Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Bedeutung von Trennung und Scheidung für die Betroffenen 4
2.1 Eltern / Erziehungsberechtigte 4
2.2 Kinder. 6
3 Rechtliche Grundlagen
von Trennung und Scheidung nach der Kindschaftsrechtsreform. 10
4 Bedeutung von Trennung und Scheidung
f ür professionelle Bereiche nach der Kindschaftsrechtsreform 11
4.1 Jugendamt 11
4.2 Gericht. 15
4.3 Rechtsanwalt 16
4.4 Verfahrenspfleger. 17
4.5 Zusammenwirken der Professionen 18
5 Entwicklung des Kindschaftsrechtsreformgesetzes von 1998 - 2006
- pro und contra. 19
6 Schlussbetrachtung 24
Bibliografie 26
2
1 Einleitung
Am 1.Juli 1998 trat ein Gesetz in Kraft, das wesentliche Änderungen im Familienrecht mit sich brachte - das Kindschaftsrechtsreformgesetz (KindRG). Mit dem Gesetz ging u.a. die Neuregelung der elterlichen Sorge im Falle von Trennung und Scheidung einher. Trennung und Scheidung haben in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich zugenommen. Im allgemeinen Sprachgebrauch macht heute immer häufiger der Begriff von der „Patch-Work-Familie“ die Runde. Die maßgeblich von Trennung und Scheidung Betroffenen sind Kinder. 1997 lag die Zahl der Scheidungskinder laut Statistischem Bundesamt bei 163.112. 1 Diese Zahl ist alarmierend, da - wenn auch sehr oberflächlich - die erheblichen Belastungen von Trennung und Scheidung für Kinder im Allgemeinen bekannt sind. Das KindRG soll eine Antwort auf diese Problematik geben - so war es zumindest Intention des Gesetzgebers. Entsprechend ist es Ziel dieser Arbeit, das KindRG und seine Bedeutung für Scheidungs- und Sorgerechtsvorgänge darzustellen und seine Entwicklung von 1998 bis heute ausführlich zu beleuchten. So sollen ein vorläufiges Urteil ermöglicht und eine Bilanz gezogen werden, wie das Gesetz knapp acht Jahre nach Inkrafttreten bewertet werden kann. Aufgrund der umfassenden Thematik ist es im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, auf andere Neuregelungen des KindRG einzugehen.
Eingangs wird zunächst die Bedeutung von Trennung und Scheidung für die Betroffenen - Eltern sowie Kinder - erarbeitet, um ein Grundverständnis für die vorhandene Problematik aufzuzeigen, der diese ausgesetzt sind. Im Folgenden sind die rechtlichen Neuregelungen bzgl. der elterlichen Sorge nach Trennung und Scheidung zu erläutern. Hierauf aufbauend werden die Aufgaben der beteiligten Professionen beschrieben, um die Verschiebung der Zuständigkeiten und vor allem der Verantwortungsbereiche zwischen den einzelnen Fachkräften und das daraus erforderlich werdende Zusammenwirken dieser zu verdeutlichen. Abschließend werden unterschiedliche Beiträge aus der wissenschaftlichen Literatur, positive wie negative, gegeneinander abgewogen. Hiervon ausgehend, soll eine Bilanz präsentiert werden, mit der versucht wird, eine Stellungnahme über das KindRG abzugeben.
1 vgl. Buchholz-Graf, Wolfang: Das neue Kindschaftsrecht bei Trennung und Scheidung. Herausforderungen für
die Verfahrensbeteiligten. S.11. In: Buchholz-Graf, Wolfgang; Claudius Vergho (Hrsg.): Beratung für Schei-
dungsfamilien. Das neue Kindschaftsrecht und professionelles Handeln der Verfahrensbeteiligten. Weinheim;
München 2000. S.11-29.
3
2 Bedeutung von Trennung und Scheidung für die Betroffenen
2.1 Eltern / Erziehungsberechtigte
Trennung und Scheidung sind kein „singuläres Ereignis“, sondern „ein komplexer, mehrdimensionaler, sich über einen längeren Zeitraum erstreckender Veränderungsprozess“ 2 . Die daraus resultierenden Auswirkungen werden für die betroffenen erwachsenen Eheleute in der Wissenschaft teilweise unterschiedlich gesehen. SCHÄFERs Aussage bringt aber einen wesentlichen Aspekt von Trennung und Scheidung auf den Punkt. Zum einen unterstellt § 1566 BGB die unwiderlegbare Vermutung, dass die Ehe gescheitert ist, wenn die Ehegatten seit einem Jahr getrennt leben und beide Ehegatten die Scheidung beantragen oder ein Partner dem Scheidungsantrag des anderen zustimmt. Zum anderen bestätigen auch andere Beiträge in der Literatur SCHÄFERs Feststellung, u.a. jener von HETHERINGTON und KELLY, deren Forschung über Scheidung eine 40jährige Langzeitstudie zugrunde liegt. Auf diese wird noch Bezug genommen.
