J.W. Goethe Universität Frankfurt/M. (WS 98/99) Fachbereich Gesellschaftswissenschaften (Fb 03) Seminar: Kritische Theorie und politische Praxis (HS)
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Vorgelegt von : Sebastian Muthig
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1.1. Der Werturteilsstreit
1.2. Der Positivismusstreit
1.3. Kritikverständnis 1.4. Dialektik
1.5. Der logische Positivismus des Wiener Kreises .ULWLVFKH7KHRULH
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3.1. Divergenzen der Prognosen dialektischer Theorie
3.1.1. Nicht-Existenz eines Klassenbewußtseins
3.1.2. Relevanz des Tauschprinzips:
3.1.3. Affirmativ idealistisches Geschichtsbild
3.2. Das Verhältnis von materialistischer Dialektik und spätkapitalistischen Kohäsionskräften
3.2.1. Konzeption eines „Außen“ als qualitative Differenz
3.3. Herrschaftsmechanismen der repressiven Totalität
3.3.1. Bedürfnispräformation und ökonomischer Interventionismus
3.3.2. Gesellschaftliche Notwendigkeit der Ideologie der Einheit von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen
3.4. Integraler Etatismus als höchste Form des Staatskapitalismus
3.4.1. Die Dialektik der sozialen Umwälzung
3.4.2. Bedeutung der Theorie für die revolutionäre Praxis
3.4.3. Staatskapitalismus als vernünftige Alternative zum Liberalismus?
3.5. Ökonomische Organisation des Staatskapitalismus und seine Relevanz für eine befreite Gesellschaft
3.5.1. Neuordnung des sozialen Lebens
3.5.2. Kontrolle der Produktion
3.5.3. Kontrolle der Distribution
3
3.5.4. Ökonomische Grenzen des Staatskapitalismus
3.5.5. Natürliche Limitationen des Staatskapitalismus
3.5.6. Sozialstruktur
3.6. Die eindimensionale Gesellschaft / Unterbindung sozialen Wandels und Integration der Gegensätze
3.6.1. Technologisches Apriori der Herrschaft:
3.6.2. Präformation der Individuen (Introjektion „falscher“ Bedürfnisse)
3.6.3. Akkomodation jeglicher kritischer und transzendentaler Opposition
3.6.4. Der Wohlfahrts- und Kriegsführungsstaat
3.6.5. Repressive Entsublimierung
3.7. Eindimensionales Denken und Verhalten
3.7.1. Kritik der empirischen Sozialforschung
3.7.2. Das ein- und zweidimensionale Denken
3.7.3. Die Logik der Herrschaft (LQKHLWYRQ7KHRULHXQG3UD[LV"
4.1. Die Dialektik von Theorie und Praxis
4.2. Notwendigkeit theoretischer Reflexion
4.3. Triebstruktur und sozialer Wandel / Einheit von Theorie und Praxis
4.4 Kritische Theorie und Studentenrevolte
4.5. Resumée /LWHUDWXUYHU]HLFKQLV
4
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Das ,QVWLWXWIU6R]LDOIRUVFKXQJ,I6 deren drei wichtigsten Gründungsmitglieder Felix Weil (1898 -
1975), Friedrich Pollock (1894 - 1970) und Max Horkheimer (1895 - 1973) waren, wurde am 3. Februar 1923 in Frankfurt am Main gegründet und sollte ein Forum für marxistische Studien sein. Der erste Direktor und Ordinarius des Institutes war Carl Grünberg (1861-1940). Es war das erste Mal, daß in Deutschland ein erklärter Marxist auf einen Lehrstuhl an einer Universität berufen wurde. 1933 wurde das Institut von den Nazis geschlossen und nach New York verlegt, von wo aus es seine Arbeit fortführte. Im Exil und unter den Erfahrungen des deutschen Faschismus entstanden die radikalsten und kritischsten Werke der später sogenannten )UDQNIXUWHU 6FKXOH, des Arbeitskreises unter Max Horkheimers Führung. Die Bezeichnung )UDQNIXUWHU 6FKXOH hat sich erst in den 60er Jahren eingebürgert und diente der Abgrenzung gegenüber der 0QVWHUDQHU6FKXOH um Helmut Schelsky, der .|OQHU 6FKXOH um Rene König und der 0DUEXUJHU 6FKXOH um Wolfgang Abendroth. Die von der )UDQNIXUWHU 6FKXOH betriebene ÄNODVVLVFKH³ NULWLVFKH 7KHRULH hatte die Kritik an der okzidentalen
Vernunfttradition, der instrumentalen Vernunft, zum Gegenstand. Der Aufklärungsprozeß wurde von ihr nicht als Fortschritt der Menschheit, sondern als deren Verfallsgeschichte angesehen. In der Anfangsphase (von 1923-1930) arbeiteten u.a. Max Horkheimer, Karl August Wittvogel, Friedrich Pollock, Hendrik Großmann, Franz Borkenau, Leo Löwenthal und Erich Fromm am IfS. Theodor Wiesengrund Adorno wurde erst 1938 Mitglied des Institutes, avancierte dafür aber zu einem seiner bedeutendsten Mitarbeiter. Nach dem Tod Grünbergs 1927 durch einen Schlaganfall, trat 1929 Max Horkheimer als zweiter Institutsdirektor seine Nachfolge an und besetzte den neu gegründeten Lehrstuhl für Sozialphilosophie an der Universität Frankfurt. In seiner Antrittsrede vom 24.1.1931 vertrat er die Auffassung, daß nur die wissenschaftliche Disziplin der Sozialphilosophie in der Lage sei, die sowohl in der Philosophie als auch in den Sozialwissenschaften entstandenen Defizite zu beheben und dadurch die Gegensätzlichkeit von philosophischer Theorie einerseits und einzelwissenschaftlicher Praxis andererseits zu kompensieren..
Die Sozialphilosophie übt Kritik an der „klassischen“ Philosophie des ,GHDOLVPXV, die seit Immanuel
Kant (1724-1804) als eine Leistung der Einzelpersönlichkeit angesehen wurde, deren Medium die Selbstbesinnung ist. Für Georg Friedrich Wilhlem Hegel (1770-1831), welcher sie zur Sozialphilosophie weitergedacht hat, stellt das Individuum zwar weiterhin den Ausgangsort dar, aber es ist nicht länger der Ort, in dem Wissenschaft und Gegenstände zusammenfallen, sondern der Sinn des Seins liegt nun in der Vernunft des Ganzen. Mit Horkheimer und der auf Hegel basierenden Sozialphilosophie trat ein Perspektivenwechsel ein; es ist nicht länger die Person allein, die den Sinn des Lebens aus allgemeinen Regeln ableiten muß, sondern das individuelle Streben nach Glück steht in einem dialektischen Verhältnis zum Ganzen. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wurden zum Gegenstand philosophischer Reflexion. Diese Ortsbestimmung einer modernen Sozialphilosophie ist zum einen ein Plädoyer für Interdisziplinarität, während auf der anderen Seite eine Verschiebung
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der zentralen Aufgaben von der Analyse der ökonomischen Gesamtsituation auf die sogenannten Überbauprobleme, insbesondere der kulturellen Phänomene evident wird.
Unter der Bezeichnung „Kritische Theorie“ oder „Frankfurter Schule“ wird allgemein diese spezifische (sozial-) philosophische und gesellschaftstheoretische Forschungsrichtung bzw. ein solcher Arbeits- und Wirkungszusammenhang verstanden, deren erklärtes Ziel die fortwährende Reflexion über die Pathologien der Moderen war, verbunden mit dem Anspruch auf eine mündige, aufgeklärte und bessere Welt. Der ausgeübte Einfluß so herausragender linker Intellektueller, wie Horkheimer, Adorno, Benjamin, Marcuse, Fromm, Habermas, Neumann, Kirchheimer, etc. ist bis auf den heutigen Tag unbestritten. Die von ihnen vertretene kritische Soziologie stand in der Tradition zweier großer Theoretiker, Hegel und Marx, und begriff die Gesellschaft als eine antagonistische Totalität. Das ihrer Analyse des sozialen Lebens zugrundeliegende sozialwissenschaftliche Paradigma, beinhaltet eine materialistische Theorie des gesamtgesellschaftlichen Lebensprozesses, welche in der Kombination von Philosophie und Sozialwissenschaft systematisch die Psychoanalyse und gewisse Denkmotive vernunfts- und metaphysikkritischer Denker in den historischen Materialismus integrierte. Ihr Programm einer rationalen Kritik der Rationalität ist das einer emphatischen Kulturkritik; konkrete Kritik entfremdeter und entfremdender sozialer Verhältnisse. Die prägenden Einflüsse auf diese, in sich heterogene, Forschungsrichtung, waren u.a. das Aufkommen des Faschismus (implizit des Antisemitismus, sowie dessen Bedeutung für ihre gesellschaftliche Rolle als Juden), im Anschluß daran die Situation im Exil in den USA, sowie das Scheitern der Arbeiterbewegung in den europäischen Ländern (explizit das Scheitern der Oktoberrevolution in der Sowjetunion).
In der vorliegenden Arbeit möchte ich mich nun mit dem (problematischen) Verhältnis von wissenschaftlicher Theorie (im besonderen der kritischen Theorie der Frankfurter Schule) und politischer Praxis im allgemeinen, unter den Bedingungen der modernen spätkapitalistischen Gesellschaft, beschäftigen:
Im zweiten Teil der Arbeit werde ich eine semantische Bestimmung des Kritikbegriffs der Frankfurter Schule, in Abgrenzung zum positivistischen bzw. pragmatischen Kritikbegriffs des Wiener Kreises, im besonderen von K.R. Poppers Position des kritischen Rationalismus, vornehmen. Da die Thematik von außerordentlich wissenschaftstheoretischer Relevanz ist, werde ich beide Positionen im Kontext des sogenannten Werturteils- und Positivismusstreites rekonstruieren (Teil 1). Aus didaktischen Gründen erscheint es mir für das allgemeine Verständnis weiterhin sinnvoll und notwendig, einen kurzen semantischen Überblick über die beiden zugrundeliegenden philosophischen Denktraditionen (einerseits der Hegelschen und andererseits die des logischen Positivismus) zu skizzieren.
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In dritten Kapitel werde ich mich mit der Problematik des Praxisbezuges der kritischen Theorie, aufgrund der, von Marcuse konstatierten, menschlichen Eindimensionalität, welche durch die autoritäre Staatsform determiniert ist, sowie der Tatsache daß die Klassenherrschaft ihre objektive Form überlebt, beschäftigen. Neben der gesellschaftstheoretischen Analyse der gegenwärtigen Herrschaftsordnung, ob es sich dabei um eine spätkapitalistische oder eine sonstwie industriegesellschaftliche handelt, gilt mein besonderes Interesse dem Vergleich dieser Ordnung mit dem Privatkapitalismus, hinsichtlich der Differenzen der ökonomischen Organisation, sowie seiner Relevanz für eine emanzipierte, vernünftig-aufgeklärte Gesellschaft. Ferner werde ich versuchen die herrschaftlichen Momente zu identifizieren, welche die Integration der negativen Kräfte in das bestehende System gewährleisten und somit jeglichen qualitativen sozialen Wandel unmöglich erscheinen lassen. Da die aktuellen Entwicklungen die Marxschen Prognosen tangieren erscheint es weiterhin notwendig eine Kritik und Weiterentwicklung der materialistischen Dialektik vorzunehmen.
Im Anschluß daran (Teil 4) werde ich der Frage nachgehen, wie konkret soziale Veränderung, unter den Bedingungen des autoritären Staates und seiner integrierenden und assimilierenden, repressiven Verhältnisse, möglich erscheint. Mein besonderes Interesse hierbei, gilt wiederum dem Vergleich von Marcuse mit Adorno, hinsichtlich deren differenten Praxisverständnis, am Beispiel der studentischen „ Revolution“ von 1968/69.
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Abschließend werde ich im 5.Kapitel nochmals zusammenfassend ein Resumeé vornehmen.
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Der als :HUWXUWHLOVVWUHLW etikettierte erste 0HWKRGHQVWUHLW
in der deutschen Soziologie war orientiert
an der Problematik der Forschungs- und Theoriebezogenheit auf soziale und politische Entwicklungen als Systemproblemen (Krisen). Der im 9HUHLQ IU6RFLDOSROLWLN (VfSP) im Januar 1914 ausgetragene
Diskurs hatte als Bezugsproblem die „ sociale Frage“ oder „ Arbeiterfrage“ und drehte sich zu einem erheblichen Teil auch um den wissenschaftslogischen Status von Sätzen der Nationalökonomie (welche den Abspruch hatte mathematisch exakte Modelle zu entwickeln, allgemeine (universelle) Gesetze menschlichen Verhaltens aufzustellen und axiomatisch-deduktive Aussagensyteme anstrebte). Beteiligt waren vor allem Wirtschaftswissenschaftler, deren Disziplin - die Nationalökonomie - einen Wandel von der politischen Ökonomie zur „ Physik des Sozialen“ vollzog. Im VfSP herrschte eine charakteristische Verschränkung von Sozialwissenschaft und Sozialpolitik. Trotzdem erhob eine Fraktion um 0D[ :HEHU das 3RVWXODW GHU :HUWIUHLKHLW der Wissenschaften; wissenschaftliche
Probleme hätten sich einerseits auf theoretische und erhebungstechnische Probleme zu beschränken und andererseits auf solche der Beschreibung, Erklärung und Prognose realer Ereignisse. Wissenschaftliche Theorie sollten auf nichts anderes als die Wahrheit, empirische Erhebungen und die Ermittlung und Erklärung von Tatsachen abzielen, während die Verfolgung praktischer und sozialpolitischer Ziele und Zwecke nicht zur Aufgabe des Wissenschaftlers gehört. Zwar darf die Wissenschaft Informationen vermitteln, welche der Realisierung vorgegebener praktischer Ziele zweckdienlich erscheinen, doch dürfen diese Zwecke nicht die Ordnung der theoretischen Sätze, die Durchführung von Erhebungen und die Versuche zur Deskription, Erklärung und dem Verständnis von Tatsachen immanent beeinflussen.
In der anderen Fraktion um *XVWDYY6FKPROOHU sah man die praktischen Zielsetzungen und sozialen
Normvorstellungen als einen immanenten Bestandteil der Theoriebildung und Untersuchungsarbeit selbst an: Werturteile dürften nicht aus der (Wirtschafts-) Wissenschaft verbannt und einfach der Praxis überlassen werden.
Max Weber artikuliert in seinem berühmten Aufsatz ÄGLH!!2EMHNWLYLWlWVR]LDOZLVVHQVFKDIWOLFKHU XQG VR]LDOSROLWLVFKHU (UNHQQWQLV ³ die Position, daß sich die Soziologie als Wissenschaft zu
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entwickeln und jegliche Vermischung ihrer, an Werten wie Klarheit, Wahrheit, Exaktheit, und
1 Es ist schwer festzulegen welcher Diskurs wann und wo, der wievielte Methodenstreit war und wann er aufhörte. So gab es vor dem „ ersten Methodenstreit“ einen „ älteren Methodenstreit“ zwischen K. Menger und G. v. Schmoller, welcher sich um Fragen des „ methodischen Individualismus“ drehte.
2 Vgl. Weber, Max; die Objektivität sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, In: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre (1922); Tübingen, 1988.
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Überprüfbarkeit orientierten, Theoriearbeit und Forschungspraxis mit der Propagierung sittlicher und politischer Zielsetzungen zu vermeiden habe 3 . Er beruft sich dabei auf David Hume. Ihm zufolge stellen Tatsachen- und Sollensaussagen (welche er und Kant der Ethik vorbehalten) zwei strikt getrennt zu haltende Aussagenklassen dar 4 . Nach Hume können Sollensaussagen (als normative Sätze) logisch nicht aus deskriptiven Tatsachenaussagen abgeleitet werden (i.e. als praktischer Syllogismus 5 ). +XPHV7KHRUHP besagt, daß von Tatsachenaussagen nur solche Sollensaussagen abgeleitet werden
können, die auch ohne die vorausgesetzten nichtnormativen Aussagen als bindend angesehen werden können.
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Der zweite große Methodenstreit in der deutschen Soziologie, welcher in Anknüpfung an die Werturteilsproblematik stattfand, war der 3RVLWLYLVPXVVWUHLW, der mittlerweile als klassisch gilt. Er
fand seinen Ausgang im Oktober 1961 auf einer Arbeitstagung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie ('*6) in Tübingen und war ursprünglich als eine Grundlagendiskussion zur inneren Reformation des Verbandes gedacht. Als Protagonisten, dieses wissenschaftlichen Diskurses, welcher die /RJLN GHU 6R]LDOZLVVHQVFKDIWHQ LP $OOJHPHLQHQ zum Gegenstand hatte, standen sich 7KHRGRU :LHVHQJUXQG $GRUQR, als Vertreter der .ULWLVFKHQ 7KHRULH der )UDQNIXUWHU 6FKXOH, und Sir .DUO 5DLPXQG 3RSSHU, als Apologet des .ULWLVFKHQ 5DWLRQDOLVPXV 6 und Mitglied des :LHQHU .UHLVHV,
gegenüber.
Adorno teilt mit Popper die Ablehnung der Rickertschen Unterscheidung zwischen QRPRWKHWLVFKHU und LGHRJUDSKLVFKHU Wissenschaft, er spricht sich eindeutig gegen eine rigide Trennung von Natur-
und Geisteswissenschaften aus. Aus seinem hegelianisch-dialektischen Denken folgert er auch nicht die Abwertung des analytischen (Hegel: verständigen) Denkens in seinem Zuständigkeitsbereich; er wehrt sich nur gegen den $OOHLQYHUWUHWXQJVDQVSUXFK des '16FKHPDVDQDO\WLVFKHU3KLORVRSKLH.
Es wurde Adorno der Vorwurf der Gleichstellung von sozialen Gegensätzen mit logischen Kontradiktionen und des Fehlschlusses der ersten auf den zweiten gemacht, doch scheint er mit seiner These der gleichzeitigen Rationalität und Irrationalität der Gesellschaft mehr auf den „ paradoxen Effekt“ ungeplanter und unbeabsichtigter Nebenfolgen zielorientierter Handlungen zu rekurrieren. Entwicklungen kehren sich gegen ihre eigenen Entwicklungsbedingungen in der Realität. Derartige
3 Sind selbst Werte. Wie streng ist die Disjunktion zwischen wissenschaftlichem Urteil und Werturteil bei Weber wirklich?
4 Ihre Vermischung wird beispielsweise bewußt von Ideologien und der Propaganda betrieben.
5 Die basale Beschränktheit praktischer Syllogismen wird auch nicht durch technische Imperative aufgehoben. 6 Genaugenommen, kann K.R. Popper gar nicht als typischer Positivist ansehen werden, da er sich selbst explizit als Positivismuskritiker versteht und emphatisch gegen einige Thesen des Wiener Kreises ausspricht (i.e. Induktions- und Verifikationsfrage).
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Rückwirkungen mit negativer Selbstbezüglichkeit 7 werfen nun bestimmte logische Deutungsprobleme auf und stellen somit besondere Anforderungen an die analytische Logik.
Adornos Positivismuskritik hat augenscheinlich wenig mit Detailanalysen des ORJLVFKHQ3RVLWLYLVPXV zu tun (vielmehr hat er ein Bild des 'DWHQSRVLWLYLVPXV vor Augen), als es vielmehr eine Kritik gegen
jede soziologische und philosophische Denkweise darstellt, welche gegensätzliche Interessen, Konflikte, Antagonismen oder Krisen im Interesse des reibungslosen Funktionierens der Herrschaftsordnung verschleiern 8 . Adorno steht weiterhin der erkenntnistheoretischen Grund-vorstellung des strikten 1RPLQDOLVPXV antithetisch gegenüber; er postuliert die Existenz bestimmter
Konstitutions-, Formations- und Entwicklungsprinzipien im Gegenstandsbereich selbst. Obwohl :HEHU und 3RSSHU dem Nominalismus eine höhere Bedeutung zugestehen, kommen beide nicht ohne die $QQDKPHVWUXNWXULHUHQGHU3ULQ]LSLHQLP*HJHQVWDQGVEHUHLFKVHOEVW aus. Ohne die Annahme von
objektiven Strukturen, im Sinne von Regelmäßigkeiten im tatsächlichen Geschehen in der Natur, wären empirischen Hypothesen weder aufstellbar, noch durch Beobachtung zu falsifizieren; es wäre keine Formulierung nomologischer Gesetze als Prämissen für rationale Erklärungen realer Ereigniszusammenhänge möglich.
Adorno stimmt mit Popper desweiteren in dem Punkt überein, das Protokollsätze über einen einzelnen Sachverhalt grundsätzlich allgemeine Thesen und Begriffe einer Theorie implizieren. Allerdings postuliert Adorno ein methodisches 3ULQ]LS GHV 7RWDOLWlWVEH]XJHV der sozialwissenschaftlichen
Forschung: alle sozialen Daten sind bis in ihre innerste Verfassung hinein faktisch von Beziehungen zu Prozessen und Strukturen des realen gesellschaftlichen Ganzen bedingt. Zur Verhältnisbestimmung von Singularität (Individuum) und Totalität bedient er sich der Hegelschen Kategorien der Ä(LQ]HOKHLW XQG$OOJHPHLQKHLW³Er spricht sich explizit gegen die Vorstellung total vergesellschafteter Individuen
und gegen die Ansicht eines funktional integrierten und reibungslos selbstgesteuerten Lebensprozesses aus. Dies entspricht dem Schlüsseltheorem seiner Zeitdiagnose, daß die okzidentale Zivilisation die totale Formierung und Ä(QWVXEMHNWLYLHUXQJ GHU 6XEMHNWH³ nicht leisten kann 9 . Das Verhältnis ist das der 9HUPLWWOXQJ; durch die von der Totalität ausgehenden Einwirkungen auf die Individuen werden bestimmte Seiten des 6R]LDOFKDUDNWHUV (Mead: „ Me“ 10 ) ausgebildet, wodurch sie (im Interesse der
Selbsterhaltung) zugleich Anteil haben an der Reproduktion der materiellen und kulturellen
7 Hegel hat sich ebenfalls explizit mit den, u.a. auch von Weber thematisierten, ungeplanten Folgen zweckgerichteter Handlungen beschäftigt. Ihm zufolge geht die Grundstruktur solcher negativer Rückwirkungen in den Begriff der Aufhebung ein. Er kann verstanden werden: a). als Negation; b). als Konservierung (von Ergebnissen einer vorhergehenden bestimmten Negation auf einer höheren Stufe); c). als Vernichten oder Zugrunderichten.
