Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung. 1
B. Wagners Musikdramenkonzept vor Schopenhauer. 1
C. Wagners Begegnung mit der Philosophie Schopenhauers. 4
D. Schopenhauers Philosophie. 4
I. Allgemeine Thesen. 4
II. Speziell zum Schopenhauers Metaphysik der Musik. 5
E. Wagners Musikdramenkonzept nach der Schopenhauer-Rezeption. 6
F. Untersuchung des Einflusses der Schopenhauer-Philosophie auf den Ring. 8
I. Die Handlungsebene. 8
1. Allgemeines. 8
2. Die Wotan-Figur. 9
3. Die Liebe zwischen Brünnhilde und Siegfried. 10
4. Die Siegfried-Figur. 11
5. Die verschiedenen Schlussentwürfe. 11
a) Der Schluss im Prosaentwurf von 1848. 11
b) Der Feuerbach-Schluss von 1852. 12
c) Der Schopenhauer-Schluss von 1856. 12
d) Der tatsächlich auskomponierte Schluss von 1874. 13
4. Ergebnis. 14
II. Die Musikebene. 15
1. Die Walküre (ab II. Akt) 15
2. Siegfried. 15
3. Götterdämmerung. 16
4. Musikdramatische Gründe für die Verwerfung des Schopenhauer-Schlusses. 17
5. Musik des Rheingold im Vergleich. 18
6. Ergebnis. 18
G. Zusammenfassung und Schlussbetrachtung. 18
H. Literaturverzeichnis
II
A. Einleitung
Wenn man den Ring in seinen Einzelheiten auf philosophischer, psychologischer und logischer Ebene eingehender betrachtet, kommt man nicht umhin, festzustellen, dass Wagners Monumentalwerk von Brüchen durchzogen ist. Ob und wie nun Schopenhauers Philosophie zu diesen Ungereimtheiten in Wagners Ring-Werk beigetragen hat, soll in dieser Arbeit eingehender erörtert werden. Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass einiges nur vermutet werden kann, da nicht überall eindeutigen Belege zu finden sind. Zuerst wird zum späteren Vergleich Wagners vorschopenhauerisches Konzept des Gesamtkunstwerks kurz dargestellt. Anschließend wird diesem Wagners neues, durch Schopenhauer beeinflusstes Konzept des Musikdramas gegenübergestellt. Fehlen darf dann natürlich nicht eine kurze Einführung in die Philosophie Schopenhauers, insbesondere im Hinblick auf die Musikrezeption. Schließlich folgt dann der Hauptteil dieser Seminararbeit mit einer eingehenden Untersuchung des Ring-Werks auf “Schopenhauerspuren”, und zwar unterteilt in Parallelen auf der Handlungsebene und (möglichen) direkten Einflüssen auf der Musikebene.
B. Wagners Musikdramenkonzept vor Schopenhauer
Nachdem sich durch die Französische Revolution die feudale Gesellschaftsstruktur und mit ihr die ehemals übergreifende gesellschaftliche, politische und religiöse Ordnung aufgelöst hatte, wurden auch die Künste, welche eng mit jener Ordnung im Zusammenhang standen zersplittert und zunehmend isolierter. Als Gegenmaßnahme zu dieser Zersplitterung entstand die Idee eines alle Künste zusammenfassenden Gesamtkunstwerks. (MGG 1282)
Sie läßt sich unter anderem zurückführen auf Herder, Klopstock, Bretano und die Gebrüder Schlegel. (Kunze 99)
Schelling kritisierte schon 1802 in seinem Buch Philosophie der Kunst die Oper und wertete statt dessen das antike musikalische Drama auf, was schon deutlich auf Wagner später folgende Ideen hinweist. (MGG 1283)
Als Wagner schließlich selbst die Idee eines Gesamtkunstwerks aufgreift, ist jene also schon längst in der romantischen Ästhetik vorhanden gewesen und nicht etwa durch Wagner neu erfunden (KUNZE 126). In seiner Schrift Kunst und Revolution (1849) erklärt Wagner seine Idee von einem “großen griechischen Gesamtkunstwerk”, wobei die attische Tragödie als
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Ausgangspunkt seiner theoretischen Überlegungen ist. Er lehnt sich somit an die Antike an, wo er die ideale Vereinigung von Dichtung, Musik, Drama, Tanz und Musik vollzogen sieht (KUNZE 137, Dichtungen und Schriften, BAND 2).
