„Goldenen Horde“ so zwischen den russischen Fürstentümern zu verteilen, dass er sein eigenes mit einer leichteren Steuerlast schonen und noch einen guten Teil der anderwärts eingetriebenen Steuern zurückhalten konnte, ohne die Tataren misstrauisch zu machen. Er wirtschaftet auch als Großgrundbesitzer und Gutsverwalter so geschickt, dass er einen ansehnlichen Schatz ansammeln konnte. Das Geld legte er in neuen Gütern, Fürstentümern, die er ankauft, und in Menschen an, die er aus tatarischer Sklaverei freikaufte und in seinem Fürstentum ansiedelte. Die Bojaren kamen aus anderen Teilen Russlands und auch bald aus dem russisch-litauischen Grenzgebiet nach Moskau, und bei ihm gutbelohnte Dienste zu nehmen. Damit stärkte Iwan Kalita seine Macht und sein Heer. Er vermied den Krieg und zog den Landkauf vor. Auf diese Weise begründete er im Laufe der Geschichte sich deutlich ausprägende Tradition Moskauer Politik: das Vorrücken zum Ziel in kleinen Schritten und mit unauffälligen Mitteln, doch unbeirrbar und ohne Nachlassen.
Moskau wird Sitz des Metropoliten
Um das Ansehen seiner Residenz zu erhöhen, stützte sich Kalita auch auf die Kirche. 1321 ließ er die Kathedrale zu Mariä Himmelfahrt und 1333 die Erzengel-Kathedrale errichten. Die von den Tataren verwüstete Stadt Kiew war nicht mehr imstande, dem obersten Würdenträger der Geistlichkeit einen angemessenen Aufenthaltsort zu bieten. Im Jahre 1299 ist deshalb der Metropolit Maxim, ein Grieche, zunächst nach Wladimir an der Kljasma übergesiedelt. Sein Amtsnachfolger Peter, ein Russe von Geburt, wechselte die Residenz wiederholt, hielt sich aber mit besonderer Vorliebe in Moskau auf, dessen rascher politischer Aufstieg ihn beeindruckte. In der Kathedrale zu Mariä Himmelfahrt ist Peter, seinem Wunsche gemäß, auch beigesetzt worden. Nach seinem Tode behauptete sich Moskau, von anderen Städten beneidet, als endgültiger Sitz des russischen Patriarchen. Iwan Kalita konnte den vom Episkobat gewählten Nachfolger des gerade in Moskau verstorbenen alten Metropoliten davon überzeugen, dass er unter seiner Obhut sicherer sei und von Moskau aus eine größere Ausstrahlung auf Russland haben werde, als wenn er im kleineren Wladimir bliebe. Der Glanz der Metropolitenwürde fiel auch auf den Kreml, in dem nun der einzige Großfürst Nordrusslands regierte. Moskau war zur religiösen Hauptstadt Russlands geworden, in den Augen des Volkes deshalb zur geheiligten Stadt, und damit präsentierte es sich der orthodoxen russischen Nation als „das heilige Moskau“, aus dem nach dem Ende des Byzantinischen Reiches ein Jahrhundert (1453) ein Jahrhundert später das nationale Wunschbild theokratisch-imperialer Eingebung vom „Dritten Rom“ entstehen sollte.
Kalita hatte seine Position somit auf dreifachem Fundament aufgebaut: er stützte sich auf seinen reichen Fiskus, auf die Vollmachten des Chans und auf die Weihe, die der Metropolit seine Residenz verlieh.
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Die Sammlung des Landes
Als Kalita im Frühjahr 1341 starb, hinterließ er seinen Söhnen und seiner Witwe ein Gebiet, das seit seiner Thronbesteigung annähernd verdreifacht worden war und sechs Städte sowie etwa 100 Dörfer in sich schloss.
Wie Kalita, so bemühten sich auch seine Nachfolger, „die russische Erde zu sammeln“. Sein ältester Sohn Simeon Iwanowitsch erhielt den Beinamen des „Stolzen“, weil, wie die Chronik ausdrücklich hervorhebt, „alle russischen Fürsten unter seiner Hand gegeben waren“. Simeon machte seinen Einfluss in sämtlichen Teilen Russlands geltend, und er soll zur Begründung dieser Machtansprüche bereits darauf hingewiesen haben, dass eine Befreiung des gemeinsamen Vaterlandes vom tatarischen Joch durch straffe Zentralisation der Staatsgewalt von langer Hand vorbereitet werden müsse. Dem Chan gegenüber verhielt sich Simeon freilich als eifrig ergebener Untertan. Er brauchte die Protektion der Horde, um die Hegemonie Moskaus über andere Fürstentümer zu festigen.
Auch seine Armee vergrößerte sich, da immer neue Bojaren mit ihrem Gefolge nach Moskau kamen und den Großfürsten baten, sie in seinen Dienst zu nehmen. Sogar selbständige Fürsten gaben ihre bescheidenen Grundherrschaften auf, um dafür am Kreml eine gute Anstellung einzutauschen.
