Knipperdolling, lautstark zur Busse auf. Mit seinem düsteren, autoritären Auftreten und seiner bildhaften Sprache gewinnt Jan Matthysz bald eine grosse Gefolgschaft und kann seinen Fanatismus innert wenigen Tagen verbreiten. Bereits Ende Februar laufen bewaffnete Täufer durch die Strassen und fordern die erschrockene Bevölkerung auf, sich sofort taufen zu lassen oder die Stadt zu verlassen. Rund 2000 Nichttaufwillige Menschen werden gewaltsam aus Münster vertrieben. Häufig verlässt der Mann die Stadt, während er seine Ehefrau, seinen Knecht oder eine Magd zurücklässt, um das Eigentum zu bewahren. Alte und kranke Menschen schicken ihre Kinder fort, weil sie selbst nicht mehr reisen können. Die Ausgewiesenen dürfen keinen Besitz mitnehmen und die Zurückgebliebenen werden freiwillig oder zwangsweise getauft.
Um die verlassenen Wohnungen und Klöster zu füllen und die Verteidigung der entvölkerten Stadt aufrecht zu erhalten, werden „Apostel“ ausgesandt, um weitere Anhänger der Täufer nach Münster zu holen. 700-800 Männer und etwa doppelt so viele Frauen aus Westfalen, vor allem aber aus Holland und Friesland, folgen dem Ruf. Während der Bischof Franz von Waldeck das Täufertum in Münster nach den jüngsten Geschehnissen nicht mehr tolerieren kann und die Belagerung organisiert, wird in der Stadt die Gütergemeinschaft eingeführt und der Geldverkehr abgeschafft. Wie für alle zukünftigen Gesetzesänderungen schafft auch hier Bernhard Rothmann die theologisch-biblische Grundlage, indem er dem Volk die jeweils der Sache dienenden, wenn auch aus dem Zusammenhang gerissenen Bibelstellen predigt und auslegt.
Nicht nur die Erwachsenentaufe steht im Mittelpunkt der neuen Lehre, sondern auch eine stark eschatologische Ausrichtung. Jan Matthysz und die anderen Prediger sagen den Anbruch der Endzeit für Ostern 1534 voraus. Als der Ostertag verstreicht, ohne dass sich der Himmel öffnet, fühlt sich Matthysz dazu gedrängt, seine göttliche Sendung unter Beweis zu stellen. Er lässt eines der Tore öffnen und stürmt mit wenigen Begleitern direkt auf die Belagerer zu. Von diesen wird er erwartungsgemäss in Stücke gehauen. Bevor sich jedoch unter der Bevölkerung Missmut ausbreiten kann, tritt Jan Bockelson als Matthysz Stellvertreter und von nun an „erster“ Prophet vor die Menge. Er erklärt das Versagen Matthyszs mit dessen Hochmut und setzt eine neue Regierung, einen „Ältestenrat“, an die Spitze des Volkes. Die Mitglieder dieses Rates sind geschickt gewählt, denn Bockelson beruft angesehene Bürger mit starkem Rückhalt in der Bevölkerung. Nachdem ein erster Angriff des Bischofs im Mai erfolgreich zurückgeschlagen und das Selbstbewusstsein der Führer des Täuferreiches gestärkt worden ist, führt Jan Bockelson im Juni die im ganzen Reich Aufsehen erregende „Vielehe“ (Polygamie) ein. Wegen der ungleichen Bevölkerungszusammensetzung fallen auf jeden Mann etwa drei Frauen. Diese Änderung stösst selbst innerhalb von Münster auf grossen Widerstand und kann nur mit Mühe von Rothmann unter Bezug auf das Alte Testament und die Patriarchen durchgesetzt
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werden. Ziel ist, dass jede Frau in der Stadt verheiratet ist. Grosse Missstände und Streitigkeiten bleiben bei der praktischen Umsetzung dieses Gesetzes nicht aus. Jan Bockelson selbst richtet sich nach dem Vorbild König Salomons einen Harem mit fünfzehn Frauen ein. Als Hauptfrau und spätere Königin wählt er die Witwe von Jan Matthysz. Viele Münsteraner lassen sich jedoch auch nach allen Predigten nicht von der Vielehe überzeugen und verlieren langsam aber sicher das Vertrauen in die Führung. Der Schmied Heinrich Mollenhecke organisiert einen Aufstand und schafft es mit seiner Truppe, Jan Bockelson und Bernd Knipperdolling festzunehmen und im Stadtkeller einzusperren. Da jedoch innerhalb des Widerstandes Uneinigkeit über das weitere Vorgehen herrscht und es Mollenheckes Anhänger nicht schaffen, rechtzeitig ein Stadttor einzunehmen, wird die aufständische Truppe eingekesselt und zur Kapitulation gezwungen. Rund fünfzig der beteiligten Männer werden hingerichtet und ihre Leichen in Massengräber geworfen. Die Todesstrafe wird inzwischen bei jedem „Widerspruch“ verhängt und meistens von Bernd Knipperdolling und Jan Bockelson höchstpersönlich ausgeführt. Nachdem im August ein zweiter Angriff des Bischofs abgewehrt wird, lässt sich Jan Bockelson im September zum „König der Gerechtigkeit im Neuen Tempel“ 1 ausrufen. Begründet wird dies mit einer göttlichen Offenbarung. Bernd Knipperdolling wird des Königs Stellvertreter und „Statthalter“ und Bernhard Rothmann erhält das Amt des „Worthalters“. In einer Hofordnung wird ausserdem die sämtliche Führungsschicht des Täuferreiches festgelegt.
