Hausarbeit im Teilgebiet Allgemeine Pädagogik
Die Deutsche Landerziehungsheimbewegung
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Reformpädagogische Bewegung und die Landerziehungsheime
3. Die Gründer
3.1. Hermann Lietz
3.2. Gustav Wyneken
3.3. Paul Geheeb
4. Die ländliche Umgebung
5. Der Familiencharakter der Heime
6. Die erzieherische Aufgabe
6.1. Naturgemäße Erziehung der Jugend
6.2. Das Lehrer-Schüler-Verhältnis
6.3. Der Gemeinschaftsgedanke: Schulgemeinde und Schülermitwirkung
7. Besondere erzieherische Elemente
7.1. Die Koedukation
7.2. Die körperliche Arbeit
7.3. Die künstlerische Erziehung
7.4. Die religiös-sittliche Arbeit
8. Abschließende Zusammenfassung
9. Literaturverzeichnis
1. Einleitung
Zweck dieser Arbeit ist es, basierend auf der Originalliteratur von Hermann Lietz die fundamentalen Erziehungsgrundsätze der deutschen Landerziehungsheimbewegung darzustellen. Dabei sollen auch unterschiedliche Positionen innerhalb der Bewegung Berücksichtigung finden.
Die deutsche Landerziehungsheimbewegung entstand an der Wende zum 20. Jahrhundert. Der Begründer der modernen Landerziehungsheime war Hermann Lietz. Im Jahre 1898 gründete Hermann Lietz bei Ilsenburg im Harz sein erstes Landerziehungsheim. Es kam in der darauffolgenden Zeit zu weiteren Gründungen, zunächst wiederum durch Leitz, später durch Abspaltungen von Lietz vor allem durch Gustav Wyneken (Freie Schulgemeinde Wickersdorf) und Paul Geheeb (Odenwaldschule). Bei einer Betrachtung der Landerziehungsheimidee auf der Grundlage ihrer verschiedenen Gründungen bleibt es nicht aus, auch die Unterschiede der Heime in pädagogischen Fragen deutlich zu machen. Man muß dabei aber feststellen, daß, obwohl in einigen Bereichen verschiedene pädagogische Akzente gesetzt wurden, alle Heimgründungen in ihren wesentlichen Erziehungsgrundsätzen von gleicher Gestalt waren.
Aufgrund der gemeinsamen und in den essentiellen Fragen der Erziehung einheitlichen Absicht kann man sie somit in ihrer Gesamtheit unter der Sammelbezeichnung "Landerziehungsheimbewegung" zusammenfassen. Als Land- erziehungsheime lassen sich generell all jene Heime bezeichnen, die die drei fundamentalen pädagogischen Leitgedanken, welche bereits in dem Wort enthalten sind, verwirklichen wollten: ländliche Umwelt, Familiencharakter und Vorrangstellung des Erzieherischen. 1
Grundlegend gilt für alle Heimtypen, daß sie einen aktiven, schöpferischen, ge-meinschaftsverbundenen und selbstverantwortlichen Menschen erziehen wollten. 2 Bei dieser Forderung stimmen die Landerziehungsheime mit anderen Reformbestrebungen überein, die in ihrer Gesamtheit auch als reformpädagogische Bewegung bezeichnet werden.
2. Die Reformpädagogische Bewegung und die Landerziehungsheime
Die deutsche Landerziehungsheimbewegung ist Bestandteil der reformpädagogischen Gesamtbewegung an der Wende zum 20. Jahrhundert. Die reformpädagogische Bewegung war in ihrer Gesamtheit der Ausdruck einer Kritik am Erziehungsstil des 20. Jahrhunderts, eine Kritik am Rationalismus, am Intellektualismus und an der Verwissenschaftlichung von Bildung. 3
1 vgl. von den Driesch 1961, S.296f.
2 vgl. Dietrich 1967, S.168
3 vgl. Scheibe 1984, S.5f.
Die Erkenntnis, daß sich die Gesellschaft durch Technisierung und Vermassung in einer tiefen Krise befand, war allen Bewegungen trotz der Verschiedenheit ihrer Lösungsansätze inhärent und gewissermaßen deren gemeinsame Wurzel. Ein wesentliches Ziel war dabei die Herausbildung eines neuen Erziehungsstils, der die Kindes- und Jugendphasen im Lebenslauf des Menschen positiver bewertete. 4 Dieser Grundsatz war auch für die Landerziehungsheime ein ganz entscheidender. Die Erziehung sollte Vorrang vor dem schulischen Unterricht haben, das Heim eine "Lebensstätte der Jugend" sein.
