Inhalt
Kapitel I
Einleitung
1. Forschungsvorhaben 4
2. Fragestellung 6
3. Zur Anlage der Studie - Die Methode 7
Kapitel II
Eigenheiten des DDR-Konsumalltags
1. Aspekte des rasanten Untergangs der DDR-Konsumkultur 13
2. Zur Erfassung von Gewohnheiten 15
3 Die Beschreibung des Wandels anhand von Kategorien 17
4. Relevante Kategorien des DDR-Konsumalltags 17
Kapitel III
Zum Wandel von Einkaufs- und Essgewohnheiten am Beispiel eines
ostdeutschen Dorfes
1. Einkaufsmuster 22
1.1 Der Alltagseinkauf in der DDR 22
1.2 Einkaufen als Konsum-Erlebnis - Der Alltagseinkauf nach der Wende 25
1.3 Der Alltagseinkauf in der Gegenwart 28
1.4 Was gibt es? Was will ich? Was kann ich mir leisten? Zum Wandel von
Einkaufsmustern 32
2. Eigenversorgung 36
2.1 „Hast halt keine Konserven zu kaufen gekriegt “ Eigenversorgung im Kontext des
DDR-Konsumalltags 36
2.2 „Hast dir auch nicht mehr die Zeit dafür genommen “ Eigenversorgung nach der
Wende 41
2
2.3 „Da weiß man was man hat “ Eigenversorgungsleistungen als Beitrag zur
Lebensqualität 42
2.4 Zum Wandel von Eigenversorgungsleistungen im Untersuchungskontext - Von der
Notwendigkeit zum Selbstzweck 45
3. Das „Besondere“ 48
3.1 „Mensch ich hab Ananas gekriegt “ Das „Besondere“ im Kontext des DDR
Konsumalltags 48
3.2 Zum Wandel der Kategorie nach dem Systemumbruch 54
3.3 Das „Besondere“ heute - Ausdruck individueller Lebensentwürfe 55
3.4 Abwechslung zur Normalität - Das „Besondere“ vor dem Hintergrund von Mangel und
Überfluss 58
4. Die westliche Warenwelt 60
4.1 Die Bedeutung von Westprodukten im Kontext des DDR-Konsumalltags 60
4.2 Die westliche Warenwelt als Projektionsfläche der eigenen Bedürfnisse 67
4.3 Die Wende - Es ist nicht alles Gold was glänzt 69
4.4 Zum Wandel von Sehnsuchtsstrukturen 73
Kapitel IV
Fazit 75
1. Zusammenfassung der Ergebnisse 75
2. Zur Charakteristik des Wandels von Einkaufs- und Essgewohnheiten nach dem
Systemumbruch 76
3. Ausblick 79
Literaturverzeichnis 81
3
Kapitel I Einleitung
1. Forschungsvorhaben
Mit der Wende 1989 sind die DDR-Bürger aus ihren gewohnten gesellschaftlichen Zusammenhängen heraus gerissen worden. Nach der Auflösung und Zerstörung fast des gesamten institutionellen Gefüges und der Sozialstruktur fanden sich die Ostdeutschen in einer gänzlich anderen Gesellschaft wieder.
In vielen Sphären des Lebens wurde der Übergang von einer Gesellschaft in eine andere als konfliktreich - zumindest schwierig empfunden. Man denke nur an den Lebensbereich der Arbeit oder der sozialen Sicherheit, wo Entwertung, Unüberschaubarkeit und Unsicherheit der eigenen Existenz eine Rolle spielte.
Diese Arbeit unternimmt den Versuch den Umbruch im Bereich der Konsumkultur 1 zu beleuchten. Es geht um den Übergang von einer durch planwirtschaftlichen Mangel gekennzeichneten Versorgungskultur zur Konsumkultur westlichen Typus, dabei vor allem um die Analyse der alltagskulturellen Muster des Wandels.
Empirische Studien zur Transformationsforschung haben diesen Bereich der Alltagswelt bisher vernachlässigt, wohl mitunter deshalb, weil der Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft auf der Alltagsebene vergleichsweise unproblematisch ablief, sich die Ostdeutschen schnell in die neue Verbraucherrolle fügten.
Die Relevanz der Betrachtung des Wandels in diesem Bereich ergibt sich meiner Meinung nach aus folgenden Faktoren:
Für die DDR-Bürger waren gerade die gegensätzlichen Konsumkulturen die sich über 40 Jahre dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs entwickelt hatten, zumindest auf der Ebene der Alltagswelt, Inbegriff für die Verschiedenheit, das Trennende zwischen DDR und BRD. Was Deutschland über vierzig Jahre lang trennte waren nicht nur politisch gegensätzliche Ideologien, sondern auch völlig verschiedene Warenwelten.
1 Konsumkultur soll hier im Sinne Ina Merkels verstanden werden, als „das widersprüchliche Verhältnis von Konsumpolitik (...) und Konsumverhalten - begriffen als individuelle Aneignungsweise, in der der Zusammenhang von sozialer Lage, Tradition und Mentalität aufscheint. (...) Konsumkultur umfasst die Formen des Erwerbs von Gegenständen, ebenso wie ihren praktisch aneignenden und symbolisch-kommunikativen Gebrauch.“ (Merkel 1999, 27f.)
