Inhalt
0. Einleitung
1. Zachar Pavlovič
1.1. Zeit vor Sašas Aufbruch
1.2. Erstes Čevengur
2. Aleksandr Dvanov
2.1. Verschiedene Schauplätze
2.2. Zweites Čevengur
3. Čepurnyj
3.1. Erstes Čevengur
3.2. Zweites Čevengur
4. Prokofij Dvanov - Aleksandr Dvanov
5. Zusammenfassung
Literaturverzeichnis
2
0. Einleitung
In der folgenden Arbeit sollen die einzelnen Kommunismuskonzepte einiger Hauptfiguren in Čevengur untersucht werden. Durch die Arbeit wird die These führen, dass die individuelle Entwicklung der Standpunkte der Figuren im Dialog geschieht, deren Umsetzung jedoch am Ende scheitern muss. Die Behauptung wird aufgestellt, dass Čevengur ein antiutopisches Werk ist, das gemäß der festgestellten Genrecharakteristika einer Antiutopie nach Mørch 1 die Utopie einer kommunistischen Gesellschaft konsequent widerlegt. Seifried geht noch weiter und betrachtet den Roman Čevengur als Parodie einer Revolutionsromantik, dessen politische Standpunkte die Gleichsetzung der Exzesse des Bürgerkriegs mit denen des Stalinismus einbeziehen. Es spiegele sich ganz klar eine Antipathie gegenüber der utopischen Idee des Kommunismus. 2
Die Untersuchung folgt Hodel 3 bei der inhaltlichen Gliederung des Werkes in drei Phasen der Entwicklung der Čevengurischen Kommune: Zunächst beschäftigt sich Platonov mit diffusen Ansätzen zu einer Utopie und lässt die Handlung an verschiedenen Schauplätzen stattfinden. Darauf folgt eine Schilderung des „ersten Čevengur“ 4 , das von Prokofij Dvanov und Čepurnyj geleitet wird. Der dritte Teil des Romans befasst sich mit der Erzählung von der „Dvanovschen Gemeinschaft“, dem so genannten „zweiten Čevengur“, das mit der Ankunft Aleksandr Dvanovs in Čevengur beginnt.
1 Vgl. Mørch, Audun J., The Novelistic Approach to the Utopian Question. Platonov’s
Čevengur in the Light of Dostoevskij’s Anti-Utopian Legacy, Oslo 1998.
2 Vgl. Seifried, Thomas, Andrei Platonov. Uncertainties of spirit, Cambridge 1992,
Cambridge Studies in Russian Literature, S. 103.
3 Hodel, Robert, Erlebte Rede bei Andrej Platonov: von „V zvezdnoj pustyne“ bis
„Čevengur“, Frankfurt a. M. 2001.
4 Bezeichnung nach Hodel
3
In dieser Arbeit werden die Ausgangspunkte, wesentliche Entwicklungsko-ordinaten und die Schlusspositionen für folgende Figuren betrachtet: Zachar Pavlovič, Aleksandr Dvanov und Čepurnyj. Die Beschränkung auf diese vier Figuren liegt darin begründet, dass ihnen individuelle Ideologien zueigen sind, deren Gegenüberstellung lohnenswert scheint. Zachar Pavlovič nimmt teilweise die Rolle eines unabhängigen Beobachters ein. In der Sekundärliteratur wird Zachar Pavlovič mitunter als die Figur angesehen, die der impliziten Stimme des Autors am nächsten steht, weshalb die Analyse seiner Standpunkte in diese Arbeit aufgenommen wurde.
Von Interesse scheinen die Figurenkonstellationen im Romanverlauf zu sein: In der Čevengurer Gemeinschaft erfordert insbesondere die Gegenüberstellung von Prokofij und Saša Dvanov eine genauere Analyse. Die Verfasserin dieser Arbeit folgt der Meinung Hans Günthers 5 , dass: (…) die Figuren Platonovs in keiner Weise psychologisch-charakterlich individualisiert sind, sondern Personifikationen bestimmter weltanschaulicher Positionen darstellen. Der Roman enthält keine realistischen Personenbeschreibungen, so daß es unmöglich ist, sich von den Figuren ein konkretes Bild zu machen.
5 Günther, Hans, Andrej Platonov: Unterwegs nach Tschewengur, in: Berghan, Klaus L.,
Seeber, Hans Ulrich (Hgs.), Literarische Utopien von Morus bis zur Gegenwart,
Königstein/Ts. 1983, S. 197.