Nachfolgendes Schema verdeutlicht den Ablauf von Trennung und Scheidung: Abbildung 1
Demnach lässt sich der Scheidungsprozess in drei Phasen unterteilen - die Vorscheidungs- bzw. Trennungs-, die eigentliche Scheidungs- und die Nachscheidungsphase. Ersichtlich wird außerdem, dass sich die einzelnen Phasen in weitere Abschnitte unterteilen lassen.
2 Schäfer, Ramona: Trennungs- und Scheidungsmediation als organisierte Verständigung zur Konfliktregelunng.
Ein sozialpädagogisches Angebot der Kinder- und Jugendhilfe am Beispiel der Thüringer Jugendämter. Würz-
burg 2003. S.33.
3 Dettenborn, Harry; Eginhard Walter: Familienrechtspsychologie. München; Basel 2002. S.151.
4
Es lässt sich ferner erkennen, welche psychischen Belastungen der Scheidungsprozess für Erwachsene häufig mit sich bringt. Diese sind nicht nur, wie im Schaubild dargestellt, dem Bereich der „emotionalen Scheidung“ zuzuordnen. Sie sind schon vor der Trennung bis hin zur Scheidung und auch noch danach zu beobachten. Dies zeigt sich im Schaubild von BALLOFF: Abbildung 2
Demnach lässt sich zunächst Trennungsangst feststellen, die in Wut und Ärger übergeht. In der eigentlichen Scheidungsphase verändern diese sich zu Verzweiflung, aus der nicht selten Depressionen und Trauer resultieren. Erst nach einiger Zeit, oft mit einer neuen Partnerschaft einhergehend, ist man in der Lage die Belastung abzulegen. DETTENBORN und WALTER ergänzen: Selbstzweifel, Minderwertigkeitsgefühle, Hass, Rachegefühle, körperliche und psychische Leiden wären als weitere Belastungen zu nennen. Auch sie betonen, dass diese Symptome schon in der (Vor-)Trennungsphase auftreten. Jedoch erwähnen sie ebenso, dass diese nicht zwangsläufig Begleiterscheinung seien. Einige Menschen erlebten Trennung auch als Befreiung und Wachstumsschritt. 5 Hier ist eine Bezugnahme auf die bereits o.g. Langzeitstudie HETHERINGTONs und KEL- LYs sinnvoll.In 40 Jahren haben sie eine der umfassendsten Forschungsarbeiten über Scheidung überhaupt durchgeführt, bei der sie etwa 1.400 Scheidungsfamilien teilweise über den gesamten Zeitraum beobachten konnten. Für beide steht fest, dass das zerstörerische Potenzial von Trennung und Scheidung nicht verneint werden kann und das Ende einer Ehe in der Regel sehr schmerzhaft ist und daher jeder Beteiligte mehr oder weniger hierunter leidet. Jedoch haben sie in ihrer erst vor kurzem beendeten Studie auch festgestellt, dass viele in der Wis-
4 Balloff,Rainer: Kinder vor dem Familiengericht. München; Basel 2004. S.50.
5 vgl. Dettenborn; Walter 2002. S.151f.
5
senschaft aufgestellte Theorien Mythen sind und sich nicht bewahrheitet haben. So betonen sie ebenso wie BALLOFF in seinem Schaubild, dass Scheidung und die begleitenden Belastungen überwunden werden könnten. Voyeurismus und Hass im ersten Jahr nach der Scheidung seien oft normal, würden aber mit der Zeit abklingen. Darüber hinaus lasse sich nicht pauschal von „Gewinnern“ oder „Verlierern“ - wie vielfach in der Wissenschaft üblich - bei Scheidung sprechen. Jeder Betroffene gehe anders mit den entstehenden Problemen um. 6 Damit wird deutlich, dass Trennungs- und Scheidungsfolgen nicht dramatischer dargestellt werden sollten, als sie letztlich wirklich sind. Gleichzeitig können die psychischen Belastungen aber nicht verkannt werden, v.a. in der eigentlichen Trennungs- und Scheidungsphase.
