Übersichtsteil 1
Inhaltsverzeichnis
Teil I: Übersichtsteil
Inhaltsverzeichnis 1
Tabellenverzeichnis 3
Abbildungsverzeichnis. 4
1 Einleitung und Fragestellungen. 5
Teil II: Theoretischer Teil
2 Der Sportverein als Organisation 7
2.1 Strukturmerkmale des Sportvereins 9
2.2 Empirische Sportvereinsforschung. 12
3 Trends und Entwicklungen im Sport und Sportverein 16
3.1 Demographische Entwicklung 17
3.2 Konkurrenzsituation 18
3.3 Motivlage. 20
3.4 Mitgliedersituation 21
3.5 Finanzsituation 22
3.6 Sportvereinsentwicklung 24
4 Freizeit- und Breitensport 29
4.1 Breitensportentwicklung im Deutschen Sportbund. 31
4.2 Fußball als Freizeitsport- und Breitensport 33
5 Exkurs: Sportverbundenheit im Alter. 36
6 Fußballvereine heute 40
6.1 Mitgliederstruktur. 40
6.2 Selbstbild 42
Teil III: Methodischer Teil
7 Erhebungsstrategie und Untersuchungsinstrument 44
7.1 Fragebogenkonstruktion 44
7.2 Zeitplan der Untersuchung. 45
7.3 Auswertungsverfahren 46
7.4 Stichprobenbeschreibung und Rücklauf 47
Übersichtsteil 2
Teil IV: Empirischer Teil
8 Strukturmerkmale deutscher Fußballvereine 49
8.1 Größe und Abteilungszahl der Fußballvereine. 49
8.2 Alter der Fußballvereine. 50
9 Mitgliederstruktur. 53
9.1 Art der Mitgliedschaft und Altersstruktur 53
9.2 Entwicklung der Mitgliedszahlen 55
9.3 Ältere im Fußballverein 56
10 Angebote der Fußballvereine. 61
10.1 Veränderung des Sportangebots 62
10.2 Fußballspezifische Angebote 67
10.3 Wahrnehmung der Sportangebote durch Ältere. 69
10.4 Außersportliche Angebote. 72
11 Organisationsstruktur 73
11.1 Zielsetzungen. 73
11.1.1 Zieldimensionen 76
11.2 Aufgaben. 78
11.2.1 Arbeitsinhalte 80
11.3 Innere Strukturen 81
11.3.1 Kooperationen. 84
11.3.2 Inneres Verhältnis 87
11.4 Probleme. 88
12 Freizeit- und Breitensport 90
12.1 Interesse 90
12.2 Erwartungen. 91
12.3 Hilfestellungen 93
12.4 Erfolgsfaktoren 94
13 Strukturtypologie 97
Teil V: Schlussteil
14 Zusammenfassung und Diskussion. 100
14.1 Strukturen 100
14.2 Mitglieder 101
14.3 Ältere. 101
14.4 Angebote. 102
14.5 Organisation. 104
15 Fazit und Ausblick 105
16 Literaturverzeichnis 107
17 Anhang 116
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Strukturvariablen von Sportvereinen mit und ohne Fußballangebot 40
Tabelle 2: Mitglieder über 60 Jahre in ausgewählten
Tabelle 3: Untersuchungszeitplan
Tabelle 4: Übersicht über Stichprobengröße und Rücklauf Tabelle 5: Vereinsgröße nach Mitgliederzahlen Tabelle 6: Vereingröße nach Spartenanzahl und Mitgliederzahlen Tabelle 7: Durchschnittliche Mitgliederzahl und Anteil über60-Jähriger nach Alter der Vereine 51
Tabelle 8: Fußballvereine und Bevölkerungsverteilung nach Gemeindegröße 52
Tabelle 9: Übersicht über die Aktiv- und Passivmitglieder nach Geschlecht 53
Tabelle 10: Übersicht über die Aktivmitglieder nach Alter und Geschlecht 54
Tabelle 11: Übersicht über den Anteil der regelmäßig Sport treibenden Mitglieder 55
Tabelle 12: Übersicht der Anteile der über60-Jahrigen 57
Tabelle 13: Die am häufigsten genannten Sportangebote der Fußballvereine 62
Tabelle 14: Übersicht der Strukturdaten
Tabelle 15: Nutzung des Sportangebots durch Ältere
Tabelle 16: Übersicht über die regelmäßigen
Tabelle 17: Rangfolge der Vereins- und Abteilungsziele
Tabelle 18: Ziel-Dimensionen
Tabelle 19: Rangfolge der Vereins- und Abteilungsaufgaben Tabelle 20: Rangfolge der Arbeitsinhalte Tabelle 21: Rangfolge der Aussagen zur Vereinsstruktur Tabelle 22: Struktur-Dimensionen Tabelle 23: Häufigkeit der Kooperationen Tabelle 24: Kooperations-Dimensionen Tabelle 25: Rangfolge der Problemfelder Tabelle 26: Rangfolge der Funktionen von
Tabelle 27: Rangfolge der gewünschten Hilfestellungen
Tabelle 28: Mittelwerte der Dimensionen der fünf Cluster Tabelle 29: Mittelwerte ausgewählter Variablen
Tabelle 30: Rotierte Komponentenmatrix für Vereinziele
Tabelle 31: Rotierte Komponentenmatrix für Vereinsstrukturen Tabelle 32: Rotierte Komponentenmatrix für Kooperationen Tabelle 33: Rotierte Komponentenmatrix für Arbeitsinhalte Tabelle 34: ANOVA ausgewählter Variablen nach Clusterzugehörigkeit 118
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Vier Leistungssysteme oder Sektoren der modernen Gesellschaft 8
Abbildung 2: Motive für das Sporttreiben (Erwachsene 35 Jahre und älter) 21
Abbildung 3: Mehrebenenmodell der Erklärungsansätze von Entwicklungen im Sportverein 26
Abbildung 4: Erklärungsmodelle zur Einordnung des Freizeit- und Breitensports 29
Abbildung 5: Schematische Darstellung des Freizeit- und Breitensports im Fußballverein 33
Abbildung 6: Entwicklung der Mitgliederzahlen des Freizeit- und
Abbildung 7: Faktoren der Sportverbundenheit im Alter Abbildung 8: Prozess der Verhaltensänderung Abbildung 9: Anteil der häufig Fußballspielenden 2002 in Altersgruppen 42
Abbildung 10: Mitgliederentwicklung in den letzten fünf Jahren nach Altersgruppen 56
Abbildung 11: Anteil der Vereine, die in den jeweiligen Altersgruppen keine Mit- glieder mehr aufnehmen können 58
Abbildung 12: Anteil der Vereine , die in den jeweiligen Altersgruppen keine aktive Mitgliederwerbung betreiben 59
Abbildung 13: Übersicht der in den letzten fünf Jahren aufgenommen Sportprogramme 64