8 Betrifft ebenfalls die Kontroverse mit dem amerikanischen Funktionalismus, dessen prominentester Vertreter Talcott Parson eine Theorie der sozialen Integration aufgestellt hatte, was ihm den Vorwurf der Parteilichkeit für den status quo einbrachte.
9 Dieser Annahme liegt ein Verkehrungstheorem zugrunde: die gesellschaftliche Totalität hat einen Doppelcharakter; sie ist historisch eher Subsumtionsapparat und zugleich Lebensbedingungen bereitstellender Prozeß. Das Nicht-Intergrierte (i.e. Ungleichzeitige) ist für die Herrschaftsverhältnisse zweckdienlich; die Totalität reproduziert sich auch durch die Spontaneität der Individuen als Subjekte hindurch.
10 G.H Mead bezeichnete diesen Sozialcharakter als „ soziales Selbst“ oder „ verallgemeinerten bzw. signifikanten Anderen“ , in welchem die Haltungen all der bedeutsamen Anderen eingenommen und verinnerlicht werden. (vgl. G.H. Mead; Geist, Identität und Gesellschaft; S.177ff.). Hier beschreibt Adorno eine gegenläufige Einheit bzw. einheitliche Gegenläufigkeit von Gewohnheiten, welche sowohl der inneren Subsumtion (z.B. durch Triebunterdrückung) aufgrund von Herrschaft als auch den in Interaktionen vermittelten Fähigkeiten entstammt und der Selbsterhaltung im Rahmen bestimmter gesellschaftlicher Lebensbedingungen dient.
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Lebensbedingungen 11 . Die Vorstellung vom Totalitätsbezug der Daten und Einzelheiten, sowie die Annahme wesentlicher Strukturen und Prozesse der Totalität bezeichnete Popper als +ROLVPXV und (VVHQWLDOVLPXV.
In Kongruenz zu Popper übt Adorno Kritik am 6]LHQWLVPXV und 1DWXUDOLVPXV. Das „ Primat des
Problems“ besteht für Adorno in einem realen Widerspruch, in gegenläufigen und selbstzerstörerischen Relationen innerhalb der Totalität oder zwischen Allgemeinheit, Besonderheit und Einzelheit. Es bildet sich ein Spannungsverhältnis innerhalb der Totalität und/oder zwischen Totalität und Einzelheit aus, dessen Grundcharakter auch innerhalb des Pols der Einheit evident wird. Die besondere Form der Darstellung der Konstellationen in der sozialen Wirklichkeit, beruht auf der Hegelschen Elementarfigur zwei in einer Gegensatzrelation zueinander stehenden Momente, die einander sowohl implizieren und Merkmale des jeweilig anderen beinhalten (*OHLFK]HLWLJNHLW YRQ (LQVFKOX XQG $XVVFKOX/Hegel Ä9HUPLWWOXQJ GHU *HJHQVlW]H LQ VLFK³. Adorno greift auf diese
Elementarfigur - welche auch von der „ starken Weberthese“ vorausgesetzt wird - auch bei der Verhältnisbestimmung von praktischen Problemen der Gesellschaft und den kognitiven Problemen der Wissenschaft zurück. Insofern bedeutet Gesellschaft für ihn „ Problem im emphatischen Sinn“ .
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Beide Theoretiker vereint ein .ULWLNYHUVWlQGQLV im Sinne des Widerspruchs gegen die starre Konformität der herrschenden Meinung (in der Forschung). Poppers Postulat eines ÄRIIHQHQ'HQNHQV³ kann als .ULWLN DP YHUGLQJOLFKWHQ %HZXWVHLQ verstanden werden, welche für Adornos kritische Theorie ein Schlüsselmotiv der ,GHRORJLHNULWLN darstellt. Die LPPDQHQWH.ULWLN Adornos beinhaltet die Demonstration sogenannter ÄSHUIRUPDWLYHU:LGHUVSUFKH³; den empirischen Nachweis, daß eine
bestimmte Position latent Behauptungen seiner Gegenposition impliziert ($IILUPDWLRQ), welche sie manifest bestreitet (1HJDWLRQ). Es ist ein Verfahren der systematischen Widerlegung. Er kritisiert Poppers Gleichsetzung von Kritik mit dem 9HUIDKUHQ YRQ 9HUVXFK XQG ,UUWXP. Hier spielt die These von der 9HUPLWWOXQJ GHU %HVRQGHU XQG (LQ]HOKHLW durch die Gesellschaft eine entscheidende Rolle; alle sozialen Einzeltatbestände werden durch das Ganze SUlIRUPLHUW. Daraus leitet er die
Notwendigkeit des „ spekulativen Momentes“ im Denken ab. Kritik bedeutet für Adorno Gesellschaftskritik und radikale Aufklärung als Ausdruck einer kritischen Gesinnung. Mit dem Postulat, daß sozialwissenschaftliche Kritik über die Selbstkritik (der Begriffe, Thesen und Methoden) hinausgehend, zur Kritik des soziologischen Objektes werden muß; sowie der Behauptung, daß das Verhältnis von wissenschaftlicher Objektivität und Werten keineswegs eines der Disjunktion oder Dichotomie sei, tangiert Adorno implizit die :HUWXUWHLOVSUREOHPDWLN. Seiner Auffassung zufolge ist die
11 Das Gegenmodell ist das einer Subsumtionsrelation: es hat repressiven Charakter und zeichnet sich durch Zwang, Verdinglichung, Entfremdung; Triebunterdrückung; ..etc. aus. Je mehr sich eine soziale Totalität dem (unmittelbaren)
11
Trennung von wertendem Verhalten und wissenschaftlicher Sachlichkeit mit dem geschichtlichen Stand der 9HUGLQJOLFKXQJ verknüpft. Kritik bedeutet .ULWLN GHU LQVWUXPHQWHOOHQ 9HUQXQIW. Die
Einbettung der Werte in die soziale Praxis erlaube es, die Verhältnisse an ihrem Begriff, den )DNWL]LWlW beanspruchenden Normen und Idealen zu messen 12 .
In Anschluß an seine Theorie des 3ULPDWV GHU *HVHOOVFKDIW vor dem Individuum, welches die
Übermacht der verdinglichten Verhältnisse über den Willen und das Bewußtsein des Individuums repräsentiert, konstruiert Adorno seine 7KHRULH GHV 6XEMHNWV. Sie bewegt sich im Kontext einer
Dialektik von Bestimmung und Selbstbestimmung, deren Ursprünge in seiner kritischen Analyse der .DQWLVFKHQ)UHLKHLWVDQWRQRPLH wurzelt.
Poppers Kritikverständnis hingegen ist das einer bestimmten Form der Gesellschaftskritik: das der ,QVWLWXWLRQHQNULWLN.
'LDOHNWLN
Die im Anschluß an )LFKWH und 6FKHOOLQJ von +HJHO weiter entwickelte 'LDOHNWLN ist nicht mehr nur
eine logische Methode der Erkenntnis, sondern ontologisch und metaphysisch die eigentümliche Form der 6HOEVWEHZHJXQJ $XWRSRLHVLV GHU :LUNOLFKNHLW XQG GHV 'HQNHQV 13 . Seinem Denken liegt die
Vorstellung zugrunde, daß Erkenntnis durch Sinnlichkeit, Vertand oder Vernunft möglich ist. Denken und Sein sind identisch, da das Sein an sich „ Idee“ (objektive Vernunft) ist. Den Dingen selbst ist der Widerspruch, ihre 1HJDWLRQ immanent. Die Aufhebung des Positiven durch seine Negation ist nicht
Nichts, sondern nur die Negation des je Spezifischen, d.h. des besonderen Inhalts oder der besonderen Sache. Der dialektische Prozeß wird vorangetrieben durch das, den Begriffen und Dingen innewohnende, Bedürfnis nach Aufhebung von Widersprüchlichkeit. Das „ Besondere“ stellt nur einen Fortschritt im Hinblick auf das Absolute, auf einen Zustand ohne Widersprüche dar. Hegel zufolge besteht die Philosophie aus drei Formen; sie ist ihrem Inhalt nach abstrakt, dialektisch und spekulativ. Dem entspricht das 3-Stufen-Modell der Logik: 1. Das DEVWUDNWH oder YHUVWlQGLJH Denken; 2. Das GLDOHNWLVFKH oder QHJDWLYYHUQQIWLJH Denken; und 3. Das VSHNXODWLYH oder SRVLWLY YHUQQIWLJH Denken.
Die Wissenschaft habe vom Abstrakten aus zu beginnen, welches gleichzeitig das Einfache und Zugängliche (nach Hegel) sei. Das Konkrete ist immer schon das Abstrakte.
Das Dialektische ist die negative Vernunft, die Selbstreflexion der Analysis 14 . Ihr ist das Moment des eigenen Aufhebens endlicher Bestimmungen und des Übergangs in ihr Gegenteil immanent. Die
Subsumtionsmodell annähert, desto totaler und integraler sind seine Unterdrückungsmechanismen und Zwangsgesetzlichkeiten, verbunden mit der Charaktermaskenbildung der Individuen.
12 Dies ist jedoch keine Lösung des Maßstabsproblems, da auch er bestimmte, der pluralen in der Gesellschaft geltenden, Werte benennen und als zum normativen Selbstverständnis der Gesellschaft gehörig definieren muß. 13 Hegel unterscheidet drei Grundformen der Logik: die Seins-Logik, Wesens-Logik und Begriffs-Logik.
14 Nach Hegel ist das Prinzip des Verstandes die Analysis; das klare Unterscheiden. Es beruht auf der philosophischen Methode der resolutio (Zergliederung) et compositio (Zusammensetzung).
12
Dialektik ist das immanente Hinausgehen über die Verstandesbestimmungen, in welcher sich ihre Einseitigkeit und Beschränktheit als das, was sie ist, darstellt, nämlich ihre Negation. „ Das Dialektische macht daher die bewegende Seele des wissenschaftlichen Fortgehens aus und ist das Prinzip, wodurch allein immanenter Zusammenhang und Notwendigkeit in den Inhalt der Wissenschaft kommt, so wie in ihm überhaupt die wahrhafte, nicht äußerliche Erhebung über das Endliche liegt“ (Hegel; Enzyklopädie; § 81).
Das Spekulative, als Ausdruck des unendlichen Denkens, hat - wie das Dialektische - die Kantischen Antonomien zur Grundstruktur. $QWRQRPLHQ beschreiben Gegensatzverhältnisse, welche simultan
Einschlußverhältnisse sind; zwei Sachverhalte schließen einander aus und beinhalten dennoch Eigenschaften des konträren Sachverhaltes (7KHVLV XQG $QWLWKHVLV). „ Wenn die Vernunft der
gemeinsame Nenner von Subjekt und Objekt ist, so ist sie das als Synthesis von Gegensätzen. Mit dieser Idee begriff Ontologie die Spannung zwischen Subjekt und Objekt; sie war mit Konkretheit gesättigt. Die Wirklichkeit der Vernunft bestand im Austragen dieser Spannung in Natur, Geschichte und Philosophie“ (Marcuse; Der eindimensionale Mensch; S.167). Die Spekulation ist das positivvernünftige Denken und die eigentliche Aufgabe der Philosophie; die Erkenntnis des Entgegengesetzten in seiner Einheit, sowie die Einheit seiner inneren Gegensätze.
Für .DUO 0DU[, der sich ausdrücklich auf Hegel beruft, ist Dialektik als Methode und Form der Gedankenentwicklung LGHRORJLHNULWLVFKH UHYROXWLRQlUH *HVHOOVFKDIWVWKHRULH, indem sie ideelle
Systeme immanent als Prozesse darstellt. Durch das Aufweisen der Negation offenbart sich die Mangelhaftigkeit des Systems und durch den Hinweis auf die Negation der Negation wird die Notwendigkeit der Aufhebung bewußt und wirksam.
In der PDU[LVWLVFKHQ Diskussion wird Dialektik als ein Ausdruck gesetzmäßiger Notwendigkeit
geschichtlicher Veränderung verwendet; als Einzelwissenschaft von den allgemeinen Gesetzen der Bewegung und Entwicklung in der Natur, der Gesellschaft und dem menschlichen Denken: die Lehren von der Negation der Negation in Natur und Gesellschaft als treibender Kraft der historischen Evolution; als Theorie und Methode der menschlichen Erkenntnis und des menschlichen Denkens in seinen allgemeinen Bestimmungen; oder als Anleitung zum praktisch-gestaltenden Handeln, als Nachweis von Entwicklungstendenzen und -gesetzen der menschlichen Gesellschaft, welche bewußt von der Arbeiterbewegung aufgegriffen und gestaltet werden müssen.
Ein Beispiel für die Struktur explizit dialektischer, vermittlungslogischer Argumentation findet sich in dem Kapitel über den „ %HJULIIGHU$XINOlUXQJ“ in der „ 'LDOHNWLNGHU$XINOlUXQJ ¢ ¤ £ “ von Horkheimer und Adorno.
Die Dialektik der Aufklärung wird dort als Tendenz zur Remythologisierung, innerhalb eines Prozesses der Rationalisierung/Entzauberung der Welt dargestellt. Aufklärung in ihrer ursprünglichen
15 Vgl. Horkheimer, Max; „ Dialektik der Aufklärung“ , In: Gesammelte Schriften 1940-1950, Bd.5; Frankfurt/M., 1997.
13
Intension wendet sich gegen den Mythos und den Aberglauben (Animismus) und schlägt dennoch in Mythologie zurück. „ Das Prinzip der Immanenz, der Erklärung jeden Geschehens als Wiederholung, daß die Aufklärung wider die mythische Einbildungskraft vertritt, ist das des Mythos selber“ (Horkheimer; Dialektik der Aufklärung; S.34). Es wird die These aufgestellt, daß Rationalität den Mythos oder zumindest Komponenten der mythischen Weltauffassung impliziere (vice versa ist bereits dem Mythos das positive Moment der Aufklärung immanent).
Dieses dialektische Denken ist eng an den Strukturprinzipien der Hegelschen Dialektik orientiert.
'HUORJLVFKH3RVLWLYLVPXVGHV:LHQHU.UHLVHV
Der 1HR3RVLWLYLVPXV oder /RJLVFKH (PSLULVPXV des Wiener Kreise betrachtet die Klärung der Wissenschafts- und/oder Alltagssprache als das Hauptgeschäft der DQDO\WLVFKHQ 3KLORVRSKLH (von
besonders hohem Einfluß auf ihr Wirken war Ludwig Wittgenstein). Diese philosophische Methode ist am 9RUELOG GHU H[DNWHQ 1DWXUZLVVHQVFKDIWHQ (Physik) XQG H[DNWHQ :LVVHQVFKDIWVVSUDFKHQ
(Mathematik) orientiert. Ihre allgemeine Zielsetzung entstammt einem, von Carnap so bezeichneten, „ wissenschaftlichen Humanismus“ der Praxis sozialer Bewegungen, nicht zuletzt der Arbeiterbewegung. Neben den politisch engagierten linken Mitgliedern des Wiener Kreises (5&DUQDS+ +DKQ(=LOVHO) kokettierte vor allem 21HXUDWKmit dem Marxismus, auch wenn sie alle die ihm
zugrundeliegende philosophische Denkweise der Dialektik als unvernünftig und unanalysierbar zurückwiesen.
Das dem Logischen Positivismus zugrundeliegende Programm besteht in: 1. Einer DQWLPHWDSK\VLVFKHQ *UXQGKDOWXQJ, welche weit über Kants Kritik der Metaphysik hinausgeht; 2. Der ,GHHGHV)RUWVFKULWWV GHU H[DNWHQ :LVVHQVFKDIWHQ GXUFK H[DNWH :LVVHQVFKDIWVVSUDFKH ,GHDO HLQHU (LQKHLWVZLVVHQVFKDIW XQG HLQKHLWOLFKHQ 0HWKRGHQVSUDFKH; 3. Der HPSLULVWLVFKHQ (UNHQQWQLVWKHRULH; 4. Dem 7KHRUHP GHU WHFKQLVFKHQ$QZHQGEDUNHLWQRPRORJLVFKHQ:LVVHQV; 5. Dem 6]LHQWLVPXV 16 und die ihm inhärente Idee
einer an der Physik orientierten Einzelwissenschaft bzw. homogenen Wissenschaftssprache; 6. Der mit der empiristischen Metaphysik verbundenen 6XFKHQDFK(OHPHQWDUVlW]HQ.
Der Positivismus sieht seine Aufgabe in der logischen Sprachanalyse mit den Mitteln der modernen Logik und Mathematik, sowie in vertiefender und klärender Reaktion auf die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften.
16 Der Begriff Szientismus leitet sich vom englischen „ science“ ab, welches der angelsächsische Ausdruck für Naturwissenschaft ist. „ Science is measurement und der Szientismus sind Ausdruck für die Bereitschaft, sich in allen Phasen der Theoriebildung und bei empirischen Untersuchungen am Vorbild der auf den höchsten Meßniveaus und mit einer logisch und mathematisch hoch elaborierten Sprache operierenden Naturwissenschaften auszurichten“ (Ritsert; Einführung in die Logik der Sozialwissenschaften; S.84).
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Die Rolle der (PSLULH 17 taucht im logischen Positivismus als das 6FKOVVHOSUREOHP GHU %DVLV XQG 3URWRNROOVlW]H auf: induktiv gewonnene Untersuchungsergebnisse müssen als Protokollsätze
festgehalten werden, welche die Basis der weiteren Erkenntnis sind. Das Gütekriterium der, den Tatsachenaussagen der Realwissenschaften entsprechenden, Aussagensystemen ist die ORJLVFKH :LGHUVSUXFKVIUHLKHLW (/RJL]LWlW) ihrer Sätze.
Das HPSLULVWLVFKH 6LQQNULWHULXP basiert auf den Methoden und Möglichkeiten der Bewahrheitung
(9HULILNDWLRQ) eines Satzes. Ihr liegen drei Prämissen zugrunde: 1. Empirisch signifikant (gehaltvoll) sind nur syntaktisch zulässige, nach allen Regeln der logischen bzw. syntaktisch-grammatischen Kunst gebildete und verknüpfte Sätze; 2. Synthetische Aussagen 18 sind nur dann empirisch sinnvoll, also wissenschaftlich gehaltvoll und zulässig, wenn über ihren semantischen (nicht-logischen; nichtanalytischen; empirischen) Wahrheitsgehalt geurteilt werden kann; Und 3. damit verbunden das 9HULILNDWLRQVE]Z)DOVLILNDWLRQVSUREOHP (Carnaps 6WXIHQWKHRULHGHU:LVVHQVFKDIWVVSUDFKHQ: a).
Aussagen sind nur dann empirisch signifikant, wenn sie aus Beobachtungssätzen logisch deduziert werden können; oder b). wenn sie in eine empirische Sprache übersetzt werden können).
Dem (UNOlUXQJVEHJULII des logischen Positivismus liegt das +HPSHO2SSHQKHLPHU+26FKHPD rationaler Erklärungen zugrunde, dessen logisches Prinzip der klassische (aristotelische) 6\OORJLVPXV
der Schlußfolgerung, mit seiner Unterscheidung von Obersatz (3UlPLVVH), Untersatz (0LQRUSUlPLVVH) und Schlußfolgerung (&RQFOXVLR), ist. Rein formallogisch besteht diese Figur aus einer Wenn-Dann-Klausel. Der Satzteil „ wenn p...“ des Obersatzes heißt $QWHFHGHQ] (Randbedingung); der Satzteil „ ... dann q“ heißt das &RQVHTXHQ] oder ([SODQDQGXP (das zu Erklärende), während der Ober- und Untersatz zusammen genommen das ([SODQDQV (die Erklärungsgrundlage) bezeichnen. Diesem
Modell ist das Moment immanent, daß nur das erklärt werden kann, was ohnehin schon in den Prämissen angelegt ist. Erklärungen bestehen in der logischen Ableitung des Explanandums aus dem Explanans. Das HO-Schema wird auch als deduktiv-nomologisches Erklärungsschema ('16FKHPD) bezeichnet.
Der 3UD[LVEHJULII des logischen Positivismus des Wiener Kreises resultiert aus einem praktischen
Interesse an der Rationalisierung sozialer Prozesse, über das Gebot der instrumentellen Vernunft ((IIL]LHQ]VWHLJHUXQJ DOV 6R]LDOWHFKQRORJLH) hinaus und betrifft die uralte Debatte „ utilitas vel honestas“ in der okzidentalen Ethik 19 . &DUQDS und 1HXUDWK vertreten die wissenschaftslogische These
von der Sinnlosigkeit normativer (ethischer) Sätze, da sie weder als synthetische Aussagen empirisch überprüfbar sind, noch dem logischen Status analytischer Sätze entsprechen. Mit ihr hängt die 'LFKRWRPLHWKHVH, die Grundauffassung, das eine strenge logische Disjunktion zwischen theoretischen
17 Nach der gängigen Meinung bedeutet Empirie, das Fundament all unserer Erkenntnis- und Denkoperationen; unsere Sinneseindrücke.
18 Der Begriff „ synthetisch“ bezeichnet induktiv gewonnene Aussagen.
19 Das Verhältnis von „ utilitas vel honestas“ beschreibt das Problem der Nützlichkeit und Sittlichkeit und ist von zentraler Bedeutung für die Gerechtigkeits- und Gleichheitsdebatte (cf. Jürgen Ritsert; Gerechtigkeit und Gleichheit; Münster 1997).
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Sätzen und solchen über praktische Gebote bzw. Entscheidungen zu beachten ist; sie entspricht der +XPH7KHVH, daß Sein- und Sollenaussagen in zwei völlig disjunktiven logischen Bereichen liegen,
welche nicht vermengt werden dürfen. Beide bestreiten einen Vermittlungszusammenhang von Kulturwertideen bzw. Systemproblemen der damaligen Zeit.
