Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Konzept der Groteske
2.1 Der Begriff
2.2 Definitionen
3. Die Theorien der Groteske nach Michail Bachtin
3.1 Die groteske Gestalt des Leibes
3.2 Karneval und Karnevalisierung in der Literatur
4. Die Situation der Familie in der Verwandlung
4.1 Übersicht
4.2 Die bisherige Situation der Familie Samsa
5. Das Groteske in der Verwandlung der Familie Samsa
5.1 Die Familie als Ganzes
5.2 Der Vater
5.3 Die Mutte
5.4 Die Schwester Grete
5.5 Die Situation der Familie nach Gregors Tod
6. Die Verwandlung als Darstellung der Groteske nach Bachtin
6.1 Darstellung der Theorie des grotesken Leibes
6.2 Darstellung der Karnevalisierung in der Literatur
7. Fazit
Literaturverzeichnis
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1.Einleitung
„[...] die Geschichte ist ein wenig fürchterlich. Sie heißt „Verwandlung“. Sie würde dir tüchtig Angst machen [...]” Franz Kafka an Felice Bauer am 23.11.1912 1
Diese Zeilen schrieb Franz Kafka seiner späteren Verlobten Felice Bauer in einem Brief, kurz nach der Vollendung der „Verwandlung“ im November 1912. 2 Die be- kannte Erzählung erfüllt nicht nur Kafkas Vorliebe nach tierischen Protagonisten, sondern ist auch eines der meistgedeuteten Werke des Autors. Dies liegt wohl auch an den grotesken Zügen der Erzählung, welche schon die tierische Hauptfigur Gregor Samsa aufweist. Diese Groteske und ihre Darstellung werden Thema dieser Arbeit sein. Allerdings steht hier nicht die Hauptfigur Gregor im Vordergrund, sondern die Nebenfiguren der Erzählung, dessen Familie.
Es soll dargestellt werden, dass sich der Titel „Die Verwandlung“ nicht nur auf Gre- gor Samsa bezieht, sondern dass innerhalb der Erzählung noch eine andere Verwand- lung stattfindet. Denn nach der sichtbaren Verwandlung der Hauptfigur in ein „Unge- ziefer“ geschieht eine langsame, äußerlich schwerer sichtbare Verwandlung der übri- gen Familienmitglieder. Diese Metamorphose geschieht auf eine unheimliche Art und Weise und stellt sich dadurch innerhalb der Erzählung als grotesk dar 3 . In der hier vor- liegende Arbeit soll diese groteske Verwandlung der Familie analysiert, dargestellt und anhand der Theorien der Groteske nach Michail Bachtin belegt werden. Die Ver- wandlung Gregors wird dabei nur dann bearbeitet, wenn sie für diese Analyse relevant sein sollte.
Ich werde daher zunächst den Begriff der Groteske und die Theorien des Michail Bachtin darlegen, und versuchen, die hier relevanten und benötigten Thesen aufzulis- ten. Diese sollen dann, nach einer kurzen Einführung in den Primärtext „Die Ver- wandlung“, auf die drei übrigen Mitglieder der Familie Samsa angewandt werden.
1 Vgl.: Kafka, Franz: Die Verwandlung. Nachwort von Egon Schwarz. Stuttgart: Philipp Reclam jun., 2001. S. 65f.
2 Vgl.: Ebd.
3 Vgl.: Falk, Walter: Leid und Verwandlung: Rilke, Kafka, Trakl und der Epochenstil des Impressionismus und Expressionismus. Salzburg: Otto Müller Verlag, 1961. S. 101f.
