Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Die einzelnen Handschriften 2
3. Liedinterpretationen 4
3.1. Beispiel Sommerlied 23 4
3.2. Beispiel Winterlied 20 8
3.3. Beispiel Winterlied 27 11
3.4. Beispiel Sommerlied 27 13
4. Zusammenführung der Interpretationsergebnisse und Fazit 16
Literaturverzeichnis 21
1. Einleitung
Das Gesamtwerk Neidharts bietet eine beeindruckende Fülle an Texten. In verschiedensten Handschriften überliefert, die über eine große Zeitspanne verteilt entstanden, liegen unter diesem Autorennamen Lieder aus der Zeit des Hochmittelalters vor. In vielen Fällen zusammen mit Melodien, häufig aber auch nur als Fragmente oder in Auszügen überliefert, entsteht insgesamt der Eindruck eines Sängers des Mittelalters, der nicht nur eine inhaltliche Vielfalt anbietet, sondern offensichtlich auch in seiner Zeit gefragt war und gerne rezipiert wurde. Seit der Entdeckung des Autors Neidhart innerhalb der mediävistischen Forschungsdisziplin beschäftigt allerdings auch die Frage nach der Echtheit der einzelnen Werke die Forscher. Moriz Haupts Aussage „was in R nicht steht das hat keine äussere gewähr der echtheit“ 1 dürfte wohl die meistzitierte Aussage in der Neidhartforschung sein und drückte lange Zeit zumindest aus, dass man bei Texten nach der Überlieferung der Handschrift R von Genuität, also von einem Original aus der Feder Neidharts ausgehen könne. 2 Problematisch ist eine solche absolute Feststellung allemal, so dass seit Haupts Untersuchung immer wieder Diskussionen darüber entstanden und Forschungsarbeiten zum Thema Echtheit der Werke geschrieben wurden. Endgültig beantwortet ist die Frage jedoch bis heute nicht. Vielmehr steht fest, „daß in der Überlieferung mittelalterlicher Lyrik Textvarianten und Fassungsvarianten eher die Regel als die Ausnahme bilden.“ 3 Mit derartigen Fassungsvarianten beschäftigt sich diese Arbeit. Sie stellt die Liedfassungen nach den frühen Handschriften R und C der Fassung der Lieder gegenüber, die durch die späte Handschrift c belegt ist. Mittels der Interpretation der Lieder soll die Frage beantwortet werden, ob es sich bei den einzelnen Fassungen lediglich um verschiedene Liedvarianten in der Folge der zeitlichen Überlieferung handelt, ob also die Veränderung der Texte auf die mündliche Tradierung im Rahmen des ‚Liedgebrauchs’ zurückzuführen ist, oder ob vielmehr durch einen oder mehrere Autoren Liedteile neu hinzugefügt wurden, es sich also um Nachdichtungen handelt. Der Aufbau der Arbeit folgt dabei diesem Inter-pretationsziel. Nach den Vorbemerkungen zu den einzelnen Handschriften folgt
1 Neidhart von Reuenthal, hrsg. von Moriz Haupt. Leipzig 1858, Einleitung S. IX.
2 Vgl. Die Lieder Neidharts, hrsg. von Edmund Wießner, fortgeführt von Hanns Fischer. 5. verb. Auflage von Paul Sappler. Mit einem Melodienanhang von Helmut Lomnitzer (ATB 44). Tübingen 1999, Einleitung S. XVII.
3 Edith Wenzel/ Horst Wenzel: Die Handschriften und der Autor – Neidharte oder Neidhart? In: Edition und Interpretation: neue Forschungsparadigmen zur mittelhochdeutschen Lyrik. Festschrift für Helmut Tervooren, hrsg. von Johannes Spicker in Zusammenarbeit mit Susanne Fritsch. Stuttgart 2000, S. 87-102, hier: S. 87.