In seiner provokantesten Schrift Kunstwerk der Zukunft von 1849 fordert Wagner die Vereinigung der “drei reinmenschlichen Künste”: Tanz, Ton (Musik) und Dichtung (MGG 1284). In dieser, Feuerbach gewidmeten und von dessen Philosophie beeinflußten (WHB 504) Schrift, prangert Wagner die “Vereinzelung” der Künste an, d. h. die Zersplitterung in Teilkünste und vergleicht dies mit der gesellschaftlichen Vereinzelung und Isolation der Individuen (WHB 505).
Seiner Ansicht nach sollen die einzelnen Kunstgattungen als Mittel “verbraucht” und “vernichtet” werden und zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen, genauso wie Individualität in der Gesellschaft zugunsten einer kommunistischen Staatsform aufgegeben werden solle (WHB 505). Der Gesamtzweck des Musikdramas solle die Darstellung der “vollendeten menschlichen Natur” sein (WHB 505). Dabei sollten aber “... die ausgleichenden Ausdrucksmomente des Orchesters nie aus der Willkür des Musikers, als etwa bloß künstliche Klangzutat, sondern nur aus der Absicht des Dichters zu bestimmen...” sein (RW Dichtungen und Schriften, BAND 6).
Somit spielt für Wagner zu diesem Zeitpunkt die Musik keine Hauptrolle, sondern nur eine dem Drama untergeordnete Rolle. Dabei ist nach Wagners Verständnis Dichtung und Drama nicht gleichzusetzen, sondern auch die Dichtung solle dem Drama untergeordnet sein. Das Drama ist als das Gesamtkunstwerk zu sehen, dem alle Kunstgattungen untergeordnet sind. Wagner kritisiert die derzeitigen Opern und Oratorien und wirft ihnen vor, daß sie als Drama gelten wollten, “aber nur genau soweit als es die Musik erlaube.” Er sieht die Rolle Musik dort als überbewertet an, was nicht dem Ideal des Gesamtkunstwerks entspricht. Wagner bezeichnet außerdem den Kontrapunkt als “Mathematik der Gefühle” und als von “sinnlicher Musik” weit entfernt und lehnt diesen daher ab (WHB 507). Wie bereits angedeutet, bringt Wagner auch seine politischen, revolutionären Ideen in seine Theorie ein, nach der er im Gesamtkunstwerk den Ausdruck gesellschaftlicher Veränderung sieht. Dabei wird Wagner auch von Feuerbachs “anthropologischen Materialismus” beeinflusst, nach dem der Mensch als von der Natur entfremdet betrachtet wird: Der Intellekt stehe der Sinnlichkeit gegenüber und der Mensch werde durch die moderne Industriegesellschaft zu dessen Werkzeug. Als Konsequenz daraus solle der Staat “vernichtet” und die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse abgeschafft werden. (WHB 505/510). Wagners Idee des Gesamtkunstwerks ist somit eine quasi politisch-utopische, da er in der Verwirklichung des Gesamtkunstwerks auch die Zusammenführung der vereinzelten
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Individuen in der Gesellschaft sieht (MGG 1284-1285).
In der Praxis stellt sich jedoch heraus, daß Wagners Idee von der Vereinigung der Künste nur eine ideologische Konstruktion ist, welche in seinen Werken kaum eine konkrete Bedeutung hat und bald unter dem Einfluß Schopenhauers, worauf weiter unten genauer eingegangen wird, gänzlich aufgegeben wird, wenn auch nicht ausdrücklich. Jedoch werden als Folge dieses rein theoretischen Konzepts Dichtung, Musik und Tanz als Mittel des “Ausdrucks” unter den “Zweck” des Dramas gestellt (MGG 1285-1286). In seiner Schrift Oper und Drama (1851) geht Wagner ausführlicher auf die Mittel-Zweck-Relation ein. Darin wird die nach seinem Musikverständnis überbewertete Rolle der Musik in den zeitgenössischen Opern kritisiert: ”... der Irrtum in dem Kunstgenre der Oper bestand darin, daß ein Mittel des Ausdruckes (die Musik) zum Zwecke, der Zweck des Ausdruckes (das Drama) aber zum Mittel gemacht war...”. (WHB 511, RW Dichtungen und Schriften, Band 7, 18-19). Konkreter ausgedrückt, wirft er der Oper des 18 Jh. vor, dass sie dem Sänger allein zur “Darlegung seiner Kunstfertigkeit” diene (WHB 511, RW Dichtungen und Schriften, Band 7, 24), also zur Beeindruckung des Publikums und der Betonung auf die musikalische Wirkung und nicht der dramatischen. Als negative Beispiele führt er die Opernkomponisten Rossini und Weber an: Bei Rossini dominiere die “nackte, ohrgefällige Melodie” und der das Dramatische sei verloren in seiner Musik. Bei Weber sei das “Drama” ganz auf die volkstümliche Melodie zugeschnitten, dieser folglich untergeordnet (RW Dichtungen und Schriften).
