Inhalt
1 EINLEITUNG. 3
2 „SAGEN“ UND „ZEIGEN“ IM TRACTATUS LOGICO-PHILOSOPHICUS. 5
2.1 Die Abbildtheorie des Tractatus. 7
2.2 „Sagen“ und „Zeigen“ 9
2.3 Warum erweisen sich die Sätze des Tractatus letztlich als unsinnig? 11
2.4 Was man nicht sagen kann, das muss man zeigen. 13
3 „SAGEN“ UND „ZEIGEN“ IN DEN PHILOSOPHISCHEN UNTERSUCHUNGEN. 15
3.1 Der Wegbruch der abbildtheoretischen Basis. 18
3.2 Das Wesen des Sprachspiels 21
3.3 Die Unhintergehbarkeit der normalen Sprache. 23
4 FAZIT: DAS VERHÄLTNIS VON SPRACHE UND WELT LÄSST SICH NICHT
AUSSAGEN , SONDERN NUR ZEIGEN. 26
QUELLEN 28
2
1 Einleitung
Ein sprachphilosophisches Grundproblem, wenn nicht das Problem schlechthin, ist die Frage, in welcher Beziehung Darstellung und Dargestelltes, oder kurz Sprache und Welt stehen. Ein Philosoph, der diese Untersuchung wie kaum ein anderer prägte, war Ludwig Wittgenstein.
Wittgenstein ging dieser Frage sowohl in seinem Früh- als auch seinem Spätwerk nach. Im Spätwerk tritt diese Untersuchung allerdings nicht so klar zu Tage wie im Frühwerk des Philosophen. Ein viel diskutierter Punkt in bezug auf Wittgenstein ist die Frage, ob es zwischen dem frühen und dem späten Wittgenstein einen radikalen Bruch gibt, oder ob sich so etwas wie Kontinuität in seiner Philosophie finden lässt. In dieser wissenschaftlichen Arbeit soll folgende These untersucht werden: Die Unterscheidung zwischen „Sagen“ und „Zeigen“, die der frühe Wittgenstein im „Tractatus logico-philosophicus“ 1 entwickelte, behielt auch der späte Wittgenstein bei 2 . Im „Tractatus logico-philosophicus“ stellte Wittgenstein die Theorie auf, dass alles, was sich sagen lässt, sich auch klar sagen lässt. Das impliziert, dass es etwas gibt, was sich nicht sagen lässt. Nicht sagbar ist die Beziehung zwischen Sprache und Welt. Dies ist die These von der „Unausdrückbarkeit der Semantik“. 3 Wittgenstein vertrat aber eine Position, wonach dieses Verhältnis, wenngleich unsagbar, sich zeigen lässt. Unter „Sagen“ verstand Wittgenstein Erklären oder Theoretisieren. Durch Propositionen vermitteltes Wissen wird gesagt. Dem gegenüber ist „Zeigen“ das Erkennen eines Sachverhalts, der für sich selbst einsteht, ohne dass man ihn zu erklären versucht.
Wie dieses „Zeigen“ funktionieren soll, wird im ersten Teil der Arbeit dargestellt. Dazu wird zunächst die Abbildtheorie der Tractatus präsentiert und anschließend die, damit eng zusammenhängende, Unterscheidung zwischen „Sagen“ und „Zeigen“ erläutert. Daraus folgen zwei Fragen. Zum einem ist es die Frage, warum sich die Sätze des Tractatus letztlich als unsinnig herausstellen. Die andere Frage lautet, warum Wittgenstein glaubte, dass sich im Tractatus dennoch alles findet, um das Verhältnis zwischen Sprache und Welt zu klären. 4
1 Ludwig Wittgenstein: Tractatus-Logico-Philosophicus; wiedererschienen in: Werksausgabe Band I; Frankfurt
a. M. 1984; (im Folgenden: Wittgenstein: TLP, dann die Satzzahl bzw. „Vorwort“).
