, und welche Argumente sie der Heldin Elisabeth in den Mund legt, um ihren Bruder zum Umdenken zu veranlassen.
7 Von Törne: Brigitte Reimann. S.146
2
1. Person und Werk Brigitte Reimanns
1.1 Leben als Materialquelle zum Schreiben
Brigitte Reimann wurde 1933 als Tochter eines Bankkaufmanns in Burg bei Magdeburg als ältestes von vier Geschwistern geboren. Schon in ihrer Schulzeit unternahm sie erste Schreibversuche, sie versuchte sich u.a. an Stücken für das Laientheater ihrer Schule, von denen einige sogar zur Aufführung kamen. Nach dem Abitur arbeitete sie zunächst als Lehrerin, seit ihrer ersten Buchveröffentlichung 1955, Der Tod der schönen Helena, dann als freie Autorin. Nach einigen weiteren Erzählungen und Hörspielen hatte Brigitte Reimann 1961 ihren ersten großen Erfolg mit der Erzählung Ankunft im Alltag, für die sie 1962 den Literaturpreis der FDGB bekam. Im selben Jahr erschien Die Geschwister, für die man ihr 1965 den Heinrich-Mann-Preis der Deutschen Akademie der Künste verlieh. Schon 1963 begann sie die Arbeit an ihrem Hauptwerk, dem Roman Franziska Linkerhand, der aufgrund ihrer Krebserkrankung und schließlich ihres Todes im Jahre 1974 unvollendet blieb. 8 Das Leben der Schriftstellerin war trotz ihres frühen Todes von bemerkenswerter Intensität, sowohl im beruflichen als auch im privaten Bereich. Knapp zwei Jahre vor ihrem Tod schreibt sie über sich selbst an eine Freundin:
Es war einmal eine höchst lebendige Frau, die zweimal ein Studium begann, zweimal den Hochschulen entlief, aus Rebellion gegen die Herren Lehrer, provisorisch Lehrerin wurde, während sie ihr erstes Buch schrieb [...], eine Menge Männergeschichten hatte, eine Menge Dummheiten beging [...], viermal heiratete, kein Kind wollte [...]; es war einmal eine Schriftstellerin, die zu früh und zu viel Erfolg hatte, [...] die mal ganz oben und ganz unten war, mit berühmten Malern und Literaten verkehrte und als Hilfsschlosser in der Brigade im Braunkohlekombinat arbeitete [...]. 9
8 vgl. von Törne: Brigitte Reimann. S. 298f
9 Brigitte Reimann: Aber wir schaffen es, verlass dich drauf! Briefe an eine Freundin im Westen. Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag (1999), S. 172f
3
Ihre reichhaltigen und vielfältigen Erfahrungen und Erlebnisse boten Brigitte Reimann immer wieder Stoff für ihre literarische Arbeit. So dienen beispielsweise Erfahrungen, die sie im Braunkohlekombinat gemacht hat, als Vorlage für die Erzählung Ankunft im Alltag, in der z.B. die Figur des Meister Hamann so unmittelbar das Abbild des Brigademeisters Erwin Hanke ist, dass Brigitte Reimann nach dessen Tod in ihr Tagebuch schreibt: „Ich war den ganzen Abend niedergeschlagen, weil es meinen Hamann nicht mehr gibt.“ 10 Auch im Roman Franziska Linkerhand gibt es einige Figuren, die Personen aus dem Umfeld der Autorin zum Verwechseln ähnlich sind.
1.2 Christa Wolfs Konzept der Subjektive Authentizität bei Brigitte Reimann
Brigitte Reimanns Schreiben unterlag also häufig Einflüssen aus ihrem Leben, es entstand „ganz spontan aus dem Subjektiven, aus der Selbstbeobachtung heraus.“ 11 Ihre Texte stehen damit schon im Zusammenhang mit der von Christa Wolf im Jahre 1983 – zehn Jahre nach Brigitte Reimanns Tod - formulierten Konzeption von weiblichem Schreiben. Beeinflusst von den heftigen und oft kontrovers geführten Diskussionen über Frauenliteratur, die seit Mitte der 70er Jahre in der BRD und in anderen westlichen Ländern stattgefunden haben, setzte Wolf sich praktisch und theoretisch mit dem Thema auseinander und arbeitete einige wichtige Aspekte heraus, die sie 1983 im Rahmen ihres Kassandra-Projektes in den Frankfurter Poetik-Vorlesungen 12 veröffentlichte. Darin betont sie u.a., dass weibliche Autoren sich oft durch ihre subjektive Weltdarstellung und ihre erfahrungsbedingte, authentische Erzählweise auszeichnen und formuliert daraufhin ihre Konzeption der subjektiven Authentizität: Durch ihre Gefühle und ihre ganz eigene Sichtweise auf das Geschehen ist die Autorin im Text anwesend. Damit schließt sie die kulturpolitische Forderung der DDR nach Widerspiegelung objektiver Realität im
10
Brigitte Reimann:
Alles schmeckt nach Abschied. Tagebücher1964-1970.
