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Inhalt
Einleitung : Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN)
in der Sowjetischen Besatzungszone und in Berlin
1945 bis 1948 - Thema, Forschungsstand, Fragestellung 4
1 Vorgeschichte und Entstehung der VVN. 12
1.1 Lokale antifaschistische Ausschüsse im Sommer 1945 12
1.2 Erste Organisationsformen der "Opfer des Faschismus" 18
1.3 Vorbereitungen für eine politische Verfolgtenorganisation 32
1.4 Die Alliierten zwischen Kooperation und Konfrontation - Die
Gr ündungskonferenzen der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes im Jahre 1947. 39
2 Programm, Statuten, Organisation und Arbeitsfelder der VVN. 53
2.1 Programm und Statuten der VVN 53
2.2 Mitglieder und Funktionäre der VVN. 59
2.3 Verlag und Publikationen der VVN 67
2.4 Fürsorge und Betreuung der Verfolgten 70
3 Die VVN in der Eskalationsphase des Kalten Krieges 1947 - 1948. 76
3.1 Die Auseinandersetzung der VVN mit den Folgen des NS-Regimes. 76
3.1.1 Geistige Auseinandersetzung mit dem NS-Regime:
W ürdigung des antifaschistischen Widerstands und Kampf gegen die NS-Ideologie. 76
3.1.2 Politische Auseinandersetzung mit dem NS-Regime:
Entnazifizierung und Internierung von NS-Funktionären 103
3.1.3 Juristische Auseinandersetzung mit dem NS-Regime:
Verurteilung und Bestrafung von NS- und Kriegsverbrechern. 134
3.1.4 Gruppenspezifische Auseinandersetzung mit dem NS-Regime:
Wiedergutmachung und Befreiung aus alliierter Kriegsgefangenschaft 152
3
3.2 Die VVN und die wachsenden Spannungen zwischen Ost und West 162
3.2.1 Zwischen Kooperation und Konfrontation: SPD und VVN. 163
3.2.2 Zwischen Lenkung und Selbstbehauptung: SED und VVN. 174
3.2.3 Zwischen Parteinahme und Pluralismus: VVN und Kalter Krieg 183
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Faschismus , Widerstand und Verfolgung aus Sicht der VVN:
Die Ausstellung "Das andere Deutschland" 1948 195
Zusammenfassung : Die VVN in der SBZ und in Berlin -
Interessenvertretung der Verfolgten oder Tarnorganisation der Kommunisten? 202
Anhang 208
Abk ürzungsverzeichnis 208
Quellen - und Literaturverzeichnis. 210
Tabellen 234
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Einleitung: Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) in der Sowjetischen Besatzungszone und in Berlin 1945 bis 1948 -Thema, Forschungsstand, Fragestellung
Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) wurde als kleinste aller Massenorganisationen in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) erst relativ spät, nämlich im Februar 1947, gegründet 1 . Die Berliner VVN, die in allen vier Sektoren der Stadt arbeitete, trat sogar erst zur Jahreswende 1947/48 ins politische Leben 2 . Beide Regionalverbände waren Teil der föderalistisch strukturierten gesamtdeutschen VVN, die sich auf der "ersten interzonalen Länderkonferenz" Mitte März 1947 in Frankfurt am Main konstituierte 3 . Auf gesamtdeutscher Ebene war die VVN, die 1947 in allen vier Besatzungszonen und Berlin zusammen etwa 250 000 Mitglieder 4 hatte, von Anfang an umstritten. Der Parteivorstand der SPD für die Westzonen bezeichnete die VVN bereits Ende 1946, als gerade erst zwei Landesvereinigungen der Organisation in Nordrhein-Westfalen und Hessen bestanden 5 , als "neue getarnte Propagandaorganisation" der Kommunisten und forderte die Mitglieder auf, "die Mitarbeit in diesen Vereinigungen zu verweigern." 6 In einer Erklärung vom April 1947 wandte sich der SPD-Parteivorstand insbesondere gegen die VVN in der SBZ, indem er behauptete, "daß die Berliner Zentrale der VVN rein kommunistischen Zwecken dient." 7 Später wurde in der Bundesrepublik behauptet, die Kommunisten hätten die VVN von vornherein als "neues Trojanisches Pferd" gegründet, um mit dieser "überparteilichen Tarnorganisation" auch "den Westen Deutschlands für Moskau zu erobern." 8
Überraschenderweise spielte die VVN auch in der gesamtpolitischen Entwicklung der SBZ keine entscheidende Rolle, obwohl Antifaschismus für die aus der SBZ hervorgegangene DDR von Anfang an "das Kernstück ihres inneren und äußeren Selbstverständnisses" darstellte 9 . So war die VVN in den Blockausschüssen, die in der Anfangszeit der SBZ auf zentraler Ebene und in den Ländern wichtige Entscheidungen trafen 10 , kaum vertreten. Während andere Organisationen wie die Freie Deutsche Jugend (FDJ) oder der Demokratische Frauenbund Deutschlands (DFD) in mehreren Ländern Mitglieder in die Ausschüsse entsandten und der Freie Deutsche
1 Foitzik, Jan: Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN); in: Broszat, Martin; Weber, Hermann (Hg.): SBZ-Handbuch - Staatliche Verwaltungen, Parteien, gesellschaftliche Organisationen und ihre Führungskräfte in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands 1945-1949, München 1990, S. 750.
2 Ebd., S. 749.
3 Ebd., S. 750.
4 Grünewald, Paul: Von Häftlingskomitees und antifaschistischen Ausschüssen zur VVN; in: Von Buchenwald bis Hasselbach - Organisierter Antifaschismus 1945 bis heute, hrsg. vom Präsidum der VVN/Bund der Antifaschisten, Köln 1987; S. 19.
5 Heller, Helmuth: Der Weg einer Tarnorganisation - Zur Auflösung der VVN in der Sowjetzone, in: SBZ-Archiv -Dokumente, Berichte, Kommentare zu gesamtdeutschen Fragen, Nr. 6/1953, 20. März 1953, S. 86.
6 Schröter, Ursula: Nichts ist vergessen? - Die Opfer des Faschismus von der Befreiung bis zur Spaltung; in: Der Wedding - hart an der Grenze - Weiterleben in Berlin nach dem Krieg, hrsg. von der Berliner Geschichtswerkstatt, Berlin (West) 1987, S. 149.
7 Erklärung des SPD-Vorstandes Hannover; in: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (GStA), Hauptabteilung (HA) I, Repositur (Rep) 92, Nachlaß (NL) Heinrich Grüber, Nr. 493, Bl. 1.
8 Heller, Helmuth: a.a.O., S. 86.
9 Groehler, Olaf: Antifaschismus - Vom Umgang mit einem Begriff; in: Herbert, Ulrich; Groehler, Olaf: Zweierlei Bewältigung - Vier Beiträge über den Umgang mit der NS-Vergangenheit in den beiden deutschen Staaten, Hamburg 1992, S. 29.
10 Vgl. Suckut, Siegfried: Block-Ausschüsse; in: SBZ-Handbuch ..., S. 598 f., S. 605 ff.
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Gewerkschaftsbund (FDGB) sogar in allen Blockausschüssen mit vollem Stimmrecht Einfluß nehmen konnte, war die VVN nur in Sachsen-Anhalt mit beratender Stimme vertreten 11 . Daraus ergibt sich als zentrale Fragestellung dieser Arbeit: Welchen Charakter hatte die VVN in der Sowjetischen Besatzungszone, war sie von Anfang an Tarnorganisation zur Verbreitung kommunistischer Propaganda, oder war sie Interessenverband der Verfolgten des Naziregimes?
Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte der VVN steckt noch in den Anfängen. In der DDR erschien erst 1984 die einzige größere Arbeit zur Geschichte der VVN in der Sowjetischen Besatzungszone. Die Dissertation von Konstanze Tenner konzentriert sich allerdings stark auf die "politisch-ideologische Arbeit" der VVN. Tenner beschreibt in erster Linie die Entwicklung der öffentlichen Veranstaltungen, die die VVN zum Gedenken an die ermordeten "Opfer des Faschismus" organisierte; darüber hinaus spielen die Auseinandersetzung der Organisation mit der Geschichte des Widerstands und mit den Prozessen gegen NS-Verbrecher sowie die Stellungnahmen der VVN zu allgemeinpolitischen Themen eine Rolle 12 . Die Konflikte zwischen VVN und SPD werden dargestellt 13 , ohne auf die Ursachen einzugehen. Nur an einer einzigen Stelle nennt Tenner kurz "die Erscheinung des Personenkults um Stalin" 14 als Ausgangspunkt dafür, daß viele nichtkommunistische NS-Opfer die VVN verließen. Auf das Eintreten der VVN für die sozialen Bedürfnisse ihrer Mitgliedschaft und auf unterschiedliche politische Vorstellungen innerhalb der VVN geht Tenner fast überhaupt nicht ein. Einzig und allein die Kritik vieler VVN-Mitglieder an der raschen Wiedereingliederung der nominellen NSDAP-Parteigenossen ins politische Leben der sowjetisch besetzten Zone wird kurz erwähnt 15 . Insgesamt wird bei Tenner die Funktion zeitgeschichtlicher Arbeiten in der DDR sehr deutlich: Es ging darum, die SED-Herrschaft aus der führenden Rolle der KPD im antifaschistischen Widerstand zu legitimieren, und abschließend resümiert Konstanze Tenner dann auch: "In der Deutschen Demokratischen Republik ist der Schwur der Antifaschisten erfüllt ...." 16 Auf den aktuellen politischen Anlaß, weshalb sich die SED Anfang der 80er Jahre für die VVN interessierte, weist vor allem das begleitende Autorenrefarat zur Dissertation hin: Die Erfahrungen eines überparteilichen politischen Bündnisses sollten "für den aktuellen Friedenskampf" gegen die atomare Aufrüstung des Westens genutzt werden 17 , nachdem die NATO, aber auch der Warschauer Pakt im Herbst 1983 mit der Aufstellung neuer Mittelstreckenraketen in Europa begonnen hatten. Wie stark historische Schriften in der DDR von der jeweils aktuellen politischen Situation abhängig waren, zeigt Wilfried Rupperts Monographie zur Geschichte der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) von 1989, als im Gegensatz zu 1984 das internationale Klima zwischen Ost und West relativ entspannt war. In der Einleitung legt Ruppert kurz die
11 Vgl. ebd., S. 616 ff.
12 Tenner, Konstanze: Zur politisch-ideologischen Arbeit der KPD bzw. SED und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) für die Entwicklung des antifaschistischen und antiimperialistischen Bewußtseins der werktätigen Massen in der sowjetischen Besatzungszone 1945 bis 1949, Jena 1984, vgl. insbesondere S. 60 ff., S. 75 f., S. 80 f., 102 ff., S. 112 ff., S. 191 ff., S. 208 ff.
13 Vgl. ebd., S. 149, S 193 f., S. 200 f.
14 Ebd., S. 148.
15 Vgl. ebd., S. 196 f., S. 218
16 Ebd., S. 235.
17 Tenner, Konstanze: Zur antifaschistischen Bündnispolitik der KPD und der SED in den Jahren 1945 bis 1949; in: Jenaer Beiträge zur Parteiengeschichte (JBP), Nr. 47, November 1984, S. 110.
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Gründe dar, warum die VVN erst 1947 und nicht unmittelbar nach Kriegsende geschaffen wurde 18 , aber im Unterschied zu Tenner deutet Ruppert zumindest den rücksichtslosen und gewalttätigen Umgang mit politisch Andersdenkenden an 19 , den die kommunistische Bewegung besonders unter Stalins Führung praktizierte. Ruppert schreibt sogar von massiven
"Menschenrechtsverletzungen in der UdSSR" 20 , ohne allerdings das ganze Ausmaß brutaler Repressionen gegenüber Oppositionellen oder das Fehler jeglicher politischen Freiheit in Osteuropa darzustellen.
Hans Maur schließlich beschreibt in seinen biographischen Skizzen über Ottomar Geschke kurz dessen Wirken als Vorsitzender des Berliner Hauptausschusses "Opfer des Faschismus" und später als Vorsitzender der VVN, ohne jedoch auf kritische Punkte wie das umstrittene einseitige Engagement dieser Organisationen für Positionen der Kommunisten einzugehen 21 .
In der Bundesrepublik wurde erst 1987 der erste wissenschaftliche Aufsatz zur Geschichte der VVN publiziert. Ursula Schröter zeichnet darin speziell die Entwicklung des Hauptausschusses "Opfer des Faschismus" und der VVN in Berlin und der SBZ nach, sie beschreibt unterschiedliche Meinungen innerhalb der VVN ebenso wie die Spaltung der Organisation infolge des Kalten Krieges 22 , der sich in Berlin besonders zuspitzte. Bis dahin gab es nur einige kurze Selbstdarstellungen der VVN zu ihrer Gründung und Frühgeschichte. Im Mittelpunkt dieser parteilichen Darstellungen steht jedoch die Politik der Organisation in der Bundesrepublik, es geht um die programmatischen Vorstellungen unmittelbar nach dem Krieg, die oppositionelle Haltung zur Gründung der Bundesrepublik, die u. a. daraus resultierenden Verbotsmaßnahmen der Bundesregierung gegen die VVN und die Trennung der sozialdemokratischen und bürgerlichen NS-Verfolgten von der Vereinigung 23 . Auf die Situation der VVN in der SBZ wird in diesen Darstellungen nicht eingegangen. Ebenso tritt die VVN in Aufsätzen kommunistischer Autoren, die sich allgemein mit antifaschistischen Positionen in den westlichen Besatzungszonen in der frühen Nachkriegszeit befassen, nur als in Westdeutschland wirkende und staatlicherseits behinderte Organisation in Erscheinung, i hre Situation in Ostdeutschland
wird nicht thematisiert 24 . Gleiches gilt für die Regionalstudie über die VVN in Hamburg zwischen 1945 und 1951, die allerdings auch die Auseinanderentwicklung der NS-Verfolgten verschiedener
18 Vgl. Ruppert, Wilfried: Zur Geschichte der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) im Kampf für Frieden, Entspannung und Abrüstung, gegen Faschismus und Neofaschismus (1951 bis 1970) - Zum Anteil der antifaschistischen Widerstandskämpfer der DDR an der Tätigkeit der FIR, Berlin (Ost) 1989, S. 14 ff.
19 Vgl. ebd., S. 20 f., S. 27, S. 41 f.
20 Ebd., S. 27.
21 Vgl. Maur, Hans: "Ihnen die Lorbeer, unser die Pflicht!", Ottomar Geschke - Biographische Skizzen, in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung (BzG), Nr. 4/1988, S. 542 ff.; Mauer, Hans: Ottomar Geschke, Vorbild und Verpflichtung - Biographische Skizze zu einem kampferfüllten Leben, Frankfurt (Oder) 1982, S. 54 ff., S. 63 ff.
22 Vgl. Schröter, Ursula: a.a.O., S. 139 ff.
23 Vgl. Grünwald, Paul: a.a.O., S. 17 ff.; Oppenheimer, Max: Vom Häftlingskomitee zum Bund der Antifaschisten -Der Weg der VVN; in: Vom Häftlingskomitee zum Bund der Antifaschisten (BdA) - Der Weg der VVN, hrsg. vom Präsidium der VVN/BdA, Frankfurt a.M. 1972, S. 5 ff.; Oppenheimer, Max: Der Weg der VVN - Vom Häftlingskomitee zum Bund der Antifaschisten; in: Oppenheimer, Max (Hg.): Antifaschismus: Tradition, Politik, Perspektive -Geschichte und Ziele der VVN/Bund der Antifaschisten, Frankfurt a.M. 1978, S. 9 ff.
24 Vgl. Doerry, Thomas: Antifaschismus oder Antikommunismus - Antifaschistische Positionen in der deutschen Nachkriegszeit (1945-1951), in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Nr. 5/1980, S. 547 f.; Schneider, Ulrich: Zwischen Befreiung und Restauration - Programme und Realtität des demokratischen Neubeginns in den Westzonen; in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Nr. 1/1983, S. 103.
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politischer Richtungen ausführlich beschreibt 25 . Den besten Überblick zu Konstituierung, Entwicklung und politischer Funktion der VVN speziell in der SBZ bietet der Aufsatz von Jan Foitzik, der 1990 im Rahmen des SBZ-Handbuches erschien, dort wird auch der Forschungsstand kurz skizziert 26 .
Seit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten im Herbst 1990 sind eine Reihe von Veröffentlichungen zum Thema Antifaschismus in der SBZ bzw. in der DDR erschienen. Die Arbeits- und Wirkungsweise der VVN spielt jedoch in vielen dieser Schriften überraschenderweise keine Rolle 27 . Eine der wenigen Ausnahmen stellt der Aufsatz "Antifaschismus und Kalter Krieg" von Annette Leo dar. Leo hält das Jahr 1948 in ihrer kurzen Beschreibung der Geschichte der VVN in Ostdeutschland für eine wichtige Zäsur. Während s ich die VVN bis dahin "als Interessenvertretung aller Antifaschisten" verstanden hätte 28 , hätte sie danach mehr und mehr "in ihren offiziellen Verlautbarungen brav alle Wendungen der SED mitgemacht." 29 Olaf Groehler behandelt in mehreren Aufsätzen zur Anerkennungs- und Wiedergutmachungspraxis bei den NS-Verfolgten in der SBZ auch die Frühgeschichte der VVN. Er thematisiert insbesondere die zumindest unmittelbar nach Kriegsende ablehnende Haltung vieler kommunistischer Widerstandskämpfer dazu, die "rassisch" Verfolgten in gleichem Maße wie die politisch Verfolgten als "Opfer des Faschismus" gelten zu lassen 30 . Zudem befaßt sich Groehler mit Konzepten und Positionen der VVN bei den Debatten um eine dauerhafte Entschädigungsregelung für die NS-Opfer in der SBZ 31 . Schließlich veröffentlicht der Interessenverband ehemaliger Teilnehmer am antifaschistischen Widerstandskampf, Verfolgter des Naziregimes und Hinterbliebener (IVVdN), Nachfolgeorganisation des früheren Komitees der antifaschistischen
25 Vgl. Schmidt, Wolf-Dietrich: "Wir sind die Verfolgten geblieben" - Zur Geschichte der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) in Hamburg 1945-1951, in: Berlin, Jörg (Hg.): Das andere Hamburg - Freiheitliche Bestrebungen in der Hansestadt seit dem Spätmittelalter, Köln 1981, S. 329 ff.
26 Vgl. Foitzik, Jan: Vereinigung ..., S. 748 ff.
27 Vgl. dazu u. a.: Grunenberg, Antonia: Antifaschismus - Ein deutscher Mythos, Reinbek 1993; Herbert, Ulrich; Groehler, Olaf: Zweierlei Bewältigung ...; Knütter, Hans-Helmuth: Antifaschismus und politische Kultur in Deutschland nach der Wiedervereinigung; in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), B 9/91 (Jg. 1991), S. 18 f.; Pschierer, Ronald; Schmidt, Thomas; Schubarth, Wilfried: Verordneter Antifaschismus und die Folgen - Das Dilemma antifaschistischer Erziehung am Ende der DDR; in: APuZ, B 9/91 (Jg. 1991), S. 3 ff.; Weißbecker, Manfred: Gedanken zum Antifaschismus-Verlust in der Geschichte der DDR; in: BzG, Nr. 2/1991, S. 194 ff.
28 Leo, Annette: Antifaschismus und Kalter Krieg; in: Mythos Antifaschismus - Ein Traditionskabinett wird kommentiert, hrsg. vom Kulturamt Prenzlauer Berg und dem Aktiven Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V., Berlin 1992, S. 144.
29 Ebd., S. 149.
30 Vgl. Groehler, Olaf: "Aber sie haben nicht gekämpft"; in: Konkret - Zeitschrift für Politik und Kultur, Nr. 5/1992, S. 38 f.; Groehler, Olaf: Integration und Ausgrenzung von NS-Opfern - Zur Anerkennungs- und Entschädigungsdebatte in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands 1945 bis 1949; in: Kocka, Jürgen (Hg.): Historische DDR-Forschung - Aufsätze und Studien, Zeithistorische Studien, Bd. 1, Berlin 1993, S. 107 ff.; Groehler, Olaf: "Juden erkennen wir nicht an"; in: Konkret ..., Nr. 3/1993, S. 53 f.; Groehler, Olaf: SED, VVN und Juden in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands (1945-1949); in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung, hrsg. von Wolfgang Benz, Bd. 3, 1994, Frankfurt a.M./New York 1994, S. 282 ff. Jürgen Kuczynski und Kurt Gossweiler gehen in ihren Polemiken zu Groehlers erstem Aufsatz in Konkret fast überhaupt nicht auf die Frühgeschichte der VVN ein, Gossweiler stiftet mit der falschen Behauptung, es wäre bei der OdF-Anerkennung 1945 um "Ehrenpensionen" gegangen, die tatsächlich jedoch erst 1965 eingeführt wurden, lediglich Verwirrung; vgl. Gossweiler, Kurt: Aus dem Arsenal des Kalten Krieges; in: Konkret ..., Nr. 8/1992, S. 46 ff.; Kuczynski, Jürgen: Wo wäre das anders gewesen?; in: Konkret ..., Nr. 8/1992, S. 44 ff. Kurt Pätzold geht in seinem Aufsatz zur Kontroverse zwischen Groehler einerseits und Gossweiler und Kuczynski andererseits ebenfalls nicht auf die VVN ein; vgl. Pätzold, Kurt: Antifaschismus und NS-Geschichte; in: Konkret ..., Nr. 11/1992, S. 52 ff.
