Inhalt
Vorwort NA
1. Frankfurts Theorie über letzte Zwecke und seine Kritik
an Aristoteles
1.1 Das klassische aristotelische Verständnis von
Mitteln und Zwecken
1.2 Die Funktionsweise letzter Zwecke (nach Frankfurt)
1.3 Revidiertes Verständnis von Mitteln und Zwecken
2. Die Zweck-Mittel-Relation bei Aristoteles
2.1 Eine unpersönliche Analyse bei Aristoteles
2.2 Behauptet Aristoteles eine asymmetrische Zweck-Mittel-
Relation NA
2.2.1Zwecke und ihre Verfügbarkeit bei Aristoteles
2.2.2Das Zweck-Mittel-Verhältnis bei Aristoteles
3. Fazit
Literatur NA
2 NA
Vorwort
Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit der Zweck-Mittel- Relation bei Harry Frankfurt und Aristoteles. Im ersten Teil werde ich zunächst Frankfurts Aufsatz „Über die Nützlichkeit letzter Zwecke “ zusammenfassend darstellen und dabei besonders Frankfurts Kritikpunkte an der „klassischen “ Aristotelischen Theorie über Mittel und Zwecke herausarbeiten. Diese Kritikpunkte werde ich dann im zweiten Teil dieser Arbeit überprüfen, indem ich anhand ausgewählter Textbelege Aristoteles’ Zweck-Mittel-Relation nachzuzeichnen versuche.
Dabei wird sich herausstellen, dass die von Frankfurt geäußerte Kritik lediglich bedingt richtig ist und stattdessen eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den Auffassungen Frankfurts und Aristoteles besteht.
3
1. Frankfurts Theorie über letzte Zwecke und seine Kritik an
Aristoteles
Im Folgenden soll eine kurze Zusammenfassung des Frankfurtschen
Aufsatzes „Über die Nützlichkeit letzter Zwecke “ gegeben
werden. Dabei werde ich mich nur grob an Frankfurts
Gedankengang orientieren, und statt dessen versuchen, seine
Argumentation sinnvoll in drei große Blöcke aufzuteilen: Im
ersten Teil werde ich das darstellen, was nach Frankfurt eine
verbreitete, „klassische“ Vorstellung von Mitteln und Zwecken
ist, die auch - nach Frankfurt - derjenigen von Aristoteles
entspricht. Im zweiten Teil werde ich dann Frankfurts Theorie
über die tatsächliche Funktionsweise von Mitteln und Zwecken
darstellen und im dritten Teil versammle ich dann diejenigen
Gedanken von Frankfurt, die seine Theorie mit der
„klassischen “ konfrontieren
grundsätzlich anderes Verständnis für Mittel und Zwecke
plädieren lassen.
1.1 Das „klassische “ , aristotelische Verständnis von Mitteln
und Zwecken
Frankfurt beginnt seinen Aufsatz mit einer Skizze einer
verbreiteten Vorstellung von Mitteln und Zwecken, die den
1 „Annahmen des gesunden Menschenverstandes sehr nahe “ steht.
Nach dieser Vorstellung wird die Unterscheidung zwischen
Mitteln und Zwecken besonders bei der Organisation der unser
Handeln betreffenden Gedanken häufig angewendet. Dies sei auch
nicht anders zu erwarten, da „die Vorstellung einer Ordnung von
Zwecken und Mitteln [...] sowohl Zielgerichtetheit als auch
Rationalität, die Wesensmerkmale unseres aktiven Charakters “
2 umfasse.
Um den Unterschied zwischen Mitteln und Zwecken zu erklären
werden dabei nach Frankfurt häufig zwei verschiedene Werttypen
herangezogen. Ein Mittel ist ein Gegenstand, dem ein
instrumenteller Wert zukommt. Dieser instrumentelle Wert wächst
1 Frankfurt, Nützlichkeit, S.139
2 Frankfurt, Nützlichkeit, S.138
4
dem Gegenstand zu, weil er zweckmäßig ist, d.h. auf einen
3 der ihm äußerlich ist.
anderen Gegenstand abzielt,
3 Im Folgenden werde ich deshalb auch „Ziel “ und „Zweck“ als
synonym verwenden.