Für den Wiener Kreis ist das ,QGXNWLRQVSUREOHP von zentraler Bedeutung, hinsichtlich der Frage, ob
Induktionsschlüsse von einer besonderen Menge von Beobachtungen auf eine allgemeine Regelmäßigkeit (Gesetz) logisch gültig sind, oder ob sich hinter diesen synthetischen Urteilen nicht allein der psychologische Habitus der Gewohnheit verbirgt. Nach D. Hume können wir sogenannte induktive Generalisierungen nicht als einen logischen Schluß analysieren; dem Induktionsprinzip ist die 5HJXODULWlWVDQQDKPH (Regelmäßigkeit als Apriori) immanent. K.R. Popper teilt Humes Standpunkt
und versucht den Diskurs um das Verhältnis von Existenzaussagen über Einzelfälle und Allaussagen zu lösen, indem er sein )DOVLILNDWLRQLVPXVSULQ]LS einführt, welches besagt, daß sich Allsätze durch
singuläre Tatsachenaussagen (i.e. Protokollsätze) nicht bewahrheiten, sondern lediglich widerlegen lassen. Die Allsätze der Realwissenschaften sind somit nur hypothesenartige Vermutungsaussagen (wenn p, dann q), welche durch Negation der Behauptung (die sich, zusammen mit den Randbedingungen der Minorprämisse, aus der Hypothese ableiten läßt) über das Eintreten des Ereignisses q widerlegt werden können. Läßt sich durch Beobachtung feststellen, daß q nicht der Fall ist, so ist die Hypothese negiert bzw. falsifiziert. Logisch gesehen ist das Falsifikationismusverfahren deduktiv und somit nach dem HO-Schema analysierbar, und zeigt zudem, daß eine letztinstanzliche Verifikation hypothetischer Annahmen nicht möglich ist. Für die Praxis der Forschung folgt daraus, daß beim wissenschaftlichen Umgang mit Hypothesen und Theorien nicht die Bewahrheitung, sondern die Widerlegung versucht werden muß. Voraussetzung bleibt allerdings, daß sie semantisch und syntaktisch so angelegt sind, daß sie überhaupt widerlegt werden können, so sind metaphysische Sätze im strengeren Sinne nicht falsifizierbar. Am Grad der Widerlegbarkeit und ihrer Erklärungs- und Prognosefähigkeit bemißt sich die Qualität einer Theorie.
.ULWLVFKH7KHRULH
„ Die kritische Theorie der Gesellschaft beginnt also mit einer durch allgemeine Begriffe bestimmten Idee des einfachen Warentausches; unter Voraussetzung des sogenannten verfügbaren Wissens, der Aufnahme des aus fremden und eigenen Forschungen angeeigneten Stoffes wird dann gezeigt, wie die Tauschwirtschaft bei der gegebenen und der sich freilich unter ihrem Einfluß verändernden Beschaffenheit von Menschen und Dingen, ohne das ihre eigenen, von der fachlichen Nationalökonomie dargestellten Prinzipien durchbrochen würden, notwendig zur Verschärfung der gesell-
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schaftlichen Gegensätze führen muß, die in der gegenwärtigen geschichtlichen Epoche zu Kriegen und Revolutionen treibt“ (Horkheimer; TukT; S.200) 20 . Zur Intension einer kritischen Gesellschaftstheorie gehört die transzendierende - aller Metaphysik entgegengesetzte - Analyse des gegebenen sozialen status quo; die Untersuchung ihrer historischen Alternativen im Lichte ihrer ungenutzten Kapazitäten zu Verbesserung der menschlichen Lage. Die konkret historische Praxis wird an ihren eigenen geschichtlichen Alternativen gemessen. „ Von Anbeginn steht damit jede kritische Theorie der Gesellschaft dem Problem historischer Objektivität gegenüber, einem Problem, das an den beiden Stellen aufkommt, an denen die Analyse Werturteile 21 einschließt“ (Marcuse; Der eindimensionale Mensch; S.12). Sowohl Horkheimers, als auch Adornos, Positivismuskritik stellt eine Kritik gegen jede soziologische und philosophische Denkweise dar, welche gegensätzliche Interessen, Konflikte, Antagonismen oder Krisen im Interesse des reibungslosen Funktionierens der Herrschaftsordnung zu verschleiern versucht. Das kritische oder transzendierende Denken hat den Anspruch historische Alternativen zum status quo aufzuzeigen; wie auf Basis des gegenwärtigen Standes der technologischkulturellen Möglichkeiten eine vernünftige gesellschaftliche Organisation freier Subjekte möglich ist. Für beide Theoretiker manifestiert sich in den „ traditionellen Theorien“ die gesellschaftliche Arbeitsteilung, sowie ihre Blindheit gegenüber ihrer Verflochtenheit mit historischen Tendenzen. „ Der Schein der Selbständigkeit von Arbeitsprozessen, deren Verlauf sich aus einem inneren Wesen ihres Gegenstandes herleiten soll, entspricht der scheinhaften Freiheit der Wirtschaftssubjekte in der bürgerlichen Gesellschaft. Sie glauben, nach individuellen Entschlüssen zu handeln, während sie noch in ihren kompliziertesten Kalkulationen Exponenten des unübersichtlichen gesellschaftlichen Ganzen sind“ (Horkheimer; TukT; S.171). Die Trennung von Theorie und Praxis stellt eine verdinglichte und ideologischen Kategorie dar. „ Soweit der Begriff der Theorie jedoch verselbständigt wird, als ob er etwa aus dem inneren Wesen der Erkenntnis oder sonstwie unhistorisch zu begründen sei, verwandelt er sich in eine verdinglichte, ideologische Kategorie“ (Horkheimer; TukT; S.168). Trotz aller Wechselwirkung der Kritischen Theorie mit den Fachwissenschaften, zielt sie nicht auf die Vermehrung des Wissens als solchem ab, sondern auf die Emanzipation des Menschen aus versklavenden Verhältnissen
Die Etikettierung des gesellschaftstheoretischen Materialismus als „ Kritische Theorie (der Gesellschaft)“ signalisiert allerdings in geringerem Maße Marxismus-Nähe als die alte Bezeichnung einer „ materialistischen Theorie“ . Trotzdem hat Horkheimers Kritik der politisch-ökonomischen Verhältnisse die Marxsche historisch-materialistische Geschichtsauffassung zur Grundlage. Ihm
20
Max Horkheimers Aufsatz „ Traditionelle und kritischen Theorie“ , welcher 1937 im zweiten Heft der
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Forschungsorientierung des erschienene erste Band von „ Das Kapital“ von Karl Marx verstanden werden. In ihm skizziert Max Horkheimer den für das Institut so wichtigen und signifikanten Kritikbegriff, und kann daher als die verbindliche Definition angesehen werden. Im folgenden zitiert als (Horkheimer; TukT; +Seitenzahl).
21 Zum Beispiel die Urteile, daß das menschliche Leben lebenswert gemacht werden sollte und daß es Mittel und Wege gibt, die bestehenden Möglichkeiten dieser Verbesserung verwirklichen zu können.
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zufolge besteht die Aufgabe der Sozialphilosophie in der Formulierung theoretischer Gesamturteile (([LVWHQ]LDOXUWHLOH) über die Gesellschaft. „ Es besagt, grob formuliert, daß die Grundform der historisch gegebenen Warenwirtschaft, auf der die neuere Geschichte beruht, die inneren und äußeren Gegensätze der Epoche in sich schließt, in verschärfter Form stets aufs neue zeitigt und nach einer Periode des Aufstiegs, der Entfaltung menschlicher Kräfte, der Emanzipation des Individuums, nach einer ungeheuren Ausbreitung der menschlichen Macht über die Natur schließlich die weitere Entwicklung hemmt und die Menschheit einer neuen Barbarei zutreibt“ (Horkheimer; TukT; S.201). Der noch 1931 propagierten interdisziplinären Zusammenarbeit mit verschiedenen Einzeldisziplinen wird ebenso wie den pragmatischen und positivistischen Forschungsmethoden eine Absage erteilt. Ähnlich wie in seiner Direktoratsrede (gegenüber der klassischen Philosophie), entwickelt Horkheimer die Konturen der Kritischen Theorie an dem negativen Beispiel der Traditionellen Theorie. Hierunter subsumiert er die vorherrschenden Forschungsmethoden des bürgerlichen Wissenschaftsbetriebs und stuft sie als Instrument der Selbsterhaltung des gesellschaftlichen Apparates ein Die wissenschaftstheoretische Vorstellung, Objektivität wahren zu können, und simultan dem menschlichen Fortschritt dienen zu können, wird als Illusion kritisiert; die scheinbare Freiheit der Wissenschaft sei ein Trugschluß, genauso wie die scheinbare Selbständigkeit arbeitsteiliger Prozesse in Wirtschaft und Gesellschaft. Durch Spezialisierung, die Wahrnehmung intellektueller Teilaufgaben, wird die Totalität menschlicher Lebensprozesse verleugnet; soziale Prozesse können weder in Fachgebiete aufgegliedert, noch durch arbeitswillige Spezialisierung erfaßt werden. Ein wesentliches Merkmal der kritischen Theorie der Gesellschaft ist ihr Selbstverständnis als eines bestimmten, praktizierten, menschlichen Verhaltens im alltäglichen Leben und nicht das einer akademischen Übung. „ Das dialektische Denken versteht die Spannung zwischen >>ist<< und >>sollte sein<< zunächst als einen ontologischen Sachverhalt, der der Struktur des Seins selbst zukommt. Die Erkenntnis dieses Seinszustandes - seine Theorie - intendiert jedoch von Anfang an eine konkrete Praxis. (...). Das Denken hat keine Macht einen Wandel herbeizuführen, solange sie nicht in Praxis übergeht“ (Marcuse; Der eindimensionale Mensch; S.149). Das kritische Handeln zielt nicht darauf ab einzelne Mißstände abzustellen, da diese notwendig mit der gesamten gesellschaftlichen Organisation verknüpft sind, sondern einen grundlegenden qualitativen Wandel herbeizuführen; die Emanzipation des Menschen aus den versklavenden Verhältnissen. Auf Grund dieser Bestimmung versucht Horkheimer den Begriff des emanzipativen Klassenkampfs zu entwickeln. Mit dem Rückgriff auf Marxsche Kategorien versucht er die Kritische Theorie davor zu bewahren lediglich der Reproduktion der herrschenden, bürgerlichen Gesellschaftsordnung zu dienen. Ziel der qualitativen Änderung sei eine gerechte und vernünftige Gesellschaft, in welcher die Menschen ihre Geschichte selbst bestimmen. Die Idee einer „ Assoziation freier Menschen“ ergibt sich aus dem Stand der erreichten Produktivkräfte, wobei es darauf ankommt, gemeinsam mit der klassenbewußten Arbeiterschaft die Transformation der gesellschaftlichen Totalität zu betreiben.
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In diesem Kontext fordert Horkheimer die Repolitisierung der Soziologie und erteilt dem Postulat der Werturteilsfreiheit eine deutliche Absage. Nach Horkheimer gibt es keine Gesellschaftstheorie, die nicht politisches Interesse mit einschließt, über deren Wahrheit anstatt in scheinbar neutraler Reflexion, eben in konkreter geschichtlicher Aktivität, entschieden werden müßte. „ Die kritische Theorie hat bei aller Einsichtigkeit der einzelnen Schritte und der Übereinstimmung ihrer Elemente mit den fortgeschrittensten traditionellen Theorien keine spezifische Instanz für sich, als das mit ihr selbst verknüpfte Interesse an der Aufhebung des gesellschaftlichen Unrechts. Diese negative Formulierung ist, auf einen abstrakten Ausdruck gebracht, der materialistische Begriff des idealistischen Begriffs der Vernunft. In einer geschichtlichen Periode wie dieser ist die wahre Theorie nicht so sehr affirmativ als kritisch, wie auch das ihr gemäße Handeln nicht >>produktiv<< sein kann. An der Existenz des kritischen Verhaltens, das freilich Elemente der traditionellen Theorien und dieser vergehenden Kultur überhaupt in sich birgt, hängt heute die Zukunft der Humanität“ (Horkheimer; TukT; S.216).
3RSSHU hingegen, insistiert auf der emphatischen Unterscheidung des Gewinnungs- und
Begründungszusammenhangs der Forschung, einer Variante der Weberschen Dichotomiethese, und steht damit in Widerspruch zu Adornos und Horkheimers holistischen Theorem des Totalitätsbezuges eines jeden einzelnen Falles; jedes Datum von Gesellschaft sei durch sie als Ganzem vermittelt. Für Popper besteht der *HZLQQXQJV]XVDPPHQKDQJ in der Klärung der Frage nach dem Zustandekommen des wissenschaftlichen Aussagensystems und der %HJUQGXQJV]XVDPPHQKDQJ in dem forschungs-
logischen Problem der empirischen Überprüfung einer Theorie. Dem liegt ein PHWKRGLVFKHV .ULWLNYHUVWlQGQLV zugrunde, während sich Adorno und Horkheimer auf einen SUDNWLVFKHQ .ULWLNEHJULII berufen. Immanente Kritik bedeutet für beide explizit den Maßstab der Kritik dem zu überprüfenden System selbst zu entnehmen. Die Unterscheidung von 0DVWDE und =XVWDQG fällt in die
Sache selbst; der Gegenstand kann aus sich selbst heraus (immanent) kritisiert werden (Hegel). Ihr Sozialrealismus beruht auf Hegels Konzept objektiver Gedanken und impliziert eine Nominalismuskritik. Auf diesem Prinzip beruht auch ihre Ideologiekritik als die Kritik der objektiven Gesellschaftsstrukturen, im Hegelschen Sinne als die Negation des Bestehenden: die Messung des normativen Anspruchs mit dem unmittelbar Gegebenen. „ Kritische Theorie kehrt sich gegen das Wissen, auf das man pochen kann. Sie konfrontiert Geschichte mit der Möglichkeit, die konkret in ihr sichtbar wird. Die Reife ist das Thema probandum und probatum“ (Horkheimer; Autoritärer Staat; S.306) 22 . Dieser Konflikt zwischen „ eindimensionalen“ und „ zweidimensionalen“ Denkens geht bis auf die Ursprünge des okzidentalen philosophischen Denkens zurück und manifestiert sich dort im Gegensatz zwischen der formalen Logik der Aristotelischen Organon und Platons dialektischer Logik.
22 Vgl. Horkheimer, Max; Autoritärer Staat; In: Ders., Gesammelte Schriften, Bd.5; Schriften 1936-1941; Frankfurt/M., 1987.
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6SlWNDSLWDOLVPXVRGHU,QGXVWULHJHVHOOVFKDIW"
Ausgehend von der Frage, ob es sich bei dem gegenwärtigen Herrschaftssystem um das eines wie auch immer modifizierten Kapitalismus handelt, oder aber ob nicht die industrielle Entwicklung den Begriff des Kapitalismus selbst und somit seine Kritik hinfällig gemacht habe, erscheint es notwendig einerseits die bestehenden Verhältnisse einer expliziten Analyse zu unterziehen und mit den Marxschen Prognosen zu vergleichen und andererseits eine eventuell notwendig erscheinende Modifikation der materialistischen Dialektik vorzunehmen. Der thematische Schwerpunkt wird auf der Analyse der ökonomischen Strukturierung der spätindustriellen Gesellschaft, seiner Entstehung (und Differenzen gegenüber dem Liberalkapitalismus; z.B. hinsichtlich der Auswirkungen auf die Sozialstruktur) und seiner Bedeutung für eine emanzipierte Gesellschaft liegen; sowie der ausgeübten herrschaftlichen Praxis, welche es erlaubt die prognostizierte Verelendung aufzuheben, die Bildung eines Klassenbewußtseins, sowie jegliches emanzipatives Denken und Verhalten bereits im Entstehen zu unterbinden und die negativen Kräfte in das System zu integrieren.
'LYHUJHQ]HQGHU3URJQRVHQGLDOHNWLVFKHU7KHRULH
Die Dominanz der These, Marx sei obsolet geworden, in der heutigen Soziologie, beruht auf der Annahme, daß durch die technischen Entwicklungen die - einst den Kapitalismus definierendensozialen Verhältnisse, explizit der Klassengegensatz, die Transformation lebendiger Arbeit in Ware, aufgehoben wurden. Tatsächlich scheint der gehobene Lebensstandard in den westlichen Staaten das Bewußtsein von Klassendifferenzen zu verschleiern. Marx` Prognosen hinsichtlich der Verelendung und des Zusammenbruchs, sowie sein Gesetz von der sinkenden Profitrate haben sich nicht bewahrheitet. Augenscheinlich ist es dem Kapitalismus gelungen in sich selbst Momente zu entdecken, welche den Zusammenbruch hinauszögern.
Im Gegensatz zum heutigen VXEMHNWLYHQ .ODVVHQEHJULII, der nichts anderes ist als eine Verall-
gemeinerung von Befunden an einzelnen Individuen, war der ältere objektiv, unmittelbar am Leben der Subjekte gewonnen. Er rekurrierte auf die Stellung von Unternehmern und Arbeitern im Produktionsprozeß, und damit verbunden auf die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel. Die dialektische Gesellschaftstheorie beruht auf 6WUXNWXUJHVHW]HQ, auf Tendenzen, welche mehr oder
minder stringent aus den geschichtlichen Konstituentien der Gesamtstruktur folgen (i.e. Wertgesetz, Gesetz der Akkumulation, Zusammenbruchsgesetz). 6WUXNWXU bedeutet nicht Ordnungsschemata oder
Systematisierung, sondern das der wissenschaftlichen Erkenntnis vorgeordnete Gesellschaftssystem. Dialektik kritisiert, neben dem positivistischen Fetischismus der Fakten und objektiven Gesetzen, das IDOVFKH %HZXWVHLQ GHU %HVWLPPXQJ GHV $OOJHPHLQHQ GXUFK GDV 3DUWLNXODUH XQG .RQNUHWH. Der
20
SRVLWLYLVWLVFKH 1RPLQDOLVPXV verkennt, daß die semantische Bestimmung von Begriffen, wie der
Tauschgesellschaft, auf einen objektiven Zwang des Allgemeinen hinter den Sachverhalten verweist, der sich nicht adäquat in operationell definierte Sachverhalte übersetzen läßt. Der Widerspruch des Primats der Struktur über die Sachverhalte ist kein methodisches, sondern ein notwendiges Moment der antagonistischen Struktur der Gesellschaft selbst. Selbst im Verhältnis zwischen diesen beiden wissenschaftlichen Standpunkten drückt sich dieser Widerspruch aus.
3.1.1. Nicht-Existenz eines Klassenbewußtseins
Nach 0DU[ ist die Konstitution des .ODVVHQEHZXWVHLQV, von welchem der qualitative Sprung abhängt, ein (SLSKlQRPHQ der allgemeinen sozialen Entwicklung. Die Nicht-Existenz eines Klassen-bewußtseins widerlegt allerdings nicht die Existenz sozialer Klassen, da sie durch die Stellung im Produktionsprozeß (und zu den Produktionsmitteln) bestimmt werden und nicht durch das Bewußtsein ihrer Angehörigen. 'DVJHVHOOVFKDIWOLFKH6HLQVFKDIIWQLFKWXQPLWWHOEDU.ODVVHQEHZXWVHLQ. Durch die
Aufhebung der fortschreitenden Verelendung, sowie der Integration in die bürgerliche Gesellschaft mit der damit verbundenen Übernahme ihrer Anschauung, verloren die Arbeiter nicht nur ihre Klassensolidarität, sondern auch das Bewußtsein, das sie die Subjekte sind, welche den sozialen Prozeß in Gang halten. Diese Entwicklung tangiert ebenfalls das Kernstück der Marxschen Theorie; die Lehre vom Mehrwert, welche das Klassenverhältnis und das Wachsen des Klassenantagonismus objektiv-ökonomisch erklären sollte. Bedingt durch den Umfang des technischen Fortschritts (Rationalisierung) wird der Anteil der lebendigen Arbeit, welcher allein Mehrwert produzieren kann, reduziert. Der gegenwärtige Mangel an einer objektiven :HUWWKHRULH rekurriert primär auf die
Schwierigkeit die Bildung von Klassen ohne Mehrwerttheorie objektiv zu begründen und ist nur vom Ansatz her durch Aussagen der allgemein akzeptierten Schulökonomie bedingt.
Offensichtlich verhindert die Irrationalität der gegenwärtigen Gesellschaftsstruktur - die Lenkung der ökonomischen Prozesse durch die politischen Machthaber - ihre rationale Entfaltung in einer objektiven, kohärenten Theorie. Der Verzicht auf eine solche Gesellschaftstheorie ist Ausdruck einer intellektuellen Regression, welche mit der der Gesellschaft einhergeht. Die Herrschaft des ökonomischen Prozesses über die Menschen, zu denen mittlerweile auch die Kapitalisten gehören, die zu Funktionen ihres eigenen Produktionsapparates wurden, ist ungebrochen. Die allgemeine Unfreiheit, Abhängigkeit und Unmündigkeit der Massen zeugen von dieser Entwicklung.