5
Zudem gehörten Defizite in der Konsumkultur, der chronische Mangel, zu den am heftigsten beklagten Missständen und sie trugen damit in entscheidender Weise zur tiefen Legitimationskrise des sozialistischen Regimes bei. Deutlicher als irgendwo sonst trat in der Konsumkultur der Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit sozialistischer Planwirtschaft zutage. Drittens wäre anzubringen, dass sich in keinem anderen Bereich die Phasen dieses historisch einmaligen Übergangs vom Sozialismus zum Kapitalismus besser verfolgen lassen, als in dem rasanten Untergang der DDR-Konsumkultur.
Die Entwicklung des Konsums 2 in Ostdeutschland gehört zu den positiven Erfahrungen des
Vereinigungsprozesses. Neben der raschen Implementierung einer westlichen Konsumkultur zählt die kulturelle Aneignung einer Verkaufskultur zu den schnellsten kulturellen Wandlungsprozessen des Transformationsgeschehens. Die Zunahme von Optionen und eine Reihe begünstigender Faktoren in der Anfangszeit (steigende Löhne bei noch niedrigen Preisen für Mieten, Kaufkraftüberhang), führten sehr schnell zu nachhaltigen Verbesserungen der materiellen Lebensbedingungen. Besonders auf dem Gebiet des Konsums erfuhren die Ostdeutschen dadurch eines der tiefgreifendsten Erlebnisse der Modernisierung ihres Alltags. Probleme und Schwierigkeiten, die mit dem raschen Umbruch einhergingen, sind insbesondere dort aufgetreten, wo jahrzehntelang gewachsene Routinen und Gewohnheiten zur Bewältigung des Konsumalltags ihre Bedeutsamkeit und ihren Sinn verloren haben. Beispielsweise haben die unter der Planwirtschaft immer lebhafte Schattenwirtschaft, die Improvisationstalente, die Beschaffungsprofessionalität und die Versorgungsbeziehungen der Menschen mit der Wende ihre Sinnhaftigkeit verloren. So sind es nicht nur die subjektiven Gewinn - sondern auch die Verlusterfahrungen die die Verankerung des einzelnen im heutigen Konsumalltag nachhaltig geprägt haben.
Das Ziel dieser Arbeit besteht darin, zu untersuchen wie sich vor dem Hintergrund des Umbruchs der Konsumkultur, alltägliche Handlungsmuster 3 der Menschen im Bereich
„Einkaufen und Essen“ verändert haben. Es geht um die Frage, wann welche Güter unter welchen Umständen, unter Mobilisierung welcher Motive erstrebenswert sind.
2 In Anlehnung an Wiswede (1972), sollen unter Konsum „jene Verhaltensweisen verstanden werden, die auf die Erlangung und private Nutzung wirtschaftlicher Güter und Dienstleistungen gerichtet sind.“
3 Handeln soll verstanden werden als Form des menschlichen Verhaltens, das als äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden mit einem subjektiven Sinn des Handelnden verbunden, gleichzeitig sinnhaft auf das Verhalten anderer Personen bezogen ist. Es wird hier von einem sinnorientierten, zielgerichtet-aktivem Handeln des sozialisierten Menschen ausgegangen. Unter Handlungsmuster seien hier strukturierte, normierte, zielorientierte, abgeschlossene Handlungseinheiten verstanden.
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Der Wandel von Einkaufs- und Essgewohnheiten wird als zentraler Prozess gesellschaftlichen Wandels zum Gegenstand der folgenden Studie gemacht.
Die Analyse bezieht sich dabei ausschließlich auf den Wandel im Bereich der alltäglichen Konsumgüter - so Nahrungs- und Genussmittel und alle diesbezüglichen alltagskulturellen Handlungsweisen. Die gesamte Konsumgütersphäre unter Einbeziehung des non-food-Bereichs zu untersuchen, hätte schlichtweg den Rahmen der Arbeit gesprengt.
Da die vorliegende Arbeit den Wandel von Routinen und Situationen im Alltag zu erfassen versucht, schienen qualitative Verfahren der Datenerhebung und -interpretation unumgänglich. Denn nur qualitative Forschungsansätze sind geeignet, alltägliche Handlungsmuster in ihrer Struktur zu erfassen
Empirisch stützt sich die Studie auf qualitativ geführte Interviews, in denen Menschen berichten wie sie ihren Konsumalltag in der DDR organisiert haben, was sich mit der Wende in diesem Bereich des Alltags verändert hat und welche alltagskulturellen Muster sich in der Gegenwart herausgebildet haben..
Ich gehe davon aus, dass die Prägungen durch die Vergangenheit (Handlungsmuster im Bereich „Einkaufen und Essen“ unter den Bedingungen des Sozialismus) und das Niveau der Ausgangsbedingungen (Erfahrung chronische Mangel, niedrige (Fest)Preise für Grundnahrungsmittel etc.) in den Prozess des Wandels von Einkaufs- und Essgewohnheiten eingebracht werden.