Für Wagner solle zu diesem Zeitpunkt die Musik der Dichtung gleichgestellt sein, wobei sie allerdings dort anknüpft, wo die “Aussagekraft der Sprache ihre Grenze erreiche” (KUNZE 107). Wagners Idee vom Drama ist demnach mit dem Kunstbegriff identisch und er will die Zusammenführung aller Künste zu einem Gesamtkunstwerk, welches in seiner Intention kein anderes Kunstwerk neben sich duldet (KUNZE 126). Abschließend soll noch eine Zusammenfassung von Wagners damaliger Dramentheorie durch Gounod (Gounod, in Richard Wagner- Das Betroffensein der Nachwelt, S. 39), dargestellt werden, welcher folgende Hauptpunkte darin sieht: 1. Ersatz des Gesangs durch Deklamation 2. Ausschluß der Vokalpolyphonie 3. Abschaffung der Tonalität
4. Leugnung und Einebnung der Grenzen, die ein “Musikstück” bestimmen und abgrenzen, und Verkündung des Prinzips der “unendlichen Melodie”.
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C. Wagners Begegnung mit der Philosophie Schopenhauers
Als Wagner, wie er in seiner Autobiographie Mein Leben berichtet, im Jahr 1854 das Hauptwerk Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung (1818) auf Anraten seines Freundes Georg Herwegh liest, beginnt für ihn ein einschneidender Wandel seines Weltbildes. Innerhalb kurzer Zeit liest Wagner dessen Werk viermal durch (MEIN LEBEN 100-102). Bryan Magee ist der Ansicht, daß Wagner an sich schon immer ein “Schopenhauerianer” gewesen sei, ohne es zu wissen (Magee 342). Auch Wagner selbst schreibt oftmals, wie erstaunt er sei, so viele Parallelen zwischen seiner Lebensauffassung und der Schopenhauers zu erkennen. So schreibt er in einem Brief an August Röckel (RW Sämtliche Briefe BAND VIII 152 ff.), daß seine “hellenistisch-optimistische” Weltsicht und die Philosophien Feuerbachs und Hegels, welche er bis dahin befürwortet hatte, ihn nie gänzlich überzeugt hätten. In Wirklichkeit sei in seinem Unterbewusstsein schon lange die Schopenhauerphilosophie latent vorhanden gewesen. Dies versucht er an der Aussage seiner Werke, allen voran in seiner Dichtung zum Ring des Nibelungen zu illustrieren, wo er selbst angibt, überrascht gewesen zu sein, wie diese sich vom “optimistischen” Prosaentwurf von 1848 zum “negativen” in 1852 entwickelt habe (RW Sämtliche Briefe BAND VIII 152 ff.).
D. Allgemeine Thesen und Metaphysik der Musik in Schopenhauer Philosophie
I. Allgemeine Thesen
Die Philosophie das ihr zugrundeliegende Musikverständnis Schopenhauers unterscheidet sich grundlegend von der hegelschen. Schopenhauer selbst drückte seine Abneigung gegenüber Hegel darin aus, daß er ihn als “Caliban” beschimpfte und jenem “gewichtig daherkommende Unverständlichkeit” in dessen Philosophie vorwarf. Wagner fühlte sich, da er die Kunst als auch die Gesellschaft revolutionieren wollte, von Schopenhauers Philosophie bestätigt (Kunze, S. 103). Nachfolgend sollen nun die wichtigsten allgemeinen, insbesondere aber die im Zusammenhang mit der Metaphysik der Musik stehenden Hauptthesen der schopenhauerschen Theorie genannt werden, welche bei der Untersuchung des Einflusses auf den Ring des Nibelungen von Interesse sein könnten.
Allgemein betrachtet ist Schopenhauers Philosophie eine ungemein nihilistische und pessimistische Philosophie. Eine der wichtigsten Hauptthesen ist die Auffassung, dass das Leben an sich nicht lebenswert sei (WAWUV 1148 ff.). Begründet wird dies dadurch, dass auf der einen Seite die Wünsche und Bedürfnisse des Menschen unerfüllbar seien, auf der anderen Seite das Leben nicht darauf ausgelegt sei, diese Bedürfnisse auch nur annähernd zu
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Arbeit zitieren:
Oliver Steinert-Lieschied, 2005, Der Einfluss Schopenhauers auf Wagners Musikdrama "Ring des Nibelungen", München, GRIN Verlag GmbH
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