Im Jahre 1353 starb Simeon an der Pest, erst 36 Jahre alt. Er hinterließ ein Testament, in welchem er den Fürsten empfahl, in Eintracht zu leben, sich von bösen Leuten nicht gegeneinander aufstiften zu lassen, sondern auf den Rat des Metropoliten und alter Bojaren zu hören.
Metropolit Alexios/Zersetzung der Goldenen Horde
Ein Bruder Simeons, Iwan II, der nun zur Herrschaft gekrönt wurde, besaß als frommer und stiller Mensch durchaus keine Eignung für sein Amt. Dem Versagen des Inhabers der weltlichen Gewalt half jedoch die Kirche ab: Alexios, der Metropolit von Moskau, übte faktisch die Regentschaft aus. Bei der Goldenen Horde verschaffte er sich das Ansehen, indem er Tajdula, die Gattin des Chans Dschanibek, wie durch ein Wunder von einer Augenkrankheit heilte.
Als ein neuer Chan Berdibek gegen Russland zu Felde ziehen wollte, verstand es Alexios, dieses Unheil durch seine Intervention abzuwenden. Alexios gewann den Fürstentitel für Dimitrij, den minderjährigen Sohn Iwans, wieder zurück.
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Während der Regierungszeit des Dimitrij Iwanowitsch (1363-1389) spielten sich in der russischen Geschichte höchst dramatische Ereignisse ab. Nachdem unter seinen Vorgängern das militärische Potential Moskaus erheblich gesteigert worden war, konnte dieser ritterlich veranlagte Fürst „alle russischen Knjase unter seinen Willen bringen“, gegen diejenigen aber, die sich nicht fügen wollten, mit Waffengewalt energisch vorgehen. Er dehnte seinen Einfluss bis nach Nowgorod aus, wobei ihm der Metropolit Sergius durch Verhängung des Interdikts gegen seine Feinde zu Hilfe kam. In langwierigen Kriegen wurden die Fürsten von Twer, Rjasan und anderen Udjel-Gebieten unter die Botmäßigkeit Moskaus gebracht.
Von epochemachender Bedeutung aber war, dass nun erst Kämpfe gegen die Tataren begannen. In der Goldenen Horde hatte sich, aus schwer zu übersehenden Gründen, eine politische Zersetzung vollzogen. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts mordete dort ein Chan den andern, und schließlich zerfiel das Reich in zwei Teile: Beide Chanate befehdeten sich.
Beginn des Freiheitskampfes gegen die Tataren
Diese Zwistigkeiten hatten natürlich eine fühlbare Schwächung der Tataren zur Folge, und Großfürst Dimitrij scheint diesen Umstand benützt zu haben, um 1371 eine Herabsetzung der zu entrichtenden Tribute zu erwirken. Vermutlich berief er sich darauf, dass kurz zuvor Olgerd von Litauen russisches Gebiet überfallen und verwüstet hatte, und dass deshalb ein Rückgang der Steuereinnahmen zu verzeichnen sei. So gelang es die finanziellen Verpflichtungen der Russen gegenüber der Goldenen Horde etwas zu lockern. Wichtiger aber war noch, dass die Russen begannen, gegen die Tataren von den Waffen Gebrauch zu machen. Aus den beiden Tatarenreichen pflegten nach jedem politischen Umschwung Anhänger von Thronprätendenten, welche den kürzeren gezogen hatten, als Flüchtlinge nach Norden zu entweichen. Diese ins Exil vertriebenen Elemente schlossen sich zu Banden zusammen und plünderten russische Siedlungen, um auf diese Weise ihr Leben zu fristen. Gegen solche Tataren, die ja von der Regierung ihres eigenen Staates nicht geschützt wurden, konnten die Russen, wie gegen gewöhnliche Räuber, rücksichtslos vorgehen. Daraus entwickelten sich aber allmählich regelrechte Kriege. Da in den Chanaten die Inhaber der legitimen Gewalt rasch wechselten, „vogelfreie“ und „geschützte“ Mongolen voneinander also nicht immer unterschieden werden konnten, manche wohl auch unvermittelt aus der einen Kategorie in die andere gerieten, mussten sich aus Polizeiaktionen zur Unterdrückung irregulärer Banden Konflikte mit den Chanen selbst ergeben. Das Gefühl, sich vor jedem Tataren ducken zu müssen, begann bei den Russen zu schwinden; immer häufiger schlugen sie zu. Nachdem in Nishni-Nowgorod 1374 einige Tataren, die auf Gesandtenrang Anspruch erhoben, vom Volk ermordet worden waren, verwüstete Mamaj, der sich durch List und Gewalt zum Oberhaupt der donischen Horde aufgeschwungen hatte, das Gebiet der unbotmäßigen Stadt. Die
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Arbeit zitieren:
2002, Der Aufstieg Moskaus, München, GRIN Verlag GmbH
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