Abbildung 14: Übersicht der in den letzten fünf Jahren gestrichenen
Abbildung 15: Zielsetzungen in Sportvereinen
Abbildung 16: Zielprofile der Fußballvereine in Abhängigkeit der Abteilungszahl (z-Werte) 77
Abbildung 17: Wichtigkeit der Aufgaben in Fußballvereinen
Abbildung 18: Profil der Strukturdimensionen der Fußballvereine Abbildung 19: Kooperationsprofil
Abbildung 20: Prozentsätze der Zielgruppen nach Altersgruppen,
Abbildung 21: Erfolgsgründe guten Freizeit- und Breitensports Abbildung 22: Mittelwerte der fünf Cluster nach z-Transformation
1 Einleitung und Fragestellungen
Bisherige Ergebnisse der Vereinsforschung und Bestandserhebung lassen für den gesamten Bereich der Angebote in Sportvereinen den Schluss zu, dass das Potenzial und die Bedeutung der Gruppe der älteren Mitbürger noch nicht den gewünschten und benötigten Einzug in die Praxis, aber auch in die Theorie (z.B. Vereinssatzung), gefunden hat. Deutlich wird dies aus dem Fazit der Arbeitsgruppe um EMRICH mit den Ergebnissen der FISAS 1 1996. „Aus der Darstellung der Angebotes bzw. des Sportvereins nach außen kann jedenfalls nur begrenzt […] auf das Vorhandensein spezifischer Angebote für Ältere geschlossen werden“ (PITSCH et al. 2001, S.317). Deutsche Fußballvereine sehen sich im gleichen Maße den gesellschaftlichen Anforderungen gegenübergestellt.
„Nach 2000 müssen sich [die] Vereine auf bedeutende Veränderungen der Altersstrukturen in unserer Gesellschaft einstellen. […] Die Älteren sind deshalb eine äußerst wichtige Zielgruppe für Fußballvereine. Wer sich um künftige Trends kümmert, muss der wachsenden Zahl älterer Menschen große Aufmerksamkeit schenken!“ (FUßBALLVERBAND RHEINLAND E.V., 2000, S.25).
Aus diesem Fazit folgern die Fragestellungen der vorliegenden Arbeit. Es soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit sich Fußballvereine als Organisationsformen verstehen, die sich an den Interessen und Möglichkeiten älterer Mitbürger orientieren. Somit stellen sich die Fragen, in welcher Form Freizeit- und Breitensport durch Fußballvereine undabteilungen angeboten und unterstützt wird und welche Strukturen förderlich oder hinderlich sind. Im speziellen werden Fragen zum Umfang der Organisation Älterer in Fußballvereinen beantwortet, d.h. in welcher Form und in welchem Umfang Angebote für Ältere in Fußballvereinen bestehen und wie sie wahrgenommen werden.
1 FISAS bedeutet Finanz- und Strukturanalyse der Sportvereine.
Es handelt sich hier nicht um einen hypothesenprüfenden Ansatz, sondern um eine organisationsbezogene Bestandsaufnahme, die die Auftretenshäufigkeit verschiedener Formen der Phänomene des „Sports Älterer in Fußballvereinen“ und von „Breitensportangeboten in Fußballvereinen“ aufzeigen soll. Die Grundlage bildet eine schriftliche Befragung von Organisationsvertretern der Fußballvereine; über die Einschätzung der Situation durch Sport ausübende Personen wird keine Aussage gemacht (vgl. PITSCH, EMRICH, PAPATHANASSIOU, 2001, S.306).
2 Der Sportverein als Organisation
Eine Organisation ist ein soziales Gebilde, das sich als ein bewusst geplantes und zweckbezogen gestaltetes Konstrukt verstehen lässt. Jede Organisation entwickelt eine charakteristische Organisationskultur, die durch eine eigene Philosophie und eigene Wertorientierungen gekennzeichnet ist. Im Sport sind die Aspekte der sozialen Einbindung der Mitglieder, der Kommunikation und Außendarstellung spezifisch von anderen Organisationsformen abgrenzbar. Sportvereine stellen als freiwillige Vereinigungen einen Sondertypus dar, der die Elemente bürokratischer Organisationen und von Kleingruppen zu einem Gebilde im Rahmen des Sports zusammenfasst (vgl. HEINEMANN in RÖTHIG ET AL., 2003, S.417). Für die empirische Erforschung von Sportvereinen als Strukturtyp einer freiwilligen Vereinigung hat sich das Konzept und Modell der vier Leistungssysteme der modernen Gesellschaft bewährt (STROB, 1999, 45ff). In diesem Konzept werden die Bereiche Staat und Markt vom Dritten Sek-tor und der informellen Sphäre abgegrenzt und bilden vier unterschiedliche Sektoren, die sich durch eine jeweils eigene Zielsetzung und Handlungslogik sowie spezielle Steuerungsmedien auszeichnen (s. Abbildung 1). Der Staat, der den allgemeinen Rahmen des Zusammenlebens absichert, produziert die öffentlichen Güter und erreicht einen allgemeinen Nutzen, wohingegen der Markt als Plattform der privaten Güter den individuellen Nutzen erzielt. Die informelle Sphäre wird durch Leistungen bestimmt, deren Nutzen nicht von formalen Organisationen bestimmt wird. Emotionalität ist hier die leitende Orientierung. Die Entstehung des Dritten Sektors liegt in der Unvollständigkeit der Bereiche Staat und Markt, die ihre idealtypischen Zielvorstellungen nicht umsetzen und erreichen können. Aus diesem Mangel entstehen Phänomene, die man als Staats- oder Marktversagen bezeichnen kann. Es ist nun die Aufgabe des Dritten Sek-tors, die Härte dieser Phänomene abzumildern. Die Leitorientierung der Organisationen des Dritten Sektors, der neben Sportvereinen auch Kammern, Genossenschaften etc. umfasst, ist der wechselseitig zielgerichtete Nutzen der Mitglieder.