3.1.2. Relevanz des Tauschprinzips:
Hinsichtlich des Standes ihrer 3URGXNWLYNUlIWH ist die gegenwärtige Gesellschaft eine ,QGXVWULH JHVHOOVFKDIW; die industrielle Arbeit ist über alle Grenzen der politischen Systeme hinweg zum Muster
der Gesellschaft geworden. Durch die Ausdehnung der industriellen Verfahrensweisen auf die Bereiche der materiellen Produktion, Verwaltung, Distribution und Kultur gerät sie zur 7RWDOLWlW. Der
Begriff Industriegesellschaft kann so verstanden werden, als ob das Wesen der Gesellschaft direkt aus dem Stand der Produktivkräfte folge, unabhängig von deren sozialen Bedingungen. Er übersieht
21
jedoch die Totalität des 7DXVFKYHUKlOWQLVVHV, jener objektiven Abstraktion, welcher der gesamte
gesellschaftliche Prozeß gehorcht. Gemäß ihrem umfangslogischen klassifikatorischen Wesen, mißt die traditionelle Soziologie den tragenden sozialen Verhältnissen, den gesellschaftlichen Bedingungen der Produktion, weniger Relevanz bei, als jenem konkret Allgemeinen. Diese Sachverhalte werden auf Begriffe wie Macht oder soziale Kontrolle reduziert. Im Hinblick auf die 3URGXNWLRQVYHUKlOWQLVVH ist die gegewärtige Gesellschaft NDSLWDOLVWLVFK, da die Produktion immer noch des 3URILWV willen
stattfindet. Die Menschen mit ihren Bedürfnissen werden vollends zu Funktionen des Produktionsapparates und diesem untergeordnet. Die *HEUDXFKVZHUWH der Waren werden endgültig durch deren 7DXVFKZHUWH substituiert. „ Nicht nur die Bedürfnisse bloß indirekt, über den Tauschwert, befriedigt,
sondern in wirtschaftlich relevanten Sektoren vom Profitinteresse selber erst hervorgebracht, und zwar auf Kosten objektiver Bedürfnisse der Konsumenten, wie denen nach zureichenden Wohnungen, vollends nach Bildung und Information über die wichtigsten sie betreffenden Vorgänge. Im Bereich des nicht zur nackten Lebenserhaltung Notwendigen werden tendenziell die Tauschwerte als solche, abgelöst, genossen; ein Phänomen, das in der empirischen Soziologie unter Termini wie Statussymbol und Prestige auftritt, ohne damit objektiv begriffen zu sein“ (Adorno; Spätkapitalismus oder
3.1.3. Affirmativ idealistisches Geschichtsbild
0DU[ Fehler beruht in seinem affirmativ LGHDOLVWLVFKHQ *HVFKLFKWVELOG; daß die Produktivkräfte QRWZHQGLJ die Produktionsverhältnisse sprengen würden. Heute ist es zur totalen Unterordnung der
Produktivkräfte unter die Produktionsverhältnisse, um deren Selbsterhaltung willen, gekommen. Das Wohl des Ganzen ist dem Glück des Einzelnen übergeordnet worden. Die VXEMHNWLYH 6SRQWDQHLWlW steht in Opposition zum REMHNWLYHQ ,QWHUHVVH und diesem ohnmächtig gegenüber. „ Verhindert die
Einrichtung der Gesellschaft, automatisch oder planvoll, durch Kultur- und Bewußtseinsindustrie und durch Meinungsmonopole, die einfachste Kenntnis und Erfahrung der bedrohlichsten Vorgänge und der wesentlichen kritischen Ideen und Theoreme; lähmt sie, weit darüber hinaus, die bloße Fähigkeit, die Welt konkret anders sich vorzustellen, als sie überwältigend jenen erscheint, aus denen sie besteht, so wird der fixierte und manipulierte Geisteszustand ebenso zur realen Gewalt, der von Repression, wie einmal deren Gegenteil, der freie Geist, diese beseitigen wollte“ (Adorno; SoI.; S.364).
'DV9HUKlOWQLVYRQPDWHULDOLVWLVFKHU'LDOHNWLNXQGVSlWNDSLWDOLVWLVFKHQ .RKlVLRQVNUlIWHQ
Da eine allgemeine Inkongruenz bei der Bestimmung der gegenwärtigen historischen Epoche, explizit die Entwicklung des Spätkapitalismus, mit den Begriffen der Marxschen Theorie besteht. Diese
23 Vgl. Adorno, Th.W.; Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?; In: Ders., Soziologische Schriften Bd.1; Frankfurt/M., 1979. Im folgenden zitiert als (Adorno; SoI; +Seitenzahl).
22
Schwierigkeit hat ihren Ausgangspunkt in der Hegelschen Dialektik, der zufolge sich negative Kräfte LQQHUKDOE eines bestehenden antagonistischen Systems entwickeln. Da es heutzutage vielmehr zu einer Stillstellung der 'LDOHNWLNGHU1HJDWLYLWlW gekommen zu sein scheint, bedarf es einer Modifizierung
der Hegelschen Konzeption:
+HJHOV Dialektik kann vorgeworfen werden, sie sei SRVLWLYNRQIRUPLVWLVFK, da die Negation 6FKHLQ FKDUDNWHU annimmt, da sich durch alle Negation und Destruktion hindurch letztendlich immer nur das
schon an sich Seiende entfaltet und durch die Negation auf eine höhere geschichtliche Stufe gehoben wird. Dieser konformistische Charakter, daß sich schließlich doch die 3RVLWLYLWlW GHU 9HUQXQIW, der
Fortschritt, durchsetzt, ist bereits im Begriff der Hegelschen Dialektik selbst angelegt. $OWKXVVHU zufolge hat bereits 0DU[ mit Hegels Dialektik gebrochen, sie vom Kopf auf die Füße, den
Boden der wirklichen Entwicklung, gestellt. Durch die Entwicklung seiner eigenständigen materialistischen Dialektik habe Marx die Philosophie aufgehoben. Nach Marcuse 24 bleibt allerdings auch die PDWHULDOLVWLVFKH 'LDOHNWLN noch im Bann der LGHDOLVWLVFKHQ SRVLWLYHQ 9HUQXQIW, solange nicht die .RQ]HSWLRQ GHV )RUWVFKULWWV modifiziert wird, nach welcher die Zukunft immer schon im
Inneren des Bestehenden angelegt ist, in dem Sinne, daß der Bruch mit der Vergangenheit und dem Bestehenden, die qualitative Differenz in der Richtung des Fortschritts, in die Theorie integriert wird. Die Relevanz dieser Notwendigkeit wird angesichts der Frage evident, ob und inwieweit die spätindustrielle Gesellschaft wenigstens in dem, was die technische Grundlage der Entwicklung der Produktivkräfte angeht, als Modell für die Konstruktion einer neuen Gesellschaftsform dienen kann. Sowohl für Marx wie auch für Hegel ist der Begriff der 1HJDWLRQ - als $XIKHEXQJ - von zentraler Bedeutung; daß die negierenden Kräfte, welche die in einem System VLFKHQWIDOWHQGHQ:LGHUVSUFKH sprengen und zu einer K|KHUHQ 6WXIH führen, sich innerhalb dieses Ganzen entwickeln. %HVWLPPWH 1HJDWLRQ bedeutet somit die Stellung gegen das Ganze schon innerhalb des Ganzen und rekurriert auf
die Bewegung notwendig auf eine höhere Stufe hin, indem die bestehenden Produktivkräfte entfesselt werden. Es bedeutet die Entfaltung eines schon immer daseienden Wesens, das im inhibierenden Rahmen des Bestehenden nicht Wirklichkeit werden kann. Dieser Konzeption zufolge existiert bereits in der hochentwickelten technischen Basis der kapitalistischen Produktion die materielle Grundlage für die Entfaltung der sozialistischen Produktivität. Dem gegenüber muß die Frage erhoben werden, ob das nicht wieder eine Form des Fortschritts der objektiven Vernunft und eine neue Form der sich reproduzierenden Dominanz der vergangenen, im technischen Apparat vergegenständlichten, Arbeit über die lebendige Arbeit darstellt.
24 Vgl. Marcuse, Herbert; Zum Begriff der Negation der Dialektik; In: Ders.; Ideen zu einer kritischen Theorie der Gesellschaft; Frankfurt/M., 1996
23
3.2.1. Konzeption eines „ Außen“ als qualitative Differenz
0XQXQDEHUGLH(QWZLFNOXQJGHUQHJDWLYHQ.UlIWHXQGGHU3UR]HGHUHPDQ]LSDWLYHQ(QWIDOWXQJ
- QRWZHQGLJLQHLQHVROFKHSRVLWLYH'\QDPLNHLQJHEHWWHWVHLQ"
Diese Problematik tangiert den historischen Materialismus als Ganzes in seinem Verhältnis zur idealistischen Dialektik, da der dialektische Materialismus die .RKlVLRQV- und ,QWHJUDWLRQVNUlIWH des 6SlWNDSLWDOLVPXV unterschätzt. Gemeint sind jene starken und materiellen Kräfte, welche die
antagonistischen Gegensätze neutralisieren und die negativen Kräfte in positive, das Bestehende reproduzierende, transformieren. Als Schlußfolgerung darauf, muß die Konzeption der im LQQHUHQ
eines Ganzen sich entfaltenden Negation und Befreiung, sowie der materialistische Begriff der Vernunft in der Geschichte, in Frage gestellt werden. Weiterhin muß der Begriff der Praxis notwendig von dieser Konzeption gelöst und das „ Innerhalb“ mit dem „ Außerhalb“ verbunden werden. Die aufgeworfenen Fragen verweisen auf die reale Möglichkeit der Negation und Aufhebung eines bestehenden antagonistischen Ganzen von DXHQ her, welches auf diese Weise die nächst höhere
geschichtliche Stufe erreichen wird. Der Begriff des "Außen" findet sich bereits in der Hegelschen Rechtsphilosophie, explizit im Verhältnis von EUJHUOLFKHU*HVHOOVFKDIW und 6WDDW. Der bürgerlichen
Gesellschaft wurde der Staat mit der Begründung aufoktroyiert, daß er allein die Macht besitze -aufgrund seiner Stellung außerhalb des sozialen Interessens- und Bedürfnissystems - innerhalb dieses antagonistischen Ganzen das Allgemeine zu vertreten. Dadurch bleibt das Allgemeine „ außerhalb“ des Systems der bürgerlichen Gesellschaft. Kann ein solches Außen nun historisch lokalisiert werden, so bedeutet dies, daß jedes bestimmte gesellschaftliche Ganze selbst Teil einer größeren Totalität sein muß, welche ihrerseits auch selbst wieder eine konkret geschichtliche ist 25 . Am Beispiel des globalen Systems des Kapitalismus und der Koexistenz von Kapitalismus und Sozialismus (als Verhältnis von Teilganzen und Totalität), sowie dem Phänomen der Akkomodation des revolutionären Potentials im Spätkapitalismus, läßt sich zeigen, wie sich der innere Widerspruch entfaltet und in einen globalen Antagonismus transformiert hat. Die Negation tritt heute der Negativität als geographisch und gesellschaftlich Getrenntes und Selbständiges gegenüber. Das $XHQ muß als eine TXDOLWDWLYH'LIIHUHQ] verstanden werden - welche die im Inneren des antagonistischen
Teilganzen bestehenden Gegensätze (i.e. Kapital und Arbeit) übersteigt und auf diese Widersprüche nicht reduziert werden kann -, im Sinne gesellschaftlicher Kräfte, welche Bedürfnisse und Ziele repräsentieren, die in dem bestehenden antagonistischen Ganzen unterdrückt werden und somit nicht zur Entfaltung kommen können. Auf dieser neuen Stufe erst wäre es möglich die Entstehung und Befriedigung neuer geistiger und vitaler Bedürfnisse, sowie solcher, die in der antagonistischen Gesellschaft unterdrückt wurden, zu gewährleisten. Dies würde - nach Marcuse - Ausdruck finden in
25 Wenn man diesen Gedanken jedoch konsequent weiterdenkt, so würde dies die Überlegung ad infinitum und somit ad absurdum führen!
24
radikal veränderten menschlichen Beziehungen und einer grundlegend anderen sozialen und natürlichen Umwelt: Solidarität anstatt Konkurrenz; Sinnlichkeit statt Repression; das Verschwinden von Brutalität und Vulgarität; und Frieden als Dauerzustand. Doch solange diese Ziele und Werte nicht zu realen Bedürfnissen werden, „ so lange wird die qualitative Differenz zwischen der alten und der neuen Ordnung nicht zur Entfaltung kommen können“ (Marcuse; Zum Begriff der Negation in der Dialektik; S.190).
In dem Ausmaß, in welchem sich die antagonistische Gesellschaft in eine repressive Totalität transformiert, verlagert sich der gesellschaftliche Ort der Negation nach außen. Die Macht des Negativen erwächst aus Kräften und Bewegungen, welche noch nicht von der aggressiven und repressiven Produktion der Überflußgesellschaft affiziert wurden, oder die sich schon von dieser Entwicklung befreien konnten und somit die historische Chance besitzen, einen grundsätzlich anderen, humaneren Weg der Modernisierung und Industrialisierung, eben des Fortschritts zu beschreiten. Wir wissen heute, daß das Subjekt der Negation in keiner Klasse mehr zu lokalisieren ist. Marcuse zufolge ist diese diffuse Opposition, welche auf Triebkräften und Zielsetzungen beruht, die mit dem bestehenden Ganzen in unversöhnlichem Widerspruch stehen, trotz allem existent. Ihre Subjekte sind politisch und moralisch, rational und instinktiv; sie protestieren und verweigern sich trotz aller Prosperität.
+HUUVFKDIWVPHFKDQLVPHQGHUUHSUHVVLYHQ7RWDOLWlW
3.3.1. Bedürfnispräformation und ökonomischer Interventionismus
Die von Marx und Engels artikulierte 8WRSLHHLQHUPHQVFKHQZUGLJHQ*HVHOOVFKDIW, erscheint, durch die vom Apparat SUlIRUPLHUWHQ%HGUIQLVVH@ der Individuen, in scheinbar greifbare Nähe gerückt zu B A
sein. Dieser Trugschluß beruht einzig auf dem Triumph der technischen Produktivität, welche unvereinbar mit den Produktionsverhältnissen ist. Allerdings ist nicht die 7HFKQLN an sich, sondern ihre 9HUVWULFNXQJ PLW GHQ VR]LDOHQ 9HUKlOWQLVVHQ verhängnisvoll. Die Unterordnung der technischen
Entwicklung unter das Profit- und Herrschaftsinteresse, sowie das damit einhergehende Kontrollbedürfnis, manifestiert sich in der Erfindung neuartiger, qualitativ hochwertiger Zerstörungsmittel. Die statischen Aspekte der Produktion terminieren ebenfalls in den obsoleten Produktionsverhältnissen, welche nicht mehr solche des (LJHQWXPV, als vielmehr der $GPLQLVWUDWLRQ, bis hinauf zur Rolle des 6WDDW DOV *HVDPWNDSLWDOLVWHQ, sind. Es herrscht der Schein, daß universale Interesse sei das des
Erhaltes des status quo und Vollbeschäftigung das Ideal, und nicht das der Befreiung von heterogener Arbeit.
Über objektiv ULFKWLJH oder IDOVFKH %HGUIQLVVH ließe sich durch die Einsicht in die Struktur der gesellschaftlichen Totalität mitsamt ihren Vermittlungen urteilen. Zum gegenwärtigen „ 8QEHKDJHQLQ GHU .XOWXU“ führt die existentielle Bedrohung des Bedürfnisses oder Interesses am einfachen Überleben. Der LQWHUQDWLRQDOH $QWDJRQLVPXV (der beiden Systeme), der zum totalen Krieg strebt,
25
steht im Kontext der Produktionsverhältnisse; die Drohung der einen Katastrophe wird durch die der anderen hinausgeschoben. Das eine Moment bedarf des anderen für seine Existenzsicherung. Am Beispiel der 6RZMHWXQLRQ läßt sich verdeutlichen, daß das Streben nach schneller Produktions-
steigerung in einer straff administrativ geführten Diktatur kulminiert. Der Entfesselung der Produktivkräfte entsprangen erneut fesselnde Produktionsverhältnisse und verhinderten die Realisation der Freiheit. Unter beiden Systemen wird der Begriff der gesellschaftlich nützlichen Arbeit parodiert. Die Herrschaft der Produktionsverhältnisse setzt den erreichten Entwicklungstand der Produktivkräfte voraus. Zum Verständnis des einen bedarf es stets des anderen, während trotzdem beides unterschieden werden muß. Mit den dirigistischen Methoden der .RQ]HQWUDWLRQ und =HQWUDOLVDWLRQ, sowohl der ökonomischen als auch der medialen Bereiche (Massenmedien), wird die .RQIRUPLWlW der Massen erzwungen. Der |NRQRPLVFKH ,QWHUYHQWLRQLVPXV ist selbst ein V\VWHPLPPDQHQWHV 0RPHQW
und zugleich ein Beispiel immanenter Dialektik, so wie Marx die Umwälzung der Produktionsverhältnisse als ein vom historischen Gang Erzwungenes und dennoch als ein, nur durch eine, von der Geschlossenheit des Systems qualitativ differente, Aktion, Herbeizuführendes dachte. Das nicht Systemimmanente enthüllt sich als ein Konstituens des Systems und verifiziert indirekt die Zusammenbruchstheorie. Der Regression des liberalen Kapitalismus entspricht die des Bewußtseins, der Entäußerung jener Rationalität des festen, identischen Ichs, des Rückschritts der Menschen hinter die objektiven Möglichkeiten 27 .
3.3.2. Gesellschaftliche Notwendigkeit der Ideologie der Einheit von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen
Es entspricht nicht der Intension einer dialektischen Theorie, 3URGXNWLYNUlIWH und 3URGXNWLRQV-YHUKlOWQLVVH einander antagonistisch gegenüberzustellen, da sie einander beinhalten bzw. ineinander
verschränkt sind. Seit jeher sind die Produktivkräfte durch die Produktionsverhältnisse vermittelt, so daß diese als das Wesen erscheinen. Heute ist der Schein der Einheit von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, sowie die Vorstellung, daß man die Gesellschaft von den Produktivkräften her verstehen könnte, da die materielle Produktion, Distribution und Konsumtion gemeinsam verwaltet werden, gesellschaftlich notwendig. „ Die Totalität der Vermittlungsprozesse, in Wahrheit des Tauschprinzips, produziert zweite trügerische Unmittelbarkeit. Sie erlaubt es, womöglich das Trennende und Antagonistische wider den eigenen Augenschein zu vergessen oder aus dem Bewußtsein zu verdrängen. Schein aber ist dies Bewußtsein von der Gesellschaft, weil es zwar der technischen und organisatorischen Vereinheitlichung Rechnung trägt, davon jedoch absieht, daß diese Vereinheitlichung nicht wahrhaft rational ist, sondern blinder, irrationaler Gesetzmäßigkeit
26 Zur Bedürfnispräformation vergleiche weiterhin Seite 23f. (Anm. d. Verf.).
27 Adorno zufolge werden erst langsam Gegentendenzen evident; die Jugend leistet Widerstand gegen blinde Assimilation und die Hypostasierung der Welt als bloßer Vorstellung, und postuliert die Freiheit zu rational gewählten Zielen sowie die Möglichkeit zur Veränderung. Als Widerspruch zu dieser konstatierten Tendenz kann sein Verhalten während der
26
untergeordnet bleibt“ (Adorno; SoI; S.369). Da alles gesellschaftlich Daseiende vollständig in sich vermittelt ist, wird eben das Moment der 9HUPLWWOXQJ durch die Totalität verdeckt („ WHFKQRORJLVFKHU 6FKOHLHU“ ). Die totale Expansion der 7HFKQLN liefert eine emphatische Bestätigung der Produktions-
verhältnisse, deren Nutznießer ebenso wie die Klasse der Proletarier unsichtbar geworden sind. Die Verselbständigung des Systems gegenüber allen, auch den Verfügenden gegenüber, hat ihren Höhepunkt erreicht. Letztendlich haben sich nur die, unter den Verhältnissen der Produktion verschütteten, menschlichen Beziehungen verselbständigt. Der Beitrag der kritischen Soziologie besteht nun darin, sich nicht als Agent des status quo zu betätigen, sondern mit Mitteln und Kategorien, welche nicht dem universalen Fetischcharakter unterliegen, den Bann der übermächtigen Ordnung der Dinge, als Ideologie, zu lösen.
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:LH VLHKW GLH NDSLWDOLVWLVFK|NRQRPLVFKH 2UJDQLVDWLRQ GHV DXWRULWlUHQ 6WDDWHV DXV DXI ZHOFKH
- 0RPHQWHVWW]WVLFKVHLQH+HUUVFKDIW"
Die bürgerliche Gesellschaft ist zum 0RQRSRO- oder 6WDDWVNDSLWDOLVPXV übergegangen, die
Appropriation findet durch Aktiengesellschaften, Traust und letztendlich den Staat statt. Der technischen Entwicklung ist es zu verdanken, daß die Arbeiter anstelle der Arbeit überflüssig wurden. Lediglich die industrielle und staatliche Bürokratie ist ein Rudiment der bürgerlichen Existenz, während die Monopole die Zirkulationssphäre de facto abschafften. Im Staatskapitalismus manifestiert sich der DXWRULWlUH 6WDDW der Gegenwart. Er beseitigt den Markt, hypostasiert die Krise, organisiert
die Arbeitslosigkeit und bietet die Möglichkeit einer besseren Bedürfnisbefriedigung und der eigenen Reproduktion durch 3ODQZLUWVFKDIW. Auch proletarische Organisationen, wie Parteien und
Gewerkschaften, entwickeln sich zu gewöhnlichen Massenorganisationen und assimilieren sich an die ökonomischen Verhältnisse; ihr einstiger Widerstand gegen die Klassengesellschaft an sich ist verschwunden. Die von den großen Organisationen artikulierte Idee der Vergesellschaftung ist kaum verschieden von der Sozialisierung im Staatskapitalismus. Sowohl die Führung der Arbeiter-organisationen wie des Industriemonopols verselbständigten sich gegenüber der Basis; die ,QVWLWXWLRQDOLVLHUXQJ YRQ $UEHLW XQG .DSLWDO ist ein Resultat der veränderten Produktionsweise.
Zwischen den Arbeiterorganisationen und der staatlichen Exekutive finden sich Analogien: beide dienen der Kontrolle ihrer Untergebenen durch Unterdrückung der 6SRQWDQHLWlW. Im LQWHJUDOHQ (WDWLVPXV können oppositionelle Massenparteien nicht existieren.
