1
1. Einleitung
Kurt Lenk bezeichnet das nationalsozialistische Regime als „Ausdrucksideologie“. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass sie kein in sich geschlossenes Gebilde darstellt, sondern aus einem Gemenge verschiedener anderer Ideologien besteht. Das wichtigste Mittel dieser Ausdrucksideologien ist das Schwarz-Weiß-Denken, hier sind wir, die Guten, und auf der anderen Seite ist der Feind. 1 Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem wichtigsten Mittel der Ausdrucksideologie, nämlich mit der Sprache.
Zunächst wird die politische Sprache genauer betrachtet. Eine klare Trennung des Politischen vom Privaten ist zwar nicht möglich. Denn die Politik wurde durch die gleichgeschalteten Massenmedien in jedes Wohnzimmer transportiert. Es soll hier jedoch unterschieden werden zwischen der direkten Einwirkung auf den Alltag der Menschen und der indirekten Einflussnahme durch politische Rhetorik in Reden oder etwa auf Wahlplakaten.
In einem letzten Schritt soll schließlich geklärt werden, ob sich 1945 mit dem Ende der NS-Herrschaft die deutsche Sprache geändert hat, oder ob es vielleicht Kontinuitäten gibt.
2. Die politische Sprache der Nationalsozialisten
In diesem Kapitel soll der spezifische Sprachgebrauch der Nationalsozialisten in der Politik untersucht werden. Alle nationalsozialistischen Agitatoren orientierten ihre Rhetorik an der ihres Führers Hitler. Hitlers Reden stehen folglich paradigmatisch für die politische Rhetorik der Partei. Daher werden hier hauptsächlich Reden Hitlers untersucht.
Aus dem in der Einleitung beschriebenen Freund-Feind-Schema der Nationalsozialisten ergeben sich zwei übergeordnete Zielsetzungen für
1 Vgl. Lenk, S.32
2
die politischen Reden. (1) Der Zusammenhalt des deutschen Volks (Volksgemeinschaft) muss gefördert werden. (2) Die äußeren Feinde müssen zu einem äußerst bedrohlich erscheinenden Feind zusammengefasst werden. Es galt also eine Beziehung zwischen den Feinden des Volkes herzustellen. 2
2.1 Semantik
Die drei großen Wortfelder, aus denen sich die Nationalsozialisten bedienten, waren zum einen der Sport, der naturwissenschaftlichtechnische Bereich und- besonders seit Kriegsausbruch - das Militär, die kriegerische Sprache.
Die Verwendung des Vokabulars aus dem sportlichen Bereich unterstrich die Wichtigkeit der körperlichen Ertüchtigung für das NS-Regime. Diese war weit wichtiger als die geistige Fitness des deutschen Volkes, denn wer weit rennt, dem fehlt die Zeit zum Innehalten und Nachdenken. Auch heute sprechen Politiker zum Beispiel von einer Regierungs-Mannschaft oder demonstrieren Nähe zu Sportlern. Gemein ist den Politikern von heute und damals die angestrebte Volksnähe in der Sprache. 3 Bei den Nationalsozialisten ging es jedoch zusätzlich um den Geist des Sports, etwa um das Wiederaufstehen in aussichtloser Lage. Propagandaminister Joseph Goebbels, der seine grausamsten Metaphern dem Boxsport 4 entnahm, kommentierte die vernichtende Niederlage in Stalingrad wie folgt:
„Wir wischen uns das Blut aus den Augen, damit wir klar sehen können, und geht es in die nächste Runde, dann stehen wir fest auf den Beinen.“ (Sept. 1943) 5
Als ein Jahr später der Luftkrieg über deutschen Städten tobt, sagt Goebbels:
2 vgl. Volmert, S.141
3 vgl. Bork, S.17
4 Der Boxer Max Schmeling gewann 1930 als erster Deutscher die Weltmeisterschaft im Schwergewicht. Nachdem er 1936 den bis dahin ungeschlagenen Amerikaner Joe Louis besiegte, veranstaltete die NSDAP bei seiner Rückkehr einen großen Triumphzug. Der Kampf löste eine große Begeisterung für den Boxsport aus.
