Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Theorie versus Ideologie
1.2 Erkenntnisinteresse
2. Analyse
2.1 Die anthropologische Konstante
2.2 Kleine Geschichte der klassischen Verschwörungsideo
logien
2.3 Antisemitismus und europäische Wurzeln arabischer
und islamistischer Verschwörungsideologien
3. Ideologiekritik und Fazit
4. Bibliographie
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1. Einleitung
1.1 Theorie versus Ideologie
In dieser Arbeit wird ausschließlich mit dem Begriff „Verschwörungsideologie“ operiert. Zwar erfreut sich der Term „Verschwörungstheorie“ in der Öffentlichkeit weitaus größerer Beliebtheit, doch er suggeriert eine wissenschaftliche Komponente, die bei einer Vielzahl von Ansätzen dieser Art nicht gegeben ist. Formal gesehen reicht das Spektrum der Verschwörungsideologien von Deutungsmustern oder Alltagstheorien über regelrechte Paradigmen bis hin zu halbwissenschaftlichen Konstrukten mit hoher Plausibilität. 1
Dabei weisen sie eine glaubhafte Affinität zur Wirklichkeit auf, aber erfüllen bei weitem nicht die Ansprüche an eine wissenschaftliche Theorie.
In Wortlaut und Satzform ist eine Theorie von einer Ideologie nicht zu unterscheiden. Sowohl Theorie als auch Ideologie können wahr oder falsch sein. Diese Erkenntnis ist also nicht ausschlaggebend für meine Benennung des Un-tersuchungsgegenstandes als „Verschwörungsideologie“. Theorie und Ideologie unterscheiden sich nicht im Schriftlichen, also in ihren Behauptungen über die soziale Wirklichkeit. Sie unterscheiden sich in ihrem Umgang damit.
Ein Wissenschaftler nimmt den Theorieansatz als Ausgangspunkt und zu falsifizierende Behauptung für seine Forschung. Und diese Forschung ist stets die Prüfung der Theorie an der Wirklichkeit. Erst dann erlangt er ein wissenschaftliches Ergebnis, nämlich eine Aussage, dass eine theoretische Aussage sich als richtig oder falsch erwiesen hat. Eine falsifizierte Theorie wird vom Wissenschaftler nach ihrer Prüfung ohne „murren“ verworfen.
Doch die Grenzziehung ist nur in plastischen Beispielen klar. Denn ist gibt eine Unzahl von Pseudowissenschaftlern, die manches als wissenschaftliches Ergebnis darstellen, obwohl es noch auf erstem Theorieniveau ist, also reine gedankliche Vermutung ohne jedwede Überprüfung. Außerdem gibt es Verschwörungsideologen, die Gegenbeweise einfach nicht zur Kenntnis nehmen und Ungereimtheiten ignorieren.
Wieder andere, und von diesen wird im Folgenden überwiegend die Rede sein, sind glühende Anhänger, wehrbare Vertreter, intellektuelle Geistliche, arabische Islamisten, welche ihre „Theorie“ ohne Prüfung für die Wahrheit halten.
Da die für eine Theorie notwendige wissenschaftlich-analytische, empirische Komponente bei nahezu allen Verschwörungsgedanken nicht vorhanden ist, werden diese deshalb im Weiteren als Verschwörungsideologien bezeichnet.
1 Vgl. Groh, Dieter: Die verschwörungstheoretische Versuchung oder: Why do bad things happen to good people?, in: ebd.: Anthropologische Dimensionen der Geschichte, 2. Aufl., Frankfurt am Main 1999, S. 271.
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Die Verfasser der in diesem Aufsatz behandelten islamistischen Verschwörungsideologien meiden eine empirische Falsifizierung ihrer „Theorie“. Für den Ideologen ist seine Behauptung ohne jede weitere Prüfung feststehende Wahrheit. Dies unterscheidet ihm von der die Theorie prüfenden Wissenschaft.
