Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung S. 3
2. Die soziale Konstruktion von Geschlecht
2.1 Zweigeschlechtlichkeit als Wissenssystem 4
2.2. Interaktive Praxis der Darstellung und Attribution 7
2.3. institutionelle Reflexivität S.13
3. Schluss 16
4. Bibliographie 18
2
1. Einleitung
In fast allen Gesellschaften wird die Menschheit in zwei Arten bzw. Sorten getrennt. Frau und Mann werden rigoros auseinandergehalten und der Unterschied der beiden Geschlechter ist in unser kulturelles Bewusstsein eingeprägt.
In unserer westlichen Gesellschaft herrscht die Annahme vor, dass Geschlecht 1 von Natur aus gegeben ist. Niemand kann über seine „Mitgliedschaft“ im jeweiligen Geschlecht bestimmen. Es gibt drei Basisannahmen, die als allgemeingültig gelten:
1. Konstanzannahme (das Geschlecht ist konstant und unverlierbar, d.h. ist das Geschlecht erst einmal gegeben, so kann man es nicht wechseln)
2. Naturhaftigkeit (das Geschlecht ist von der Natur mitgegeben; die Menschheit kann dieses „Naturphänomen“ nicht beeinflussen; biologische Fakten sind Beweis dafür, da man die Geschlechtszugehörigkeit eindeutig am Körper- genauer: den Genitalien ablesen kann) 3. Dichotomizität ( es gibt nur zwei Geschlechter, nämlich männlich und weiblich; gehört man nicht dem einen an, so ist man Mitglied des anderen)
Von Kind auf wird man mit diesen Annahmen konfrontiert, welche auch im Laufe der Zeit übernommen werden (ungefähr ab dem fünften Lebensjahr weiß ein Kind, dass Geschlecht „fixed, unvarying and static“ 2 ist). Beschäftigt man sich jedoch intensiver mit diesen drei Annahmen, so kommen leicht Widersprüche auf. Was ist beispielsweise mit Menschen, die beiden Geschlechtern angehören? Oder Menschen, die nicht auf den ersten Blick als Mann oder Frau erkannt werden können? Fakt ist, dass man die Genitalien (welche als Geschlechtsmerkmal überhaupt gelten) nicht als solche sehen kann. Was ist es dann, was Teilnehmer einer Interaktion als geschlechtsbedeutend ansehen und als „Beweis“ für eine bestimmte Geschlechtszugehörigkeit ansehen?
Die soziologische Perspektive nimmt an, dass die Wahrheit, die wir als objektiv annehmen, subjektiver Natur ist. Geschlecht als solches, als natürlicher Fakt, gibt es nicht an sich, sondern das System der Zweigeschlechtlichkeit ist sozial konstruiert, d.h. die Menschen sind es, die sich in zwei „Arten“ aufteilen und nicht die Natur. Die soziale Differenzierung ist als eine klassifikatorische anzusehen. Die Kultur legt fest, was typisch männlich bzw. weiblich ist. Sie „konstruiert“ Geschlecht, d.h. Geschlecht ist als ein von der Menschheit erschafftes
1 Ich werde den Begriff „Geschlecht” hier als Übersetzung für „gender” benutzen, also als sozial konstruiertes
Geschlecht. „sex“ werde ich mit dem Begriff des „biologischen Geschlechts“ behandeln.
2 West/ Zimmerman: „Doing Gender”, S. 13
3
Phänomen zu betrachten. (So wird ein klarer Trennungsstrich zwischen Natur und Kultur gezogen).
Das Hauptaugenmerk dieser Hausarbeit liegt darauf, die Prozesse der sozialen Konstruktion von Geschlecht zu untersuchen und herauszuarbeiten wie diese institutionell gestützt werden. Vor allem wird deutlich zu machen versucht, dass Geschlecht als eine „routinierte, methodische und immer wieder aufkommende soziale Hervorbringung“ („gender as a routine, methodical and recurring accomplishment 3 ) anzusehen ist. Geschlecht spielt in jede soziale Situation mit ein und ist immer- wenn auch nur unterschwellig- relevant.
2. Die soziale Konstruktion von Geschlecht 2.1. Zweigeschlechtlichkeit als Wissenssystem 4
Schon in der Einleitung wurden drei Annahmen erwähnt, die das Wissenssystem der Zweigeschlechtlichkeit strukturieren. Der folgende Satz gibt diese noch einmal kurz wider: “Alle Menschen sind unverlierbar und aus körperlichen Gründen entweder das eine oder das andere Geschlecht. 5 “
Dies impliziert eine strikt binäre Geschlechteraufteilung. Die gesamte Menschheit ist der Klassifikation unterworfen, so dass es nichts dazwischen gibt. Beispielsweise ist keine „Doppelmitgliedschaft“ möglich- man kann nicht Frau und Mann zugleich sein. Dabei ist hier besonders das asymmetrische Verhältnis der Geschlechter zu erwähnen: Wenn man Mann ist, so ist man „Nicht- Frau“; wenn man Frau ist, so ist man „Nicht- Mann“. Hiermit wird deutlich zu machen versucht, dass man die beiden Geschlechter in Relation zueinander setzt; das weibliche Geschlecht existiert nicht, bevor man es auf das andere, also das männliche Geschlecht bezieht; dies gilt ebenso für das männliche Geschlecht.