1
eine knappe Auswahl der durch die Sekundärliteratur bereits benannten Merkmale der Liedveränderung in c. Diese Übersicht soll vor allem den Rahmen dessen vorgeben, was nach bisherigen Untersuchungen für die Handschrift kennzeichnend ist. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass die Analyse weniger ausgewählter Lieder zu verfälschten Ergebnissen führt. Die Interpretation der einzelnen Lieder in Kapitel 3 bildet daran anschließend den Grundstock für die abschließende Auswertung der Ergebnisse und Beantwortung der Fragestellung.
2. Die einzelnen Handschriften
Die Handschrift R entstand gegen Ende des 13. Jahrhunderts. Sie gilt, wie in der Einleitung bereits angesprochen, seit Haupt als Synonym für Echtheit der Neidhart-Lieder. Diese Ansicht ist neueren Forschungen nach aber zumindest in dieser Pauschalität nicht haltbar. So weist Ingrid Bennewitz-Behr darauf hin, „daß Anordnung und Gestaltung der Neidhart-Sammlung R als Werk eines fachkundigen Redaktors/Schreibers zu gelten haben, der neben formalästhetischen auch inhaltliche Kriterien bei der Anlage der Handschrift berücksichtigte.“ 4 Allerdings ist davon auszugehen, dass diese Bearbeitungen durch einen Handschriftenautor nichts daran ändern, dass R dennoch eine ausgewogene Sammlung durch alle Merkmale des Neidhart Oeuvre bietet. 5
Die Handschrift C, der Codex Manesse, stammt aus dem 1. Drittel des 14. Jahrhunderts und weist nach Edith und Horst Wenzel vor allem eine auffällige Herausstellung der Sommerlieder mit Mutter-Tochter-Dialog und der Winterlieder mit Tanzvergnügen sowie den Dörpern als besonders aufdringlichen Rivalen des Sängers auf. 6 Aber auch Minne- und Kunstreflexion haben hier ihren Platz, ebenso wie Abschnitte zur Zeitpolitik. Auffällig ist vor allem die Betonung erotischer Inhalte. 7
4 Ingrid Bennewitz-Behr: Original und Rezeption. Funktions- und überlieferungsgeschichtliche Studien zur Neidhart-Sammlung R. Göppingen 1987 (Göppinger Arbeiten zur Germanistik (GAG) 437), S. 160.
5 Vgl. Wenzel/Wenzel [Anm. 3], S. 93f.
6 Vgl. ebd., S. 94f.
7 Vgl. Die Deutsche Literatur des Mittelalters: Verfasserlexikon. Band 6 Mar - Obe, begr. von Wolfgang Stammler, fortgef. von Karl Langosch. 2. revidierte Auflage. Berlin 1987. Stichwort Neidhart und Neidhartianer, S. 880f.
2
Der Handschrift c soll besondere Aufmerksamkeit in dieser Arbeit gelten, insofern sie mit der Entstehungszeit im 2. Drittel des 15. Jahrhunderts einen zeitlich deutlich von den beiden vorigen Handschriften abgesetzten Blick auf den Neidhart-Korpus bietet. Wenzel/Wenzel sprechen in diesem Zusammenhang von einem Sammelprinzip unter dem Namen Neidhart 8 , das durch die planmäßige Einteilung in Sommerlieder und Winterlieder gekennzeichnet ist. Inhaltlich gibt es vor allem die Tendenz zur „Vereindeutigung der dörper-Rolle, Vereindeutigung der Sprecher-Rolle und Sprechsituation, Vereindeutigung vom Anspielungen durch Vervollständigung von Handlungsketten und Szenerie.“ 9 Hans Becker ergänzt Feststellungen zum Wandel hin zur Eindeutigkeit von erotischen Themen und der Pointenschärfung. 10 Außerdem weist auch er auf das Rivalitätsverhältnis zwischen Sänger und Dörpern hin, das sich seiner Meinung nach zu einem fast grundlegenden Feindverhältnis verschiebe. 11 Diese Tendenz sieht auch Kurt Ruh, der von der Verdeutlichung der Dörperrolle hin zum Bauernfeind schreibt. 12 Susanne Obermayer geht noch einen Schritt weiter in den Bereich dieser Interpretation und hält das Merkmal für ein Kennzeichen der zerfallenden Ständegesellschaft. 13 Edith Wenzel 14 und Gerd Fritz 15 richten ihr Augenmerk schließlich vor allem auf die Veränderung der Lieder durch die mündliche Tradierung im Rahmen des Gebrauchs der Lieder – dem Singen.
