piertes Stück Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte und Strauß‘ an Shakespeares A Midsummer Night’s Dream anlehnendes Stück Der Park.
Mittelpunkt dieser Arbeit soll nicht die Frage bilden, inwiefern es gerechtfertigt erscheint, die beiden Autoren als, im Falle Jelineks, ‚links‘, bzw. ‚rechts‘, Botho Strauß, kategorisieren zu wollen. Vielmehr soll dem auf den Grund gegangen werden, was sich hinter diesen Schlagworten verbirgt, welche Ansichten und Überzeugungen der Autoren sich in ihrem literarischen Werk und anderen öffentlichen Äußerungen nachweisen lassen. Worin sehen die beiden Autoren die Hauptproblematik der heutigen Gesellschaft? Was für Lösungsansätze werden präsentiert? Was für eine Rolle spielt die Kunst/der Künstler in den vorherrschenden Gesellschaftsmechanismen? Und inwiefern läßt die Wahl der beiden Autoren eines literarischen Bezugs(kon)texts (Ibsen und Shakespeare) Rückschlüsse auf das Literaturverständnis des jeweiligen Autors/der jeweiligen Autorin zu? Dies sind einige Fragen, die in ihrer zum Teil unbeholfen wirkenden Fragestellung dennoch einen ersten Rahmen bilden und einen ers- ten Umriß vom Thema dieser Arbeit geben sollen.
II. Botho Strauß: Mythos von rechts
Botho Strauß entwirft sein Stück Der Park in einer ‚tüchtigen‘ 3 Gesellschaft, die durch ‚den Genius eines großen Kunstwerkes (...) bewegt, erhoben und genarrt‘ 4 wird. Gemeint ist mit dem großen Kunstwerk zunächst einmal Shakespeares Sommernachtstraum, das an allen Ecken und Enden von Strauß‘ Stück sein Unwesen treibt, und in allen Figuren und Handlungssträngen ständig und bisweilen unerklärlicherweise präsent zu sein scheint. Schauplatz des Stückes ist, wie der Titel schon sagt, mehr oder weniger der Park, um genauer zu sein, der Stadtpark. In diesem treffen wir, seltsam entrückt und eigenartig verschoben, Shakespeares Figuren einen nach dem anderen an. Neben Titania, Oberon und dem Puck-artigen Cyprian findet sich auch ein ähnliches Beziehungsgeflecht wie im Shakespeare - Original. Helen und Georg. Verliebt. Wolf, verliebt in Helen. Helma verliebt in Wolf. Ähnlichkeiten in Namensgebung und Charakterausstattung sind durchaus beabsichtigt. Die Figuren in Strauß‘ Stück erscheinen demjenigen, der das Shakespeare - Original kennt, auf den ersten Blick vertraut, und doch beschleicht den Leser, bzw. den Theatergeher, bald ein seltsames Gefühl, daß hier etwas gewaltig nicht in Ordnung ist. Titania und Oberon, das königliche Paar der magischen Feenwelt, fristen in ein paar Hecken eines schmutzigen Stadtparks ihr Dasein? Titania klagt über ihr ‚Gottsein‘ 5 , welches ihr ‚in diesem Körper‘ 6 große Schmerzen bereitet, während Oberon die Wirkungslosigkeit ihres Sichzeigens bemängelt und auch schon eine Erklärung dafür parat hat: ‚Das ewige Streiten schwächt empfindlich unseren Abglanz.‘ 7 Doch gestritten wurde immer schon zwischen Oberon und Titania, auch im Sommernachtstraum, ohne daß es dem Glanz des königlichen Feenpaares und ihres Märchenreichs ernstlich hätte schaden können.
Was bei Shakespeare noch ein seltenes und daher wertvolles Ereignis darstellte, nämlich das Erscheinen dieser mächtigen, wenn auch gutwilligen, Kreaturen in der menschlichen
3 Strauß, B., Der Park, in: Theaterstücke 2, München: DTV (1991), S. 75.
4 ebd.
5 Strauß, B., Der Park, S. 79.
6 ebd.
7 ebd.
