Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Hauptteil 4- 16
2.1. Frontalltag 4
2.2. Desertionsformen und Motive für eine Fahnenflucht 5
2.3. Fahnenflucht bei Angehörigen nationaler Minderheiten 10
2.4. Bewertung der Fahnenflucht durch Militärgerichtsbarkeit und Medizin 12
2.5. Das Ausmaß der Desertion 14
3. Schlussbetrachtung 17
4. Quellen und Literaturverzeichnis 18
Desertion im deutschen Weltkriegsheer 1914-1918 Benjamin Gröbe
1. Einleitung
Die Erforschung soldatischer Verweigerungsformen während des Ersten Weltkrieges steht noch ganz in den Anfängen. Erst mit Beginn der 90iger Jahre ist man dabei die Geschichte der einfachen Mannschaftssoldaten genauer zu ergründen bzw. sich dem Thema Fahnenflucht im Ersten Weltkrieg genauer zu widmen.
Auslöser für das Interesse war wohl die Veröffentlichung der Kriegserinnerungen des elsässischen Deserteurs Dominik Richert aus den Jahren 1914- 1918, die erst 1989, siebzig Jahre nach ihrer Niederschrift veröffentlicht wurden. Das hängt zum einen damit zusammen, dass Fahnenflucht bzw. „Drückebergerei“ stark mit der Dolchstoß-Thematik zusammenhängt, wo jene Deserteure für die Niederlage von 1918 verantwortlich gemacht worden sind. 1 Diese Stereotype haben sich bis weit in die 60er, 70er Jahre unter vielen, die den Ersten Weltkrieg miterlebt hatten, gehalten und man wollte sich an diesem Thema nicht die Finger verbrennen. 2
Mittlerweile hat man allerdings den nötigen Abstand, um offen und sachlich darüber sprechen zu können. Einige wenige Arbeiten und erste Befunde aus den letzten 15 Jahren, welche sich mit Fahnenflucht im deutschen Weltkriegsheer befassen, beruhen aus Auswertungen der Kriegsarchive in Freiburg, Dresden, Stuttgart und München. In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich mich anhand einschlägiger Forschungsliteratur mit diesem Thema genauer befassen, indem ich zuerst auf Formen von Fahnenflucht und mögliche Motive der Deserteure eingehe. Da die Desertion bei Angehörigen der nationalen Minderheiten ein eigenes Kapitel darstellt und auch aufgrund der eben erwähnten Memoiren von Dominik Richert relativ gut zu ergründen ist, widme ich diesem Thema den drauffolgenden Abschnitt. Sodann wird die Beurteilung der Fahnenflucht durch die Militärjustiz als auch durch die Medizin zu behandeln sein und schließlich ist das Ausmaß der Desertion in den Jahren 1914-1918 abzuschätzen.
1 Richert, Dominik, Beste Gelegenheit zum Sterben. Meine Erlebnisse im Kriege 1914- 1918, Angelika
Tramitz, Bernd Ullrich (Hg.), München 1989.
2 Wette, Wolfram, Die unheroischen Kriegserinnerungen des Elsässer Bauern Dominik Richert aus den
Jahren 1914- 1918, in: Der Krieg des kleinen Mannes. Eine Militärgeschichte von unten, Wette, Wolfram
(Hg.), München 1992, S. 127- 135, hier S. 127.
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Desertion im deutschen Weltkriegsheer 1914-1918 Benjamin Gröbe
2. Hauptteil
2.1. Frontalltag
Um die Beweggründe und Motive von Soldaten zur Desertion verstehen zu können, ist es zunächst sinnvoll, sich einen kurzen Überblick über den soldatischen Alltag während des Schützengrabenkrieges im Ersten Weltkrieg zu verschaffen.