Auch in anderen Handschriften finden sich Aussagen, Ergänzungen und teilweise auch nur Fragmente von Neidhart-Liedern. Eine Übersicht hierüber bietet Hanns Fischer in der Weiterführung der Ausgabe von Edmund Wießner. 16
8 Vgl. Wenzel/Wenzel [Anm. 3], S. 97.
9 Jan-Dirk Müller: Ritual, Sprecherfiktion und Erzählung. Liberalisierungstendenzen im späten Minnesang. In: Wechselspiele. Kommunikationsformen und Gattungsinterferenzen mittelhochdeutscher Lyrik, hrsgg. von Michael Schilling u. Peter Strohschneider. Heidelberg 1996, S. 4376, hier S. 66, Anm. 65.
10 Vgl. Hans Becker: Studien zur Überlieferung, Binnentypisierung und Geschichte der Neidharte der Berliner Handschrift germ. fol. 779 (c). Göppingen 1978 (GAG 255), S. 465f.
11 Vgl. ebd., S. 471.
12 Vgl. Kurt Ruh: Neidharts Lieder. Eine Beschreibung des Typus. In: Neidhart, hrsg. von Horst Brunner. Darmstadt 1986 (Wege der Forschung Band 556), S. 251-273, hier: S. 271f. 13 Vgl. Susanne Obermayer: Zur Neidhart-Rezeption im Spätmittelalter. In: Neidhart von Reuental, Aspekte einer Neubewertung, hrsg. von Helmut Birkhan. Wien 1983 (Philologica Germanica 5), S. 129-148, hier: S. 130.
14 Vgl. Edith Wenzel: Zur Textkritik und Überlieferungsgeschichte einiger Sommerlieder Neidharts. Göppingen 1973 (GAG 110), S. 231.
15 Vgl. Gerd Fritz: Sprache und Überlieferung der Neidhart-Lieder in der Berliner Handschrift germ. fol. 779 (c). Göppingen 1969, (GAG 12), S. 252.
16 Vgl. Fischer: Die Lieder Neidharts [Anm. 2], Einleitung, S. IX-XV.
3
3. Liedinterpretationen
Im Folgenden werden vier Einzellieder, die Sommerlieder 23 und 27 sowie die Winterlieder 20 und 27, inhaltlich vorgestellt und analysiert. Der Aufbau jeder Analyse richtet sich dabei nach der Form der Überlieferung in den einzelnen Handschriften und stellt diese in Inhalt und Interpretation einander gegenüber.
3.1 Beispiel Sommerlied 23
Strophenreihenfolge Handschrift R: IV-VI, I-III, VII-IX
Das Lied beginnt mit dem bei Neidhart nahezu obligatorischen Sommereingang. In der gleichen Strophe wird ein gewisser Wîerât zum Tanz aufgerufen. Die folgende Strophe bringt die Erkenntnis, dass es sich bei der Sprecherin wohl um ein junges Mädchen handelt, denn diese spricht von einem Ritter, an dessen Händen sie in „hôhem muote“ tanzen wolle (Strophe V, Verse 5-6) 17 . Dass es sich bei der Sprecherin allerdings nicht um eine höfische Dame handelt, sondern um ein Mädchen aus bäuerlichem Rahmen, erfährt man in der dritten Strophe, in der die Mutter warnt, dass die Tochter für die Ritter „niht ze mâze“ sei (VI, 3). Mehr noch warnt die Mutter auch, dass der junge Meier sein Interesse an der Tochter bekunden würde. Sie solle sich mit ihm zufrieden geben und nicht den Schaden provozieren, der entstünde, wenn der Ritter sie ablehnen würde (VI, 4-6). Die Tochter scheint also durchaus auf dem Weg zu sein, aus ihrem Stand auszubrechen – etwas, das die Mutter offensichtlich nicht gutheißen will. In den drei folgenden Strophen I, II und III wird noch einmal sehr ausführlich der Sommereingang geschildert, wobei die Verse „Blôzen wir den anger ligen sâhen end uns diu liebe zît begunde nâhen“ (I,1-2) durchaus als metaphorisches Bild auf den Zustand der Hoffnung auf den Ritter nach der trüben Zeit ohne Liebe verstanden werden kann. Durch die Reihung dieser drei Sommereingangsstrophen kommt es zu einer deutlichen Verstärkung des Wunsches des Mädchens nach der ausführlichen und offenbar hoch eingeschätzten Liebe des Ritters. Genau diese hohe Einschätzung bestätigt das Mädchen in der folgenden
