Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Autoren und ihre Werke
2.I. Gottfried von Straßburg Tristan und Isolde
2.II. Heinrich von dem Türlin Diu Crône
2.III. Rudolf von Ems Willehalm von Orlens
3. Literaturexkurse im Vergleich
4. Zusammenfassung
5. Literaturverzeichnis
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1. Einleitung
Schon seit dem Wiederaufkeimen des mittelalterlichen Literaturinteresses zu Beginn des 19. Jh.s wollte man nicht nur die überlieferten Texte kennen lernen sondern auch die dichterischen „Genies“ jener vergangenen Epoche. Dies gestaltete sich aber recht schwierig, noch heute weiß man über einen Hartmann von Aue oder Gottfried von Straßburg so gut wie nichts. Ein Grund dafür ist sicherlich die schlechte Überdauerung mediävistischer Schriften. Ein zweites und viel diskutiertes Motiv in der Forschung scheint das Autorenbewusstsein zu sein. In der damaligen Dichtung stand nicht der Literat im Vordergrund sondern die geschriebene oder noch besser „hoeren lesen“ 1 (Bumke 2002) Geschichte. Mit diesem Ausdruck wird deutlich, dass die frühen deutschen Werke nicht immer durch „eigenes Auge“ gesehen und gelesen wurden. Viel wahrscheinlicher, wenn man den einstigen Stand der Illiterati, der Analphabeten bedenke, scheint es da doch, dass sich um einen Leser eine Zuhörerschaft bildete und diese dadurch in den Genuss eines Parzivals oder Erecs kam. Wie sich solch ein „Literaturkreis“ genau abspielte, bleibt unklar, denn die Überlieferungslage ist schlecht. Bekannt ist: In einigen Büchern werden vor allem Frauen als Rezipientinnen erwähnt. Ein Beispiel aus Hartmann von Aues Iwein: „vor in beiden saz ein maget, dui vil wol,…, wälhisch lesen kunde: diu kurzte in die stunde.“ (6455 ff.) Die Frau spielte allerdings eine noch größere Rolle für die mittelalterliche Dichtkunst. Sie verkörperte, wie vielfach in Werken überliefert, ebenso die Adressatin wie Mäzenin:
2 . „Ir vrouwen … Dirre arebeit will ich iu jehen, Wan ich ir durch iuch began" (Crô 29990. 95-96) Wolfram von Eschenbachs Parzival durchzieht zum Beispiel eine immer währende Auseinandersetzung mit einer einflussreichen Dame oder sogar einer Gruppe von Frauen, von deren Wohlwollen das Werk scheinbar abhing (Bumke 2002). Ihr Einspruch schien auch der Grund für eine Unterbrechung nach dem sechsten Buch, Wolfram schrieb am Schluss:
„guotiu wîp, hânt die sin, deste werder ich in bin, op mir decheiniu guotes gan, sît ich diz maer volsprochen hân. ist daz durh ein wîp geschehn, diu muoz mir süezer worte jehn“ (Pa 827, 25-30).
Klar bringt er hier die Frau als Gönnerin zum Ausdruck, von ihr hängt das Fertigstellen seines Werkes entscheidend ab.
Ein solch episches Werk von nicht geringem Versumfang verschlang schnell Unmengen von Geld und kaum einem Autor des gesamten Mittelalters war es möglich diese Mittel aus eigener Tasche zu zahlen, denn Pergament und Tinte sowie freie Arbeitszeit bedeuteten in der früheren Zeit äußerst kostbare Güter 3 .
1 Gottfried von Straßburg im Tristan-Roman (230) und Rudolf von Ems im Alexander (20656) benutzten diese Wortkombination
bereits.
2 Vgl. Bumke 2002, S. 704 ff.
3 Dies änderte sich erst mit der gesteigerten Papierherstellung des 14. Jh.s und nicht zuletzt mit der Erfindung des Buchdrucks.
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Kommen wir zurück zum Problem des Dichterbewusstseins. Wie in vielen Werken ersichtlich, möchte sich der Verfasser in eine Traditionsreihe einbinden. Dabei ist es nebensächlich, ob die Stoffvorlage aus dem Antiken oder Französischen Raum kam, wichtig ist einzig und allein, dass er vordergründig kein eigenes Gedankengut verarbeitete 4 . Warum?
