Inhaltsverzeichnis
1. Vorbemerkung 3
2. Zur Einführung: Novalis Entwicklungsroman - ein Bildungsroman? 3
3. Narratologische Aspekte 5
3.1. Zur Struktur der Romane 5
3.1.1. Konvergenz von Mikro- und Makrostruktur: Novalis Romanfragment 5
3.1.2. Die Frauengestalten als Spiegel des Inneren: Wilhelm Meisters Lehrjahre 7
3.1.3. Lehrfiguren 7
3.2. Motivkomplexe im Novalis-Roman 9
3.2.1. Der Motivkomplex des Bergbaus 9
3.2.2. Das Leitmotiv der blauen Blume 12
3.3. Beziehungen als Katalysator der eigenen Bewußtseinstranformation 14
3.3.1. Die Liebesbeziehung Heinrichs 14
3.3.2. Tragische „romantische“ Gestalten im Goethe-Roman:
Mignon und der Harfner 15
4. Das Bildungsideal im Zeichen der Universalpoesie 18
4.1. Heinrichs Bildungsreise als Initiationsritus 18
4.2. Der Reifeprozeß als Reise zurück - in die eigene Vergangenheit 20
4.3. Die Reise als Leseerlebnis 24
4.4. Aufhebung der Zeit 26
4.5. Bildung wozu? Subjektivitätskonstruktion als Prozeß unendlicher Annäherung 28
5. Schlußbemerkungen 33
6. Bibliographie 35
2
I. Vorbemerkung
Das Romanfragment Heinrich von Ofterdingen (im folgenden bei Zitaten mit HvO abgekürzt) des Friedrich von Hardenberg alias Novalis, erstmals 1802 posthum veröffentlicht, wird von der Forschung nicht erst in jüngster Zeit der Tradition des Bildungsromans zugerechnet. Üblicherweise wird dieser Roman als Gegenbild zum Roman der Klassik und zu der ungenau definierten Gruppe der Bildungsromane gesehen. Diesem Genre wird insbesondere Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre (im folgenden mit WM zitiert) als Stichwortgeber zugerechnet. Der große Einfluß, den Goethes Roman auf Novalis bis hin zu dessen Plänen hatte, einen Gegenentwurf zu kreieren, ja, Goethe zu übertreffen 1 , ist in der Forschungsliteratur oft genug dargestellt worden. In dieser Arbeit soll, von einer vergleichenden Textlektüre ausgehend, das Bildungsideal, wie es im Ofterdingen-Roman vertreten wird, mit den zugrundeliegenden poetologischen Grundannahmen herausgestellt werden.
II. Zur Einführung: Novalis` Entwicklungsroman - ein Bildungsroman? Die Zuordnung des Heinrich von Ofterdingen zum Genre des Bildungsromans ist ebenso vieldiskutiert wie umstritten. Die Probleme fangen schon damit an, daß es trotz oder vielleicht auch gerade wegen der Vielzahl an hochkarätigen Publikationen, welche die Forschung zu diesem Thema hervorgebracht hat, keine allgemein anerkannte schlüssige Definition dieses Genres gibt. Die Auffassungen klaffen denkbar weit auseinander. Auf der einen Seite steht die These, der Bildungsroman sei ein klassisches Produkt der Goethezeit und folglich Wilhelm Meisters Lehrjahre die einzig maßgebliche Referenz:
Man hat die Unklarheit der Gattungsbezeichnung dadurch beheben wollen, daß man den Inhalt des Wortes "Bildung" aus dem Verständnis der Goethezeit zu bestimmen versuchte: Damals sei die Gattung entstanden, und man habe deshalb bei ihrer Beschreibung die Vorstellungen jener Epoche zu berücksichtigen. Nur wo dieses klassische Bildungskonzept sich in Romantexten als wirksam erweise, solle man von Bildungsromanen sprechen, um einen allzu vagen Begriffegebrauch zu vermeiden. 2
1 Novalis 1981 Band II, S. 642.
2 Jacobs/Krause, S. 19.
3
Das andere Extrem bilden Auffassungen wie die, der (deusche) Roman schlechthin sei, wenn er "ein Kunstwerk seyn" 1 will, der Bildungsroman.
