1. Einleitung
2. Fernando Krapp hat mir diesen Brief geschrieben
3. Die Begegnung
3.1 Sprache als Basis der Beziehung
3.2 Zwei Begegnungen
3.2.1 Die Begutachtung
3.2.2 Das Gespräch
4. Die Ehe
4.1 Deduktion der Ehe bei J.G. Fichte
4.2 Verwirklichung des patriarchalisch idealistischen Modells
5. Die Liebe
5.1 Ich und Du - Gegenseitige Bedingung
5.2 Die Öffnung des Herzens
5.3 Fehlende Erkenntnis des Anderen
6. Resümee
7. Literatur
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1 Einleitung
Tankred Dorst entwickelt in dem kurzen Stück Fernando Krapp hat mir diesen Brief geschrieben, welches den Untertitel Ein Versuch über die Wahrheit trägt, eine komplexe Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren Julia und Fernando Krapp. Der Konflikt in der Beziehung entsteht offenbar durch das Aufeinanderprallen zweier verschiedener Vorstellungswelten, die scheinbar vollkommen komplementär zueinander sind. Ob dies tatsächlich der Fall ist und die Beziehung sich aufgrund dessen so schwierig gestaltet, soll die Analyse anhand der philosophischen Erörterungen von Emanuel Levinas, Jozef Tischner, Martin Buber, Johann Gottlieb Fichte und Byung-Chul Han, der sich mit Heidegger beschäftigt, aufdecken. Die gewählten philosophischen Texte, die sich mit den Themen Begegnung, Ehe und Liebe beschäftigen, werden nicht mit Anspruch einer vollständigen Darstellung der theoretischen Konzeptionen verwendet. Es ist mir sehr wohl bewusst, dass die Theorien in einer weit zurückgreifenden philosophischen Tradition stehen, die genaue Ausführung dieser, würde den Rahmen der Arbeit überschreiten, und auch zu weit vom Thema abschweifen. Deshalb werden nur die konkreten Aspekte, die im Bezug zur Analyse des Stückes stehen, genauer erläutert werden.
Im Folgenden sollen die Figuren und die in ihnen angelegte Vorstellung von Liebe und Ehe dargestellt werden. Der Ehe und Liebe geht immer die Begegnung voraus, deshalb bildet die Betrachtung der Begegnung zwischen den Figuren den ersten Teil der Arbeit.
Zu Beginn soll eine kurze Inhaltsangabe des Stückes einen Einblick in das Geschehen und die Problematik des Stückes liefern.
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2 Fernando Krapp hat mir diesen Brief geschrieben.
Die Stücke des Autors Tankred Dorst, die seit Ende der 60er Jahre entstanden, zu welchen auch Fernando Krapp hat mir diesen Brief geschrieben gehört, beschäftigen sich vorrangig mit zwischenmenschlichen Konflikten. Dorst sagt zu seinen Stücken, dass sie sich zwar mit dem Privaten auseinandersetzen, das Zusammenleben der Menschen immer auch eine politische und öffentliche Dimension hat. Fernando Krapp hat mir diesen Brief geschrieben trägt den Untertitel Ein Versuch über die Wahrheit und erschien zum ersten Mal 1992 im Suhrkamp Verlag, und wurde im gleichen Jahr am 15. Mai am Burgtheater in Wien unter der Regie von Wilfried Minks uraufgeführt. Als Vorlage diente die Erzählung „Nada menos que todo un hombre" des spanischen Schriftstellers und Philosophen Miguel de Unamuno.
Der erste Satz, der in diesem Stück fällt, gibt ihm seinen Titel: „Fernando Krapp hat mir diesen Brief geschrieben“ 1
Julia, die Protagonistin, spricht ihn zu ihrem Vater und liest ihm diesen sehr knappen, sachlichen und fordernden Brief vor:
„Wertes Fräulein[,]…Man hat mir gesagt, Sie seien die schönste Frau der Stadt, in der ich mich seit kurzer Zeit niedergelassen habe. Ich habe Sie mir angesehen, als Sie mit Ihrem Vater im Park spazierengingen. ... Es ist richtig. Sie sind die Schönste. Ich werde Sie heiraten. Fernando Krapp.“ 2 Die „einseitige“ Begegnung im Park, bei der Julia Krapp nicht kennen lernt, wurde von ihrem Vater arrangiert, denn dieser steckt in finanziellen Schwierigkeiten und hofft durch die Heirat seiner Tochter mit dem vermögenden Krapp auf Sanierung seiner Kassen. Sie ist das einzige wertvolle Pfand, das er noch einlösen kann.