Der Erste Weltkrieg war an der Westfront bis auf die ersten und die letzten Kriegsmonate nicht von offenen Feldschlachten geprägt. Auch im Osten gab es neben langen Phasen des Bewegungskrieges, beträchtliche Zeiten der statischen Kriegsführung. Die Fronten bestanden aus einem System von Schützengräben, das mit der Zeit immer mehr zu einer ausgeklügelten Befestigungsanlage ausgebaut wurde, welche meist nicht weiter als ein „Handgranatenwurf“ vom Gegner entfernt war. 3 Nach vorne war die Front mit einem Stacheldrahtzaun gegen feindliche Angriffe geschützt, der zugleich ein ernsthaftes Hindernis bei Überlaufversuchen bildete. Zum Feind hin war die Front also nahezu undurchlässig, da von dort noch obendrein permanenter Beschuss drohte. In der anderen Richtung durfte der Soldat das eigene Grabensystem nicht ohne Genehmigung verlassen. Direkt an der Front unterstand der gewöhnliche Soldat der ständigen Kontrolle seiner Vorgesetzten und Lebensbedrohung und Entbehrung waren nirgends größer als hier. Die oft mit Wasser und Leichenteilen gefüllten Schützengräben, die schlechte Verpflegung, sowie mangelnde Unterkunft oder Probleme mit der militärischen Hierarchie stellten den Alltag eines Mannschaftssoldaten dar. Hinzu kamen Heimweh, die Sehnsucht nach der Familie, Frau, Freundin und Kindern und keinerlei Aussicht auf eine Verbesserung der Situation, in Form eines Sieges oder eines Verständigungsfriedens, da sämtliche Kampfhandlungen stagnierten. 4
Dennoch scheint es bis zum Frühsommer 1918 zu keinen massenhaften und für die Disziplin ernsthaft bedrohlichen Verweigerungsformen gekommen zu sein. 5 Neben Kriegsmüdigkeit und Friedensehnsucht ist für die Dauer von mehr als drei Kriegsjahren von einer „Erfahrung des Durchhaltens“ auszugehen. 6 So bleibt das Phänomen der Desertion bis dato auf Einzelfälle beschränkt, wie wir später noch anhand von Zahlen deutlich machen werden.
3 Jahr, Christoph, „Der Krieg zwingt die Justiz ihr Innerstes zu revidieren“ - Desertion und
Militärgerichtsbarkeit im Ersten Weltkrieg, in: Armeen und ihre Deserteure. Vernachlässigte Kapitel einer
Militärgeschichte der Neuzeit, Bröckling, Ulrich, Sikora, Michael (Hg.), Göttingen 1998,S. 187- 221.
4 Hobohm, Martin, Soziale Heeresmißstände im Ersten Weltkrieg, in: Wette (wie Anm. 2), S. 136- 145.
5 Deist, Wilhelm, Verdeckter Militärstreik im Kriegsjahr 1918?, in: Wette (wie Anm. 2), S. 146- 167.
6 Lipp, Anne, Friedenssehnsucht und Durchhaltebereitschaft. Wahrnehmungen und Erfahrungen deutscher
Soldaten im Ersten Weltkrieg, in: Archiv für Sozialgeschichte 36 (1996), S. 279- 292, hier S. 287.
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Desertion im deutschen Weltkriegsheer 1914-1918 Benjamin Gröbe
2.2. Desertionsformen und Motive für eine Fahnenflucht
Wie eingangs schon erwähnt, ist die Auswahl an fundierten Arbeiten zu diesem Thema sehr gering. Christoph Jahr und Benjamin Ziemann haben in Bezug auf die soldatischen Verweigerungsformen in jüngerer Zeit aber sehr ausführliche und sachlich überzeugende Arbeiten veröffentlicht. 7 Demnach gab es vier Möglichkeiten sich dem Wehrdienst durch Fahnenflucht zu entziehen.
Die erste bestand darin, zu den feindlichen Linien überzulaufen. Die Chancen dafür waren abhängig von einer guten Kenntnis der Topographie des Kampfgeländes, d.h. man musste Karten über den genauen Verlauf der Befestigungen studieren, sowie über den genauen Standort der auf der Gegenseite zu erwartenden Truppen bescheid wissen. 8 Am einfachsten war dies für bereits zum Graben- oder Horchpostendienst eingeteilte Soldaten, von ihrer weit vorgeschobenen Position aus den Entschluss zum Überlaufen umzusetzen, was wohl in der Praxis am häufigsten geschah und gegebenenfalls auch mit dem Beiseiteräumen von nicht eingeweihten Personen verbunden war. 9
War man Mitglied eines Patrouilleunternehmens, so bot dies auch eine günstige Gelegenheit überzulaufen, sofern man sich unbemerkt von der Gruppe entfernen konnte. 10 Bedingung für ein möglichst risikoarmes und erfolgreiches Überlaufen war eine geringe Intensität des feindlichen Beschusses durch Artelleriegeschütze und
Maschinengewehrfeuer. Das war vom jeweiligen Frontbereich abhängig und im Stellungskrieg häufig gegeben. So waren die in den Vogesen eingesetzten Divisionen generell mit geringer Artillerieaktivität konfrontiert. 11 Dort kam es oft zu so genannten „stillen Vereinbarungen“ zwischen den gegnerischen Einheiten, die eine günstige Gelegenheit zum Überlaufen boten. Dabei wurde nicht nur das Feuer manchmal für Tage ganz eingestellt, sondern es kam häufig zu direktem Kontakt zwischen den Angehörigen der feindlichen Truppen in Form von Winken, Hinüberrufen, durch direkten persönlichen Austausch von Zeitungen, Lebensmitteln und Tabakwaren. 12 Vor allem an den Weihnachtstagen des Jahres 1914 zeigte sich an vielen Stellen der Westfront zwischen den deutschen und den britischen bzw. französischen Truppen eine regelrechte Verbrüderung.