31 Vgl. Goehler, Olaf: Integration und Ausgrenzung ..., S. 115 ff.; Groehler, Olaf: SED, VVN und Juden in der sowjetischen Besatzungszone ..., S. 287 ff.
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Widerstandskämpfer in der DDR, in seiner Zeitschrift "Antifa" hin und wieder kurze Artikel zur Geschichte der VVN in Ostdeutschland 32 .
Noch weniger als die Anfänge der VVN haben Historiker bisher die Geschichte anderer Verbände zur Kenntnis genommen, die sich seit der Nachkriegszeit mit der NS-Diktatur und ihren Folgen beschäftigen. Weder zur Geschichte der 1948 entstandenen Arbeitsgemeinschaft verfolgter Sozialdemokraten (AvS) 33 noch zum Wirken des 1950 gegründeten Bundes der Verfolgten des Naziregimes (BVN) gibt es eine geschichtswissenschaftliche Darstellung 34 . Nur zur Frühgeschichte der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit ist jüngst eine Monographie erschienen 35 .
Die vorliegende Arbeit stützt sich nicht nur auf die genannten Schriften, sondern vor allem auf Dokumente der VVN, die zum großen Teil erst seit 1989/90 zugänglich sind. Zahlreiche im ehemaligen Zentralen Parteiarchiv (ZPA) der SED 36 lagernde Schriftstücke der VVN geben unmittelbar Auskunft über die Tätigkeiten zur Aufarbeitung des Widerstands und zur Ermittlung von NS-Verbrechern, über die Bildung und die Arbeit von Arbeitsgemeinschaften, die soziale Betreuung der ehemaligen Verfolgten und öffentliche Veranstaltungen, aber auch über die politische Zusammensetzung von Mitgliedschaft und Funktionärskörper der Organisation. Arbeitsprotokolle des Zentralvorstands der VVN vermitteln einen Einblick in unterschiedliche Meinungen, die innerhalb der VVN-Führung zu bestimmten Themen und Aktivitäten vertreten wurden. Aus Akten der Führungsgremien der SED, bis Anfang 1949 des Zentralsekretariats, später des Politbüros und der ihm zugeordneten Sekretariate 37 , lassen sich Informationen über das Verhältnis der VVN zur führenden politischen Partei in der SBZ gewinnen. Ergänzt werden diese Informationen durch Schriftstücke aus der Aktensammlung des IVVdN und aus dem Nachlaß des zweiten VVN-Vorsitzenden in der SBZ, Propst Heinrich Grüber, sowie durch von der VVN selbst veröffentlichte ausführliche Arbeitsberichte von ihren ersten
32 Vgl. dazu: Antifa, Nr. 2/1991, S. 20 f.; Nr. 3/1991, S. 21; Nr. 4/1991, S. 20 f.; Nr. 5/1991, S. 18 f.
33 Die Geschichte der AvS, hauptsächlich ihre Gründung, wird auf drei Seiten skizziert bei: Miller, Susanne: Die Behandlung des Widerstands gegen den Nationalsozialismus in der SPD nach 1945; in: Büttner, Ursula (Hg.): Das Unrechtsregime - Internationale Forschung über den Nationalsozialismus, Festschrift für Werner Jochmann zum 65. Geburtstag, Bd. 2: Verfolgung - Exil - Belasteter Neubeginn, Hamburg 1986, S. 417 ff.
34 Zehden, Werner Alfred: Gratwanderung zwischen zwei Welten - Leitartikel und Aufsätze aus fünfzehn Jahren des Ehrenvorsitzenden des BVN Berlin Werner A. Zehden, veröffentlicht im Zentralorgan Demokratischer Widerstandskämpfer und Verfolgten-Organisationen "Die Mahnung", hrsg. vom Bund der Verfolgten des Naziregimes Berlin, Berlin (West) 1987, S. 61. Allerdings hat der BVN Anfang 1951 eine relativ umfangreiche Selbstdarstellung zu seiner Entstehung herausgegeben: Ein Jahr BVN, hrsg. vom Bundessekretariat des Bundes der Verfolgten des Naziregimes (BVN), Düsseldorf 1951.
35 Foschepoth, Josef: Im Schatten der Vergangenheit - Die Anfänge der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Göttingen 1993.
36 Das ehemalige Zentrale Parteiarchiv (ZPA) der SED ist seit 1. Januar 1993 der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO-BArch.) zugeordnet.
37 Im Zuge der organisationstechnischen Umwandlung der SED in eine hierarchische Kaderpartei nach dem Modell der KPdSU wurden auf der Parteivorstandsitzung der SED am 24. Januar 1949 ein Politbüro und ein 'Kleines Sekretariat des Politbüros' geschaffen. Während das Politbüro die laufende politische Arbeit leiten sollte, bekam das Kleine Sekretariat die Aufgabe, die Durchführung der Beschlüsse des Politbüros zu überwachen und die alltägliche Arbeit des zentralen Parteiapparates der SED anzuleiten, später sollte es auch die Auswahl von Kadern vornehmen. Noch im Herbst 1949 wurde das Kleine Sekretariat in "Sekretariat des Zentralkomitees der SED" umbenannt; zur Funktion von Politbüro und Sekretariat vgl. Alt, Helmut: Die Stellung des Zentralkomitees der SED im politischen System der DDR, Abhandlungen zum Ostrecht, Bd. 19, Köln 1987, zum Politbüro: S. 80 ff., zum Sekretariat: S. 87 ff.; Förtsch, Eckart; Mann, Rüdiger: Die SED, Berlin (West)/Köln/Mainz/Stuttgart 1969, S. 58 f., S. 63 f.; Stern, Carola: Die SED - Ein Handbuch über Aufbau, Organisation und Funktion des Parteiapparates, Köln 1954, zum Politbüro: S. 61 ff., zum Sekretariat: S. 77 ff.
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beiden Hauptkonferenzen 38 . Um ein Bild von den fortlaufenden Tätigkeiten in den Jahren 1947 und 1948 zu gewinnen, wird auf die ersten beiden Jahrgänge der Zeitschrift "Unser Appell" zurückgegriffen 39 , die der Zentralvorstand der VVN in der Sowjetischen Besatzungszone in der Regel zweimal im Monat herausgab. Um etwas über Reaktionen der Öffentlichkeit auf Aktivitäten der VVN in Erfahrung zu bringen, werden als zusätzliche Quelle die Berichte verschiedener Berliner Tageszeitungen aus Ost und West über die VVN herangezogen.
Um die zentrale Fragestellung nach dem Charakter der VVN zu beantworten - inwieweit war sie eine kommunistische Organisation, inwieweit fungierte sie als Interessenvertretung aller NS-Verfolgten - werden zunächst die Institutionen analysiert, aus denen die VVN hervorging. Es werden personelle Zusammensetzung, Tätigkeit und politische Aussagen der antifaschistischen Ausschüsse und der Ausschüsse der politischen Häftlinge untersucht, die - zumeist bei den staatlichen Sozialverwaltungen angesiedelt - die entlassenen KZ-Häftlinge als erste betreuten. Anschließend geht es um die Gründung der VVN und die dabei verkündeten politischen Ziele, um Programmatik, Statuten und darum, in welcher Stärke in bestimmten Parteien engagierte Verfolgte und politisch ungebundene Opfer des Naziregimes unter Mitgliedern und Funktionären vertreten waren.
Im dritten Teil wird ein Überblick über die Entwicklung der VVN in den ersten beiden Jahren ihrer Existenz gegeben. Es wird aufgezeigt, wie sich die VVN mit der Ideologie des Nationalsozialismus auseinandersetzte, den Widerstand gegen Hitler würdigte, am Entnazifizierungsprozeß teilnahm und auf die schweren Verbrechen der Nazis einging. Die Tätigkeiten der VVN für eine Wiedergutmachung der Schäden, die ihren Mitgliedern durch die Nazis entstanden waren, werden dargestellt. All diese Aktivitäten müssen in Relation gesetzt werden zu dem Ausmaß, in dem die VVN in tagespolitischen Angelegenheiten Partei für die SED nahm und dazu beitrug, Positionen der SED propagandistisch zu verbreiten. Es wird geklärt, ob solche tagesaktuellen Stellungnahmen innerhalb der VVN umstritten waren oder nicht. Außerdem sind das Verhältnis der VVN zur SED und die Konflikte zwischen VVN und SPD Thema dieses Abschnitts.
Die Sicht der VVN von Faschismus, Widerstand und Verfolgung steht im Mittelpunkt des Abschnitts über die Ausstellung "Das andere Deutschland". Daraus können exemplarisch besonders deutlich Erkenntnisse über den Einfluß kommunistischer Vorstellungen auf das Geschichts- und Gesellschaftsbild der VVN gewonnen werden.
Abschließend noch einige Bemerkungen zu den für diese Arbeit zentralen Begriffen Faschismus und Antifaschismus: Faschismus an der Macht bedeutete für viele Kommunisten inner-und außerhalb der VVN die "offene terroristische Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals", so hatte bereits das XIII. Plenum des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale den Faschismus
38 Bericht von der Delegierten-Konferenz zur Gründung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands am 22. und 23. Februar 1947 in Berlin, Berlin 1947; Zweite Hauptkonferenz der VVN in der sowjetischen Besatzungszone, Protokoll, 22.-24. Februar 1948, Halle/Saale, Berlin 1948.
39 Unser Appell - Halbmonatsschrift der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Nr. 1 erschien am 1. August 1947.
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charakterisiert 40 . Diese Faschismusdefinition versuchte man in der DDR mit verschiedenen konkreten Beispielen zu belegen 41 , sie bestimmte bis zuletzt das offizielle Faschismusbild 42 . Allerdings gab es zu Beginn der Nachkriegszeit auch bei einigen Kommunisten ein umfassenderes Verständnis von Faschismus. Alexander Abusch z. B. sah den Grund für Hitlers Herrschaft nicht allein im Interesse des deutschen Monopolkapitals, sondern auch im Mangel an demokratischer Tradition in Deutschland, verglichen mit den westlichen Ländern; als wesentliche Merkmale des deutschen Faschismus sah er ferner " Rassenwahn", Massenmord und Eroberungspolitik an 43 . Christliche, sozialdemokratische und bürgerliche VVN-Mitglieder hatten von Faschismus andere, voneinander abweichende Vorstellungen, die hier im einzelnen nicht dargestellt werden können 44 . Während in quellennahen Passagen der Faschismusbegriff des jeweiligen Urhebers übernommen wird, liegt dem Begriff Faschismus in kommentierenden und zusammenfassenden Abschnitten ein Verständnis zugrunde, wie es sich in der wissenschaftlichen Debatte der letzten 30 Jahre entwickelt hat. Demnach kann man unter Faschismus all jene antiliberalen und antikommunistischen politischen Massenbewegungen und Herrschaftsformen subsumieren, die sich in bewußter Orientierung an Italiens Faschistenführer Mussolini durch extremen Nationalismus, eine stark rassistisch orientierte Ideologie, eine paramilitärisch organisierte Partei mit Führerprinzip und durch extreme Gewalttätigkeit im politischen Handeln bis hin zur Vernichtung politischer, nationaler und "rassischer" Gegner auszeichneten und die zwischen 1918 und 1945 in vielen europäischen Ländern mit kapitalistischem Wirtschaftssystem ihren Höhepunkt erreichten 45 .
Als Antifaschismus galt bei den deutschen Kommunisten seit dem VII. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale und der darauffolgenden "Brüsseler Konferenz" der KPD 1935 46 praktisch unverändert eine breite gegen den Faschismus gerichtete, "ihrem Wesen nach antiimperialistische Volksbewegung", "deren konsequentester Träger" die "Arbeiterklasse mit
40 Protokoll des XIII. Plenums des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI), Dezember 1933, Moskau/Leningrad 1934, Reprint, S. 277.
41 Wippermann, Wolfgang: Antifaschismus in der DDR - Wirklichkeit und Ideologie, Berlin (West) 1980, S. 5.
42 Faulenbach, Bernd: Zur Funktion des Antifaschismus in der DDR; in: Deutschland Archiv - Zeitschrift für das vereinigte Deutschland (DA), Nr. 6/1993, S. 754.
43 Vgl. Abusch, Alexander: Der Irrweg einer Nation - Ein Beitrag zum Verständnis deutscher Geschichte, Berlin 1946, S. 244 ff.
44 Zur Faschismusdiskussion bei Sozialisten, Sozialdemokraten, Liberalen und Konservativen vgl. Wippermann, Wolfgang: Faschismustheorien - Zum Stand der gegenwärtigen Diskussion, 5. Auflage, Darmstadt 1989, S. 28 ff. Unterschiedliche Einschätzungen des Faschismus durch Kommunisten, Sozialisten und bürgerliche Theoretiker zwischen 1921 und 1960 sind dokumentiert in: Nolte, Ernst (Hg.): Theorien über den Faschismus, 2. Auflage, Berlin (West)/Köln 1970. Die Einleitung von Ernst Nolte zu diesem Sammelband bietet eine kurze Zusammenfassung der sozialdemokratischen und sozialistischen Rezeption des Faschismus: ebd., S. 18 ff., S. 31 ff., S. 52 ff., S. 63 f., S. 66 f. Ebenso wird die Einschätzung des Faschismus durch christlich-katholische und liberale Kräfte dargestellt: ebd., S. 29 ff., S. 45 ff., S. 59 ff, S. 65 f., S. 68 ff.
45 Zur Zusammenfassung der allgemeinen Kennzeichen von Faschismus vgl.: Nolte, Ernst: Die faschistischen Bewegungen - Die Krise des liberalen Systems und die Entwicklung der Faschismen, 9. Auflage, München 1984, S. 64 ff.; Schieder, Wolfgang: Faschismus; in: Sowjetsystem und Demokratische Gesellschaft - Eine vergleichende Enzyklopädie, Bd. 2, Freiburg 1968, Sp. 451 ff.; Wippermann, Wolfgang: Europäischer Faschismus im Vergleich (1922-1982), Frankfurt a.M. 1983, S. 197 ff.
46 Zum Wandel des Antifaschismusverständnisses der internationalen und der deutschen kommunistischen Bewegung in den Jahren 1934/35 vgl. Lewerenz, Elfriede: Zur Präzisierung des Faschismusbildes auf dem VII. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale; in: Grebing, Helga; Kinner, Klaus (Hg.): Arbeiterbewegung und Faschismus - Faschismusinterpretationen in der europäischen Arbeiterbewegung, Essen 1990, S. 126 ff.; Wippermann, Wolfgang: Zur Analyse des Faschismus - Die sozialistischen und kommunistischen Faschismustheorien 1921-1945, Berlin (West)/Frankfurt a.M./München 1981, S. 87 f., S. 91 ff.; Wippermann, Wolfgang: Faschismustheorien ..., S. 22 ff.
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ihrer marxistisch-leninistischen Partei an der Spitze" sei 47 . Aber die Kommunisten reklamierten nicht nur eine Führungsrolle für die eigene Partei, sie grenzten auch Hitler-Gegner aus dem Antifaschismus aus. Dies betraf z. T. sogar bis in die 80er Jahre hinein den militärischen Wider-stand 48 , der im Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 kulminierte, lange Zeit auch kleinere sozialistische und kommunistische Gruppen wie die KPO, die SAP und die POUM 49 , die als "trotzkistische" Gruppe von den orthodoxen Kommunisten im spanischen Bürgerkrieg brutal bekämpft wurde. Diese Auslegung des Begriffes Antifaschismus war auch in der VVN verbreitet, wurde aber durchaus nicht vor allen kommunistischen Widerstandskämpfern geteilt. Die nichtkommunistischen VVN-Mitglieder legten Antifaschismus ohnehin breiter aus, so daß in der DDR später behauptet wurde, der Begriff Antifaschismus sei in der Nachkriegszeit "vielfach undifferenziert gebraucht" worden 50 . Auch hier gilt, daß in quellennahen Sentenzen Antifaschismus im Sinne des jeweiligen Verfassers zu verstehen ist, in kommentierenden und zusammenfassenden Absätzen dieser Arbeit hingegen wird Antifaschismus "in seiner allgemeinen Bedeutung - als Widerstand der verschiedensten politischen Gruppen gegen die faschistischen Diktaturen" 51 gebraucht, der von Kommunisten ebenso geleistet worden ist wie von Sozialdemokraten, Liberalen, Konservativen, Christen, Sozialisten, Humanisten und Demokraten 52 .
47 Wörterbuch der Geschichte, Bd. A-K, Berlin (Ost) 1983, S. 41 ff.; vgl. dazu auch: Gossweiler, Kurt: Was ist Antifaschismus? Welche Bedeutung hat er heute?; in: JBP, Nr. 47, November 1984, S. 89 ff.
48 Vgl. Tenner, Konstanze: Zur politisch-ideologischen Arbeit ..., S. 11.
49 Wippermann, Wolfgang: Antifaschismus ..., S. 9 f.
50 Tenner, Konstanze: Zur politisch-ideologischen Arbeit ..., S. 9.
51 Delzell, Charles F.; Mommsen, Hans: Antifaschismus; in: Sowjetsystem und ..., Bd. 1, Freiburg 1966, Sp. 236.
52 Wippermann, Wolfgang: Antifaschismus ..., S. 13.
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1 Vorgeschichte und Entstehung der VVN
1.1 Lokale antifaschistische Ausschüsse im Sommer 1945
Während oder kurz nach Beendigung der Kampfhandlungen im Frühjahr 1945 entstanden in vielen Orten Deutschlands antifaschistische Ausschüsse, Komitees oder Kampfbünde 53 , im folgenden kurz Antifas genannt. Initiiert wurden die Antifas meist von Aktiven und Funktionären aus der Arbeiterbewegung, häufig von Kommunisten 54 , aber auch von ehemaligen Angehörigen der SPD oder - in Einzelfällen - der SAP 55 , die aus dem Widerstand gegen das Naziregime stammten oder zumindest informell Kontakt untereinander gehalten hatten, auch wenn sie bis 1945 wegen des NS-Terrors kaum aktiv gewesen waren. Neben Kommunisten und Sozialdemokraten arbeiteten vielerorts auch einige bürgerliche Intellektuelle mit 56 , trotz der starken Repräsentanz von Kommunisten waren diese Gremien im Hinblick auf Inhalte und Ziele in der Regel nicht kommunistisch, aber von politischen Kräften aus dem Arbeitermilieu dominiert 57 . Auch auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone existierten in fast allen größeren Städten antifaschistische Initiativen. Besonders in traditionellen Industriegebieten, wo vor 1933 eine starke Arbeiterbewegung aktiv gewesen war, also in und rund um Berlin, im mitteldeutschen Industriegebiet um Halle und Leipzig, im Kohlenbergbaurevier rund um Eisleben, in den thüringischen Städten Erfurt, Weimar und Jena, also im Umfeld des Konzentrationslagers Buchenwald, und in vielen anderen Städten Sachsens und der preußischen Provinz Sachsen arbeiteten zahlreiche Antifas 58 . Aus den dünnbesiedelten Gebieten Brandenburgs und Mecklenburgs sind hingegen kaum solche Initiativen überliefert, von einigen größeren Städten wie Rostock oder Greifswald abgesehen 59 . Charakteristisch für die meisten Antifas waren ihre Gründung durch lokale Initiatoren und die Beschränkung ihrer Aktivitäten auf einen Ort, maximal eine Großstadt 60 , was maßgeblich mit den zerstörten Kommunikations- und Verkehrsverbindungen im Zusammenhang gestanden haben dürfte. Eine organisierte regionale Koordinierung der Tätigkeit gab es nur im Mansfelder Revier um Eisleben durch die "Antifaschistische Arbeitergruppe
53 Die Antifas in Deutschland hatten zahlreiche unterschiedliche Namen, einen Überblick vermittelt die Deutschland-Karte in: Borsdorf, Ulrich; Brandt, Peter; Niethammer, Lutz (Hg.): Arbeiterinitiative 1945 -Antifaschistische Ausschüsse und Reorganisation der Arbeiterbewegung in Deutschland, Wuppertal 1976, S. 783.