2. Fragestellung
Das Ziel ist es, den Wandel von Einkaufs- und Essgewohnheiten von Menschen in einem ausgewählten Untersuchungskontext in einer spezifischen Weise zu beschreiben. Dazu werde ich - ausgehend vom DDR-Konsumalltag - Kategorien entwickeln, anhand derer sich Wandlungsprozesse besonders deutlich aufzeigen lassen.
Für die vorliegende Arbeit lautet die Fragestellung: Wie lässt sich vor dem Hintergrund des mit dem Systemumbruch einhergehenden Wandels der Konsumkultur, der Wandel von Einkaufs- und Essgewohnheiten beschreiben?
Es wird zu klären sein, in welcher Art und Weise sich Menschen alltagspraktisch mit den sich verändernden objektiven Bedingungen im Bereich „Einkaufen und Essen“ arrangiert haben. Ich behaupte, dass diese langfristige Betrachtung von Einkaufs- und Essgewohnheiten (bzw.
7
relevanter Kategorien dieses Alltagsbereichs) vor allem aufschlussreiche Einsichten in Prozesse gesamtgesellschaftlichen Wandels liefert.
Häufig wird davon gesprochen, dass der Wandel im Alltagsbereich Konsum besonders rasch und nachhaltig statt gefunden hat. Aber war es wirklich so?
Es wird zu klären sein, inwieweit neue, auf den Bereich „Einkaufen und Essen“ bezogene, Verhaltensregeln und Wertmuster Züge dessen tragen was einmal in diesem Alltagsbereich war. Ziel der Arbeit ist es nicht, DDR-spezifische Mentalitäten und Handlungsmuster zu eruieren. Es geht um die Analyse von Alltagshandeln in einer spezifischen Umbruchsituation.
3. Zur Anlage der Studie - Die Methode
Wie bereits erwähnt ist eine qualitative Methodologie am ehesten dazu geeignet Alltagshandeln zu erfassen. Die qualitativen Interviews habe ich mit Menschen aus einem kleinen Dorf 4 in Thüringen, nahe der Grenze zu Bayern gemacht.
Das Dorf hat eine überschaubare Einwohnerzahl, eine hohe Eigenheimquote und es weist Spuren agrarischer Wirtschaftsformen auf. 5 Während der Zeit der deutschen Teilung befand sich Thaldorf im so genannten „Sperrgebiet“ 6 .
Zu Beginn meiner Forschungen schien mir dieser Umstand von besonderem Interesse, da er für den Bereich „Einkaufen und Essen“ Besonderheiten vermuten ließ. So las ich, dass zu DDR-Zeiten insbesondere Ost-Berlin, Bezirksstädte, Arbeiterzentren und Orte in der Sperrzone von einer bevorzugten Belieferung mit Konsumgütern profitieren sollten, um das Leben für die Bewohner attraktiver zu gestalten. Dass es tatsächlich so war, konnte mir allerdings kaum ein Interviewpartner oder Dorfbewohner bestätigen. Nach der Wende eröffnete die Grenznähe die Möglichkeit schnell und unkompliziert an der westdeutschen Konsumwelt teilzuhaben.
Die Lebenswelt 7 Dorf wird im Hinblick auf den Untersuchungsgegenstand einige
Besonderheiten aufwerfen, die ich jedoch bewusst in Kauf genommen habe. Diese resultieren
4 Das Dorf wird in der vorliegenden Arbeit unter „Thaldorf“ geführt. Der Ortsname ist aus Datenschutzgründen verfremdet.
5 Hier ist nicht unbedingt die Zahl aktiv betriebener Höfe gemeint, als vielmehr eine wirtschaftlich geprägte Bausubstanz (vgl.: Born 1977, S.27-28)
6 In unmittelbarer Nähe von Thaldorf verlief der erste Zaun (Signalzaun); eine Grenzübergangsstelle (GÜSt Zug) befand sich im 5 Kilometer entfernten Probstzella.
7 Lebenswelt, in Anlehnung an Schütz, als Horizont des Vertrauten und Bekannten, in die ein bestimmtes Alltagswissen eingewoben ist, welches eine bestimmte Handlungsbereitschaft und -optionen bestimmt.
8
sowohl aus strukturellen Besonderheiten (Sozial-, Wirtschafts-, und Infrastruktur), die ländlichen Räumen innewohnen, als auch aus der Spezifität subjektiver Befindlichkeiten und individueller Bewältigungsmuster der Menschen, die wiederum aus den Besonderheiten der Siedlungs- und Wohnsituation erwachsen. So wird das alltägliche Leben im Dorf häufig mit Traditionen und fest gefügten, sozialen Gemeinschaften in Verbindung gebracht. 8
Die Erhebung der qualitativen Daten erfolgte durch, von mir persönlich, geführte Interviews mit fünf Gesprächspartnern (4 Frauen, 1 Mann). Sie alle gehören den Jahrgängen 1958 bis 1965 an, sind somit im „realen Sozialismus“ geboren und in ihm aufgewachsen. 9 Alle sind Anfang der achtziger Jahre nach Thaldorf gezogen, haben Kinder bekommen, waren berufstätig. Trotz einer großen LPG im benachbarten Herda 10 war keiner der Befragten in der Landwirtschaft tätig.