Sie dürfen besonders dann nicht unterschätzt werden, wenn Kinder von Trennung und Scheidung ihrer Eltern mit betroffen sind. BALLOFF weist darauf hin, dass der Kampf um das Sorgerecht und damit der Kampf um das Kind zu weiteren, über ein vertretbares Maß hinausgehenden seelischen und körperlichen Belastungen führe. Sie könnten v.a. eine mangelhafte Kommunikation und damit ungenügende einverständliche Kooperation zum Wohle des Kindes bedingen. 7 Damit kommen zwei Aspekte zum Ausdruck: Zum einen sind die mit Scheidung einhergehenden Konflikte noch nicht einmal das zentrale Problem. Entscheidend sei, so formulieren es wiederum HETHERINGTON und KELLY, „wie zwei Menschen miteinander streiten, wie sie Konflikte lösen und was sie füreinander an Positivem tun“ 8 . Zum anderen muss ersichtlich werden: Es sind die Kinder, die als Opfer von Trennung und Scheidung anzusehen sind. Sie leiden massiv unter den Folgen. Entsprechend soll ihnen im Folgenden Aufmerksamkeit gewidmet werden.
2.2 Kinder
Noch umfassender, aber auch kontroverser als für Erwachsene wird die Bedeutung von Trennung und Scheidung für Kinder in der Wissenschaft diskutiert. In einem ist sich die Literatur weitgehend einig: Weniger die Scheidung an sich, sondern „vielmehr die Qualität des komplexen Bedingungsgefüges oder des gesamten Trennungsprozesses“ 9 ist für das kindliche Verhalten entscheidend. Damit wird unterstrichen, dass Tren-
6 vgl.Hetherington, E. Mavis; John Kelly: Scheidung. Die Perspektiven der Kinder. Weinheim; Basel; Berlin
2003. S.12ff.
7 vgl. Balloff 2004. S.170ff.
8 Hetherington; Kelly. S.364.
9 Buchholz-Graf 2000. S.12.
6
nung und Scheidung für das Kind ebenfalls ein langandauernder Prozess sind und die Intensität der elterlichen Konflikte diesen maßgeblich beeinflusst. Ein weiteres Schaubild von BALLOFF vermittelt dies: Abbildung 3
STRUCK fasst die in der Fachliteratur beschriebenen emotionalen Folgen von Kindern wie folgt zusammen: Angst vor Verlassenwerden, Wut, Trauer, Schuldgefühle, Störungen des Selbstwertgefühls, Loyalitätskonflikte und ein allgemeines Misstrauen in die Verlässlichkeit menschlicher Beziehungen wären zu nennen. 11 Ergänzt wird dies von BÖHM und SCHEUERER-ENGLISCH, die schlechtere Schulleistungen, Depressionen, Stress, aggressives Verhalten und andere Verhaltensauffälligkeiten als weitere Folgen benennen. Ferner kann festgestellt werden, dass Mädchen und Jungen unterschiedliche Reaktionen zeigen. Während Jungen die Probleme eher externalisieren, d.h. nach außen tragen und z.B. durch aggressives Verhalten auffallen, internalisieren Mädchen diese stärker. Sie ziehen sich mit den Belastungen stärker zurück und reagieren eher depressiv. 12 Die Belastungen für Kinder müssen also als erheblich angesehen werden.
An dieser Stelle soll ein erneuter Blick auf die Langzeitstudie HETHERINGTONS und KEL- LYS geworfenwerden. Sie verharmlosen diese Erkenntnisse nicht, betonen aber, dass viele langfristige Wirkungen in der wissenschaftlichen Literatur stark übertrieben dargestellt worden seien und sich mittlerweile zu einer self-fulfilling prophecy entwickelt hätten. Probleme würden förmlich erwartet und daher auch zur Realität. Das Scheitern der Ehe ihrer Eltern stel-
10 Balloff2004. S.50.
11 vgl. Struck, Jutta (a): § 17. Beratung in Fragen der Partnerschaft, Trennung und Scheidung. S.205. In: Wies-
ner, Reinhard (Hrsg.): SGB VIII. Kinder- und Jugendhilfe. 2.Auflage. München 2000. S.197-225.
12 vgl. Böhm, Birgit; Hermann Scheuerer-Englisch: Neue Ergebnisse der Scheidungsforschung. Implikationen
für die Beratung von Betroffenen und die Zusammenarbeit der beteiligten Institutionen. S.122ff. In: Buchholz-
Graf; Vergho (Hrsg.) 2000. S.121-146.
7
Arbeit zitieren:
Henning Becker, 2006, Trennung und Scheidung nach dem Kindschaftsrechtsreformgesetz - eine Entwicklung von 1998 - 2006, München, GRIN Verlag GmbH
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