1. Einleitung
1.1 Der Autor Ferdinand Raimund
Im Jahre 1790 wurde Ferdinand Raimund als Sohn eines Kunstdrechslers in Wien geboren. Durch den Besuch des Hofburgtheaters in seiner Kindheit entwickelte sich bei ihm die intensive Neigung zur Schauspielkunst. In dieser Zeit wurde von ihm der Entschluß gefaßt, nie eine andere Richtung einzuschlagen, als die der Schauspielkunst. An erster Stelle standen bei Raimund die Trauerspiele, für das Lustspiel konnte er sich weniger begeistern, wobei er für die Posse überhaupt keine Begeisterung aufbringen konnte.
Als Ferdinand Raimund gerade fünfzehn Jahre alt war, starben seine Eltern. Seine Schwester nahm Ferdinand in ihre Obhut; sie war aber nicht in der Lage seine Bildung weiter zu fördern, wie einst ihre Eltern es taten. Daher versuchte man Ferdinand zu überreden, einen anderen Weg als den des Künstlers einzuschlagen, doch von seinem Traum ließ er sich nicht abbringen. Lieber wollte er hungern als seinen Entschluß zu revidieren.
Einige Jahre lang unternahm er vergebliche Versuche, an eine der Wiener Bühnen zu gelangen. Als alle seine Hoffnungen scheiterten, lernte er einen herumziehenden Direktor kennen, der ihn mit nach Ungarn nahm. Dort war es Ferdinand nicht möglich, sich mit dem neuen „Kunstleben“ anzufreunden, es konstrastierte zu sehr mit dem Ideal, welches in seinem Inneren lebte. Beinahe wäre dadurch sein in der Kindheit gefaßter Entschluß ins Wanken gekommen, wenn ihn nicht ein überaus glücklicher Zufall in das Engagement des Direktors Kunz gebracht hätte.
Im Jahre 1813 wurde ihm angeboten, an das Theater in der Josephstadt in Wien zu wechseln. Dieses Angebot nahm er auch an und debütierte in der Rolle des Franz Moor und in der Rolle des Pächters Feldkümmel. In Wien mußte er sich in erster Linie dem Lokalfach widmen. Mit der Rolle des eifersüchtigen Musikanten Adam Kratzerl hatte er zum ersten Mal das Glück, die allgemeine Aufmerksamkeit des Wiener Publikums zu erregen. Raimund verkörperte die Rolle des Musikanten in einer Lokalposse von Gleich, von der fünf Teile geschrieben wurden.
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Im Jahre 1817 wurde er dann endlich in dem Theater in der Leopoldstadt angestellt. Einige Jahre später, im Jahre 1820, heiratete Ferdinand die Schauspielerin Louise Gleich. Das Ehepaar führte eine unglückliche Ehe und sie trennten sich relativ schnell wieder voneinander.
Als Autor machte Ferdinand im Jahre 1823 den ersten Versuch mit der Bearbeitung des Märchens „ Die Prinzessin mit der langen Nase“. Er selbst nannte das Märchen „Der Barometermacher auf der Zauberinsel“. Ermutigt durch den Erfolg dieser Zauberposse, wagte er einen zweiten Versuch. Er suchte dennoch die Ursache des Erfolges in dem gewählten Kindermärchen, welches sich sehr gut zur dramatischen Bearbeitung eignete, war aber um einen ähnlichen Stoff für seinen zweiten Versuch verlegen. Daher las er die Märchen der „Tausend und einen Nacht“. Unter allen Märchen erschien ihm das mit der rosenroten Statue zur Bearbeitung am geeignetsten, obwohl es sich um keinen anspruchsvollen Text handelte.
In dem Theater der Leopoldstadt wollte das Publikum in solchen Stücken kein ernsthaftes Liebesverhältnis mehr sehen, in jeder Szene wollte man etwas zu lachen haben. Raimund hingegen wollte seinem Märchen nicht seine kindliche moralische Bedeutung entziehen. Aus diesem Grund bemühte er sich, das Märchen mit zahlreichen komischen Szenen zu versehen.
Mit diesem Stück hatte er schließlich großen Erfolg, auch wenn es den Erfolg - seiner Meinung nach - nicht verdient hatte.