Mein Datenmaterial besteht jedoch nicht nur aus empirisch gewonnen Interviewdaten, sondern darüber hinaus aus vielfältigen Kontextmaterial. Ausgangspunkt meiner Untersuchung war der Konsumalltag der Befragten in der DDR. Literarische Verarbeitungen der Thematik sind rar, meist beschränken sie sich auf spezifische Momente der ostdeutschen Konsumkultur, wie etwa den Versandhandel, das Westpaket oder das Produktdesign. 11 Als äußerst hilfreich beim Erwerb von Kontextwissen, erwies sich das Buch zur DDR-Konsumgeschichte von Ina Merkel. 12 Es diente als hilfreicher Überblick über die Konsumkultur der DDR, ihre Institutionen, ihre Modernisierungsansätze, ihre Krisen. Gleichwohl eröffnete es erste tiefe Einblicke in die Mentalität und Lebenswelt der ostdeutschen Verbraucher.
Soziologische Untersuchungen zum Thema operieren überwiegend mit quantitativem Material. Elvir Ebert vermochte es zwar nützliche Einblicke in alle drei Phasen ostdeutscher Konsumkultur zu geben, schlussendlich jedoch berücksichtigte die Ausarbeitung in starkem Maße Indikatoren verbesserten Lebensstandards (Pro-Kopf-Verbrauch, Ausstattungsgrad, Einkommen etc.) und zielte weniger auf die Herausstellung des im Zuge des Transformationsprozesses stattgefundenen Wandels von Gewohnheiten und kulturellen Praktiken.
8 Vgl.: Freis/Jopp 2001, S.327
9 Anders als ihre Eltern, zählten sie nicht zu der Generation, die die DDR nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut und ideologisch unterstützt hat, jedoch hatten sie sich an das kulturelle Modell der DDR gewöhnt. Sie hatten es zwar nicht geschaffen, aber sie haben es doch reproduziert.
10 Nachbarort von Thaldorf, dessen hier geführter Name, ebenfalls aus Datenschutzgründen verändert wurde.
11 Kaminsky 1998, Härtel/Kabus 2000, Gries 2003
12 Ina Merkel: Utopie und Bedürfnis. Die Geschichte der Konsumkultur in der DDR. Köln 1999
9
Einblicke in die Vielfalt der Probleme ostdeutschen Konsumalltags konnten auch Materialien zeitgenössischer, politischer Satire geben. Die Mangelproblematik und die damit verbundenen Phänomene waren zuhauf Inhalt von DDR-typischen Versorgungswitzen. 13
Durch Archivrecherchen, im Gemeinde- und im Kreisarchiv, war es möglich sich Kontextwissen zur Versorgungssituation im Untersuchungskontext anzueignen. Mein Hauptinteresse lag dabei auf Protokollen der Gemeindevertreterversammlungen und der Sichtung von Eingaben weil sie die Diskrepanzen, zwischen individuellen Vorstellungen von Normalität und der erlebten Umwelt, deutlich werden lassen.
Mein qualitatives Forschungsdesign lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Da ein tiefgründiges Verstehen eines Wandels typischer Merkmale und Strukturen des Phänomens „Einkaufen und Essen“ im Untersuchungskontext noch ausstand, erarbeitete ich Erklärungszusammenhänge und Hypothesen auf Grundlage der Triangulation 14 meiner
empirischen Befunde mit dem Kontextwissen.
Dabei entstanden Leitfadeninterviews 15 , die mit der Frage eingeleitet wurden: „Denken Sie an
die DDR-Zeit. Erzählen Sie mir doch mal, wie für Sie ein normaler Lebensmitteleinkauf für ihre Familie von statten ging. Also: Wo haben sie ihre Lebensmittel eingekauft, wie und wann haben Sie die Einkäufe erledigt und wie oft haben Sie eingekauft?“ Diese Frage erwies sich als Anlass sehr gehaltvoller Erzählungen und Beschreibungen von Ereignissen und deren interpretativer Verarbeitung.
Weiteres Nachfragen ergab sich aufgrund der Klärung von den in den Interviews vorkommenden undeutlichen Beschreibungen und Erlebnisdarstellungen. Da es das Ziel der Arbeit ist den Wandel von Routinen und Situationen im Konsumalltag zu beschreiben, war es notwendig durch einen Leitfaden, konkrete Situationen (DDR, Zeit der Wende, Gegenwart) vorzugeben, vor deren Hintergrund die Interviewpartner von Erfahrungen und ihren alltäglichen Handlungsmustern im Bereich „Einkaufen und Essen“ erzählen sollten. Die
13 „Was ist wenn die Wüste sozialistisch wird. Da wird der Sand knapp!“; „Entschuldigung, haben Sie keine Handtücher? Nein meine Dame, wir haben keine Bettwäsche, keine Handtücher gibt es nebenan!“; Ein Mann läuft mit einem Sarg durch die Stadt. Fragt ihn der Bekannte: „Mensch was is´n los, ist bei dir jemand gestorben?“ Antwortet der Befragte: „Nein, Särge gabs gerade!“
14 Unter Triangulation soll folgendes verstanden werden: Einen Untersuchungsgegenstand von mehreren Seiten aus zu betrachten, also mit verschiedenen Methoden zu untersuchen oder bei seiner Untersuchung verschiedene Datenquellen heranzuziehen.