Das Bildungswesen wurde seitens der Reformpädagogik einer allumfassenden Kritik unterzogen. "Dem Bildungswesen wurde vorgeworfen, daß es stubenhockende Menschen erzeuge und die Charaktere nicht erziehe, sie geradezu verderbe. Statt den Wissenschaften sich zu widmen, solle die Jugend sich früh in Taten üben, Selbstbeherrschung gewinnen, sich körperlich und manuell reich betätigen, mit dem beschäftigt werden, was Kindern und aufwachsenden Jugendlichen echtes Interesse abnötigt, was ihre Kräfte allseitig übt, nicht nur die des Denkens und Abstrahierens." 5
Hauptmotive der reformpädagogischen Gesamtbewegung 6 , wie zum Beispiel das Herstellen eines menschlichen Kontaktes zwischen erziehender Generation und der Jugend oder der Umwandlung des alten Autoritätsverhältnisses in ein kameradschaftliches, finden sich in der Landerziehungsheimbewegung wieder. Die Landerziehungsheimbewegung wendete sich von der Massenschule jener Zeit ab und unternahm den praktischen Versuch, das Schulleben umzugestalten. Die Jugend sollte in den Landerziehungsheimen eine echte Lebensgemeinschaft vorfinden, ihre individuelle Entfaltung sollte gewährleistet werden. Mit dieser Arbeit soll versucht werden, die bedeutenden Erziehungsgrundsätze, welche die Landerziehungsheime prägten, darzustellen. Diese Darstellung erfolgt auf der Grundlage der drei maßgeblichen Gründer der Landerziehungsheimbewegung, deren Heimgründungen sehr stark durch ihre unterschiedliche Wesenszüge geprägt wurden. Hierzu darf an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, daß es sich dabei um drei ausgewählte Hauptvertreter der Landerziehungsheimidee handelt. Neben Ihnen gab es noch weitere durchaus bedeutsame Vertreter - wie beispielsweise Kurt Hahn und die "Kurzschulen" 7 -, welche ebenfalls erwähnenswerte Heimgründungen durchführten. Für eine Darstellung der fundamentalen Erziehungsgrundsätze ist meiner Ansicht nach aber der Bezug auf die oben erwähnten Gründer völlig ausreichend.
4 vgl. Flitner 1984, S.9
5 ebd., S.21
6 vgl. ebd., S.16
7 hier vor allem „Salem“
3. Die Gründer
3.1. Hermann Lietz
Hermann Lietz (1868-1919), geboren auf der Insel Rügen, war der Begründer der deutschen Landerziehungsheime. Nach einer für ihn innerlich belastenden Schulzeit, welche er insbesondere in seinem Aufsatz "Auf deutschen Schulen" zum Ausdruck brachte - er beendete ihn mit den Worten "Ruhet in Frieden" 8 - kam er, ursprünglich ein Schüler des Herbartianers Wilhelm Rein, an die "New School Abbotsholme" des Engländers Cecil Reddie. Diese Schule wurde für ihn zu einem Vorbild seiner eigenen Schulkonzeption. Die Schule in Abbotsholme war geprägt von der traditionellen englischen Gentlemanerziehung, an die Stelle viktorianischer Züge traten hier naturgemäße Lebensweise, moderne Hygiene und eine soziale Gesinnung. 9
In seinem 1897 erschienenen Werk "Emlohstobba" entwickelt Lietz seine Vorstellungen einer eigenen Schulkonzeption. Er wendet sich gegen die Staatsschule, gegen den rein wissenschaftlichen Unterricht und gegen das verflachende Genußleben der Großstadt. Trotz zahlreicher Abspaltungen aufgrund unterschiedlicher pädagogischer Auffassungen blieb die von Lietz geprägte Form des Landerziehungsheims überall unverkennbar.
Lietz nahm als Kriegsfreiwilliger am Ersten Weltkrieg teil. 1917 befällt ihn eine schwere Krankheit, der er 1919 erliegt.
3.2. Gustav Wyneken
Gustav Wyneken (1875-1964), Sohn eines Schulleiters in Stade, war zunächst Erzieher eines Lietzheims. 1906 trennte er sich von Lietz und gründete zusammen mit Paul Geheeb die "Freie Schulgemeinde Wickersdorf". Dieses Heim unterschied sich von den Lietzschen Landerziehungsheimen vor allem durch seine innere Organisation. Während bei Lietz das patriarchalische Prinzip dominierte, die Jugend sehr von der älteren Generation geführt und geprägt wurde, legte Wyneken großen Wert darauf, Lebensstil und Heimordnung aus der Jugend selbst heraus zu gewinnen. Wyneken empfand die Ordnung in den Lietzheimen als eine der Jugend aufoktroyierte und konstatierte über Lietz:" Von dem Eigenwerte der Jugend und ihrem Rechte auf eigenes Leben wußte Lietz nichts." 10
Wyneken war der Idee der Jugendkultur verbunden, welche er zunächst in der "Freien Schulgemeinde" Wirklichkeit werden lassen wollte. Er sah in der Abgeschlossenheit von der Außenwelt die Möglichkeit, "...in den Wesenskern des jun- 8 vgl.Dietrich 1967, S.7-14
9 vgl. Flitner 1984, S.24
10 Dietrich 1967, S.68
Arbeit zitieren:
Thorsten Lemmer, 2002, Die deutsche Landerziehungsheimbewegung, München, GRIN Verlag GmbH
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