Sicher liegt ein Hauptgrund darin, dass zu Beginn der handschriftlichen Überlieferungskultur die aktiven Schreiber und damit potentiellen ersten „Autoren“ im klerikalen Bereich zu finden sind. Die Klöster waren lange Zeit die Hauptzentren der „Buchmacherei“, sie hatten die Litterati und entsprechenden Materialen, obwohl die Klosterschreiber mehr mit „Abschreiben“ als mit eigener Textproduktion zu tun hatten.
Trotzdem begann verstärkt im 12. Jh. das Schreib- und Schreibertum langsam in die profane Welt zu gleiten. Die höfische Gesellschaft erkannte das Potential, welches in der Niederschrift eines gern gehörten Textes steckte. Diese Laienbildung manifestiert sich zu erst vor allem in Frankreich 5 und über dessen Grenzen verbreitete sich langsam das Ansinnen, Gehörtes bzw. Gedichtetes aufzuschreiben, um es für längere Zeit nutzbar zu machen 6 .
Selbst wenn wir wüssten ob Dichtungen – insbesondere epische – komplett vorgetragen wurden, bleibt doch weiterhin im Dunkeln, welche Techniken Mann oder Frau bei dem Epenvortrag (Bumke 2002) anwandten. Fachleute glauben, dass in der Regel eine vorliegende Handschrift rezitiert worden ist, obwohl auch das auswendige Können eines solchen Textes für geübte Rezitierende kein Problem gewesen sein dürfte.
Wie schon oben kurz erörtert, sind einige Verfasserbezüge verloren gegangen, da es zu Beginn der Schriftlichkeit nicht üblich war, dass sich der Dichter selbst in sein Werk hineinschrieb. Erst mit der Blütezeit der mittelalterlichen Dichtung 7 gab es einen gewissen Umbruch im Bewusstsein der Autoren, das Verhältnis zum Publikum wurde lockerer und vielfältiger (Wehrli 1997). Nun schrieben sie sich, wenn auch manchmal in einem Akrostichon 8 versteckt, in ihre Bücher ein. Heinrich von dem Türlin zum Beispiel baute es in die Verse 182 bis 216 ein. Dort heißt es: „HEINRICH/VON/DEM/TURLIN/HAT/MICH/ GETIHTET“.
Auf der anderen Seite waren sie sehr selbstbewusst und ließen den Leser und/oder Hörer direkt wissen, wem sie dieses Werk zu verdanken hatten. Hartmann von Aue etwa notierte im Armen Heinrich: „Ein ritter sô gelêret was … der was Hartman genant, dienstman was er zOuwe.“ (1-5).
Aber alle betonten sie, dass nichts Erfindung sondern bloße Findung (Reclam, 1991) sei.
4 Damit tritt auch der Autor in seiner Bedeutung zurück.
5 Vgl. Bumke 2002 und Grundmann 1958 6 Bis ins 12. Jh. spielte der Kaiserhof eine vorherrschende Rolle im Mäzenatentum und erst in der zweiten Hälfte des 12. Jh.s begannen weltliche Fürsten als Gönner und Auftraggeber in Erscheinung zu treten (Bumke 2002, S. 639, 654). 7 seit dem Ende des 12. Jh.s bzw. seit Anfang des 13. Jh.s 8 Welches nur vom Leser allein erschlossen werden konnte.
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Ein Widerspruch, welcher sich vielleicht daraus erklären lässt, dass mit der Erwähnung von Althergebrachtem das Publikum an andere Werke und dem dortigen Geschehen erinnert werden sollte, um eine Assoziation mit der folgenden Erzählung zu erlangen. Nun stellt sich die Frage, inwiefern man eine Vorbildung des Auditoriums voraussetzen darf?
Diese wiederkehrenden Erzählstrukturen dienten gewiss dem vertiefenden Aufzeigen der damaligen Normen und Werte, welche, in eine bekannte Struktur eingebettet, viel evidenter für den (hörenden) Leser waren. Auf diese Weise diente der Autor der Gesellschaft in einem höheren Bewusstsein: er verbreitete Idealvorstellungen in schöngeistiger Literatur verpackt.
Eine weitere Erklärung für jenes antithetische Verhalten könnte man mit dem Dienstgedanken erläutern. Der Dichter war letztendlich niemand anderes als ein „dienstman“, der im Auftrag seines Herrn Unterhaltung verfasste, dieser Umstand verbat es, dass Poeten sich allzu selbstbewusst gaben. Die Erklärung: Alles ist von anderen Werken entlehnt, entspricht einer Art Heischegestus, geradeso als müsste der Verfasser vom Publikum und seinem Mäzen die Erlaubnis für sein Fortfahren erhalten.