7 Jahr, Christoph, Gewöhnliche Soldaten. Desertion und Deserteure im deutschen und britischen Heer 1914-
1918, Göttingen 1996; vgl. ders. (wie Anm. 3.); Ziemann, Benjamin, Fahnenflucht im deutschen Heer 1914-
1918, in: Militärgeschichtliche Mitteilungen 55 (1996), S. 93-130; ders., Verweigerungsformen von
Frontsoldaten in der deutschen Armee 1914- 1918, in: Gestrich, Andreas (Hg.), Gewalt im Krieg. Ausübung,
Erfahrung und Verweigerung von Gewalt in Kriegen des 20. Jahrhunderts, Münster 1995, S. 99-122.
8 Ziemann, Fahnenflucht, S. 95.
9 Vgl. Richerts, S. 396.
10 Ziemann, Fahnenflucht, S. 95.
11 Ebd., S. 96.
12 Ebd., S. 97.
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Desertion im deutschen Weltkriegsheer 1914-1918 Benjamin Gröbe
Dieses erstaunliche Phänomen ist wohl in Zusammenhang mit den gemeinsamen christlichen Feiertagen zu bringen. 13
Das Ausmaß solcher Vereinbarungen lässt sich wohl nicht genau bestimmen, aber sie müssen relativ häufig vorgekommen sein, um den Charakter des Außergewöhnlichen zu verlieren und damit einzelnen Soldaten die Gelegenheit zum gefahrlosen Überlaufen zu geben. 14 Kam dies häufiger vor, so erteilte man den Befehl, auf aus dem Schützengraben heraustretende Soldaten zu schießen. 15
Es drohte also auch Gefahr aus den eigenen Reihen. Und stille Vereinbarungen reduzierten zumindest die Gefahr für das Leben eines Überläufers durch Beschuss von der gegnerischen Seite auf ein Minimum. Allerdings konnte man sich nicht sicher sein, ob der gegnerische Truppenteil überhaupt bereit war, einen deutschen Soldaten zum Gefangenen zu machen und nicht doch zu erschießen. Für den potentiellen Überläufer gab es aber immer ein hohes Risiko das Leben zu verlieren.
Aufgrund dieser Gefahr war es sehr viel einfacher und Erfolg versprechender, den Weg in das angrenzende neutrale Ausland zu suchen. Dort drohte ihnen nicht die Kriegsgefangennahme, sondern schlimmstenfalls die Internierung. 16 Von Deutschland aus waren auf dem Landweg die Schweiz, die Niederlande und Dänemark zu erreichen. Um in die Schweiz zu gelangen, konnte man den Rhein oder den Bodensee durchschwimmen. So schreibt ein Deserteur in einem Brief an einen Freund: „Für einen kundigen Schwimmer ist kein Strom zu breit und für einen deutschen Soldaten kein Weg zu weit“. 17 Eine Frau aus Aarau schilderte in einem Brief vom September 1917, dass jeden Tag junge, 25-35 Jahre alte Deserteure aus Deutschland auf diesem Weg in die Dörfer am Rhein kämen. Diese erzählten der einheimischen Bevölkerung, sie würden sich eher eine Kugel durch den Kopf jagen, als wieder in dieses Elend hinauszugehen. 18 Ein anderer Deserteur bekam z.B. im Sommer 1917 für ein Treffen mit seiner Mutter, die Genehmigung für einen Urlaub in Konstanz. Von dieser bekam er ein Ruderboot gestellt, mit dem er an das schweizerische Ufer gelangen konnte. 19 Völlig problemlos war eine Desertion für bereits vor dem Krieg in der Schweiz ansässige Deutsche. Diese mussten nur nach einem regulär gewährten Urlaub bei ihren Angehörigen nicht mehr zurückkehren. 20
13 Brown, Malcom u. Shirley Seaton, Christmas Truce. The Western Front December 1914, London 1984.
14 Vgl. Ziemann, Verweigerungsformen, S. 105.
15 Ebd., Fahnenflucht, S. 97.
16 Vgl. Jahr, Desertion und Militärgerichtsbarkeit, S. 193.
17 Ziemann, Fahnenflucht, S. 99.
18 Ebd.
19 Ebd., S. 100.
20 Ebd.
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Benjamin Gröbe, 2005, Desertion im deutschen Weltkriegsheer 1914-1918, München, GRIN Verlag GmbH
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Lore viehmann
Mein Urgroßvater ist im 1. Weltkrieg desertiert. Er wurde in Herdecke (NRW) aufgegriffen und dann standrechtl. erschossen. Mich würde der verbleib der Leichen der Erschossenen Fahnenflüchtigen interessieren. Schreibe gerade unsere Familiengeschichte
am Saturday, April 16, 2011-