2 Mit „der frühe Wittgenstein“ bezeichnet man im Allgemeinen die Arbeiten aus der ersten Schaffensperiode des
Philosophen, die im Rahmen des „Tractatus-Logico-Philosophicus“ entstanden sind. Dem gegenüber wird „der
späte Wittgenstein“ für die zweite Schaffensperiode verwendet, in deren Mittelpunkt die „Philosophischen
Untersuchungen“ stehen
3 Vgl. Merrill B. Hintikka / Jaakko Hintikka: „Untersuchungen zu Wittgenstein“; Frankfurt a. M. 1990; S. 15 ;
(im Folgenden: Hintikka 1990).
4 Vgl. Anthony Kenny: Wittgenstein; Frankfurt a. M. 1974; S. 19; (im Folgenden: Kenny 1974).
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Im zweiten Teil der Hausarbeit wird der These auf den Grund gegangen. Zu diesem Zweck wird sie aufgeschlüsselt in die Fragen, wie sich das „Zeigen“ in den „Philosophischen Untersuchungen“ 5 zeigt und die Frage, was es eigentlich ist, dass dort gezeigt werden soll. Die zweite Frage führt, über die Dekonstruktion einiger Grundannahmen des Tractatus, zur These der Unhintergehbarkeit der normalen Sprache. Es soll letztlich dargestellt werden, dass und wie Wittgenstein in den Philosophischen Untersuchungen tatsächlich die Beziehung zwischen Sprache und Welt behandelt.
5 Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen; wiedererschienen in: Werksausgabe Band I; Frankfurt
a. M. 1984; (im Folgenden: Wittgenstein: PU; dann der Paragraph beziehungsweise „Vorwort“).
4
2 „Sagen“ und „Zeigen“ im Tractatus logico-philosophicus.
Der frühe Wittgenstein trat an, „dem sinnvollen Ausdruck von Gedanken durch Sprache eine Grenze zu ziehen“. 6 Im Vorwort zum „Tractatus logico-philosophicus“ erläutert er seine Ziele: „Das Buch behandelt die philosophischen Probleme und zeigt - wie ich glaube -, dass die Fragestellung dieser Probleme auf dem Missverständnis der Logik unserer Sprache beruht. Man könnte den ganzen Sinn des Buches etwa in die Worte fassen: was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“ 7 Wittgensteins Ziel ist somit die Abgrenzung sinnvoller Aussagen von unsinnigen. Zum Erreichen dieses Ziel unterwirft er das „Sagbare“ strengen logischen Bedingungen. Sein Anspruch ist es, dass im Tractatus „die Logik der Sprache, so wie sie an sich ist“, zum Ausdruck kommt. 8
Der Tractatus präsentiert eine allgemeine Theorie der Darstellung, in deren Zentrum die Abbildtheorie der Bedeutung steht. Es handelt sich um eine direkte Antwort auf die Probleme der ersten Generation der analytischen Philosophie. 9 Einer der Hauptvertreter dieser Generation war Gottlob Frege. Auch dieser Philosoph hatte sich bereits mit dem Verhältnis von Sprache und Welt befasst. Seine Lösung hatte allerdings gravierende Probleme aufgeworfen. Wittgenstein glaubte mit dem Tractatus „die Probleme im wesentlichen endgültig gelöst zu haben.“ 10
Frege hatte das Problem der korrekten Darstellung eines Sachverhalts in die Sphäre der Gedanken verschoben. Er nannte einen Satz: „eine Folge von Lauten; aber nur dann, wenn sie einen Sinn hat (...). Und wenn wir einen Satz wahr nennen, meinen wir eigentlich seinen Sinn. Danach ergibt sich als dasjenige, bei dem das Wahrsein überhaupt in Frage kommen kann, der Sinn eines Satzes.“ 11 Den Sinn des Satzes nannte Frege den Gedanken: „Der Gedanke ist der Sinn eines Satzes(...). Wir sagen, der Satz drücke einen Gedanken aus“. 12 Um sich nicht dem Vorwurf des Relativismus‘ auszusetzen, musste Frege den Gedanken vom Subjekt loslösen. Wenn der Gedanke im Subjekt verankert ist, kann er dem einen wahr erscheinen, einem anderen Menschen falsch. Kein objektives Kriterium könnte über seine Wahrheit entscheiden. 13
6 Stefan Majetschak: Ludwig Wittgenstein; in: T. Borsche (Hg.): Klassiker der Sprachphilosophie; München
1996; S. 366 (im Folgenden: Majetschak 1996).