Friedrich Schlegel verwendet den Begriff Bildungsroman als erster - allerdings noch nicht präzise fachwissenschaftlich - in seiner Kritik Über Goethe`s Meister. In der ersten terminologischen Verwendung des Begriffes "Bildungsroman" in einer Reihe von Aufsätzen und Vorträgen bei Karl Morgenstern um 1820 kommt es noch nicht zu einer Theorie auf hohem Abstraktionsniveau, sondern lediglich zu einer literaturhistorischen Zusammenschau, die durch Wielands Agathon, Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre, vor allem aber die Romane Klingers, motiviert wurde. Danach geht es im Bildungsroman darum, in den Protagonisten "männliche Denkart und Charakterstärke zu wecken, und gegen die Stürme des Lebens und die Schläge des Schicksals zu waffnen" 2 . Wilhelm Dilthey hat eine vielbeachtete Definition des Bildungsromanes der Zeit um 1800 geliefert. Bildungsromane stellen demzufolge
den Jüngling jener Tage dar; wie er in glücklicher Dämmerung in das Leben eintritt, nach verwandten Seelen sucht, der Freundschaft begegnet und der Liebe, wie er nun aber mit den harten Realitäten der Welt in Kampf gerät und so unter mannigfachen Lebenserfahrungen heranreift, sich selber findet und seiner Aufgabe in der Welt gewiß wird. 3 Diese Definition zugrunde gelegt, wäre fraglich, ob Heinrich von Ofterdingen vorbehaltlos als Bildungsroman zu bezeichnen sei, gerät Heinrich doch kaum mit der harten Realität in Konfliktnicht ohne Grund wird der Tod Mathildes selber nicht dargestellt. Selbmann unterscheidet daher sehr treffend zwischen der weitergefaßten Kategorie des Entwicklungsromans und dem Bildungsroman im engeren Sinne 4 .
Einig ist sich die Literaturwissenschaft immerhin in der Auffassung, der Dichter habe seinen Roman als Antithese zu Goethes Meister-Roman angelegt. Allerdings gehört zu dieser Einsicht auch nicht viel, geht sie doch allein schon aus diversen autobiographischen Notizen und Briefen von Hardenbergs hervor (siehe u.a.: Entwurf zu einem Goethe-Essay von 1798). Novalis begriff den Wilhelm Meister nach anfänglich grenzenloser Bewunderung zunehmend als handwerklich ausgereiftes und geschickt konstruiertes Romanwerk, in dem bedauerlicherweise doch die
1 Morgenstern in Selbmann (Hg.) 1988, S. 75.
2 Morgenstern in: Selbmann (Hg.) 1988, S. 53.
3 Dilthey, S. 322 - 323.
4 Selbmann, S. 84.
4
bestehende Gesellschaftsordnung mit ihren Sachzwängen den Sieg über eine Poetisierung der Welt davonträgt. In einem Brief an Ludwig Tieck vom 25. Februar 1800 etwa schreibt Novalis: "[...] ich sehe so deutlich die große Kunst, mit der die Poesie durch sich selbst im Meister vernichtet wird - und während sie im Hintergrunde scheitert, die Oeconomie sicher auf festen Grund und Boden mit ihren Freunden sich gütlich thut [...]" 1 . Ein gewisser Kompromiß in der Debatte zeichnet sich mit der Feststellung ab, daß die Charakteristika eines speziellen Genres wie dem des Bildungsromanes in einem gewissen Rahmen dynamisch sind und selber dem Wandel der Zeit unterliegen, ja, daß sie durch immer neue Beiträge auch immer neu justiert werden können 2 . Rolf Selbmann gibt zu bedenken, daß zum Bildungsroman, will er denn das Etikett eines eigenständigen Genres für sich beanspruchen, mehr gehört als nur eine feststehende Figurenkonstellation aus Lernendem und Lehrendem. Stilbildend sei vielmehr die "Dominanz einer Bildungskonzeption" 3 . Es wird im folgenden zu klären sein, inwiefern dieses Diktum für das Ofterdingen-Romanfragment gilt.