1.2 Erkenntnisinteresse
Verschwörungsideologien sind im Zeitalter der Globalisierung und der damit verbundenen Ängste und „subjektiver Bewältigungsprobleme“ 2 ein interessantes Forschungsobjekt geworden. Dieses soll im Folgenden besonders in historischer Weise untersucht werden, denn die Geschichtswissenschaft hat das Phänomen der Verschwörungsideologien bislang kaum erforscht. Dabei bilden die islamistischen Ideologien keine Ausnahme. Eine kritische Betrachtung fand in den Fachzeitschriften oder wissenschaftlichen Werken bisher kaum statt. In jüngster Zeit ist eine Behandlung der Verschwörungsideologien in der arabischen Welt vornehmlich in den Feuilletons der überregionalen Zeitungen geschehen. Dies ist zwar positiv, doch kann diese Form der Auseinandersetzung mit dieser hochaktuellen Problematik den wissenschaftlichen Diskurs nicht ersetzen. Der Mangel an Forschungsliteratur zum Thema heißt fürwahr nicht, dass sich keine Bücher zu den unterschiedlichsten Verschwörungsideologien finden ließen. Im Gegenteil, der Büchermarkt quillt scheinbar über vor pseudowissenschaftlichen Abhandlungen, die allerdings zum Großteil eine theoretisch-wissenschaftliche Vorgehensweise vorgaukeln und denen es in erster Linie darum geht, eine Richtigkeit oder Wahrheit der vornehmlich abstrusen Geschichten zu „belegen“ oder zu erhärten 3 . Dazu werden unüberprüfbare „Beweise“ herangezogen, die dem Leser den Glauben an die Verschwörung erleichtern sollen. Unglücklicherweise geht genau dieses Konzept im Hinblick auf die Verkaufszahlen auf, denn die Käufer dieser Literatur wollen eben genau dies, nämlich in ihrem Glauben an eine Verschwörung bestärkt werden, einerlei um welche es sich dabei im Einzelfall handelt. So erreichen beispielsweise die Bücher von Jan van Helsing 4 astronomische Absatzzahlen und auch wenn bereits einige seiner Werke auf dem Index gefährdender Schriften stehen, so ist es doch kein großer Aufwand für den interessierten Hobbyideologen, die gesuchten Texte im Internet zu finden.
Schon eine oberflächliche Recherche im Netz genügt, um sich der Dimension gewahr zu werden, die Verschwörungsideologien im weltweiten Netzwerk einnehmen. Von unzähligen Kommentaren in „Conspiracy“- Foren, die ausschließlich Verschwörungen jeglicher Couleur thematisieren, über das kleine Kapitel auf der privaten Homepage bis hin zu Seiten, die sich scheinbar professionell, aber deshalb noch lange nicht wissenschaftlich mit dem Thema
2 Siehe Jarowski, Rudolf: Verschwörungstheorien aus psychologischer und aus historischer Sicht, in: Caumanns, Ute und Niendorf, Mathias (Hrsg.):
Verschwörungstheorien. Anthropologische Konstanten - historische Varianten. Osnabrück 2001.
3 Den Autoren kann dies nicht einmal übel genommen werden, verkauft sich doch eine Abhandlung, die den Verschwörungsgedanken stützt wesentlich erfolgreicher als eine, die das Phänomen ad absurdum führt. Da es sich bei den Autoren weitestgehend nicht um Wissenschaftler handelt, gibt es auch keinen Ruf, denen es zu verlieren gebe. 4 Pseudonym des deutschen Verschwörungsideologen und Autors Jan Udo Holey.
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beschäftigen, finden sich tausende von angeblichen Nachweisen für diese oder jene Verschwörung. Dies macht bereits deutlich, dass der Glaube an eine Verschwörung für viele Menschen eine nicht zu unterschätzende Bedeutung einnimmt, um den Ungerechtigkeit des Lebens zu begegnen. Fehlt dem Menschen die Begründung für eine bestimmte, typischerweise negative Entwicklung auf der Welt oder auch im eigenen Umfeld, liefert der Glaube an die Verschwörung das verzweifelt gesuchte Verbindungsstück, beobachtete Fehlentwicklungen oder wahrgenommene Ungerechtigkeiten zu erklären.
