Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Der Amerikanische Traum’ und der American Way of Life’ 5
2.1. Die Idee des Amerikanischen Traums 5
2.2. Edward Albees Kritik an der amerikanischen Gesellschaft 10
2.2.1. Der Amerikanische Traum im Werk Albees 10
2.2.2. Der American Way of Life’ im Werk Albees 18
2.2.3. Der American Way of Life’ in der Biographie Albees 26
3. Illusionen und Wege der Desillusionierung 34
3.1. Illusion und Wahrheit 34
3.2. Die Ebenen der Desillusionierung 38
3.2.1. Die Desillusionierung der Figuren 38
3.2.2. Die Desillusionierung des Publikums 44
4. Das absurde Theater im Werk Edward Albees 52
4.1. Merkmale des absurden Theaters 52
4.2. Edward Albee und das Theater des Absurden 56
5. Zusammenfassung 61
6. Bibliographie 64
7. Werkdaten Edward Albees 67
„We talk about the American Dream, and want to tell the world
about the American Dream, but what is that dream, in most ca-ses, but the dream of material things? I sometimes think that the
United States, for this reason, is the greatest failure the world
has ever seen” 1
Mit diesen Worten erklärt der amerikanische Dramatiker Eugene O’Neill das Konzept des Amerikanischen Traums für gescheitert. Doch mit dieser Ansicht steht er nicht allein. Seine Worte hätten auch von dem vierzig Jahre jüngeren Edward Albee stammen können, der ebenfalls der Auffassung ist, der einstige Amerikanische Traum habe seine anfänglichen Ideale eingebüßt und sei in erschreckender Weise mutiert. Auch Albees Werk ist merklich von einer scharfen Kritik an amerikanischen Gesellschaftsrichtlinien durchzogen, zu denen der Mythos des Amerikanischen Traums und das Konzept des ‚American Way of Life’, die tief in der amerikanischen Gesellschaft verwurzelt sind, zählen.
Die nachfolgende Arbeit beschäftigt sich nun mit den Bühnenstücken Edward Albees von 1958 an, dem Beginn seiner Karriere als Bühnenautor mit dem Einakter ,The Zoostory’, bis zum Jahre 2000, in dem er sein bisher letztes publiziertes Stück ,The Goat or, Who is Sylvia?’ schrieb 2 . Sie untersucht die Frage, welche Aspekte des amerikanischen Gesellschaftslebens er kritisiert und welchen Einfluss seine eigene Biographie darauf hat. Außerdem widmet sie sich der Geisteshaltung und den Thematiken, die Albees Werk zugrunde liegen und eng mit der existentialistischen Grundauffassung und den Themengebieten des absurden Theaters verbunden sind.
1 Keil 1968, S.12
2 Ausgenommen sind hiervon allerdings sämtliche Adaptationen Albees, da diese zunächst mit den
Originalen im Hinblick auf eigene und übernommene Ideen zu vergleichen wären um den Albeeschen
Anteil der dramatischen Arbeit herauszufiltern. Diese Analyse würde jedoch den Rahmen der Arbeit
sprengen.
Das erste Kapitel (2.) der Arbeit behandelt die Themen ‚Amerikanischer Traum’ und ‚American Way of Life’. Es zeigt wesentliche Elemente des schon früh in der amerikanischen Geschichte entstandenen Mythos und des damit verknüpften Lebenskonzepts auf und analysiert Albees Begriff dieser Utopie, der insbesondere in seinem Frühwerk zu finden ist. Weiterhin befasst es sich mit dem Einfluss, den Albees Kindheit und Jugend, in erster Linie das ‚amerikanische Leben’ seiner Adoptiveltern, die Beziehung zu seiner dominanten Adoptivmutter, die lieblosen familiären Beziehungen und das Verhältnis der Eltern zueinander, auf sein Schaffen ausgeübt hat. Das nachfolgende Kapitel (3.) geht nun auf den Aspekt der Illusion ein, die Teil der Utopie des Amerikanischen Traums ist, aber in Albees Bühnenstücken auch in anderem Kontext behandelt wird. Es analysiert das Verhältnis von Realität und Illusion und verdeutlicht Albees Konzept der Desillusionierung und Selbsterkenntnis auf Ebene der Figuren und auf Ebene des Publikums.