Animiert durch seinen Erfolg wurde er selbstsicherer und begann selber seine Stücke zu schreiben, so entstand der „Bauer als Millionär“. Er versah dieses Stück nur mit vielen läppischen Kleinigkeiten, weil er befürchtete, das Publikum könnte es ansonsten zu ernsthaft finden.
Durch Raimunds fortwährende geistige und physische Anstrengungen und durch Enttäuschungen, die er in seinem Leben erfuhr, erkrankte er im Jahre 1824 an seinen Nerven. Fünf Monate mußte er daher aus gesundheitlichen Gründen der Bühne fern bleiben.
Selbst das Publikum nahm Anteil an seiner Krankheit, und nachdem es ihm wieder möglich war die Bühne zu betreten, beehrte man ihn mit einer Gedächtnismünze. Die Krankheit verzögerte die Aufführung des „Bauers als Millionär“ um ein Jahr. Dieses Stück hatte dann einen dermaßen großen Erfolg, daß Neider Raimund nicht als
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den Verfasser gelten lassen wollten. Selbst bei dem Verfassen vieler Lieder schrieb er gleich die Melodien mit dazu. Da er in dieser Hinsicht sehr gewissenhaft war, ärgerte ihn die Ungerechtigkeit „er sei nicht der Verfasser“ so sehr, daß ihm die Idee der „gefesselten Phantasie“ kam. Mit Hilfe dieser Idee wollte er beweisen, daß man auch ein Gedicht verfassen kann, ohne ein Gelehrter zu sein. Dieses Stück erhielt ebenfalls Lob, konnte sich aber nicht an den Erfolgen der früheren Stücke messen. Dem Publikum war es nicht komisch genug und die Idee war nicht populär, dieses hatte Raimund im Vorfeld schon befürchtet.
Danach folgte das tragische Original-Märchen „Moisasurs Zauberfluch“, welches noch ernster als die „gefesselte Phantasie“ war.
1828 übernahm Ferdinand Raimund die technische Leitung des Leopoldstädter Theaters, in dieser Zeit schrieb er den „Alpenkönig“ und die „Unheilbringende Krone“. Im Jahre 1830 ging sein zehnjähriger Vertrag zu Ende, im Anschluß daran übernahm er Gastrollen in Berlin, Hamburg und in München. Sechs Jahre später, 1836, beging Ferdinand Raimund Selbstmord.
1.2 Das Wiener Volkstheater im kurzen Überblick
Das Wiener Volkstheater bietet ein komplexes Forschungsfeld, unter anderem für Literatur-, Theater- und Medienwissenschaft, Kultur- und Sozialgeschichte, Volkskunde und Pädagogik. Immer wieder wurde und wird die Einzigartigkeit des Phänomens „Wiener Volkstheater“ im deutschsprachigen Raum betont. Eine Feststellung von R.M. Werners in der Einleitung der Schriften Stranitzkys: „Die Geschichte des Wiener Volkstheaters ist noch immer der Tummelplatz dilettierender Alt-Wiener, welche meist kritiklos das Material von ihren Vorgängern herübernehmen.“ (Hein, Das Wiener Volkstheater 2. Aufl.)
Unter Einbeziehung der Stücke Raimunds spricht man von den Jahren 1817-1830 von der höchsten Blüte des Volkstheaters.
Über die Grundlinien der Entstehung des Wiener Volkstheaters herrscht in der Forschung weitestgehend Einigkeit. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts gehen Jesuiten-und Schuldrama und die barocke Prunkoper (italienische Oper am Wiener Kaiserhof) mit der Wanderbühne und der volkstümlichen Komik die Synthese zur Wiener
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Volkskomödie ein. Das nicht-höfische Theater beginnt sich zur selben Zeit institutionell zu etablieren.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kam es in Wien zu einem Boom des Sprechtheaters. Kaiser Joseph der 2. erklärte das Burgtheater 1776 zum Deutschen Nationaltheater, damit dort teilweise die Oper ausquartiert werden konnte (vollständig 1810) und ein Sprechtheaterspielplan mit höherem Anspruch erstellt werden konnte. In den achtziger Jahren hatten auch drei Vorstädte Theatergründungen zu verzeichnen. Das Bedürfnis nach einem „festen“ Theater mit einem stehenden Ensemble, die Wanderbühnenzeit ging langsam ihrem Ende entgegen, wurde auch in der Josefstadt spürbar. Das Theater in der Josefstadt wurde 1788 im Auftrag von Karl Mayer erbaut, es war von innen das kleinste Theater von Wien, obwohl es über drei Ränge verfügte. Als Ferdinand in das Wiener Theaterleben eintrat, kam er zuerst an die Josefstadt. Ein wesentlicher Zug des Wiener Volkstheaters ist, daß es Stoffe, dramatische Konventionen, Spielweisen etc. übernimmt, überformt, verändert, erneuert - und dies in der produktiven Auseinandersetzung mit den Theaterbedingungen, dem Publikum und der Zensur.