Die konsequenteste Form des autoritären Staates ist der integrale Etatismus (i.e. Faschismus oder sowjet.-sozialistische Planwirtschaft), unter welchem der 0HKUZHUW zwar unter VWDDWOLFKHU.RQWUROOH
Studentenproteste 1968/69 angesehen werden, als die praktizierte Verweigerung und Auflehnung der Studenten gegenüber
27
gewonnen und verteilt wird, aber weiterhin als 3URILW an die Industriemagnaten und Grundbesitzer
fließt. Im integralen Etatismus besteht die konkrete Möglichkeit der Errichtung einer freien Gesellschaft ohne Rassismus, doch ist die Wirklichkeit eine andere: die Lohnarbeiterschaft besteht weiterhin, die Reglementierung durchdringt das gesamte soziale Leben, es herrscht Mangel an technischen Hilfsmitteln und stetige kriegerische Verwicklungen. Der autoritäre Staat zeichnet sich in all seine Varianten durch Repression, Verschwendung und der Modifikation des Ausbeutungsverhältnisse aus. Ein Prinzip seiner Herrschaft ist der fortschreitende 0LOLWDULVPXV im äußeren und damit verbunden die permanente 0RELOLVDWLRQ, .ULHJVGURKXQJ und )HLQGELOGNRQVWUXNWLRQ. Auf diese Weise wird jegliche innere Opposition unterdrückt. Während zeitgleich die 0RQDGRORJLVLHUXQJ
der Individuen vorangetrieben wird. All dies ist so effektiv, daß der autoritäre Staat selbst die Konkurrenz oppositioneller Massenparteien nicht zu fürchten braucht.
3.4.1. Die Dialektik der sozialen Umwälzung
Die =XVDPPHQEUXFKVSURJQRVH der kapitalistischen Ordnung ist ambivalent: entweder erfolgt er durch
die ökonomische Krise, welche durch die Markwirtschaft definiert ist; oder er wird durch den Triumph des autoritären Staates fixiert, den Engels bereits vorhersah. Mit ihrer teleologischen Geschichtsphilosophie unterliegen Marx und Hegel einem metaphysischen Irrtum; es bricht keine neue gesellschaftliche Epoche an und der Fortschritt beherrscht bereits die gegenwärtige 9RUgeschichte. Es
existieren keine historischen Gesetze, vergleichbar der Lehre vom Wachstum der Produktivkräfte, von der Abfolge der Produktionsweisen oder der historischen Aufgabe des Proletariats. Nach Marx erlaubt die Kenntnis dieser historischen Gesetze, welche den Ablauf der Gesellschaftsform regeln, einen Prozeß zu beschleunigen, welcher sich ohnehin selbständig vollzieht. Doch trotz des Bekenntnisses zur Hegelschen Logik von Sprung und Umschlag wurde die Revolution durch den Übergang zum Staatskapitalismus auf bloßen Fortschritt reduziert. Es fand lediglich eine Rationalisierung der Planung und Distribution statt. Die Dialektik der sozialen Umwälzung - der Übergang zur staatlichen Kontrolle, sowie die Befreiung von ihr - bewirkt die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, die Planung der Produktion und die Steigerung der Naturbeherrschung ins Unermeßliche. Ohne permanente spontane Anstrengung und aktive Resistenz wird jedoch die Ausbeutung nie beendet werden. Ihr Ende, als der rationale Bruch mit der Klassengesellschaft, würde keine Beschleunigung des Fortschritts bedeuten, sondern den Sprung aus ihm heraus. Mit dem Übergang zur Freiheit erstirbt die 6HOEVWEHZHJXQJ des, der bürgerlichen Ökonomie immanenten, (QWZLFNOXQJVJHVHW]HV. Doch darf
sich das materialistische Denken nicht der Hegelschen Prognose sicher wähnen, die Selbstbewegung des Begriffs der Ware führe notwendig zum Begriff des Staatskapitalismus. Der LGHDOLVWLVFKHQ 'LDOHNWLN gilt die Identität von Ideal und Wirklichkeit als Voraussetzung und Ziel der Geschichte, während für die PDWHULDOLVWLVFKH 'LDOHNWLN die Identität von Ideal und Realität in der universalen
Ausbeutung terminiert. Aus diesem Grund besteht Marx Wissenschaft in der Kritik der bürgerlichen
den Autoritäten nicht unbedingt auf Adornos Wohlwollen stieß.
28
Ökonomie und nicht im Entwurf der sozialistischen. Er erklärt die Wirklichkeit anhand ihrer Ideologie; über die Entfaltung der offiziellen Ökonomik gelangt er zum Geheimnis der Ökonomie.Als wichtigste Determinante für die Entwicklung des Kapitalismus ist weiterhin das 7DXVFKSULQ]LS anzusehen. Die Entwicklung der bürgerlichen Ordnung terminiert in ihrer 3URGXNWLRQVZHLVH, die
durch jenes ökonomische Prinzip definiert wird. In der Divergenz von Begriff und Rationalität gründet die Möglichkeit emanzipativer Praxis, da in der Klassengesellschaft zwischen den Veränderungen in der Produktionsweise und der herrschenden Ideologie ein notwendiger Zusammenhang besteht. Allerdings legt die Zwangsläufigkeit der Vergangenheit nicht den Willen zur Freiheit und Zukunft fest. Vielmehr erscheinen die Menschen unfähig zur Freiheit, da sie durch die wachsenden kapitalistischen Antagonismen bestimmt werden. Als das Modell künftiger außenpolitischer Konstellationen können ein paar große Monopole, im Kontext zweier antagonistischer Machtblöcke, angesehen werden, die bei gleichen Fabrikationsmethoden und Erzeugnissen ihre Konkurrenz aufrecht erhalten. Heute wird die Produktion herrschaftlich gesteuert und entspricht keineswegs den menschlichen Bedürfnissen. Die Perpetuierung der internationalen Krise durch den autoritären Staat und sein ewig erscheinendes Wesen ist jedoch nicht realer als die ewige Harmonie der Marktwirtschaft.
Aufgrund seiner Stärke biedern sich dem Staatskapitalismus die wirtschaftlich rückständigen Staaten an. Die Dominanz des autoritären Staates kann durch den Versuch, wirkliche Freiheit herzustellen, der atomisierten Einzelnen gebrochen werden; diese Versuche dulden ihrem Wesen nach keine %URNUDWLH. Ohne die periodischen Säuberungsaktionen der sozialistischen Avantgarde, lebt die
Hoffnung auf eine klassenlose Gesellschaft fort. Allerdings haben die zwei Phasen, in denen er sich der Theorie nach verwirklichen soll, mit der Ideologie, welche heute der Perpetuierung des integralen Etatismus dient, nur wenig zu tun. Für Engels fällt diese Vergesellschaftung mit dem Ende der Herrschaft an sich zusammen; die Sozialisierung der Produktionsmittel durch den Staat ist zugleich seine letzte Handlung als solcher. Ursprünglich sollte mit jedem Stück erfüllter Planung ein Stück Repression verschwinden, doch hat sich statt dessen die Repression verstärkt. Es kann nicht abstrakt unterschieden werden, ob die planmäßige Produktionssteigerung den Sozialismus realisiert oder verhindert. Das erneute Umschlagen der Verwaltung in Herrschaft, die Erhöhung von administrativen zu Machtpositionen durch eine Klasse oder Partei, kann nur durch konsequente Abschaffung jedes 3ULYLOHJV und der Konstitution von Formen einer klassenlosen Demokratie verhindert werden. Die
Macht der Vereinzelten resultiert aus ihrer Vereinzelung; ihr Waffe ist das Wort.
3.4.2. Bedeutung der Theorie für die revolutionäre Praxis
Die Reflexion im Dienste einer befreiten Gesellschaft darf nicht vergessen, daß das Gedachte QLFKW
verbindlich für die Befreiten ist, sondern es der freien Übereinkunft der Individuen überlassen bleibt, ob sie es realisieren oder auch nicht; es kann nicht theoretisch vorweggenommen werden. Mit dem Verschwinden der Verfügungsgewalt über fremde Arbeit wird auch die Frage nach der Macht zu einer
29
rein rhetorischen. Die Entmachtung der Herrschenden bedarf der *HZDOWORVLJNHLW, da „ nichts auf der
Erde vermag länger die Gewalt zu rechtfertigen, als daß es ihrer bedarf, das Ende der Gewalt herbeizuführen“ (Horkheimer; Autoritärer Staat; S.315) 28 . Apologeten dieses Standpunktes assoziieren mit der Freiheit lediglich eine neue Strafjustiz und nicht deren Abschaffung. Sie behaupten, daß ohne eine neue autoritäre Bürokratie der technologisch-logistische, administrative und kulturelle Zivilisationsstand schwinden würde.
3.4.3. Staatskapitalismus als vernünftige Alternative zum Liberalismus?
Der Staatskapitalismus ist die Vorstufe zur klassenlosen Gesellschaft, auch wenn seine zentralistische Produktionsweise aus technischen Gründen überleben sollte. Ein sichtbarer Ausdruck einer allgemeinen ökonomischen Umwälzung ist das wirtschaftliche Primat kleiner Einheiten, der Elite- und Facharbeiter. In der behavioristischen Degradierung des Einzelnen beruht seine Chance der (PDQ]LSDWLRQ. Diese Umwälzung wäre nicht aufzuhalten, würde nicht die Zentralisation und
Konzentration in Staat und Gesellschaft das Subjekt zu seiner Dezentralisation treiben. Das Wort Freiheit erscheint ihm utopisch, da es sich ihre Verwirklichung nicht vorzustellen vermag. „ Damit die Menschen einmal solidarisch ihre Angelegenheiten regeln, müssen sie sich weit weniger verändern, als sie vom Faschismus verändert wurden. Es wird sich zeigen, daß die bornierten und verschlagenen Wesen, die heute auf menschliche Namen hören, bloße Fratzen sind, bösartige Charaktermasken, hinter denen eine besserer Möglichkeit verkommt. Sie zu durchdringen muß die Vorstellung eine Kraft besitzen, die ihr freilich der Faschismus entzogen hat“ (Horkheimer; a.a.O.; S. 327). Einzig vom IUHLHQ:LOOHQ der Menschen ist es noch abhängig, da die materiellen Voraussetzungen bereits erfüllt
sind. Doch herrscht allgemein die Unfähigkeit zum Freiheits-Denken, welche auch die Sprache zerstört. Alle Kategorien, in denen das Denken und Sprechen stattfindet, sind ideologisch geworden. DieKritische Theorie wendet sich gegen die .RQIRUPLWlWGHV'HQNHQV und vermag trotzdem nicht
dem Einzelnen die Form seines Widerstandes gegen das Unrecht vorzuschreiben. Doch schon wahres (kritisches, auf Freiheit gerichtetes) Denken ist ein Zeichen der Resistenz. Die Schlußfolgerung, daß als Alternative zum vergangenen Liberalismus einzig die Förderung des Staatskapitalismus bleibt, weil das Proletariat von den alten Mächten nicht zu erwarten habe; daß der Staatskapitalismus heute das einzig Mögliche sei und dem Proletariat mitsamt seinen Theoretikern keine Wahl bleibt als dem Weltgeist zu folgen - solange sie nicht ihre eigene Revolution machen -, bewegt sich lediglich in Dimensionen von Fort- und Rückschritt. Es verdinglicht das Individuum; das Subjekt wird zum Objekt reduziert. „ Solange die Weltgeschichte ihren logischen Gang geht, erfüllt sie ihre menschliche Bestimmung nicht“ (Horkheimer; a.a.O.; S.319).
28 Vgl. Horkheimer, Max; Autoritärer Staat; In: Ders., Gesammelte Schriften, Bd.5; Schriften 1936-1941; Frankfurt/M., 1987.
30
gNRQRPLVFKH2UJDQLVDWLRQGHV6WDDWVNDSLWDOLVPXVXQGVHLQH5HOHYDQ]IUHLQH EHIUHLWH*HVHOOVFKDIW
:LHLVWGHU6WDDWVNDSLWDOLVPXVHQWVWDQGHQXQGZDVXQWHUVFKHLGHWLKQYRQ3ULYDWNDSLWDOLVPXV"
- Grundsätzlichmüssen zwei Formen des 6WDDWVNDSLWDOLVPXV unterschieden werden: die WRWDOLWlUH und
die GHPRNUDWLVFKHC
Form. Synonym für den Begriff des Staatskapitalismus sind Termini wie B D
„ staatlich organisierter Kapitalismus mit Privateigentum und Monopol“ , „ Wirtschaft des totalen Staates“ , „ Verwaltungskapitalismus“ , „ bürokratisch geleiteter Kollektivismus“ , „ Staatssozialismus“ oder „ Integraler Etatismus“ . Alle eint folgende Gemeinsamkeiten: 1. Der Staatskapitalismus ist der Nachfolger des Privatkapitalismus (Liberalismus); 2. Der Staat übernimmt die wichtigsten Funktionen des Privatkapitalisten; 3. Das Profitinteresse spielt immer noch eine entscheidende Rolle; und 4. Es ist kein Sozialismus.
Der Staat kontrolliert den ehemals autonomen Markt; die Freiheit von Unternehmung, Handel und Arbeit werden durch ihn limitiert, so daß die gesamten Wirtschaftsgesetze (i.e. Preisfindung) ausgehebelt werden. Es kommt zu einer planmäßigen 5HJOHPHQWLHUXQJ von Produktion, Distribution und
Konsumtion auf einem Pseudo-Markt. Unter der totalitären Form des Staatskapitalismus kann eine oligarchische Herrschaftsform verstanden werden, welche aus der Synthese von Kapital, staatlicher und militärischer Bürokratien hervorgegangen ist. Jedes Subjekt, welches nicht zu dieser Gruppe gehört, ist nur ein Objekt der Herrschaft. Die demokratische, vom Volk kontrollierte Form des Staatskapitalismus besitzt zwar die gleichen Kontrollfunktionen, doch existieren in ihr Einrichtungen, welche verhindern, daß die Bürokratie ihre Stellung in der Administration zum Machtinstrument ausbaut und damit die Grundlage zur Umwälzung in ein totalitäres System schafft. .RQ]HQWUDWLRQ und =HQWUDOLVDWLRQ, 0RQRSROELOGXQJ und 9HUVWDDWOLFKXQJ (u.a. des Finanzsystems), $UEHLWVORVLJNHLW und 6WDDWVYHUVFKXOGXQJ, sind Momente des Niedergangs des liberalen
Marktsystems. Derartige Entwicklungen verweisen auf die Notwendigkeit einer grundlegenden Neu-organisation des Wirtschaftssystems, um einen gänzlichen Verfall der sozialen Struktur abzuwenden und die Beschäftigung aller zu garantieren. Die notwendigen Funktionen der neuen Organisations-form, welche mit der Arbeitsteilung zusammenfallen, betreffen die Bereiche der Koordination von Bedarf und Hilfsmitteln, sowie die Lenkung der Produktion und Distribution.
29 Nach Friedrich Pollock wurde die demokratische Form des Staatskapitalismus bisher noch nicht realisiert, darf aber als die ideale Organisationsform des Staatskapitalismus, im Sinne einer befreiten und vernünftig gestalteten Gesellschaft, verstanden werden (vgl. Pollock, Friedrich; Staatskapitalismus; In: Helmut Dubiel/Alfons Söllner (Hrsg.); Horkheimer, Pollock, Neumann, Kirchheimer, Gurland, Marcuse: Wirtschaft, Recht und Staat im Nationalsozialismus. Analysen des Instituts für Sozialforschung 1939-1942; Frankfurt/M., 1981.).
31
3.5.1. Neuordnung des sozialen Lebens
Das QHXH 2UGQXQJVVFKHPD der Planung von Produktion, Konsum, Finanzwesen und Bedürfnissen
(einschließlich deren Befriedigung 30 ), beruht auf einer Verbindung von alten und neuen Methoden. Jedoch basiert die Planung auf der bewußten Entscheidung über Zwecke und Mittel, noch ehe die Produktion überhaupt einsetzt. Hierbei stellt sich das politische Problem der planungstechnischen Entscheidungen, welche nicht willkürlich sein dürfen, sondern sich weitestgehend an den verfügbaren Mitteln orientieren müssen. Weiterhin muß eine konsequente Unterordnung der Preisfindung unter das Primat des „ allgemeinen Plans“ stattfinden, wie auch alle Einzel-, Sonder- und Profitinteressen ihm subsumiert werden müssen. Allerdings kann auf das 3URILWPRWLY nicht grundsätzlich verzichtet werden,
da es den Charakter des gesamten System zerstören würde und es zweifelsfrei einen wirksamen Anreiz für die Motivation des Einzelnen darstellt. Auf alle Gebiete des sozialen Lebens im Ganzen, wird die UDWLRQDOH %HWULHEVIKUXQJ ausgedehnt und konsequent angewendet. Die Staatsgewalt dient als
Exekutive und Garant der Planwirtschaft. Es kommt zu einer grundlegenden Transformation des gesamten Systems, kohärent des Charakters der gesamten historischen Epoche; der Übergang von einer wirtschaftlichen in eine SROLWLVFKHbUD. Nach Pollock wurden unter dem Privatkapitalismus alle
sozialen Beziehungen durch den Markt definiert; die Subjekte traten als Handelnde im Austauschprozeß - als Käufer oder Verkäufer - in Erscheinung und definierten ihre soziale Stellung v.a. anhand ihres 9HUP|JHQV. Das Profitinteresse war die treibende Kraft diese Systems. Im Staatskapitalismus hingegen definieren sich die Individuen durch ihr 0DFKWVWHOOXQJ, sie treten als
Befehlende oder Gehorchende in Erscheinung. Auch wenn das Gewinnmotiv nur eine besondere Form des Machtmotivs darstellt, so liegt der entscheidende Unterschied darin, daß ersteres wesentlich mit der Machtstellung der herrschenden Gruppe verknüpft ist, während das andere nur dem Individuum zukommt.
3.5.2. Kontrolle der Produktion
Zur Durchführung des Produktionsplans bedarf es notwendig der technischen und administrativen Rationalität um das Sozialprodukt zu steigern. Die Produktion ist auf einen klar definierten Zweck ausgerichtet und nicht mehr „ Waren“ -Produktion im Sinne eins Marktsystems. Durch die rigide staatliche Kontrolle des Kapitals kommt es zu einer Transformation von Privateigentum in Produktionsmittel. Als Folge geht die soziale Funktion von privaten Kapitalbesitzes verloren und die Betriebsführung entgleitet dem Aktionär. Im Staatskapitalismus verändert sich die Stellung der Privatkapitalisten in dreifacher Hinsicht:
1. Es erfolgt eine Division von Produktionsleitung und der Verfügungsgewalt über das Kapital; die Geschäftsleitung wird praktisch unabhängig vom Kapital, ohne daß sie notwendigerweise einen bedeutenden Anteil an dem nun gemeinsamen Eigentum besitzt.
30 Wirft das allgemeine Problem auf, ob und wie sich Bedürfnisse ermitteln bzw. planen lassen.
32
2. Die Unternehmer- und Kapitalistenfunktionen unterliegt staatlichen Interventionen oder werden von der Regierung übernommen.
3. Der Kapitalist verliert seine ehemalige Einnahmequelle und Betätigung.
Im Staatskapitalismus ist die persönlich Initiative von inhibierenden Besitzinteressen befreit; das Zentralmotiv ist das Streben nach politischer Macht. Die Arbeiter werden durch politischen Terror und das Versprechen materieller und ideeller Belohnung gefügig gemacht. Es herrscht das Prinzip der Subsumtion des Einzel- unter das Allgemeininteresse, was entscheidend zur Stärkung der Regierungskontrolle beiträgt.
3.5.3. Kontrolle der Distribution
Das größte Problem des Privatkapitalismus war die XQNRQWUROOLHUWH hEHUSURGXNWLRQ und damit
verbunden die Frage deren Verteilung. Im Staatskapitalismus werden etwaige Verluste kollektiviert, die Mittel direkt zugeteilt und die Preise vorgeschrieben. Es findet eine planmäßige (verhältnismäßig willkürliche) Entscheidung statt, wieviel der Gesamtproduktion auf die Konsumtion und wieviel auf die Ausdehnung der Produktion verwendet werden soll bzw. muß. An Voraussetzungen für die Warendistribution an die Produzenten müssen folgende Bedingungen erfüllt sein:
a) die Produktionsbetriebe befinden sich in 3ULYDWEHVLW], werden aber dennoch von der Regierung
kontrolliert;
b) die Industrie ist in .DUWHOOHQ organisiert;
c) die Preise reagieren auf Änderungen in $QJHERWXQG1DFKIUDJH und die .RVWHQELOGXQJ - soweit
die planende Behörde und die Monopole es zuläßt;
d) es existiert ein DOOJHPHLQHU3ODQ für die Bildung der Gesamtproduktion.
Unter diesen Umständen wird eine systematische Zuteilung sichergestellt, welche der Reproduktion der bestehenden Hilfsmittel, der Ausdehnung der Produktion und der Erzeugung von Waren für den Verbraucher in ihrer Gesamtheit dient.
9ROOEHVFKlIWLJXQJist nur in bezug auf die Arbeitskräfte zu erreichen, da sie bei Produktionsmitteln
technisch nicht möglich ist. Als vorteilhaft bei der Entschädigung von Verlusten erweist sich der zusammengeworfenen Gewinn und die Vermeidung von Knappheit an Kapital durch rationale Planung. Arbeitskräfte werden wie andere Hilfsmittel dirigistisch zugeteilt. Die staatliche Lohnfestsetzung erlaubt die genaue Kontrolle der Verteilung der Konsumgüter. Dies beruht auf der Annahme einer bestimmten Beziehung zwischen der Kaufkraft und der Summe aller verfügbaren Konsumgüter. Etwaige Divergenzen zwischen dem Produktionsplan und den Neigungen der Konsumenten, können durch die unverhältnismäßige Erhöhung oder Reduzierung der Preise umgangen werden. Die fehlende Verbindung von Preis und Produktion ist nicht nachteilhaft, da Produktion und Konsumtion gleichgeschaltet werden.
33
3.5.4. Ökonomische Grenzen des Staatskapitalismus
Oft wird der Vorwurf erhoben, daß sich der Staatskapitalismus nur in Krisenzeiten und Zeiten allgemeiner Knappheit bewähren kann, da er nicht mit den Probleme zu kämpfen hat, die in der Überproduktion terminieren. Nach Pollock ist der Staatskapitalismus jedoch die ultimative und einzige grenzenlose Wirtschaftsform, da für sie Wirtschaftsgesetze und -probleme, durch die planmäßige Gleichschaltung aller ökonomischen Tätigkeiten, nicht mehr existieren. Wirtschaftsprobleme werden durch solche der Verwaltung substituiert; es gibt allein natürlich und sozio-strukturelle Limitationen dieser Staatsform.