54 Niethammer, Lutz: Aufbau von unten: Die Antifa-Ausschüsse als Bewegung; in: Borsdorf, Ulrich; Brandt, Peter; Niethammer, Lutz (Hg.): Arbeiterinitiative 1945 ..., S. 699; Benser, Günter: Die KPD im Jahre der Befreiung -Vorbereitung und Aufbau der legalen kommunistischen Massenpartei (Jahreswende 1944/45 bis Herbst 1945), Berlin (Ost) 1985, S. 107 ff., S. 117.
55 Benser, Günter: Antifa-Ausschüsse - Staatsorgane - Parteiorganisation, Überlegungen zu Ausmaß, Rolle und Grenzen der antifaschistischen Bewegung am Ende des zweiten Weltkrieges; in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (ZfG), Nr. 7/1978, S. 789.
56 Vgl. Borsdorf, Ulrich; Niethammer, Lutz (Hg.): Zwischen Befreiung und Besatzung - Analysen des US-Geheimdienstes über Positionen und Strukturen deutscher Politik 1945, Wuppertal 1976, S. 109 ff.; Einzelbeispiele bei: Benser, Günter: Antifa-Ausschüsse ..., S. 789; Könnemann, Erwin: Die Kommunisten an der Spitze des Neubeginns nach Beendigung der Kampfhandlungen in Halle und Umgebung; in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung (BzG), 27. Jg., Nr. 2/1985, S. 257 f.
57 Vgl. Niethammer, Lutz: Aufbau von unten ..., S. 703 ff.
58 Wille, Manfred: Das Ringen der Arbeiterklasse und der anderen Antifaschisten um die Einleitung des Demokratisierungsprozesses in der Provinz Sachsen (April-August 1945); in: BzG, Nr. 2/ 1980, S. 432; vgl. auch die Deutschland-Karte in: Borsdorf, Ulrich; Brandt, Peter; Niethammer, Lutz (Hg.): Arbeiterinitiative 1945 ..., S. 783.
59 Vgl. die Deutschland-Karte in: Borsdorf, Ulrich; Brandt, Peter; Niethammer, Lutz (Hg.): Arbeiterinitiative 1945 ..., S. 783.
60 Vgl. Niethammer, Lutz: Aufbau von unten ..., S. 701 ff.; Benser, Günter: Antifa-Ausschüsse ..., S. 790.
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Mitteldeutschland", die Kontakte zu mindestens 50 Ausschüssen unterhalten haben soll, und im Gebiet rund ums KZ Buchenwald durch das "Thüringen Komitee" 61 . Ansätze zu einer regionalen Zusammenarbeit entwickelten sich auch in Leipzig und den umliegenden Orten durch das dortige "Nationalkomitee Freies Deutschland" 62 . Eine Ausnahme bildete der Kreis Schwarzenberg im Erzgebirge. Das Gebiet blieb bis Juni 1945 unbesetzt von alliierten Truppen, so daß sich eine antifaschistische Bewegung mit rund 6 000 Mitgliedern ungehindert entfalten konnte 63 .
Zunächst ging es vielen der spontan entstandenen antifaschistischen Organe um ein rasches Ende der Kämpfe. Sie wollten sinnlosen militärischen Widerstand, die Sprengung von Straßen und Brücken sowie weitere Zerstörungen, die Hitler im Rahmen seiner Politik der "verbrannten Erde" gegen Kriegsende befohlen hatte, verhindern 64 . Überdies ging es den aus der Arbeiterbewegung stammenden Antifaschisten darum, schnell Betätigungsfelder für politisch interessierte Arbeiter zu schaffen. Auf diese Weise sollte die spätere Wiedergründung einer oder mehrerer Arbeiterparteien erleichtert werden, denn insbesondere die Westalliierten hatten anfangs deutlich gemacht, daß es so bald keine Zulassung von Parteien geben sollte 65 . Die allgemeinpolitischen Ziele der Antifas, sofern sie überhaupt formuliert wurden, orientierten sich durchaus an der von Kommunisten im Exil ins Leben gerufenen Bewegung "Freies Deutschland" 66 . Deutschland sollte als "freies, demokratisches" Land aufgebaut werden, mit republikanischer Regierungsform, einer "Volksfrontregierung" und "einer freien, geheimen Wahl; es sollte freie Gewerkschaften und soziale Gerechtigkeit geben, international sollte sich Deutschland an den Prinzipien der Vereinten Nationen orientieren und mit allen Völkern friedlich verständigen; schließlich waren eine gründliche Entnazifizierung und die "Erfüllung der Verpflichtungen, die der deutschen Nation infolge des letzten Krieges auferlegt werden", geplant 67 .
Diesen Vorstellungen entsprechend versuchten Nazigegner in vielen Städten, die kampflose Übergabe an die Alliierten zu erreichen. Sie forderten die Bevölkerung in Flugblättern zum Hissen weißer Fahnen auf 68 , bewegten bekannte Hitler-Gegner zu Aktivität und z. T. sogar zur Selbstbewaffnung und nahmen in Einzelfällen Kontakt mit den Alliierten auf, um den Einsatz massiver militärischer Gewalt bei der Einnahme der Stadt zu verhindern 69 . Unmittelbar nach Kriegsende führten Vertreter der Ausschüsse spontan Entnazifizierungsaktionen 70 durch. Stadtbekannte NS-Funktionäre wurden aufgespürt und entweder sofort 71
61 Benser, Günter: Antifa-Ausschüsse ..., S. 786.
62 Borsdorf, Ulrich; Niethammer, Lutz (Hg.): Zwischen Befreiung ..., S. 118.
63 Benser, Günter: Antifa-Ausschüsse ..., S. 788.
64 Benser, Günter: Antifa-Ausschüsse ..., S. 785, S. 787; Könnemann, Erwin: a.a.O., S. 254; Niethammer, Lutz: Aufbau von unten ..., S. 707.
65 Könnemann, Erwin: a.a.O., S. 254.
66 Niethammer, Lutz: Aufbau von unten ..., S. 702.
67 Schmollinger, Horst: Das Bezirkskomitee Freies Deutschland in Leipzig; in: Borsdorf, Ulrich; Brandt, Peter; Niethammer, Lutz (Hg.): Arbeiterinitiative 1945 ..., S. 236.
68 Benser, Günter: Antifa-Ausschüsse ..., S. 797; Wille, Manfred: Das Ringen ..., S. 431.
69 Könnemann, Erwin: a.a.O., S. 254 f.
70 Zur ersten Phase der Entnazifizierung in der SBZ vgl. Entnazifizierung - Politische Säuberung und Rehabilitierung in den vier Besatzungszonen 1945-1949, hrsg. von Clemens Vollnhals in Zusammenarbeit mit Thomas Schlemmer, München 1991, S. 43; Meinicke, Wolfgang: Die Entnazifizierung in der sowjetischen Besatzungszone 1945 bis 1948; in: ZfG, Nr. 11/1984, S. 969 ff.; Meinicke, Wolfgang: Zur Entnazifizierung in der sowjetischen Besatzungszone unter Berücksichtigung von Aspekten politischer und sozialer Veränderungen (1945 bis 1948), Berlin (Ost) 1983, S. XXIII, S. 1 ff.; Welsh, Helga: Revolutionärer Wandel auf Befehl? - Entnazifizierungs- und Personalpolitik in Thüringen und Sachsen (1945-1948), München 1989, S. 32 ff.
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oder durch die Besatzungsmacht verhaftet. Aus den öffentlichen Verwaltungen entfernten die Antifas selbst NSDAP-Mitglieder, oder sie forderten wenigstens die jeweilige Besatzungsmacht dazu auf 72 . Parallel dazu begann die Umstrukturierung bzw. in Einzelfällen der Neuaufbau von Verwaltungen, in der Regel, indem die Komitees Einzelpersonen aus den eigenen Reihen Verwaltungsposten übertrugen, z. T. nahmen aber auch die Ausschüsse als solche vorübergehend städtische Funktionen wahr; die Westalliierten setzten solchen Aktionen der Antifas noch stärker Widerstand entgegen als die Sowjets 73 . Zur Sicherung der öffentlichen Ordnung bauten die Komitees in einigen Orten eigene Polizeikräfte auf, indem sie Mitglieder und Anhänger bewaffneten 74 , und versuchten, die dringendsten Versorgungsprobleme bei Ernährung und Wohnraum zu lösen 75 . Weitere Sofortmaßnahmen, die viele Antifas trafen, waren die Trümmerbeseitigung u. a. durch das Heranziehen aller NSDAP-Mitglieder zu körperlicher Arbeit 76 , die Organisation der notwendigsten Fürsorge für Bedürftige, besonders für Opfer des Naziregimes 77 , und die Mobilisierung der Arbeiterschaft in den Betrieben zur Instandsetzung der Maschinen und zur Wiederaufnahme der Produktion 78 .
Die zahlreichen Antifa-Mitglieder aus der Arbeiterbewegung sahen in den Ausschüssen aber nicht nur Gremien zur unmittelbaren Soforthilfe, sondern auch Keimzellen für den Wiederaufbau von Parteien und Gewerkschaften. Dabei wollte man nicht zuletzt ein g esellschaftliches Gegengewicht zu nach wie vor vorhandenen konservativen Kräften in Beamtenschaft und Wirtschaft schaffen, die dem NS-Regime in administrativen Angelegenheiten bis zuletzt gedient hatten, auch wenn sie selbst nicht Mitglieder der NSDAP gewesen waren. Diese Gruppierungen hielten weiterhin wichtige Positionen besetzt, obwohl sie nach dem Zusammenbruch der NS-Herrschaft ebenso gelähmt und von politischer Apathie gekennzeichnet waren wie die Mehrheit der Bevölkerung, die mit Problemen des alltäglichen Überlebens beschäftigt und nicht in den Komitees tätig war
79
. So beabsichtigten die Initiatoren mit der Einberufung von Betriebsversammlungen in großen Fabriken
80
oder der Wahl von Betriebs- und Beamtenräten keineswegs nur die Wiederaufnahme der Produktion
81
, es ging vielmehr auch um die Mobilisierung der Arbeiterschaft für Veränderungen der Machtverhältnisse in den Betrieben. In sehr vielen Antifas wurden spontan Versuche gemacht, nach dem gemeinsamen Leid in der Hitler-Zeit eine einheitliche Arbeiterpartei zu gründen. Diese Parteien sollten zumindest das Spektrum der soziali-
71 Benser, Günter: Die KPD ..., S. 105.
72 Vgl. Anweiler, Änne: Zur Geschichte der Vereinigung von KPD und SPD in Thüringen 1945-1949, Erfurt 1971; Wille, Manfred: Das Ringen ..., S. 433.
73 Benser, Günter: Antifa-Ausschüsse ..., S. 797/798; Schmollinger, Horst: a.a.O., S. 240.
74 Könnemann, Erwin: a.a.O., S. 258 f.; Wille, Manfred: Das Ringen ..., S. 438.
75 Benser, Günter: Die KPD ..., S. 106; Wille, Manfred: Das Ringen ..., S. 434.
76 Linke-Marßolek, Inge: Die Antifaschistische Volksfront in Solingen; in: Borsdorf, Ulrich; Brandt, Peter; Niethammer, Lutz (Hg.): Arbeiterinitiative 1945 ..., S. 261.
77 Niethammer, Lutz: Aufbau von unten ..., S. 709; Borsdorf, Ulrich; Niethammer, Lutz (Hg.): Zwischen Befreiung ..., S. 119, S. 329.
78 Könnemann, Erwin: a.a.O., S. 260.
79 Zur politischen Apathie der Masse der Deutschen vgl. u. a.: Hurwitz, Harold: Demokratie und Antikommunismus in Berlin nach 1945, Bd. 4, Teil 1: Die Anfänge des Widerstands - Führungsanspruch und Is olation der Sozialdemokraten, Köln 1990, S. 115 ff.; Sywottek, Arnold: Tabuisierung und Anpassung in Ost und West -Bemerkungen zur deutschen Geschichte nach 1945; in: Koebner, Thomas; Sautermeister, Gert; Schneider, Sigrid (Hg.): Deutschland nach Hitler - Zukunftspläne im Exil und aus der Besatzungszeit 1939-1949, Opladen 1987, S. 230 ff.
80 Wille, Manfred: Das Ringen ..., S. 436.
81 Könnemann, Erwin: a.a.O, S. 257.
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stischen Arbeiterbewegung abdecken wie die "Vereinigte Kommunistische Partei Deutschlands" im brandenburgischen Forst, waren in einigen Fällen aber auch noch breiter angelegt, so z. B. arbeiteten in der im Mansfelder Revier tätigen "Partei der Werktätigen" Kommunisten, Sozialdemokraten und christlicher Gewerkschafter mit 82 . Ähnlich uneinheitlich wie die politische Bandbreite und die regional sehr unterschiedliche Namensgebung war auch der organisationspolitische Charakter der Initiativen zu einer Einheitspartei. Es gab den Traditionen der deutschen Arbeiterbewegung entsprechend Weltanschauungsparteien und Ansätze zu einer auf einer politisierten Einheitsgewerkschaft aufbauenden Partei nach dem Muster der britischen Labour Party 83 . Die sofortige Schaffung einer Einheitspartei ohne Sammlung und einheitliche Ausrichtung der eigenen Kader wurde jedoch von der aus Moskau zurückgekehrten KPD-Führung strikt abgelehnt. Walter Ulbricht, Fred Oelßner und andere Moskauer Remigranten vertraten den Standpunkt, die Kommunisten müßten zunächst in einer selbständigen Partei intensiv "zur Lösung der neuen Aufgaben" geschult werden, deshalb dürfe es zunächst "keine einheitliche sozialistische Partei geben." 84 Außerdem entwickelten sich in den Ausschüssen oftmals "Versuche zur Bildung lokaler Einheitsgewerkschaften" 85 , in vielen Antifas wurden Frauenausschüsse mit einem antifaschistischen politischen Selbstverständnis gebildet 86 , und auch antifaschistische Jugendgruppen entstanden in diesem Zusammenhang 87 .
Aus dieser Entwicklung läßt sich ablesen, daß die Antifas in der kurzen Zeit ihrer Existenz sehr verschiedene Funktionen wahrnahmen. In den ersten Tagen und Wochen nach Kriegsende arbeiteten sie häufig als eine Art Stadtverwaltung. Dabei suchten sie Kontakt und Zusammenarbeit mit der jeweiligen Besatzungsmacht. Die Westmächte mißtrauten diesen schwer kontrollierbaren Initiativen aus der deutschen Bevölkerung, und besonders die US-Amerikaner befürchteten ein Übergewicht der Kommunisten und anderer linker Kräfte. Die US-Kommandanten aber auch die Briten lösten deshalb die Antifas in vielen Städten oft schon nach wenigen Tagen auf 88 . An anderen Orten beseitigten sie den Einfluß der Komitees auf die öffentliche Verwaltung und beschränkten ihre Aktivitäten auf soziale Selbsthilfe 89 . Die Westalliierten bevorzugten beim Wiederaufbau der Verwaltungen "Fachbeamte", die nicht Mitglied der NSDAP gewesen waren, Personen aus dem Kreise der Kirchen sowie bürgerliche und sozialdemokratische Politiker aus der Weimarer Zeit 90 . In der Wirtschaft setzten sie ebenfalls auf etablierte "Experten" aus Industrie-und Handelskammern 91 , sofern diese sich nicht in der Nazizeit besonders hervorgetan hatten.
82 Mettke, Jörg: "Wir machen unsere Revolution alleene" - Cottbus 1945; in: Malanowski, Wolfgang (Hg.): 1945 -Deutschland in der Stunde Null, Hamburg 1985, S. 157 f.
83 Niethammer, Lutz: Aufbau von unten ..., S. 711.
84 Leonhard, Wolfgang: Die Revolution entläßt ihre Kinder, Berlin (West)/Köln 1955, S. 398 f.
85 Niethammer, Lutz: Aufbau von unten ..., S. 703.
86 Vgl. Henicz, Barbara; Hirschfeld, Margrit: Die ersten Frauenzusammenschlüsse; in: Kuhn, Annette (Hg.): Frauen in der deutschen Nachkriegszeit, Bd. 2, Frauenpolitik 1945-1949 - Quellen und Materialien, Düsseldorf 1986, S. 94, S. 98 ff.
87 Vgl. Martin, Klaus: Zur Einbeziehung junger Menschen in den antifaschistischen Kampf und für die Errichtung antifaschistisch-demokratischer Verhältnisse in Thüringen 1944-1946; in: Beiträge zur Geschichte der FDJ, Nr. 6/1984, S. 43 ff.; Martin, Klaus: Zur Einbeziehung junger Menschen Thüringens in den antifaschistischen Kampf und für die Errichtung einer antifaschistisch-demokratischen Ordnung 1944-1946; in: Arbeiterjugend im Kampf um den Frieden, hrsg. vom Zentralrat der FDJ, Berlin (Ost) 1984, S. 49 ff.
88 Vgl. Borsdorf, Ulrich; Niethammer, Lutz (Hg.): Zwischen Befreiung ..., S. 107, S. 111 f.; Wille, Manfred: Das Ringen ..., S. 432 f.
89 Niethammer, Lutz: Aufbau von unten ..., S. 710 f.
90 Benser, Günter: Antifa-Ausschüsse ..., S. 798, S. 801; Wille, Manfred: Das Ringen ..., S. 432.
91 Wille, Manfred: Das Ringen ..., S. 434.
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Anders als früher angenommen reagierten auch die sowjetischen Besatzungsbehörden nicht grundsätzlich positiv auf die Antifas, sie waren nicht überall "Quelle der neuen Staatsorganisation", wie von Geschichtswissenschaftlern der DDR behauptet wurde 92 . Vielmehr bezeichneten die Politoffiziere der Roten Armee die Antifas als "ungesetzliche politische Organisationen" 93 , besonders "stark 'bürgerlich' durchdrungene Gruppierungen" wie die Gruppe "Ernst" der Bewegung "Freies Deutschland" wurden als "ideologisch" negativ beurteilt 94 . Noch im Frühsommer 1945 wurden viele dieser "ungesetzlichen Organisationen" aufgelöst, oft wurden Repräsentanten der Antifas mit öffentlichen Ämtern bis hin zum Stadtteilbürgermeister beauftragt; einige dieser Spontangründungen wie das "Antifaschistische Komitee" in Tempelhof oder die "Antifaschistische Jugend" in Neukölln integrierten die Sowjets sogar fast komplett in die neuen Berliner Bezirksämter 95 .
Nach oder parallel zu ihrer Verdrängung aus administrativen Tätigkeiten arbeiteten viele Ausschüsse als Sammlungsbewegung für eine einheitliche Gewerkschaft oder Arbeiterpartei. Allerdings kanalisierten die KPD-Funktionäre um Walter Ulbricht diese Aktivitäten rasch in Richtung auf Wiedergründung einer selbständigen KPD, so daß auch die Sozialdemokraten bald an den Wiederaufbau ihrer eigenen Partei gingen, was vor allem von den in Hannover ansässigen Teilen der Parteiführung unter Kurt Schumacher forciert wurde 96 . Am längsten konnten sich die Antifas zumindest in den Westzonen als Keimzellen einer neuen Gewerkschaftsbewegung halten, ehe sich daraus im Herbst 1945 auf Grundlage eines Kompromisses mit den Spitzenfunktionären des alten ADGB die Anfänge des späteren Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) entwickelten, der weniger politisiert war, als es in den Antifas ursprünglich gewünscht worden war 97 .
Angesichts des Funktionswandels waren für das rasche Verschwinden der Antifas aus der politischen Landschaft oft noch im Sommer 1945 nicht allein äußere Gründe verantwortlich. Nicht nur das Betätigungsverbot oder der Funktionsentzug durch die Alliierten, nicht nur die Übernahme einzelner Personen in den regulären Staatsapparat, im Osten häufiger praktiziert als im Westen, bewirkten die Auflösung. Die Ausschüsse machten sich durch ihre Mithilfe beim administrativen Um- und Neuaufbau speziell im Osten, durch das Mitwirken vieler ihrer Mitglieder bei der Wiedergründung der traditionellen Parteien und der Gewerkschaften, ohne gleichzeitig eine spezifisch eigenständige Aufgabenstellung zu entwickeln, zum großen Teil selbst überflüssig.
Beim Vergleich der antifaschistischen Ausschüsse mit der späteren Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes lassen sich somit deutliche Unterschiede, aber auch einige Parallelen konstatieren. Im Gegensatz zur späteren VVN nahmen die Antifas sehr umfangreiche gesellschaftliche Aufgaben wahr, ohne diese klar abzugrenzen. Sie waren praktisch kommunale Ver-waltungsorgane bzw. übten parallel zu den bestehenden, aber in ihrer Arbeit daniederliegenden Institutionen deren Tätigkeit aus. Sie arbeiteten als gesellschaftliche Organisationen anstelle der
92 Benser, Günter: Antifa-Ausschüsse ..., S. 793.
93 Creuzberger, Stefan: Die Liquidierung antifaschistischer Organisationen in Berlin - Ein sowjetisches Dokument; in: DA, Nr. 11/1993, S. 1269.