Nach Rommel entstand das Wiener Volkstheater aus Konfrontation und Zusammenspiel verschiedener, teils gegensätzlicher Stile. Die Gründung des Volkstheaters fällt in eine Zeit der Konsolidierung der politischen und ökonomischen Verhältnisse. Die Finanzkrisen konnten nicht die Stabilisierung des Theaterwesens verhindern. Hinzu kommt eine Umstrukturierung der Gesellschaft durch fortschreitende Verbürgerlichung; die Übergänge vom Barock zur Aufklärung werden fließend. Der „aufgeklärte“ Absolutismus löst den barocken, universalen Absolutismus ab. Die Bildungspolitik (theresianisch-josefinische Reformen) und frühe Anfänge der Entstehung eines Proletariats im Ausgang des 18. Jahrhunderts befördern den Wandel in der Gesellschaftsstruktur, der sich auch im Spielplan der Theater- und in der Publikumsstruktur niederschlägt.
Bis in die dreißiger Jahre hinein beherrschten die „großen Drei“, Josef Alois Gleich (1772-1841), Karl Meisl (1775-1853) und Adolf Bäuerle (1786-1859), mit ihren fast fünfhundert Stücken die Wiener Vorstadtbühnen. Entsprechende Schauspieler, unter anderem Schuster (1779-1835), Sartory, Korntheuer, Krones und ab 1817 auch Ferdinand Raimund, verhalfen den Dramen der verschiedenen Gattungen
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(Besserungsstück, parodistisches Zauberspiel, Lokalstück, mythologische Karikatur, Parodie und Travestie) zu adäquater Darstellung. Es heißt, daß die geschichtliche Leistung der drei Autoren für das Volkstheater in der frühen Biedermeier-Zeit noch nicht richtig von der Forschung gewürdigt worden ist.
Nach 1825 kündigt sich mit dem wirtschaftlichen Zerfall der Vorstadtbühnen und dem Wandel der Publikumsstruktur das Ende der Biedermeier-Zeit und der Beginn des Vormärz an. Man spricht von der Krise der dreißiger Jahre, in denen die Theater unter dem Druck der politischen und ökonomischen Verhältnisse zu Geschäftsunternehmen im modernen Sinn wurden, die ihr Angebot an der Nachfrage des Publikums orientierten. Diese Entwicklung ist mit dem Namen des berühmten Theaterdirektors Karl Carl (1787-1854) verbunden, der von 1826-1845 das Theater an der Wien beherrschte, ebenso bis 1832 das Theater in der Josefstadt und von 1838-1847 das Theater in der Leopoldtstadt. 1847 erbaute er sich sein eigenes Carl-Theater. Nach Meinung der meisten Forscher ist das Wiener Theaterleben zwischen 1780 und 1830 kein direktes Abbild der historischen und politischen Ereignisse, dennoch ist es unlösbar mit ihnen verbunden. Der Staat förderte das Theater, sofern es dem Volk Ersatz für politische und öffentliche Interessen sein konnte, Unterhaltung und Ablenkung, aber doch auch Bildung bot. Das Publikum erkannte diesen Freiraum, und Autoren sowie Schauspieler nutzten ihn. Vor diesem Hintergrund ist das Wiener Volkstheater immer im Zusammenhang seiner Produktions- und Rezeptionsbedingungen zu sehen.
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Stephanie Ebert, 1997, Interpretation des Werkes "Die gefesselte Phantasie" von Ferdinand Raimund, München, GRIN Verlag GmbH
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Aneignung aggressiven Verhaltens als eine Form des Lernens bei Kindern...
Hausarbeit, 28 Seiten
Die Allegorie in Ferdinand Raimunds Dramen
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 30 Seiten
Stephanie Ebert's Text Interpretation des Werkes "Die gefesselte Phantasie" von Ferdinand Raimund ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
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