Alle vier Sektoren sind gemeinsam an dem Phänomen „Sport und Fußball“ beteiligt. Der Staat sorgt für den gesetzgeberischen Rahmen, der für Sport und Fußball gilt. Fußball findet so seinen Platz an öffentlichen Schulen, Universitäten und öffentlichen Sportanlagen. Im Sektor des Marktes wird der Fußball als Ware behandelt wie z.B. in den Medien oder im Bereich Merchandising. Der informelle Bereich umfasst sowohl Zuschauer und Konsumenten fußballbezogener Dienstleistungen und Güter, sowie informelle Fußballgruppen, die ihrem Sport in nichtorganisierter Form nachgehen. Der Dritte Sektor ist u.a. das Feld der Non- Profit- Organisationen des Sports. Der organisierte Fußballsport, der von Vereinen und Verbänden repräsentiert wird, stellt den größten und einflussreichsten Anteil des Fußballs dar (SCHULZE, 2004, S.12ff).
Abbildung 1: Vier Leistungssysteme oder Sektoren der modernen Gesellschaft (SCHULZE, 2004, S.14)
Entwicklungen in den einzelnen Sektoren bleiben folglich nicht ohne Auswirkungen auf den Fußballsport. Die wirtschaftlichen Ressourcen der Sportorganisationen sind direkt von der allgemeinen Wirtschaftslage und den Zuwendungen in Form öffentlicher Fördergelder betroffen. Gleichsam wirkt sich der gesellschaftliche Wandel in Familie, Beruf und Freizeit mittelbar über die geänderten Lebensbedingungen und -verhältnisse der Vereinsmitglieder auf die Sportvereine aus.
Das Organisationssystem des Fußballs, das durch Vereine und Verbände gebildet wird, lässt sich am besten von der Spitze nach unten beschrei-
ben. Seit 1904 besteht auf der Weltebene die Fédération Internationale de Football Association (FIFA). Sie zählt 204 staatliche oder nationale Spitzenverbände; aus Deutschland nimmt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) diese Position ein. Fünf Regionalverbände, die aus weiteren 21 (Landes-) Verbänden bestehen, bilden die Mitglieder des Deutschen Fußball-Bundes. Die Landesverbände stimmen jedoch nicht mit der Einteilung der Bundesländer nach dem 2. Weltkrieg überein. Ebenso sind die Fußballkreise, in die der Fußballbetrieb weiter eingeteilt ist, nicht identisch mit den politischen Kreisen. Circa 27.000 Fußballvereine mit mehr als 6 Millionen Mitgliedern bilden die Basis des organisierten Fußballsports.
2.1 Strukturmerkmale des Sportvereins
Eine mögliche Zugangsweise, um den Sportverein theoretisch zu erfassen, ist die sozialwissenschaftliche Organisationstheorie, in der Sportvereine als eine spezielle Form der Vergesellschaftung den freiwilligen Organisationen zugerechnet werden. Die Unterscheidung des Sportvereins von anderen Organisationen wird in der organisationssoziologischen Betrachtungsweise durch fünf konstitutive Merkmale charakterisiert (vgl. HEINE- MANN, HORCH,1981, S. 123-150). (1) Freiwillige Mitgliedschaft
(2) Orientierung an den Interessen der Mitglieder
(3) Demokratische Entscheidungsstruktur
(4) Ehrenamtliche Mitarbeit
(5) Autonomie
In der Praxis sind diese fünf Merkmale selten in ihrer Reinform zu erkennen. Das Prinzip der Freiwilligkeit gilt zwar für die Mitglieder, aber in der darüber liegenden Organisationsstufe verpflichtet sich der Sportverein mit der Teilnahme an verbandlichen Wettkämpfen den Regularien der Ver- bände zu folgen und gegebenenfalls das Nichteinhalten durch Strafen
oder Ausschlüsse zu akzeptieren. Demokratische Entscheidungsstrukturen bedeuten nicht, dass diese auch stets eingehalten werden. Ein kleiner Verein muss gegen Oligarchisierungstendenzen kämpfen, wenn seine Anlagestruktur dahingehend ausgelegt ist, Entscheidungen in einem relativ kleinen Kreis zu treffen. Ehrenamtliche Mitarbeit ist kein alleiniges Merkmal der Arbeitsformen innerhalb eines Sportvereins. 12% der Sportvereine verfügen gemäß FISAS´96 über hauptamtliche Mitarbeiter; das Prinzip der Ehrenamtlichkeit wird ergänzt (ANDERS in RÖTHIG & PROHL, 2003, S. 551). Die Autonomie der Sportvereine meint nicht, dass sie frei und ohne Bindung in einem gesellschaftlichen Freiraum existieren. Ganz im Gegenteil benötigen sie Rahmenbedingungen wie ein hohes, frei verfügbares Einkommen und ein Minimum an frei gestaltbarer Freizeit, um entstehen und existieren zu können.
Neben den sozialen Charakteristika zeichnen Sportvereine die folgenden ökonomischen Merkmale aus, die sie als Non- Profit- Organisationen beschreiben (vgl. HORCH, 1992, S. 49-63). (1) Keine Gewinnorientierung
(2) Rollenidentität
(3) Solidarprinzip
(4) Autonome Einnahmenstruktur
Diese ökonomischen Strukturbesonderheiten von Sportvereinen sind seit den 1970er Jahren Veränderungstendenzen unterlegen, so dass sich die idealtypische Abgrenzung einer Non- Profit- Organisation von einem kommerziellen Dienstleistungsunternehmen im Einzelfall nicht mehr aufrechterhalten lässt. Durch die steuerrechtliche Trennung in Zweckbetrieb und wirtschaftlicher Betrieb können Sportvereine kostendeckend und ge-winnorientiert arbeiten. Zunehmende Professionalisierung im Bereich der Geschäftsführung und Trainertätigkeit, v.a. bei größeren Sportvereinen, bricht das Merkmal der Rollenidentität auf. Kursgebühren und die Öffnung der Sportangebote für Nichtmitglieder mit Eventcharakter sind finanzielle Wege, die das Solidarprinzip in Frage stellen und teilweise lediglich eine sportliche „Grundversorgung“ gewährleisten. Im Leistungssport, der immer noch in den Sportvereinen verwurzelt ist, ist kostendeckendes Arbeiten allein durch Mitgliedsbeiträge nicht möglich. Sponsoren und Fördervereine sind allein zwei Wege, um die steigenden Kosten durch externe Geldquellen zu decken.