Die Naturalisierung ist einer der zentralen Punkte der sozialen Konstruktion: das Geschlechtso die geläufige Auffassung- wird per Askription zugeschrieben. Man wird geboren und hat automatisch eine Geschlechtsidentität „inne“, ohne irgendeine Wahl zu haben. Ist man einmal klassifiziert worden, so kann man nicht mehr zum anderen Geschlecht „überlaufen“. Interessant ist, dass dies nicht für alle Gesellschaften gilt. So ist in manchen der
3 West/ Zimmerman: „Doing Gender”, S. 13
4 Es muss bemerkt werden, dass das hier aufgeführte Glaubenssystem nicht universell für alle Gesellschaften
gilt. Das Wissenssystem auf welches ich mich hier beziehe, ist das der westlichen Gesellschaft.
5 Hirschauer, Stefan: „Wie sind Frauen, wie sind Männer?“, S. 243
4
Geschlechtswechsel möglich bzw. es kommt unweigerlich zu diesem. Wird zum Beispiel die Menstruation als konstruiertes Zeichen für die Geschlechterdifferenzierung festgelegt, so wird eine Frau nach ihren Wechseljahren als Mann in die Gesellschaft aufgenommen und erhält sogar einen besonderen Status.
Dieses Alltagswissen muss jedoch begründet und legitimiert werden, so dass es nicht als willkürlich erscheint und für jeden „einleuchtend“ ist. Die Reproduktion und Aufrechterhaltung wird auf vielerlei Arten vollzogen:
Zum einen nimmt jede Wissenschaft die Zweigeschlechtlichkeit als Ausgangspunkt für ihre Forschungen und versucht diese zu stützen. So kann man die Biologie als „Stütze“ des Alltagswissen ansehen, da sie „Beweise“ für die Zweiteilung der Gesellschaft regelrecht „sucht“.(Man kann diese Sichtweise als „dichotome Optik“ 6 bezeichnen.) So werden die Genitalien als Zeichen der Zweigeschlechtlichkeit angesehen, obwohl auch alles andere „sexuiert“ werden könnte, also als DAS Geschlechtsmerkmal schlechthin bezeichnet werden könnte. So könnte theoretisch auch die Augenfarbe als Zeichen für „männlich“ oder „weiblich“ gelten. Alles kann als Zeichen einer Geschlechtszugehörigkeit konstruiert sein. Auf diese Weise wird die Geschlechtsklassifikation kognitiv abgesichert, indem die wissenschaftlichen Disziplinen die Annahmen stützen und legitimieren. Zum anderen herrschen auch normative Annahmen vor, die das Alltagswissen absichern, die besagen, wie sich eine Frau bzw. ein Mann zu verhalten hat. So gibt es bestimmte Verhaltensregeln für Frauen sowie für Männer (für Frauen - ungerechterweise- jedoch eher mehr als für Männer). Diesen Verhaltensregeln gilt es, sich zu unterwerfen. Natürlich wird dies nicht als „Unterwerfung“ verstanden; es ist einfach so und eine andere Handlungsalternative wird nicht unternommen bzw. kommt einem schon gar nicht in den Sinn.
So werden „intellektuelle Schutzvorkehrungen“ 7 getroffen, deren Hauptgedanke der ist, dass Geschlechtszugehörigkeit ein tief verwurzeltes Bedürfnis der Menschen ist und derjenige, der nicht so empfindet, gestört oder krank sein muss. Folglich werden auch die Abweichungen des Wissenssystems ( Homosexuelle, Transsexuelle und Zweigeschlechtlichkeit bzw. „Zwitterdasein“) elegant in dieses eingefügt, indem man sie als „Geschlechtsanomalien“ postuliert. Erklärt man diese Menschen als „krank“ , kann man sich selber als gesund ansehen. Indem man sich von ihnen abgrenzt, wird das Alltagswissen nur wieder bestätigt und
6 ebenda, S. 243
7 Hirschauer, Stefan: „Wie sind Frauen, wie sind Männer?“, S. 246
5
Arbeit zitieren:
Karoline Lazaj, 2003, Das Geschlecht als das Opium des Volkes - die interaktive Konstruktion von Geschlecht, München, GRIN Verlag GmbH
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