1. Angaben zur Lerngruppe 1.1 Lerngruppenzusammensetzung
Bei der Klasse XY handelt es sich um eine Mittelstufenklasse des dreijährigen Bil- dungsgangs Staatlich geprüfte Kaufmännische Assistentin/Staatlich geprüfter Kauf- männischer Assistent mit der Fachrichtung Fremdsprachen. Aufgrund von über- durchschnittlich hohen Schülerabgangszahlen wurden die beiden Klassen Klasse XY und 04H31 nach der Unterstufe zusammengelegt. Nun bilden 20 Schülerinnen und drei Schüler die “neue“ Klassengemeinschaft. Bis auf eine Schülerin, die bereits 24 Jahre alt ist, sind die übrigen Schüler im Alter von 17 bis 21 Jahren. 2 Schülerinnen (aus der Türkei und Albanien) und 1 polnischer Schüler besitzen nicht die deutsche Staatsangehörigkeit. Ein weiteres Merkmal dieser Lerngruppe sind die hohen Fehl- zeiten der Schüler, welche zum Teil auf Motivationsschwierigkeiten zurückzuführen
1.2 Besonderheiten der Lerngruppe
Obwohl alle Schüler 1 die Fachoberschulreife besitzen (davon 11 ohne Qualifikation und 12 mit Qualifikation), ist das Leistungsniveau und die Schüleraktivität, wie die folgende Übersicht zeigt, als äußerst heterogen einzustufen.
Es konnte festgestellt werden, dass bei dieser Lerngruppe eine themenbezogene Motivation über die Auswahl der Materialien hervorgerufen werden kann. Das Lern- klima ist etwas angespannt, was auch darauf zurückzuführen ist, dass zwei Klassen- gemeinschaften zusammengelegt wurden und klassenspezifische Gruppenbildungen
1
Zur Vereinfachung des Leseflusses sind mit der Bezeichnung Schüler im laufenden Text Schülerinnen und Schüler gleichermaßen gemeint.
zustande gekommen sind. Durch wiederholte Gespräche mit der Lerngruppe konnte die Situation verbessert werden.
Ein Teil der Klasse (Schüler aus der ehemaligen 04H31) ist mir seit Beginn meines Referendariats, im ersten Ausbildungsabschnitt durch Hospitationen und Unterricht unter Anleitung sowie im zweiten Ausbildungsabschnitt durch den bedarfsdeckenden Unterricht, sehr gut bekannt. Seit Mitte Januar unterrichte ich die neue Klassenzu- sammensetzung im Rahmen des Ausbildungsunterrichts. Somit konnte ich auch ei- nen besseren Bezug zu den mir noch unbekannten Schülern bekommen. Meine Un- terrichtserfahrungen in der Klasse sind sehr positiv, da sich die Schüler mir gegen- über freundlich und aufgeschlossen verhalten.
1.3 Ausprägungen der Kompetenzbereiche in der Lerngruppe
Bei der Beurteilung des Leistungsvermögens dieser Lerngruppe ist die Handlungs- kompetenz insgesamt in einem durchschnittlichen Bereich einzustufen.
Zur Fachkompetenz
Im Umgang mit betriebswirtschaftlichen Problemstellungen zeigen die Schüler ein unterschiedliches Leistungsniveau. Einige Schüler zeigen sich sehr kompetent bei der Bearbeitung von Aufgabenstellungen, während die schwächeren Schüler wesent- lich mehr Zeit und gezielte Lehrerimpulse benötigen. Eine erfolgreiche Auseinander- setzung mit den rechtlichen Rahmenordnungen kann bei den Schülern insbesondere dann erzielt werden, wenn die behandelten Inhalte ihrem Erfahrungshorizont ent- sprechend aufbereitet und die Materialien anschaulich gestaltet werden. Im Zusam- menhang mit dem Thema der Unterrichtsreihe „Rechtsformen und Unternehmens- entscheidungen“ ist den Schülern der Kaufmann im Rechtsrahmen des HGB (Kauf- mannseigenschaften, Firma) bekannt. Sie sind in der Lage, die Rechtsform als ge- setzlich beschriebenen Rahmen zu identifizieren und die Einzelunternehmung von verschiedenen Arten der Gesellschaftsunternehmungen anhand ausgewählter Krite- rien zu unterscheiden. Sie wissen, dass die Wahl der Rechtsform von großer Bedeu- tung ist für die Haftung der Gesellschafter, die Geschäftsführung sowie für die Vertre- tung der Gesellschaft. Den Schülern ist auch bewusst, dass die Rechtsform darüber hinaus einen Einfluss auf die Rahmenbedingungen der Gesellschaft hat (z.B. Ge- winn- und Verlustverteilung). Das Arbeiten mit Gesetzestexten habe ich bereits in der Unterstufe eingeführt („BGB-Heft“) und nun durch das Anlegen eines „HGB-Heftes“
fortgeführt. Eine fachliche Voraussetzung für die heutige Stunde ist die Kenntnis der wesentlichen Beurteilungskriterien der Rechtsform „GmbH“. Es ist an dieser Stelle anzumerken, dass 2 Schülerinnen aufgrund einer abgebrochenen Ausbildung bereits über Vorkenntnisse im Bereich Betriebswirtschaftslehre verfügen, und damit ein tiefe- res Fachwissen besitzen als ihre Mitschüler.
