2
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
1.2 Methodik 4
2. Forschungsstand 4
3. Die Liebeskonzeptionen in Gellerts Leben der schwedischen Gräfin von G
und Goethes Die Leiden des jungen Werther 4
3.1 Das Konzept der vernünftigen Liebe 4
3.2 Das Konzept der leidenschaftlichen Liebe 9
4. Die Liebestriaden in Gellerts Leben der schwedischen Gräfin von G und
Goethes Die Leiden des jungen Werther 11
5. Schluss 13
6. Literaturverzeichnis 14
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1.Einleitung
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert begann in Deutschland die Epoche der Empfindsamkeit. Nach Nikolaus Wegemann beschreibe der Terminus ‚Empfindsamkeit‘ in seiner Grundbedeutung „ die Fähigkeit zur Erfahrung sinnlich angenehmer Empfindungen und Gefühle, deren legitimer sozialer Ort die altruistische, gänzliche moralische und nur Gegenseitiger Zuwendung verpflichteter Geselligkeit ist“ 1 . Um die Mitte des 18. Jahrhunderts, in den Jahren 1747 und 1748, veröffentlichte Christian Fürchtegott Gellert die beiden Teile seines Romans Leben der schwedischen Gräfin von G*** 2 . Sowohl Wegemann als auch Thomas Kahlcke charakterisieren Gellerts Roman als den ersten, großen „Durchbruch“ 3 der Empfindsamkeit in Deutsch-land. Im Jahre 1774 kam es zu einem Ereignis, das Wegemann als das „spektakulärste“ 4 in der Geschichte der Empfindsamkeit bezeichnet: der Roman Die Leiden des jungen Werther 5 von Johann Wolfgang von Goethe erschien in seiner ersten Auflage. In der vorliegenden Hausarbeit soll der Versuch unternommen werden, diese beiden Romane in Bezug auf ihre dargestellten Konzepte von Empfindsamkeit miteinander zu vergleichen. Die ersten Analogien zwischen Gellerts Leben der schwedischen Gräfin von G*** und Goethes Die Leiden des jungen Werther lassen sich auf der Ebene der Personenkonstellation erkennen. In beiden Romanen finden wir Beziehungsdreiecke, die sich zusammensetzen aus einer Frau, ihrem Gemahl und einem Dritten, der die schon Vergebene liebt. So heiratet Gellerts Ich-Erzählerin, die schwedische Gräfin von G**, nach dem vermeintlichen Tod ihres Ehemannes dessen besten Freund Herrn R**, den sie „so zärtlich als meinen ersten Gemahl“ (LSG 37) liebt. Als der totgeglaubte Graf zurückkehrt, nimmt die Gräfin ihre Ehe mit ihm wieder auf, während Herr R** als Freund in der Gesellschaft der Vermählten bleibt. In Goethes Roman liebt Werther die schöne Lotte, die bereits mit Albert verlobt und
1 Wegemann, Nikolaus: Diskurse der Empfindsamkeit. Zur Geschichte eines Gefühls in der Literatur des 18. Jahrhunderts. Stuttgart: Metzler 1988. S.100.
2 In der vorliegenden Hausarbeit werden Zitate aus Gellerts Roman im laufenden Text mit der Sige „LSG“ zitiert nach: Gellert, Christian Fürchtegott: Leben der schwedischen Gräfin von G***. Hrsg. von Jörg-Ulrich Fechner. Stuttgart: Reclam 2003.
3 Wegemann 1988: S. 70 und Kahlcke, Thomas: Lebensgeschichte als Körpergeschichte. Studien zum Bildungsroman im 18. Jahrhundert. Würzburg: Königshausen und Neumann 1997. S. 35.
4 Wegemann 1988: S.103.
5 In der vorliegenden Hausarbeit werden Zitate aus Goethes Roman im laufendes Text mit der Sige „W“ zitiert nach: Goethe, Johann Wolfgang von: Die Leiden des jungen Werther. Gütersloh: Reinhard Mohn OHG 1969.
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später verheiratet ist. Auch hier bleibt der ‚Dritte‘ Werther als ein „Glied der liebenswürdigen Familie“ (W 49) in unmittelbarer Nähe des Paares. Auf den folgenden Seiten sollen nun zunächst die in beiden Romanen behandelten Liebeskonzeptionen untersucht und miteinander verglichen werden. Im Anschluß wird der Versuch unternommen, die Beziehungsdreiecke, für die ich den Terminus ‚Liebestriaden‘ verwende, zu analysieren und dabei darzulegen, ob und wie es den Romanfiguren gelingt, ihre Affekte zu transformieren und miteinander zu kommunizieren.
