Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Analyse des Winterliedes 16
2.1 Überlieferungsgeschichtliche Koordinaten
2.2 Werkimmanente’ Interpretation
2.3 Fazit
3. Die dörper im Spannungsfeld zwischen literarischen
Traditionslinien und mittelalterlicher Lebenswirklichkeit
3.1 Neidhart und der grand chant courtois: Traditionelle Minne-
motivik im Winterlied 16
3.2 Realhistorische Interpretationsansätze: Gesellschaftliche
Mobilit ät und soziale Umschichtungsprozesse als Motor der
Neidhartschen Lyrik?
4. Schluss: Kulturanthropologische und diskursanalytische Lektüren
5. Literaturverzeichnis
6. Anhang
6.1 Das Winterlied 16
6.2 Übersetzung des Winterliedes 16
2
1. Einleitung
Literarische Konstruktion, realhistorische Personengruppe, karnevalesker Gegenentwurf höfischer Ständekonventionen oder Spiel innerhalb einer diskursiven Formation - die Neidhart-Philologie ringt seit dem 19. Jahrhundert darum, welchen Status den dörpern beizumessen sei. Die Aufmerksamkeit, die die Forschung dem vermeintlich unhöfischen Personal in Neidharts Liedern widmet, zeugt von ihrer interpretatorischen Brisanz. Zugleich thematisiert die Diskussion die methodische Schwierigkeit, mittelalterliche Lyrik in einen gesellschaftsgeschichtlichen Bezugsrahmen einzubinden.
Weitgehende Einigkeit erfährt hingegen die These, dass Neidharts Oeuvre erst vor der Hintergrundfolie des grand chant courtois an Kontur gewinne, dass seine Lieder also vor allem in ihrer Differenz zum klassischen Werbungslied des späten 12. Jahrhunderts zu verstehen seien. Denn der höfische Tugendkatalog kommt immer wieder zur Sprache: sei es affirmativ im Festhalten des erfolglos werbenden Sänger-Ichs an zuht und staete, sei es kontrastiv in der Schilderung dörperlicher Amoralität. Darüber hinaus ist der Hof zentraler Rezeptionsraum für die Lyrik Neidharts: Die Pointe seines Liebes- und Gesellschaftsdiskurs entfaltet ihre Wirkung erst, wenn man ein höfisches Publikum annimmt, dass in die Zeichen, Chiffren und Konventionen des Minnesangs eingeweiht ist. Im Abwägen gesellschaftsgeschichtlicher Wirkmächtigkeit auf der einen und literarischen Traditionslinien auf der anderen Seite möchte ich die Frage stellen, welche Funktion die dörper in den Winterliedern Neidharts haben. Trifft es schlichtweg zu, dass mit den Liedern Neidharts das bäuerliche Milieu Einzug in die mittelalterliche Literatur gehalten habe und ihre literarische Verarbeitung die Bauernfeindlichkeit des mittelalterlichen Adels repräsentiert 1 ? Ist dieses lyrisches Personal die literarische Manifestation sozialer Umwälzungsprozesse im österreichischen Raum der Jahrzehnte zwischen 1175 und 1250 2 ?
1 Vgl.: Bleck, Reinhard: Neidhart. Leben und Lieder. Göppingen 2002. S.72.
2 Vgl.: Behr, Hans-Joachim: „Ich gevriesch bî mînen jâren nie gebûren alsô geile…“ Neidharts
‚Dörper’-Feindlichkeit und das Problem sozialen Aufstiegs im Rahmen des Territorialisierungsprozesses in
Bayern und Österreich. In: Helmut Birkhan (Hrsg.): Neidhart von Reuental. Aspekte einer Neubewertung. Wien
1983 (=Philologica Germanica 5).
3
Sind sie Ausdruck einer krisenhaften Deformation im Minnesang und einer Umstrukturierung höfischer Wertekonzepte 3 ? Oder dient das dörperliche Szenario der Konstituierung einer diskursiven Formation, die soziale Ordnung strukturiert? 4
Anhand des Winterliedcorpus 5 unter besonderer Berücksichtigung von Wl 16 möchte ich verschiedene Interpretationsmöglichkeiten zur Disposition stellen und ihre Tragfähigkeit am Primärtext überprüfen. Die Liedanalyse stelle ich meiner Untersuchung voran (2.1 bis 2.3). Überlieferungsgeschichtliche Problematisierungen finden hierbei nur am Rande Erwähnung, um den Gegenstand nicht zusätzlich zu komplizieren. In diesem ersten Schritt möchte ich versuchen, gesellschaftsgeschichtliche, biographische oder ähnliche am realgeschichtlichen Kontext orientierte Deutungsschemata weitestgehend auszublenden. Daran anschließen möchte ich eine thesenfreudige Darstellung des grand chant courtois mit seinen institutionellen Rahmenbedingungen und Neidharts Um- bzw. Neubesetzung tradierter Minne-Ideologeme (3.1). Es folgt eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftsgeschichtlichen Deutungsversuchen (3.2). Als Abschluss widme ich mich kulturanthropologischen und diskursanalytischen Überlegungen (4).
3 Vgl.: Giloy-Hirtz, Petra: Deformationen des Minnesangs: Wandel literarischer Kommunikation und gesell-
schaftlicher Funktionsverlust in Neidharts Liedern. Heidelberg 1982. Beihefte zum Euphorion; H 19.
4 Vgl.: Müller, Jan-Dirk: Strukturen gegenhöfischer Welt: Höfisches und nicht-höfisches Sprechen bei Neidhart.
In: Höfische Literatur, Hofgesellschaft, höfische Lebensformen um 1200. Kolloquium am Zentrum für Interdis-
ziplinäre Forschung der Universität Bielefeld (3. bis 5. November 1983) Hrsg. v. Gert Kaiser und Jan-Dirk
Müller. S.409-453.