Berlin: Aufbau-Verlag (1998), S. 161
11
Interview mit Christa Wolf in: Heide Hampel (Hg.):
Wer schrieb Franziska Linkerhand?
Neubrandenburg: federchen Verlag (1998), S. 19
12
Christa Wolf: Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra,
Frankfurter Poetik-Vorlesungen.
Darmstadt/ Neuwied (1983). Zitiert nach: Anna Maria Weise:
Feminismus im Sozialismus.
Weibliche Lebenskonzepte in der Frauenliteratur der DDR, untersucht an ausgewählten Prosawerken. Frankfurt am Main: Peter Lang Verlag (2003)
4
Kunstwerk von vornherein aus. Dass dies zu Problemen mit den Machthabern führte, liegt auf der Hand und fließt – übertragen auf die Künstlerin Elisabeth und die Malerei – in die Erzählung ein.
„Die DDR-Autorinnen schreiben sehr authentisch, sie verarbeiten eigene Lebenserfahrungen, projizieren eigene Wünsche und Weltansichten in ihre Texte, enthalten sich dabei keineswegs realistischer Kritik“ 13 , fasst Weise zusammen, und damit ist in Bezug auf die Schreibweise von Brigitte Reimann nicht mehr viel hinzuzufügen. Auch Hilzinger betont, dass „herausragende Autoren […] wie Maxie Wander, Brigitte Reimann, Irmtraud Morgner und Christa Wolf […] in ihrer Prosa auf der Authentizität ihrer als weiblich ausgewiesenen gesellschaftlichen Erfahrungen und Entwürfe bestehen.“ 14
2. Die Künstlerin Elisabeth
2.1 Die Figur Elisabeth und ihre Parallelen zu Brigitte Reimann
Mit Elisabeth zeichnet Brigitte Reimann eine Figur, die sich durch einen schier unerschütterlichen Glauben an den Sozialismus als einzig richtige und rechtmäßige Staatsform auszeichnet. Sie geht davon aus, dass die Entscheidungsträger der Republik den Sozialismus genauso beim Wort nehmen wie sie selbst, und daher versteht es sich für sie von selbst, dass jeder einzelne mitdenken und mitreden muss, und ggf. natürlich auch kritisieren. Elisabeth erinnert stellenweise an die junge Brigitte Reimann, die in feurigen Briefen ihre Freundin im Westen von der Richtigkeit des DDR-Systems überzeugen will: „Wir haben hier genauso geistreiche, hochbegabte, ja geniale Menschen wie ihr – nur verlangen wir von jedem, dass er seinen Geist auch in den Dienst der Gemeinschaft stellt“ 15 – ein Gedanke, der auch in der Erzählung Aufnahme fand. 16
13 Anna Maria Weise: Feminismus im Sozialismus. S. 242
14 Sonja Hilzinger: Als ganzer Mensch zu leben…,emanzipatorische Tendenzen in der neueren Frauen- Literatur der DDR. Frankfurt am Main, Bern, New York: Peter Lang Verlag (1985), S.5 15 Reimann: Aber wir schaffen es, verlass Dich drauf. S. 52 16 Vgl. Reimann: Die Geschwister. S. 166
5
Quote paper:
Stefanie Röder, 2005, Kritik und Fürsprache: Die DDR im Spiegel der Erzählung "Die Geschwister" von Brigitte Reimann , Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Schreiben als Befreiungspraxis in der Frauenliteratur der DDR am Beisp...
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 28 Pages
Fehler und Fehlerkorrektur im Fach Deutsch als Fremdsprache
German - German as a Foreign Language / Second Language
Scholary Paper (Seminar), 16 Pages
German Studies - Semiotics, Pragmatics, Semantics
Scholary Paper (Seminar), 22 Pages
Die Freudsche Interpretation des "König Ödipus" als ein Beis...
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 36 Pages
„Der geteilte Himmel“ von Christa Wolf in Bezug zum sozialistischen Re...
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 21 Pages
'Spiegelgeschichte' von Ilse Aichinger - eine Analyse
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 32 Pages
Unterrichtsfeinplanung zum Thema „Uhrzeit/ Tageszeit/ Freizeitaktivitä...
Portfolio im Rahmen der Zusatz...
German - German as a Foreign Language / Second Language
Project Report, 18 Pages
German - Pedagogy, Didactics, Literature Studies
Scholary Paper (Seminar), 16 Pages
Die dramatische Struktur von Arthur Schnitzlers "Anatol"
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 16 Pages
Stefanie Röder has published the text Kritik und Fürsprache: Die DDR im Spiegel der Erzählung "Die Geschwister" von Brigitte Reimann
Stefanie Röder has uploaded a new text
Fingerübungen - die Schriftstellerinnen Brigitte Reimann und Christine...
Dietlinde Schmalfuß-Plicht
Die Kunstreflexionen des La Fo...
Dorit Kluge, Ludwig Tavernier
Die Laborschule im Spiegel ihrer PISA-Ergebnisse
Pädagogisch-didaktische Konzep...
Rainer Watermann, Susanne Thurn, Klaus-Jürgen Tillmann, Petra Stanat
0 comments