Julia fühlt sich verkauft und ihre Antwort an Krapp fällt sehr feindselig aus, was ihn nicht abschreckt, sondern zu belustigen scheint. Bei der tatsächlichen ersten Begegnung ist Julia immer noch sehr Widerspenstig,
1 Dorst, Tankred: „Fernando Krapp hat mir diesen Brief geschrieben“ S. 311. In: „Herr Paul. Sieben
Stücke.“ Suhrkamp, 1995. S. 309-350
2 ebd. S. 311.
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was Krapp nicht stört, denn offenbar ist er davon überzeugt rein äußerlich die beste Wahl getroffen zu haben. Julias Weinen deutet er als die Äußerung ihrer Liebe zu ihm.
Sie heiraten und Julia liebt ihn offenbar tatsächlich, aber in ihr es entsteht ein Konflikt, der daraus resultiert, dass Krapp ihre Liebe nie verbal erwidert. Sie steigert sich in diese Problematik hinein, und Krapps Emotionslosigkeit ihr gegenüber treibt sie in eine Affäre mit dem Grafen Bordavela, die sie Krapp gesteht, um ihn eifersüchtig zu machen. Sie bittet Krapp den Grafen aus dem Haus zu schicken, weil sie selbst es nicht schafft, doch Krapp nimmt sie nicht ernst und traut ihr die Affäre nicht zu. Er ist so sehr von sich selbst und von Julias Liebe zu ihm überzeugt, dass er diese Möglichkeit völlig ausklammert. Krapp interveniert erst als seine Ehre auf dem Spiel steht und er außerhalb des häuslichen Rahmens von Dritten von dem Verhältnis seiner Frau zu dem Grafen erfährt. Er hat den Grafen mit der Renovierung seines Palais zur Unterhaltung Julias „gekauft“ allerdings nicht einkalkuliert, dass der Graf aufgrund dieser großzügigen Gabe sich nicht verpflichtet sieht, sich seinem Gönner gegenüber Loyal zu verhalten. Diese Loyalität fehlt ihm allerdings auch als er nach der Affäre zu Julia befragt wird, denn er leugnet aus Angst vor Krapp, je eine intime Beziehung zu ihr gehabt zu haben. Julia beharrt auf ihrer Behauptung und wird dadurch, dass sie sie nicht beweisen kann und Krapp ihr ein solches Verhalten auch nicht zutraut für verrückt erklärt. Nach der Behandlung im Irrenhaus kehrt Julia wieder „gesund“ zu Krapp zurück.
Ihre Sehnsucht nach einem Zugeständnis von Krapp bleibt und nimmt ihr die Lebensenergie. Erst als Julia im Sterben liegt und Krapp plötzlich begreift, dass er sie verlieren wird, werden ihm eine Gefühle für Julia bewusst und er gesteht ihr seine Liebe, so dass sie glücklich in seinen Armen sterben kann. Er begeht Selbstmord und stirbt, sie in den Armen haltend.
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3 Die Begegnung
Jede Beziehung beginnt mit einer Begegnung, so auch in Fernando Krapp hat mir diesen Brief geschrieben. Um die Wertigkeit der Begegnung zwischen Julia und Krapp bestimmen zu können, sollen die theoretischen Konzepte von Emmanuel Levinas, Jozef Tischner und Martin Buber herangezogen werden, um genauer betrachten zu können was die Besonderheit der Begegnung zweier Individuen ausmacht und welche Bedingungen zu einer Beziehung führen, und wie sie sich in diesem besonderen Fall darstellen.
3.1 Sprache als Basis der Beziehung
Emmanuel Levinas unterscheidet zwischen dem Begreifen eines Objektes durch das Sehen und der Begegnung zum Anderen 3 , die sich durch die Sprache konstituiert. Er bezieht sich in seiner gedanklichen Ableitung auf Heidegger, der festgestellt hat, dass sich eine Subjekt-Objekt-Beziehung durch das Sehen herstellt, das es dem Subjekt ermöglicht das Sein in seiner Materiellen Beschaffenheit zu erkennen. Die Beziehung zum Anderen unterscheidet sich in der zum Objekt darin, dass das Verstehen des Seins dieses optisch wahrnehmende Verhältnis überschreiten muss, um das Seiende als etwas Besonderes zu erkennen. Der Andere wird nicht als Objekt verstanden, sondern im Miteinandersein. 4
3 Mit dem Anderen ist immer eine Person gemeint.
4 Levinas kritisiert diesen Standpunkt von Heidegger, weil er die Subjekte in dem Miteinander in ein
ontologisches Beziehungsgefüge stellt. Für Levinas ist die Beziehung zwischen den Subjekten aber
nicht im Bezug zum Göttlichen zu sehen. Levinas, Emmanuel: „Die Spur des Anderen“. München,
1983. S.113
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Martin Buber erklärt dieses Verhältnis ähnlich, wenn er sagt, dass man den Menschen im Gegensatz zum Objekt nicht in seiner Beschaffenheit erfährt, sondern seiner Seele begegnet. Der Mensch ist nicht ein Ding in der Umgebung anderer Dinge, sondern durch ihn leben die Dinge. Die Vorstellung oder Idee vom Anderen erhält man erst durch den Beziehungsvorgang zum Anderen. 5
Levinas betrachtet das Konzept Heideggers kritisch, da für ihn der Vorgang des Verstehens gleichzeitig mit dem Ansprechen des Anderen erfolgt, und nicht wie Heidegger meint, das Verstehen des Seins der Sprache vorgreift, deshalb erweitert er den Gedanken.