Das letzte Kapitel (4.) beinhaltet eine Analyse des Werks Albees hinsichtlich seiner Gemeinsamkeiten mit den Elementen des Theaters des Absurden wie sie Martin Esslin in seinem Werk ‚Das Theater des Absurden. Von Beckett bis Pinter’ festhält bzw. mit der existentialistischen Geisteshaltung, auf der diese Theatertheorie basiert. Es beschreibt zunächst die Grundlagen dieser Theorie und der existentialistischen Ideen und geht dann zu der Darstellung absurder Merkmale im Werke Albees, insbesondere im Hinblick auf sein Frühwerk, über.
4
Trotzdem eine eindeutige Definition des Begriffs ‚Amerikanischer Traum’ schwerfällt, da das Konzept dieser Utopie eine breite Palette an Projektionen, Hoffnungen und Lebensrichtlinien umfasst, sollen im nachfolgenden Kapitel jene Elemente aufgezeigt werden, die als wichtige Teilaspekte des Konzepts gelten und für die Analyse von Albees Frühwerk, in dem er sich hauptsächlich auf den Mythos des Amerikanischen Traums konzentriert, und einigen späteren Stücken mit ähnlichen Inhalten von Bedeutung sind. An diese Untersuchung knüpft sich eine Analyse, die versucht, die Kritikpunkte Albees am gegenwärtigen Konzept des Amerikanischen Traums und des ‚American Way of Life’ zu umfassen. Es folgt eine weitere Analyse im Hinblick auf Albees Biographie, deren Erfahrungen mit dem ‚American Way of Life’ sich ebenfalls im Werk des Autors wieder finden lassen.
Obwohl der Begriff des Amerikanischen Traums erst 1931 von James T. Adams in dessen Werk ‚The Epic of America’ mit der Definition „that dream of a better, richer and happier life for all our citizens of every rank“ 3 eingeführt wird, zeigen sich bereits seit der europäischen Besiedlung des nordamerikanischen Kontinents immer wieder Hoffnungen, Wünsche und Projektionen, die sich allgemein als Inhalt der Idee des Amerikanischen Traums begreifen lassen. Diese Idee umfasst zum Einen ideelle Aspekte wie Freiheit, Gleichheit aller und Glück, wie sie bereits 1776 in der ‚Dec-
3 Keil1968, S.6f.
5
laration of Independence’ mit den Worten „That all men are created equal; that they are endowed by their Creator with certain unalienable rights: that among these are life, liberty, and the pursuit of happiness“ 4 gefordert werden, und zum Anderen materielle Ziele wie Erfolg im Berufs-, Bildungs-und sozialen Leben und damit verbundenes Vermögen und Ansehen. Außerdem beinhaltet diese Idee das Selbstbild der amerikanischen Nation und das Bild, das diese von ihrem idealen Bürger entwirft. Aufgrund der Annahme, mit der Entdeckung Amerikas auch das ‚Gelobte Land’ entdeckt und für sich beansprucht zu haben, besitzt das amerikanische Volk, so Peter Freese in seinem Vortrag ‚The American Dream and the American Nightmare’, „the certainty that God has singled out America as his chosen country and has appointed the Americans to convert the rest of the world to true American-style democracy“ 5 . Als gottgewähltes Volk mit scheinbarer Unfehlbarkeit gibt sich die amerikanische Nation also eine Vorbildfunktion und den missionarischen Auftrag, die restliche Welt zu bekehren. Hinzu kommt das puritanisch gefärbte Bild des Amerikaners als Pionier, das Helmut M. Bream in ‚Edward Albee’ als amerikanischen Archetypus des paradiesischen Adams vor seinem Sündenfall bezeichnet 6 . Ähnlich dem Bild der ersten europäischen Einwanderer, die Amerika in der Hoffnung betraten, einen Neuanfang in der ‚Neuen Welt’ machen zu können und das alte, von Problemen geplagte, sündhafte Europa und so auch jede Vergangenheit hinter sich zu lassen, ist dieser „amerikanische Adam“ 7 eine Figur ohne Vergangenheit, d.h. ohne Erfahrungen und somit ein Symbol reiner Unschuld. Viele literarische Repräsentanten dieser Figur sind ungewisser Abstammung bzw. verwaist und leben ein unabhängiges Leben mit rustikalen, einfachen Zügen wie z.B. Mark Twains Charaktere Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Der amerikanische Adam gleicht dem idealisierten Bild des Pioniers, der die ‚Neue Welt’ betritt und ein Stück Land in Besitz nimmt, um es mit Hilfe seiner Hände Arbeit zu bebauen und ein freies Le-
4 Bailynet al. 1977, S.i
5 Freese 1987, S.19
6 vgl. Bream 1977, S.20f.