2.2 Empirische Sportvereinsforschung
Die empirische Sportvereinsforschung in Deutschland blickt auf eine mehr als 30jährige Tradition zurück (vgl. in einer Übersicht EMRICH, PITSCH, PA- PATHANASSIOU, 2001,S. 40-44, NAGEL, CONZELMANN, GABLER, 2004, S.16-21).
Die erste wissenschaftliche Veröffentlichung stammt von LENK (1972) mit den „Materialien zur Soziologie des Sportvereins“ anlässlich des 150jährigen Bestehens der Hamburger Turnerschaft von 1816, dem ältesten Sportverein Deutschlands. In den 1970er und 1980er Jahren entstehen die ersten Finanz- und Strukturanalysen der Sportvereine in Deutsch- land (FISAS). Die vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) geför-
derten Studien liefern erstmals mit der ersten größeren empirischen Studie über „Sportvereine in Deutschland“ unter der Leitung von LINDE (1972) und SCHLAGENHAUF (1977) eine umfassende und repräsentative Be-standsaufnahme der Sportvereinslandschaft. TIMM (1979) stellt auf der Grundlage der Befragung der Vereinsvertreter die wesentlichen Strukturdaten zur Angebots-, Anlagen- und Organisationsstruktur und Finanzsituation dar. 1978, 1982 und 1986 werden im Rahmen weiterer FISAS- Untersuchungen die Ansätze Schlagenhaufs und Timms weitergeführt und teilweise veröffentlicht. 1994 legen HEINEMANN und SCHUBERT die Ergebnisse der vorletzten FISAS-Studie vor, deren Daten 1991 erhoben wurden. Erstmals werden hierbei Sportvereine aus den neuen Ländern miteinbezogen. 1996 führen EMRICH und PITSCH im Auftrag des BISp und der Lan-dessportbünde die letzte FISAS-Studie durch. Am 1. März 2005 startete mit einer bundesweiten Vereinsbefragung im Internet
(www.vereinspanel.de) die Untersuchungsphase der „Sozialberichterstattung des deutschen Sports“ im Auftrag des BISp, des Deutschen Sport-bunds und der Landessportbünde. Die Projektgruppe um BREUER, RITTNER und HORCH versucht ein wirkungsvolles Steuerungsinstrument des ge-meinwohlorientierten Sports zu entwickeln, das „Gegenwartsanalysen mit vorausschauenden Elementen und Zukunftsszenarien verbindet, um so den gesellschaftspolitisch dynamischen Entwicklungen wie den grundlegenden organisationsbezogenen Herausforderungen besser gerecht werden zu können“ (DSB 2005a, [online]).
Neben den FISAS-Studien entstehen in den 1990er und später zahlreiche weitere spezifische Untersuchungen mit fachverbandsspezifischen und regionalen Schwerpunkten. DIGEL (1992) sowie GABLER und TIMM (1993) analysieren im Deutschen Turner-Bund und Deutschen Tennis-Bund die Vereinsstrukturen und legen eine Typologisierung vor. Regionale Spezifika von Sportvereinen für Baden-Württemberg (NAGEL ET AL., 2004), Hessen (DIGEL, FORNOFF, SCHÖBERL, SINGER, WAGNER-STOLL, 1995), Rhein-land-Pfalz (EMRICH, PAPATHANNASSIOU, PITSCH, 1998) und das Saarland (EMRICH, PITSCH, PAPATHANNASSIOU, 1999) stehen in den genannten Untersuchungen im Mittelpunkt. BAUR (1995, 2001) legt seinen Fokus auf die Vereinslandschaft Ostdeutschlands, während andere Arbeiten die Sport-
vereinslandschaft in einzelnen Städten betrachten (z.B. Münster und Osnabrück: JÜTTING & VAN BENTEM, 1999).
Neben den auf Verbände oder Regionen beschränkten Untersuchungen wurden zahlreiche themenspezifische Studien durchgeführt. NAGEL setzt sich 2003 mit der Sozialstruktur von Vereinsmitgliedern auseinander, die Mitgliederbindung (in Tennisvereinen) analysieren GIEß-STÜBER und RÜ- CKER (2003).Die Finanzstruktur liegt 1992 im Mittelpunkt von Horchs Untersuchung. Studien zum Ehrenamt zur sozialen Situation der Trainer und Übungsleiter (MRAZEK & RITTNER, 1991) und zur Jugendarbeit (BRETTSCHNEIDER & KLEINE, 2002) in Sportvereinen betrachten einzelne Facetten in der Sportvereinsthematik.
Hinsichtlich der Thematik lassen sich in der Sportvereinsforschung einige gesonderte Schwerpunkte erkennen (EMRICH ET AL., 2001, S.44-63).
- Mitgliedschaft und Angebotsstruktur
Hierunter fallen alle Fragestellungen zur Vereinskonzeption und -kultur, die eine prägende Wirkung auf das Bindungsverhalten der Mitglieder entfalten. Ebenso werden als organisationsexterne Einflüsse die wandelnden Bedürfnisse und Verhaltensmuster der Mitgliedschaft und das Vermögen der Sportvereine betrachtet, sich in ihrer Angebotsstruktur daran anzupassen.
- Ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeit Dieser Schwerpunkt zeichnet sich durch die Untersuchung der Fak-toren der ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeit in Training, Verwaltung oder Technik in den Sportvereinen aus. Unter diesem Aspekt wird neben der Mitarbeiterebene ebenfalls die Seite des Sportausübenden und dessen Entwicklung in Richtung Professionalisierung betrachtet.
- Wirtschaftssoziologie der Sportvereine Zunehmend in jüngerer Zeit sind ökonomische und finanzsoziologische Analysen der Sportvereine, die den organisierten Sport als Wirtschaftsfaktor und die Besonderheiten der Finanzstruktur von Vereinen diskutieren. Die strukturelle Besonderheit des Sportvereins als Non- Profit- Organisation rückt in das Blickfeld der Sport- ökonomie.