Durch die immerwährenden Wiederholungen merkte sich die Zuhörerschaft Inhalte und Aussagen der Texte. Wie behielt man währenddessen die Autoren im Gedächtnis? Schließlich muss man davon ausgehen, dass die Werke mit der Zeit nur fragmentarisch weitergegeben bzw. erneut abgeschrieben wurden und logisch folgernd konnten die Verfasser in ihrer Anonymität dadurch untergehen 9 . Erst mit den Handschriftensammlungen des Spätmittelalters wie etwa der Manessischen Liederhandschrift 10 wurden Werke Dichtern zu gewiesen 11 .
Weitere Indize für frühe deutsche Poeten gaben und geben die Literaturexkurse. Ihre Zahl begrenzt sich auf vier in der gesamten deutsch-mittelalterlichen Literaturepoche.
Den Anfang machte Gottfried von Straßburg, der seinen Tristan um 1205/1210 geschrieben haben muss. Ihm folgte Heinrich von dem Türlin und seine eigenartige Gawaingeschichte mit Namen Diu Crône. Allerdings schwanken die Datierungen dieses Werkes erheblich, nach heutiger Meinung entstand es wahrscheinlich um 1215 bis 1230 (Reclam 1991). Das Schlusslicht scheint Rudolf von Ems mit seinem Willehalm von Orlens (1235/40) und Alexander (um 1240) zu bilden.
In der folgenden Arbeit möchte ich die Exkurse des Tristan, der Crône und des Willehalm von Orlens vergleichend gegenüberstellen, dabei werde ich versuchen wesentliche Unterschiede und Gemeinsamkeiten herauszustellen. Fragen nach der Eingliederung im Erzählwerk, der Nennung welcher Dichter und einer eventuellen Systematik der Reihenfolge, der Meinung des Autors in Bezug auf seine Kollegen. Doch soll dem Ganzen eine kurze Autoren und Werkbeschreibung vorangehen.
9 Urkundliche Erwähnungen gab es in den seltensten Fällen und sind zu dem heute in schlechter Überlieferungslage.
10 Auch Codex Manesse oder Große Heidelberger Liederhandschrift: um 1300 bis 1340 in der Schweiz entstand und aus 425
Pergamentblättern bestehend
11 Teilweise umstritten wie „Der Mantel“ von Heinrich von dem Türlin zeigt. Überliefert ist er im Ambraser Heldenbuch.
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2. Autoren und ihr Werk 2.I. Gottfried von Straßburg, Tristan und Isolde
Seine Lebensdaten gibt man heute gern mit um 1170 bis etwa 1215 an.
Über Gottfrieds Leben ist wenig bekannt, jedoch scheint gesichert, dass er nicht dem Adel sondern eher dem Straßburger Städtebürgertum entstammte.
Das einzige Dokument, das ihm mit Sicherheit zugeschrieben werden kann, ist das auf Mittelhochdeutsch in 19.548 Versen verfasste Epenfragment Tristan und Isold oder kurz Tristan, dessen Niederschrift erfolgte wohl zwischen 1205 und 1210.
Es basiert auf der Tristansage der französischen Trouvères aus dem frühen 12. Jh. Gottfrieds Version lehnt sich dabei an die des französischen Dichtersängers Thomas D’ Angleterre an.
Das Werk zeugt in seiner urbanen Prägung von einer damals ausgezeichneten Bildung. Was die Frage aufwirft, wie Gottfried an diese umfassende Erziehung gelangte. War er für die Klerikerlaufbahn bestimmt gewesen? Wir wissen es nicht und in seinem Werk nennt er sich nicht ein einziges Mal.
Zwar taucht in Straßburger Urkunden um das Jahr 1200 mehrfach der Name Gotfridus auf, jedoch gibt es keinerlei Anzeichen, dass es sich dabei um unseren Dichter handeln könnte.