7 Bream 1977, S.21
6
ben zu führen. In der amerikanischen Literatur und später auch im amerikanischen Film wird diese Figur zu einem Heroen verklärt, der sündenfrei mit festem Gottesglauben, geradeheraus, voller Neugier und Hoffnung in eine strahlende, erfolgreiche Zukunft schreitet, deren Hindernisse er auf-grund seiner starken Persönlichkeit stets zu bewältigen weiß. Er wird zu einer Identifikationsfigur, deren Status im realen Leben jedoch nur schwer zu erfüllen ist, und rückt so in den Bereich unerfüllter Träume und Wünsche. Um diesen Traum greifbar zu machen, wird die Figur des adamitischen Amerikaners oftmals mit der Gestalt des ‚common man’, des ‚kleinen Mannes’ verbunden bzw. durch sie ersetzt. Da der ‚common man’ Mitglied der Middle Class ist und somit sein Lebensstandard dem Standard einer breiten Bevölkerungsschicht Amerikas entspricht, scheint es leichter, sich mit ihm zu identifizieren. Er fungiert als Leitbild für den angestrebten ‚American Way of Life’, die Vorstellung das eigene Leben im materiellen und sozialen Sinne so erfolgreich wie nur möglich zu führen, um den Amerikanischen Traum zu erfüllen. Literarisches Beispiel für einen erfolgreichen Absolventen dieser ‚Schule’ ist die Figur des wohlhabenden Geschäftsmannes Ben in Arthur Millers ‚Death of a Salesman’. Seine häufig wiederholten Worte „when I was seventeen I walked into the jungle, and when I was twenty-one I walked out. […] And by God I was rich” 8 drücken die Essenz des Konzepts ‘American Way of Life’ aus. Sie scheinen eine Empfehlung an jeden Amerikaner zu sein, risikofreudig das Glück in die eigenen Hände zu nehmen und mit zumindest der Möglichkeit auf Erfolg aus dem Nichts ein gewinnbringendes, zufrieden stellendes Leben aufzubauen. In einem ‚Land der unbegrenzten Möglichkeiten’ scheint jeder die gleichen Chancen zu haben, scheitert er trotzdem, ist dies auf persönliches Versagen zurückzuführen. So lässt auch Ben seinen Bruder Willy Loman, der hoffnungslos um ein Überleben in einer Gesellschaft ringt, deren Normen er als eigene Werte initialisiert hat, doch nicht erfüllen kann, spüren, dass er ohne Wagemut keinen Erfolg haben wird.