Hinsichtlich der empirischen Bestandsaufnahme von Sportvereinen lassen sich einige zentrale Befunde, die von besonderem Interesse für die Thematik sind, hervorheben (vgl. NAGEL, CONZELMANN & GABLER, 2004, S.18f). Wettkampforientierte Sportangebote dominieren bislang in der Angebotspalette der Sportvereine. Gleichwohl nehmen nicht-wettkampfbezogene Sportangebote mit Fitness- oder Gesundheitsorientierung an Bedeutung zu und werden zunehmend in das vorhandene Sportangebot integriert. Nichtsdestotrotz stellt der Wettkampfsport trotz der zugenommenen Ausdifferenzierung ein zentrales Element in vielen Sportvereinen dar. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sind Frauen sowie ältere Menschen in den Sportvereinen unterrepräsentiert, obgleich sich dieser Zustand abschwächt. Ähnliches gilt ebenfalls für den sozialen Status der Sportvereinsmitglieder. Personen mit einer höheren Schulausbildung finden sind überproportional stark als Mitglieder der Sportvereine wieder.
3 Trends und Entwicklungen im Sport und Sportverein
Moderne Industriegesellschaften unterliegen stetigen Veränderungsprozessen. In den letzten dreißig Jahren haben sich diese Veränderungen auch auf das Verhältnis von Arbeit und Freizeit ausgewirkt. Die Freizeit ist heutzutage neben Familie und Arbeit ein gleichberechtigter Lebensbereich, der durch Arbeitszeitverkürzung, Wertewandel und Individualisierungsprozesse einem Wandel unterworfen wurde. Der Sport ist als eine der wichtigsten Freizeitaktivitäten ebenfalls Teil dieser Veränderungsprozesse. Die veränderungsbedingte Entwicklung des Sports in den letzten drei Jahrzehnten lässt sich mit den Punkten Expansion und Differenzierung beschreiben (vgl. STAMM & LAMPRECHT, 1998, S.38-41). Der Sport ist zu einem Massenphänomen geworden; Sportaktivitäten und -symbole haben sich stark ausgebreitet (Expansion). Dies spiegelt sich in den Mitgliederzahlen der Sportvereine in den 60er und 70er Jahren wider. Zwischen 1960 und 1970 hatte sich der Mitgliederbestand von 5.2 Millionen auf 10.1 Millionen nahezu verdoppelt, „entsprechend wuchs die Zahl der Vereine von 29.486 auf 39.201“ (KLAGES, 2002, S.1). Bis heute stieg die Mitgliederanzahl des Deutschen Sportbundes auf mehr als 27.5 Millionen. Gleichzeitig wuchs im Zeitraum von 1960 bis 1972 die Anzahl der Mitglieder des Deutschen Fußball-Bundes um ein Drittel von 1.950.957 auf 3.084.901, und analog hierzu die Vereinsanzahl von 66.371 auf 94.903 (DEUTSCHER FUßBALL-BUND, 2005 [online]).
Gleichzeitig ist die moderne Sportwelt wesentlich vielfältiger und diffuser und hat sich in allen Bereichen weiter aufgeteilt (Differenzierung). Die Ausdifferenzierung der Sportlandschaft setzte sich in den 70er und 80er Jahren fort. Die Integration weiter Bevölkerungsbereiche führte nicht nur zu einem Sport- und Mitgliederboom, sondern auch zu einer Verbreiterung der Sportmotive und -möglichkeiten, folglich zu einer Ausdifferenzierung des Sportverständnisses. Neue Sportarten wurden vom Deutschen Sport-bund aufgenommen, so dass er heute 90 Mitgliedsorganisationen umfasst. Der Sport differenzierte sich in nichtwettkampfbezogenen Brei- tensport in und außerhalb des Vereins, Leistungs- und Wettkampfsport,
Gesundheitssport, wettkampfbezogener Breitensport, Sport in Fitness-Studios, Betriebssport, Zuschauersport usw. aus. Die Kehrseite der Entwicklung eines breiteren Sportverständnisses mit neuen Motiven und Sinnmustern ist der mögliche Verlust der Einheit und Identität innerhalb von Sportvereinen. Übersteigt die Heterogenität des Sportverständnisses das Leistungsangebot des Sportvereins, entstehen Interessenskonflikte. Die Bindung der Mitglieder wird geringer, die Fluktuation steigt. Somit unterliegt der Sportverein als Organisationsform ebenso den Veränderungen seiner Mitglieder. Trends und Veränderungen in der Gesellschaft setzen sich im Sportverein fort und beeinflussen die Entwicklung des Sport- und Fußballvereins. Die wichtigsten Trends werden im Folgenden kurz aufgelistet und im Einzelnen behandelt und näher betrachtet.
3.1 Demographische Entwicklung
(a) Steigerung des Bevölkerungsanteils der älteren Mitbürger. (b) Sinkende Geburtenrate mit der Folge der Minderung des Nachwuchses für Jugendmannschaften.
Im Jahre 2050 wird nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes die Hälfte der bundesdeutschen Bevölkerung älter als 48 Jahre und ein Drittel 60 Jahre und älter sein. 1950 gab es noch doppelt so viele Menschen unter 20 Jahre wie über 59 Jahre. Die im Jahre 2050 stärksten besetzten Jahrgänge werden die etwa Sechzigjährigen sein, der Anteil der unter 20-Jährigen wird von 21% (17 Millionen) auf 16% (12 Millionen) zurückgehen (vgl. KLAGES, 2004 [online]). Ferner wird ebenfalls die Lebenserwartung steigen. Ein 60-jähriger Mann hat heute durchschnittlich noch circa 20 Lebensjahre vor sich, eine Frau in diesem Alter sogar noch 24 Jahre. In 50 Jahren wird diese weitere Lebenserwartung für die 65-Jährigen erwartet, bei immer besserer Gesundheit und höherer Kompe- tenz im Lebensalter.