17 Fischer: Die Lieder Neidharts, [Anm. 2]. Sämtliche Strophenangaben und Vers- bzw. Zeilenzählungen der folgenden Kapitel beziehen sich auf diese Ausgabe, statt auf die Originalzählungen der einzelnen Handschriften. Auf die jeweilige erneute Nennung der Literaturangabe wird aus Gründen der Lesbarkeit des Textes verzichtet. Kenntlich gemacht wird das Zitat aus dem Primärwerk vielmehr durch die Kurzform der Art (V, 5-6) für die Angabe (Strophe V, Verse 5-6) im direkten Anschluss an das durch Anführungszeichen kenntlich gemachte Zitat.
4
Quote paper:
Sebastian Hanelt, 2006, Die Lieder Neidharts - Werke eines Einzelautors?, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Neue Vertriebswege im Buchhandel - Der Internet-Buchhandel
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 24 Pages
Vorurteile und Stereotypen im Fremdsprachenunterricht
Termpaper, 24 Pages
Wagners Streben nach dem Gesamtkunstwerk - Oper und Drama und Lohengri...
Scholary Paper (Seminar), 16 Pages
Zum Frauenbild in Neidharts Winter- und Sommerliedern
Ein Liedvergleich zwischen WL ...
German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 29 Pages
Das Wunderbare in Ludwig Tiecks 'Der Blonde Eckbert'
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 17 Pages
Analyse und Interpretation der erotischen Motive in der Dörperthematik...
German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Bachelor Thesis, 32 Pages
Zu: Georg Büchners "Dantons Tod" - Parallelen zwischen Georg...
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 22 Pages
Eine sprachwissenschaftliche Untersuchung der Werbesprache
Termpaper, 20 Pages
Primitive Gesellschaften: Die Ureinwohner Australiens
Sociology - Culture, Technology, Peoples / Nations
Scholary Paper (Seminar), 18 Pages
Hamburg in der Hansezeit zwisc...
History Europe - Other Countries - Middle Ages, Early Modern Age
Scholary Paper (Seminar), 16 Pages
Gottfried Benn "Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke" ...
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 11 Pages
Werbesprache (mit besonderem Augenmerk auf dem Slogan)
Termpaper, 20 Pages
Zu: Thomas Morus - Die konträren Seiten Utopias
Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 12 Pages
Die teilnehmende Beobachtung - Malinowskis Idee und ihre Umsetzung dam...
Ethnology / Cultural Anthropology
Termpaper, 18 Pages
Spielarten der Minne - Minnesang
German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Scholary Paper (Seminar), 24 Pages
Gottfried Benn - Der Mensch zwischen Welt und Leere
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 20 Pages
Sebastian Hanelt's text Die Lieder Neidharts - Werke eines Einzelautors? is now available as a printed book
Sebastian Hanelt has published the text Die Lieder Neidharts - Werke eines Einzelautors?
Sebastian Hanelt has uploaded a new text
Texte und Melodien sämtlicher ...
Ulrich Müller, Ingrid Bennewitz, Franz Viktor Spechtler
Lieder für hohe (mittlere) Stimme und Klavier
Mit wörtlicher Übersetzung der...
Felix Mendelssohn Bartholdy, Eugene Asti
Ginger - Early Start Edition 3. 3. Schuljahr. Activity Book mit Liede...
Birgit Hollbrügge, Ulrike Kraaz
0 comments