Inhaltsverzeichnis
Seite
1. Einführung in Programmatik und Problematik des Industrial Relations Act 1
2. Der Industrial Relations Act. Ein Misserfolg für die Regierung Heath 1
2.1. Unbelehrbarkeit 1
2.2. Kompromisslosigkeit 3
2.3. Ungründlichkeit 4
2.4. Fehleinschätzungen 6
2.5. Fehlende Standhaftigkeit 8
2.6. Dauerbelastung und Scheitern 10
3. Schlussbemerkung 14
II
1. Einführung in Programmatik und Problematik des Industrial Relations Act Im Jahr 1971 versuchte die britische Regierung unter Premierminister Edward Heath durch die Implementierung des Industrial Relations Act die Arbeitsbeziehungen des Landes grundlegend neu zu regeln, 1 um die hinter den anderen europäischen Staaten 2 zurückgebliebene wirtschaftliche Entwicklung zu verbessern. 3 Ein Jahr nach dem überraschenden 4 Wahlsieg im Juli 1970 für Heath und seine Conservative Party trat somit das erste Gesetz der britischen Geschichte in Kraft, welches die Industrial Relations in einem umfassenden Maße regeln 5 und dabei die Rechte der Gewerkschaften drastisch einschränken sollte.
Noch kurz nach dem Wahlsieg erfreute sich der Industrial Relations Act samt seiner Hoffnung auf einen Wirtschaftsaufschwung einer überwältigenden Popularität innerhalb der britischen Gesellschaft. 6 Doch noch im selben Jahr, indem der Industrial Relations Act in Kraft trat, wurde klar, dass das Gesetz ein Misserfolg für die Regierung Heath werden sollte. 1972 ließen sich die gesetzlichen Neuregelungen in der ursprünglichen Form nicht mehr aufrecht erhalten. Vielmehr wurde das Gesetz zu einer Dauerbelastung für die Regierung, so dass sie im Februar 1974 Neuwahlen ausschrieben ließ und hier der Labour Party unterlag. 7 Im folgenden soll nun untersucht werden, wie es dazu kommen konnte, dass der Industrial Relations Act zu einem Misserfolg für die Regierung Heath wurde und letztlich ihr Scheitern verursachte. Dies soll anhand mehrerer Teilbereiche verdeutlicht werden, in denen die politische Tätigkeit der Regierung Heath in Verbindung mit dem Gesetz zu dieser Entwicklung beigetragen hat.
2. Der Industrial Relations Act. Ein Misserfolg für die Regierung Heath
2.1. Unbelehrbarkeit
Die Implementierung des Industrial Relations Act war wohl der bis dahin ehrgeizigste Versuch, die Arbeitsbeziehungen in Großbritannien zu reformieren. 8 Der Regierung Heath müssen dabei aber durchaus strategische oder handwerkliche
1 Colneric 1979, S.1.
2 Crafts 1992, S.44.
3 Childs 1992, S.223.
4 Kluxen 1985, S.845. Edward Heath war bereits vier Jahre zuvor gegen Harold Wilson angetreten
und hatte dort das schlechteste Wahlergebnis für die Conservative Party seit 1945 erzielt. Vgl. Blake
1997, S.303. Außerdem besaß Heath sowohl allgemein, als auch in seiner eigenen Partei, keine großen
Sympathiewerte. Vgl. Ball 1987, S.185.