15 Leitfadengesteuerte Interviews bewirken eine mittlere Strukturierungsqualität. Der Leitfaden besteht aus Fragen, die sicherstellen, dass bestimmte Themenbereiche angesprochen werden, die jedoch so offen gestaltet sind, dass narrative Potentiale nutzbar werden. Zudem gestatten die über den Leitfaden angesprochenen Themenbereiche, eine Vergleichbarkeit mit anderen Interviews.
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Verwendung eines Leitfadens diente somit der Erhebung und Analyse von Handlungsmustern und Erfahrungen unterschiedlicher Personen, zu vorab bestimmten Themenbereichen. Die konkrete Abfolge der Fragen habe ich situationsabhängig gestaltet um einerseits den Erzählfluss nicht zu stören, andererseits aber auch um interessante Aspekte die im Gesprächsverlauf auftauchen an entsprechender Stelle spontan einfließen zu lassen.
Auch über die Interviewtätigkeit hinaus kam ich mit Dorfbewohnern und Leuten aus dem Nachbarort ins Gespräch, die von meinem Forschungsvorhaben erfuhren, an einem Interview jedoch kein Interesse hatten. Trotzdem konnten sie mir wertvolle Einblicke in den Wandel von Einkaufs- und Essgewohnheiten geben. In Form von Gedächtnisprotokollen fließen diese Ergebnisse in die Arbeit ein.
An dieser Stelle muss jedoch noch auf die Probleme der Methode verwiesen werden. Da ich die Forschungen in meinem Heimatort betrieben habe, war ich mir darüber bewusst, dass ein notwendiges Maß an Distanz zu bewahren ist, was freilich nicht heißt das Distanz auch tatsächlich erreicht wurde. Eine Art „falsche Distanz“ erzeugte ich bei der Konzeption des Interviewleitfadens. Alle Fragen waren mit den Anredepronomen „Sie“, „Ihre“, „Ihr“ etc. formuliert. Bereits im ersten Interview fand ich es befremdlich die mir bekannten Interviewpartner so anzusprechen. Zweifellos entstanden durch den Wechsel vom „Sie“ zum „Du“ sehr persönliche und vertraute Interviews, was Vor- und Nachteile hat. So konnte ich mir nie sicher sein inwieweit die Interviewten das eigene Handeln unter dem Aspekt der Selbstverständlichkeit oder der vermeintlichen Bedeutungslosigkeit geschildert haben. Emotionale Verbundenheit zum Untersuchungskontext, Ortskenntnis und das Empfinden von Selbstverständlichkeit bestimmter Alltagssituationen und -handlungen, machen es auch für mich als Forscher schwierig, bezüglich der Fragestellung, ein für Außenstehende verständliches, objektives Bild vom Untersuchungskontext zu vermitteln. Den Dorfbewohnern und vor allem den Interviewpartnern dabei nicht zu nahe zu treten, war erklärtes Ziel meines Vorhabens.
Als positiv würde ich die Authentizität der so entstandenen Interviews bewerten. Einerseits fällt es den Befragten durch die vertraute Atmosphäre leichter, persönliche - zuweilen pikante
- Angaben und Informationen preis zu geben, andererseits reduzieren sich verfälschte Aussagen.
11
Da es das Ziel der Arbeit ist einen Wandel der Einkaufs- und Essgewohnheiten zu beschreiben, war es notwendig die Interviewten retrospektiv zu Einstellungen und Verhaltensweisen in der DDR zu befragen. Dabei besteht die Gefahr die damalige Versorgungslage und dementsprechende Handlungsmuster im „sanften Licht der Vergebung“ 16 zu sehen. Wahrnehmungen und Bewertungen sind selbst einem starken Wandel unterworfen und je größer die Distanz wird, desto mehr stößt man auf die Prägung der Erinnerungen an die DDR durch die Ereignisse der letzten Jahre.
Um den Wandel im Bereich „Einkaufen und Essen“ zu analysieren, schien es von Vorteil Kategorien zu entwickeln, anhand derer Wandlungstendenzen beobachtet werden können, die mit den Systemumbruch in Zusammenhang stehen. 17
Nach der Durchführung der Interviews begann ich mit der inhaltsanalytischen Auswertung. Die Datenanalyse erfolgte in einem Prozess der Kodifizierung, der folgendermaßen verstanden werden kann: „Vorgehensweise, durch die die Daten aufgebrochen, konzeptualisiert und auf eine neue Art zusammengesetzt werden.“ 18 Dabei bin ich wie folgt vorgegangen: Die erste Frage die sich an das transkribierte Interviewmaterial richten musste, lautete: Worüber wird in diesem Interview berichtet? Und was bedeutet das? Für jedes Interview entstand so eine Liste von beschriebenen Themen. Anhand dieser Liste erfolgte dann der Vergleich mit den anderen Interviews. 19 Das Ziel bestand darin, definitiv wichtige Dimensionen und deren Ausprägungen aus dem Material heraus zu entwickeln. Dafür erschienen bestimmte, von den Interviewten sehr dicht beschriebene Phänomenbereiche, als viel versprechend für eine Betrachtung des Wandels von Einkaufs- und Essgewohnheiten. Da ich am Anfang zweifelte, wie sich die Schilderungen der Befragten strukturieren lassen, habe ich die für den Wandel von Einkaufs- und Essgewohnheiten relevanten Kategorien nicht a-priori festgelegt. Mithilfe des Leitfadens wurden bestimmte Phänomene zunächst möglichst weitgehend differenziert, um daraus erst später Kategorien im engeren Sinne zu entwickeln.