3.5.5. Natürliche Limitationen des Staatskapitalismus
Als Voraussetzung für die Effektivität des staatskapitalistischen Systems bedarf es ausreichender Ressourcen, Anlagen und qualifizierter Arbeitskräfte. Innerhalb der oligarchischen Gruppe müssen Interessenkonflikte verhindert werden, welche aus der Konkurrenz um das Monopol der Kontrolle, dem Machterhalt bzw. seiner Ausdehnung erwachsen. Zur Erreichung der festgelegten Zwecke bedarf es eines gemeinsamen Willens. Da der totalitäre Staatskapitalismus Ausdruck einer antagonistischen Gesellschaft ist, könnte die Planungsbehörde selbst zum Kampffeld zwischen widerstreitenden sozialen Kräften werden. Dem muß ebenso begegnet werden, wie dem Trieb nach Herrschaft über Mensch und Natur, da dies zu einer statischen Wirtschaft führt.
Pollock zufolge ist ein Anstieg des /HEHQVVWDQGDUGV ist nur in der demokratischen Form des
Staatskapitalismus möglich, da die Kontrolle über die Produktionsmittel - in der totalitären Formeiner Kontrollierung des Lebensstandard gleichzusetzen ist 31 . Mehr potentielle Freizeit, als denkbares Moment einer Lebensstandarderhöhung, bietet mehr Gelegenheit zum kritischen Denken, aus welchem sich ein revolutionärer Geist entwickeln könnte. Von daher liegt es nicht im Interesse des totalitären Staatskapitalismus 32 . Stets fanden revolutionäre Forderungen ihren Ausgang nicht in den ärmsten Schichten, sondern in jenen in verhältnismäßig besserer Lage. Ein geeignetes politisches Begrenzungsmittel des Lebensstandards und zur Herstellung intellektueller Abhängigkeit, ist die Propagierung von Feindbildern, verbunden mit permanenter Aufrüstung und .ULHJVEHUHLWVFKDIW. Da
der totalitäre Staatskapitalismus keinen hohen Lebensstandard der Massen dulden will und Massenarbeitslosigkeit nicht überstehen würde, kann er in einer )ULHGHQVZLUWVFKDIW nicht bestehen. Als
Konsequenz daraus, muß auch der demokratische Staatskapitalismus stets kriegsbereit sein, um dem Totalitarismus begegnen zu können. Erst wenn alle totalitären Staaten zu Demokratien geworden sind, ist sein Existenz von außen ungefährdet.
31 Wie sehr sich Pollock in diesem Punkt geirrt hat werde ich an späterer Stelle nachweisen, wenn ich die Mechanismen der Unterbindung sozialen Wandels beschreiben werde: gerade die Gewährung konkreter materieller Zugeständnisse, in der autoritären Form des Staatskapitalismus, erweist sich als ein effektives Moment für die Herstellung sozialer Konformität.
32 Ebenfalls eine logische Schlußfolgerung, allerdings belehrt uns die Realität eines Besseren. Ein erhöhtes Maß an Freizeit muß nicht notwendigerweise mehr Gelegenheit zu kritischem Denken bieten. Dafür sorgt die planmäßige Organisation und Gestaltung unserer Freizeit durch die Kultur- und Freizeitindustrie, welche ihrerseits Momente der Herrschaft repräsentieren.
34
3.5.6. Sozialstruktur
Die Sozialstruktur des totalitären Staatskapitalismus zeichnet sich dadurch aus, daß die KHUUVFKHQGH .ODVVH uneingeschränkte Macht ausübt und den allgemeinen Wirtschaftsplan, die auswärtige Politik,
die Rechte und Pflichten bestimmt. Sie wird durch keine Verfassung beschränkt, sondern nur durch Regeln, die ihrer eigenen Machterhaltung und -festigung dienen. Die Personen, welche die herrschenden Klasse konstituieren, sind für ihre Aufgabe durch ihre ehemalige Stellung in den Monopolen des Privatkapitalismus präformiert.
Die Klasse der Eigentümer (.DSLWDOLVWHQ) hat keine soziale Funktion mehr und repräsentiert lediglich ein temporäres Phänomen.
Die halbunabhängige Klasse der )UHLEHUXIOHU und .OHLQXQWHUQHKPHU wird aufgrund der
Konzentrationsprozesse verschwinden, sobald sich der Staatskapitalismus perpetuiert. Die große Mehrheit des Volkes, die EHVROGHWHQ$QJHVWHOOWHQ, werden dem Führerprinzip von Befehl
und Gehorsam unterstellt. Ihrer strikten Kontrolle dient die Beschneidung ihrer politischen Rechte, die staatlich forcierte Monadologisierung sowie die Abschaffung des Arbeitsrechts. Arbeit wird zum Zwang, die Löhne festgesetzt und die Freizeit von oben organisiert (Kulturindustrie). Sie vollziehen eine Rückschritt in feudalistische Verhältnisse.
Der 6WDDW perpetuiert seine Herrschaft durch Terror, Propaganda und subtilere Methoden, wie dem
Versprechen auf Vollbeschäftigung, ausreichende Lebenshaltung, Sicherheit und ein besseres Leben für jeden konformen Untertan. All dies ändert jedoch nichts an dem fortwährenden antagonistischen Charakter der staatskapitalistischen Gesellschaft, in welcher die Produktivkräfte weiterhin gefesselt bleiben.
Wie bereits erwähnt, darf bei all dem nicht vergessen werden, daß die demokratische Form des Staatskapitalismus in der Praxis bisher noch nicht realisiert wurde. Die Haupthindernisse für seine Verwirklichung sind politischer Natur und können somit nur auf diese Weise beseitigt werden. Der Kritischen Theorie zufolge, kann die Gesellschaft auf dem heutigen technischen Niveau die Hemmungen des Marktsystems durch wirtschaftliche Planung überwinden. Hierbei werden soziale und moralische Probleme evident, welche die Fragen tangieren, inwieweit die freiheitlichen und demokratischen Werte in eine solche Gesellschaftsform integriert werden können, wie die moderne Technik vorteilhaft eingesetzt und bei all dem die Persönlichkeit als Wertquelle, sowie die Erfüllung des Individuums in seiner Betätigung für die Gesellschaft zum letzten Ziel gemacht werden kann.
35
'LHHLQGLPHQVLRQDOH*HVHOOVFKDIW8QWHUELQGXQJVR]LDOHQ:DQGHOVXQG,QWHJUDWLRQ GHU*HJHQVlW]H
Die geschichtliche Vermittlung zwischen Theorie und Praxis, Werten und Tatsachen, Bedürfnissen und Zielen, spielte sich einst im Bewußtsein und der politischen Aktion der beiden großen, antagonistischen Klassen ab: im Proletariat und der Bourgeoisie. Auch in der spätkapitalistischen Phase sind sie noch immer die grundlegenden Klassen, allerdings hat die allgemeine Entwicklung ihre Strukturen und Funktionen derart verändert, daß sie nicht mehr als Träger einer geschichtlichen Umwälzung in Frage kommen. Ein sich über alle individuellen Interessen hinwegsetzendes Interesse an der Erhaltung und Verbesserung des institutionellen status quo, vereinigt die ehemaligen Antagonisten in den fortgeschrittensten Bereichen der gegenwärtigen Gesellschaft. Durch ein System von Herrschaft und Gleichschaltung bringt der technische Fortschritt Lebens- und Machtformen hervor, welche die transzendierenden und kritisch-emanzipativen Kräfte zu besänftigen, und allen Protest - im Namen der historischen Aussicht auf Freiheit von schwerer Arbeit und Herrschaft - zu besiegen scheinen. Die 8QWHUELQGXQJ VR]LDOHQ :DQGHOV, deren Vorbedingung die ,QWHJUDWLRQ GHU *HJHQVlW]H ist, ist vielleicht die hervorstechendste Leistung der fortgeschrittenen Industrie-
gesellschaft.
Da es nachweisbar an Trägern und Triebkräften sozialen Wandels fehlt, wird die Kritik auf ein hohes Abstraktionsniveau zurückgeworfen. Es gibt keine Grundlage, auf welcher Theorie und Praxis, Denken und Handeln zusammenkommen könnte; selbst die empirischste Analyse historischer Alternativen erscheint als unrealistische Spekulation. Das Bedürfnis nach Veränderung der Lebensweise, sich dem Positiven zu verweigern, wird durch die etablierte Gesellschaft in dem Maße unterdrückt, wie sie imstande ist, die wissenschaftliche Unterwerfung der Natur zur wissenschaftlichen Beherrschung der Menschen zu benutzen.
'LH 0HQVFKKHLW PX YRP IDOVFKHQ ]XP ZDKUHQ %HZXWVHLQ JHODQJHQ YRQ LKUHP XQPLWWHOEDUHQ ]X LKUHPZLUNOLFKHQ,QWHUHVVH
3.6.1. Technologisches Apriori der Herrschaft:
Mit der zunehmenden Integration der Individuen verlieren die, einstmals den akuten sozialen und politischen Konflikt bezeichnenden Kategorien, wie Gesellschaft, Klasse oder Individuum, ihre kritische semantische Bestimmung und tendieren dazu, deskriptive, trügerische oder operationelle Termini zu werden. .ULWLN wird ideologisch besetzt und erscheint als Regression von einer mit der
geschichtlichen Praxis verbundenen Theorie auf abstraktes, spekulatives Denken; die Transformation der Kritik der politischen Ökonomie in Philosophie. In der gegenwärtigen Gesellschaft tendiert der Produktionsapparat in dem Maße totalitär zu werden, wie er nicht nur die gesellschaftlich notwendigen Betätigungen, Fertigkeiten und Haltungen bestimmt, sondern auch die Bedürfnisse und Wünsche der Individuen. 7HFKQLN dient als effektive und angenehme Form VR]LDOHU .RQWUROOH und VR]LDOHP
36
=XVDPPHQKDOWV. Sie kann nicht von ihrer Verwendung gelöst werden; die technologische Gesellschaft
repräsentiert ein Herrschaftssystem, welches bereits im Begriff und Aufbau der Technik angelegt ist. „ Als ein technologisches Universum ist die fortgeschrittene Industriegesellschaft ein politisches Universum - die späteste Stufe der Verwirklichung eines spezifischen geschichtlichen Entwurfs 33 nämlich die Erfahrung, Umgestaltung und Organisation der Natur als des bloßen Stoffs von Herrschaft“ (Marcuse; Der eindimensionale Mensch/Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft; S. 18). Durch seine Entfaltung modelt er das gesamte Universum von Sprache und Handeln, von geistiger und materieller Natur. Produktivität und Wachstumspotential dieses Systems stabilisieren die Gesellschaft und halten den technischen Fortschritt im Rahmen von Herrschaft; WHFKQRORJLVFKH5DWLRQDOLWlW ist zu SROLWLVFKHU5DWLRQDOLWlW geworden.
Genuine kritische Ideen und Werte, wie die 'HQN-, *HZLVVHQV- oder 5HGHIUHLKHLW, haben nach ihrer
Institutionalisierung ihren ursprünglich kritischen Charakter eingebüßt; sie sind zu integralen Bestandteilen der Gesellschaft geworden 34 . Autonomie, Unabhängigkeit und das Recht auf politische Opposition werden ihrer grundlegend kritischen Funktion beraubt. Oppositionelles Verhalten beschränkt sich einzig auf die Diskussion und Förderung alternativer politischer Praktiken LQQHUKDOE
des status quo. Dem Aufkommen wirklicher Opposition wird durch eine ökonomisch-technische Gleichschaltung und Manipulation von Bedürfnissen durch althergebrachte ,QWHUHVVHQ vorgebeugt. Die
politische Macht dieses Totalitarismus ist vermittelt durch die Gewalt über den maschinellen Prozeß und die technische Organisation des Apparates. Durch die Organisation und Ausbeutung der technischen, wissenschaftlichen und mechanischen Produktivität, wird die Gesellschaft als Ganzes über allen partikularen oder Gruppeninteressen mobilisiert.
3.6.2. Präformation der Individuen (Introjektion „ falscher“ Bedürfnisse)
Ein wirksames Mittel im Kampf gegen die Befreiung besteht darin, den Individuen KHWHURQRPH, ÄIDOVFKH³%HGUIQLVVH zu suggerieren, welche es erlauben die obsoleten Formen der Ungerechtigkeit
zu perpetuieren. In diesen historischen Bedürfnissen manifestiert sich ein herrschaftliches Interesse an sozialer Unterdrückung. Im Gegensatz dazu stehen die genuinen ÄYLWDOHQ³ %HGUIQLVVH (Nahrung,
Kleidung, Wohnung), die einen uneingeschränkten Anspruch auf Befriedigung haben. Die letzte Instanz für die Beurteilung von wahren oder falschen Bedürfnissen ist das Individuum selbst. Solange es sich jedoch dieses Verblendungszusammenhangs nicht bewußt ist, kann sein Urteil nicht als autonom angesehen werden. „ Alle Befreiung hängt vom Bewußtsein der Knechtschaft ab, und das Entstehen dieses Bewußtseins wird stets durch das Vorherrschen von Bedürfnissen und Befriedigungen behindert, die in hohem Maße die des Individuums geworden sind“ (Marcuse; a.a.O.; S.27). Die $QJOHLFKXQJ der KlassenXQWHUVFKLHGH, zwischen dem Gegebenen und dem Möglichen,
33
Dies setzt die ursprüngliche Wahl zwischen verschiedenen geschichtlichen Alternativen voraus, die vom überkommenen Niveau der materiellen und intellektuellen Kultur bestimmt sind. Die Wahl selbst ergibt sich aus dem Spiel der herrschenden Interessen.
37
zwischen befriedigten und unbefriedigten Bedürfnissen, besitzt ideologische Funktion. Gesellschaftlich notwendige Bedürfnisse werden in individuelle Bedürfnisse umgewandelt, so daß in dem Ausmaß, in dem die unterworfenen Subjekte an den Bedürfnissen und Befriedigungen partizipieren, sie der Erhaltung des Bestehenden dienen. .XOWXULQGXVWULH und 0DVVHQPHGLHQ sind die Agenten der 3UlIRUPDWLRQ der individuellen Bedürfnisse und Triebe. Derartige ,QWURMHNWLRQ sozialer
Kontrolle beeinträchtigt selbst individuellen Protest bereits in seinen Wurzeln. Es bezeichnet das Schwinden jener historischen Kräfte, welche die Möglichkeit neuer Daseinsformen zu vertreten schienen. Die Irrationalität der technischen Kontrolle erscheint als die Verkörperung der Vernunft. Der Begriff der Introjektion impliziert die Existenz einer LQQHUHQ 'LPHQVLRQ, ein individuelles (Un-)
Bewußtsein, welche different und vielleicht sogar antagonistisch gegenüber der öffentlichen Meinung und dem öffentlichen Verhalten ist. In der etablierten Gesellschaft ist jedoch diese innere Dimension vollständig fremdbestimmt, mit dem Ergebnis der unmittelbaren Identifikation (0LPHVLV) des Individuums mit seiner Gesellschaft und dadurch mit ihr als einem Ganzen. Die Unmittelbarkeit dieses Prozesses, der Verlust der Fähigkeit zu negativen Denken, die kritische Macht der Vernunft, ist das ideologische Pendant zur materiellen Akkomodation der Opposition. Durch die individuelle Identifikation mit dem Daseinenden wird die (QWIUHPGXQJ gänzlich objektiv; das entfremdete
Subjekt wird seinem entfremdeten Dasein einverleibt. Durch ihre Rationalität wird das falsche zum wahren Bewußtsein; die Ideologie geht in der Wirklichkeit auf. Gegenwärtig steckt die Ideologie im Produktionsprozeß selbst und ist Ausdruck der herrschenden technischen Rationalität. Die produzierten Güter und Dienstleistungen durchdringen und manipulieren die Menschen; sie fördern ein falsches Bewußtsein, das gegen seine eigene Falschheit immun ist.
3.6.3. Akkomodation jeglicher kritischer und transzendentaler Opposition Auf diese Weise entsteht ein 0XVWHUHLQGLPHQVLRQDOHQ'HQNHQVXQG9HUKDOWHQV, in welchem Ideen,
Bestrebungen und Ziele abgewehrt, neubestimmt und zu Begriffen des bestehenden Universums reduziert werden, welche ihrer genuinen semantischen Bedeutung nach dieses Universum von Sprache und Handeln transzendieren. Ein Beispiel für diese Tendenz findet sich in dem RSHUDWLRQDOLVWLVFKHQ XQG EHKDYLRULVWLVFKHQ (PSLULVPXV, der die methodologische Rechtfertigung für die Reduktion des Geistes darstellt. Dieser 3RVLWLYLVPXV ist das akademische Gegenstück zum gesellschaftlich
erforderten Verhalten, indem er die transzendierenden Momente der Vernunft leugnet. Derart weitreichende Änderungen all unserer Denkgewohnheiten, die .RQIRUPLVLHUXQJ jeglicher intellektueller
Tätigkeit, führen soweit, daß selbst Protestformen nicht mehr negativ sind, im Widerspruch zum status quo stehen. Vielmehr sind sie zu einem harmlosen Moment des Ganzen verkommen. Nichtoperationelle Gedanken gelten als subversives Verhalten; als Schranken des Denkens gelten die Grenzen der Vernunft. „ Geschichtliche Transzendenz erscheint als metaphysische Transzendenz,
34 Bösartiger Weise könnte man überspitzt sagen, daß gerade durch die Gewährung dieser Freiheiten das Gefühl der Unterdrückung oder Ausbeutung unterbunden wird. Gerade weil man sagen und denken kann was man will, werden die Konsequenzen beliebig und verbleiben dadurch positivistisch.
38
unannehmbar für die Wissenschaft und wissenschaftliches Denken“ (Marcuse; a.a.O.; S.35). Das Bestehen auf operationellen und behavioristischen Begriffen - welche zum integralen Bestandteil des HWDEOLHUWHQ 8QLYHUVXP GHU 6SUDFKH XQG +DQGHOQ, von Bedürfnissen und Bestrebungen werden - ist
gegen die Anstrengung gerichtet, das Denken und Verhalten von der gegeben Wirklichkeit und für die unterdrückten Alternativen zu befreien. Es herrscht das Primat der LQVWUXPHQWHOOHQ9HUQXQIW und die
herrschaftliche Instrumentalisierung des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts. Der Operationalismus in Theorie und Praxis dient GHU7KHRULHXQG3UD[LVGHU(LQGlPPXQJ. Gesellschaft
ist ein völlig statisches System, es reproduziert sich selbst in seiner unterdrückten Produktivität und vorteilhaften Gleichschaltung. In der Tendenz zur Vollendung der WHFKQLVFKHQ 5DWLRQDOLWlW, im
Rahmen der bestehende Institutionen, besteht der innere Widerspruch dieser Zivilisation; das irrationale Moment ihrer Rationalität.
Qualitative Änderungen sind kein ausschließliches Produkt ökonomischer und politischer Veränderung, sondern ebensosehr solche der technischen Basis der Gesellschaft, da die Techniken der Industrialisierung politische sind und als solche im Voraus über die Möglichkeit von Vernunft und Freiheit 35 entscheiden.
Phänomene der herrschenden Gesellschaftsorganisation, wie Überfluß und Freizeit, integrieren offensichtlich jegliche Opposition und assimilieren jegliche geschichtliche Alternative. Technologische Rationalität offenbart ihren politisch-herrschaftlichen Charakter und erschafft ein totalitäres Universum, welches gegen jede Art der Transzendenz immun erscheint. Jedoch von dem Moment an, da die materielle Produktion dermaßen automatisiert ist, daß sie alle Lebensbedürfnisse befriedigt und die notwendige Arbeitszeit zu einem Bruchteil der Gesamtzeit reduziert, ist der Punkt erreicht, an dem der technische Fortschritt das Reich der Notwendigkeit transzendiert, welchem er bisher als Herrschafts- und Ausbeutungsinstrument gedient hat. Die Technik würde dann der historischen Alternative der Befriedung von Mensch und Natur untergeordnet.
3.6.4. Der Wohlfahrts- und Kriegsführungsstaat
Die Gesellschaft der totalen Mobilisierung verbindet in produktiver Einheit die Züge des :RKOIDKUWV- und .ULHJVIKUXQJVVWDDWHV. Durchdie Konvergenz der politischen Gegensätze wird jede Art der
Subversion assimiliert. Diese Entwicklung führt soweit, daß selbst Gewerkschaften und Konzerne gemeinsam als Lobbyisten auftreten, und zeugt von der kapitalistischen Integration, welche die qualitativen Differenzen widerstreitender Interessen als quantitative innerhalb der bestehenden Gesellschaft erscheinen läßt.
0DU[ sah die Voraussetzung für eine qualitativen Wandel in der Entwicklung emanzipativer Kräfte LQQHUKDOE der widersprüchlichen Totalität, welche die bestehenden Verhältnisse negieren. Dies
impliziert jedoch, daß die arbeitende Klasse ihrer ganzen Existenz nach von diesem Universum entfremdet ist und ihre Angehörigen das Bewußtsein der Unmöglichkeit des Fortbestehens teilen. Erst
35 Freiheit im Sinne der Freiheit von dem Primat der Ökonomie und ihren Zwängen; Freiheit von politischer Repression und Bevormundung; und geistig-intellektueller Freiheit zu autonomen und kritischen Denken.
39
dann kann es zur revolutionären Umwälzung, der Zerstörung des politischen Apparates des Kapitalismus und zur Sozialisierung der bestehenden technischen Mittel kommen: Befreiung der technologischen Rationalität von ihrem irrationalen Charakter mit dem Ziel der Produktion zur Befriedigung der sich frei entfaltenden individuellen Bedürfnisse.