94 Ebd., S. 1268, S. 1274 f.
95 Vgl. Ebd., S. 1269 ff.
96 Niethammer, Lutz: Aufbau von unten ..., S. 712.
97 Ebd., S. 713 f.
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noch nicht wieder vorhandenen Parteien, Gewerkschaften und Verbände. Das Aufgabenfeld der VVN hingegen war von vornherein klar eingegrenzt. Sie wurde als Interessenvertretungsverband der NS-Verfolgten gegründet, sie wollte für öffentliche Akzeptanz der besonderen Situation des NS-Opfer sorgen und die sozialen Interessen ihrer Klientel wirksam vertreten. Dennoch gab es auch Parallelen. Sowohl die Antifas als auch die VVN verstanden sich als überparteiliche Zusammenschlüsse von Hitler-Gegnern. Während jedoch die Antifas prinzipiell allen Menschen, die nicht in der NSDAP gewesen waren, offenstanden, sprach die VVN nur in einem bürokratischen Verfahren anerkannte NS-Verfolgte und aktive Widerstandskämpfer a n. Beide politischen Bewegungen hatten Auseinandersetzungen mit den Alliierten, weil sie gegen das anfangs zumindest von den Westmächten rigide verfochtene politische Betätigungsverbot für Deutsche verstießen. Sie hatten darüber hinaus ähnliche Ziele: Sie traten für die Beseitigung aller Reste der NS-Herrschaft ein, forderten eine gründliche Auseinandersetzung mit der Ideologie des Nationalsozialismus, betonten die Mitverantwortung des ganzen deutschen Volkes für das Geschehene und wollten eine dauerhafte Zusammenarbeit aller Hitler-Gegner. Schließlich lassen sich auch entstehungsgeschichtliche Zusammenhänge feststellen. Wie im folgenden dargestellt, entstand die VVN oft aus den für die soziale Betreuung der Verfolgten zuständigen Institutionen der Stadtverwaltungen, den OdF-Ausschüssen. Diese wiederum erwuchsen in einer Reihe von Orten, z. B. in Leipzig, aus der praktischen Selbsthilfetätigkeit der Antifa-Bewegung 98 . Indirekt gehen die ersten Anfänge zur Schaffung der VVN somit auf die Antifa-Bewegung zurück.
98 Borsdorf, Ulrich; Niethammer, Lutz (Hg.): Zwischen Befreiung ..., S. 119, S. 329.
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1.2 Erste Organisationsformen der "Opfer des Faschismus"
Nachdem die KZ-Häftlinge im Frühjahr 1945 von den alliierten Truppen befreit worden waren, strömten Tausende von ihnen in die Großstädte. Sie waren unterernährt, verlaust, verdreckt und mangelhaft bekleidet 99 , viele besaßen nicht mehr als ihre Häftlingskleidung, die sie auf dem Leib trugen 100 , so daß sie dringend auf Hilfe angewiesen waren. In dieser Situation taten sich ehemalige politische Häftlinge und andere "aktive Antifaschisten" zusammen und gründeten teilweise noch vor Kriegsende Selbsthilfeinstitutionen wie den "Hilfsausschuß für die Opfer des faschistischen Terrors - Wiedergutmachungswerk" in Leipzig, der im Rahmen der Antifa-Bewegung entstand, um zunächst durch Spendensammlungen, dann mit Hilfe der Stadtverwaltung Nahrung, Kleidung, Unterbringung und etwas Geld für die Häftlinge zu organisieren 101 . Im sowjetisch besetzten Gebiet entstanden so insgesamt 42 Hilfsinstitutionen für die "Opfer des Faschismus" (OdF), die bald nach ihrer spontanen Gründung dem Sozialamt der jeweiligen Stadtverwaltung zugeordnet wurden 102 . Größter und aktivster dieser Ausschüsse war der Hauptausschuß "Opfer des Faschismus" in Berlin 103 , dessen Maßnahmen in vielerlei Hinsicht über Berlin hinaus als "wegweisend für die soziale und kulturelle Betreuung aller Opfer des Faschismus" angesehen wurden 104 .
Noch ehe der Hauptausschuß am 14. Juni 1945 bei einer "Wiedersehensfeier" der heimgekehrten ehemaligen politischen Gefangenen im großen Sendesaal des Berliner Funkhauses formell gegründet wurde 105 , ergriff Ende Mai der kommunistische Sozialstadtrat des von den Sowjets schon Mitte Mai eingesetzten Berliner Magistrats, Ottomar Geschke, die Initiative und arbeitete zusammen mit einigen anderen ehemaligen Häftlingen im Interesse der Verfolgten 106 . Auf ihre Initiative hin beschloß der Berliner Magistrat bereits am 30. Mai 1945 eine erste Soforthilfe für die ehemaligen politischen Gefangenen: Sie erhielten eine einmalige Unterstützung von 450 Reichsmark, für drei Monate die Lebensmittelkarte 1 mit den höchsten Verpflegungssätzen und Bezugsscheine für Kleidung; außerdem sollte ihnen Wohnraum "durch Einweisungen in Wohnungen von Faschisten" beschafft werden, und für die gesundheitliche Betreuung sollte in jedem Bezirk ein Arzt speziell für sie zur Verfügung stehen 107 . Die OdF-Ausschüsse in anderen Städten und Gemeinden der SBZ sorgten noch im Sommer 1945 für ähnliche Regelungen. Im Herbst 1945 stellten dann die Verwaltungen in den Ländern Sachsen und Thüringen sowie in den Provinzen Brandenburg und Sachsen die örtlichen Soforthilfemaßnahmen innerhalb ihres jeweiligen Wirkungskreises auf einheitliche Grundlagen, indem sie Richtlinien und
99 Zwei Jahre Hauptausschuß "Opfer des Faschismus", hrsg. vom Hauptausschuß "Opfer des Faschismus", verantwortlich für den Inhalt: Hellmut Bock, Berlin 1947, S. 5 f.
100 Drei Jahre "Kommunalabteilung Opfer des Faschismus" beim Rat der Stadt Leipzig, Leipzig 1948, S. 1.
101 Ebd., S. 1.
102 Foitzik, Jan: Vereinigung ..., S. 750; in Leipzig erfolgte die Zuordnung zum Sozialamt bereits am 1. Juni 1945, vgl. Drei Jahre "Kommunalabteilung ...", S. 2.
103 Tenner, Konstanze: Zur politisch-ideologischen Arbeit ..., S. 57 f.
104 Das erste Jahr Berlin im Neuaufbau - Ein Rechenschaftsbericht des Magistrats der Stadt Berlin, hrsg. im Auftrage des Magistrats der Stadt Berlin, Berlin 1946, S. 193.
105 Zwei Jahre Hauptausschuß ..., S. 6.
106 Bauer, Arnold: Die Anfänge der Kultur und Politik; in: Bauer, Arnold; Italiaander, Rolf; Krafft, Herbert: Berlins Stunde Null 1945 - Ein Bild/Text-Band, Düsseldorf 1979, S. 93.
107 Schröter, Ursula: a.a.O., S. 141 f.
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Ausführungsbestimmungen für die Fürsorge zugunsten der "Opfer der Faschismus" erließen; nur in Mecklenburg-Vorpommern verweigerten Landesverwaltung und Sowjetische
Militäradministration eine landesweite Anerkennung von Fürsorgeorganisationen durch entsprechende Richtlinien 108 .
Obwohl unter den elf Ende Juni gewählten Mitgliedern des Berliner Hauptausschusses 109 nur zwei Kommunisten waren, neben Ottomar Geschke gehörte nur Margarete Jung der KPD an, Robert Havemann trat erst 1950 der SED bei 110 , wurde der kommunistische Einfluß bzw. die Dominanz der politischen Häftlinge im Hauptausschuß schon recht bald deutlich. Das lag sicherlich auch daran, daß mit Karl Raddatz als Geschäftsführer ein Kommunist die laufende Arbeit leitete 111 . Jedenfalls wies der Hauptausschuß am 28. Juni 1945 die inzwischen in den Berliner Bezirken gebildeten Unterausschüsse an, die Ende Mai beschlossenen Hilfsmaßnahmen auf diejenigen zu beschränken, die "aktiv am Kampfe gegen das Hitlerregime teilgenommen" hatten 112 . Bibelforschern, "Arbeitsvertragssündern", Juden und anderen "rassisch" Verfolgten hingegen sollte dieser Anweisung zufolge "im Rahmen der allgemeinen Fürsorge" geholfen werden, sie wurden als "Opfer des Faschismus" mit Ausgebombten und im Kriegsdienst eingesetzten Soldaten gleichgesetzt 113 . In dieser Diskriminierung der "rassischen" Opfer durch die Kommunisten kam jene Fehleinschätzung des eigentlichen Charakters des NS-Regimes zum Ausdruck, die schon vor 1933 kennzeichnend für die kommunistische Faschismusanalyse gewesen war 114 . Führende KPD-Funktionäre hatten im Antisemitismus der Nazis in den späten 20er und frühen 30er Jahren lediglich einen "Schwindel" gesehen, "um lumpenproletarische Schichten zu gewinnen." 115 Auch während der NS-Diktatur hatten fast alle kommunistischen und sozialistischen Gruppen in Widerstand und Exil den Antisemitismus und Rassismus der Nazis unterschätzt, viele hatten die Judenfeindschaft als lediglich "manipulatorisch" charakterisiert 116 . Obwohl das Ausmaß des Massenmords der Nazis an den Juden schon kurz nach Kriegsende bekannt war 117 , ignorierten die Kommunisten also nach wie vor den Rassismus als zentrales Prinzip der NS-Politik, dem alle anderen Bereiche untergeordnet waren 118 . Diese Herabwürdigung
108 Groehler, Olaf: Integration und Ausgrenzung ..., S. 106.
109 Außer den drei Genannten gehörten dem Hauptausschuß "Opfer des Faschismus" ab Juni 1945 mit Otto Braß und Gustav Dahrendorf zwei Sozialdemokraten an, neben Dahrendorf stammten vier weitere Ausschußmitglieder aus den am 20. Juli beteiligten Gruppen, nämlich Andreas Hermes, Hermann Landwehr, Hildegard Staehle und Theodor Steltzer. Die "rassisch" Verfolgten hingegen waren nur durch den Juden Julius Meyer und indirekt durch den evangelischen Propst Heinrich Grüber, der während der NS-Zeit "rassisch" Verfolgten geholfen hatte, vertreten. Aufzählung der Mitglieder bei: Geschke, Ottomar: Bericht der Abteilung Sozialwesen; in: Ein halbes Jahr Berliner Magistrat - Der Magistrat gibt Rechenschaft: Die Reden des Oberbürgermeisters Dr. Arthur Werner und des ersten stellvertretenden Oberbürgermeisters Karl Maron auf der Kundgebung in der Deutschen Staatsoper am 19. November 1945, Berichte der Stadträte, hrsg. im Auftrage des Magistrats der Stadt Berlin, Berlin o.J., S. 65.
110 Havemann, Robert: Dokumente eines Lebens - zusammengestellt und eingeleitet von Dieter Hoffmann, Berlin 1991, S. 75.
111 Vgl. Hurwitz, Harold: Demokratie und Antikommunismus in Berlin nach 1945, Bd. 3: Die Eintracht der Siegermächte und die Orientierungsnot der Deutschen 1945-1946, Köln 1984, S. 193; Schröter, Ursula: a.a.O., S. 141.
112 Schröter, Ursula: a.a.O., S. 142.
113 Ebd., S. 142.
114 Zur kommunistischen Faschismusanalyse vor 1933 allgemein vgl. Wippermann, Wolfgang: Zur Analyse des Faschismus ..., S. 59 ff.; Wippermann, Wolfgang: Faschismustheorien ..., S. 11 ff.
115 Kessler, Mario: Zwischen Repression und Toleranz - Die SED-Politik und die Juden (1949 bis 1967); in: Kocka, Jürgen (Hg.): Historische DDR-Forschung ..., S. 150.
116 Dipper, Christof: Der deutsche Widerstand und die Juden; in: Geschichte und Gesellschaft, 9. Jg., 1983, S. 353.
117 Zwei Jahre Hauptausschuß ..., S. 67.
118 Burleigh, Michael; Wippermann, Wolfgang: The racial state - Germany 1933-1945, Cambridge/Melbourne/New York/Port Chester/Sydney 1991, S. 306.
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der Juden als "Nur-Opfer" führte zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen den Kommunisten und Heinrich Grüber, der sich schon unter den Nazis als Leiter der "Evangelischen Hilfsstelle für nichtarische Christen" für die "rassisch" Verfolgten eingesetzt hatte 119 . Grüber argumentierte, die politisch Verfolgten hätten schließlich eine persönliche Entscheidung für den Widerstandskampf getroffen und seien das Risiko der Inhaftierung bewußt eingegangen, die "Opfer der Nürnberger Gesetze" (OdNG) dagegen hätten keine andere Wahl gehabt 120 . Dennoch konnte sich Grüber zunächst nicht durchsetzen. Infolgedessen wurden in Berlin bis Ende September 1945 nur 2 352 politisch Verfolgte als OdF anerkannt und mit Sonderleistungen versorgt 121 . Ebenso lehnten die praktisch überall von ehemaligen politischen Häftlingen kommunistischer Provenienz dominierten Verfolgteninstitutionen in vielen Orten der SBZ eine Anerkennung von Juden und anderen "rassisch" Verfolgten als OdF ab; die Soforthilfemaßnahmen beschränkten sich zumeist auf jene NS-Opfer, die wegen politischer Delikte viele Jahre im KZ oder im Zuchthaus verbracht hatten 122 .
Am 17. Oktober 1945 erließ der Berliner Magistrat endlich neue Richtlinien für die Anerkennung als "Opfer des Faschismus", allerdings erst auf Befehl der Alliierten Kommandantur, wo seit Anfang Juli auch die Westmächte vertreten waren, die den "rassischen" Opfern der Nazis viel mehr Sensibilität entgegenbrachten als die Sowjets 123 .
Gemäß den neuen Richtlinien wurden nun "die illegalen Kämpfer der antifaschistischen Parteien", damit dürften in erster Linie Kommunisten und Sozialdemokraten gemeint gewesen sein, Widerstandskämpfer aus kirchlichen Kreisen, Beteiligte "der Erhebung des 20. Juli", politische Emigranten, die im Exil "nachweislich den Kampf gegen das Hitlerregime weitergeführt" hatten, Spanienkämpfer und politische Gefangene, die in "der Sonderformation 'Dirlewanger'" 124 oder in einer 999er Formation der Wehrmacht Militärdienst hatten leisten müssen, als "Kämpfer gegen den Faschismus" anerkannt 125 . Auch ein einzelner, enger Angehöriger jedes ermordeten
119 Vgl. dazu Grüber, Heinrich: Erinnerungen aus sieben Jahrzehnten, Berlin (West)/Köln 1968, S. 104 ff.
120 Ebd., S. 255.
121 Groehler, Olaf: Integration und Ausgrenzung ..., S. 108.
122 Zum elitären Selbstbewußtsein und zur herablassenden Haltung vieler kommunistischer Verfolgter gegenüber den "rassisch" Verfolgten unmittelbar nach Kriegsende vgl. Groehler, Olaf: Integration und Ausgrenzung ..., S. 107 ff.
123 Schröter, Ursula: a.a.O., S. 143. Olaf Groehler erweckt in seinen Aufsätzen den Eindruck, als wäre die Anerkennung "rassisch" Verfolgter als OdF durch den Berliner Hauptausschuß ab Herbst 1945 maßgeblich auf eine veränderte politische Strategie der Kommunisten zurückzuführen gewesen, er verweist auf den Artikel "Juden sind auch Opfer des Faschismus" im KPD-Zentralorgan Deutsche Volkszeitung vom 25. September 1945; vgl. dazu: Groehler, Olaf: Integration und Ausgrenzung ..., S. 109 f.; Groehler, Olaf: "Aber sie haben nicht gekämpft" ..., S. 38 f. De facto dürfte jedoch der auf Initiative der Westmächte zustande gekommene Befehl der Alliierten Kommandantur ausschlaggebend für die Änderung gewesen sein.
124 Die der SS zugeordnete Sonderformation "Dirlewanger" wurde 1940 gegründet. Sie ging bei der Partisanenbekämpfung in Weißrußland besonders brutal gegen Zivilisten vor und fiel bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstands im Spätsommer 1944 durch Grausamkeiten und Plünderungen auf. Die Formation bestand zunächst aus Kriminellen, die wegen Wilddiebstahls verurteilt waren, später kamen wegen krimineller Delikte bestrafte KZ-Häftlinge, sogenannte "Berufsverbrecher", "asoziale" KZ-Häftlinge, strafversetzte SS-Angehörige und von Militrägerichten bestrafte Wehrmachtsangehörige hinzu. Ab November 1944 wurden auch politisch verfolgte KZ-Häftlinge, hauptsächlich KPD-Angehörige, zum Dienst in der Formation "Dirlewanger" zwangsverpflichtet. Allerdings machten die "Politischen" weniger als 10 Prozent des Personalbestands der SS-Einheit aus, die Ende 1944 6 500 Mann umfaßte. Nur die Zuletztgenannten konnten sich als OdF anerkennen lassen. Ein Großteil der in der Einheit oft mißhandelten politischen Häftlinge lief beim ersten Fronteinsatz Ende 1944 zu den Sowjets über. Vgl. dazu: Auerbach, Hellmuth: Die Einheit Dirlewanger; in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte (VfZ), Nr. 3/1962, S. 250 ff., zu den politischen Häftlingen: S. 257 ff.; Stein, George: Geschichte der Waffen SS, Nachdruck der dt. Ausgabe von 1967, Düsseldorf/Königstein 1978, S. 239 ff., zu den politischen Häftlingen: S. 241.
125 Vgl. Zwei Jahre Hauptausschuß ..., S. 19 f.
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Widerstandskämpfers, Witwen und Kinder gefallener Spanienkämpfer und sogar als kriminell oder "asozial" eingestufte KZ-Häftlinge, die sich "im Konzentrationslager aktiv in der antifaschistischen Widerstandsbewegung betätigt" hatten, galten als "Kämpfer gegen den Faschismus" 126 . An diese Verfolgten wurde der Ausweis "Opfer des Faschismus" mit dem "Aufdruck 'Kämpfer'" ausgegeben 127 .
Die "rassischen Opfer", also insbesondere die im KZ inhaftierten und die während der NS-Zeit versteckten Juden bzw. ein einzelner, enger Hinterbliebener jedes ermordeten Juden und darüber hinaus die aus "religiösen oder weltanschaulichen Gründen" Verfolgten, die nicht aktiv Widerstand geleistet hatten, "politische Gelegenheitstäter", die beispielsweise illegal Rundfunksendungen der Alliierten gehört hatten und deswegen inhaftiert worden waren, sowie Militärstraftäter, vornehmlich aus politischen Motiven Desertierte, sollten dagegen "den Ausweis 'Opfer des Faschismus' ohne den Aufdruck 'Kämpfer'" erhalten 128 . Für "Zigeuner" war die Ausgabe eines OdF-Ausweises sogar "an den Nachweis eines festen Wohnsitzes und einer Beschäftigung geknüpft." 129
Noch stärker benachteiligt wurden "Mischlinge ersten Grades", also z. B. sogenannte "Halbjuden", und Verfolgte, die mit einem "arischen" Partner verheiratet waren, d. h. in einer sogenannten "privilegierten Ehe" die Jahre bis 1945 überstanden hatten. Sie wurden nur in Ausnahmefällen, so bei Zwangsarbeit "in verschärften Formen" oder anderen "besonders scharfen Verfolgungen", als "Opfer des Faschismus" anerkannt; andernfalls sollten sie nur eine "Bescheinigung" darüber erhalten, daß sie unter den Nazis bestraft oder gemaßregelt worden waren 130 . Da die Inhaber der "entsprechenden Bescheinigung" keinen Ausweis als "Opfer des Faschismus" erhielten, laut Richtlinien "infolge Geringfügigkeit" 131 , waren sie von den weiter unten dargelegten Sozialleistungen und Betreuungsmaßnahmen für OdF ausgeschlossen. Parallel zu den neuen Anerkennungsrichtlinien wurde eine gesonderte Abteilung "Opfer der Nürnberger Gesetzgebung" eingerichtet, deren Leitung Julius Meyer, das einzige jüdische Mitglied im Hauptausschuß, übernahm 132 .