16 Wolle 1999. S.18
17 Beispielsweise ist im Rahmen der Interviewtätigkeit auch ein Wandel der Essensrituale auszumachen gewesen. Dieser allerdings hat seine Ursache nicht in dem mit dem Systemumbruch im Zusammenhang stehenden Wandel der Konsumkultur, sondern er ist schlichtweg die Folge des altersbedingten Ausscheidens der Kinder (Beginn der Ausbildung, Volljährigkeit etc.) aus dem Haushalt der Befragten.
18 Vgl.: Strauss/Corbin 1996, S.75
19 Strauss/Corbin bezeichnen diesen Verfahrensabschnitt des Kodierprozesses als „Das Stellen von Fragen“ und das „Anstellen von Vergleichen“. Vgl.: Strauss/Corbin 1996, S.92
12
Obwohl jede, der von mir konstruierten Kategorien eine relative Unabhängigkeit von jeder anderen besitzt, enthält die Ausarbeitung in ihrer Gesamtheit eine einheitliche Struktur, die im Zusammenspiel zweier Faktoren begründet ist: Der Zeit (DDR-Zeit, Wendezeit und Gegenwart) und der Art von Einkaufs- und Essgewohnheiten. Anhand dieser beiden Faktoren schildern und deuten die von mir Befragten ihre Erfahrungen und Orientierungen im Konsumalltag.
13
Kapitel II Eigenheiten des DDR-Konsumalltags
1. Aspekte des rasanten Untergangs der DDR-Konsumkultur
Als im November 1989 die Grenzen nach Westdeutschland öffneten, erlebten die Ostdeutschen die neuen Verhältnisse zunächst als Öffnung eines unüberschaubaren Marktes mit überwältigender Vielfalt und sie boten das Schauspiel einer naiven Freude an der westlichen Warenwelt.
So freute sich „Zonengabi“ 20 über ihre erste Banane, die eigentlich eine Gurke war und Hunderte Menschen jubelten Bananen-Berti 21 zu, weil der - jeglichen Feingefühls beraubtdas lang erwartete gelbe Obst in die Menge der tobenden Affen warf. Die neu gewonnene Freiheit war vor allem essbar, sie schmeckte, roch gut und sie sah nach etwas aus. Es schien, dass das was Deutschland über vierzig Jahre lang trennte, nicht nur politisch gegensätzliche Ideologien waren, sondern vor allem völlig verschiedene Warenwelten.
Alles „Ostdeutsche“ wurde nun kategorisch abgelehnt, was als Ausdruck innere Blockierungen aufzubrechen, Hemmungen zu überwinden und Befreiung zu ermöglichen verstanden werden kann. Die Abkehr von DDR-Produkte kann symbolisch als das „Werfen“ von Gegenständen interpretiert werden. Das demonstrative „Werfen“ von Gegenständen, deren Glorifizierung bzw. symbolisierende Vernichtung, ist bei Umbrüchen und an Übergängen ein Phänomen, das häufig affektiv aufgeladen ist und von archaischen Ritualen begleitet wird. 22 Das „Werfen“ von Gegenständen, welches seinen Ausdruck in dem fast vollständigen Boykott der DDR-Konsumkultur und der blinden, unkritischen Bevorzugung von West-Produkten fand, war soziale Handlung, die Distanz und Identifikation symbolisch vermittelt. Ostprodukte galten als fremde Symbole einer längst entrückten Zeit. 23
20 Titelbild der westdeutschen Satirezeitschrift Titanic: „Zonen-Gabi (17) im Glück (BRD): Meine erste Banane“
21 Ein von mir entworfenes Klischeebild. Es bezieht sich auf Marktplatzszenen in allen größeren Städten der DDR in der unmittelbaren Zeit nach der Wende. Die Banane war das Symbol, für Freiheit und Wohlstand.
22 vgl.: Woderich. In: Reißig/Glaeßner (Hrsg.) 1991, S.342.
23 vgl.: ebd.
14
Der Drang nach Freiheit und Wohlstand erschöpfte sich für die aus der
„Mangelgesellschaft“ 24 kommenden DDR-Bürger, in einem starken Warenbezug. Möglichst
rasch sollten nun 40 Jahre DDR, gegen die sinnlich so greifbare Erfolgsgeschichte der
Bundesrepublik eingetauscht werden. 25 Die begehrlichen Rufe nach der Konsumwelt des
Westens waren nicht zu stoppen und sie mündeten im Juli 1990 in den fast lückenlosen
Anschluss der DDR an den westdeutschen Warenmarkt. 26
Hofmann sieht in diesem Datum (01.07/02.07.1990) das für die DDR-Bürger wichtigste
Erlebnis der Leistungsfähigkeit der westlichen Warengesellschaft. „Quasi über Nacht
veränderte sich das Warenangebot in der DDR grundlegend, besonders die
Lebensmittelgeschäfte enthielten fast nur noch Waren aus dem Westen.“ 27 Für die DDR-
Bürger hieß es nun sich in der neuen Warenwelt neu zu orientieren.
