Inhaltsverzeichnis
VORBEMERKUNG 1
1. APOLLINAIRE IN SEINER ZEIT. 2
1.1 La Belle Epoque. 2
1.2 Guillaume Apollinaire: ein biographischer Überblick 4
2. FRANZÖSISCHE LYRIK DES 20. JAHRHUNDERTS 7
2.1 Wesentliche Merkmale 7
2.2 Apollinaires lyrisches Werk 7
3. FIGURENGEDICHTE UND VISUELLE POESIE 9
3.1 Definition und Entstehung der Figurengedichte 9
3.2 Apollinaires Neuschöpfung des Figurentextes. 10
4. CALLIGRAMMES: EINE ÄSTHETISCHE BEWÄLTIGUNG DES KRIEGES 12
4.1 Ein Überblick. 12
4.2 La colombe poignardée et le jet d’eau 13
4.3 La petite auto und Guerre 13
BIBLIOGRAPHIE 16
ANHANG 18
La colombe poignardée et le jet d'eau 18
La petite auto 19
Guerre 20
Vorbemerkung
Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit den Calligrammes, einer zwischen 1912 und 1917 entstandenen 1 Gedichtsammlung von Guillaume Apollinaire.
Zu Beginn soll Apollinaires historisches Umfeld dargestellt und ein biographischer Überblick gegeben werden, da diese beiden Faktoren für eine Interpretation ausgewählter Gedichte in seinen Calligrammes sehr hilfreich sind. Nach einer Präsentation wesentlicher Merkmale der französischen Lyrik des 20. Jahrhunderts und einem Überblick über Apollinaires lyrisches Werk, welche beide, da deren ausführlichere Behandlung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, relativ kurz gehalten sind, soll eine Erläuterung des Begriffs der „Figurengedichte“ gegeben und auf deren Entwicklung und Apollinaires Neuschöpfung eingegangen werden.
Der Hauptteil dieser Arbeit ist seinem Lyrikband, den Calligrammes, welche die Zeit vor dem Kriegsausbruch über Apollinaires Einsatz an der Front bis hin zu seiner Rückkehr nach Paris im Jahre 1916 wegen einer schweren Schädelverletzung dokumentieren, gewidmet. Überraschenderweise bildet Apollinaire trotz seiner Kriegserfahrungen kein feindseliges Bild von der Front aus und verschmäht auch nicht das Kriegsgeschehen.
Da es leider unmöglich ist, in einer Arbeit wie dieser auf alle 84 Gedichte, welche die Sammlung umfasst, einzugehen, entschied ich mich, eines seiner bekanntesten Kalligramme, nämlich „La colombe poignardée et le jet d’eau“, sowohl auf sprachlicher als auch auf inhaltlicher Ebene ausführlich zu analysieren. Eine intensivere Klage über die Gräuel des Krieges findet man in Apollinaires Lyrik kaum; dies werden die anschließend gezwungenermaßen lediglich kurz angerissenen und keinen Anspruch auf eine vollständige Interpretation erhebenden Gedichte „La pétite auto“ und „Guerre“ mit deren Ruhm des Krieges als den Beginn einer neuen Epoche zeigen.
1 Vgl. dazu die Angaben in: Apollinaire, Guillaume: Oeuvres poétiques. Marcel Adéma, André Billy und Michel Décaudin (Hrsg.). Paris: 1959, S. 1074.
