Vorwort
Bei dem Radikalen Konstruktivismus (RK) handelt es sich nicht um eine einheitliche Theorie, sondern um eine transdisziplinäre Diskussion über die Art und Weise der Wahrnehmung, des Wissenserwerbs und der damit verbundenen Vorstellung von Wirklichkeit. Unterschiedliche Wissenschaftszweige wie z.B. die Psychologie, Philosophie, Sozialwissenschaft, Kybernetik, Neurowissenschaften, Biologie setzen sich mit dieser Thematik auseinander und bilden somit das Fundament des RK.
Die Grundidee geht davon aus, ,,dass alles Wissen, wie immer man es auch definieren mag, nur in den Köpfen von Menschen existiert, und dass das denkende Subjekt sein Wissen nur auf der *UXQGODJHVHLQHU(UIDKUXQJNRQVWUXLHUHQNDQQ³*ODVHUVIHOGDDemzufolge ist unser Wissen über die Wirklichkeit lediglich eine Konstruktion und auf keinen Fall ein identisches Abbild ebendieser. Um diese Annahme genauer unter die Lupe zu nehmen, bedarf es der Interpretation verschiedener Texte. Man möge mir bitte verzeihen, wenn ich dafür die Ansichten und Theorien bereits verstorbener sowie noch lebender Autoren als Fundament verwende, obwohl sich diese sicherlich nicht als Radikale Konstruktivisten sehen oder gesehen haben. Ich schließe mich zur Rechtfertigung der Meinung VaOpU\¶V DQ ,,Einmal veröffentlicht, ist ein Text wie ein Werkzeug, das jedermann gebrauchen kann, wie er will, und nach seinem eigenen Vermögen: Es ist QLFKW VLFKHU GDVV GHU +HUVWHOOHU HV EHVVHU JHEUDXFKHQ NDQQ DOV VRQVW LUJHQG MHPDQG³ (Valéry in ebd.: 15)
Im ersten Kapitel werden zwei der verwendeten Begriffe ± Wissen und Wirklichkeit/Realität - definiert und ein Einblick in die Thesen des RK gewährt. Im zweiten Kapitel wird der Schwerpunkt auf der neurologischen Dimension des Wahrnehmens der Realität liegen. Im Dritten Kapitel rückt die soziale und sozialpsychologische Komponente in den Vordergrund. Mir ist dabei bewusst, dass eine scharfe Trennung zwischen neurologischen und sozialen
Wahrnehmungsprozessen der zu behandelnden Thematik nicht unbedingt angemessen ist. Folglich werde ich im letzten Kapitel versuchen eine kohärente Zusammenfassung dieser Bereiche zu erarbeiten.
Mir ist viel daran gelegen eine verständliche Übersicht der Thematik darzulegen; aus diesem Grund werde ich komplexere Phänomene auf ein ± meiner Meinung nach - begreifbares Maß reduzieren und sprachlich allgemeinverständlich bleiben.
Inhaltsverzeichnis II
Inhaltsverzeichnis
Vorwort I
Abk ürzungsverzeichnis Fehler Textmarke nicht definiert.
1 Thematische Einführung 1
1.1 Wissen 1
1.2 Wirklichkeit und Realität 1
2 Neurobiologische Dimension von Wissen 4
2.1 Die Wahrnehmung durch unsere Sinnesorgane 4
2.2 Gerichtete Wahrnehmung Die Informationsverarbeitung im Gehirn 5
3 Soziale und sozialpsychologische Dimension von Wissen. 8
3.1 Sehen und Wissen. 8
3.2 Sprache und Wissen 10
3.3 Die kindliche Wahrnehmung der Wirklichkeit 12
3.4 Die Sinndeutungsnot des Menschen oder von der unabdingbaren 13
Notwendigkeit der Institutionen 13
3.5 Selbsterfüllende Prophezeiung 16
3.6 Kommunikation und Interpretation 16
4 Zusammenfassung 18
Literaturverzeichnis 20
Zeitschriftenartikel 21
Internetquellen 21
1 Thematische Einführung
1.1 Wissen
'HU %HJULII ÄWissen³ NRPPW DXV GHP $OWGHXWVFKHQ Äwissan³ ZDV VRYLHO ZLH Ägesehen haben³ EHGHXWHW 'DV :LVVHQ EH]HLFKQHW GLH *HVDPWKHLW DOOHU organisierten Informationen und ihrer wechselseitigen Zusammenhänge, auf deren Grundlage ein Mensch fähig ist zu handeln
,Q GLHVHU $XVDUEHLWXQJ EH]LHKW VLFK :LVVHQ³ LPPHU DXI GDV (UIDKUXQJVZLVVHQ Erfahrungswissen wird induktiv aufgebaut und setzt sich aus dem figurativen Wissen, das auf Koordination und Abstraktion von sensomotorischen Erfahrungen aufbaut, und dem operativen Wissen, das auf reflexiver Abstraktion basiert, zusammen. Wissen bezieht sich demnach auf begriffliche Strukturen, die sich Individuen innerhalb ihrer gesellschaftliche tradierten Sprach- und Denkmuster aneignen und durch die sie fähig sind, die um sie herum existierenden Phänomene NRKlUHQW]XEHJUHLIHQ³XQGDXIVLHVLQQYROO³]XUHDJLHUHQ'DPLWLVW:LVVHQHLQH ,,Landkarte dessen, was die 5HDOLWlW XQV ]X WXQ HUODXEW³ (vgl. Glasersfeld1997b: 202).