Somit gab es faktisch drei Gruppen von "Opfern des Faschismus": "Kämpfer gegen den Faschismus", "Opfer des Faschismus" ohne den Status "Kämpfer", das waren im wesentlichen "Opfer der Nürnberger Gesetzgebung", und die nicht wirklich anerkannten "rassischen" Opfer mit der erwähnten Bescheinigung. Allerdings war der Unterschied bei den Sozialleistungen zwischen den ersten beiden Gruppen gering. Zwar erhielten nur die Kämpfer die obengenannte einmalige Beihilfe von 450 Reichsmark, angeblich aus Geldmangel 133 , aber alle übrigen Verordnungen galten auch den "rassischen" Opfern. Die Verordnungen umfaßten neben den ersten Regelungen vom 30. Mai 1945 "Essenkarten" für "ein markenfreies Mittagessen in den Volksgaststätten" während der Wintermonate 1945/46, ab März 1946 erneut drei Monate lang Lebensmittelkarte 1, danach Karten um eine Stufe höher als der Tätigkeit der OdF entsprechend, und schließlich alle Leistungen der gesetzlichen Sozialversicherung, unabhängig davon, ob die OdF sozialversichert
126 Vgl. ebd., S. 20 f.
127 Ebd., S. 19.
128 Vgl. ebd., S. 21 ff.
129 Ebd., S. 22.
130 Vgl. ebd., S. 22 f.
131 Ebd., S. 23.
132 Geschke Ottomar: Bericht der Abteilung Sozialwesen ..., S. 66.
133 Zwei Jahre Hauptausschuß ..., S. 18; vgl. auch Schröter: a.a.O., S. 143.
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waren oder nicht 134 . Mit den neuen Richtlinien war der Großteil der "Opfer der Nürnberger Gesetzgebung", wenn man von den genannten Ausnahmen absieht, den politisch Verfolgten materiell weitgehend gleichgestellt.
Zehn Tage nach Inkrafttreten der neuen OdF-Anerkennungsrichtlinien in Berlin, am 27. und 28. Oktober 1945, fand in Leipzig die erste gemeinsame Konferenz von Delegierten der OdF-Institutionen aus allen Städten der SBZ statt. Dort warben die Berliner Vertreter Ottomar Geschke, Karl Raddatz und Heinz Brandt dafür, auch in der SBZ Opfer des Rassenwahns der Nazis als OdF gelten zu lassen und die Berliner Richtlinien zu übernehmen, um so weiterhin ein einheitliches Vorgehen der ostdeutschen OdF-Bewegung zu gewährleisten 135 . Heinz Brandt, selbst Kommunist aus jüdischem Elternhaus 136 , argumentierte, die Juden wären in ihrer Mehrheit zwar keine Kämpfer gewesen, könnten aber als Kämpfer für den Aufbau gewonnen werden; er warnte insbesondere die kommunistischen Widerstandskämpfer, sich sektiererisch zu isolieren, und fordert sie auf, "als Führer der Massen" aufzutreten; außerdem wies er auf die Notwendigkeit hin, auf die Westalliierten wegen ihrer Anwesenheit in Berlin Rücksicht nehmen zu müssen 137 . Obwohl auch die beiden jüdischen Verfolgten Julius Meyer und Leon Löwenkopf vehement für eine gleichberechtigte Behandlung der "Opfer der Nürnberger Gesetze" und der Widerstandskämpfer eintraten und obwohl Karl Raddatz darauf aufmerksam machte, daß nach den Berliner Richtlinien eine gewisse Hervorhebung der Widerstandskämpfer durch den Aufdruck "Kämpfer" auf dem OdF-Ausweis erhalten bleiben sollte, stimmte erst nach stundenlanger Diskussion eine Mehrheit der Delegierten dafür, den Berliner Empfehlungen überall in der SBZ zu folgen 138 . Was blieb, war die moralische Hervorhebung der Widerstandskämpfer. Das brachte der Hauptausschuß in Berlin auch in seinem Emblem zum Ausdruck: Es war der rote Winkel, das Zeichen der politischen Häftlinge in den Konzentrationslagern 139 . Die besondere Würdigung der politisch Verfolgten strich der Geschäftsführer des Berliner Hauptausschusses, Karl Raddatz, nochmals auf der zweiten Arbeitstagung der OdF-Ausschüsse in der SBZ Anfang 1946 in Weimar heraus. Raddatz betonte, die "erste Tätigkeit" der OdF-Betreuungsstellen müsse denen gelten, die "als bewußte Kämpfer die größten Opfer gebracht" hätten 140 , wobei er das viel schwerere Los der "rassisch" Verfolgten in den Vernichtungslagern nicht seiner wirklichen Bedeutung entsprechend würdigte 141 .
Wie stark aber die vielen Kommunisten im Sekretariat des Hauptausschusses trotz der neuen Richtlinien Einfluß auf die Anerkennung von OdF nahmen, zeigen Beispiele aus der Praxis.
134 Zwei Jahre Hauptausschuß ..., S. 25.
135 Groehler, Olaf: Integration und Ausgrenzung ..., S. 110.
136 Zum bewegten Leben von Heinz Brandt vgl. seine Autobiographie: Brandt, Heinz: Ein Traum, der nicht entführbar ist - Mein Weg zwischen Ost und West, erweiterte Neuausgabe, Frankfurt a.M. 1985.
137 Groehler, Olaf: Integration und Ausgrenzung ..., S. 110.
138 Vgl. ebd., S. 110 f.
139 Vgl. die Abbildung auf dem Deckblatt von Zwei Jahre Hauptausschuß ....
140 Raddatz, Karl: Wer ist "Opfer des Faschismus"? - Referat auf der Arbeitstagung der "Opfer des Faschismus" am 9. und 10. Februar in Weimar, Weimar 1946, S. 4.
141 "Rassisch" Verfolgte h atten in den Konzentrations- und Vernichtungslagern unter viel härteren Haftbedingungen zu leiden als die politischen Häftlinge, denn die SS legte keinen Wert auf ihre Arbeitskraft, vielmehr sollten "Arbeitseinsätze" diese "Untermenschen" vernichten; zu den unterschiedlichen Haftbedingungen in den Lagern vgl. u.a. Langbein, Hermann: .... nicht wie die Schafe zur Schlachtbank - Widerstand in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern 1938-1945, Frankfurt a.M. 1980, S. 31 ff., S. 105 ff.; Pingel, Falk: Das System der Konzentrationslager; in: Eiber, Ludwig (Hg.): Verfolgung, Ausbeutung, Vernichtung - Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Häftlinge in den deutschen Konzentrationslagern 1933-1945, Hannover 1985, S. 19 ff., S. 30; Sofsky, Wolfgang: Die Ordnung des Terrors: Das Konzentrationslager, Frankfurt a.M. 1993, S. 137 ff., S. 152 ff., S. 169 ff.
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Verfolgte und Widerstandskämpfer, die nicht einer der beiden Arbeiterparteien angehörten, mußten nach ihrer Antragstellung oft sechs bis sieben Monate warten, bis sie registriert waren, das betraf sogar das CDU-Gründungsmitglied Paulus van Husen, "der nach dem 20. Juli 1944 zu drei Jahren Haft verurteilt worden war." 142
Schwerpunkt der Arbeit des Hauptausschusses wie auch der OdF-Ausschüsse in anderen Städten war die soziale Betreuung der ehemals Verfolgten. Außer durch die erwähnten Verordnungen halfen die Betreuungsstellen im allgemeinen durch die bevorzugte Vermittlung von Arbeitsplätzen und Wohnungen, durch Steuerstundungen und Wiederaufbauvorschüsse 143 . Noch bevor es zu dieser dauerhaften Unterstützung kam, mußte der Hauptausschuß unmittelbar nach seiner Gründung Sofortmaßnahmen treffen. Als im Sommer 1945 massenhaft Häftlinge aus den Konzentrationslagern Ravensbrück, Sachsenhausen, Buchenwald usw. nach Berlin strömten, sorgte der Ausschuß zunächst für Unterbringung und Versorgung mit dem Notwendigsten, indem er insgesamt zehn Durchgangsheime in Berlin einrichtete 144 . Nachdem der erste Ansturm abgeebbt war, konnten die meisten dieser Einrichtungen geschlossen werden. Nur drei Durchgangsheime blieben bestehen, um NS-Opfer unterzubringen, die sich nur vorübergehend in Berlin aufhielten, weil sie Angehörige suchten oder sich in Berlin Papiere beschaffen mußten 145 . Ebenso wichtig war anfangs die Suche nach unzähligen vermißten KZ-Häftlingen, denn die SS hatte in den letzten Wochen vor der Niederlage viele Unterlagen vernichtet und fast alle Konzentrationslager vor den herannahenden alliierten Truppen evakuiert, wobei Tausende Häftlinge auf den langen Märschen wegen Entkräftung gestorben waren oder von den Wachmannschaften ermordet worden waren 146 . Daher begannen die Mitarbeiter im Hauptausschuß sofort mit der systematischen Suche nach Verschollenen. Sie sammelten noch vor-handene Toten- und Hinrichtungslisten aus Lagern und Zuchthäusern, schalteten Landräte und Bürgermeister aus den Kreisen und Ortschaften ein, durch deren Gebiet die Evakuierungskolonnen gezogen waren, und strahlten in Zusammenarbeit mit dem Berliner Rundfunk Such- und Grußsendungen aus 147 . Im Jahr 1945/46 konnten so 6 327 von insgesamt 14 507 gesuchten Personen gefunden werden 148 , das entsprach einem Prozentsatz von 43,6 Prozent. Zu den langfristigen Aufgaben gehörte die Gesundheitsfürsorge für die ehemaligen Häftlinge, die die KZ-Haft in vielen Fällen nur krank und stark unterernährt überlebt hatten. Schon am 15. Juni 1945 konnte der Hauptausschuß das ehemalige Jagdschloß Sacrow bei Potsdam als Erholungsheim in Besitz nehmen und mit der Einweisung von jeweils 50 ehemaligen Verfolgten für die Dauer von je vier Wochen beginnen, die sich dort in landschaftlich schöner Umgebung und bei verhältnismäßig guter Lebensmittelversorgung erholen sollten 149 . Das Schloß Sacrow war "das erste Erholungsheim für ehemalige politische Häftlinge, das es in ganz Deutschland gab." 150 Noch im Herbst 1945 wurden zwei weitere Erholungsstätten eröffnet, zunächst in Hohenneuendorf und
142 Hurwitz, Harold: a.a.O., Bd. 3: Die Eintracht ..., S. 193.
143 Das erste Jahr Berlin ..., S. 193; Drei Jahre "Kommunalabteilung ...", S. 4 ff.
144 Zwei Jahre Hauptausschuß ..., S. 27.
145 Ebd., S. 28.
146 Ebd., S. 14.
147 Ebd., S. 14.
148 Das erste Jahr Berlin ..., S. 194.
149 Vgl. Zwei Jahre Hauptausschuß ..., S. 30 f.
150 Ebd., S. 31.
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am 1. Oktober in Lehnitz bei Oranienburg, wo der Ausschuß eine Siedlung von 20 Einfamilienhäusern in Besitz nehmen konnte, die Strafkompanien aus dem KZ Sachsenhausen für Luftwaffenoffiziere hatten bauen müssen 151 . Schwieriger gestaltete sich die Betreuung schwer Erkrankter. Vor allem an Tuberkulose litt ein hoher Prozentsatz der aus KZ-Haft Entlassenen, ihnen konnte der Hauptausschuß erst im Oktober 1945 helfen, als ein Vertrag mit der Lungenheilstätte Sülzhayn im Südharz geschlossen war und die ersten 20 "Opfer des Faschismus" zur Kur dorthin fahren konnten 152 . Gute Luft, eine weit über den Sätzen der Berliner Lebensmittelkarte 1 liegende Versorgung und eine gute medizintechnische Einrichtung mit Operationssaal, Röntgen- und Schichtaufnahmegeräten sorgten dafür, daß viele der 93 bis 1947 in Sülzhayn behandelten Tbc-Kranken geheilt oder in wesentlich verbessertem Ge-sundheitszustand entlassen werden konnten 153 . Später gelang es dem Hauptausschuß durch Vereinbarungen mit der Sozialversicherungsanstalt, auch für Herz- und Rheumakranke Sana-toriumsplätze zu organisieren 154 . Mit den von Anfang an geplanten Reihenuntersuchungen für alle anerkannten "Opfer des Faschismus" wurde jedoch erst 1947 begonnen 155 . Alle drei Erholungseinrichtungen gingen 1947 ebenso wie das Lungensanatorium Sülzhayn in den Besitz der VVN-Erholungsstätten GmbH über (Einzelheiten dazu in Abschnitt 2.4).
Auch über seinen eigentlichen Wirkungskreis hinaus war der Berliner Hauptausschuß "Opfer des Faschismus" sozial tätig. Auf Antrag der "Union der befreiten politischen Häftlinge der Tschechoslowakei" organisierte der Hauptausschuß im Herbst 1945 eine Suchaktion, um die vermißten Kinder von Lidice ausfindig zu machen und ihren Müttern in der Tschechoslowakei zurückzugeben 156 . Das tschechische Dorf Lidice hatte die SS im Juni 1942, nach einem erfolgreichen Attentat tschechischer Widerstandskämpfer auf den "Reichsprotektor von Böhmen und Mähren", Reinhard Heydrich, in einer Racheaktion völlig zerstört; alle erwachsenen Männer waren standrechtlich erschossen und die Frauen ins KZ Ravensbrück eingeliefert worden; die Kinder waren zum Teil nach Polen und, sofern die Nazis unter "rassischen" Gesichtspunkten eine "Eindeutschung" für möglich gehalten hatten, nach Deutschland verschleppt worden 157 . Um die nach Deutschland entführten Kinder aufzuspüren, versandte der Hauptausschuß Namenslisten der 93 vermißten Kinder an alle Gemeinde-, Stadt- und Landesverwaltungen in Deutschland, um sie überall in Rathäusern, Amtsstuben und Postämtern aushängen zu lassen 158 . Durch diese Aktion, die der Berliner OdF-Ausschuß als einen ersten Schritt am "Werk der Wiedergutmachung" betrachtete, konnten 13 vermißte Kinder ermittelt und ihren Müttern zurückgegeben werden 159 . In einer ähnlichen Aktion half der Ausschuß den französischen Besatzungsbehörden bei der Suche nach vermißten französischen Kindern; wiederum wandte er
151 Vgl. ebd., S. 31 f.
152 Vgl. ebd., S. 36 f.
153 Vgl. ebd., S. 37 ff.
154 Ebd., S. 39.
155 Ebd., S. 39.
156 Ebd., S. 53.
157 Zu den Ereignissen in Lidice 1942 vgl: Berton, Stanislav: Das Attentat auf Reinhard Heydrich vom 27. März 1942 - Ein Bericht des Kriminalrats Heinz Pannwitz; in: VfZ, Nr. 4/1985, S. 688 ff.; MacDonald, Callum: Heydrich - Anatomie eines Attentats, dt. Ausgabe, München 1990, S. 232 ff.; Schilderung der SS-Aktion in Lidice aus Sichte eines der verschleppten Kinder in: Ivanov, Miroslav: Der Henker von Prag - Das Attentat auf Heydrich, dt. Ausgabe der 5. Auflage der tschechischen Originalausgabe, Berlin 1993, S. 335 ff.
158 Zwei Jahre Hauptausschuß ..., S. 53.
159 Vgl. ebd., S. 53 ff.
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sich an die öffentlichen Verwaltungen auf allen Ebenen und wies die deutsche Bevölkerung auf ihre moralische Pflicht "zur Aufdeckung dieses Verbrechens" hin; die Nazis hatten nämlich seit 1940 schätzungsweise 100 000 Kinder aus Frankreich verschleppt 160 . Ebenfalls im Herbst 1945 starteten die organisierten Berliner Antifaschisten unter dem Motto "Rettet die Kinder" eine Spendensammlung, um allen Berliner Kindern zu Weihnachten ein Spielzeug und ein warmes Kleidungsstück zu schenken. Sinn dieser Sammlung war es unter anderem, ein Stück Versöhnung zwischen den NS-Verfolgten und den einfachen NSDAP-Mitgliedern und Mitläufern der Hitlerzeit zu schaffen, denn "auch den Kindern von Nazieltern" sollte etwas geschenkt werden 161 . Schließlich war das Verhältnis zwischen den "Opfern des Faschismus" und der übrigen Bevölkerung gespannt. Viele ehemalige Parteigenossen hielten die NS-Verfolgten für Kriminelle, die vor 1945 zu Recht im Lager gesessen hätten, andere beneideten die OdF wegen deren besserer Versorgung 162 . Jedenfalls waren die Beziehungen zwischen ehemaligen Pgs und Widerstandskämpfern in der Regel nicht von Achtung und Respekt geprägt, wie z. T. behauptet wird 163 . Alles in allem wurden bei der Aktion mehr als 6 Millionen Reichsmark gesammelt, außerdem wurde mit Hilfe der Frauenausschüsse aus Stoffresten Kinderkleidung genäht und in Zusammenarbeit mit den Jugendausschüssen Spielzeug gebastelt, so daß insgesamt 364 115 Kinder, 78 Prozent aller Berliner Kinder, beschenkt werden konnten 164 . Darüber hinaus veranstalteten einzelne OdF-Bezirksausschüsse 1945 Weihnachtsmärkte für die Bevölkerung und auf zentraler Ebene wurden zwei Weihnachtsfeiern für die "Opfer des Faschismus" selbst und ihre Angehörigen organisiert 165 .
Neben seiner sozialen Tätigkeit begann der Ausschuß im Spätsommer 1945, sich politisch zu engagieren. Am Sonntag, dem 9. September 1945, veranstaltete der Hauptausschuß eine Gedächtniskundgebung für die "Opfer des Faschismus" im Neuköllner Werner-Seelenbinder-Stadion. Es war die erste politische Massenkundgebung überhaupt in Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg, an der sich alle politischen Parteien, gesellschaftlichen Organisationen und Religionsgemeinschaften beteiligten 166 . Etwa 50 000 Menschen, darunter Delegationen aus anderen großen Städten der SBZ wie Leipzig, Halle, Magdeburg und Dresden, aber auch aus Frankfurt a.M. und aus Braunschweig 167 , gedachten der Ermordeten der Jahre 1933 bis 1945 durch Kranzniederlegungen und eine Schweigeminute 168 . Oberbürgermeister Arthur Werner, der als erster sprach, beschwor in seiner Rede die "Ideen der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Völkerfreundschaft" und forderte dazu auf, vor allem den Jugendlichen den "Heldenmut des politischen Kämpfers" als vorbildlich zu vermitteln und die Jugend nicht mehr in kriegerischem Geist zu erziehen 169 . Die viele Jahre im KZ Ravensbrück inhaftierte Maria Wiedmaier betonte in ihrer
160 Vgl. das Flugblatt "An alle Deutschen" des Hauptausschusses "Opfer des Faschismus" beim Magistrat der Stadt Berlin, Abteilung Sozialwesen, vom Juni 1946; in: GStA, HA I, Rep 92, NL Grüber, Nr. 477, Umschlag 2, Bl. 1-6, jeweils die Rückseite.
161 Vgl. ebd., S. 57 f.
162 Vgl. Schröter, Ursula: a.a.O., S. 139 f., S. 145.
163 Lübbe, Hermann: Der Nationalsozialismus im deutschen Nachkriegsbewußtsein; in: Historische Zeitschrift (HZ), 236, 1983, S. 587.
164 Vgl. Zwei Jahre Hauptausschuß ..., S. 59 ff.
165 Ebd., S. 59, S. 61.
166 Ebd., S. 42.
167 Tenner, Konstanze: Zur politisch-ideologischen Arbeit ..., S. 61.
168 Vgl. Zwei Jahre Hauptausschuß ..., S. 43 ff.
169 Ebd., S. 45.
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Ansprache vor allem die Mitschuld der Masse der Deutschen an den Verbrechen der Nazis, die diese Verbrechen gesehen und schweigend geduldet hätten, und leitete daraus die Pflicht zur Wiedergutmachung ab 170 . Der Hauptausschuß-Vorsitzende O ttomar Geschke mahnte alle Widerstandskämpfer, weiterhin zu kämpfen, um so die politisch lethargische Masse der Deutschen für den Aufbau eines demokratischen deutschen Staates zu gewinnen 171 . Am Vormittag des 9. September hatten bereits beide christliche Konfessionen der Opfer gedacht, der evangelische Gedenkgottesdienst hatte in der Marienkirche stattgefunden, der katholische Trauergottesdienst in der Neuköllner St.-Klara-Kirche 172 . Auch in anderen Städten der Sowjetischen Besatzungszone veranstalteten die OdF-Ausschüsse im Herbst 1945 solche Ge-dächtniskundgebungen, an denen beispielsweise in Dresden sogar 70 000 und in Schwerin immerhin 30 000 Menschen teilnahmen, so daß die OdF-Ausschüsse der SBZ auf ihrer ersten gemeinsamen Konferenz Ende Oktober 1945 in Leipzig beschlossen, jedes Jahr einheitlich an einem Sonntag im September einen Gedenktag für die "Opfer des Faschismus" durchzuführen 173 .