Während die Bedrohung von Aussen stetig wächst und im Dezember 1534 ein Fürstenbeschluss gegen die Täufer ausgesprochen wird, muss Jan Bockelson auch innerhalb von Münster seine Stellung behaupten. Selbst Knipperdolling unternimmt einen Versuch, ihm seine Position streitig zu machen, kann aber mit dem Charisma und der Autorität des „Königs“ nicht mithalten. Dieser hat die „evangelische Demut“ inzwischen völlig abgelegt und führt seinen Hofstaat mit Saus und Braus.
In den ersten Monaten des Jahres 1535 wird der Ring der Belagerer immer enger, da der Bischof mehr Geld erhält und seine Truppen aufstocken kann. Ab April herrscht eine schwere Hungersnot in Münster. Da die von Bockelson auf Ostern vorausgesagte Erlösung wiederum ausbleibt, wird die Moral der Bevölkerung auch von innen geschwächt. Nur mit notdürftigen Erklärungen und der Unterstützung seines Hofstaates kann Bockelson sein Königreich aufrechterhalten.
Durch Verrat von zwei begnadigten Flüchtlingen kann im Juni ein Plan zur Eroberung Münsters entworfen und erfolgreich durchgeführt werden. Am 25. Juni 1535 wird die Stadt von den Truppen des Bischofs eingenommen. Einem ungeheuerlichen Gemetzel folgt die Plünderung. Jan Bockelson, Bernd Knipperdolling und Bernd Krechting, einer der Räte,
1 Lahrkamp, Helmut: Das Drama der Wiedertäufer, Münster 2004, S. 37
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werden verhaftet und nach langen Verhören im Januar 1536 grausam hingerichtet. Ihre Leichen werden zur Abschreckung in eisernen Käfigen am Lamberti-Kirchtum aufgehängt. Münster wird nach den Ereignissen wieder der katholischen Kirche zugeführt.
Quellen
Über das Täuferreich zu Münster liegen verschiedenste Quellen vor. Neben zeitgenössischen Akten, Dokumenten, Briefen innerhalb von Münster und der Korrespondenz der Belagerer gibt es zwei umfangreiche Berichte über die Geschehnisse. Der eine ist in Lateinisch von Hermann von Kerssenbrock verfasst: Die „Narratio historica Anabaptistici furoris Monasterium“. Kerssenbrock erlebte als Domschüler in Münster die Anfänge der Täuferbewegung bis zur Vertreibung der Andersgläubigen im Februar 1534. Nach der Eroberung kehrte er zurück und verfasste nach eingehender Forschung und Befragung der Augenzeugen seinen ausführlichen Bericht. Der zweite Bericht stammt von einem Augenzeugen selbst, dem Schreiner Heinrich Gresbeck. Er erlebte das Täuferreich von Anfang an mit und war einer der beiden begnadigten Flüchtlinge, die dem Bischof halfen, die Stadt im Juni 1534 einzunehmen. Sein Werk ist auf Niederdeutsch geschrieben und trägt den Titel „Summarische Ertzelungk und Bericht der Wiederdope und wat sich binnen der Stat Monster in Westphalen zugetragen im Iair MDXXXV“.
Weitere wichtige Quellen sind die Traktate, Briefe und die „Restitutio“ Bernhard Rothmanns. Aus ihnen lässt sich vor allem der theologische Aspekt des Täuferreiches erklären. Zuletzt sind uns zahlreiche Verhöre von Überläufern, Gefangenen und den Führern des Täuferreiches erhalten.
Sammlungen und Übersetzungen der verschiedenen Dokumente sind unter anderem 1974 von Richard van Dülmen, 1923 von Klemens Löffler und 1853 von C.A. Cornelius herausgegeben worden. Untersuchungen und Analysen gibt es von Ralf Klötzer (1992), Karl-Heinz Kirchhoff (1973) und Helmut Lahrkamp (2004).
Einzelne Frauenschicksale
Nur wenige Einzelschicksale von Frauen aus dem Täuferreich sind uns bekannt. In verschiedenen Listen und Dokumenten kommen einzelne Namen zwar immer wieder vor, doch meistens erfahren wir nichts über die Geschichte und die Person, die sich hinter dem Namen verbirgt. Einige Frauen spielten jedoch scheinbar eine so wichtige Rolle in Münster, dass mehr über sie berichtet wurde. Ich möchte hiervon vier Frauen herausgreifen. Zwei von ihnen sind bekannt geworden, weil sie sich für die Sache der Täufer einsetzten, und die anderen zwei, weil sie sich dieser Sache widersetzten. Alle vier scheinen sehr unterschiedlich in Charakter und Stellung zu sein und repräsentieren die verschiedenen Positionen, die die Frauen im Täuferreich vertraten.
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Arbeit zitieren:
Sara Stöcklin, 2005, Die Rolle der Frauen im Täuferreich zu Münster 1534/35, München, GRIN Verlag GmbH
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