III. Narratologische Aspekte
3.1. Zur Struktur der Romane
3.1.1. Konvergenz von Mikro- und Makrostruktur: Novalis` Romanfragment Der Philologie ist seit längerem aufgefallen, daß Novalis sich in seinem sprachlichen Stil an Goethe orientiert hat. Novalis bewunderte dessen klaren, einfachen und leichten Sprachfluß 4 . Und auch in der Struktur folgt der Heinrich von Ofterdingen dem Meister-Roman Goethes. Die einzelnen Kapitel in der "Erwartung" bestehen weitgehend unabhängig nebeneinander, sie bilden kleine Einheiten für sich. Ihnen entsprechen die ansteigenden Stationen auf Heinrichs Bildungsweg. Daher sind den meisten Kapiteln jeweils neue "Lehrmeister" zugeordnet: im ersten Kapitel ist es der Vater, in den Kapiteln zwei und drei die Kaufleute, in Kapitel vier begegnet Heinrich den Rittern und der Morgenländerin, in Kapitel fünf sind es der Bergmann und der Einsiedler, darauf folgt in Kapitel sechs Schwaning. Einzig die Kapitel sieben und acht sind nicht
1 Novalis 1981 Band IV, S. 323.
2 Siehe dazu u.a.: Mayer.
3 Selbmann 1984, S. 37.
4 Beck, S. 21 f..
5
voneinander zu trennen, sondern bilden eine Einheit; in ihnen wirkt der Dichter Klingsohr auf Heinrich ein. Das neunte Kapitel steht dann ganz im Zeichen des Klingsohr-Märchens; allerdings spricht vieles dafür, hier nicht mehr vorbehaltlos von einem Lehrmeister Klingsohr zu sprechen. An dieser Stelle werden bereits die beiden Linien Erzählhandlung und Erzählvorgang amalgamiert - eine Eigenart, die sich im zweiten Teil des Romanes in einer dauerhaften Aufgabe des geordneten realistischen Erzählens manifestiert. Implizit kündigt sich im Klingsohr-Märchen bereits die werdende dichterische Begabung Heinrichs an, und außerdem kann die Vereinigung von Freya und Eros am Ende des Märchens (HvO, S. 149 ff.) als stellvertretend für die im Roman nicht erzählte Vermählung Heinrichs und Mathildes angesehen werden. Hier wird vorausgegriffen auf die Erfüllung Wilhelms als Dichter. Hans-Joachim Mähl bezeichnet das Märchen als einzigen Ort im Schaffen Novalis`, "an dem der Dichter ein zauberhaft ausgemaltes Zielbild des zukünftigen goldenen Zeitalters entwirft, das aus Erinnerung und Ahnung herausgehoben märchenhafte Wirklichkeit gewinnt [...]" 1 .
Doch die eigenartige kompositionelle Strenge hat noch weitreichendere Folgen. Der Roman zeichnet sich durch eine auffallende Konvergenz zwischen Mikro- und Makrostruktur aus. Einzelne Episoden, die zumeist deckungsgleich mit Kapiteln sind, spiegeln in ihrer Anlage häufig die Struktur des gesamten Romans: begonnen wird mit einer sporadischen Schilderung des Ambientes, es folgen Gespräche mit den jeweilig auftretenden Figuren, die Heinrich kennenlernt; vom Dialogischen wird zu Erzählungen übergegangen, und schließlich wird die Situation nicht mehr zugunsten der Realität aufgelöst, sondern die Episode endet in der traumhaften Welt eines Liedes oder einer fabelhaften Geschichte.