5 Die Lieder Neidharts. Hrsg. v. Edmund Wießner, fortgef. v. Hanns Fischer. 5. verb. Aufl. hrsg. v. Paul
Sappler. Mit einem Melodieanhang von Helmut Lomnitzer. Tübingen 1999 (=ATB 44).
4
2. Analyse des Winterliedes 16
2.1 Überlieferungsgeschichtliche Koordinaten
Das Winterlied 16 ist in fünf verschiedenen Liederhandschriften überliefert. Die in den meisten modernen Neidhart-Editionen zugrunde liegende Leithandschrift ist die Riedegger Handschrift (R), deren Strophenfolge maßgeblich ist. Auch A wird als Textzeuge aufgeführt, dessen Textcorpus mit R bis auf das Fehlen der fünften Strophe und einiger zu vernachlässigenden Varianten identisch ist. Auffällige Divergenzen finden sich in c, in der die Strophenfolge vertauscht ist. Hier folgt die fünfte der zweiten Strophe. Diese alternative Textgestalt ist allerdings außer acht zu lassen, da die erste Zeile der fünften Strophe (Hie mit disen dingen sî diu rede alsô gescheiden, 59,26) den Abschluss eines Abschnittes signalisiert, der in der Mittelstellung des Liedes keinen kohärente Sinn ergeben würde. Weitere Textzeugen sind Ma und S, die ausschließlich Strophenfragmente aufweisen.
Da R mit ihrer vermuteten Fertigstellung zum Ende des 13. Jahrhunderts zeitlich als auch räumlich (Niederösterreich) den ‚Urtext’ am ehesten rekonstruiert, soll sie als maßgebliche Textgrundlage für die folgende Interpretation dienen. 2.2 ‚Werkimmanente’ Interpretation 6
Die erste Strophe des Wl 16 beginnt mit dem für Neidhart typischen Natureingang, in welchem das Sänger-Ich das Ende des Sommers beklagt und das fiktive Szenario eines harten Winters imaginiert. Dies geschieht durch die rhetorische Figur der Personifikation (Owê, lieber sumer, […], 58,25). Statt langer, heller Tage und milden Wetter sieht sich das Sänger-Ich mit dem Gegenteil konfrontiert: Dem Glanz des Sommers steht das trübe Licht des Winters gegenüber. Auch das prominente Motiv der verstummten vogelîn erfährt in der vierten Zeile (58,28) Erwähnung.
6 Der Begriff der „werkimmanenten Interpretation“ wird hier mit aller gebotenen Vorsicht verwendet. Er soll
andeuten, dass das Wl 16 auf dieser Analyseebene als singulärer Text gegenüber außersprachlichen Referenzen
zumindest tendenziell priorisiert wird. In Reinform kann dies freilich nicht gelingen.
5
Genau wie das Vögelgezwitscher ist auch das Sänger-Ich verstummt und findet bei der ‚Minnedame’ 7 kein Gehör. Der tropische Natureingang wird in der fünften Zeile abrupt abgebrochen und durch die Klage des Ichs ersetzt. Mithilfe des Minnesang-typischen Überbietungstopos lenkt das Sänger-Ich die Aufmerksamkeit auf seine emotionale Verfassung: Auch wenn die Härten des Winters beschwerlich sein mögen, sie reichen doch nicht an die sorge (58,29) des Sängers heran. Er klagt darüber, dass sein langer Dienst nicht den erhofften Lohn erbracht habe. Die Verweigerungshaltung der wolgetânen (58,31) begründet sich (zu Beginn) allerdings nicht durch fehlende Hinwendung und Zuneigung zum Sänger. Vielmehr ist weder Wort (gesprechen, 58,31) noch Lied (gesingen, 58,32) zu ihr vorgedrungen. Die Ursache für dieses (physische) Scheitern wird in der ersten Strophe nicht offenbart. Um so erstaunlicher ist es, mit welcher Vehemenz das Sänger-Ich den erhofften Lohn einfordert. Dieses stürmische Drängen zeigt sich vor allem durch den Imperativ lônâ (58, 33), wird aber auch durch die Umschreibung der ‚Minnedame’ deutlich. Sie wird zur küniginne (58,33) hochstilisiert, eine ständische Titulierung, die mit dem dörperlichen Szenario der folgenden Strophen nicht unmittelbar in Einklang gebracht werden kann.
Auffälliges Stilmerkmal der ersten Strophe ist der repetitive Gebrauch des Begriffes lôn. In den Zeilen 58,30 bis 58,34 taucht er insgesamt fünf Mal in verschiedenen grammatischen Ausprägungen auf. Da der Begriff einen zentralen Stellenwert innerhalb des höfischen Minnevokabulars besitzt, wird sein leitmotivischer Gebrauch in 3.1 intensiver beleuchtet.
Die zweite Strophe vertieft die Minneklage inhaltlich und verdeutlicht die isolierte Situation des Sänger-Ichs. Die ersten zwei Zeilen weisen suggestiv darauf hin, dass noch niemand solches Leid erdulden musste und die Hoffnung auf Rat daher vergebens ist. Des Weiteren wird die bisherige Konfiguration um ein weiteres Element erweitert: Eingeführt werden die Freunde des Sänger-Ichs, deren Abwesenheit bedauert wird.
7 Zur Begriffsverwendung siehe 3.1.
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Arbeit zitieren:
Michael Bee, 2006, Zur Darstellung und Funktion der "dörper" in Neidharts Winterlied 16., München, GRIN Verlag GmbH
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