Der Beginn des Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher am 14. November 1945 vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg war für den Hauptausschuß Anlaß für die Veranstaltung "Wir klagen an!". Dabei ging es der größten Verfolgteninstitution in Deutschland besonders darum, klarzustellen, daß es in Deutschland antifaschistischen Widerstand gegeben hatte und daß die Nazis auch "Verbrechen gegen das eigene Volk begangen" hatten 174 , um dem Eindruck entgegenzuwirken, in Nürnberg stünde Deutschland insgesamt vor Gericht. Die Nürnberger Anklageschrift basierte nämlich auf der Annahme, es hätte in Deutschland keinen nennenswerten Widerstand gegen die nationalsozialistische Herrschaft gegeben 175 . Auch wenn der amerikanische Hauptankläger Robert Jackson zu Beginn der Verhandlung in Nürnberg erklärt hatte, es solle "nicht das ganze deutsche Volk beschuldigt werden" 176 , so war doch der Einfluß des "Vansittartismus" auf die Anklage unverkennbar. Der Unterstaatssekretär im britischen Außenministerium, Robert Vansittart, hatte in einer Rundfunkansprache 1941 NS-Herrschaft und Angriffskrieg auf einen angeblich aggressiven, autoritären und antidemokratischen Nationalcharakter der Deutschen zurückgeführt 177 . In der Folge fand die sogenannte Kollektivschuldthese, wonach alle Deutschen für das Hitlerregime verantwortlich gewesen seien, besonders in Großbritannien und den USA weite Verbreitung, was als "Vansittartismus" bezeichnet worden ist 178 .
Auf der Veranstaltung zum Hauptkriegsverbrecherprozeß versuchten die einzelnen Redner, ein Bild vom gesamten Ausmaß der Verbrechen der Nazis zu geben. Gustav Dahrendorf stellte
170 Ebd., S. 46.
171 Ebd., S. 48.
172 Vgl. ebd., S. 48 ff.
173 Vgl. Tenner, Konstanze: Zur politisch-ideologischen Arbeit ..., S. 62 f., S. 260.
174 Wir klagen an! - Öffentliche Anklage des Hauptausschusses "Opfer des Faschismus" Berlin in der Berliner Staatsoper am 16.12.1945 anläßlich des Prozesses gegen die Kriegsverbrecher in Nürnberg, Berlin o.J., S. 3.
175 Schwartz, Thomas Alan: Die Begnadigung deutscher Kriegsverbrecher - John McCloy und die Häftlinge von Landsberg, in: VfZ, Nr. 3/1990, S. 379.
176 Koebner, Thomas: Die Schuldfrage - Vergangenheitsverweigerung und Lebenslügen in der Diskussion 1945-1949; in: Koebner, Thomas; Sautermeister, Gert; Schneider, Sigrid (Hg.): Deutschland nach Hitler ..., S. 302.
177 Vansittart, Robert: Black Record, London 1941.
178 Zu Vansittartismus und Kollektivschuldthese allgemein vgl. Koebner, Thomas: Die Schuldfrage ..., S. 301 ff.; Schreiber, Gerhard: Hitlerinterpretationen 1923 bis 1983 - Ergebnisse, Methoden und Probleme der Forschung, 2. Auflage, Darmstadt 1988, S. 73 ff.; knapp zusammengefaßt in der Einleitung von: Wippermann, Wolfgang (Hg.): Kontroversen um Hitler, Frankfurt a.M. 1986, S. 42 ff.
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die schon lange vor 1933 entwickelte rassistische Ideologie der Nazis dar 179 , Otto Braß rief die Verbrechen an Funktionären der Arbeiterorganisationen und an den sowjetischen Kriegsgefangenen in Erinnerung 180 und Robert Havemann ging auf den Mißbrauch der Wissenschaft und das Euthanasieprogramm ein 181 . Im Mittelpunkt der Ansprache von Hildegard Staehle, die in ihrer Abwesenheit verlesen wurde, standen der Massenmord an den Juden sowie die damit einhergehenden Diskriminierungen und Mißhandlungen 182 . Übrigens herrschte so kurz nach Kriegsende noch ein gewisser Konsens über die Ursachen der NS-Herrschaft, zumindest zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten. Ähnlich wie die Kommunisten sah der im Umfeld des 20. Juli tätige Sozialdemokrat Dahrendorf in den "Millionenfonds der kapitalistischen Hochbourgeoisie" und der Unterstützung "von reaktionären Großgrundbesitzern" wesentliche Faktoren, die Hitler zur Macht verholfen hatten 183 .
Außerdem wollten die Veranstalter mit dieser Kundgebung die Masse der Deutschen auf ihre Mitschuld an den Geschehnissen hinweisen. Schließlich lehnten große Teile der deutschen Bevölkerung den Nürnberger Prozeß ab, in späteren Umfragen äußerten dann sogar nur noch 10 Prozent der Befragten in irgendeiner Form Zustimmung 184 . Die Kollektivschuldthese und die kaum begreifbare Dimension der Verbrechen führten bei vielen Deutschen schon gleich nach Kriegsende zu einer Trotz- und Verweigerungshaltung. Nicht nur ehemalige Nazis, sondern auch viele Mitläufer und nicht unmittelbar Beteiligte bagatellisierten die Verbrechen, wälzten Schuld auf andere ab, rechneten die schweren Verbrechen der Nazis gegen das Verhalten der Alliierten in Kriegs- und Nachkriegszeit auf oder lobten gar Leistungen des "Dritten Reiches" wie die "Tapferkeit des deutschen Soldaten" oder den Autobahnbau 185 . In Anbetracht dieser Stimmung warf Ottomar Geschke in seinen am Schluß der Kundgebung vorgetragenen Ausführungen den Millionen von Mitläufern vor, sie hätten gesehen, "wie die Juden aus ihren Wohnungen gerissen wurden und ... die Synagogen brannten", sie hätten aber nichts dagegen getan, sondern im Gegenteil, "Teile des deutschen Volkes" hätten sich sogar "an den nichtswürdigen Verfolgungen ... beteiligt." 186 Zugleich jedoch wandte sich Geschke gegen die Kollektivschuldthese und dagegen, keine deutschen Richter an Prozessen gegen die Nationalsozialisten zu beteiligen, was die Alliierten in Nürnberg verweigert hatten 187 . Er bat die Alliierten, "die in Zukunft gefaßten nationalsozialistischen Verbrecher vor eigenen Gerichten aburteilen zu können", denn er erhoffte sich von der bewußten und eigenverantwortlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit eine Stärkung des Antifaschismus in Deutschland 188 .
Viel umstrittener als Veranstaltungen, die sich unmittelbar mit Anliegen der Betroffenen befaßten, waren OdF-Versammlungen allgemeinpolitischer Art. Dies traf besonders auf eine von Karl Raddatz für den 3. März 1946 organisierte Kundgebung der "Opfer des Faschismus" im Admiralspalast zu. Nur zwei Tage, nachdem eine Funktionärskonferenz der Berliner SPD
179 Vgl. Wir klagen an! ..., S. 6 ff.
180 Vgl. ebd., S. 11 ff.
181 Vgl. ebd., S. 17 ff.
182 Vgl. ebd., S. 21 ff.
183 Ebd., S. 9.
184 Schwartz, Thomas Alan: a.a.O., S. 383.
185 Koebner, Thomas: Die Schuldfrage ..., S. 303.
186 Wir klagen an! ..., S. 34.
187 Koebner, Thomas: Die Schuldfrage ..., S. 315.
188 Wir klagen an! ..., S. 35.
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beschlossen hatte, die Mitglieder in einer Urabstimmung darüber entscheiden zu lassen, ob sich ihre Partei mit der KPD zusammenschließen soll 189 , sollten sich die Berliner "Opfer des Faschismus" zur Vereinigung von KPD und SPD bekennen 190 . Die Versammlung vom 3. März, auf der Ottomar Geschke die geplante Fusion vehement als Fortsetzung der im KZ "geschmiedeten Einheit" von Kommunisten und Sozialdemokraten propagierte, so daß die mehr als 1000 anwesenden ehemals Inhaftierten die Forderung nach einer einheitlichen Arbeiterpartei einstimmig begrüßten 191 , wurde von den Vertretern der Westmächte in der Alliierten Kommandantur ebenso mißbilligt wie zwei OdF-Versammlungen, die bereits in den Tagen zuvor im amerikanischen Sektor für die Einheitspartei geworben hatten 192 . KPD und Sowjets reagierten kooperativ auf die vom amerikanischen Stadtkommandanten General Barker in der Alliierten Kommandantur vorgetragene Forderung nach Konsequenzen. Der stellvertretende Oberbürgermeister Karl Maron (KPD) distanzierte sich im Namen des Magistrats von der Veranstaltung, er erklärte, der Hauptausschuß habe "keinerlei politische Aufgaben", und warf Raddatz eigenmächtiges Handeln vor; der sowjetische Stadtkommandant General Smirnow ließ Raddatz daraufhin verhaften 193 . Zwar ließen die Sowjets Raddatz kurze Zeit später unter Hinweis auf seine zehnjährige KZ-Haft wieder frei, gleichwohl wurde er aus dem Magistrat entlassen 194 , die Geschäftsführung des Hauptausschusses übernahm Hellmut Bock, ebenfalls Kommunist. Dennoch gab es unter den vier Besatzungsmächten weiterhin Meinungsverschiedenheiten über die Rolle der Institution. Während der amerikanische Vertreter in der Kommandantur grundsätzlich keine politischen Aktivitäten der Betreuungsstelle mehr akzeptieren wollte und darin von seinen westeuropäischen Kollegen unterstützt wurde, argumentierte die sowjetische Seite, der Hauptausschuß müsse weiterhin Aufklärungsarbeit zur demokratischen Erziehung des deutschen Volkes leisten können, und führte als Beispiel die Veranstaltung über den Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozeß an 195 . Am 18. April einigten sich die Alliierten schließlich darauf, dem Ausschuß "rein antifaschistische Propaganda" zu gestatten, aber jegliche parteipolitische Betätigung zu verbieten, was der Magistrat strenger als bis dahin beaufsichtigen sollte 196 .
Doch trotz Einigung der Alliierten blieb die zentrale OdF-Betreuungsstelle in Berlin in der Kritik. Vor allem die sozialdemokratischen Verfolgten, wegen des Engagements des Hauptausschusses für die SED-Gründung ohnehin verärgert, protestierten gegen das wachsende Übergewicht der Kommunisten. Nachdem Gustav Dahrendorf als Gegner der Vereinigung von KPD und SPD Berlin und damit auch den Hauptausschuß verlassen hatte, gehörte der Führung im Frühjahr 1946 kein Sozialdemokrat mehr an, denn Otto Braß war mit in die SED gegangen; außerdem war Hildegard Staehle im Dezember 1945 verstorben, Andreas Hermes hielt sich nach seiner Absetzung als CDU-Vorsitzender der SBZ nicht mehr in Berlin auf, und Theodor Steltzer war
189 Zur Funktionärskonferenz der Berliner SPD am 1. März 1945 vgl. Hurwitz, Harold: Demokratie und Antikommunismus in Berlin nach 1945, Bd. 4, Teil 2: Zwischen Selbsttäuschung und Zivilcourage - Der Fusionskampf, Köln 1990, S. 1019 ff.
190 Hurwitz, Harold: a.a.O., Bd. 3: Die Eintracht ..., S. 193.
191 Vgl. die Berichterstattung in: Der Kurier [Berliner Abendzeitung - S.W.], 4. März 1946.
192 Hurwitz, Harold: a.a.O., Bd. 3: Die Eintracht ..., S. 193.
193 Vgl. Schröter, Ursula: a.a.O., S. 146 f.
194 Ebd., S. 147.
195 Ebd., S. 147.
196 Ebd., S. 147.
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inzwischen Regierungspräsident von Schleswig-Holstein geworden 197 . Vor diesem Hintergrund wurde der Hauptausschuß im Laufe des Jahres 1946 um insgesamt elf Mitglieder erweitert: Neben der Sozialdemokratin Annedore Leber und Marion Gräfin York von Wartenberg, Ehefrauen zweier von den Nazis nach dem 20. Juli 1944 hingerichteter Widerstandskämpfer, kamen zwei weitere Sozialdemokraten 198 und mit dem ehemaligen Gefängnispfarrer Harald Poelchau, dem Christdemokraten Rudolf Pechel und Kurt Schatter drei zusätzliche Vertreter bürgerlicher Widerstandsgruppen in den Hauptausschuß; als Repräsentanten der "rassisch" Verfolgten wurden Fritz Katten und Fritz Corsing aufgenommen 199 . Mit Margareta Kuckhoff wurde nur eine Kommunistin kooptiert, allerdings stand auch der neu in den Ausschuß berufene, parteilose ehemalige Fabrikant Leo Skrzypczynski 200 , ab August 1945 Präsident der Zentralverwaltung für Industrie in der SBZ, den Kommunisten nahe, denn er hatte in der Widerstandsgruppe "Rote Kapelle" mitgearbeitet 201 .
In der Folge gab es weitere Konflikte zwischen der halbstaatlichen OdF-Organisation und den Alliierten. So verbot während der Vorbereitungen zum OdF-Gedenktag im September 1946 der Erziehungsausschuß der Alliierten Kommandantur den "Opfern des Faschismus", persönlich in Schulen aufzutreten, weil sie "mit den Schulen nichts zu tun haben"; stattdessen sollten die Schüler von den regulären Lehrern über den Anlaß des Gedenkens und die "Unmenschlichkeit des Faschismus" aufgeklärt werden 202 . Allerdings fanden in den Schulen dann dennoch Feierstunden für die Opfer von Verfolgung und Widerstand statt 203 . Auseinandersetzungen solcher Art hatte es auch außerhalb Berlins häufig gegeben, so daß die erste interzonale Tagung der OdF-Stellen aus ganz Deutschland Ende Juli 1946 in Frankfurt a.M. den Beschluß faßte, in allen Zonen und Berlin eine politische Organisation zu gründen, die "alle Verfolgten des Naziregimes in einer selbständigen überparteilichen Vereinigung" zusammenfassen sollte 204 . Noch ein halbes Jahr zuvor hatte der KPD-Funktionär Stefan Heymann diese Frage ganz anders beurteilt. Auf der Arbeitstagung der OdF-Ausschüsse in Weimar forderte er, keine neue Organisation aufzubauen, vielmehr sollten die "Betreuungsstellen für die Opfer des Faschismus" selbst "zu einem politischen Machtfaktor werden." 205 Heymanns Meinung nach sollten die Betreuungsstellen für die deutsche Einheit kämpfen, für die Vereinigung von KPD und SPD werben, die Öffentlichkeit über die deutsche Widerstandsbewegung aufklären und stärker als bis
197 Hurwitz, Harold: a.a.O., Bd. 3: Die Eintracht ..., S. 192.
198 Außer Annedore Leber vertraten Kurt Schmidt und Fritz Corsing, der aus "rassischen" Gründen von den Nazis verfolgt worden war und nach 1945 der SPD angehörte, die Sozialdemokratie ab Mitte 1946 im Hauptausschuß. Neumitglied war auch die parteilose Lehrerin Ruth Lesser.
199 Vgl. Zwei Jahre Hauptausschuß ..., S. 13, S. 79 f.
200 Das erste Jahr Berlin ..., S. 193.
201 Zu den politischen Positionen der "Roten Kapelle" vgl. Scheel, Heinrich: Ein Schulungsmaterial aus dem illegalen antifaschistischen Widerstand der Roten Kapelle; in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (ZfG), Nr. 1/1984, S. 36 ff.; zur Zusammenarbeit der "Roten Kapelle" mit Nichtkommunisten vgl. Scheel, Heinrich: Die "Rote Kapelle" und der 20. Juli 1944; in: ZfG, Nr. 4/1985, S. 325 ff.; zur Kontroverse über die Einordnung der Roten Kapelle als sowjetischen Spionagering oder als antifaschistische Widerstandsgruppe vgl. Höhne, Heinz: Kennwort: Direktor - Die Geschichte der Roten Kapelle, Frankfurt a.M. 1970, S. 9 ff., S. 265 ff.; Steinbach, Peter: Die Rote Kapelle - 50 Jahre danach; in: ZfG, Nr. 9/1993, S. 771 ff.
202 Schröter, Ursula: a.a.O., S. 148.
203 Zwei Jahre Hauptausschuß ..., S. 84.
204 Oppenheimer, Max: Vom Häftlingskomitee ..., 1972, S. 10; Oppenheimer, Max: Der Weg der VVN ..., 1978, S. 10.
205 Heymann, Stefan: Die politischen Aufgaben der Opfer des Faschismus; in: Raddatz, Karl: Wer ist "Opfer des Faschismus"? ..., S. 22.
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dahin bei der Entnazifizierung mitarbeiten 206 . Das wurde im Sommer 1946 nicht mehr für praktikabel gehalten, so daß in vielen Ländern vorbereitende Arbeiten für den Aufbau eines politischen Verbandes der Verfolgten begannen.
Kein geteiltes Echo riefen Presse-, Kultur- und Ermittlungsarbeit der "Opfer des Faschismus" hervor.
Kurz nachdem der Hauptausschuß seine Arbeit aufgenommen hatte und dadurch in die Öffentlichkeit getreten war, schickten die ersten Opfer der Naziherrschaft Erlebnisberichte an den Ausschuß. Um die Bevölkerung mit Hilfe der erschütternden persönlichen Berichte über die Ungeheuerlichkeit der NS-Verbrechen aufzuklären, wurde schon Ende Juni 1945 eine Presseabteilung eingerichtet 207 . Später versorgte diese Abteilung nicht nur Rundfunk und Printmedien mit Auszügen aus diesen Berichten, die in wachsender Zahl eintrafen, sondern es wurden auch regelmäßig Pressekonferenzen organisiert, um über die soziale Lage der OdF oder über Veranstaltungen des Hauptausschusses zu informieren 208 . Der Plan, die Schilderungen persönlicher Schicksale redaktionell aufzuarbeiten und daraus eine "antifaschistische Schriftenreihe" zu machen, scheiterte jedoch daran, daß die Alliierten dem Hauptausschuß verboten, verlegerisch tätig zu sein 209 .
Ab November 1945 organisierte der Hauptausschuß auch spezielle kulturelle Veranstaltungen für die ehemals Verfolgten. Alle zwei Monate gab es politische "Weihestunden" im großen Sendesaal des Hauses des Rundfunks, in der ersten "Weihestunde" am 11. November 1945 wurde der antisemitischen Pogrome von 1938 gedacht 210 . In späteren "Weihestunden" wurde an die Opfer des 20. Juli erinnert oder es wurden Lieder, Gedichte und Prosastücke vorgestellt, die Antifaschisten im KZ oder im Exil geschaffen hatten 211 . Umrahmt wurden die Gedenkreden von instrumentalen Musikstücken, Chören und Rezitationen 212 .
Im Frühjahr 1946 gründete der Hauptausschuß eine Rechts- und Ermittlungsabteilung, als der Alliierte Kontrollrat in seinem Gesetz Nr. 10 deutschen Gerichten im Grundsatz die Möglichkeit eingeräumt hatte (Einzelheiten zum Kontrollratsgesetz Nr. 10 in Abschnitt 3.1.3), Verfahren gegen Nazis wegen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" durchzuführen 213 . In Zusammenarbeit mit der Deutschen Zentralverwaltung für Justiz in der Sowjetischen Besatzungszone wurde ein juristisch verwendbarer Fragebogen an rund 10 000 ehemalige politische Häftlinge ausgegeben, um auf diese Weise gerichtlich verwertbares Belastungsmaterial insbesondere gegen das frühere Wach- und Aufsichtspersonal von Konzentrationslagern und Zuchthäusern zu sammeln 214 . Bis zum 1. April 1947 konnten mit Hilfe dieses Verfahrens belastende Zeugenaussagen gegen insgesamt 7 543 Beschuldigte beschafft werden 215 . In zehn Verfahren gegen KZ-
206 Vgl. ebd., S. 18 ff.
207 Zwei Jahre Hauptausschuß ..., S. 69.
208 Ebd., S. 69.
209 Ebd., S. 70.
210 Vgl. ebd., S. 71 ff.
211 Vgl. ebd., S. 77 f.
212 Vgl. ebd., S. 71, S. 75 ff.
213 Ebd., S. 80.
214 Vgl. ebd., S. 81 f.
215 Ebd., S. 82.
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Wachmannschaften und Zuchthauspersonal spielte von der Ermittlungsabteilung zusammengetragenes Anklagematerial eine wesentliche Rolle 216 .