Welt, scheint bei Strauß an der Tagesordnung zu sein. Titania zeigt sich willkürlich beinahe jedem vorbeispazierenden Menschen, wobei Strauß meint ‚Sie öffnet ihren Mantel weit und zeigt sich‘ 8 , und scheint nur darauf aus zu sein, sich dem erstbesten Jungen munter an den Hals bzw. in die Arme zu werfen:
Der 1. Junge zeigt seine Armbanduhr, Titania ergreift seine Hand, küßt sie. TITANIA Auf dich hab ich gewartet, auf dich! Nimm mich mit! Nimm mich mit! 9 Beinahe wehmütig sehen wir in diesen Szenen die vage Erinnerung an eine Titania erlischen, die einstmals in majestätisch-würdevoller Art sich ihren Geliebten zuwendete, auch wenn Titanias Zuneigung im Fall des eselsköpfigen Bottoms durch einen Zauber Oberons bzw. Pucks in die Wege geleitet wurde. I am a spirit of no common rate. The summer still doth tend upon my state, And I do love thee. Therefore go with me. I’ll give thee fairies to attend on thee, And they shall fetch thee jewels from the deep, And sing while thou on pressed flowers dost sleep; 10
Die Straußsche Titania scheint alle magischen Kräfte verloren zu haben. Die Feenzüge sind verschwunden, und es scheint auch mehr als fraglich, ob Titania oder Oberon noch in der Lage sind, die Naturgewalten (‚The summer still doth tend upon my state‘) in irgendeiner Weise beeinflussen oder beherrschen zu können. Titanias ‚Komm mit mir!‘ (‚Go with me‘) ist einem unwürdigen und hilflosen ‚Nimm mich mit!‘ gewichen, das die verzweifelte Lage, in der Titania sich zu befinden scheint, eindrucksvoll zur Schau stellt. Die weiteren Ereignisse im Stück scheinen zu bestätigen, daß das Shakespeare - Märchen in der Straußschen Realität nicht unbedingt so zu funktionieren scheint, wie man es vom Original her erwarten, oder zumindest erhoffen dürfte. Zwar gibt es ein Ende, in dem die Ausgangspaare Helen und Georg, Helma und Wolf, und Titania und Oberon doch noch irgendwie zueinander finden, doch bleibt das wahre Happy-End dann weitgehend unerreicht. Helen und Georg können sich nicht einigen und trennen sich im Streit, Wolf und Helma sind zwar wie-
8 ebd.,S. 81.
9 ebd., S. 86.
der ein Paar, doch läßt Wolfs Gereiztheit gegenüber seiner Frau nicht unbedingt Positives erwarten. Was das einstmals königliche Paar angeht, so ist es diesem nicht mehr möglich in seine Welt zurückzukehren, da Oberon sich seiner Worte 11 nicht mehr erinnern kann: TITANIA probt mit Ob/Mit. Ich kenn ein Ufer-OB/MIT Ich kenn ein Ufer TITANIA Wo wilder Thymian-OB/MIT Wo wilder Thymian TITANIA Blüht! OB/MIT Blüht.
TITANIA Wo Primeln leuchten, das Veilchen dunkel glüht Wo Geißblatt üppig wölbt den Baldachin Mit süßen Malven, Rosen und Jasmin Weißt du es denn nicht mehr? OB/MIT Doch.
TITANIA lehnt sich an ihn. Ach mein Herr. So wird es nichts. So kommen wir nie wieder raus aus unserer Haut.