Der Altersquotient 2 zeigt die Verschiebungen im Altersaufbau recht deutlich und wird von der Kommission zur Nachhaltigkeit in der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme unter Vorsitz von Professor Bert Rürup auf das Jahr 2000 mit 24.2 %, auf das Jahr 2030 mit 34.9 % und auf das Jahr 2040 auf 52.6 % beziffert. Damit kämen auf 100 Menschen im Erwerbsalter etwas mehr als 52 Personen im Rentenalter. Der Bereich der 60-Jährigen verzeichnet innerhalb der Mitgliederstatistik des Deutschen Sportbundes prozentual die größten Zuwachsraten. In der Altersgruppe der 41-60-Jährigen stieg der Mitgliederbestand von 2 Millionen im Jahre 1990 auf mehr als 6 Millionen im Jahre 2004. Im gleichen Zeitraum erhöhte sich die Zahl der über-60-Jährigen von 1.2 Millionen auf 3.2 Millionen Mitglieder (DEUTSCHER SPORTBUND, 2005 [online]). Ein Grund der erfolgreichen Mitgliedermobilisierung liegt darin, dass die aktivierbare jüngere Altersgruppe mit hoher Sportaffinität einen hohen Anteil an der Gesamtbevölkerung ausmachte. Deren Anteil wird unter anderem durch die gesunkene Geburtenrate von 1.3 Kindern pro Frau negativ beeinflusst. Lediglich ein Siebtel der Bevölkerung in Ostdeutschland wird 2010 zur Altersgruppe der unter-20-Jährigen gehören. Hierbei zeigen sich deutliche West-Ost-Differenzen, die durch die Ost-West-Wanderung zusätzlich dynamisiert werden. „Die Besiedlungsdichte der neuen Bundesländer (159 Einwohner pro Quadratkilometer) wird weiter abnehmen und sich noch weiter differenzieren (Sachsen 245, Brandenburg 82 Einwohner pro qkm)“ (KLAGES, 2002 [online]). Sportorganisationen werden in der Aufrechterhaltung flächendeckender Sportangebote eine große Herausforderung finden.
3.2 Konkurrenzsituation
(a) Konkurrenz durch andere Sportvereine, die in Deutschland insgesamt 600 verschiedene Sportmöglichkeiten anbieten und weitere sportanbietende Institutionen.
2 Der Altersquotient ist definiert als die Relation der 65-Jährigen und älteren zur Bevölke- rung im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 64 Jahren.
(b) Konkurrenz durch kommerzielle Sport- und Freizeitanbieter, die zur Abwanderung von achtzehn- bis dreißigjährigen Sportlern zu Trend- und Grenzsportangeboten führt.
In den Sportvereinen im Deutschen Sportbund werden insgesamt über 600 verschiedene Sportangebote (insgesamt 604 verschiedene Nennungen) organisiert (vgl. DEUTSCHER SPORTBUND, 2005 [online]). Hierbei reichen die Angebote von wettkampfbezogenen Sportarten (z.B. Leichtathletik, Fußball, Reiten) zu Urlaubs- und Freizeitsportangeboten, aber auch zu Sportangeboten mit Wellness- und präventiven oder therapeutischen Ge-sundheitsaspekten oder sogar zu nichtsportlichen Angeboten wie Volkstanz oder Krabbelgruppe (vgl. PITSCH ET AL., 2001, S.311f). Neben den bekannten sportanbietenden Institutionen wie Sportvereine oder kommerzielle Anbieter, finden sich noch viele weitere Darbieter. Hierunter fallen Volkshochschulen, das Deutsche Rote Kreuz, Krankenkassen und Kirchen, die zwischen 17% und 58% Sport in ihrer Angebotspalette führen (vgl. WOLL, 2005). Des Weiteren führt WOLL (2005) aus seiner Befragung in Baden-Württemberg zu sportanbietenden Institutionen für Freizeit- und Gesundheitssport mit Erwachsenen und Senioren die Rheumaliga, Karnevalsvereine, Caritas, Feuerwehr und weitere Institutionen auf, die im geringern Maße ebenfalls in direkter Konkurrenz zu Sportvereinen stehen. In einer Einschätzung von Bürgermeistern bezüglich der Anbieterebene im Freizeit- und Gesundheitssport (WOLL, 2005) werden neben den Vereinen auch freie Gruppen sowie die Kommunen an Bedeutung gewinnen.
„Über 4 Millionen Menschen trainierten 2003 in etwa 5.700 Fitnessstudios“ (TÖNNIßEN, 2005 [online]). Der Deutsche Sportstudio Verband zählte für 2004 sogar mehr als 4,5 Millionen Mitglieder in seinen Sportstudios. Damit liegt der Sportstudio Verband bezüglich der Sport treibenden Mitglieder an Platz 3 hinter dem Deutschen Fußball-Bund (2003: 6.272.804) und Tur-ner-Bund (2003: 5.084.612), deutlich vor dem Tennis Bund (2003: 1.767.226) und Schützenbund (2003: 1.529.542), die zu den über eine Million Mitglieder zählenden Sportverbänden Deutschlands gehören. Hinsichtlich der Sportanlagen variiert die Anlagenzahl der Sportstudios je nach Bundesland von 59 (Bremen) bis 1.305 (Nordrhein-Westfalen) mit
einer durchschnittlichen Mitgliederanzahl von mehr als 800 Personen im Jahre 2004 (vgl. DEUTSCHER SPORTSTUDIO VERBAND, 2005 [online]). Den 89.307 Sportvereinen Deutschlands im Jahre 2003 stehen beinahe 6000 Sportstudios gegenüber.
3.3 Motivlage
(a) Die wachsende Zahl von älteren Menschen erwartet ein höheres Angebot an Gesellschafts-, Alters-, Gesundheitssport und Reha-Gruppen.
Die Zukunft formuliert Herausforderungen für die Sportanbieter, insbesondere für die Gruppe der 50- bis 70jährigen. Es werden „weniger spezifische bzw. singuläre Sportarten und kaum noch Wettkämpfe von dieser Gruppe akzeptiert werden, sondern vielseitige sportartenübergreifende Bewegungsmöglichkeiten, die zunehmend auch kulturelle, regenerative und touristische Inhalte umschließen dürfen“ (SCHULKE, 1995, S.79). Rein zahlenmäßig werden wettkampforientierte Angebote an Bedeutung verlieren und Gesundheits- und Fitnessangebote an Bedeutung gewinnen. „Ab dem mittleren Erwachsenenalter (40-49 Jahre) setzt sich mit steigendem Alter immer mehr die Nachfrage nach gesundheitsorientierten Sportformen durch“ (BREUER, 2004, S.55). Verdeutlicht wird die Veränderung der Motivlage in Abbildung 2, die die Gesundheitsorientierung und Fitness- komponente als Leitmotive herausstreichen.