5 zitiert nach Klemperer, S.256
3
„Ein Boxer pflegt nach Erringung der Weltmeisterschaft, auch wenn sein Gegner ihm dabei das Nasenbein gebrochen hat, nicht schwächer zu sein als vordem.“ 6
Goebbels kannte sich jedoch auch im Vokabular aus anderen Sportarten bestens aus. Um den Kriegsverlauf bis dahin zu charakterisieren schrieb Goebbels 1943: „Wir kämpften ausschließlich im gegnerischen Strafraum.“
Ein weiteres häufig bemühtes Wortfeld ist die Technik. Das Wort „gleichschalten“ etwa impliziert einen mathematisch-physikalischen Hintergrund. Der stets passive Gebrauch des Wortes zeigt die Passivität der Menschen bei dem Vorgang „Gleichschaltung“. Weitergehender ist die Herabsetzung beim nationalsozialistischen Gebrauch des Wortes „Material“, wie es Hitler vor Offiziersanwärtern benutzte, bzw. Goebbels in der Sportpalast-Rede:
„...was haben wir für ein Menschenmaterial verkommen lassen. Da steht hier geborenes Führermaterial...“ 7
„Wir brauchen die bolschewistischen Methoden schon deshalb nicht nachzuahmen, weil wir über das bessere Menschen- und Führungsmaterial verfügen ...“ 8
Hier handelt es sich um die absolute Entmenschlichung zumindest der Soldaten, wenn nicht aller Deutschen durch ihren „Führer“. Bork führt zudem das Nomen „Einsatz“ als Beispiel für die Technisierung der Sprache an. Eigentlich kommt ein Gerät zum Einsatz, über das unbegrenzt verfügt werden kann. „‚Volkstanzgruppen’ treten nicht mehr auf, sondern sie kommen zum ‚Einsatz’.“ 9 Sprachlich werden die Menschen so unbegrenzt verfügbar gemacht.
Ein weiteres gern bemühtes Wortfeld ist das dynamisch-militärische. Während das Militär erst seit Kriegsbeginn verstärkt bemüht wird, ist eine generelle Verrohung - besonders gegenüber den politischen Gegnern schon früh zu spüren. 1933 galt es, so Hitler im Reichstag,
6 zitiert nach Klemperer, S:258
7 A. Hitler am 25.01.1939. Zitiert nach Brackmann / Birkenhauer, S.127 8 J. Goebbels am 18.02.1943. Zitiert nach Grünert, S. 95
9 Bork, S.18
4
Kommunisten „restlos auszurotten und zu beseitigen“. 10 Ebenfalls häufig verwendete das Regime Worte, die Bewegung und Unruhe ausdrückten, wie „Volkssturm“, „Blitzkrieg“ oder „Machtübernahme“. Zu Verrohung und Dynamik kommt die militärische Sprache. „Millionenheere von Arbeitslosen“ 11 , „Zweifrontenkrieg gegen das Verderben“, „Eroberung der Wirtschaft“, „Erkämpfung des deutschen Volkes“ 12 oder „die ganze Nation wie eine geschlossene Truppe“ 13 sind nur wenige Beispiele. Durch diese martialische Wortwahl, auch in nichtmilitärischen Bereichen, wie der Arbeitslosigkeit, wird die Militarisierung des Lebens sprachlich begleitet. Die notwendige Begründung des permanenten Ausnahmezustandes während der NS-Diktatur konnte das Regime so ohne Argumentation durch Militarisierung der Sprache zumindest teilweise erreichen.
2.2 Superlativ
Geradezu inflationär war bei nationalsozialistischen Rednern der Gebrauch von Superlativen bzw. Elativen, womit sie ihre Monumental-Sucht zu befriedigen suchten. Die Häufigkeit des Superlativs und seine Häufung auf engstem Raum führen zu einer Verarmung der Sprache, da die Steigerungsmöglichkeiten des Adjektivs begrenzt werden. Der Komparativ wird quasi zur Grundstufe und seine ursprüngliche Stellung nimmt der Superlativ ein. 14
Das vergleichende Nomen im Nachfeld des durch ein superlativisches Adjektiv bewerteten Nomens ist in seiner Qualität häufig nicht zu übertreffen, etwa wenn Hitler von der „größte[n] Kundgebung aller Völker und Zeiten“ 15 spricht. Volmert zeigt eine Entwicklung zu immer extremeren Formen der Steigerung. So werde an Stellen, wo vorher ein Elativ gebraucht wurde („größten Taten“), verstärkt seit 1938 rein
10 Rede vom 23.03.1933. An diesem Tag wurde das Ermächtigungsgesetz verabschiedet. Zitiert nach Grünert, S.81
11 NSDAP-Wahlplakat. Zitiert nach Müller, S. 315
12 Zitiert nach Bork, S.20
13 A.Hitler am 10.11.1938. Zitiert nach v. Kotze/ Krausnick, S.283
14 vgl. Bork, S.43
15 Reichsparteitag 1937, zitiert nach Volmert S.151
Arbeit zitieren:
Andreas Graw, 2004, Der Sprachgebrauch der Nationalsozialisten, München, GRIN Verlag GmbH
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