4
1. Zachar Pavlovič
1.1. Zeit vor Sašas Aufbruch
Zachar Pavlovič wird häufig als die „Stimme“ des abstrakten Autors verstanden, da er im Gegensatz zu den anderen Figuren auftretende Geisteshaltungen und Überzeugungen hinterfragt und diskutiert. Seine Dialektik scheint jedoch erst entwickelt, nachdem er Saša Dvanov getroffen hat, wie auch seine Nächstenliebe sich erst nach dem Zusammentreffen mit Prokofij Dvanov konstituiert. Ausgangspunkt für diese Figur ist die Besonderheit, dass nur Erzeugnisse in ihm empathische Gefühle auslösen können; Menschen interessieren ihn nicht, da er sie nicht braucht: Zachar Pavlovič žil, ni v kom ne nuždajas’ (…)Zachar Pavlovič uvažal ugol’, fasonnoe železo, - vsjakoe spjaščee syr’e i polufabrikat, no dejstvitel’no ljubil i čuvstvoval liš’ gotovoe izdelie - to, vo čto prevratilsja posredstvom truda čelovek i čto dal’še prodolžaet žit’ samostajatel’noj žizn’ju. (35)
Bizarr wirkt an dieser Stelle die evozierte Ähnlichkeit zum Aufziehen eines Kindes, das, sobald erwachsen, „selbstständig weiterleben“ würde. An Zachar Pavlovič zeigt sich auch das den Roman begleitende Motiv des Ablehnens der menschlichen Fortpflanzung. Selbst nach der familiären Bindung an Saša als Pflegevater interessiert er sich nicht für seine Frau, die er sich nur gesucht hat, um nicht allein zu sein. Seine gesellschaftliche Utopie sieht den unendlichen Bedarf nach Apparaten und Maschinen vor, da Maschinen aufgrund einer Ahnung des menschlichen Herzens erfunden würden: „Po slovam Zachara Pavloviča vychodilo, čto um - ėto slabosudnaja sila, a mašiny izobreteny serdečnoj dogadkoj čeloveka.“ (56) Hier lässt sich eine Position feststellen, die ihn in die ideelle Nähe von Fedorov rückt:
5
Die Aufgabe des Menschen besteht in der Umwandlung alles Geborenen, alles von selbst Entstandenen, Erzeugten und deshalb Sterblichen in Erarbeitetes und deshalb Unsterbliches. (Fedorov 1982, 452)
Für Zachar Pavlovič bildet die Um- bzw. Verformung der Natur die Seinsgrundlage: „dlja Zachara Pavloviča - priroda, ne tronutaja čelovekom, kazalas’ maloprelestnoj i mertvoj: bud’ to zver’ ili derevo.“ (37) Konstruktionen erscheinen ihm also als progressiv. Das Leben gemäß den Naturgesetzen empfindet er als reaktionäre „Erstarrung“:
Zachar Pavlovič polagal, čto ėti ravnomernye sily vsju zemlju deržat v ocepenenii, - oni s zadnego choda dokazyvali umu Zachara Pavloviča, čto ničego ne izmenjaetsja k lučšemukakimi byli derevni i ljudi, takimi i ostanutsja. (39) Durch das Zusammentreffen mit Prokofij und Saša und die Übernahme der Rolle als Pflegevater für Saša nimmt er jedoch Empathiegefühle wahr. Schien sein Lebenszweck lediglich darin zu bestehen, Erzeugnisse herzustellen, so kann hier eine Verlagerung zu stärkerer Selbstwahrnehmung festgestellt werden, so dass die grundlegende Idee des Kommunismus, der Brüderlichkeit unter den Menschen, plötzlich Teil seines Bewusstseins wird:
Ničto ne tronulo Zachara Pavloviča v sledujuščie gody.Tol’ko po večeram, kogda on gljadel na čitajuščego Sašu, v nem podnimalas’ žalost’ k nemu. (…) No Zachar Pavlovič ničego ne govoril, chotja v nem postojanno ševelilos’ čto-to prostoe, kak radost’, no um mešal ej vyskazat’sja. On toskoval, o kakoj-to otvlečennoj, uspokoitel’noj žizni na beregach gladkich ozer, gde by družba otmetila vse slova i vsju premudrost’ smysla žizni. (52)
Nach der Revolution plant er, zusammen mit Saša in eine Partei einzutreten, die volksnah sei und für die Glückseligkeit arbeite. (56) Seine politische Auffassung macht er explizit in der Unterhaltung mit dem Vertreter jener Partei, in die er erwägt, einzutreten: „- Imuščestvo nado unizit’’, - otkryl Zachar Pavlovič. - A ljudej ostavit’ bez prizora - k lučemu obojdetsja, ejbogu, pravda!“ (59) Das Interessante ist hierbei die Position, der politischen
6
Arbeit zitieren:
Anke Kell, 2006, Kommunismuskonzepte ausgewählter Figuren in Andrej Platonovs Chevengur, München, GRIN Verlag GmbH
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