5
Ein Zweck hingegen ist ein Gegenstand, der einen endgültigen Wert hat. Ein endgültiger Wert wächst einem Gegenstand zu, wenn er selbst wünschbar ist, ungeachtet seiner Nützlichkeit als Mittel für andere Dinge. Natürlich kann ein Zweck wiederum wünschenswert sein als Mittel eines weiteren Zwecks. In diesem Fall handelt es sich nicht um einen letzten Zweck. Dieses Verständnis von Mitteln und Zwecken weist nun für Frankfurt eine Ähnlichkeit zu der Aristotelischen Darstellung in der EN auf, die dort den „allgemeinen strukturellen Rahmen seiner Untersuchung des Wesens und der Bedingungen des guten
4 Lebens “ liefert. Frankfurt stellt die These auf, dass es darüber hinaus zwei zentrale Merkmale dafür gibt, wie Aristoteles das Relationsgefüge von Mitteln und Zwecken versteht. Das erste Merkmal besteht darin, dass ein asymmetrisches Verhältnis zwischen Mitteln und Zwecken besteht: „Ein Mittel erlangt seinen instrumentellen Wert aus der Beziehung, in welcher es zu seinem Zweck steht, ein Zweck aber erlangt keinen Wert aus der Beziehung zwischen ihm und den ihm
5 dienlichen Mitteln. “ Frankfurt darin, dass ein Mittel keinen endgültigen Wert dadurch erlangt, dass es nützlich ist. Die Beziehung, in welcher ein Mittel zu seinem Zweck steht, vermag einem Mittel lediglich einen instrumentellen Wert zu verleihen. Frankfurt äußert außerdem einen Verdacht, warum diese Merkmale für die Aristotelische Darstellung charakteristisch sind: unpersönlichen Aristoteles’ Analyse habe einen gewissen Charakter. Als Beleg führt Frankfurt den ersten Satz der EN an: praktische Können und jede wissenschaftliche „Jedes Untersuchung, ebenso alles Handeln und Wählen strebt nach einem Gut, wie allgemein angenommen wird. Daher ist die richtige
6 Bestimmung von >Gut< als >das Ziel, zu dem alles strebt< “ .
Bereits in diesem Satz vermeint Frankfurt einen unpersönlichen Charakter der Analyse zu entdecken, denn es seien nicht wirklich „Handeln und Wählen, die Zwecke oder Ziele haben, sondern Akteure “ , von denen dies sinnvoll ausgesagt werden könne. Genau genommen seien „jegliche Ziele, die sich dem praktischen Können und der wissenschaftlichen Untersuchung
4 Frankfurt, Nützlichkeit, S.139
5 Frankfurt, Nützlichkeit, S.139
6 Frankfurt, Nützlichkeit, S. 140
6
zuschreiben lassen, nur die Ziele derer, die sich mit ihnen “
7 beschäftigten.
Dieser unpersönliche Charakter ist nun nach Frankfurt dafür verantwortlich, dass Aristoteles’ Theorie von einer Würdigung der komplexen Rolle absieht, welche letzte Zwecke im Leben der Menschen spielen. Sie verhülle einige bedeutsame Aspekte des Beziehungsgefüges zwischen Mitteln und Zwecken und behindere ein klares Verständnis dessen, wie letzte Zwecke funktionieren. Die Aristotelische Vorstellung über die Funktionsweise von Mitteln und Zwecken ist für Frankfurt zu „eng und zu starr “ . Seiner Meinung nach muss die Vorstellung von Mitteln und Zwecken weiträumiger und geschmeidiger angelegt werden.
