Inhaltsverzeichnis:
I. Einleitung 3
II. Naturbeschreibung und der Tod 4
III. Die Figuren und der Tod 5
III.1Anne-Marie Stretter 5
III.2 Die Bettlerin 9
III.3 Der Vizekonsul 12
IV. Fazit 15
V. Bibliographie 17
2
I. Einleitung
„La solitude ça veut dire aussi (…) la mort. “ 1 schreibt Marguerite Duras in dem Text „Écrire“, in dem sie unter anderem die Entstehungsgeschichte ihres Romans „Le Vice-Consul“ präsentiert. Doch was bedeutet Einsamkeit für sie? Warum ist der Tod, den der Mensch so fürchtet, für sie so eng verknüpft mit der Einsamkeit? Bei der Betrachtung der Biographie Duras stelle ich fest, dass sie in der Entstehungszeit des Romans sehr hart arbeitet. Sie schreibt unermüdlich in ihrem Haus in Neauphle und stellt es innerhalb von acht Monaten fertig. Dennoch wird sie nie ganz damit zufrieden sein und es sind drei Korrekturen notwendig, bis es endgültig im Oktober 1966 veröffentlicht wird. Sie selbst behauptet später, es wäre ihr erstes und gleichzeitig schwierigstes Buch gewesen. 2 Lassen sich also Parallelen zwischen der einsamen Schriftstellerin in Neauphle und den Figuren des Romans ziehen?
Diese Arbeit soll sich mit der Frage beschäftigen, wie Duras den Tod als literarisches Motiv im Roman „Le Vice-Consul“ verarbeitet. Als einführendes Kapitel folgt eine Analyse der Naturbeschreibung im Roman. Hier bei konzentriere ich mich besonders auf die sprachliche und metaphorische Konzeption der Metropole Kalkutta, da diese den zentralen Ort im Roman einnimmt. Der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit liegt jedoch auf der Figurenkonzeption der Botschaftergattin Anne-Marie Stretter, dem französischen Vizekonsul und der Bettlerin. Hierbei soll gezeigt werden, wie alle drei Figuren vom Tod bzw. der Einsamkeit betroffen sind. Duras behauptet weiterhin „La solitude est toujours accompagnée de folie“ 3 . Wahnsinnigkeit stellt folglich einen weiteren Aspekt der Einsamkeit dar. In der Figurenanalyse stellt sich mir auch die Frage, inwieweit die Figuren wahnsinnige Züge an sich haben und inwiefern dies ihr Verhalten beeinflusst.
1 Duras (1993): S. 23
2 Adler: S.445-454
3 Duras (1993): S. 54
3
II. Naturbeschreibung und der Tod
Die Natur spielt in Romanen Marguerite Duras eine sehr wichtige Rolle. Die meisten sind in Südostasien angesiedelt, einer Gegend, in der sie aufgewachsen ist und die ihr sehr bekannt ist. Der „Vice-Consul“ hingegen spielt in der indischen Stadt Kalkutta, die nahe der Gangesmündung liegt. Duras kennt diese Stadt nur aus Erzählungen, sie ist selbst nie dort gewesen. „Sie stellt sich Kalkutta als die Mutter der Inder und die Mutter der Toten vor. Es ist eine übelriechende Stadt, sie stinkt nach Schlamm und nach dem Schweiß der Menschen.“ 4 . Ein solches Bild muss der Leser auch im Roman ertragen. Kalkutta präsentiert sich kurz vor dem Sommermonsun. Eine erdrückende Schwüle und Hitze ermüdet die Menschen. „La lumière est crépusculaire, un himalaya de nuages immobiles recouvre le Népal, dessous une vapeur infecte stagne (…). “ 5 Vor allem die Europäer leiden unter diesen klimatischen Verhältnissen. Auch die anhaltende Dämmerung bzw. die Dunkelheit sind Zeichen für die Allgegenwärtigkeit des Todes in Kalkutta. Es gibt keine in der Literaturgeschichte positiv konnotierten Naturphänomene innerhalb des Romans. Sowohl Gewitter, Orkane, das Entwurzeln der Bäume im Park der französischen Botschaft und der Monsun treten hier als „Bedrohung“ der menschlichen Gesellschaft auf. Sie spiegeln den Tod wider. Betrachten wir einmal die Odyssee der Bettlerin, auf die wir in Kapitel III.1 noch einmal näher zu sprechen kommen. Auf dieser Reise muss sie Sümpfe durchqueren, die von Böschungen durchzogen sind. Es regnet jeden Tag, sie wird vollkommen durchnässt. Dieser Regen erinnert an die biblische Sinnflut, die die Bettlerin für ihre vermeintliche Sünde bestrafen soll. Wasser als todbringende Gefahr tritt auch in der Form von Flüssen und Seen auf. „Les eaux du Tonlé-Sap sont étales, leur courant est invisible, elles sont terreuses, elles font peur. “ 6 Die Bettlerin ist ihnen ausgesetzt, sie kann ihnen nicht entfliehen. Am Ende des Romans lebt sie an den Ufern des Ganges, dem Fluss, der soviel Schlamm und Schmutz mit sich trägt. Die Gewässer sind hiermit also nicht reinigend oder erfrischend, sondern werden als Gefahrenquelle, als Herde von Schmutz, Unheil und Tod dargestellt.