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Dabei werde ich Vater, Mutter und die Schwester Grete jeweils getrennt behandeln und eventuelle gemeinsame Aspekte der Familie in gesonderten Abschnitten auffüh- ren. Ziel dieser Arbeit soll es sein, zu belegen, dass sich auch innerhalb der Familie Samsa eine groteske Verwandlung abspielt. Diese zeigt zwar andere Eigenschaften und Auswirkungen, im Gegensatz zur Verwandlung Gregors, ist aber meiner Meinung nach ebenfalls grotesk, auch wenn sie sich nicht sofort als solche zu erkennen gibt. Dies liegt daran, dass, es sich bei der Verwandlung dieser Figuren um eine Verwand- lung im Inneren handelt. Ihre Auswirkungen müssen also in Verhalten und Auftreten gesucht werden. Dies ist der markante Unterschied zu der Gregors. Dass sie aber e- benfalls von tierischen Elementen geprägt und dadurch eine groteske Form inne hat, soll die folgende Analyse näher erläutern. Auch daher werde ich speziell auf die ein- zelnen Charaktere eingehen. Dabei darf allerdings nicht vergessen werden, dass nicht alles Tierische auch gleichzeitig grotesk ist. Wäre dies so, müsste. jedes Märchen als grotesk gelten. Diese Bezeichnung bezieht sich daher ausschließlich auf den Inhalt dieser Arbeit und die darin vorkommenden tierischen Elemente.
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2. Das Konzept der Groteske
Beim Titel dieser Arbeit stellt sich bei diesem Punkt wohl sofort die Frage, warum der zentrale Begriff noch allgemein definiert werden muss. Dies halte ich jedoch aufgrund folgender Gesichtspunkte für nötig: Die Verwandlung der Familie ist im Gegensatz zu jener, die Gregor durchleidet, äußerlich nur schwer erkennbar. Die Familie mutiert nicht zu Tieren oder ähnlichem. Ihre Verwandlung verläuft innerlich, also innerhalb des Charakters und des Verhaltens. Daher muss klar definiert sein, welche Handlun- gen und Merkmale unter dem Begriff der Groteske einzuordnen sind. Ein riesiger Kä- fer fällt hier nach gewisser Zeit durch sein Verhalten als grotesk auf, groteskes Ver- halten aber weniger.
Daher soll und muss nun der Begriff näher betrachtet werden. Zwar ist dieses Wort im alltäglichen Gespräch durchaus üblich, aber in seiner eigentlichen Bedeutung doch nicht immer eindeutig definiert. Deshalb möchte ich es zunächst anhand unseres all- täglichen Sprachgebrauchs erläutern:
Als grotesk erscheint uns alles, was sich nicht mit unserem normalen und vernünftigen Weltbild vereinbaren lässt. Dieses Seltsame ist etwas, das gleichzeitig grauenerre- gend, aber auch komisch sein kann. Und genau dieser Zwiespalt ist es, der die Ambi- valenz der Groteske ausmacht. 4 Wir kennen dies aus Filmen und der Kunst, aber auch aus der Literatur. Zwar gibt es viele Worte, die dem Grotesken sehr nahe kommen, diesen Zustand aber nie vollständig erreichen. 5 Der umgangssprachliche Begriff kann also nur schwer genau dargelegt, bzw. in theoretische Regeln gepresst werden. In der Literaturwissenschaft hingegen ist die Herkunft und die Verwendung des Beg- riffs klar definiert:
4 Vgl.: Bachtin, Michail M.: Literatur und Karneval. Zur Romantheorie und Lachkultur. Aus dem Russischen
übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Alexander Kaempfe. Frankfurt/ Main: Fischer, 1990.
S. 15.
5 Vgl.: McElrog, Bernad: Fiction of the Modern Grotesque. London: Macmillian, 1989. S. 2f.
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Die Groteske, ursprünglich eine Ornamentik der Kunst in der Renaissance 6 , wird hauptsächlich durch den Kernbereich des Körperlichen ausgemacht. Unregelmäßig- keiten der Form des Körpers und seiner Triebe sowie die besondere Vorstellung vom Körperganzen und dessen Grenzen sind Grundlage einiger grotesken Motive. 7 Vor dem inhaltlichen Hintergrund der „Verwandlung“ liegt es daher nahe, eine Theorie zur Analyse der Groteske in Kafkas Erzählung zu nutzen. Eine Form grotesker Dar- stellung ist die hier vorkommende Verwandlung eines Menschen in ein Tier, bzw. die Darstellung tierischen Verhaltens durch einen Menschen und dessen Körper. Dieser Form der Groteske, d.h. ihre Darstellung anhand eines Leibes, hat sich Michail Bach- tin in seinen Forschungen unter anderem gewidmet. Daher möchte ich im folgenden diese Thesen von Michail Bachtin darstellen 8 und sie anhand der grotesken Ereignisse in der „Verwandlung“ anwenden, um so zu überprüfen, ob die Erzählung allen ge- nannten Vorstellungen von Michail Bachtin entspricht oder diese nur teilweise zutref- fen.