Zur Lern- und Methodenkompetenz
Die Schüler haben Erfahrungen in der Erarbeitung fachlicher Inhalte in Gruppenar- beitsphasen, und sie sind vertraut im Umgang mit komplexeren Materialien. Jedoch konnte beobachtet werden, dass einige Schüler sehr lange brauchen, bis Arbeitser- gebnisse zustande kommen. Deshalb hat sich in Erarbeitungsphasen eine struktu- rierte Vorgehensweise bewährt. Obwohl das Präsentieren von Ergebnissen mit Hilfe von Plakaten oder auf Folien den Schülern bereits aus der Unterstufe bekannt ist, muss durch den Einsatz verschiedener Präsentationstechniken und –medien die Me- thodenkompetenz noch verbessert werden.
Zur Sozialkompetenz
Obwohl in der Klasse eine Gruppenbildung nach alter Klassenzusammensetzung festgestellt werden kann, werden einzelne Klassenmitglieder nicht ausgeschlossen. Jedoch ist ein Konkurrenzkampf zwischen den Leistungsträgern festzustellen, der sich darin äußert, dass sie Schwierigkeiten haben, mit der gegenseitigen Kritik ihrer Ergebnisse umzugehen.
2. Didaktische Schwerpunkte 2.1 Vorgaben der Richtlinien / Legitimation des Themas
Das Thema der heutigen Stunde wird durch den Lehrplan zur Erprobung für Staatlich geprüfte Kaufmännische Assistentinnen und Assistenten legitimiert. In diesem finden sich die Inhalte der heutigen Stunde im Themenbereich „Rechtliche Rahmenord- nung betrieblicher Entscheidungen“ der Mittelstufe des Faches Betriebswirt- schaftslehre mit Rechnungswesen wieder. 2 Die didaktische Jahresplanung des Ro- bert-Schuman-Berufskollegs sieht die Behandlung der Unterrichtsreihe „Rechtsfor- men und Unternehmensentscheidungen“ in der Mittelstufe im Fach Betriebswirt- schaftslehre mit Rechnungswesen (RW/B) vor.
2
Minister für Schule, Jugend und Kinder (2004): Lehrplan zur Erprobung des Bildungsgangs
Staatlich geprüfte Kaufmännische Assistentin/Staatlich geprüfter Kaufmännischer Assistent
mit der Fachrichtung Fremdsprachen, S. 15-16.
2.2 Einbettung des Themas in den unterrichtlichen Kontext In der nachfolgenden Übersicht wird die heutige Unterrichtstunde im Zusammenhang mit der Unterrichtsreihe dargestellt.
In der heutigen Stunde werden die Schüler mit dem Problem der Umwandlung des Sprachreiseninstituts Edward KG konfrontiert. Zu Beginn der Unterrichtsreihe wurde der Unternehmensgründer Peter Edward eingeführt. Mit Hilfe dieser Person wurde den Schülern die Möglichkeit gegeben, den Prozess der Unternehmensgründung sowie den damit zusammenhängenden Handlungsrahmen des HGB anschaulich zu verdeutlichen. Sukzessive hat sich die Lebenssituation von Peter E. verändert, indem die zuerst gewählte Rechtsform der Einzelunternehmung in eine Kommanditgesell- schaft umgewandelt wurde und nun die Entscheidung zwischen den Unternehmens- formen „GmbH“ und „Limited“ bevorsteht.
2.3 Hauptintention
Der didaktische Schwerpunkt der heutigen Stunde besteht darin, die wesentlichen Merkmale und Beurteilungskriterien der englischen Rechtsform „Limited“ herauszu- stellen und diese einem Vergleich mit der deutschen Rechtsform „GmbH“ zu unter-
ziehen. Die Schüler sollen aus der Gegenüberstellung der beiden Rechtsformen fall- bezogene Vor- und Nachteile ableiten und sich begründet für eine Unternehmens- rechtsform entscheiden. Die Schüler sollen erkennen, dass es keine allgemeingültige Rechtsformempfehlung geben kann, da stets persönliche Kriterien zu berücksichti- gen sind. Sowohl die Gründung als auch die Umwandlung eines Unternehmens be- dingen komplexe Entscheidungsprozesse, die auf der Grundlage einer beträchtlichen Informationsbreite und –tiefe zu fällen sind. In diesem Zusammenhang sollen die Schüler die wesentlichen Inhalte des zur Verfügung gestellten Informationsmaterials herausfiltern, situationsgerecht aufbereiten und präsentieren.