Auch bei der Betrachtung der Tiere, die im Roman beschrieben werden, lässt sich eine eindeutige negative Konnotation feststellen. Zum einen sind da die Hunde,
4 Adler: S. 448.
5 Duras (1966): S. 31.
6 ebd.: S. 11.
4
die bei den obdachlosen Leprakranken leben. Sie befinden sich bereits in einer vom Tod betroffenen Umgebung. Wir erfahren auch, dass der Vizekonsul auf sie schießt und sie umbringt. (Vgl. III.3). Des Weiteren erfahren wir, dass die kleine Insel im Gangesdelta durch Gitter im Wasser vor Haiübergriffen geschützt wird. 7 Die Angst des Menschen vor dem blutrünstigen Tier, das immer wieder badenden Menschen angreift, wird hier thematisiert. Der Haifisch als todbringendes Ungetüm, das gefährlich ist und somit von der Insel ferngehalten wird. Zuletzt noch eine Betrachtung der Vögel. Sie sind auf der Insel gefangen, können auf Grund des Sturmes nicht weiterfliegen. Sie harren auf der Insel aus. „Les oiseaux prisonniers piaillent.“ 8 , sie singen nicht. Das Schreien auch hier ein Ausdruck ihrer Einsamkeit, der Sehnsucht nach dem Fliegen. Andere Vögel liegen bereits tot am Strand.
Fassen wir die Naturerscheinungen einmal zusammen. Die Natur des indischen Subkontinents wird dem Leser nicht als die farbenfrohe, exotische Welt präsentiert. Der Raum übernimmt eher eine Art mimetische Funktion, eine detailgetreue Gestaltung des Elends und der unmenschlichen Verhältnisse, die u.a. auf Hitze und Schmutz zurückzuführen sind. Der Tod tritt als allgegenwärtig auf, verkörpert durch schmutzige Flüsse, tote Tiere und die dunklen Lichtverhältnisse.
III. Die Figuren und der Tod
Der Tod als zentrales Thema umfasst jedoch nicht nur die Natur Indiens sondern auch die Biographien der drei Hauptfiguren. Das folgende Kapitel soll die Persönlichkeitsstrukturen der drei Hauptcharaktere klären und einen Einblick gewähren, inwieweit sie mit dem Tod konfrontiert sind.
III.1 Anne-Marie Stretter
Anne-Marie Stretter ist die Frau des französischen Botschafters, der in Kalkutta residiert. Wir erfahren, dass die beiden seit 17 Jahren verheiratet sind und zwei Töchter haben. Ihre Rolle als Mutter wird nicht näher beschrieben. Es ist nur zu erfahren, dass sie sich um die Erziehung ihrer beiden Töchter kümmert und mit ihnen regelmäßig Spaziergänge durch den Park der Botschaft oder spielen
7 Duras (1966): S. 177.
8 ebd.: S. 186.
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Arbeit zitieren:
Constanze Ackermann, 2004, La solitude ca veut dire la mort - Le Vice-Consul, München, GRIN Verlag GmbH
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