7 Ludwig Wittgenstein: TLP Vorwort.
8 Dieter Birnbacher und Armin Burkhardt: Sprachspiel und Methode. Zum Stand der Wittgenstein-Diskussion;
Berlin / New York; 1985; Vorwort.
9 Vgl. Wittgenstein: TLP Vorwort. Die Probleme der ersten Generation der Analytischen Philosophie waren
natürlich Probleme, die sich durch die gesamte Philosophiegeschichte ziehen. Allerdings war die Methode der
strengen logischen Analyse mit Hilfe von Kalkülen neu und führte ihrerseits zu eigenen Problemen.
10 Wittgenstein: TLP Vorwort.
11 Gottlob Frege: Der Gedanke; wiedererschienen in: Logische Untersuchungen; Göttingen 1966; S. 33; (im
folgenden: Frege: der Gedanke).
12 Frege: Der Gedanke; S. 33.
13 Vgl. Frege: Der Gedanke; S. 40 ff.
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Andererseits konnte der Gedanke auch nicht der Welt der Dinge angehören. Wäre dies der Fall, so wäre der Gedanke etwas sinnlich wahrnehmbares. Daraus ergebe sich erneut eine Relativität der Gedanken 14 . Frege kam entsprechend zu folgendem Schluss: „Ein drittes Reich muss anerkannt werden. Was zu diesem gehört, stimmt mit den Vorstellungen darin überein, dass es nicht mit den Sinnen wahrgenommen werden kann, mit den Dingen aber darin, dass es keines Trägers bedarf, zu dessen Bewusstseinsinhalte es gehört.“ 15 Diese Sphäre der Gedanken hat den Vorteil, dass sie den neutralen Standpunkt darstellt, von dem aus die Wahrheit eines Satzes überprüft werden kann. Andererseits folgt das Problem, dass sich kein Indiz für die Existenz eines solchen Reiches finden lässt, es ist eine metaphysische Unterstellung 16 .
Wittgenstein verlagerte das Problem des Weltbezuges eines Satzes zurück in die Sprache und der Satz war für den frühen Wittgenstein die grundlegende semantische Einheit der Sprache. Dies spiegelt sich etwa in den Sätzen: „Der Gedanke ist der sinnvolle Satz“ und „Die Gesamtheit der Sätze ist die Sprache.“ 17 Der Gedanke „schwebt“ nicht in irgendeiner Sphäre, sondern ist der sinnvolle Satz und Alle Sätze sind die Sprache. Der frühe Wittgenstein unterscheidet noch zwischen Gedanken und Sätzen. „Sätze sind der wahrnehmbare Ausdruck von Gedanken und Gedanken sind logische Bilder von Tatsachen.“ 18 Bertrand Russell fragte Wittgenstein 1919: „Besteht ein Gedanke aus Worten?“, worauf Wittgenstein antwortete: „Nein! Sondern aus psychischen Bestandteilen, die zur Wirklichkeit dieselbe Beziehung haben wie die Worte. Was für Bestandteile das sind, weiß ich nicht.“ 19 Wittgenstein verlagert den Gedanken zurück ins Subjekt, wenn er sagt, dieser bestehe aus „psychischen Bestandteilen“. Damit Wittgenstein sich seinerseits keinen Relativismus vorwerfen lassen muss, lautet seine Antwort auf die Frage, warum das Darstellende das Dargestellte zutreffend wiedergibt, dass es eine Struktureigenschaft der Sprache ist. Da die „psychischen Bestandteile“ des Gedanken in derselben Beziehung zur Welt stehen wie die Worte des Satzes, kann er einem Relativismusvorwurf entgehen.