Andernfalls würde sie eine „umfassende und authentische Darstellung dessen [verhindern], womit wir uns wirklich beschäftigen, wenn wir uns darum sorgen, wie wir leben
8 sollten.“
1.2 Die Funktionsweise letzter Zwecke (nach Frankfurt)
Nachdem Frankfurt diese „klassische “ Vorstellung von Mitteln und Zwecken dargelegt hat, macht er sich daran, eine eigene Theorie über die Funktionsweise letzter Zwecke aufzustellen. Ein wichtiges Ergebnis wird dabei sein, dass für Frankfurt die beiden zentralen Merkmale der „klassischen “ Theorie zu kurz greifen: Statt eines asymmetrischen Verhältnisses zwischen Mitteln und Zwecken wird er ein reziprokes postulieren: Mitteln kommt auch ein endgültiger Wert zu und (letzten) Zwecken auch ein instrumenteller. Außerdem wird er die These entwickeln, dass Mitteln gerade dadurch, dass sie nützlich (also Mittel) sind, ein endgültiger Wert zukommt.
Die Theorie, die Frankfurt über Mittel und Zwecke aufstellt, lässt sich nun meines Erachtens am besten darstellen, indem man sie durch seine Antworten auf folgende drei Fragen umreißt: (i) Was sind letzte Zwecke?
(ii) Warum haben wir letzte Zwecke?
(iii)Wie kommen wir zu letzten Zwecken?
7 Frankfurt, Nützlichkeit, S. 140
8 Frankfurt, Nützlichkeit, S.139
7
Frankfurt gibt die Antworten auf diese Fragen nicht in dieser Reihenfolge, doch aus Gründen der Übersichtlichkeit habe ich mich dazu entschlossen, nicht dem Frankfurtschen Gedankenfluss zu folgen, sondern diese Fragen als Orientierung zu verwenden.
(i) Was sind letzte Zwecke?
Letzte Zwecke sind nach Frankfurt „mögliche Sachlagen, die
9 Diese Definition scheint
jemand ihrer selbst willen schätzt. “ derjenigen des „klassischen “ Verständnisses sehr nahe zu kommen. Mit Bezug auf G. E. Moore macht Frankfurt allerdings auf einen wichtigen Unterschied aufmerksam: Während nach Moore die grundsätzliche Frage der Ethik lautet: „Welche Dinge sind
10 Güter oder Zwecke an sich? “ Fehler durch die Gleichsetzung von Gütern und letzten Zwecken begangen. Denn ob etwas ein Gut ist, „hängt ausschließlich von seinen inhärenten Charakteristika ab. Ob andererseits etwas ein Zweck an sich ist hängt davon ab, ob es sich jemand zu eigen
11 Warum diese Differenzierung so wichtig
macht oder erstrebt. “ ist, macht Frankfurt durch folgenden Gedanken klar: Die Überlegung, sich einen bestimmten Zweck zu Eigen zu machen ist eine Angelegenheit, die von der Abschätzung seines eigentlichen Wertes völlig verschieden ist. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zunächst gibt es natürlich hinsichtlich der Kosten und der Wahrscheinlichkeit für das Erreichen verschiedener Ziele große Unterschiede. Viel wichtiger ist aber der Umstand, dass sich die Aktivitäten und Tätigkeitsmuster unterscheiden, durch welche letzte Ziele verfolgt werden können. Dadurch, dass man sich einen bestimmten letzten Zweck zu eigen macht, lässt man sich auf ein Geflecht aus Überzeugungen, Gefühlen, Denken und Handeln ein, das sich in beträchtlichem Maße von demjenigen unterscheiden kann, auf welches man sich einlassen würde, falls man sich einen anderen letzten Zweck zu eigen machen sollte. Das Leben, das man haben wird, wenn man einen bestimmten letzten Zweck erstrebt, kann deshalb „viel reicher an bedeutsamer Tätigkeit und im ganzen wünschenswerter “ sein als das Leben, das man durch das Erstreben eines anderen letzten Zweckes hätte. Dabei müssen die Werte der jeweiligen
9 Frankfurt, Nützlichkeit, S.144
10 Moore, Principia, S.255
11 Frankfurt, Nützlichkeit, S.144
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Quote paper:
Bakkalaureus Artium Christian Schumacher, 2005, Zwecke und Mittel bei Aristoteles und Harry Frankfurt, Munich, GRIN Publishing GmbH
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