1.2 Methodik
Um die beiden Romane miteinander zu vergleichen und Gemeinsamkeiten wie Differenzen darzulegen, verwende ich die literaturwissenschaftliche Methode der Intertextualität. Da der Intertextualitätsbegriff sehr komplex ist, orientiere ich mich hauptsächlich an Gérard Genettes Werk Palimpseste 6 . Darin beschreibt Genette Intertextualität als Abhängigkeit von Texten untereinander, wobei er die Instanz des Autors generell außen vor läßt. Genette ordnet Intertextualität als eine Unterkategorie dem von ihm geprägten Leitbegriff der „Transtextualität“ zu, der alles umfasst „was [den
Text] in eine manifeste oder geheime Beziehung zu anderen Texten bringt“ 7 . Intertextualität wird dabei als „effektive Präsenz eines Textes in einem anderen Text“ 8 definiert. In Goethes Die Leiden des jungen Werther gibt es keine expliziten Verweise auf Gellerts Leben der schwedischen Gräfin von G***, wie etwa wörtliche Zitate. Der Gegenstand dieser Hausarbeit sind vielmehr die impliziten Verweise in Form von Details, die Genette auch als „Anspielung[en]“ 9 bezeichnet.
2. Forschungsstand
In der untersuchten Forschungsliteratur zu Gellerts Leben der schwedischen Gräfin von G*** herrscht durchweg Einigkeit darüber, dass die Ich-Erzählerin auch angesichts größter Schicksalsschläge, für ihre Leser vorbildlich, die Beherrschung von Affekten demonstriert. Erich Schön formuliert prägnant, dass es in den Extremsituationen des Romans stets darum gehe, „daß es dem Menschen wohlergehe auf Erden,
6 Genette, Gérard: Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe. Aus dem Französischen von Wolfram Bayer und Dieter Hornig. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1993.
7 Genette 1993: S.9.
8 Genette 1993: S.10.
9 Genette 1993: S.10.
5
wenn er seine Affekte mit Hilfe der Vernunft regiere“ 10 . Zu Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther finden sich in der deutschen Literaturwissenschaft viele unterschiedliche Interpretationsansätze. Einer dieser Ansätze ist die literaturpsychologische Interpretation, zu deren Vertretern Reinhart Meyer-Kalkus gehört. Dieser charakterisiert Goethes Roman als ein Psychodrama, das zum Thema mache, „was die empfindsame Kultur verschweigt oder als moralisch bedenklich beiseite schiebt: heftige Leidenschaften [...], die nicht durch tugendhafte Mäßigung zur geselligkeitsfördernden Fertigkeit geworden sind [...]“ 11 . Als ein weiterer Deutungsansatz ist die soziologisch orientierte Interpretation zu nennen, die einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Aufstieg des Bürgertums und der Empfindsamkeit sieht. Zu den Vertretern der soziologisch orientierten Interpretation gehört Klaus R. Scherpe, der Gellerts Leben der schwedischen Gräfin von G*** als ein „Standartwerk[] bürgerlicher Lebensanschauung“ 12 charakterisiert. Goethes Die Leiden des jungen Werther beschreibt er dagegen als einen antibürgerlichen Roman, in welchem die Hauptfigur Werther eindeutige Kritik „an den bürgerlichen Bastionen der schönen Künste und Wissenschaften, am Erziehungsideal und der alles beherrschenden Vernunftreligion“ 13 übe. In der vorliegenden Hausarbeit wird das Verhältnis von Bürgerlichkeit und Empfindsamkeit nicht zum Gegenstand der Untersuchung gemacht. „Denn“, so formuliert es Peter Uwe Hohendahl treffend, „an der Empfindsamkeit teilzuhaben bedeutet, menschlich zu sein und nicht bürgerlich oder aristokratisch“ 14 . Explizite Vergleiche zwischen Gellerts Leben der schwedischen Gräfin von G*** und Goethes Die Leiden des jungen Werther finden sich in der Forschungsliteratur kaum. Als eine
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Schön, Erich: Aufklärung der Affekte - Christian F. Gellerts „Leben der Schwedischen Gräfin von G***“. In: Der Deutschunterricht. Beiträge zu seiner Praxis und wissenschaftlichen Grundlegung. Hrsg. von Heinz-Dieter Weber. 43. Jahrgang 1991. S. 31-42, hier S. 34.
11 Meyer-Kalkus, Reinhart: Werthers Krankheit zum Tode. Pathologie und Familie in der Empfindsamkeit. In: Schmiedt, Helmut(Hrsg.), „Wie froh bin ich, daß ich weg bin!“ Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther in literaturpsychologischer Sicht. Würzburg: Königshausen und Neumann 1989. S. 85-147, hier S. 92.
12 Scherpe, Klaus R.: Werther und Wertherwirkung. Zum Syndrom Bürgerlicher Gesellschaftsordnung im 18. Jahrhundert. Bad Homburg, Berlin, Zürich: Verlag Dr. Max Gehlen 1970. S.21.
13 Scherpe 1970: S.44.
14 Hohendahl, Peter Uwe: Empfindsamkeit und gesellschaftliches Bewußtsein. Zur Soziologie des empfindsamen Romans am Beispiel von La Vie de Marianne, Clarissa, Fräulein von Sternheim und Werther. In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft. Hrsg. von Fritz Martini, Walter Müller- Seidel, Bernhard Zeller. 16. Jahrgang 1972. S. 176-208, hier S.205.
Arbeit zitieren:
Maret Hosemann, 2005, Vergleich der Konzepte von Empfindsamkeit in Christian Fürchtegott Gellerts "Leben der schwedischen Gräfin von G***" und Johann Wolfgang von Goethes "Die Leiden des jungen Werther", München, GRIN Verlag GmbH
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