Alles in allem hat der Hauptausschuß "Opfer des Faschismus" in den ersten zwei Jahren seiner Existenz umfangreiche Aktivitäten entfaltet. Im Vordergrund stand die Befriedigung der dringendsten sozialen Bedürfnisse der Verfolgten. Aber auch mit seinen politischen und kulturellen Veranstaltungen hat der Hauptausschuß viele Menschen erreicht, sogar zur beginnenden juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen konnte er Einiges beitragen. Obwohl die Kommunisten zu keiner Zeit die Mehrheit im Hauptausschuß stellten, nach der Berufung neuer Mitglieder Mitte 1946 gehörten nur fünf von 18 in Berlin anwesenden Mitgliedern der SED an, konnten sie in zwei Bereichen sehr weitgehend ihre Vorstellungen durchsetzen: Zum einen wurden auf Initiative der Kommunisten anfangs nur die politisch Verfolgten und somit zahlreiche KPD-Mitglieder als "Opfer des Faschismus" anerkennt, das oft viel schwerere Schicksal von Juden und anderen Opfern des NS-Rassismus wurde praktisch ignoriert. Gewisse Privilegien für die Widerstandskämpfer gab es auch noch, nachdem praktisch die Westalliierten die Anerkennung der "rassisch" Verfolgten durchgesetzt hatten. Zum anderen gelang es den Kommunisten, Berlins offizielle Vertretung der "Opfer des Faschismus" für die von der KPD Anfang 1946 forcierte Gründung der SED zu instrumentalisieren, so daß es schon 1946 scharfe Auseinandersetzungen zwischen kommunistischen und sozialdemokratischen NS-Opfern gab. Neben der im Vergleich zu den anderen Verfolgtenvertretern größeren politisch-organisatorischen Durchsetzungskraft der Kommunisten dürfte dafür besonders ihre dominierende Stellung im Sekretariat des Hauptausschusses verantwortlich gewesen sein. Schließlich wurde im Sekretariat und nicht von den repräsentativen Mitgliedern die alltägliche Arbeit geleistet, und dort hatten mit Karl Raddatz bzw. Hellmut Bock stets Kommunisten das Sagen. In anderen Veranstaltungen dagegen, bei den OdF-Gedenktagen im September, bei den Kulturabenden oder weiteren Zusammenkünften, wurde der Widerstand in seiner ganzen Breite gewürdigt und auch der "rassischen" Opfer gedacht. Auch die sozialen Hilfeleistungen kamen nach Einrichtung der Abteilung "Opfer der Nürnberger Gesetzgebung" allen OdF zugute, die Sammlung von belastenden Zeugenaussagen gegen NS-Verbrecher lag ohnehin im Interesse aller.
216 Ebd., S. 81.
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1.3 Vorbereitungen für eine politische Verfolgtenorganisation
Noch bevor die OdF-Betreuungsstellen aus ganz Deutschland Ende Juli 1946 auf ihrer ersten interzonalen Konferenz in Frankfurt a.M. beschlossen, eine politische Vereinigung der Verfolgten zu gründen, waren in vielen deutschen Städten Initiativen zur Schaffung einer solchen Organisation entstanden. In der amerikanischen Besatzungszone gab es bereits im zweiten Halbjahr 1945 auf regionaler Ebene erste Anträge auf Zulassung einer politischen Organisation von NS-Verfolgten. Am 14. August 1945 beantragte eine "Vereinigung der politischen Gefangenen und Verfolgten des Nazi-Systems" ihre Bestätigung durch die amerikanische Militärregierung in Stuttgart 217 . Etwas später riefen Verfolgte in Bayern die "überparteiliche Union aller Verfolgten des Naziregimes" ins Leben, die sich deutlich vom "Staatskommissariat für die politisch und rassisch Verfolgten" unterschied, ähnliche Verbände gründeten ehemalige Häftlinge auch in anderen Städten der amerikanischen und britischen Besatzungszone 218 . Allen diesen Gründungen gemeinsam war, daß sie parallel zu den amtlichen Betreuungsstellen existierten und sich um politische Dinge kümmerten 219 . Auf der ersten interzonalen Konferenz im Sommer 1946 wurde dann festgelegt, diese einzelnen Verbände zu einer einheitlichen Organisation zusammenzufassen, die sich zuerst auf Länder- und danach auf Zonenebene bilden sollte, zugleich wurde ein "Gesamtdeutscher Rat" der zu bildenden Vereinigung bestimmt, d essen Sekretär Karl Raddatz ein Programm und ein Statut ausarbeiten sollte 220 .
Im Gegensatz zu den Westzonen gab es in der Sowjetischen Besatzungszone bis Mitte 1946 nur die kommunalen OdF-Institutionen, die allerdings auch politische Tätigkeiten entfalteten. Die sowjetische Besatzungsmacht gewährte den Ausschüssen dabei größere Freiheiten als die Westalliierten. Erst im Herbst 1946 konstituierte sich ein vorbereitender Ausschuß zur Gründung der VVN in der SBZ, dem je fünf Vertreter aus jedem Land bzw. jeder Provinz angehörten 221 . Zuvor hatten verschiedene Redner auf der Gästekonferenz der "Opfer des Faschismus" in Berlin, die einen Tag nach der großen OdF-Kundgebung am 23. September 1946 getagt hatte, die Forderung nach einer politischen Organisation der Verfolgten noch einmal unterstrichen. Karl Raddatz forderte eine politische Organisation, "da die kommunale Ausschüsse" seiner Meinung nach nicht mehr "als Interessenvertretung der Opfer des Faschismus" ausreichten, auch Ottomar Geschke verlangte für die politische Arbeit der Verfolgten die rasche Schaffung einer eigenständigen Organisation 222 . Nach seiner Konstituierung konnte sich der Vorbereitungsausschuß für die VVN in der SBZ in relativ kurzer Zeit auf gemeinsame Entwürfe für Programm und Statut einigen, so daß Ende Februar 1947 die offizielle Gründungskonferenz der VVN in der SBZ in Berlin zusammentreten konnte 223 .
217 Vgl. Oppenheimer, Max: Vom Häftlingskomitee ..., 1972, S. 8 ff.
218 Protokoll der Delegiertentagung der OdF Groß-Berlins am 23. November 1946, S. 5 f.; in: GStA, HA I, Rep 92, NL Grüber, Nr. 478, Bl. 4.
219 Ebd., S. 5.
220 Foitzik, Jan: Vereinigung ..., S. 750.
221 Tenner, Konstanze: Zur politisch-ideologischen Arbeit ..., S. 81.
222 Zwei Jahre Hauptausschuß ..., S. 86.
223 Tenner, Konstanze: Zur politisch-ideologischen Arbeit ..., S. 81 f.
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Wesentlich diffiziler gestaltete sich die VVN-Gründung in Berlin, wo sich noch im Sommer 1946, kurz nach der obengenannten interzonalen OdF-Zusammenkunft, spontan ein Vorbereitungsausschuß für die Gründung einer Verfolgtenorganisation aus dem Kreise der Mitglieder des Hauptausschusses zusammenfand 224 . Die Berliner Schwierigkeiten waren maßgeblich auf jene zwei schon erwähnten Entscheidungen des Hauptausschusses zurückzuführen, die die Kommunisten durchgesetzt hatten: die anfängliche Ausgrenzung der "rassischen" NS-Opfer und die Werbung für die SED-Gründung.
Unter dem Eindruck der Nichtanerkennung der "rassisch" Verfolgten als "Opfer des Faschismus" hatten sich schon im Sommer 1945 NS-Opfer zusammengetan, die sich aus dem 1934 gegründeten und 1939 verbotenen "Paulus-Bund" für "nicht-arische Christen" kannten 225 . Daraus entstand bald ein "Verband der Opfer der Nürnberger Gesetze" (OdN), der bereits Ende Juni 1946 von den Briten eine Lizenz für den britischen Sektor Berlins erhielt 226 . Wegen immer wieder auftretender Benachteiligungen "rassischer" Opfer durch den Hauptausschuß bekam der kurz OdN genannte Verband schon bald neue Mitglieder, wiederholt kritisierte der OdN den Hauptausschuß als kommunistisches Organ 227 .
Ebenso gab es nach Gründung der SED wiederholt Zusammenstöße zwischen dem Hauptausschuß und der Berliner SPD. Mit Hinweis darauf, daß die SED die traditionelle Kundgebung zum 1. Mai für parteipolitische Zwecke instrumentalisiert hätte, weigerten sich die Sozialdemokraten, am OdF-Gedenktag im September 1946 teilzunehmen, die CDU lehnte gleichfalls eine Beteiligung ab, weil "der Aufmarsch naziähnlich" sei 228 . Dennoch unterblieb auf der offiziellen Feier mit mehreren Zehntausend Teilnehmern im Berliner Lustgarten eine einseitige Betonung des kommunistischen Widerstands, Marion Gräfin York von Wartenberg und Werner Haberthür redeten ebenso zum 20. Juli bzw. zum christlichen Widerstand wie Änne Saefkow oder Robert Havemann kommunistische Aktivitäten würdigten 229 .
Vor dem Hintergrund dieser Konflikte erarbeitete Robert Havemann parallel zu Karl Raddatz, der offiziell damit beauftragt war, eigene Entwürfe für Programm und Statut der künftigen Verfolgtenorganisation. Um auch die gegenüber den Kommunisten kritischen Verfolgtengruppen für einen gemeinsamen Verband zu gewinnen, legte Havemann besondere Betonung auf parteipolitische Neutralität. Sowohl im Programm- als auch im Satzungsentwurf hieß es, der Bund der ehemaligen Gefangenen sei eine "überparteiliche Organisation" und lehne es ab, "sich für irgendwelche parteipolitischen Interessen oder Ziele mißbrauchen zu lassen" 230 . Die allgemeinpolitischen Ziele faßte Havemann bewußt in Worte, die Nichtkommunisten leicht akzeptieren konnten. Die Organisation wollte "die Entfaltung eines freiheitlich-demokratischen Geistes im deutschen Volke fördern" 231 und "zur Überwindung des Geistes der Gewaltherrschaft
224 Ebd., S. 77.
225 Zehden, Werner Alfred: a.a.O., S. 60 f.
226 Ebd., S. 61.
227 Ebd., S. 61.
228 Tenner, Konstanze: Zur politisch-ideologischen Arbeit ..., S. 81, S. 264.
229 Zwei Jahre Hauptausschuß ..., S. 84.
230 Tenner, Konstanze: Zur politisch-ideologischen Arbeit ..., S. 77; vgl auch den Satzungsentwurf für eine "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes in Groß-Berlin e.V." (von 1946), S. 1; in: GStA, HA I, Rep 92, NL Grüber, Nr. 477, Bl. 1.
231 Satzungsentwurf ... "Vereinigung ... Groß-Berlin", S. 1; in: GStA, HA I, Rep 92, NL Grüber, Nr. 477, Bl. 1.
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und Duckmäuserei beitragen." 232 In seinem Personalvorschlag für die Besetzung der Leitung der Organisation soll Havemann Vertreter des 20. Juli und anderer bürgerlicher Widerstandsgruppen überproportional stark im Verhältnis zu Repräsentanten des Arbeiterwiderstandes berücksichtigt haben 233 .
Auf Initiative der Kommunisten lehnte die Mehrheit im Ausschuß diese Vorschläge jedoch ab 234 , mit denen Havemann den sozialdemokratischen und den "rassisch" Verfolgten die Integration in den neuen Verband erleichtern wollte. Stattdessen wurde im August 1946 der Pro-grammvorschlag von Karl Raddatz angenommen 235 , der expressis verbis keine parteipolitische Neutralität festschrieb, die Bekämpfung von Nazismus und Militarismus in antifaschistischem Geist stärker herausstellte und letztlich Programm der VVN in ganz Deutschland wurde.
Erst zum 23. November 1946 lud der Hauptausschuß die Vertreter der "Opfer des Faschismus" aus den Bezirken zu einer Gesamt-Berliner Delegiertentagung ein 236 , um die Vorbereitungen zur Schaffung einer Verfolgtenorganisation endlich auf eine demokratisch legitimierte Grundlage zu stellen. Über die Aufgaben der neuen Vereinigung bestand unten den 181 Delegierten aus allen 20 Berliner Bezirken 237 weitgehend Einigkeit. Die Organisation sollte vor allem "zonenübergreifend" und einheitlich in ganz Deutschland arbeiten, wie Harald Poelchau und Karl Raddatz es formulierten, davon erhoffte man sich eine viel effektivere Suche nach "verschollenen Kameraden" und eine wirkungsvollere Fahndung nach "Nazi-Peinigern", als die zahllosen Behörden in den einzelnen Ländern und Zonen es leisten konnten 238 . Besonders die Feindseligkeit, mit der viele Deutsche den "Opfern des Faschismus" begegneten und sie nicht selten sogar beschimpften 239 , bestärkte viele Delegierte in dem Wunsch, sich endlich zu einem Verband zusammenzuschließen 240 , insofern hielten alle die Aufklärung über die NS-Zeit für die wichtigste Aufgabe. Die Vereinigung sollte der Öffentlichkeit die Existenz einer deutschen Widerstandsbewegung bewußt machen 241 und sie über die Verbrechen der Nazis aufklären 242 . Dabei wollte man "dem deutschen Volke immer wieder seine Mit-verantwortung für diese begangenen Verbrechen ins Gedächtnis rufen." 243 Die ehemaligen Verfolgten wollten bei der Umerziehung des deutschen Volkes mitarbeiten 244 und so zur Beseitigung der "Überreste von Nazismus, Militarismus und Reaktion beitragen." 245 Die dritte große Aufgabe ihres neuen Zusammenschlusses sahen die Berliner "Opfer des Faschismus" im Knüpfen internationaler Kontakte. Harald Poelchau wollte Verbindungen zu
232 Tenner, Konstanze: Zur politisch-ideologischen Arbeit ..., S. 78.
233 Vgl. ebd., S. 79, S. 263 f.
234 Ebd., S. 79.
235 Ebd., S. 79.
236 Protokoll der Delegiertentagung ..., S. 1; in: GStA, HA I, Rep 92, NL Grüber, Nr. 478, Bl. 2.
237 Der Vorbereitende Ausschuß zur Gründung einer Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, S. 1; in: GStA, HA I, Rep 92, NL Grüber, Nr. 476, Bl. 1.
238 Protokoll der Delegiertentagung ..., S. 3, S. 6, S. 25; in: GStA, HA I, Rep 92, NL Grüber, Nr. 478, Bl. 3, Bl. 4, Bl. 14.
239 Vgl. ebd., S. 12 ff. (Bl. 7 f.), mit einer Reihe von Einzelbeispielen illustrierte Jeanette Wolf das Fortwirken der NS-Ideologie und das Leugnen der Verbrechen bei vielen Deutschen; in: Ebd., S. 13 (Bl. 8).
240 Ebd., S. 12 (Bl. 7).
241 Ebd., S. 3 (Bl. 3), S. 18 (Bl. 10).
242 Ebd., S. 3 (Bl. 3), S. 24 (Bl. 13).
243 Ebd., S. 7 (Bl. 5).
244 Ebd., S. 11 (Bl. 7), S. 24 (Bl. 13).
245 Ebd., S. 25 (Bl. 14), vgl. auch S. 7 (Bl. 5).
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ausländischen Verfolgten pflegen, um so das schlechte Ansehen Deutschlands im Ausland zu verbessern, eine Aufgabe, die der Hauptausschuß nicht leisten könne, meinte Poelchau 246 . Ottomar Geschke erklärte die Bildung einer nationalen Verfolgtenorganisation in Deutschland für unerläßlich, um Kontakt zu den anderen europäischen Widerstandskämpferverbänden aufnehmen zu können, außerdem würde die Organisation darüber hinaus allgemein helfen, "die internationale Isolierung Deutschlands zu brechen." 247 Die Verbände ehemaliger politischer Häftlinge aus 16 anderen europäischen Ländern hatten sich nämlich bereits Anfang 1946 in Warschau getroffen und dort am 5. Februar 1946 beschlossen, eine internationale Föderation ihrer Verbände zu gründen 248 . Auf Initiative des im Februar gewählten provisorischen Konstituierungskomitees sollte im Dezember 1946 in Paris erneut eine Zusammenkunft von Opfern des Naziregimes aus ganz Europa stattfinden, so daß Ottomar Geschke darauf drängte, nun endlich einen gesamtdeutschen Verfolgtenverband zu schaffen, um auf solchen Treffen künftig als Deutsche mit einer Stimme sprechen zu können 249 . Allerdings wurden die deutschen Verfolgten zu dem Pariser Treffen dann doch noch nicht eingeladen 250 , auch die deutschen OdF litten unter dem schlechten Ansehen ihres Landes infolge der Nazizeit.
Im übrigen machten die kommunistischen Mitglieder im Hauptausschuß den "rassisch" Verfolgten ein wichtiges Zugeständnis. Sowohl Karl Raddatz als auch Ottomar Geschke wollten "die Differenzierung zwischen den politischen Überzeugungstätern und den rassisch Verfolgten" fallen lassen 251 . Julius Meyer forderte daraufhin die dauerhafte Gleichberechtigung der "Opfer der Nürnberger Gesetzgebung" 252 , eine jüdische Delegierte aus Tempelhof reagierte dankbar auf dieses Versprechen und erklärte, sie würde sich dafür einsetzen, daß die jüdischen Kameraden künftig aktiver mitarbeiten 253 .
Auf der anderen Seite kritisierten einzelne Delegierte, daß der "Vorbereitende Ausschuß" fast ein halbes Jahr lang ohne Befragung der Masse der OdF gearbeitet hatte, so daß die Delegierten und die Mitglieder in den Bezirken jetzt nur wenige Wochen Zeit hätten, um über Programm und Statut zu diskutieren 254 . Karl Raddatz und Ottomar Geschke wiesen diese Kritik zum Teil schroff zurück, Geschke sagte, es wäre genug Zeit zum Diskutieren gewesen, nun sei es "höchste Zeit, die Organisation zu bilden." 255
Zum Abschluß der Tagung wählten die Delegierten einen neuen "Vorbereitenden Ausschuß". Dem neuen Ausschuß gehörten abgesehen von Marga Jung, Ruth Lesser, Kurt Schatter, Kurt Schmidt, Leo Skrzypczynski und den beiden schon seit langem nicht mehr aktiven Vertretern Andreas Hermes und Theodor Steltzer alle übrigen 13 Mitglieder des Hauptausschusses "Opfer des Faschismus" in seiner Zusammensetzung von Mitte 1946 an 256 . Auf Vorschlag des alten Ausschusses kamen die Sozialdemokratin Jeanette Wolff und der Nach-
246 Ebd., S. 3 (Bl. 3).
247 Ebd., S. 25 f. (Bl. 14).
248 Ruppert, Wilfried: a.a.O., S. 12.
249 Protokoll der Delegiertentagung ..., S. 25; in: GStA, HA I, Rep 92, NL Grüber, Nr. 478, Bl. 14.
250 Ebd., S. 25 (Bl. 14).
251 Ebd., S. 23 (Bl. 13), vgl. auch S. 7 (Bl. 5).
252 Ebd., S. 19 (Bl. 11).
253 Ebd., S. 9 (Bl. 16).
254 Ebd., S. 19 (Bl. 11), S. 21 (Bl. 12).
255 Ebd., S. 21 (Bl. 12), vgl. auch S. 27 (Bl. 15).
256 Ebd., S. 28 (Bl. 15).
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folger von Karl Raddatz als Geschäftsführer des Hauptausschusses, Hellmut Bock, hinzu 257 . Schließlich entsandten die Delegierten aus dem Kreise der Versammelten fünf weitere Vertreter in den Ausschuß: Die Kommunisten Walter Bartel und Wilhelm Girnus, die Sozialdemokratinnen Ellen Kuntz und Maria Wiedmaier sowie den "rassisch" Verfolgten Simon Ermolnikoff 258 . Die Kommunisten waren somit im "Vorbereitenden Ausschuß zur Gründung einer Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes", so lautete die offizielle Bezeichnung, stärker vertreten als zuletzt im Hauptausschuß. Immerhin acht der 20 Ausschußmitglieder gehörten der SED an oder standen ihr nahe, darunter auch Julius Meyer als Vertreter der verfolgten Juden, außerdem arbeiteten dort drei weitere Vertreter der "rassisch" Verfolgten, vier SPD-Mitglieder und drei Beteiligte des 20. Juli mit; Heinrich Grüber und Harald Poelchau vertraten den christlichen Widerstand 259 . Nach der Delegiertenkonferenz sollten auch in den Berliner Bezirken vorbereitende Ausschüsse der VVN gebildet werden 260 . Diese sollten auf Bezirksversammlungen der "Opfer des Faschismus" gewählt werden, wo nun endlich die Masse der Berliner OdF zu den Entwürfen für Programm und Statut Stellung nehmen konnte.