1.2 Wirklichkeit und Realität
'LH %HJULIIH :LUNOLFKNHLW³ XQG Ä5HDOLWlW³ ZHUGHQ LQ GLHVHU $XVDUEHLWXQJ V\QRQ\P YHUZHQGHW :LUNOLFKNHLW³ OHLWHW VLFK YRQ ZHUNHOLFKHLW³ ab; einen Ausdruck, den deutsche Mystiker des 13. Jahrhunderts im Sinne von :HUNWlWLJNHLW³ YHUZHQGHWHQ .OXJH *HJHQZlUWLJ YHUVWHKW PDQ XQWHU :LUNOLFKNHLW DOO GDV ÄZDV DOV DXHUKDOE XQVHUHU 9RUVWHOOXQJHQ RGHU XQVHUHV Denkens für sich und unabhängig von uns vorgestellt wirG³ 5HKIXV Dabei taucht bereits die Schwierigkeit auf, genau festzustellen, wie wir uns etwas vorstellen können, was scheinbar unabhängig von uns existiert. Während sich der Begriff in früheren Zeiten also auf das aktive Handeln bezog, gilt er heute als Gegensatz zum bloß Gedachten oder Scheinbaren (vgl. Kluge1975: 862/863).
Den Zugang zur Wirklichkeit ermöglichen uns nach der Theorie des RK unsere Sinnesorgane und unser Wissen, dass die Informationen, die wir über die Sinnesorgane selektiv empfangen, zu einen sinnvollen Ganzen zusammenfügt.
1.3. Grundgedanken des Radikalen Konstruktivismus Anhänger des Radikalen Konstruktivismus vertreten die Ansicht, dass menschliches Wissen nicht als ein Bild der Wirklichkeit verstanden werden darf, sondern nur als ein Schlüssel unter vielen, der uns mögliche Wege erschließt (vgl. Glaserfeld in Watzlawick1985: 17). Es wird nicht bestritten, dass es eine Wirklichkeit an sich gibt. Aber das Abbild der Wirklichkeit, das wir über unterschiedliche Signale durch unsere Sinnesorgane empfangen und durch unser Gehirnaktivität filtern (gerichtete Wahrnehmung), kann niemals identisch sein mit einer ontologischen Realität. Unsere Wahrnehmungsbedingungen machen es unter keinen Umständen möglich, die Welt insgesamt oder teilweise außerhalb der menschlichen physischen und psychischen Grenzen zu erkennen. Wir nehmen nur eine beobachterabhängige, individuelle Realität war. Der RK sieht in dem von uns konstruierten Abbild der Wirklichkeit zudem eine Anpassung an die Umwelt im funktionalen Sinne (vgl. ebd.: 19). Hierbei spielt die Viabilität 1 eine entscheidende Rolle. Viabilität beschreibt die Fähigkeit eines
2UJDQLVPXVRGHUHLQHV*HJHQVWDQGHV]XSDVVHQ³(LQ6FKOVVHOÄSDVVW³ZHQQHU das Schloss aufschließen kann. Allerdings EHVFKUHLEW GDV SDVVHQ³ KLHUEHL GLH Fähigkeit des Schlüssels und gibt uns keine Auskunft über die Eigenschaften des Schlosses. Schon Darwin hatte in der oft missbrauchten und einseitig übersetzten Kernaussage seiner Theorie VXUYLYDO RI WKH ILWWHVW³ betont, dass ein Organismus HQWZHGHULQVHLQH8PZHOWSDVVW³XQGEHUOHEWRGHUQLFKWÄSDVVW³XQGDXVVWLUEW 2 . ,,Wie die Umwelt den Lebewesen (organischen Strukturen) Schranken setzt und Varianten vernichtet, die den so umgrenzten Raum der Lebensmöglichkeiten überschreiten, so bildet die Erlebenswelt, sei es im Alltag oder im Laboratorium, den Prüfstein für unsere Ideen (kognitive Strukturen). Das gilt für die ersten Regelmäßigkeiten, die der Säugling in seiner noch kaum differenzierten Erfahrung etabliert, es gilt für die Regeln, mit deren Hilfe Erwachsene das tägliche Leben zu meistern trachten, und es gilt für die Hypothesen, Theorien und die sogenannten 1DWXUJHVHW]H³ GLH GHU :LVVHQVFKDIWOHU IRUPXOLHUW LQ VHLQHQ %HPKHQ GHU ZHLWHVW P|JOLFKHQ Erfahrungswelt dauerhafte Stabilität und Ordnung abzugewinnen. (ebd.: 21) Organische Strukturen überleben folglich, wenn sie durch zufällige Mutationen passen. Die Umwelt hat keinen direkten Einfluss auf das Überleben einer Art, wohl