6WDQGDUGLVLHUXQJ, $XWRPDWLVLHUXQJ und 5RXWLQH gleichen jedoch produktive und unproduktive Arbeit
einander an und bedeuten eine grundlegende Änderung im Charakter der Produktion. Dieser Wandel scheint den Marxschen Begriff der ÄRUJDQLVFKHQ=XVDPPHQVHW]XQJGHV.DSLWDOV³ und mit ihm seine 0HKUZHUWWKHRULH aufzuheben. Produktivität wird nicht mehr durch individuelle Arbeitsleistung,
sondern durch Maschinen bestimmt, deren Messung unmöglich wird. Diese Veränderung hat nun ihrerseits Auswirkungen auf die Haltungen und das Bewußtsein der Arbeiter, welche dadurch in die etablierte Gesellschaft integriert werden. Die 0LPHVLV von Bedürfnissen und Wünschen (im
Lebensstandard, in der Freizeitgestaltung, der Politik) terminiert in einer Integration in der Fabrik selbst; im materiellen Produktionsprozeß. Herrschaft wird in 9HUZDOWXQJ überführt, wodurch das Ausbeutungsverhältnis hinter einer Fassade REMHNWLYHU 5DWLRQDOLWlW verschwindet. „ Mit dem
technischen Fortschritt als ihrem Instrument wird Unfreiheit - im Sinne der Unterwerfung des Menschen unter seinen Produktionsapparat - in Gestalt vieler Freiheiten und Bequemlichkeiten verewigt und intensiviert“ (Marcuse; a.a.O.; S.52). Aufgrund der WHFKQRORJLVFKHQ )RUP der 9HUGLQJOLFKXQJ manifestiert sich eine UH]LSURNH$EKlQJLJNHLWYRQ$GPLQLVWUDWLRQXQG0DVFKLQHULH.
Unter der Bedingung des Wohlfahrtsstaates hat die Abnahme von Freiheit und Opposition nichts mit moralischem oder intellektuellem Verfall zu tun. Die Anhebung des Standards des verwalteten Lebens ist insofern ein objektiver sozialer Prozeß, als die Produktion und Distribution einer größer werdenden Menge von Gütern und Dienstleistungen .RQIRUPLWlW zu einer UDWLRQDOHQ WHFKQLVFKHQ (LQVWHOOXQJ
erhebt. Dieses Phänomen ist ein unvermeidliches Nebenprodukt der politisch manipulierten Industriegesellschaft und erfordert neben einer notwendigen 9HUVFKZHQGXQJ eine kontinuierliche 5DWLRQDOLVLHUXQJ. Durch den erhöhten .RQVXP schwindet der Gebrauchswert der Freiheit. Autonomie
erscheint überflüssig angesichts des bequemen verwalteten Lebens. Eine qualitative Veränderung scheint nur als eine von DXHQ möglich. Die konkurrierenden Institutionen in der pluralistischen
Verwaltung wetteifern darum, die Macht des Ganzen über das Individuum zu festigen. Dazu wird der 0RELOLVLHUXQJVXQG9HUWHLGLJXQJV]XVWDQG, zur Eindämmung innerer und äußerer Bedrohungen, zum 1RUPDO]XVWDQG erhoben. Selbst unter staatskapitalistischen Verhältnissen bleibt das gesellschaftliche
Bedürfnis nach privater Appropriation und Distribution des Profits, als Regulativ der Ökonomie, erhalten; die Realisierung des allgemeinen Interesses ist weiterhin mit den partikularen Interessen verbunden.
3.6.5. Repressive Entsublimierung
Die oppositionellen und transzendierenden Elemente fallen dem Prozeß der UHSUHVVLYHQ (QWVXEOLPLHUXQJ zu Opfer. „ Was heute geschieht, ist nicht die Herabsetzung der höheren Kultur zur
Massenkultur, sondern die Widerlegung dieser Kultur durch die Wirklichkeit“ (Marcuse; a.a.O.; S.76).
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Kulturelle Bereiche, wie die .XQVW, 3ROLWLN, 5HOLJLRQ und 3KLORVRSKLH, werden durch die .XOWXULQGXVWULH ihres Wahrheitswertes beraubt und auf :DUHQI|UPLJNHLW reduziert; es findet eine Materialisierung der Ideale statt. Die subversive und emanzipative Gewalt der .XQVW und /LWHUDWXU, in Gestalt der NQVWOHULVFKHQ(QWIUHPGXQJE , das bewußte Transzendieren der entfremdeten Existenz, G F
wird von der Gesellschaft absorbiert. Die ideologische Verklärung sozialer Antagonismen, auf einer erhöhten Stufe materieller Befriedigung, findet Ausdruck in der SRSXOlUHQ .XOWXU. Es findet eine
durchgreifende Entsublimierung statt, welche auch auf die sexuelle Sphäre übergreift. Mit der durch Mechanisation eingesparten Arbeitskraft wird ebenso /LELGR - die Energie der Lebenstriebe -eingespart. Als Folge verändert sich das Universum libidinöser Besetzungen; Libido wird auf sexuelle Erfahrung und Befriedigung reduziert, wird ebenfalls marktförmig. Durch die Eingliederung des Sexuellen in die Arbeitsbeziehungen wird ihre kontrollierte Befriedigung ermöglicht. Sie wird auf eine Weise bewerkstelligt, welche Unterwerfung hervorbringt und die Rationalität des Protests schwächt. Im Gegensatz dazu bewahrt die 6XEOLPLHUXQJ das Bewußtsein der Versagung und hält damit am
Bedürfnis nach Befreiung fest. „ Sublimierung erfordert ein hohes Maß an Autonomie und Einsicht; sie vermittelt zwischen Bewußtem und Unbewußtem, zwischen Intellekt und Trieb, Versagung und Rebellion. In ihren vollendesten Weisen, wie dem Kunstwerk, wird Sublimierung zur Erkenntniskraft, welche die Unterdrückung besiegt, indem sie sich ihr beugt“ (Marcuse; a.a.O.; S.95). ,QVWLWXWLRQDOLVLHUWH (QWVXEOLPLHUXQJ erscheint als ein Aspekt der Bewältigung der Transzendenz und erlaubt selbst die Manipulation und Kontrolle des 'HVWUXNWLRQVWULHEHV.
(LQGLPHQVLRQDOHV'HQNHQXQG9HUKDOWHQ
Auch die 6SUDFKH wird ihrer transzendierenden Momente beraubt, indem die semantische Bedeutung
der Begriffe (i.e. Freiheit, Gleichheit, Demokratie, Frieden) beschnitten wird. Die Institutionen der Rede- und Denkfreiheit verhindern nicht in geringster Weise die LQWHOOHNWXHOOH*OHLFKVFKDOWXQJ. Durch
Funktionalisierung, Abkürzungen und Vereinheitlichungen wird Sprache zum Instrument des HLQGLPHQVLRQDOHQ 'HQNHQV. Die GLDOHNWLVFKH 6SUDFKH hingegen entfaltet und erklärt den Konflikt
zwischen dem Ding und seiner Funktion in Form von Sätzen, welche die einander widersprechenden Prädikate zu einer logischen Einheit verbindet; es ist das begriffliche Pendant zur objektiven Realität.
36 Beinahe sämtliche Theoretiker der Frankfurter Schule teilten die Überzeugung, daß die Philosophie von der modernen Kunst mehr zu erwarten habe als beispielsweise von den Fachwissenschaften. So wurde beispielsweise in der Dialektik der Aufklärung von Horkheimer und Adorno das Verfahren der geschichtsphilosophischen Deutung von (literarischen) Kunstwerken angewandt, für die Feststellung des Wandels in Einstellung und Verhalten der Menschen zur äußeren Natur, zur inneren Natur, zum Körper und zueinander. Sie knüpften damit an Lukács´ >H an, einem der ersten
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geschichtsphilosophischen Versuche über die Formen der großen Epik. In dieser Tradition entwickelte Adorno später auch seine Ästhetische Theorie.
41
3.7.1. Kritik der empirischen Sozialforschung
Der „ %HJULII“ ist das Ergebnis eines Reflexionsprozesses; eine endgültige Vorstellung eines Sach-
verhaltes, dessen Inhalt und Bedeutung identisch und doch verschieden von den realen Gegenständen der Erfahrung ist. Alle Begriffe der Erkenntnis transzendieren die deskriptiv-historische Totalität im Hinblick auf ihre besonderen Tatsachen.
Die unkritische und DIILUPDWLYH'HQNZHLVH gebraucht Begriffe als JHLVWLJH,QVWUXPHQWH und allgemeine Begriffe als 7HUPLQLPLWSDUWLNXODUHQREMHNWLYHQ(LJHQVFKDIWHQ. Diese operationelle Behandlung der
Begriffe besitzt politische Funktion: Denken und Ausdruck, Theorie und Praxis sollen mit den Tatsachen seiner Existenz in Kongruenz gebracht werden, ohne daß für die begriffliche Kritik dieser Tatsachen Raum bleibt. Sowohl der ideologische Charakter des SRVLWLYLVWLVFKHQ(PSLULVPXV als auch des )XQNWLRQDOLVPXV dienen der sozialen Kontrolle; der repressiven Einschränkung der Reflexion
durch die Isolierung des Konkreten vom Ganzen. „ Die von der Übersetzung erreichte Konkretheit des besonderen Falles ist das Ergebnis einer Reihe von Abstraktionen von seiner wirklichen Konkretheit, die im allgemeinen Charakter des Falles besteht“ (Marcuse; a.a.O.; S.129). Aufgrund ihrer Methodologie ist die empirische Soziologie ideologisch und trägt zum geistigen und materiellen Fortschritt bei, dessen Rationalität ambivalent ist.
Gesellschaftstheorie bedeutet jedoch nicht die deskriptive Anerkennung von Tatsachen, sondern ihre explizite, emphatische Kritik. Die theoretische Analyse hat sich darauf zu konzentrieren, die Tatsachen zu begreifen, zu erkennen als das, was sie sind, und was sie für diejenigen bedeuten die mit ihnen leben müssen.
3.7.2. Das ein- und zweidimensionale Denken
Die RN]LGHQWDOH /RJLN kann als eine Denkweise verstanden werden, die versucht ist das :LUNOLFKH als YHUQQIWLJ zu begreifen. Als letzte Stufe dieser Idee kann das totalitäre Ganze technologischer
Rationalität angesehen werden, durch welche die Logik zur Logik der Herrschaft wurde. Logik als die „ ZDKUH5HGH“ , enthüllt und drückt aus, was wirklich LVW - als unterschiedlich zu dem, was wirklich zu sein VFKHLQW. Vermöge dieser (LQKHLW YRQ :DKUKHLW XQG ZLUNOLFKHP 6HLQ, wird Wahrheit zu einem
Wert; denn Sein ist besser als Nichtsein. Erscheinung und Wirklichkeit, Unwahrheit und Wahrheit sind ontologische Verhältnisse einer antagonistischen Welt, zu deren Verständnis es des zweidimensionalen Denkens bedarf.
Im Gegensatz zur eindimensionalen $ULVWRWHOLVFKHQ$XVVDJHQORJLN, entfaltet die 3ODWRQLVFKH'LDOHNWLN
den negativen Charakter der empirischen Wirklichkeit. „ So besteht eher Widerspruch als Entsprechung zwischen dem dialektischen Denken und der gegebenen Wirklichkeit; das wahre Urteil beurteilt diese Wirklichkeit nicht nach ihren eigen Begriffen, sondern nach Begriffen, die auf die Vernichtung jener Wirklichkeit abzielen. Und in dieser Vernichtung gelangt die Wirklichkeit zu ihrer eigenen Wahrheit“ (Marcuse; a.a.O.; S.147). Die IRUPDOH /RJLN ist ihrer Struktur nach QLFKW WUDQV]HQGHQW und organisiert das Denken in dem starren Rahmen des 6\OORJLVPXV. Unter ihrer
Herrschaft geraten die Begriffe zu Instrumenten der Voraussage und Kontrolle: die Differenz von
42
Wesen und Erscheinung wird eingeebnet; das Prinzip der Identität wird von Prinzip des Widerspruchs getrennt; und die Endursachen werden aus der logischen Ordnung entfernt. Demgegenüber ist die GLDOHNWLVFKH /RJLN nicht formal, da sie durch das Wirkliche und Konkrete
bestimmt ist. Sie basiert auf allgemeinen Gesetzen, welche die Vernünftigkeit des Ganzen ausmachen. Es ist die 9HUQQIWLJNHLWGHV:LGHUVSUXFKV, des Gegensatzes von Kräften, Tendenzen und Elementen,
welche die Bewegung des Wirklichen und seinen Begriff konstituieren. Der lebendige Widerspruch von Wesen und Erscheinung manifestiert sich in jener „ inneren Negativität“ des Begriffs. „ Der Gegenstand der dialektischen Logik ist weder die abstrakte, allgemeine Form der Objektivität noch die abstrakte, allgemeine Form des Denkens - noch die Daten der unmittelbaren Erfahrung. Die dialektische Logik löst die Abstraktionen der formalen Logik und der Transzendentalphilosophie auf, aber sie vereint ebenso die Konkretheit unmittelbarer Erfahrung“ (Marcuse; a.a.O.; S.156). Ihre Wahrheit gründet in dem Verständnis der Welt als einem historischen Universum, in dem die bestehenden Tatsachen das Werk der geschichtlich menschlichen Praxis sind. Diese intellektuelle und materielle Praxis ist die Wirklichkeit in den Daten der Erfahrung. Durch die Verknüpfung der Struktur des Denkens mit der Realität, wird die logische Wahrheit zu einer KLVWRULVFKHQ:DKUKHLW und Vernunft zur JHVFKLFKWOLFKHQ 9HUQXQIW. Das dialektische Denken widerspricht der etablierten Ordnung im
Interesse bestehender sozialer Kräfte, welche den “ irrationalen“ Charakter dieser Ordnung aufzuheben versuchen. Die dialektische Logik versteht den :LGHUVSUXFKDOV1RWZHQGLJNHLW, welche zur „ Natur der
Denkbestimmungen“ (Hegel) gehört, da der Widerspruch zur Natur des Denkobjektes selbst, zu einer Wirklichkeit gehört: Vernunft ist doch Unvernunft und das Rationale ist doch das Irrationale. Da die gegebene Wirklichkeit ihre eigene Wahrheit hat, bedarf es einer anderen Logik als der eindimensionalen, um sie als solche zu begreifen, eben der dialektischen.
3.7.3. Die Logik der Herrschaft
Die einstige historische Herrschaftsform welche vermittelt war durch SHUV|QOLFKH $EKlQJLJNHLW, ist durch eine solche der Abhängigkeit von der REMHNWLYHQ2UGQXQJGHU'LQJH substituiert worden. Es
fand ein Übergang von wissenschaftlich-theoretischer Rationalität in gesellschaftlich herrschaftliche Praxis statt. Im Denken und Handeln, als Ausdruck der gegebenen Wirklichkeit, manifestiert sich ein falsches Bewußtsein, welches den herrschenden technischen Apparat sowohl verkörpert, als auch reproduziert. 7HFKQLN ist zum großen Vehikel der 9HUGLQJOLFKXQJ in ihrer effektivsten Form geworden. Unter diesen Bedingungen nimmt das ZLVVHQVFKDIWOLFKH 'HQNHQ einerseits die Form des reinen, in sich abgeschlossenen )RUPDOLVPXV (6\PEROLVPXV) und andererseits die eines totalen (PSLULVPXV an. .RQIRUPLVPXV und 1LFKW7UDQV]HQGH] sind signifikant für das bestehende Universum
von Sprache und Verhalten. „ Als begriffliches Denken und Verhalten ist Vernunft notwendig Gewalt, Herrschaft. Logos ist Gesetz, Regel, Ordnung aufgrund von Erkenntnis. Indem es besondere Fälle unter das Allgemeine subsumiert, indem es sie ihrem Allgemeinbegriff unterwirft, erlangt das Denken Gewalt über die besonderen Fälle. Es wird nicht nur fähig, sie zu begreifen, sondern auch auf sie einzuwirken, sie zu kontrollieren. Während jedoch alles Denken unter der Herrschaft der Logik steht,
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ist die Entfaltung dieser Logik in den verschiedenen Denkweisen verschieden. Die klassische formale und die moderne symbolische Logik, die transzendentale und die dialektische Logik - eine jede beherrscht ein anderes Universum der Sprache und Erfahrung. Sie alle entwickeln sich innerhalb des geschichtlichen Kontinuums der Herrschaft, dem sie Tribut zollen. Und dieses Kontinuum verleiht den positiven Denkweisen ihren konformistischen und ideologischen, denen des negativen Denkens ihren spekulativen und utopischen Charakter“ (Marcuse; a.a.O.; S.182f.).
(LQKHLWYRQ7KHRULHXQG3UD[LV"
$QJHVLFKWVGHUNRQVWDWLHUWHQ,QWHJUDWLRQXQG$VVLPLODWLRQGHUQHJDWLYHQ.UlIWHHUVFKHLQWMHJOLFKH
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'LH'LDOHNWLNYRQ7KHRULHXQG3UD[LV
Nach Adorno 37 ist das Verhältnis von Theorie und Praxis abhängig von der 'LFKRWRPLH von 6XEMHNW und 2EMHNW (Cartesianische =ZHLVXEVWDQ]HQOHKUH). Diese Problematik koinzidiert mit dem Erfahrungs-
verlust, der Versperrung von Erfahrung durch die Rationalität des Immergleichen. Vom abstrakten Subjekt kann keine 6SRQWDQHLWlW mehr erwartet werden, seine Handlungen erscheinen fragwürdig
aufgrund seiner mangelnden Reflexion darauf. Im bürgerlichen Geist fallen Autonomie und pragmatische Theoriefeindlichkeit zusammen, das Denken wird auf die subjektive, praktisch verwertbare Vernunft reduziert und korreliert mit einer begrifflosen Praxis. Was zählt ist einzig der praktische Nutzeffekt der Erkenntnis. Dagegen ist die $XIKHEXQJGHV'LVSHQVYRQ6XEMHNWXQG2EMHNW
anzustreben, da die Darstellung der Inkommensurabilität beider Elemente das Bewußtsein der Einheit von Theorie und Praxis verhindert. Das Subjekt als denkende Substanz ist zugleich Objekt und somit praktisch.
37 Vgl. Adorno; Marginalien zu Theorie und Praxis; In: Ders., Stichworte; Frankfurt/M., 1980. Dieser polemische Aufsatz kann als eine Abrechnung mit der Studentenrevolte und eine Verteidigungsrede auf die Notwendigkeit der Freiheit zu wissenschaftlicher Reflexion angesehen werden.
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Während sich Kant mit seiner Gesinnungsethik an das Substrat radikal vernünftigen Handelns, an das Individuum wand, erhob Hegel den Begriff des Moralischen ins Politische. Er erkannte, daß Spontaneität angesichts der Übermacht objektiver Verhältnisse unmöglich wird. Sowohl Kants Moralals auch Hegels Rechtsphilosophie, stellen zwei Stufen des bürgerlichen Praxisbewußtseins dar und beinhalten die $QWRQRPLHQ von der %HVRQGHU- und $OOJHPHLQKHLW. Die 9RUDXVVHW]XQJ YRQ SROLWLVFKHU 3UD[Ls ist die UHIOHNWLYH $QDO\VH GHU 6LWXDWLRQV]ZlQJH, welche diese dadurch transzendiert. Hierdurch wird Theorie zur verändernden SUDNWLVFKHQ3URGXNWLYNUDIW; jeder Gedanke beinhaltet einen praktischen Impuls und hat ein praktisches Telos. Allerdings gibt es NHLQH unmittelbare Einheit von Theorie und Praxis, sondern nur ein GLDOHNWLVFKHV9HUKlOWQLV; der formale
Charakter der reinen praktischen Vernunft determiniert sein Versagen vor der Praxis. Sie wird nicht mehr reflektiert, dafür aber zweckentfremdet und IHWLVFKLVLHUW, und perpetuiert dadurch das
identitätssetzende Herrschaftsprinzip. Die autarkische Praxis blinder Aktion ist geprägt von Zwanghaftigkeit. Die 'LYHUJHQ] von Theorie und Praxis ist ein Produkt der KLVWRULVFKHQ$UEHLWVWHLOXQJ, der Division von körperlicher und geistiger Arbeit. Bis auf den heutigen Tag ist 8QIUHLKHLW ein Moment der Praxis, da der 6HOEVWHUKDOWXQJ willen gegen das /XVWSULQ]LS agiert werden muß.
Die Bedürftigkeit des Objektes ist durch die soziale Totalität vermittelt und bedarf daher der kritischen Bestimmung durch die Theorie. Praxis ohne Theorie und theoretische Reflexion ist IDOVFKH Praxis.
Theorie schöpft ihre Kraft aus der Praxis, aber leitet sie nicht an. Die Theoriefeindlichkeit als Zeitgeist markiert den Übergang zur theorielosen Praxis. Durch diese Isolierung und Fetischisierung der Spontaneität, jenes subjektiven Momentes der geschichtlichen Bewegung, wird die objektive Ohnmacht der Theorie potenziert.
Der positive Aspekt der 'LYLVLRQ von intellektueller und materieller Arbeit liegt in der Möglichkeit der
Brechung des Primats der materiellen Praxis und dem kohärenten Freiheitspotential. Das Ziel wahrer Praxis dient ihrer eigenen Abschaffung, sowie dem Schritt aus der Barbarei. Sowohl dem Konservatismus als auch der Revolution ist dasselbe Moment der *HZDOW und totalen 5HSUHVVLRQ immanent. Die vermeintlich radikal emanzipative politische Praxis erneuert und
perpetuiert nur das alte Entsetzen, sollte das revolutionäre Subjekt nicht auf dieses Moment verzichten. Die Entmachtung der Herrschenden bedarf der *HZDOWORVLJNHLW, da Gewalt durch Gewalt legitimiert
und beantwortet wird.