8 Miller 1984, S.51
7
Doch der Amerikanische Traum verspricht nicht nur den Erfolg des einzelnen Individuums, sondern auch die erfolgreiche dynamische Entwicklung der amerikanischen Nation als Ganzes. Ihren Anfang nimmt diese Entwicklung mit dem Vordringen der frühen amerikanischen Bevölkerung in den ‚Wilden Westen’. Der Kontinent wird erschlossen und die Grenze, „the frontier […] the borderline between the permanently settled areas and the virgin wilderness of the seemingly endless continent“
9
, wird immer weiter hinausgeschoben bis sie den Pazifik erreicht. Dass der Gedanke der Expansion noch bis ins 20. Jahrhundert hineinreicht, zeigt folgendes Zitat Freeses: „[John F., B.M.] Kennedy […] specified the frontier image by setting the nation the task of facing the challenge of Russian cosmonauts and of conquering the ‚open frontier of space’“
10
. In diesem Zitat wird zugleich die ‘Philosophie’ des Wettkampfs deutlich: Nicht nur das Individuum muss für seinen Erfolg kämpfen, auch die gesamte amerikanische Nation soll versuchen, sich im Rennen um die erste Mondlandung gegenüber der sowjetischen Regierung durchzusetzen. Neben dieser geographischen Ausweitung der Nation postuliert der Amerikanische Traum auch Entwicklungen im technischen und wissenschaftlichen Bereich, wie bereits die Konzentration auf die Raumfahrt im oben genannten Zitat belegt. Dieser zukunftsgerichtete Fortschrittsglaube wird mit einem nostalgischen Blick in die Vergangenheit verknüpft. Zahlreiche historische Ereignisse dienen, besonders im politischen Bereich, als Beleg für den Erfolg des Amerikanischen Traums. Sie repräsentieren mit der scheinbaren Verwirklichung der Utopie einen einstmals existenten Idealzustand, der wieder zu erreichen ist. Die amerikanische Geschichte, insbesondere die Gründerzeit mit ihrer erfolgreichen Ablösung vom britischen Empire und ihrer raschen Expansion Richtung Westen, dient dem amerikanischen Volk, so Hartmut Keil in seiner Dissertationsschrift
‚Die Funktion des ‚American Dream’ in der amerikanischen Gesellschaft’,
als „Reservoir […], aus dem die Lebenden aus-
9 Freese1987, S.30
10 Freese 1987, S.42
8
giebig schöpfen sollen, um sich für ihr Handeln in der Gegenwart inspirieren und anleiten zu lassen“ 11 .
In seiner politischen und sozialen Funktion gesehen gleicht das Konzept des Amerikanischen Traums dem Mythos einer Kultur, der, wenn auch auf puritanischen Wurzeln gründend, nicht unbedingt religiösen Glauben ersetzt, so doch der „heterogenen amerikanischen Gesellschaft als einheitlicher, emotionaler Bezugspunkt“ 12 dient. „Er ist somit das Prinzip der Homogenität, […] das oberste Wertesystem, an dem sich die amerikanische Gesellschaft orientiert und ohne das sie ihren Charakter verlöre“ 13 . Der amerikanische Bürger, der auf den Amerikanische Traum vertraut, tut dies also aus rein emotionalen Gründen, von der Hoffnung geleitet, der Traum möge Wirklichkeit werden. Er identifiziert sich außerdem über diesen Traum mit seinen Mitbürgern, die ebenfalls ihre Hoffnungen auf diese Utopie ausrichten, und empfindet das Gefühl der Zusammengehörigkeit auf-grund gemeinsamer Wertvorstellungen und Lebensrichtlinien. Es entsteht das Gefühl, eine Nation zu sein. Diese Einigkeit wird durch die starke Abgrenzung Amerikas von anderen Staaten und die relativ schnelle Entwicklung von nationalen Feindbildern unterstrichen. Das Konzept des Amerikanischen Traums umfasst laut Freese die „idea of history as a battle of the good against the bad forces“ 14 . Es beinhaltet “the early Puritans’ fear of the intervention of some mysterious evil in the godly American experiment” 15 . Diese Furcht und die gedankliche Trennung zwischen dem ‘guten’ Amerika und den ‘bösen’, bedrohlichen Mächten außerhalb haben sich bis in die heutige Zeit hinein gehalten. Noch im 20. Jahrhundert sprechen Präsidenten wie Ronald Reagan von „the Soviet Union as the seat of evil“ 16 und der gegenwärtige amerikanische Präsident George W. Bush bezeichnet Nord-Korea, Iran und Irak als die „Achse des Bösen“ 17 .