5 Taylor 1994, S.525.
6 Campbell 1993, S.364.
7 Kluxen 1985, S.847.
1
Fehler vorgeworfen werden, was die Konzeption des Industrial Relations Act anbetrifft. So hätte sie etwa bereits aus den schlechten Erfahrungen lernen können, die ihre Vorgängerregierung mit einem dem Industrial Relations Act ähnlichen, aber unverwirklichten Gesetzesvorschlag gemacht hatte. 9 Teile der Konzeption und der Ziele des Industrial Relations Act waren daher keineswegs ein politischer Neuansatz der Regierung Heath. Vielmehr hatte die Arbeitsministerin der damaligen Labourregierung, Barbara Castle, bereits 1969 entgegen der Empfehlung einer Kommission, die von Premierminister Wilson eingesetzt wurde und kleine Reformschritte anstatt einer großen Reform vorschlug, 10 einen Gesetzesvorschlag eingebracht, 11 der dem Industrial Relations Act ähnlich war, insgesamt aber nicht ganz so weit ging. 12
Das in dem Weißbuch „In Place of Strife“ veröffentlichte Gesetzesvorhaben sollte das Streikrecht der Gewerkschaften einschränken, da dieses als mitverantwortlich für die krisenhafte wirtschaftliche Situation Großbritanniens galt. 13 Doch obwohl der Plan auf breite Zustimmung in der Öffentlichkeit stieß, 14 wurde er letztlich verworfen. Dabei leisteten nicht nur die Trade Unions massiven Widerstand. Es bestand außerdem eine große Mehrheit unter den Abgeordneten der Labour Party im House of Commons, die sich gegen das Gesetz aussprachen, und sogar einige Regierungsmitglieder schlossen sich der Auffassung an, 15 das Gesetz nicht durchzusetzen. 16 Denn schließlich war es praktisch ein ungeschriebenes Gesetz, dass keine Labour Party jemals die Immunität der Gewerkschaften oder das alteingesessene System der Arbeitsbeziehungen antasten sollte. 17 Hätte die Regierung Heath also aus den Schwierigkeiten ihrer Vorgängerregierung gelernt, dann hätte sie nicht zu viele Reformschritte auf einmal vornehmen dürfen und hätte auf eine schnelle radikale Entmachtung der Gewerkschaften verzichten
8 Peele 1995, S.8.
9 Childs 1992, S.223.
10 Die nach ihrem Vorsitzenden benannte Donovan-Kommission hatte die Aufgabe Empfehlungen für
eine Neureglung der Arbeitsbeziehungen abzugeben. Kastendiek betont hierbei, dass die
Reformvorschläge noch weitgehend dem free collective bargaining folgten. Vgl. Kastendiek 1998,
S.339. Childs hingegen erwähnt den Vorschlag der Kommission, die Immunität der Haftbarmachung
für inoffiziell Streikende abzuschaffen. Vgl. Childs 1992, S.208.
11 Leitolf 1995, S.288.
12 Kastendiek 1998, S.341.
13 Sturm 1997, S.29.
14 Leitolf 1995, S.288.
15 Stacey 1975, S.48.
16 Sturm 1997, S.204.
17 Peele 1995, S.197.
2
müssen. 18 Vielmehr hätte sie, wie der Regierung Wilson einst von der von ihr eingesetzten Reformkommission angeraten wurde, kleine Reformschritte implementieren müssen, um die Proteste der Gewerkschaften klein zu halten und eine wirkliche Chance auf die Verwirklichung einer großen Reform der Arbeitsbeziehungen zu haben. Indem die Regierung Heath dies aber nicht befolgte und die Warnsignale unter der Vorgängerregierung schlichtweg ignorierte, war ein massiver Protest der Gewerkschaften und ein Scheitern der Gesetzgebung vorprogrammiert.
2.2. Kompromisslosigkeit
Ein weiterer Fehler der Regierung Heath war ihre Beharrlichkeit, mit der sie den Industrial Relations Act mit aller Macht durchsetzen wollte. Diese Inflexibilität und Kompromisslosigkeit trug sicherlich dazu bei, den Widerstand der Gewerkschaften zu verstärken, die durch das Gesetz in ihrer Macht stark beschnittenen wurden. Bei sehr großen Reformen, wie sie die Neuregelung der Arbeitsbeziehungen zweifellos darstellte, war es üblich, das Reformvorhaben vor der Implementierung des Gesetzes genügend lang mit der Opposition im House of Commons zu diskutieren und möglichst einen Kompromiss zu finden. Eine große Aussprache über den Industrial Relations Act fand zwar statt, doch wurden ganze Passagen - darunter auch sehr wichtige wie die Einsetzung des National Industrial Relations Court -aufgrund mangelnder Zeit überhaupt nicht angesprochen 19 und so stieß das Gesetz während der gesamten Zeit seiner Existenz auf erbitterten Widerstand der Labour Party. 20
Mit dem Trade Union Congress (TUC), den die Regierung extra eingeladen hatte, kam zwar eine Diskussion über die Folgen des Gesetzes zustande, 21 doch hatte Arbeitsminister Carr unmissverständlich klar gemacht, dass die einzelnen Bestandteile des Industrial Relations Act nicht verhandelbar seien und exakt nach der im Wahlprogramm aufgeführten Konzeption durchgeführt würden. 22 Hiernach boykottierte der TUC, weitere Gespräche über das Gesetz zu führen 23 und