Heute haben sich die Ostdeutschen satt gegessen an Bananen, an Ananas und Kiwis. Statt zu
„Milka“, greift man nun im Schokoladenregal häufiger zu „Zetti“ oder zu „Schlager
Süßtafel“. Zahlreiche Marken aus DDR-Zeiten (Rondo, Vita-Cola 28 , Burger-Knäcke
etc.)feierten einige Jahre nach der Wiedervereinigung ein erstaunliches Revival. 29
Mit Blick auf die Zeit unmittelbar nach der Wende, hat sich das Kaufverhalten grundlegend
gewandelt. In den Haushalten wird sparsamer und überlegter eingekauft. Mäßigung ist
eingetreten. So lag der Pro-Kopf-Verbrauch an Bananen in den neuen Ländern nach der
Wiedervereinigung bis zu sieben Kilo über dem Westniveau. Gegenwärtig hat er sich in Ost
wie West auf 19,3 Kilo eingepegelt.
In Kapitel III, dem empirischen Teil der Arbeit, möchte ich genauer betrachten wie sich der
eben angedeutete Untergang der DDR-Konsumkultur auf der alltagsweltlichen Ebene
24 Diesen, aus einer spezifischen Perspektive gebildeten, zweifellos plakativen Begriff, verwende ich hier
bewusst, weil er geeignet ist eine oberflächliche Erklärung für das materielle Motiv der DDR-Bürger zu liefern.
25 Vgl.: Gries 2003, S.14
26 Zahlreiche DDR-Intellektuelle und Vertreter eines dritten Weges, u.a. Christa Wolf und Stefan Heym („...eine
Horde von Wütigen, die, Rücken an Bauch gedrängt, Hertie und Bilka zustrebten auf der Jagd nach dem glitzernden Tinnef.“), verurteilten den Verlauf der Wende und riefen die Bevölkerung zu Besinnung und Mäßigung auf. Rosenlöcher hält in seinem Dresdener Tagebuch fest: „In den Kaufhäusern regelmäßig eine leichte Übelkeit. Ununterscheidbar im Glanz, die Ketten und die Uhren, die Lampen und Pullover. Du aber fährst über den glitzernd schäumenden Unrat hinweg die Rolltreppe empor, um erneut in demselben Lampen-und Pulloverchaos anzukommen, aus dem du soeben aufgestiegen bist. (...) Wieso aber betrittst du diese Konsumverliese wieder und wieder? Auch du badest dich gern in Schick und Glanz. (...)Das Hochgefühl, das Westgeld verleiht, übersteigt noch die Anziehungskraft der Dinge.“ (Rosenlöcher 1990, S.55f)
27 Hofmann unveröffentlicht, S.11
28 Die einstige DDR-Marke „Vita Cola“ ist Marktführer in Thüringen und respektabler Zweiter (nach Coca-Cola)
in allen anderen Ostländern.
29 Autoren wie Conrad Lay (1997) oder Rainer Gries (2003) analysieren sehr genau die Bedeutung der
Hinwendung zu Ostprodukten einige Jahre nach der Wende.
15
beschreiben lässt. Dazu waren noch einige Vorüberlegungen nötig, um den Untersuchungsgegenstand zu konkretisieren.
Der im Zuge des Systemumbruchs statt findende Wandel von einer
„Versorgungskultur“(Hofmann) zur Konsumkultur, stellt sich auf der Alltagsebene als relativ breiter Prozess dar. Mit der Fokussierung auf den Bereich „Einkaufen und Essen“ wurden bereits erste Einschränkungen vorgenommen.
Es stellte sich mir die Frage, in welcher Form sich ein Wandel der Alltagspraxis und der damit verbundenen Wertmuster im Bereich „Einkaufen und Essen“ adäquat erfassen, bzw. messen lässt. Den Wandel von Gewohnheitshandlungen zu betrachten erschien angemessen.