1
1. Apollinaire in seiner Zeit
1.1 La Belle Epoque
1880 geboren und 1918 an den Folgen einer Kriegsverletzung gestorben, umfasst Apollinaires Leben nahezu jene Zeit, die kulturhistorisch betrachtet als „Belle Epoque“ bezeichnet wird. In zurückblickender Verklärung bezeichnet der Begriff „jene von bürgerlichen Wertvorstellungen geprägte Lebensform, die das Erscheinungsbild Frankreichs von etwa 1895 an bestimmt und die mit Beginn des 1. Weltkrieges zusammenbricht.“ 2
Im Gefolge der Konsolidierung der laizistischen bürgerlichen Republik konnte das Bürgertum in der Belle Epoque, auch „Goldenes Zeitalter des Bürgertums“ genannt, die Früchte der Revolution von 1789 ernten. Dennoch dürfen, wie Grimm betont, soziale Spannungen nicht übersehen werden. Das Bürgertum, die Kultur tragende Schicht, behauptete dank der Geldstabilität seinen Platz in der Gesellschaft, verfolgte jedoch eigene Interessen, weshalb auch die innovatorische Literatur nur „Probleme jenes kleinen Teils der Gesellschaft [widerspiegelt], der […] von der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen lebt.“ 3
Weiters war die Belle Epoque von einer politisch-ideologischen Spannung, welche ihren Höhepunkt in der Dreyfus-Affäre (1894-1906) erreichte, geprägt. Sie führte zu einer Polarisierung der französischen Öffentlichkeit in linke Verteidiger und rechte Gegner Dreyfus’ sowie zu einer Welle der Ausländerfeindlichkeit und des Antisemitismus. 4 Das Jahr 1905 markierte den Beginn einer „Nationalistischen Erneuerungsbewebung“, welche durch die „säbelrasselnde“, die erste Marokkokrise einleitende Rede des deutschen Kaisers Wilhelm II. in Tanger ausgelöst wurde. Die Entsendung des Kanonenbootes „Panther“ nach Agadir löste 1911 die zweite Marokkokrise aus. Diese Zwischenfälle gaben Nationalismus Auftrieb und waren entscheidende Etappen auf dem Weg in den 1. Weltkrieg.
Eine Vielzahl sozialgeschichtlichen Faktoren, im Besonderen die drei „Weltausstellungen“, trug zur Festigung der jungen Republik und zum Selbstverständnis der Belle Epoque bei:
2 Grimm, Jürgen: Guillaume Apollinaire. München: Beck 1993, S. 8
3 Ibid., S. 9
4 Vgl. Duroselle, Jean-Baptiste: La France de la "Belle Époque". Paris: Presses de la Fondation Nationale des Sciences Politiques, 2 1992, S. 2
Während die [Weltausstellung] von 1878 endgültig das Ende der Nachkriegszeit markiert, bietet die zweite [im Jahre 1889; die Autorin] die Gelegenheit, sich der ruhmreichen Großen Revolution von 1789 zu erinnern [...]. Die Weltausstellung von 1900 schließlich vermittelt mit der Erfahrung der Jahrhundertschwelle das Bewusstsein eines Neuanfangs. 5
Somit machte das Fin-de-siècle-Bewusstsein besonders der 1890er Jahre einer neuen Lebensbejahung Platz, und Paris wurde u.a. dank des Eiffelturms der ersten Weltausstellung, der ersten Metrolinie und der elektrischen Straßenbeleuchtung der dritten Weltausstellung, sowie der Stadtsanierung des Baron Haussmanns zur kulturellen Welthauptstadt. 6
Darüber hinaus revolutionierten neue technische Errungenschaften wie Auto, Flugzeug, Radio und Telefon das Leben. Die Schnelligkeit des Ortswechsels und neuartige Wahrnehmungsformen, welche durch die Medien Photographie und Film ermöglicht wurden, wurden zu wichtigen Themen in der insgesamt fortschrittsgläubigen Literatur der Belle Epoque. 7 Das Eindringen neuartiger Formen der Wahrnehmung in die Kunst spiegelte selbstverständlich die erkannte Relativität von Zeit und Raum wider, welche ihren Ausdruck in den 1905 von Albert Einstein veröffentlichten Grundzügen seiner Relativitätstheorie fand. Ausdruck der Vorstellung, nahezu simultan an unterschiedlichen Ereignissen teilzuhaben, ist speziell die umfangreiche kosmopolitische Literatur, welche von Reisen in ferne Gegenden erzählt. Die Gemeinsamkeit dieser Texte liegt in einer „Mischung aus Faszination und untergründigem Erschauern angesichts der neuen Möglichkeiten der Technik“. 8
Die vom Bürgertum der Belle Epoque anerkannte Literatur lässt jedoch kaum die genannten sozialen Spannungen, ideologischen Konflikte und die mit der Technik verbundenen Ängste und Visionen durchscheinen. So passten sich Autoren wie Paul Adam und Eugène Brieux den Erwartungen ihrer Zeit an und ließen vergessen, „dass der Bruch mit der literarischen Tradition nicht erst eine Folge des Krieges ist, sondern zukunftsweisende Teile der Werke von Gide, Claudel und Proust, aber auch Apollinaires bei Kriegsausbruch bereits vorliegen.“ 9