Zwei Wochen später konstituierte sich der neue "Vorbereitende Ausschuß". Auf der Sitzung am 6. Dezember 1946 wurde der parteilose Berliner Wirtschaftsstadtrat Hermann Landwehr zum Vorsitzenden gewählt, Ottomar Geschke verzichtete demonstrativ auf eine Führungsfunktion im Ausschuß 261 . Arbeitsüberlastung kann nicht der Grund dafür gewesen sein. Seit Spätherbst 1946 war Geschke infolge der SED-Niederlage bei den Berliner Wahlen nämlich nicht mehr Sozialstadtrat, sondern nur noch stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher, von seiner Funktion als Vorsitzender der Berliner KPD war er bereits ein Jahr zuvor zurückgetreten 262 . Offensichtlich wollten sich die Kommunisten nun möglichst wenig profilieren, um den neuen Verband wirklich zur Organisation aller Verfolgtengruppen zu machen. Den in Berlin sehr starken sozialdemokratischen und "rassisch" Verfolgten, letztere hatten ja mit dem OdN bereits einen eigenen Verband gegründet, sollten keine weiteren Argumente geliefert werden, von kommunistischer Majorität zu reden. Trotzdem beteiligten sich prominente Vertreter dieser beiden Verfolgtengruppen nicht an der Gründung der Berliner VVN. Hans Rosenthal beispielsweise engagierte sich weder im Rahmen der OdF-Ausschüsse noch bei der VVN, nachdem er schon in den ersten Nachkriegsmonaten bei seiner Arbeit im Rundfunk wiederholt scharfe Auseinandersetzungen mit Kommunisten gehabt hatte 263 . Auch Ruth Andreas-Friedrich, die im Rahmen der Berliner Widerstandsgruppe "Onkel Emil" zahlreichen Juden geholfen hatte zu überleben, blieb den spezifischen Organisationen der Antifaschisten fern, obwohl sie mit Harald Poelchau in Kontakt stand 264 . Andreas-Friedrich trat nach Kriegsende der SPD bei 265 , engagierte
257 Ebd., S. 28 (Bl. 15).
258 Ebd., S. 28 (Bl. 15).
259 Der Vorbereitende Ausschuß ..., S. 1 ff.; in: GStA, HA I, Rep 92, NL Grüber, Nr. 476, Bl. 1.
260 Protokoll der Delegiertentagung ..., S. 27; in: GStA, HA I, Rep 92, NL Grüber, Nr. 478, Bl. 15.
261 Protokoll der Sitzung des Vorbereitenden Ausschusses zur Gründung einer Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes Deutschlands am 6. Dezember 1946, S. 1 f.; in: GStA, HA I, Rep 92, NL Grüber, Nr. 479, Bl. 1 f.
262 Maur, Hans: "Ihnen die Lorbeer ..., S. 543 f.
263 Vgl. Rosenthal, Hans: Zwei Leben in Deutschland, Bergisch Gladbach 1980, S. 91 f., 113 ff., S. 118 ff.
264 Zur Arbeit der Gruppe "Onkel Emil" vgl. Andreas-Friedrich, Ruth: Der Schattenmann -
Tagebuchaufzeichnungen 1938-1945, Neuauflage, Frankfurt a.M. 1986; speziell zu Kontakten mit Harald Poelchau: ebd., S. 117 f., S. 299.
265 Andreas-Friedrich, Ruth: Schauplatz Berlin - Tagebuchaufzeichnungen 1945-1948, Neuauflage, Frankfurt a.M. 1986, S. 109 f.
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sich dort stark gegen die Vereinigung ihrer Partei mit der KPD 266 , erklärte sich aber trotzdem noch grundsätzlich bereit, mit SED-Leuten zusammenzuarbeiten 267 . Der Ausschuß setzte eine Statuten- und eine Pressekommission ein 268 . Die Erstgenannte sollte die Ergänzungs- und Änderungsvorschläge zu Programm und Statut aus den Bezirken aufnehmen und daraus neue endgültige Entwürfe für die zweite Gesamt-Berliner Delegiertentagung erstellen 269 . Die Pressekommission sollte die Öffentlichkeit über die Bildung der VVN und über Veranstaltungen informieren, denn der Ausschuß plante eine Kundgebung zu den ersten Prozessen gegen NS-Verbrecher vor deutschen Gerichten 270 . Die Alliierten hatten deutschen Gerichten nämlich bereits Ende 1945 im Kontrollratsgesetz Nr. 10 prinzipiell die Möglichkeit eröffnet, Prozesse gegen Kriegs- und NS-Verbrecher zu führen, sofern sie sich an Deutschen oder Staatenlosen vergangen hatten 271 . Die bevorstehenden Bezirksversammlungen der OdF wollten die Mitglieder des "Vorbereitenden Ausschusses" besuchen, um darauf zu achten, daß in die örtlichen vorbereitenden Ausschüsse Repräsentanten aller Verfolgtengruppen gewählt werden. Jedem vorbereitenden Bezirksausschuß sollten Widerstandskämpfer aller politischen Richtungen angehören und "ebenso .. Opfer der Nürnberger Gesetzgebung" 272 . Überdies kümmerte sich der Ausschuß um aktuelle Geschehnisse. So unterstützten die Ausschußmitglieder den Tempelhofer Schulleiter Karl Veken, selbst vier Jahre lang KZ-Häftling, bei dem Vorhaben, seine Schule in "Anton-Saefkow-Schule" umzubenennen, was eine große Mehrheit im Lehrerkollegium befürwortete 273 . Trotz Genehmigung des Berliner Hauptschulamtes hatte das Bezirksamt die Namensänderung abgelehnt, es wollte erst eine Gesamt-Berliner Regelung abwarten 274 .
Nachdem die Berliner "Opfer des Faschismus" auf ihrer zweiten Delegiertentagung die überarbeiteten Grundsatzdokumente einstimmig verabschiedet hatten 275 , die in einigen Punkten von der Satzung der VVN in der SBZ abwichen (Einzelheiten dazu in Abschnitt 2.1), stellte der "Vorbereitende Ausschuß" am 11. März 1947 bei der Alliierten Kommandantur einen Antrag auf Zulassung der VVN in Berlin 276 . Diese jedoch genehmigte die Organisation monatelang nicht.
266 Vgl. ebd., S. 124 ff.
267 Ebd., S. 137.
268 Protokoll der Sitzung des Vorbereitenden Ausschusses ..., S. 1; in: GStA, HA I, Rep 92, NL Grüber, Nr. 479, Bl. 1.
269 Ebd., S. 3 (Bl. 3).
270 Die Veranstaltung sollte nach dem Urteil gegen den ehemaligen Marineoffizier Hinrich Tillessen, dem Mörder des 1921 getöteten Reichsfinanzministers Matthias Erzberger, stattfinden. Tillessen wurde jedoch letztendlich von einem französischen Militärgericht verurteilt, nachdem sich das Landgericht Offenburg wegen einer Amnestie der Nazis von 1933 geweigert hatte, den Prozeß zu eröffnen; vgl. dazu: Broszat, Martin: Siegerjustiz oder strafrechtliche "Selbstreinigung" - Aspekte der Vergangenheitsbewältigung der deutschen Justiz während der Besatzungszeit 1945-1949; in: VfZ, Nr. 4/1981, S. 496 ff.
271 Vgl. Henke, Klaus-Dietmar: Die Trennung vom Nationalsozialismus - Selbstzerstörung, politische Säuberung, "Entnazifizierung", Strafverfolgung; in: Henke, Klaus-Dietmar; Woller, Hans (Hg.): Politische Säuberung in Europa -Die Abrechnung mit Faschismus und Kollaboration nach dem Zweiten Weltkrieg, München 1991, S. 80 f.; Rückerl, Adalbert: NS-Verbrechen vor Gericht - Versuch einer Vergangenheitsbewältigung, Heidelberg 1982, S. 107 ff. 1946 verurteilten deutsche Gerichte insgesamt 238 Personen wegen NS-Verbrechen, vgl. Götz, Albrecht: Bilanz der Verfolgung von NS-Straftaten, Köln 1986, S. 35.
272 Protokoll der Sitzung des Vorbereitenden Ausschusses ..., S. 5; in: GStA, HA I, Rep 92, NL Grüber, Nr. 479, Bl. 5.
273 Ebd., S. 8 f., (Bl. 8 f.).
274 Ebd., S. 9 (Bl. 99), S. 11 (Bl. 11).
275 Warum keine VVN in Berlin?; in: Neues Deutschland, 4. September 1947.
276 Schröter, Ursula: a.a.O., S. 149.
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Trotz aller Bemühungen der vorbereitenden Komitees der VVN, wirklich alle Verfolgtengruppen durch entsprechende Repräsentanten in den Führungsgremien für eine gemeinsame Vereinigung zu gewinnen, hatte nämlich auch der "Verband der Opfer der Nürnberger Gesetze" im Januar 1947 bei den Alliierten beantragt, in ganz Berlin zugelassen zu werden 277 . Der OdN grenzte sich von der VVN ab, indem er sich an jede Person wandte, "die auf Grund ... der nationalsozialistischen Rassenpolitik Benachteiligungen ausgesetzt war ..., mit Ausnahme der von der Jüdischen Gemeinde Betreuten" 278 . Es wurden also vor allem die sogenannten "Mischlinge" und "Mischehen" angesprochen, die der Hauptausschuß "Opfer des Faschismus" weitgehend ausgegrenzt hatte. Außerdem wollte der OdN "keinerlei parteipolitischen Ziele" verfolgen und sich, wenn auch "auf antifaschistischer Grundlage", in erster Linie den wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bedürfnissen seiner Mitglieder widmen 279 . Zwar forderte die Jüdische Gemeinde, Repräsentantin der größten Gruppe unter den "rassisch" Verfolgten, ihre Mitglieder wiederholt auf, der künftigen VVN beizutreten 280 , aber diese Erklärungen waren innerhalb der Gemeinde nicht unumstritten. So griff der Generalsekretär der Jüdischen Gemeinde, Erich Mendelsohn, Julius Meyer wegen dessen Werben für die Mitarbeit in der VVN scharf an 281 , wurde dafür allerdings von der "Repräsentanten-Versammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin" gerügt und mußte letztendlich seine Funktion als Generalsekretär aufgeben 282 . Der Hauptausschuß "Opfer des Faschismus" trat wiederholt für die Zulassung der VVN ein und protestierte zugleich gegen die Existenz des OdN, da "die VVN alle Verfolgten umfasse, unabhängig von ihrer politischen, religiösen, rassischen oder weltanschaulichen Zugehörigkeit." 283 Im Zuge dieser Auseinandersetzungen konnten sich auch die Besatzungsmächte nicht einigen. Die Sowjets unterstützten die Ansprüche der VVN, die Westmächte standen dem OdN näher. Erst im Spätherbst kam ein Kompromiß zustande, der OdN durfte nunmehr in allen Sek-toren einschließlich des Ostsektors arbeiten, dafür stimmten die Westmächte der Lizenzierung der VVN in ganz Berlin zu 284 . Allerdings erhielt die VVN in der Zulassungsbestätigung der Alliierten vom 20. November 1947 die Auflage, sich als "Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes" unabhängig von der Organisation in der SBZ zu konstituieren 285 . Auch nach der Zulassung ebbten die Debatten um die Berliner VVN insbesondere bei den sozialdemokratischen OdF nicht ab, so daß erst zum 16./17. Januar 1948 zur offiziellen Gründungskonferenz eingeladen wurde.
277 Ebd., S. 149.
278 Ebd., S. 149.
279 Ebd., S. 149.
280 Ebd., S. 149.
281 Gegen die VVN; in: Der Tagesspiegel, 6. Januar 1948.
282 Nicht parteipolitisch?; in: Der Tagesspiegel, 8. Januar 1948.
283 Schröter, Ursula: a.a.O., S. 149.
284 Zehden, Werner Alfred: a.a.O., S. 61.
285 Alliierte Kommandantura Berlin, Anordnung BK/O (47) 266, 20.11.1947; in: GStA, HA I, Rep 92, NL Grüber, Nr. 490.
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1.4 Die Alliierten zwischen Kooperation und Konfrontation - Die Gründungskonferenzen der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes im Jahre 1947
Am 22. Februar 1947 traten 215 Delegierte aus allen fünf Ländern bzw. Provinzen der Sowjetischen Besatzungszone in Berlin zur Gründungskonferenz der VVN zusammen, obwohl Berlin gar nicht zum Verbreitungsgebiet der neuen Zonenvereinigung gehörte. Ein eigener Berliner Verband der Organisation sollte erst knapp ein Jahr später geschaffen werden. In den westlichen Besatzungszonen hingegen hatte sich die VVN schon ein paar Wochen früher konstituiert 286 . Der sozialdemokratische Oberbürgermeister Berlins, Otto Ostrowski, begrüßte die Auswahl Berlins als Tagungsort der VVN der SBZ als Bekenntnis zur deutschen Einheit 287 , auch Gustav Brack als Präsident der Zentralverwaltung für Arbeit und Sozialfürsorge in der SBZ und Jakob Boulanger von der SBZ-Zentralverwaltung für Industrie wünschten der neuen Organisation in ihren Grußworten viel Erfolg 288 .
Der Chef der Informationsverwaltung der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD), Oberst Sergei Tjulpanow, zog in seiner Begrüßungsansprache Parallelen zwischen der VVN und der Roten Armee, die wie die Verfolgtenorganisation "im Kampf gegen die ... Reaktion ... geschaffen wurde." 289 Tjulpanow stützte sich in seiner Rede ganz auf die für die Kommunistische Internationale charakteristische Faschismusdefinition, wonach Faschismus an der Macht die terroristische Diktatur des Finanzkapitals sei 290 . Nachdem dieses instrumentalistische Faschismusverständnis im Zuge der kommunistischen Bemühungen um die Schaffung von Volksfronten zwischen 1935 und 1945 etwas in den Hintergrund getreten, aber nicht grundsätzlich revidiert worden war 291 , wurde es nach 1945 von führenden Kommunisten wieder verstärkt betont. Walter Ulbricht knüpfte sofort nach Kriegsende wieder offensiv an diese Definition an, bei der ausschließlich mit der sozialen Funktion des Faschismus argumentiert wurde, und bezeichnete den Nationalsozialismus als "Herrschaftsform des deutschen Monopolkapitals in seiner Niedergangsperiode." 292 Ganz auf gleicher ideologischer Linie wie Walter Ulbricht liegend setzte Tjulpanow die KZs mit den "zaristischen Zuchthäusern" gleich und attackierte die Sozialdemokratie hart, die vom "totalen Sozialismus" spreche "und dabei die Konzerne verteidigt." 293 Der sowjetische Oberst lobte das Programm der VVN, forderte den weiteren Kampf gegen "Reaktion und Kriegsbrandstifter" und verlangte eine entschiedene Abrechnung mit "den wirklichen Verbrechern" 294 , womit Tjulpanow unzweifelhaft die "Monopolkapitalisten und ihre Agenten" gemeint haben dürfte. Die VVN insgesamt bezeichnete der SMAD-Vertreter als "Organisation ...
286 Heller, Helmuth: a.a.O., S. 86.
287 Vgl. Bericht von der Delegierten-Konferenz zur Gründung ..., S. 9 f.
288 Vgl. ebd., S. 9, 13 ff.
289 Begrüßungsansprache von Oberst Tjulpanow in: Dahlem, Franz; Raddatz, Karl: Die Aufgaben der VVN - Zwei Referate, gehalten auf der Zonendelegiertenkonferenz am 22./23. Februar 1947 in Berlin, Berlin 1947, S. 4.
290 Vgl. dazu die Einleitung der vorliegenden Arbeit, S. 12 f.
291 Wippermann, Wolfgang: Zur Analyse ..., S. 89.
292 Ulbricht, Walter: Der faschistische deutsche Imperialismus (1933-1945) - (Die Legende vom "deutschen Sozialismus"), 3. Auflage, Berlin (Ost) 1952, S. 99.
293 Tjulpanow in: Dahlem, Franz; Raddatz, Karl: Die Aufgaben ..., S. 5.
294 Ebd., S. 5 f.
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der Kämpfer gegen den Hitlerismus" 295 , das schwere Schicksal der Opfer des Rassismus der Nazis würdigte er mit keinem Wort.
Ähnlich scharfe Töne wie Tjulpanow schlug Franz Dahlem in seinem Grundsatzreferat zu den Aufgaben der VVN an. Dahlem, in der SED-Führung für Kaderpolitik verantwortlich, teilte voll und ganz das instrumentalistische Faschismusverständnis und wandte sich polemisch gegen die Entwicklung in den Westzonen, indem er behauptete, "die Träger der Hitlerdiktatur .., die Trustkapitalisten und Großgrundbesitzer", würden Politik und Wirtschaft in Westdeutschland beherrschen 296 und dort "undemokratische Wahlsysteme" installieren sowie "das Mitbestimmungsrecht der Gewerkschaften" bekämpfen 297 . Die Politik in der Sowjetischen Besatzungszone, z. B. "die sozialistische Einheit der Arbeiterschaft und den Block der antifaschistischdemokratischen Parteien" 298 , erklärte der hohe SED-Funktionär zum Vorbild für ganz Deutsch-land, denn diese Faktoren hätten es ermöglicht, die Macht der Reaktion "in Staat, Verwaltung und Wirtschaft zu brechen." 299 Dahlem ging sogar noch einen Schritt weiter und sagte: "Hier setzt die große Mission der ehemaligen Verfolgten des Naziregimes ein." 300 Dahlem nannte praktisch den Kampf für die Übertragung der politökonomischen Strukturveränderungen der SBZ auf Westdeutschland als Grund dafür, eine besondere politische Organisation der Verfolgten zu schaffen. Dahlem gab damit jenen Leuten in Westdeutschland Argumentationshilfe, die behaupteten, die VVN wäre von Anfang an ein "Kampfmittel der SED" gewesen 301 .
In seinen Ausführungen zu Punkt 5 des Programms der VVN, der die Aufklärung der Öffentlichkeit über den deutschen Widerstand vorsah, gab Dahlem einen Überblick zur Geschichte des Widerstands zwischen 1933 und 1945. Dahlem polemisierte heftig dagegen, daß im Westen "gewisse abgetakelte Staatsmänner aus der Weimarer Zeit, ehemalige Politiker der Rechten, Großbourgeois, Adlige, Wirtschaftsführer" als "Träger der Widerstandsbewegung ... präsentiert werden" 302 , und bezeichnete die Arbeiterbewegung als "Hauptträger des Kampfes
295 Ebd., S. 4.
296 Zum Scheitern der ursprünglich auch in den westlichen Besatzungszonen vorgesehenen Bodenreform und der Sozialisierungsbestrebungen im Bereich der Großindustrie vgl. u. a. Enders, Ulrich: Die Bodenreform in der amerikanischen Besatzungszone 1945-1949 unter besonderer Berücksichtigung Bayerns, Ostfildern 1982; Kreikamp, Hans-Dieter: Die Entflechtung der I.G. Farbenindustrie AG 1945-1952; in: VfZ, Nr. 2/1977, S. 220 ff.; Lademacher, Horst: Die britische Sozialisierungspolitik im Rhein-Ruhr-Raum 1945-1948; in: Foschepoth, Joseph; Steininger, Rolf (Hg.): Britische Deutschland- und Besatzungspolitik 1945-1949, Paderborn 1985, S. 101 ff.; Schmidt, Eberhard: Die verhinderte Neuordnung 1945-1952, 8. Auflage, Frankfurt a.M. 1981; Schmidt, Ute; Fichter, Tilman: Der erzwungene Kapitalismus - Klassenkämpfe in den Westzonen 1945-1948, Berlin (West) 1971; Trittel, Günter: Die Bodenreform in der britischen Zone 1945-1949, Stuttgart 1975; kurze Zusammenfassung bei: Kleßmann, Christoph: Die doppelte Staatsgründung - Deutsche Geschichte 1945-1955, Bonn 1982, S. 84 ff.
297 Dahlem, Franz; Raddatz, Karl: Die Aufgaben ..., S. 7 f.
298 Zusammenfassend zur politischen Entwicklung der SBZ in den Jahren 1945 bis 1947 vgl. Staritz, Dietrich: Die Gründung der DDR - Von der sowjetischen Besatzungsherrschaft zum sozialistischen Staat, 2. Auflage, München 1987, S. 75 ff.; Weber, Hermann: Die DDR 1945-1990, Oldenbourg-Grundriß der Geschichte, Bd. 20, 2. Auflage, München 1993, S. 5 ff.; Weber, Hermann: Geschichte der DDR, München 1985, S. 55 ff.; jüngste Darstellung der Frühgeschichte der SBZ durch die DDR-Geschichtswissenschaft: Badstübner, Rolf (Leiter des Autorenkollektivs) u. a.: Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik, 4. Auflage, Berlin (Ost) 1989, S. 35 ff.
299 Dahlem, Franz; Raddatz, Karl: Die Aufgaben ..., S. 8.
300 Ebd., S. 9.
301 Heller, Helmuth: a.a.O., S. 86.
302 Dahlem, Franz; Raddatz, Karl: Die Aufgaben ..., S. 10. Dahlem dürfte mit diesen Äußerungen vor allem die zahlreichen Publikationen zur Würdigung des 20. Juli 1944 gemeint haben, die bald nach Kriegsende in den Westzonen erschienen, wie z. B.: Hassel, Johann Dietrich von: Verräter? Patrioten! - Der 20. Juli 1944, Köln 1946; Hassel, Ulrich von: Vom anderen Deutschland, Freiburg/Zürich 1947; Heule, Emil: Die Tragödie des 20. Juli 1944,
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Sven Wierskalla, 1994, Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) in der Sowjetischen Besatzungszone und in Berlin 1945 bis 1948, München, GRIN Verlag GmbH
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