Dass diese Erzählung grotesker Natur ist, steht ohne Zweifel. Dies wird sich auch an der nun folgenden Begriffserklärung leicht feststellen lassen. Die spätere Gegenüber- stellung jedoch wird zeigen, ob sie dem Begriff der Groteske, wie ihn Bachtin in sei- ner Literaturtheorie verwendet, ebenfalls gerecht wird. 9
2.2 Definitionen
Nun soll nun der Begriff „grotesk“ definiert und näher erläutert werden, um ihn ein- deutig festzulegen. Anschließend möchte ich die Groteske in Zusammenhang mit der Literaturwissenschaft bringen. Dies soll zusammen mit Bachtins Theorien des Grotes- ken die Grundlage meiner Analyse der „Verwandlung“ darstellen.
Die fremdwörtliche Begriffsdefinition des der Groteske lautet wie folgt:
6 Vgl.: Schweikle, Günther und Irmgard (Hrsg.). Metzler Literaturlexikon. Begriffe und Definitionen. 2., über- arbeitete Auflage. Stuttgart: Metzler, 1990. S. 186.
7 Vgl.: Bachtin, Michail M.: Literatur und Karneval. Frankfurt/ Main: Fischer, 1990. S. 15. 8 Vgl.: Ebd.
9 Vgl.: Punkt 3. Theorien der Groteske nach Michail Bachtin. S. 7ff.
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Gro|tes|ke die; -, -n: 1. fantastisch geformtes Tier- u. Pflanzenornament der Antike u. Renais- sance. 2. Erzählform, die Widersprüchliches, z. B. Komisches u. Grauen Erregendes, verbin- det.. 10
In dieser Definition lassen sich zwei wesentliche Merkmale erkennen, durch welche die Erzählung Kafkas als grotesk zu klassifizieren ist: Zum Einen wird das Tier als Darstellungsmöglichkeit der Groteske angesprochen, was dem sichtbaren Käfer Gre- gor in der „Verwandlung“ entspräche und bedeutet, dass die Groteske bestimmte Er- scheinungsformen braucht. Zum Anderen werden das Vorkommen und die Vermi- schung von eigentlich Widersprüchlichem genannt. Auch dies ist in Kafkas Erzählung gegeben.
Nun gilt es die Definition der Groteske um den literaturwissenschaftlichen Aspekt zu erweitern: So können nicht nur Teile der Geschehnisse innerhalb eines Stückes gro- tesk sein, sondern auch ein Werk als Ganzes. 11 Wesentliche Merkmale der Groteske in der Literatur sind ihre Herkunft sowie ein seltsam abartiges Objekt, das seine Form maßlos übersteigt und Unvereinbares miteinander verbindet. Die so entstandenen Wi- dersprüche machen die Groteske in der Literatur aus. 12 Vergleicht man diese Bedingungen mit der Verwandlung eines Menschen in ein In- sekt und den daraus resultierenden Vorkommnissen, so kann man Kafkas Erzählung als groteske Literatur einstufen. Wenn also das Gesamtwerk grotesk ist, dann liegt die Vermutung nahe, dass diese Klassifizierung auch für einzelnen Teil dieses Stückes, in diesem Fall die Handlungen und das Auftreten der Familie Samsa nach der Metamor- phose 13 ihres Sohnes Gregor, gelten kann. Dies gilt es nun zu überprüfen. Wenn diese These zutreffen sollte, dann müsste die innere Verwandlung, welche die Familie ver- ändert, muss auch groteske Züge aufweisen. 14
10 Vgl.: Duden 5, Das Fremdwörterbuch. 7. Aufl. Mannheim 2001. [CD-ROM].
11 Vgl.: Schweikle, Günther und Irmgard (Hrsg.). Metzler Literaturlexikon. S. 186.
12 Ebd. Wahrig-Burfeind, Renate (Hrsg.): Kompaktwörterbuch der deutschen Sprache. 3., leicht aktualisierte Ausgabe. Gütersloh/ München: Wissen Media Verlag GmbH, 2002.