Die Praxis der studentischen Diskussion ist lediglich Mittel zum Zweck und somit reflexionslos; sie wird zur Farce reduziert und hat keinen objektiven Erkenntniswert. Sie dient einzig der Manipulation, und ist Ausdruck eines autoritären Prinzips und des bürgerlichen Instrumentalismus, welcher die Mittel fetischisiert wogegen sie eigentlich gerichtet ist. Diese Pseudo-Aktivität von Protestformen ist Produkt der objektiv sozialen Verhältnisse und von keiner emanzipativen Bedeutung. Spontane Revolutionen sind unmöglich. „ Wie die Personalisierung falsch darüber tröstet, daß es im anonymen Getriebe auf keinen Einzelnen mehr ankommt, so betrügt Pseudo-Aktivität über die Depotenzierung einer Praxis, welche den frei und autonom Handelnden voraussetzt, der nicht länger existiert“
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(Adorno; Marginalien zu Theorie und Praxis; S. 181). Die Schein-Aktivität ist ein Reflex auf die verwaltete Welt; die alle Vernunft überschreitende und über alle Lebensbereiche sich ausdehnende affektive Besetzung der Technik. Die Substitution der Zwecke durch die Mittel findet Ausdruck in der Instrumentalisierung der Subjekte. In der falschen Praxis manifestiert sich die objektive Tendenz der gesellschaftlichen Reproduktion.
Die objektive Gesellschaftstheorie, die Theorie eines dem Leben gegenüber Verselbständigten, hat den Primat über die Psychologie, da sie das wesentliche nicht zu erfassen vermag. Zum Verständnis der menschlichen Akzeptanz unverändert destruktiver Rationalität und der Konformität gegenüber Bewegungen, deren Interesse offensichtlich den eigenen zuwiderlaufen, ist die psychologische Feststellung der Internalisierung objektiver Zwänge unzureichend. In Relation zur realen Macht ist der studentische Aktionismus irrational. Objektive Strukturen erzwingen die Errichtung einer Scheinrealität, welche psychologisch vermittelt ist und in der 7ULHEG\QDPLN gründet. Der sekundäre Lustgewinn (der Studenten) resultiert aus der QDU]LWLVFKHQ Beschäftigung mit sich selbst. Gleichzeitig
werden die negativ besetzten Images mit den traditionellen autoritären Führerqualitäten ausgestattet und von ihnen regelrecht antizipiert. Doch es zeigt sich, daß jene, welche am emphatischsten protestieren, den DXWRULWlWVJHEXQGHQHQ&KDUDNWHUHQ in der Abwehr von Introspektion am ähnlichsten
sind; mit sich selber beschäftigen sie sich kritiklos, während sie sich aggressiv nach außen geben. Die eigene Relevanz wird, ohne unzureichenden Sinn für das Machbare, narzißtisch überschätzt. Sie verdinglichen ihre eigene Psychologie und erwarten von jenen, denen sie gegenübertreten, verdinglichtes Bewußtsein. Die von ihnen verwendeten Begriffe entstammen der monopolistischen Kulturindustrie und der darauf aufbauenden Wissenschaft.
1RWZHQGLJNHLWWKHRUHWLVFKHU5HIOH[LRQ
:HEHUV Lehre von der Wertfreiheit ist die wissenschaftlich-positivistische Grundlage für die ([HPWLRQ YRQ7KHRULHXQG3UD[LV. Auf der, ebenfalls wertgesteuerten, Trennung von Vernunft und Zweck beruht seine ganze Wissenschaftslehre. Ihr liegt der Begriff der 5DWLRQDOLWlW zugrunde, welcher ein anthropologisch-evolutionäres Produkt der 6HOEVWHUKDOWXQJ ist. Der immanente Sinn der sich selbst
erhaltenden Rationalität liegt in der vernünftigen Einrichtung der Gesellschaft, in der die vergesellschafteten Subjekte ihrer ungefesselten Potentialität nach erhalten werden. Wider Webers Intension, schlägt seine =ZHFN0LWWHO5DWLRQDOLWlW dialektisch um: die bezeichneten Mittel werden sich
zum Selbstzweck. In der Genese der Bürokratie, der reinsten Form rationaler Herrschaft, in dem „ stahlharten Gehäuse der Hörigkeit“ , manifestiert sich ihre ,UUDWLRQDOLWlW. Sie entstammt der ratio als
Mittel bzw. ihrer Ablehnung als Zweck. Ratio wird zum Prinzip „ schlechter Unendlichkeit“ . Dabei liegt der Zweck der ratio vielmehr in der Selbsterhaltung, aus welcher Selbstbesinnung entspringen könnte, welche in der Lage wäre die Limitation der Selbsterhaltung zu transzendieren. Die 6XSUHPDWLH GHU 0LWWHO EHU GLH =ZHFNH ist in allen sozialen Subsystemen vermittelt. Solidarität mit einer von
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vornherein zum Scheitern verurteilten Sache mag narzißtische Bedürfnisse befriedigen, doch ist sie so wahnhaft wie die Praxis, von welcher sich Approbation erhofft wird. Das Opfer zum Gebot zu stilisieren gehört zum faschistischen Repertoire.
Der studentische Vorwurf, Theorie sei repressiv, spiegelt die Ohnmacht zur Reflexion des repressivblinden Aktionismus wieder, so Adorno. Eine repressionsfreie Praxis, die Alternative von Spontaneität und Organisation, kann nur theoretisch bestimmt werden.
,GHRORJLHNULWLN als wesentliches Merkmal des gegenwärtigen Praktizismus, wird ihrerseits selbst zur ,GHRORJLH. Der Einzelne verzichtet zugunsten des Kollektivs auf die eigene Vernunft; dies ist der reale
Umschlagspunkt in den Irrationalismus. Statt Argumentationen herrschen standardisierte Parolen. Das Verhältnis von Theorie und Praxis ist eines der 'LVNRQWLQXLWlW. Theorie gehört zum Kontext der
Gesellschaft und ist dennoch autonom. „ Wäre Praxis das Kriterium von Theorie, so würde sie dem thema probandum zuliebe zu dem von Marx angeprangerten Schwindel und könnte darum nicht erreichen, was sie will; richtete Praxis sich einfach nach den Anweisungen von Theorie, so verhärtete sie sich doktrinär und fälschte die Theorie obendrein“ (Adorno; a.a.O.; S.189f.). Das Postulat von der Einheit von Theorie und Praxis ist undialektisch, da sich beide polar gegenüberstehen. Die größte Hoffnung auf Verwirklichung darf jene Theorie haben, welche nicht auf Verwirklichung ausgelegt ist. Ein Beispiel dafür ist die nicht praktisch-programmatische Konzeption der Marxschen .ULWLN GHU SROLWLVFKHQgNRQRPLH. Auch die „ Dialektik der Aufklärung“ 38 übte trotz ihrer praktischen Intensions-
losigkeit eine enorme praktische Wirkung aus.
Seinem Selbstverständnis nach, erfolgte Adornos gesamtes praktisches Wirken allein durch Theorie. Die $XIO|VXQJIDOVFKHQ%HZXWVHLQV, mittels Theorie, stelle eine Bewegung hin zur 0QGLJNHLW dar und ist somit gesellschaftliche Praxis. Sein Praxisverständnis bedeutet $XINOlUXQJ und SROLWLVFKH %LOGXQJ des YHUGLQJOLFKWHQ%HZXWVHLQV.
7ULHEVWUXNWXUXQGVR]LDOHU:DQGHO(LQKHLWYRQ7KHRULHXQG3UD[LV
Im Gegensatz zu Adornos aufklärerischen Praxisverständnis bedeutet für Marcuse 39 soziale Praxis vor allem NRQNUHWH $NWLRQ im alltäglichen Leben hinsichtlich der Veränderung der Lebensverhältnisse
der einzelnen Subjekte. Dem liegt die Annahme zugrunde, daß das Individuum aufgrund seiner
38 Das Werk „ die Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer und Adorno kann als eines der wichtigsten, wenn nicht sogar als das wichtigste und bedeutendste Werk der Frankfurter Schule angesehen werden. Ursprünglich als Auftakt eines Dialektik-Projekts gedacht, gelangte es jedoch nie über den Status eines philosophischen Fragmentes hinaus. Dies mag unter anderem durch die Überzeugung der beiden Autoren begründet sein, daß nach Auschwitz keine Philosophie mehr, im Sinne eines allumfassenden Systems, möglich sei: lediglich punktuelle philosophische Essays seien möglich. Trotzdem kann die „ Dialektik der Aufklärung“ als eine emphatische Kulturkritik angesehen werden; die Nachhaltigkeit, mit welcher die mit Herrschaft und Ökonomie verknüpfte Rationalisierung u.a. als Ursache antisemitischer Verhaltensweisen benannt wird, zeugt von der Überzeugung der Autoren, daß sich die Aufklärung in ihr Gegenteil verkehrt hat. Vgl. Horkheimer, Max; Dialektik der Aufklärung, In: Gesammelte Schriften 1940-1950, Bd.5; Frankfurt/M., 1997.
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7ULHEVWUXNWXU (v.a. des Lusttriebes) QLFKW vollständig vergesellschaftbar ist. Hieraus resultiert die
Möglichkeit einer qualitativen Veränderung. Soziale Bewegungen sind „ Katalysatoren“ 40 einer systemimmanenten Bewegung einer Gegenkultur gegen den status quo.
Die (PDQ]LSDWLRQ von der Konsumgesellschaft muß zum YLWDOHQ %HGUIQLV der Individuen selbst werden, was wiederum eine UDGLNDOH 7UDQVIRUPDWLRQ GHV LQGLYLGXHOOHQ %HZXWVHLQV XQG GHU LQGLYLGXHOOHQ 7ULHEVWUXNWXU voraussetzt. Dies bedeutet eine grundlegende Veränderung der
dominierende psychosomatische Struktur, welche das Einverständnis mit der Destruktion, die Gewohnheit an das entfremdete Leben und die Nonkonformität mit der Aggression und Destruktion impliziert; „ eine Revolte der Lebenstriebe gegen den gesellschaftlich organisierten Todestrieb“ (Marcuse; Die Revolution der Lebenstriebe; S.21). Der Protest gegen den produktiv destruktiven (quantitativen) Fortschritt verankert die Emanzipation in der zum Objekt gemachten Subjektivität. Der politische Stellenwert der 6XEMHNWLYLHUXQJ liegt in der Werten der $XWRQRPLH, in der .RQNUHWLVLHUXQJ der längst ins Abstrakte verwiesenen TXDOLWDWLYHQ'LIIHUHQ]. Eine Gesellschaft wird
in dem Maße vernünftig und frei, wie sie von einem wesentlich neuen geschichtlichen Subjekt organisiert, aufrechterhalten und reproduziert wird. Die dialektische Theorie erlaubt die begriffliche Bestimmung der historischen Möglichkeiten und Notwendigkeiten, deren Realisierung jedoch nur durch eine Praxis erfolgen kann, welche der Theorie entspricht. Gegenwärtig liefert die soziale Praxis jedoch keine derartige Entsprechung; die Kritische Theorie ist unfähig die emanzipativen Tendenzen und Kräfte innerhalb der bestehenden Gesellschaft zu lokalisieren. Angesichts der herrschaftssichernden Instrumente der administrativen autoritären Herrschaft, erscheint die einzige Möglichkeit der Negation in der „ DEVROXWHQ 9HUZHLJHUXQJ“ . Aufgrund der gesellschaftlichen Lage von 5DQGJUXSSHQ, haben deren Angehörige die Möglichkeit einen „ REMHNWLYHUHQ“ (antizipativen) Blick von „ DXHQ“ auf die Verhältnisse zu werfen und dadurch transzendierende Prozesse in Gang zu setzen. Dies beruht auf der Annahme, daß eine qualitative Änderung der Basis durch eine 9HUlQGHUXQJGHV hEHUEDXV herbeigeführt werden kann QLFKWYLFHYHUVD Emanzipative Bewegungen entwickeln sich
im Überbau durch Veränderungen der Triebstruktur.
.ULWLVFKH7KHRULHXQG6WXGHQWHQUHYROWH
Adorno verurteilt die studentischen Proteste der ´68er als Ausdruck der technologischen Herrschaft der etablierten Gesellschaft und ihrer objektiven sozialen Verhältnisse. Die Reflexionslosigkeit der studentischen Aktionen sei ein Resultat der zeitgeistlichen Theoriefeindlichkeit; sie seien ohne jeglichen Erkenntniswert und emanzipativer Bedeutung. Praxis werde nicht mehr reflektiert, dafür
39 Vgl. Marcuse; Die Revolution der Lebenstriebe; In: Lebenswandel, hg. v. der Redaktion „ Psychologie heute“ ; Weinheim, 1981.
40 „ Katalysator“ ist ein schlecht gewählter Begriff, da er etwas statisches verkörpert, während hier von einer Transformation die Rede ist. Gemeint ist seine beschleunigende Funktion auf eine kulturelle Revolution, hinsichtlich einer „ Umwertung der Werte“ .
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zweckentfremdet und fetischisiert wodurch das identitätssetzende Herrschaftsprinzip perpetuiert wird. Theorie wird, nach Adorno, als repressiv beschimpft und als nicht mehr notwendig angesehen. Dabei wäre erst die reflektive Analyse der Situationszwänge die Voraussetzung von politischer Praxis. Erst hierdurch würde Theorie zur verändernden praktischen Produktivkraft. Praxis ohne Theorie und theoretische Reflexion sei falsche Praxis.
Als „ Sündenfall“ der kritischen Theoretiker der Frankfurter Schule muß jedoch die spektakuläre Institutsräumung im Januar 1969 angesehen werden. Damals hatten die Hausherren Adorno und Friedeburg mittels Polizeigewalt, das von studentischen Aktivisten besetzte IfS (Institut für Sozialforschung) räumen lassen. Dies war das erste Mal, daß die sonst so beharrlich der politischen Praxis entzogenen kritischen Autoritäten sich des Instrumentariums eines autoritären Staates bedienten, vor welchem sie immer emphatisch gewarnt hatten. Durch die repressive und unreflektierte Praxis machten sie sich zu Komplizen eines tendenziell faschistoiden Polizei- und Staatsapparates. Das an den Tag gelegte paradoxe Verhalten ist geradezu exemplarisch für eine reflexionslose „ falsche“ Praxis, ganz im Sinne des Adornoschen Postulates der Notwendigkeit reflektierter Praxis. Der Vorwurf Adornos, daß die linken Studentenaktionen erst das Potential des faschistoiden Terrors freisetzen, ist ebenfalls exemplarisch für die Ambivalenz des politischen Bewußtseins vieler kritischer Intellektueller im damaligen (und heutigen) Deutschland. Adornos dialektischer Begriff der Negation, die epistemologisch und gesellschaftstheoretisch zentrale Kategorie der sozialen Praxis, entfernte sich immer weiter von der historischen Notwendigkeit einer objektiven Parteilichkeit des Denkens. H.J. Krahl 41 zufolge, versperrte Adornos Instrumentarium herrschaftsentschleiernder Emanzipations-kategorien seinen Blick auf die geschichtliche Möglichkeit einer befreienden Praxis. Dieses bürgerliche Moment in seinem Denken vermochte Adorno nicht immanent zu transzendieren. Seine Negation der spätkapitalistischen Gesellschaft ist DEVWUDNW geblieben, da es einer Flaschenpost gleich
an ein metaphysisches Subjekt adressiert war, und sich der Notwendigkeit der Bestimmtheit der bestimmten Negation - jener dialektischen Kategorie, welcher er sich aus der Hegelschen und Marxschen Tradition verpflichtet fühlte - verschloß. Die Degenerierung der einst für Horkheimer so notwendigen Einheit von Kritischer Theorie und emanzipativer Praxis 42 zeugt von der Verkümmerung der materialistischen Geschichtsauffassung Adornos. „ Dieser fortschreitende Abstraktionsprozeß von der geschichtlichen Praxis hat Adornos Kritische Theorie in die kaum noch legitimierbaren Kontemplationsformen der traditionellen Theorie zurückverwandelt“ (Krahl; Der politische Widerspruch der Kritischen Theorie Adornos; S.288). Während die Erfahrung des Faschismus einerseits den materialistischen Totalitätsbegriff von Warenproduktion und Tauschverkehr ermöglichte, erlaubte er andererseits nicht die Organisationsmöglichkeiten und den Strukturwandel der proletarischen Klasse, kurz den praktischen Klassenstandpunkt, konstitutiv in die Theorie zu integrieren. Offensichtlich hat der Faschismus die Subjektivität des Theoretikers selbst beschädigt.
41 Vgl. H.-J. Krahl; Der politische Widerspruch der Kritischen Theorie Adornos; In: Ders.; Konstitution und Klassenkampf; Frankfurt/M., 1988.
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Wie bereits Rosa Luxemburg erkannte, ist die Reform zum herrschaftsstabilisierenden Integrations- instrumentdes autoritären Staates und seiner Massenorganisationen geworden; unter Abstraktion von der Revolution wirkt die Reform lediglich stabilisierend auf die ökonomische und politische Herrschaft des Kapitals. Diese konterrevolutionäre Tendenz verhindert eine revolutionsadäquate Assoziation der lohnabhängigen Massen. Erst der außerparlamentarischen Opposition - so Krahl -, sei es gelungen das Bewußtsein derjenigen für die systemimmanenten Widersprüche zu sensibilisieren, welche noch nicht der totalen Verdinglichung erlegen sind.
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Es läßt sich feststellen, daß das Verhältnis von Kritischer Theorie und politischer Praxis ein äußerst ambivalentes ist. Dem Selbstverständnis der Theoretiker der Frankfurter Schule nach, ist die kritische Reflexion notwendig mit einem bestimmten praktizierten gesellschaftlichen Verhalten verbunden. Die Relation von Theorie und gesellschaftlicher oder politischer Praxis ist dialektisch; Praxis bedarf der kritischen Bestimmung durch theoretische Reflexion. Theorie selbst ist soziale Praxis, aus welcher sie wiederum ihre Kraft bezieht. Allerdings darf sie sie nicht programmatisch oder gar dogmatisch anleiten.
Sicherlich ist Adornos Forderung nach der Autonomie und Eigenständigkeit wissenschaftlicher Theoriebildung legitim, allerdings drängt sich angesichts ihrer praktischen Unverbindlichkeit, in der Tat, der Vorwurf einer metaphysischen und rein intellektuellen Übung geradezu auf. Es mutet paradox an, daß Adorno, angesichts der konstatierten totalen Akkomodation jeglicher subversiver, transzendierender und revolutionärer Tendenzen in den bestehenden repressiven Herrschaftsapparat, nicht resignierte und sein kritisches Theoretisieren gänzlich einstellte (als eine logische Schlußfolgerung aus diesem Sachverhalt). Vielmehr muß angenommen werden, daß er die Hoffnung auf eine fruchtbares Wirken seiner humanistischen Aufklärungs- und politischen Bildungsarbeit doch nicht gänzlich aufgegeben hat. Gerade deshalb erscheint seine Reaktion auf die studentischen Proteste so paradox, als die „ Flaschenpost“ der Kritischen Theorie tatsächlich einen Empfänger fand, dessen Bewußtsein noch nicht völlig verdinglicht und von der Verhältnissen derart entfremdet war, als daß sie Ernst mit der kohärenten konkreten Praxis zu machen versuchten 43 . Sicherlich gingen nicht allen studentischen Protestaktionen in dem Maße kritische Reflexionen voraus, wie es von Adorno gefordert wurde, doch war dies auch nicht unbedingt die genuine Intension der Studenten. Vielmehr ging es ihnen um die provokative Herausforderung selbst der personifizierten Antiautoritäten, um ihnen das grundsätzliche Mißverhältnis von Theorie und Praxis aufzuzeigen. Auch Marcuse hatte gehofft, daß es, obwohl kein revolutionäres Subjekt mehr existent und jegliche Oppositionsform nicht mehr negativ
42 Vgl. Horkheimer, Max; Traditionelle und kritische Theorie; In: Ders., Gesammelte Schriften, Bd.4; Schriften 1936-1941; Frankfurt/M., 1988.; sowie Teil 2 („ Kritische Theorie“ ), Seite 11-13.
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erscheint, trotz allem noch „ Katalysatoren“ , beschleunigende Elemente innerhalb der Gesellschaft gibt, welche den Prozeß der „ Umwertung der Werte“ vorantreiben. Er lokalisierte diese Subjekte in den sozialen Randgruppen, welche aufgrund ihrer gesellschaftlichen Lage am ehesten in er Lage wären transzendierende und emanzipative Tendenzen zu entwickeln. Zu diesen Randgruppen zählte er ebenfalls die Studenten (wenn sicherlich auch nicht alle). Nicht ohne Grund war Marcuse der einzige kritische Theoretiker, welcher sich demonstrativ hinter die Studenten und ihre Aktionsformen stellte 44 . Seiner Auffassung nach muß die Theorie manchmal der Praxis vorhergehen und nicht vice versa, wie von Adorno postuliert. Das konkrete Verhalten hat der (kritischen) Theorie zu entsprechen. Wahrscheinlich rührte dies daher, daß er ursprünglich einer gänzlich anderen philosophischen Tradition entstammt: sein Denken steht zu einem nicht unerheblichen Teil in der existentialphilosophischen Tradition Martin Heideggers 45 : die Betonung des individuellen „ Zurückgeworfenseins“ auf sich selbst und damit verbunden auf der Focusierung auf den freien Willen. Auf Grundlage der zentralen Kategorien, des (LQ]HOQHQ, des ,QGLYLGXXPV und v.a. des IUHLHQ:LOOHQV, resultiert auch
Marcuses Praxisverständnis eines konkreten alltäglichen Verhaltens.
43 An dieser Stelle muß nochmals erwähnt werden, daß Horkheimer in seinem Aufsatz „ Kritische und traditionelle Theorie“ , auf subtile Weise, noch zu einem Begriff des Klassenkampfes zurückfand.
44 Jürgen Habermas bezeichnete den - freilich nicht immer durchreflektierten - Aktionismus der Studenten gar als „ Linksfaschismus“ , was ihm heftige Kritik einbrachte. Trotzdem muß man sich fragen, inwieweit solchehöchstwahrscheinlich auch nicht gründlich durchdachten Äußerungen - ihrerseits nicht reaktionären Bestrebungen Vorschub gewähren bzw. diese bestätigen.
45 Es muß erwähnt werden, daß bereits in Heideggers philosophischen System solche Moment enthalten sind, welche seine Anbiederung an den Faschismus in den 30er erklären.
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Sebastian Muthig, 1999, Kritische Theorie und politische Praxis, München, GRIN Verlag GmbH
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