Erst anschließend erfahren die Erzählungen und Träume ihre Bestätigung in der Realität. In jeweils späteren Kapiteln ist die Handlung zumeist um Begebenheiten herum konstruiert, die in vorherigen bereits durch Erzählungen antizipiert wurden; so etwa in der Höhle des Einsiedlers die Eindrücke vom Abstieg in das Erdinnere, auf die bereits die Erzählungen des Bergmannes vorbereitet haben. Das konkrete Erlebnis wird so in seiner Bedeutung gegenüber der theoretischen Reflexion zurückgestuft. Die Realität erhält den Charakter einer Abgleichsinstanz für die Bewährung des Erahnten.
1 Mähl, S. 404.
6
3.1.2. Die Frauengestalten als Spiegel des Inneren: Wilhelm Meisters Lehrjahre
Dieses Schema, nach dem einzelne erzählerische Einheiten bestimmten Charakteren gewidmet sind, findet sich bereits in Wilhelm Meisters Lehrjahre. Dort wird jedes der acht Bücher jeweils von einer Frauengestalt dominiert, die in Bezug zum Entwicklungsstand des Protagonisten steht und dessen innere Beschäftigung reflektiert 1 - von der naiven Leidenschaft zu Mariane in der frühen Jugend über die kapriziösen Beziehungen zu den Frauengestalten, die im Zusammenhang mit dem Theaterbetrieb stehen, und die "ethisch" motivierten Frauen schöne Seele und Therese, die eine Abkehr vom extrovertierten und flüchtigen Leben der Theatergesellschaften darstellen, bis hin zum ausgewogenen Gleichgewicht all dieser Antriebe, verkörpert durch Natalie. Wilhelm erkennt ihre harmonische Natur, die auch durch ihren persönlichen Werdegang und eine beneidenswerte Erziehung im Herzen der Turmgesellschaft begünstigt wurde, zu gegebener Zeit: "Sie haben sich, man fühlt es Ihnen wohl an, nie verwirrt. Sie waren nie genötigt, einen Schritt zurück zu tun." (WM, S. 557).
Am Ende der Entwicklung steht als Symbiose Natalie, die alle unterschiedlichen Veranlagungen und Neigungen harmonisch in sich vereint. Ihre Handlungen sind motiviert durch uneigennützige, tätige Hilfe am Nächsten: "Wer nicht im Augenblick hilft, scheint mir nie zu helfen; wer nicht im Augenblicke Rat gibt, nie zu raten." (WM, S. 558). Es ist aber wohl kein Zufall, daß gerade Natalie in dem Roman als Charakter eher blaß bleibt. Hierin ähnelt sie auffallend der Mathilde aus dem Novalis-Roman, die ja auch, wie weiter oben bereits dargelegt wurde, eher eine Projektionsfläche als ein selbstbestimmter, starker Charakter ist.
3.1.3. Lehrfiguren
Im folgenden soll in den Blick genommen werden, in welcher Weise die mit didaktischer Intention konzipierten Figuren in den beiden Romanen auf die Protagonisten einwirken. Es sei dabei zunächst auf die enorme Komplexität der Handlung in den Lehrjahren verwiesen. Das Auftauchen einzelner Gestalten dort scheint zunächst keiner stillschweigend verfolgten Logik, die im Zusammenhang mit der Handlungsprogression zu sehen ist, geschuldet zu sein. Die Weggefährten Wilhelms treten auf und verschwinden wieder, so der Anschein, "wie im richtigen Leben".
1 Siehe dazu Minden, S. 40.
7
Arbeit zitieren:
Boris Kruse, 2006, Das Bildungsideal in Novalis' "Heinrich von Ofterdingen" im Kontext der Bildungsromandiskussion, dargestellt anhand eines Vergleiches mit Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre", München, GRIN Verlag GmbH
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