Abbildung 2: Motive für das Sporttreiben (Erwachsene 35 Jahre und älter) (nach Fußballverband Niederrhein [online], 2005)
Obwohl es immer mehr ältere Menschen gibt, gewinnt Jugendlichkeit zunehmend an Bedeutung. Die Zukunft des Seniorensports wird darin bestehen, einen dynamischen Sport anzubieten, der Jugendlichkeit verspricht (WOPP, 2004, S.11f). Vor diesem Hintergrund werden Team-Sportarten, vor allem wenn die Spielerzahlen reduziert und Inszenierungs-formen verändert werden, voraussichtlich attraktiv sein (WOPP, 2004 S. 13).
3.4 Mitgliedersituation
(a) Die Fluktuation von Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren verstärkt die Gefahr der Ausdünnung der Jugend- und später der Se-niorenabteilungen.
(b) Die Anteile Älterer (> 60 Jahre) und von Frauen sind in Fußballvereinen signifikant geringer als in anderen Sportvereinen. Die Dauer des Sporttreibens und die Verweildauer im Fußballverein sind seit 1920 konstant geblieben, jedoch geschieht der Eintritt in den Verein zeitlich früher (vgl. PITSCH & EMRICH, 2003, S.112-122). Hierdurch kommt es zu einem geringeren Alter der Fußballspieler am Ende ihres sportlichen
Engagements und einer altersbezogen früheren Fluktuation der Spieler. Demnach ist ein „früher Eintritt zu den Fußballvereinen mit einer niedrigen Wahrscheinlichkeit sportlicher Aktivität im Höchstleistungsalter verbunden“ (PITSCH & EMRICH, 2003, S.121), dementsprechend auch mit einer geringen Wahrscheinlichkeit der Mitgliedschaft in der nachaktiven Zeit. Der Fußballverein unterliegt den Änderungen der Präferenzen in der Institutionswahl zur Sportausübung. Ältere Mitglieder sind im Vergleich zu ihrem prozentualen Anteil an der Bevölkerung deutlich unterrepräsentiert, im Vergleich zu anderen Sportvereinen werden die Unterschiede noch deutlicher. Der niedrigere Anteil von Senioren weist auf „Unterschiede in der langfristigen Bindungskraft zwischen Fußball anbietenden Vereinen und anderen hin“ (EMRICH & PITSCH, 2003, S.78). Zuwachsraten der Mitgliederzahlen basieren im Augenblick noch vornehmlich auf Zuwächse im Jugendbereich. Es ist zu beachten, dass die Rolle des Vereins als bevorzugte Institution des Sportengagements im Lebensverlauf abnimmt. „Der Sportverein stellt nur bei Jugendlichen die wichtigste Organisationsform sportlicher Aktivität dar. Ab dem frühen Erwachsenenalter wird das informelle Sportengagement zur bevorzugten Organisationsform informellen sportlichen Engagements“ (BREUER, 2004, S.62).
3.5 Finanzsituation
(a) Die Finanzmisere der Städte und Gemeinden führt zu einer Minderung der finanziellen kommunalen Sportförderung für Vereine und Angebote, die die Kommunen beispielsweise in ihren Aufgaben im Sozialbereich entlasten.
Der Rückgang der kommunalen Sportförderung, die noch im Jahr 2001 ein Gesamtvolumen von 3.1 Mrd. € aufwies und damit 79% aller öffentlichen Ausgaben für den Sport ausmachte (vgl. AHLERT, 2004, S.8), stellt Sportvereine vor immer schwierigere Aufgaben. Die Praxis zeigt, dass viele finanzschwache Kommunen investive Zuwendungen an den Sport streichen oder gar die Trägerschaft der Sportstätten an Vereine und Verbände abgeben. Hierin besteht zweifellos die Gefahr einer finanziellen Gratwan- derung für die Sportvereine, die oftmals nur durch eine Erhöhung der Mit-
gliedsbeiträge und höhere Nutzungsgebühren abgesichert werden kann (vgl. AHLERT 2004, S.16f). Die Finanzmisere der Gemeinden, das sich im realen Ausgabenniveau der kommunalen Sportförderung widerspiegelt und im Jahre 2002 11% unterhalb des Jahres 1992 lag, offenbart sich ebenfalls im Zustand der Sportstätten. Von den [..] rund 35.400 Sporthallen, 33.100 Sportplätzen und 6.700 Hallenbädern müssen in den nächsten fünf Jahren bundesweit knapp 40 % renoviert oder gar saniert werden“ (SPORTMINISTERKONFERENZ DER LÄNDER, DEUTSCHER SPORTBUND & DEUTSCHER STÄDTETAG, 2002, 29f).