2. Zur Erfassung von Gewohnheiten
Einkaufen und Essen ereignen sich im Alltag. Ernährung nimmt den ersten Platz in der Reihenfolge der Bedürfniskomplexe 30 ein, demzufolge handelt es sich bei Lebensmitteln um Haushaltsbedarf den man periodisch wiederkehrend erwerben muss. Damit verbundene, sich wiederholende Abläufe der Nahrungsbeschaffung und -verarbeitung, bis hin zum Verzehr, bilden dabei Gewohnheiten heraus. 31
Gewohnheiten sollen hier verstanden werden, als „durch Nachahmung, Wiederholung oder äußeren Druck (Sozialisation, Erziehung) gelernte und weitgehend verfestigte Verhaltensweisen, die in bestimmten wiederkehrenden Situationen routinemäßig, gleichsam automatisch-reflexartig praktiziert werden. (...) Gewohnheiten entlasten das Individuum von übermäßigen Entscheidungsdruck und tragen zur Stabilisierung sozialer Beziehungen und Strukturen bei, begünstigen aber die Unterwerfung unter verbesserungswürdige Herrschaftsverhältnisse und hemmen den sozialen Wandel.“ 32
30 Der Mensch hat verschiedene Bedürfnisse. Der amerikanische Psychologe Abraham Maslow, bildete eine 5stufige Pyramide aus den Bedürfnissen des Menschen. Die Basis dieser Pyramide sind die physiologischen Bedürfnisse wie Essen, Trinken und Schlafen. Auf zweiter Ebene, stehen die Sicherheitsbedürfnisse wie Schutz der Gesundheit, Vorratshaltung und Geborgenheit. Darauf bauen die sozialen Bedürfnisse auf. Zu ihnen gehören beispielsweise Freunde, Akzeptanz in der Gruppe und am Arbeitsplatz. Die vorletzte Stufe ist die Befriedigung der Ich-Bedürfnisse, wie Autonomie und Selbstachtung und an der Spitze steht die Selbstverwirklichung. Sie kann nach Maslow erst erfolgen, wenn alle anderen Bedürfnisse erfüllt sind. Störungen auf einer der „oberen Ebenen“ wirken sich allerdings auf alle darunter liegenden Ebenen aus.
31 Diese betreffen z.B.: die Entscheidung für bestimmte Lebensmittel, die Wahl des Einkaufsortes, den Einkaufsrhythmus und die Einkaufsmenge.
32 Hillmann 1994, S.298
16
Der Definition zufolge entstehen Gewohnheiten also stets vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Regeln und Ressourcen. Sofern sich weder die Ziele, noch die verfügbaren Mittel oder die Umweltbedingungen ändern, laufen Gewohnheiten instinktiv ab.
Ausgangspunkt meiner Untersuchung ist der Bereich „Einkaufen und Essen“ in der DDR. Gewohnheiten im Bereich „Einkaufen und Essen“ haben sich somit vor dem Hintergrund der DDR-Konsumkultur herausgebildet, was - aufgrund der vielfach als „Mangelgesellschaft“ 33
betitelten DDR - einige Spezifika vermuten lässt.
Das Interesse richtet sich darauf, zu beschreiben, wie und in welcher Form, im Zuge des Systemumbruchs von derart verfestigten, stabilen und stabilisierenden Verhaltensweisen abgerückt wurde.
Die nächste Frage die sich stellte war, in welcher Form sich Gewohnheiten im Rahmen der Untersuchung überhaupt erfassen lassen. Schwierigkeiten können dort auftreten wo unreflektierte, einstellungsgesteuerte Handlungen - also Gewohnheiten - plötzlich verbalisiert werden sollen. Bei gewohnheitsmäßigen Handlungen ist weder die kognitive, noch die emotionale Involviertheit hoch; sie werden in immer wiederkehrenden
Entscheidungssituationen nahezu instinktiv getroffen. Warum etwas gewohnheitsmäßig genau so und nicht anders gemacht wird, kann häufig nicht begründet werden. Tatsächlich jedoch wissen die Handelnden mehr, als sie zu sagen imstande sind.
Hinzu kommt, dass Gewohnheiten im Bereich „Einkaufen und Essen“ zwar zu den stabilsten Verhaltensweisen der Menschen zählen, sie sich jedoch aufgrund ihrer Leibnähe verhältnismäßig stark in individuellen Vorlieben und Abneigungen äußern. Folglich galt es, bei der Betrachtung eines Wandels von Einkaufs- und Essgewohnheiten, von der Ebene individueller Gewohnheiten 34 zu abstrahieren.
Dies versuchte ich damit zu erreichen, dass ich das mittels eines Leitfadens erstellte Material, nach relativ allgemeinen Wertmustern durchsuchte, die DDR-spezifische Einkaufs- und Essgewohnheiten zu steuern schienen. Diese Wertmuster werden in der Arbeit als Kategorien
33 Inwieweit der Begriff zutrifft (bspw. als Gegenstück zur Überflussgesellschaft), zu kurz greift (irreführend, plakativ und undifferenziert), oder gänzlich zu verwerfen ist (bspw. sprechen manche von einer Konsumrevolution in der DDR, nach dem 2. Weltkrieg), soll hier nicht diskutiert werden. Dies lässt sich u.a. bei Ina Merke(1999) und bei der Enquete-Kommission nachlesen. In den Ausführungen von Buchannan (1993), Kornai(1995) und Wenzel (2000), geht es vor allem um den Zusammenhang von Planwirtschaft und Mangelwirtschaft, insbesondere um die Frage, ob unter den Bedingungen einer Planwirtschaft, immer von Mangelgesellschaft gesprochen werden kann - der Mangel also systembedingt ist.
34 Angeborene Körperfunktionen und angeeignete Verhaltensmuster steuern die Gewohnheitsbildung von Präferenz, Auswahl und Mögen.
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Nicole Kochanek, 2005, 'Früher war´s nicht da und heute hast du das Geld nicht' - Zum Wandel von Einkaufs- und Essgewohnheiten am Beispiel eines ostdeutschen Dorfes, Munich, GRIN Publishing GmbH
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