1 9LDELOLlW³LVWHLQVSH]LILVFKHU%HJULIIGHV5DGLNDOHQ.RQVWUXNWLYLVPXV. Er bedeutet gangbar, passend, brauchbar, funktional RGHU OHEHQVIlKLJ 'HU %HJULII YLDEOH³ H[LVWLHUW LQ GHU HQJOLVFKHQ VRZLH GHU IUDQ]|VLVFKHQ 6SUDFKH 'LH Ä9LDELOLWlW³ LVW
demzufolge die Fähigkeit, einen gangbaren Weg zu einem Ziel zu weisen. Handlungen, Begriffe, Vorstellungen, Ideen, Wissen
oder Erkenntnisse können als viabel bezeichnet werden. (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Viabel)
2 fit(engl.) = passen
aber auf das Aussterben. Sie offenbart sich dem Beobachter durch negative Auswirkungen, die keine Rückschlüsse auf ihre objektive Beschaffenheit zulassen 3 . Für kognitive Strukturen gilt gleiches. Diejenigen kognitiven Strukturen (Ideen, Theorien, Ideologien etc.), die bis heute standgehalten haben, zeigen, dass wir einen gangbaren Weg zu einem Ziel wissen, welchen wir unter von uns bestimmten Umständen in unserer Erlebenswelt gewählt haben (vgl. ebd.: 22). Die Funktion der Kognition ist somit adaptiv und dient der Organisation der Erfahrungswelt, nicht der Entdeckung einer ontologischen Realität.
,,Wissen wird vom lebenden Organismus aufgebaut, um den an und für sich formlosen Fluss des Erlebens so weit wie möglich in wiederholbare Erlebnisse und relativ verlässliche Beziehungen zwischen diHVHQ]XRUGQHQ'DVKHLWGDVVGLHZLUNOLFK³:HOWVLFKDXVVFKOLHOLFKGRUWRIIHQEDUW wo unsere Konstruktionen scheitern. Da wir das Scheitern aber immer nur in eben jenen Begriffen beschreiben und erklären können, die wir zum Bau der scheiternden Strukturen verwendet haben, kann es uns niemals ein Bild der Welt vermitteln, die wir für das Scheitern verantwortlich machen N|QQWHQ³*ODVHUIHOGD
Die Frage nach der Objektivität 4 stellt sich dem RK nicht. Er ist als ein begriffliches Werkzeug zu verstehen, mit dem die Probleme des Wissens und (UNHQQHQV EHDUEHLWHW³ ZHUGHQ N|QQHQ XQG GHVVHQ :HUW VLFK QXU QDFK VHLQHP Erfolg im Gebrauch bemisst. (vgl. ebd.: 55). Somit schließt sich der Radikale Konstruktivismus in seine eigene Theorie mit ein: jedwedes Wissen auch das, über GLH 7KHRULH GHV 5.¶V KDW OHGLJOLFK IXQNWLRQDOHQ :HUW XQG NHLQHQ RQWRORJLVFKHQ (vgl. ebd.: 259). Die Kritik am RK, dass er selber zur Beweisführung neurobiologische Theorien verwendet, die doch ± nach dem RK - lediglich Konstrukte sind, und durch die man somit nicht in der Lage ist objektiv über die Wirklichkeit zu urteilen, ist damit hinfällig und beruht wahrscheinlich auf der Meinung einiger unaufmerksamer Leser.
Es soll im Folgenden der Versuch unternommen werden, die Thesen der RK zu untermauern.
3 Wobei anzumerken ist, dass es immer bestimmte Umweltbedingungen geben muss, um Leben überhaupt erst zu ermöglichen und dass diese Bedingungen uns relativ bekannt sind. Auch Mutationen, durch die Evolution erst möglich wird,
sind auf Umwelteinwirkungen zurückzuführen. Ich glaube von daher, dass die Aussage von Glasersfeld hier der Korrektur
bedarf.
4 2EMHNWLYLWlWLVWGLH:DKQYRUVWHOOXQJ%HREDFKWXQJHQN|QQWHQRKQH%HREDFKWHUJHPDFKWZHUGHQ³+HLQ]YRQ)RHUVWHU )
Arbeit zitieren:
Christoph Egen, 2006, Wissen und Realität - Begründungen des Radikalen Konstruktivismus aus verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven, München, GRIN Verlag GmbH
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