11 Keil 1968, S.57
12 Keil 1968, S.33
13 Keil 1968, S.33f.
14 Freese 1987, S.12f.
15 Freese 1987, S.12
16 Freese 1987, S.13
17 vgl. www.satiricum.de
9
2.2. Edward Albees Kritik an der amerikanischen
Die Dramen Edward Albee setzen sich allesamt, teilweise intensiver, teilweise nur am Rande, mit der ‚typischen’ amerikanischen Lebensart ausein-ander. Er kritisiert in ihnen den Verfall der früheren Ideen des Amerikanischen Traums und den oberflächlichen ‚American Way of Life’. Die chronologische Entwicklung seines Werks zeigt, dass Albee sich zunächst eher auf das Konzept des Amerikanischen Traums konzentriert und dann seine Aufmerksamkeit mehr und mehr auf die weit umfassende Kritik gesellschaftlicher Lebensrichtlinien lenkt, wobei seine eigene Biographie beträchtlichen Einfluss auf sein Schaffen ausübt.
2.2.1. Der Amerikanische Traum im Werk Albees
Das Frühwerk Edward Albees, beginnend mit ‚The Zoostory’ und endend mit ‚Who’s afraid of Virginia Woolf?’, zeigt eine offensive Kritik des Au-tors an der Utopie des Amerikanischen Traums. In der Sicht Albees ist der einstige Mythos pervertiert, die Ideale der Freiheit, der Chancengleichheit und der wahrhaftigen Moral sind dem skrupellosen Streben nach wirtschaftlichem Erfolg, sozialem Ansehen und technologischem Fortschrittsglauben endgültig gewichen. Sie werden reduziert und verstümmelt, durch oberflächliche, konformistische Werte und eine doppelseitige Moral ersetzt oder vollkommen verdrängt. Trotzdem sie diese Transformation des einstigen Amerikanischen Traums selbst herbeigeführt hat, durchschaut die amerikanische Gesellschaft die Falschheit dieses Trugbilds in den Augen Albees nicht. So macht er es sich zur Aufgabe, in einer sehr klaren und direk-
10
ten Form auf diesen Missstand hinzuweisen. In seinen frühen Werken, insbesondere in den aufgrund ihrer Inhalte als Trilogie aufzufassenden Stücken ‚The Sandbox’, ‚The American Dream’ und ‚Who’s afraid of Virginia Woolf?’, stellt er die Dekonstruktion des einstigen Mythos des Amerikanischen Traums durch die amerikanische Gesellschaft dar und überführt den sich aus dieser Reduktion ergebenden neuen Traum letztendlich als oberflächlich und falsch.
In ‚The American Dream’ berichtet die Figur Grandma, dass ihre Tochter, genannt Mommy, und ihr Schwiegersohn Daddy einst ein Kind adoptierten, um die Leere ihres unerfüllten Lebens zu füllen. „They wanted satisfaction“ 18 und so haben sie sich ein Kind gekauft, in der Hoffnung durch dessen Existenz Befriedigung bzw. einen Sinn für ihr eigenes Dasein zu erhalten. Doch als sie feststellten, dass sich das Kind wider ihren Erwartungen verhielt, begannen sie, dass Kind zu verstümmeln bis es letztendlich starb. Als später im Stück eine weitere Figur, Young Man, erscheint und Grandma erzählt, dass er nach der Geburt von seinem identischen Zwillingsbruder getrennt wurde und dann im Laufe seines Lebens immer wieder plötzliche, hauptsächlich körperliche Schmerzen auftraten, die ihn kontinuierlich abstumpfen ließen, bis er schließlich keinerlei Emotionen mehr besaß, wird deutlich, dass das von Mommy und Daddy verstümmelte Kind sein Zwilling gewesen ist und er dessen Schmerzen miterlebte. Das Zwillingspaar bzw. der überlebende Young Man ist ein Sinnbild für den reduzierten Amerikanischen Traum und so lässt auch Albee ihn von Grandma als „American Dream“ 19 bezeichnen. Tatsächlich entspricht er mit seiner attraktiven, athletischen Gestalt äußerlich dem Bild des den Amerikanischen Traum erfüllenden, jugendlichen, unschuldigen amerikanischen Adam - er beschreibt sich selbst in Art einer Werbekampagne als „Clean cut, midwest farm boy type, almost insulting good-looking in a typically American way. Good profile, straight nose, honest eyes, wonderful