Zu wenige Publikationen betrachten die verschieden Verschwörungsideologien in ihrer offenkundigen Verwandtheit und ihrer historischen Kontinuität. Deshalb muss das Thema aus wissenschaftlicher Perspektive als Forschungslücke wahrgenommen werden. Diese kann und soll im Folgenden nicht geschlossen werden, aber die Arbeit soll dazu beitragen, dass sich neben der derzeit vorherrschenden proideologischen Betrachtungsweise in Sachbüchern und Internetunwahrheiten, eine kritische, falsifizierende Wissenschaft der verschwörungsideologischen Ansätze in der Geschichtswissenschaften und jenseits des kompetenten Journalismus etabliert. Auch wenn der Glaube an eine Verschwörung eine sozialpsychologische Funktion bei vielen Menschen einnimmt, darf dies dennoch kein Grund sein, einen Diskurs über dieses Thema ausschließlich im Sinne der Ideologen zu führen.
Im folgenden Aufsatz soll auch untersucht werden, ob die islamistischen Verschwörungsideologien von Sayyid Qutb bis zur Charta der Hamas in einer ideologischen Kontinuität mit „westlichen“ Verschwörungsansätzen zu sehen sind und inwiefern eine allen Ideologien gemeinsame Intention und Ursache auszumachen ist.
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2. Analyse
2.1 Die anthropologische Konstante
Niemand wird bestreiten, dass es Verschwörungen gibt. Sie richten sich vorzugsweise gegen Regierungen und Machthaber. Mit solchen realen Verschwörungen haben Verschwörungsideologien aber kaum etwas zu tun. Bei den hier behandelten Verschwörungsansätzen handelt es sich um imaginäre Verschwörungen. 5
Wie es zum Verschwörungsdenken kommt, ist vielfach untersucht worden. Nicht erst seit den Ereignissen des 11. Septembers 2001 erkennen Historikerinnen und Historiker, Kulturwissenschaftlerinnen und Kulturwissenschaftler im konspirativen Denken ein historisches Muster, ja sogar eine anthropologische Konstante. Die Konstante besteht in einer typischen, menschlichen Reaktion, einer handlungstheoretischen Überlegung, auf ein bestimmtes, Dissonanz erzeugendes Phänomen konsonant zu reagieren. Diese kann als volkskulturell verankert bezeichnet werden und zieht sich wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte.
Ein Grund dafür ist, dass Verschwörungsideologien eine sozialpsychologische Funktion erfüllen.
Der Glaube an sie wird im Menschen vor allem dann bestärkt, wenn sie sich in einer Situation befinden, in der sie die Welt nicht mehr verstehen. 6 Das, was ihnen da passiert, erleben sie als Unrecht, Unbill, Böses, Unglück oder Katastrophe, es widerfährt ihnen, so meinen sie, unverdientermaßen, weil sie selbst ja gut und anständig sind, „rechtmäßig handeln, in die richtige Kirche gehen, einer überlegenen Kultur, einem gesunden Volk angehören“ (Groh). Bei der Suche nach Erklärung für diese Ungerechtigkeit stoßen sie auf eine andere Gruppe, eine verschwörerische Gegengruppe, der sie bestimmte Ziele und Absichten zuschreiben. Sie ist der Grund für das Unglück, das ihnen widerfährt, sie schadet ihnen bewusst und vorsätzlich, indem sie ihre bösartigen, im geheimen ausgebrüteten Pläne verwirklicht.
Die Anteilnahme oder Beteiligung an einer Verschwörungsideologie kann also als die verzweifelte Suche nach einer befriedigenden Begegnung mit dem Unerklärlichen bezeichnet werden.
5 Vgl. Groh, Ruth: Verschwörungstheorien und Weltdeutungsmuster. Eine anthropologische Perspektive, in: Caumanns, Ute und Niendorf, Mathias (Hrsg.): Verschwörungstheorien. Anthropologische Konstanten - historische Varianten. fibre, Osnabrück 2001.
6 Vgl. hierzu und dem Folgenden: Groh, Dieter: Die verschwörungstheoretische Versuchung oder: Why do bad things happen to good people?, in: ebd.: Anthropologische Dimensionen der Geschichte, 2. Aufl., Frankfurt am Main 1999, S. 267 ff.
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Mirko Berger, 2006, Verschwörungsideologien - Eine geschichtswissenschaftliche Untersuchung unter besonderer Berücksichtigung islamistischer konspirativer Theorien, Munich, GRIN Publishing GmbH
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