OB/MIT Ich weiß ein Ufer, wo Thymian blüht. Primeln. Wo - wo. TITANIA Komm her. Es hat ja keinen Zweck. 12
Unvergessen bleibt auch der hohe Preis, der für das ganze Spiel bezahlt werden mußte. Cyprian, der ähnlich wie Puck, im Auftrag Oberons zunächst ein großes Durcheinander unter den Liebenden und Nichtliebenden angerichtet hat, ist von einem schwarzen Jungen (in Anlehnung an den indischen Jungen im Sommernachtstraum) in Notwehr erschlagen worden. Dies steht in einem krassen Gegensatz zu Shakespeares Stück, indem Puck schließlich einen kurzen ‚Ende gut! Alles gut!‘ - Epilog an das Publikum richtet: Give me your hands if we be friends, And Robin shall restore amends. 13
Das Ende im Straußschen Stück behält die seltsame, verschobene Atmosphäre bei. Wir schreiben vermutlich viele Jahre später. Titania und ihr Fabel-Sohn bereiten sich für die Festlichkeiten anläßlich der gefeierten Silberhochzeit Titanias vor. Ganze fünf Leute sollen zu diesem Anlaß gekommen sein, auch wenn fünfzig Einladungen verschickt wurden, wie der
10 Shakespeare, W., A Midsummer Night‘s Dream, Harmondsworth: Penguin Books (1967), S. 77-78.
11 Im Original: Shakespeare, W., A Midsummer Night’s Dream, S. 66: I know a bank where the wild thyme blows, Where oxlips and the nodding violet grows, Quite overcanopied with luscious woodbine, With sweet muskroses and with eglantine.
12 Strauß, B., Der Park, S. 163-164.
13 Shakespeare, W., A Midsummer Night’s Dream, S. 122.
Sohn traurig bemerkt. Strauß beendet sein Stück mit einer Anti-klimax, seltsam still und leise, und also komplett anders, als man es in einer Shakespeare - Komödie jemals antreffen würde. Will man denn nun Strauß‘ Der Park als Neuinszenierung von Shakespeares Sommernachtstraum sehen, so beschreibt sie vor allem einmal eines: den Verlust. Die magische, mystische Welt der Feen und Kobolde ist einem von Menschenhand geschaffenen Park gewichen, in dem der Unrat sich stapelt und Tiere in Zirkuskäfigen ihr trauriges Dasein fristen. Natur existiert nur noch als ein vom Menschen gezähmtes und künstlich angelegtes Produkt, und hat daher allen mysteriösen Glanz aus früheren Zeiten verloren, als das Unbezwingbare und Unerklärliche der Natur die Menschen noch in Atem hielt. Gestern, Shakespeare, verwunschener Märchenwald. Heute, Strauß, dreckiger Park.
‚Überirdisch handeln‘
14
ist in dieser Welt unmöglich, wissen Titania und Oberon. Zu bodenständig sind die Menschen geworden, zu ‚überfroren nüchtern‘
15
. ‚Bewußtsein und Geschäfte (haben) ihren Trieb verdorben‘
16
und die Menschen in einer kalten Realität zurückgelassen, in dem das Unerklärliche, das Irrationale und Irreale keinen Platz mehr hat. Titania und Oberon haben nicht zuletzt ihre magische Kraft verloren, weil es niemanden mehr gibt, der an die beiden wirklich glauben könnte. Und selbst der Tod, ein weiterer mächtiger Vertreter einer mystischen, ja magischen Welt, der Unterwelt, bleibt nach seinem Erscheinen geknebelt und hilflos zurück und ‚erkennt seine Ohnmacht‘
17
. Das ‚Unheimliche‘
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und ungeheuer Kostbare, das der Figurenmacher Cyprian mit seinen winzigen Statuetten geschaffen hat, entpuppt sich bald als ein in Massenmode gekommenes und durch diese Mode verkommenes, da massenproduziertes, Kitschsouvenir. Cyprians eigenhändig produzierte Figuren besitzen zwar noch magische Kräfte, doch erweist sich deren Einsatz im Verlauf des Stückes als mehr als fraglich, da Cyprian im Gegensatz zu Puck die ihm von Oberon verliehenen magischen Kräfte zu geschäftlichen Zwecken mißbraucht. Obe-
14 Strauß,B., Der Park, S. 82.
15 ebd.
16 ebd.
17 Strauß, B., Der Park, S. 158.
18 ebd., S. 96.
Arbeit zitieren:
Martin Stepanek, 1999, Botho Strauß‘ Der Park und Elfriede Jelineks Was geschah nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte. Rechts gegen Links, oder: Die Rolle des Mythos., München, GRIN Verlag GmbH
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