5 Ibid.
6 Vgl. Grimm, S. 11
7 Vgl. Grimm S. 11-12
8 Grimm, S. 12
9 Grimm, S. 12-13
1.2 Guillaume Apollinaire: ein biographischer Überblick
Apollinaires Leben spiegelt eher die Kehrseite als den Glanz der Belle Epoque wider. Er gehört nicht zu jenen zahlreichen großbürgerlichen und materiell abgesicherten Schriftstellern der Belle Epoque, sondern muss schreiben, um zu leben. Der große Erfolg und die Anerkennung zu Lebzeiten sind ihm verwehrt geblieben.
Mit ursprünglichem Namen Wilhelm de Kostrowitzki, wurde Apollinaire am 26. August 1880 als Sohn der halb italienischen, halb polnischen Angelica de Kostrowitzki und des italienischen Bourbonenoffiziers Francesco Flugi d’Aspermont in Rom geboren. Er wurde im Rathaus unter dem falschen Namen Guillaume Albert Dulcigni eingetragen, da seine Mutter anonym bleiben wollte 10 ; erst am 2. November kannte sie ihn als ihren unehelichen Sohn an und gab ihm die Vornamen Guillaume Albert Wladimir Alexandre Apollinaire. Aus seinem ersten und letzten Vornamen entstand später sein Pseudonym. Die uneheliche Geburt, die fehlende nationale Identität, die finanzielle Misere und unglückliche Liebschaften kehren ins Groteske verzerrt oder ins Ideale stilisiert als nahezu traumatisch wirkende Umstände leitmotivisch in seinen Werken wieder:
Seine sprachliche Sensibilität, sein Sinn für Ironie und (Schwarzen) Humor, […] die pralle Lebensfülle und moralische Skrupellosigkeit vieler seiner Protagonisten, die undoktrinäre Offenheit in allen moralischen und ästhetischen Fragen - das ist die ins Positive gewendete Kehrseite solcher ‚Makel’. 11
Nachdem der Vater auf Druck seiner Familie das Verhältnis mit Angelica beendet hatte, ließ sich diese 1887 in Monaco nieder. In den folgenden Jahren besuchte Apollinaire Gymnasien in Monaco, Cannes und Nizza. 1897 verließ er jedoch die Schule, ohne das baccalauréat zu absolvieren. Sein Berufsziel stand dennoch fest; er wollte Journalist und Schriftsteller werden. Apollinaire schloss Freundschaften mit anderen Dichtern und mit René Dalize, dem er nach dessen Tod 1918 die Gedichtsammlung Calligrammes widmete. 12 Ein dreimonatiger Aufenthalt im Ardennenort Stavelot im Sommer 1899 ist die Geburtsstunde des Dichters Apollinaire, der nicht nur die erste, unglückliche Liebeserfahrung machte, sondern auch eine ihm neuartige Landschaft mit ihren fremdartigen Menschen kennen lernte.
10 Vgl. Divis, Vladimir: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Tschechoslowakei: Vl. Divis 1966, S. 9
11 Grimm, S. 20
12 Vgl. Apollinaire, Guillaume: Calligrammes. Poèmes de la paix et de la guerre (1913-1916). Paris: Gallimard 1966, S. 19: « À la mémoire du plus ancien de mes camarades RENÈ DALIZE, mort au Champ d’Honneur le 7 mai 1917. »
Arbeit zitieren:
Verena Schörkhuber, 2006, ZU: Guillaume Apollinaires "Calligrammes", München, GRIN Verlag GmbH
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