Die Begegnung und das Erkennen des Anderen sind von dem interesselosen Betrachten eines Objektes zu unterscheiden. Die Begegnung beinhaltet ganz elementar neben dem verstehen wollen auch die Sympathie oder Liebe zu dem Anderen. Die Beziehung zum Anderen baut auf dem Sprechen auf, das dem Verstehen vorgeht. Levinas sagt, dass die Sprache die Bedingung für die Bewusstwerdung des Anderen ist. 6
Das Verhältnis zum Anderen ist kein Besitzverhältnis, sondern das Teilen einer Beziehung zum Anderen, die nicht durch das alleinige Denken, dass der Andere ist, zustande kommt, sondern durch das Sprechen mit ihm. Levinas konstatiert:
„Aber der Ausdruck [des Denkens] besteht nicht darin, einen Gedanken bezüglich des Anderen irgendwie in den Geist des Anderen umzupflanzen.“ 7 Das bedeutet, dass sich in der Begegnung das Denken in der Sprache äußert und nur dem Zweck dient durch das Sprechen die Gemeinsamkeit zum Anderen herzustellen. Die Verbindung zum Anderen geht nicht auf die Vorstellung von diesem zurück, sondern auf seine Anrufung bzw. das Ansprechen des Anderen.
Jozef Tischner bezeichnet das was Levinas Anrufung des Anderen nennt, als die dialogische Öffnung, die im Gegensatz zur intentionalen Öffnung steht,
5 Buber, Martin: „Das dialogische Prinzip“. Heidelberg, 1965. S. 12
6 Levinas, Emmanuel: „Die Spur des Anderen“. München, 1983. S.111
7 ebd. S. 113
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die sich nur auf die dingliche Wahrnehmung bezieht. Der Andere tritt erst in der dialogischen Öffnung in das Bewusstsein des Subjektes, wenn dieser seinen Anspruch an das Subjekt ausdrückt. Es ist der Anspruch auf eine Antwort, der durch die Formulierung einer Frage geltend gemacht wird, und dieser Anspruch stellt eine Verpflichtung dem Anderen gegenüber dar. Die dialogischen Öffnung hat eine Voraussetzung in der körperlichen Ausrichtung auf den Anderen. Levinas schleißt sein Kapitel über das Sprechen zum Anderen mit den Worten:
„Das Seiende ist der Mensch, und der Mensch ist zugänglich als Nächster. Als Antlitz.“ 8
Mit Antlitz meint Levinas das Gesicht, das durch seine besondere Beschaffenheit - die Nacktheit - als Schnittstelle zum Anderen fungiert. Mit dem Gesicht signalisiert man Aufmerksamkeit und das auf den Anderen gerichtet sein. Das Gesicht hat aber nicht nur eine rein physiologische Ebene, sondern in ihm wird die Spur oder das Wesen des Anderen mit dem Erscheinen und Wahrnehmen des Gesichtes sichtbar. Durch das Gesicht, das nur dem Menschen eigen ist, wird die Öffnung zum Anderen hin möglich. Tischner spricht von Epiphanie, also der Erscheinung, die auf drei miteinander unauflösbar verbundenen Wegen stattfindet. Der erste Weg geht über das sinnliche Wahrnehmen des Gesichtes, der zweite über das Erfassen der Spur bzw. des Hinterlandes, 9 wie Tischner es ausdrückt, des Anderen, und der dritte Weg führt zum empfangenden Subjekt selbst, das das eigene Ich wahrnehmen muss, um für die Epiphanie empfänglich zu sein.
Ob eine Begegnung in der beschriebenen Weise auch zwischen den Figuren Julia und Krapp stattfindet soll nun im folgenden Kapitel untersucht werden.
8 ebd. S. 115
9 Tischner, Joseph: „Das menschliche Drama: Phänomenologische Studien zur Philosophie des
Dramas“. München, 1989. S. 30
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Arbeit zitieren:
Anna Jontza, 2003, Tankred Dorst: Fernando Krapp hat mir diesen Brief geschrieben. Begegnung - Ehe - Liebe - Analyse der Beziehung der Hauptfiguren, München, GRIN Verlag GmbH
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