2.4 Didaktische Transformation
Die komplexe Thematik der heutigen Unterrichtseinheit verlangt nach einer didakti- schen Reduktion. In der heutigen Stunde sollen die Schüler anhand ausgewählter Beurteilungskriterien einen Vergleich zwischen der Rechtsform der Limited Company und der Gesellschaft mit beschränkter Haftung durchführen. Dabei werden die Publi- zitäts- und Steueraspekte der unterschiedlichen Rechtsformen ausgeblendet. Dar- über hinaus wurde der Fall so konzipiert, dass es zunächst keiner genaueren Analy- se der Kriterien Kapitalaufbringung, Gewinn- und Verlustverteilung bedarf. Außerdem wurde der Fall so aufgebaut, dass sich die bisherige Unternehmensform der Kom- manditgesellschaft nicht mehr anbietet, da hierbei keine Haftungsbeschränkung der Gesellschafter und keine Gesamtgeschäftsvertretung möglich ist. Aus diesem Grund ist eine Entscheidungsfindung notwendig. Dieser Fall bietet aber keine eindeutige Lösung, sondern lässt beide Unternehmensformen als geeignete Rechtsformen zu. An dieser Stelle würde sich zur Analyse der Entscheidungssituationen ein Punktbe- wertungsverfahren als Hilfsmittel eignen. Aus zeitlichen Gründen wird dieses metho- dische Verfahren in die nachfolgende Stunde ausgelagert.
Zudem wurde der Informationstext aus zahlreichen Aufsätzen 3 zusammengestellt, um Redundanzen gekürzt und an einigen Stellen mit dem Ziel eines besseren Ver- ständnisses umformuliert. Eine punktgenaue Bearbeitung des Informationstextes wird durch die vorstrukturierte Textgliederung gefördert.
Neben dem Prinzip der didaktischen Reduktion werden in dieser Stunde insbesonde- re folgende Unterrichtsprinzipien berücksichtigt: 4
3
Vgl. Literaturhinweise
4
In Anlehnung an Klafki 1962; die fünf Grundfragen der Didaktik.
- Prinzip der Gegenwarts-/Zukunftsbedeutung: Bei einer zunehmenden in- ternationalen Verflechtung der Industriestaaten gewinnen ausländische Ge- sellschaftsformen in Deutschland immer mehr an Bedeutung. Da die staatlich geprüften kaufmännischen Assistenten mit der Fachrichtung Fremdsprachen insbesondere im Bereich der außenwirtschaftlichen Betriebsaktivitäten einge- setzt werden, sind inhaltliche Kenntnisse über ausländische Rechtsformen notwendig. Zudem besteht die Möglichkeit, dass einige Schüler in ihrem spä- teren beruflichen Lebensalltag den Weg in die Selbstständigkeit einschlagen und sich somit das Entscheidungsproblem „Wahl einer Rechtsform“ stellen
- Prinzip der Zugänglichkeit: Die Fallsituation „Peter Edward, ein Unterneh- mensgründer“ ist den Schülern seit Beginn der Unterrichtsreihe bekannt. Die heutige Ausgangssituation stellt somit eine kontextgebundene Fallerweiterung dar. Durch die Anknüpfung an die persönliche Situation der Schüler (Peter Edward ist staatlich geprüfter Fremdsprachenassistent und besitzt gemeinsam mit seiner Berufsschulfreundin Ute ein Sprachreiseninstitut) wird das Identifi- kationspotenzial der Schüler erhöht, und die Schüler sind dem dargestellten Fall gegenüber aufgeschlossen.
Prinzip der Exemplarität: Die Aufbereitung der englischen Rechtsform Limi- ted Company als bekannteste ausländische Rechtsform bildet eine wesentli- che Grundlage für die Abwicklung von Außenhandelsgeschäften. Durch den fallbezogenen Vergleich der Rechtsformen „GmbH“ und „Limited“ wird der Prozess der Entscheidungsfindung initiiert und verdeutlicht.
- Prinzip der Sachstruktur: Durch das Erarbeiten der Merkmale der Limited Company mit Hilfe der Beurteilungskriterien wird ein Rechtsformenvergleich ermöglicht. Dabei wird deutlich, dass es keine eindeutige und damit allgemein gültige Lösung geben kann, da die Entscheidung über die Wahl einer Rechts- form von vielen Einflussfaktoren abhängig ist, die sowohl im betriebswirt- schaftlichen, rechtlichen und persönlichen Bereich liegen. Durch ein abschlie- ßendes Unterrichtsgespräch wird die volkswirtschaftliche Bedeutung der bei- den Rechtsformen herausgestellt.
Quote paper:
Diana Ivanjic, 2005, Gruppenbezogene Erarbeitung und Präsentation ausgewählter Kriterien der englischen Kapitalgesellschaft Limited im Rahmen der Rechtsformwahl mit anschließender fallorientierter Entscheidungsfindung durch den Vergleich mit der deutschen Kapitalgesellschaft GmbH unter besonderer Berücksichtigung der Förderung der Methodenkompetenz, Munich, GRIN Publishing GmbH
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