HEINEMANN machte bereits 1994 auf die Problemlagen der Sportvereine aufmerksam. Er gruppierte sie in Veränderungen in der Struktur der Mitglieder, die Struktur des Angebots, ehrenamtliche Mitarbeit, die Finanzierung der Vereinsarbeit, Sportstätten und Sportvereine in den neuen Bundesländern. Nach den zusammenfassenden Befunden von NAGEL ET AL. (2004, S. 19) sind die Problemfelder weniger bedeutsam als befürchtet. Circa zwei Drittel der Sportvereine in Deutschland sind Monospartenvereine bzw. Vereine ohne eine weitere Untergliederung mit weniger als 300 Mitgliedern. Ihnen gegenüber stehen wenige große, ausdifferenzierte Sportvereine mit großen Mitgliederzahlen. Exemplarisch hierfür steht der Hamburger Sportverein ´sportspaß`, der mehr als 1.000 Sport-, Tanz- und Entspannungsangebote führt und als viertgrößter deutscher Verein mehr als 30.000 Mitglieder aufweisen kann. Nach wie vor nehmen die Mitgliederzahlen zu, wenn auch die Bindung nachgelassen hat. Ebenso ist der Anteil der Sportvereine mit geringer Mitgliederzahl konstant hoch. Hinsichtlich der Finanzstruktur stehen vielen Vereinen mit kleiner Haushaltssumme wenige Vereine mit großem finanziellem Volumen gegenüber. Die Haupteinnahmequelle der Sportvereine sind nach wie vor die Mitgliedsbeiträge, die in vielen Fällen weniger als 50 € im Jahr betragen. Jedoch zeigt sich hier zunehmend eine Veränderung der Abrechungsbasis. Oftmals wird der Beitrag nicht pauschal bezahlt, sondern er wird an Teilleistungen wie den Abteilungsbeitrag oder Kursgebühren gebunden. Die befürchtete Krise des Ehrenamts kann nicht bestätigt werden. Die Quote der ange- stellten Mitarbeiter hat zwar zugenommen, jedoch in einem relativ gerin-
gen Umfang. Die meisten Vereine können alle nach Satzung vorgesehenen Positionen besetzen, und dies zumeist ehrenamtlich oder gegen geringe finanzielle Entschädigungen. Etwa die Hälfte der Sportvereine besitzt eigene Sportstätten, die übrigen Vereine nutzen die von den Kommunen und Städte zur Verfügung gestellten Sportanlagen, für die zum Teil Nutzungsgebühren oder eigene Wartungs- und Instandsetzungsmaßnahmen geleistet werden müssen. Konkurrenzsituationen erwachsen vornehmlich aus der Verteilungsnot öffentlicher Sportstätten.
3.6 Sportvereinsentwicklung
Veränderungen in Sportvereinen gelten ebenfalls für den Bereich des Fußballs. Auf unterschiedlichen Ebenen sind Umgestaltungen zu beobachten, die zum Teil in den vorangegangenen Kapiteln bereits beschrieben wurden und nun nur kurz behandelt werden sollen. Mehr als 600 Sportangebote in den Mitgliedsverbänden des Deutschen Sportbundes sind ein Indiz für die Ausdifferenzierung und den Pluralismus der Angebotsstrukturen im Sport (vgl. DEUTSCHER SPORTBUND [online], 2005). Beispielhaft seien die Breitensportbewegung, die Zunahme ge-sundheitsorientierter Angebote und die Integration von Trendsportarten erwähnt. Die nachlassende Bindungsbereitschaft der Sportvereine mit einer wachsenden Fluktuationsrate der Mitglieder basiert unter anderem auf einer Kundenhaltung der Mitglieder, die den Sportverein weniger als Interessenvertretung und mehr als Dienstleister sehen. „Sport [wird] in wachsendem Maße als Dienstleistung gesehen [..]. Eine Folge dieser Entwicklung ist die Erhöhung des Fluktuationsgrads der Mitglieder“ (CACHAY & THIEL, 2003, S. 120f). Dementsprechend lässt die Engagementbereitschaft der Mitglieder nach und führt zu einer Zunahme bezahlter bzw. hauptamtlicher Mitarbeit. Ausbildungen und Ausbildungsprofile wie z.B. zum Vereinsmanager 3 oder Sportfachwirt (IHK) 4 sind Reaktionen der Verbände
3 Die Ausbildung zum Vereinsmanager/in (DSB) dauert 120 UE und vermittelt ein grundlegendes Wissen in allen wesentlichen Organisations- und Führungsfragen und soll den Teilnehmer zu einer modernen und zukunftsorientierten Vereinsführung befähigen.
und der Wirtschaft auf die allgemeine Entwicklung im Vereinswesen. Jedoch sind diese Entwicklungen nur in einem Teil der Sport- und Fußballvereine zu beobachten, ein anderer Teil kann sich gegen diese Tendenzen erfolgreich wehren bzw. durch geeignete Maßnahmen ihnen entgegen wirken.
Die Erklärungsansätze für Entwicklungen in und von Sportvereinen sind aus unterschiedlichen Perspektiven mit verschiedenen Bezugsrahmen zu betrachten. Aus einer Makro-Perspektive heraus werden gesamtgesellschaftliche Entwicklungen wie der „Wertewandel im Sport“ (DIGEL, 1990) und Individualisierungstendenzen als Grundlage differenzierungstheoretischer Ansätze genommen, „ein Wandel in der Ziel- und Aufgabenstellung des organisierten Sports ist seit einigen Jahren unübersehbar“ (DIGEL, 1988, S.8f). Wie CACHAY bereits 1988 bemerkt, sind die „Sportvereine […] auf Veränderung ihrer Organisations- und Rollenstruktur sowie Differenzierung ihrer Angebote angewiesen“ (S. 219). Gesamtgesellschaftliche Wandlungsprozesse wie „die Verkürzung der Arbeitszeit, die verbesserte ökonomische Situation vieler Gesellschaftsmitglieder, veränderte Einstellungen zu Gesundheit, Freizeit und Konsum“ (Cachay & Thiel, 2003, S. 117) machen diese Umstellungen notwendig. Der Verein als gesellschaftliches Subsystem unterliegt somit den Veränderungen des Gesamtsystems.
Der situative Ansatz der Organisationsforschung unter Einbezug struktureller Daten wie bei EMRICH, PITSCH & PAPATHANASSIOU (2001) und HEINEMANN & SCHUBERT (1994) betrachtet die Sportvereinsentwicklung aus einer Meso-Perspektive. Sportvereine werden miteinander und anderen Organisationsformen verglichen und zueinander in Bezug gesetzt, um konstitutive Merkmale und Strukturbesonderheiten zu filtern. „Besonderheiten müssen im Vergleich mit anderen Organisationen, die nicht freiwillige Organisationen sind, herausgearbeitet werden“ (HEINEMANN & HORCH, 1988, S.108)
Der Frage der „Organisationskultur, die ´das Übliche` des organisationalen Handelns ihrer Mitglieder […] definiert“ (THIEL & MEYER, 2004, S.107) wird
4 Beim Sportfachwirt (IHK) handelt es sich um ein staatlich zugelassenes Fernstudium des IST-Studieninstituts in Zusammenarbeit mit der IHK Düsseldorf.
Arbeit zitieren:
Damir Dugandzic, 2005, Strukturanalyse des Freizeit- und Breitensports und Sports der Älteren in deutschen Fußballvereinen, München, GRIN Verlag GmbH
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