18 The American Dream, Albee 1981, S.198
19 The American Dream, Albee 1981, S.208
11
smile“ 20 -, doch innerlich ist er leer und „disemboweled“ 21 . Wie der Mythos des Amerikanischen Traums hat er seine äußere Attraktivität behalten, doch seine grundlegenden Inhalte und Werte aufgrund der Verstümmelung durch die amerikanische Gesellschaft, repräsentiert durch Mommy und Daddy, verloren. Allerdings ist er nicht nur Opfer dieser Gesellschaft, sondern verhält sich in ihr kongruenter Weise: Er fühlt eine ebensolche Leere wie Mommy und Daddy und versucht diesen Zustand durch ein materialistisches Streben aufzuheben bzw. zu überdecken. So sagt er z.B. „I’ll do almost anything for money“ 22 und beweist damit, dass auch er in seiner Emotionslosigkeit ideellen Werten keine Bedeutung mehr beimisst. Neben der Darstellung des dekonstruierten Amerikanischen Traums zeigt sich am Beispiel des Young Man auch die Funktion des Mythos des Amerikanischen Traums für die Gesellschaft. Er dient den Figuren Mommy und Daddy als Ausgleich der unerklärlichen Leere, die sie empfinden und die Daddy mit den Worten „That’s the way things are today; you just can’t get satisfaction; you just try“ 23 eingesteht und Mommy daraufhin für sich heftig dementiert, indem sie betont „I can get satisfaction, but you can’t“ 24 . Doch der gemeinsame Wunsch nach einem Kind, dem „bumble of joy“ 25 , wie es Grandma nennt, weist, ebenso wie die aggressive Verstümmelung nachdem sich die ersehnte Erfüllung nicht einstellt, darauf hin, wie sehr auch Mommy hofft, durch die Erreichung des Amerikanischen Traums die innere Leere zu füllen. Im Sinne Albees handelt es sich hierbei jedoch nur um eine oberflächliche Befriedigung, denn als Mommy und Daddy glücklich den Amerikanischen Traum in Gestalt des Young Man adoptieren, lässt er Grandma, die die ‚Zusammenführung’ der amerikanischen Gesellschaft mit ihrem pervertierten Mythos arrangiert hat, das Stück mit den Worten „everybody’s got what he wants … or everybody’s got what he
20 The American Dream, Albee 1981, S.207
21 The American Dream, Albee 1981, S.216
22 The American Dream, Albee 1981, S.209
23 The American Dream, Albee 1981, S.155
24 The American Dream, Albee 1981, S.155
25 The American Dream, Albee 1981, S.196
12
thinks he wants“ 26 schließen. Es handelt sich also nur um scheinbares Glück, das die Figuren, bis auf Grandma, in ihrer Naivität und aufgrund der Tatsache, dass sie die Vorstellung der reduzierten Fassung des Amerikanischen Traums als letztendliches Heil bereits internalisiert haben, in seiner Oberflächlichkeit nicht mehr erkennen. Die inhaltliche Leere des Amerikanischen Traums unterstreicht Albee, der mit Alan Schneider, dem Bühnenbildner der Uraufführung in New York 1961, gemeinsam an der Dekoration der Inszenierung gearbeitet hat, indem er dem bereits im Stücktext beschriebenen sterilen Wohnzimmer Mommys und Daddys in der Inszenierung „an empty gilt picture frame with two crossed American flags on top of it“ 27 hinzufügt. So wird auch visuell deutlich, dass Mommy und Daddy nur eine rein oberflächliche Erfüllung durch den Amerikanischen Traum anstreben und ihr Leben inhaltslos aber patriotisch ist. Den Entwurf des reduzierten Amerikanischen Traums greift Albee in dem späteren Dreiakter ‚Who’s afraid of Virginia Woolf?’ noch einmal in zweierlei Form auf. Zum Einen in der Figur des zukunftsorientierten Biologen Nick, zum Anderen in der Figur des imaginären Sohnes der beiden Hauptfiguren Martha und George. Der junge, erfolgsorientierte Nick erscheint als Verkörperung des erreichten Amerikanischen Traums: Er ist „Blond, well-put-together, good-looking“ 28 , hat mit seinen achtundzwanzig Jahren - er unterschlägt zwei Jahre - Aufstiegschancen in der biologischen Fakultät, führt eine scheinbar harmonische Ehe und hat auch im finanziellen Bereich ausgesorgt. Im Laufe des Stücks wird die Idylle dieses Lebens jedoch von George entlarvt. Es stellt sich heraus, dass Nick seine Frau Honey nur aufgrund einer Scheinschwangerschaft und ihres geerbten Vermögens geheiratet hat. Die Harmonie seiner Ehe, die Honey stets betont, indem sie erklärt, wie stolz sie auf sein frühes Examen, seinen Titel als „intercollegiate state middleweight champion“ 29 und seinen „very … firm bo-
26 TheAmerican Dream, Albee 1981, S.230
27 Stenz 1976, S.31
28 Who’s afraid of Virginia Woolf?, Albee 1981. S.9
29 Who’s afraid of Virginia Woolf?, Albee 1981, S.37
13
dy“ 30 ist, ist also ebenso wie die Eigenschaften, für die Honey schwärmt, rein äußerlich und oberflächlich und Nick selbst offenbart sich als unehrlich. Da er den Amerikanischen Traum repräsentiert, erscheint auch dieser nun als inhaltslos und aufgrund der bewussten Vortäuschung falscher Tatsachen zugleich als untragbar. Der imaginäre Sohn, den Martha und George als Substitut für das aufgrund ihrer beiderseitigen Unfruchtbarkeit nie tatsächlich geborene Kind erschaffen, gleicht eher der unschuldigen, adamitischen Figur des Young Man in ‚The American Dream’ als dem bewusst agierenden Nick. Auch er ist oberflächlich betrachtet mit seiner makellosen Schönheit, den grünen Augen, seiner Sonnenbräune und dem flachsfarbenen Haar 31 das rustikale Abbild des amerikanischen Adam, der Personifizierung des Amerikanischen Traums. Doch im Gegensatz zu Young Man ist er innerlich nicht abgestumpft, er lebt in ständiger Furcht, einer Furcht, für die sich die ‚Eltern’ gegenseitig verantwortlich machen, während sie die Liebe des Kindes zu sich selbst preisen. Der Sohn „turned into a weapon“ 32 mit der nicht nur Martha George bekämpft, wie er es ihr in der zitierten Replik vorwirft, sondern die auch George benutzt, um Martha mit ihren Schwächen und Lastern zu konfrontieren. Der Amerikanische Traum wird in diesem Kontext nicht nur reduziert, sondern seine innere Zerrissenheit offen aufgezeigt und er selbst schließlich unwiederbringlich zerstört, da George den imaginären Sohn sterben lässt. Im Gegensatz zu Mommy und Daddy sind sich die Figuren in ‚Who’s afraid of Virginia Woolf?’ der Künstlichkeit des pervertierten Amerikanischen Traums, in dem sie ihre Erfüllung suchen, bewusst, so dass sie sich zumindest von dem Streben nach falschen Idealen freisprechen können. In diesem Kontext erscheint das Stück als Appell an das (amerikanische) Publikum, die gegenwärtige Version des Amerikanischen Traums in ihrer Falschheit zu durchschauen und sich auf einstige Werte des Mythos rückzubesinnen, denn auch die Erinnerungen Marthas und Georges an die Geburt ihres Sohnes sind positiv geprägt, „It was an easy birth, once it had
30 Who’s afraid of Virginia Woolf?, Albee 1981, S.38
31 vgl. Who’s afraid of Virginia Woolf?’, Albee 1981, S.128f.
32 Who’s afraid of Virginia Woolf?, Albee 1981, S.131
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M.A. Britta Mannes, 2004, Edward Albee und der Amerikanische Traum, München, GRIN Verlag GmbH
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