18 Taylor 1994, S.525.
19 Campbell 1993, S.368.
20 Campbell 1993, S.365.
21 Moran 1983, S.279.
22 Dorey 1995, S.88.
23 Moran 1983, S.279.
3
auflagenstarke Zeitungen wie The Economist riefen der Regierung nochmals in Erinnerung, dass das Gesetz eigentlich die Industrial Relations verbessern sollte. 24 Aber auch innerhalb der parlamentarischen Conservative Party war der Industrial Relations Act nicht unumstritten. Einige konservative Abgeordnete monierten, dass einige Passagen des Gesetzes zu weit auslegbar seien. Andere Abgeordnete der Conservative Party zweifelten an der Methode, die Industrial Relations durch ein Gesetz neu zu regeln. Sie hielten es für besser, die Reform durch einen Konsens mit der Opposition und den Gewerkschaften zu verabschieden. Damit wollten sie einem möglichen Protest der Gewerkschaften aus dem Weg gehen, der bei einer gesetzlich vorgegebenen Lösung drohen konnte. 25
Dennoch beharrte die Regierung Heath darauf, das Gesetz zu verabschieden und auch, nachdem es zu zahlreichen Streiks und Massendemonstrationen gegen den Industrial Relations Act gekommen war, bevor das Gesetz im August 1971 überhaupt in Kraft trat, veranlassten diese ersten Warnsignale die Regierung nicht dazu, das Gesetz zurückzunehmen oder zu modifizieren. 26 Diese kompromisslose Haltung, das Gesetz unbedingt durchsetzen zu wollen, sollte später dazu beitragen, dass die Neuregelung der Arbeitsbeziehungen misslang und zum Scheitern der Regierung beitrug.
2.3. Ungründlichkeit
Zu den Fehlern, die zum Misserfolg des Industrial Relations Act beitrugen, gehört auch die Ungründlichkeit der Regierung Heath.
Der Industrial Relations Act verpflichtete die verschiedenen Gewerkschaften, den Anordnungen des extra eingerichteten National Industrial Relations Court (NIRC) Folge zu leisten und sich bei diesem registrieren zu lassen, um als Tarifpartei anerkannt zu werden. 27 Dabei sollte der NIRC eine Art unabhängiges Gericht für die Industrial Relations darstellen, letztlich war er aber ein Instrument der Regierung, das deren Entscheidungen in die Tat umsetzte. 28 Daher bedeutete diese Bindung des NIRC einen Verlust der Unabhängigkeit, den die Judikative gegenüber der Exekutive
24 Campbell 1993, S.365.
25 Dorey 1995, S.90-91.
26 Fetscher 1978, S.266.
27 Sturm 1997, S.30. Hierbei wurden nur Gewerkschaften als Tarifpartei akzeptiert, die die
Bestimmungen des Industrial Relations Act akzeptierten und in die Tat umsetzten. Vgl. Windolf 1983,
S.35.
28 Campbell 1983, S.461.
4
Arbeit zitieren:
Dirk Wippert, 2000, Der Industrial Relations Act - Ein Misserfolg für die Regierung Heath, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Theorien Internationaler Politik
Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien
Essay, 8 Seiten
Das politische System Großbritanniens - Parteien und Wahlen
Politik - Internationale Politik - Region: Westeuropa
Seminararbeit, 32 Seiten
Politik - Internationale Politik - Region: Westeuropa
Seminararbeit, 8 Seiten
Internationale Organisationen und soziologischer Konstruktivismus
Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien
Wissenschaftlicher Aufsatz, 10 Seiten
Dirk Wippert's Text Der Industrial Relations Act - Ein Misserfolg für die Regierung Heath ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Dirk Wippert hat den Text Der Industrial Relations Act - Ein Misserfolg für die Regierung Heath veröffentlicht
Dirk Wippert hat einen neuen Text hochgeladen
Class Acts: An Anthropology of Urban Workers and Their Union
E. Paul Durrenberger, Suzan Erem
World Labour Report 1997-98: Industrial Relations, Democracy and Socia...
International Labour Office
All Change at Work?: British Employment Relations 1980-98, Portrayed b...
Bryson Alex, Neil Millward, John Forth
European Union - European Industrial Relations?: Global Challenge, Nat...
Wolfgang Lecher, W. Lecher
All Change at Work?: British Employment Relations 1980-98, Portrayed b...
Bryson Alex, Neil Millward, John Forth
0 Kommentare