Fakt bleibt eines, dass kaum ein mittelalterlicher Dichter so kontroverse Meinungen hervorrief: Einer der ersten Philologen Jacob Grimm schrieb zum Beispiel: der Tristan wäre „eines der anmutigsten gedichte der welt“, aber er besäße doch „etwas störendes und eine gewisse künstliche zusammenhangslosigkeit“ (Grimm 1882). Heinrich Heine hingegen notierte über Gottfried und sein Werk: „der Verfasser dieses schönsten Gedichts des Mittelalters, ist vielleicht auch dessen größter Dichter, und er überragt noch alle Herrlichkeit des Wolfram von Eschilbach“ (Briegleb 1976).
Der Tristanroman, in elf vollständigen und 15 fragmentarischen Handschriften überliefert, beinhaltet eine recht tragische Geschichte: Die Vorgeschichte von Tristans Eltern lässt sein eigenes Schicksal erahnen. Der Vater stirbt bei Kämpfen und Tristans Mutter bei seiner Geburt.
Der erste Teil der Lebensgeschichte des Titelhelden enthält das Morholt-Abenteuer. Hier tötet der junge Tristan Morholt, welcher Tristans Oheim Marke mit einer Zinsforderung bedroht. Er wird jedoch ebenfalls verwundet und muss Heilung für die vergiftete Wunde suchen. Unerkannt heilt ihn in Irland Morholts zauberkundige Nichte, die blonde Isolde.
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Der zweite Teil, der zugleich dem Hauptteil entspricht, beinhaltet die Ehebruchsgeschichte: Tristan zieht für Marke, dem eine Schwalbe das Haar einer blonden Frau zutrug, auf Brautwerbung. Er gelangt abermals nach Irland und erkennt in Isolde die Besitzerin des Haares. Daraufhin bemüht er sich durch die Besiegung eines Ungeheuers um ihre Gunst. Unglücklicher Weise wird Tristan von Isolde als Mörder Morholts erkannt. Sie lässt ihren Hass nur mühsam durch die Werbung besänftigen.
Auf der Seefahrt nach Cornwall trinken die beiden versehentlich den Minnetrank, den Isoldes Mutter für Isolde und Marke bestimmt hatte. Die Liebe der beiden und der Betrug an Marke steigert sich dann in einzelnen Stationen bis zur Verurteilung Isoldes zum Feuertod, der in eine Auslieferung an die Siechen 12 umgewandelt wird; zu Isoldes Befreiung durch Tristan und schließlich bis zu gemeinsamer Flucht und einem entbehrungsreichen Leben im Walde 13 .
Der dritte Teil ist die Isolde-Weißhand-Geschichte: Isolde wird Marke zurückgegeben, Tristan wird verbannt und heiratet, da die Wirkung, des Liebestrankes aufgehört hat, in Frankreich Isolde Weißhand. Er kann jedoch die blonde Isolde nicht vergessen und kehrt wiederholt verkleidet nach Cornwall zurück, um sie zu treffen. Missverständnisse führen zu einer inneren Entfremdung der Liebenden, sie leiden und büßen. Als Tristan jedoch an einer vergifteten Wunde zu Tode daniederliegt, kommt Isolde auf seinen Ruf, um ihn zu heilen; aber die Lüge Isolde Weißhands, die Tristan statt des weißen ein schwarzes Segel ankündigt, lässt ihn vor Isoldes Ankunft sterben. Isolde stirbt über seiner Leiche.
Der Tristan Torso Gottfrieds endet bereits mit dem von Zerrissenheit geprägtem Monolog Tristans, ob er Isolde (gemeint ist Isolde Weißhand) will oder nicht.
Eine erste Vollendung erfuhr das Werk durch Ulrich von Türheim um 1230/35 14 . Den zweiten Abschluss schrieb später um 1300 Heinrich von Freiberg 15 .
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Isolde wird ihnen als Hure mitgegeben.
13 Bezeichnend dafür wurde die Minnegrottenepisode, da die Grotten-Allegorese einzig im Tristan auftaucht, aber H. Kolb (1962) fand ähnliche Darstellungen in französischen Minnedichtungen. Die Meinung F. Rankes (1925), dass die Grotte zur Ausdeutung hinsichtlich eines Kirchengebäudes gestaltet sei, bestimmt die Forschung 14 Er blieb weit hinter dem Original zurück.
15 Formal ausgereifter als sein Vorgänger, aber ebenfalls nicht so tiefgründig wie Gottfried. Beide verstanden es nicht in dessen Psyche einzutauchen.
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Jana Vogt, 2003, Literaturexkurse im Vergleich aus Tristan und Isolde, Diu Crône und Willehalm von Orlens, Munich, GRIN Publishing GmbH
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