13 Metamorphose: Dieser Begriff wird hier und im weiteren Verlauf dieser Arbeit im zoologischen Sinne, also als eine vollständige Verwandlung verwendet. Gemeint ist hier nicht die Bedeutung des Begriffs in der griechischen Antike, d.h. die bewusste Verwandlung eines Menschen in ein Tier.
14 Vgl.: Kindlers neues Literaturlexikon. Buchausgabe Kindler Verlag GmbH.. München: Net World GmbH, 2000. [CD-ROM].
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Diese gewagt Hypothesen gilt es nun zu belegen. Daher soll dies nun durch Teile der Theorien der Groteske von Michail Bachtin untermauert werden. Ich hoffedamit bele- gen zu können, dass man die Verwandlungen der Familienmitglieder in der „Ver- wandlung“ als grotesk belegen können.
3. Theorien der Groteske nach Michail Bachtin
Michail Michailovitsch Bachtin (1895 - 1975), russischer Philosoph, Sprach- und Li- teraturwissenschaftler gilt heute als einer der größten Theoretiker der Literatur. 15 Sein Werk war lange Zeit unbeachtet, wird heute aber mehr denn je als wichtig angesehen. Das Lachen gilt bei Bachtin als einer der Bestandteile des Grotesken. Das Bedrohliche wird dadurch ins Komische gelenkt und auf diese Weise grotesk. Hier handelt es sich um die bereits erwähnte Vermengung zweier Aspekte, die eigentlich als nicht ver- mischbar gelten. Ebenso sind materiell-leibliche Aspekte nach Bachtins Theorien gro- tesk. 16 Hier spiegeln sich wichtige Merkmale wieder, die für die späteren Analysen mitausschlaggebend sein werden. Bachtins Forschung galt vor allem bestimmten Be- reichen der Groteske: 1. der sprachlichen Situation der Renaissance, 2. der grotesken Gestalt des Leibes und 3. dem Karneval und der Lachkultur. 17 Dass sich die Groteske bereits in der Renaissance entwickelt hat, ist kein Zufall, denn diese Epoche ist, eben- so wie das Phänomen der Groteske, einzigartig in der Kunst und der Literatur. 18 Je- doch sollen ausschließlich die beiden letzten Forschungsgebiete ausschlaggebend für die Untersuchung der Groteske in dieser Arbeit sein, denn diese sind schon durch ih- ren jeweiligen Schwerpunkt auf „die Verwandlung“ beziehbar. Dabei sei gesagt, dass vor allem die groteske Gestalt des Leibes in Bachtins Thesen mit die wichtigste dar- stellt.
Diese Erläuterungen des Verhaltens und der Körperformen und –akte, die als grotesk klassifiziert werden, müssen in ihren Auswirkungen bei der Familie Samsa ebenso wie bei ihrem verwandelten Sohn Greger selbst, zu finden sein
15 Vgl.: Morson, Gary Saul und Emerson, Charly: Mikhail Bakhtin. Creation of a Prosaics. Stanford: Stanford University Press, 1990. S. xiii ff.
16 Vgl.: Bachtin, Michail M.: Literatur und Karneval. 1990. S. 35f.
17 Ebd.: S. 32ff.
18 Vgl.: Morson, Gary Saul und Emerson, Charly: Mikhail Bakhtin. S. 437ff.
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Florian Huber, 2006, Die groteske Verwandlung der Familie Samsa in Franz Kafkas "Die Verwandlung", Munich, GRIN Publishing GmbH
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