14 Vgl. Frege: Der Gedanke; S. 33 ff.
15 Frege: Der Gedanke; S. 43.
16 Der Begriff „metaphysisch“ wird hier im Sinne Wittgensteins Verwendung gebraucht.
17 Wittgenstein: Tractatus; 4 / 4.001. Vgl. auch Majetschak 1996; S. 368.
18 Kenny 1974; S. 15. Vgl. auch: Wittgenstein: TLP 3.5 - 4.001.
19 Kenny 1974; S. 75.
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2.1 Die Abbildtheorie des Tractatus
Die Beziehung zwischen dem Satz und der Welt, erklärt der frühe Wittgenstein damit, dass der Satz im wörtlichen Sinne ein Bild der Welt ist. Ein Bild wiederum ist ein Modell der Wirklichkeit. 20 Bilder selbst sind für Wittgenstein Tatsachen, ein Teil der Welt. Daraus folgt für ihn die Frage, wie Tatsachen durch Tatsachen symbolisiert werden können. „Ein Bild zu sein ist (...) für Wittgenstein keine ontologische, sondern eine funktionale Bestimmung einer faktischen Gegenstandskonfiguration, die sich der repräsentierenden Verwendung jenes Gebildes unter Anwendung einer bestimmten Abbildungsmethode verdankt.“ 21 Den Gegenständen des abgebildeten Sachverhalts entsprechen die Elemente des Bildes. Wenn der Satz wahr ist, verhalten sich die Elemente im Bild so zueinander wie es die Gegenstände im dargestellten Sachverhalt tun. Neben dieser Abbildung muss aber noch etwas weiteres zum Bild gehören. Das ist die abbildende Beziehung, diese nennt er auch Form der Abbildung. 22 Bild und Abgebildetes ist die Form der Abbildung gemein, sie stellt die Verbindung des Bildes zur Welt dar. Entsprechend kann das Bild alles abbilden, dessen Form es hat. Die Form der Abbildung allerdings kann das Bild nicht abbilden, wir werden später darauf zurückkommen. Das Bild kann richtig oder falsch abbilden. Aber auch ein falsch abbildendes Bild muss die Form der Abbildung mit der Welt gemeinsam haben um überhaupt ein Bild zu sein. Denn die Tatsache ist nicht von sich aus Bild, sondern dadurch, dass sie zum abbilden verwendet wird. 23 Eines der wenigen Beispiele, die Wittgenstein im Tractatus gibt, ist das farbige Bild, das die Farbigkeit der Wirklichkeit abbilden kann, weil es sie mit der Wirklichkeit teilt. 24 Dieses farbige Bild kann die farbige Wirklichkeit falsch abbilden, wenn es die falschen Farben besitzt. Wenn das Bild aber die Form der Abbildung, die Farbe, verliert, dann ist es kein Bild der farbigen Wirklichkeit mehr. Es stellt sich die Frage, was den Satz zum Bild macht. Selbst wenn man zugesteht, die Beziehung der Elemente des Bildes entsprächen der Beziehung der Gegenstände des Sachverhalts, heißt das noch lange nicht, dass es sich bei den Wörtern der Sprache genauso verhält. Welche Form der Abbildung ist dem Satz und dem Sachverhalt gemein? Beim farbigen Bild lässt sich dies einsehen, aber beim Satz ist die Lage nicht so eindeutig. Wittgenstein sagt, die Form der Abbildung könne unterschiedlich stark ausgeprägt sein, es müsse aber ein gemeinsames Minimum geben, damit ein Bild, in diesem Falle ein Satz, abbilden kann. 25
20 Vgl. Wittgenstein: Tractatus; 2.12.
21 Majetschak 1996; S.369.
22 Vgl. Wittgenstein: Tractatus; 2.13 - 2.16.
23 Vgl. Majetschak 1996; S. 369.
24 Vgl. Wittgenstein: Tractatus; 2.171.
25 Vgl. Kenny 1974; S. 74.
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Daniel Brockmeier, 2004, Wittgensteins Methode des "Zeigens" - von Grenzen der Sprache, München, GRIN Verlag GmbH
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