Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit einer der schillerndsten mythischen Figuren, die in offenbar ähnlicher Form überall auf der Welt in der oralen Literatur auftaucht und besonders in der Gestalt des demiurgischen Tricksters durch ihre widersprüchlich-antagonistischen Charakterzüge besticht. Man kann durchaus behaupten, wieBernhard Streckin einer seiner Vorlesungen, daß Trickster wohl die menschlichsten unter allen mythischen Figuren sind. Der scheinbare Gegensatz von schöpferischen und zerstörerischen Eigenschaften, in einem Wesen vereint als Kulturheros-Trickster, beschäftigte Heerscharen von Forschern und führte zu den unterschiedlichsten, mehr oder weniger plausiblen Erklärungsversuchen, Definitionen und Kategorisierungen. Bevor ich einige dieser Forschungsansätze referiere und auf konkrete Beispiele näher eingehe, möchte ich anhand einer Auswahl von regionalen Trickstergestalten, die natürlich nicht einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben soll, die universelle Verbreitung von Trickstermotiven in den verschiedenen Mythologien zeigen. Ich halte mich dabei weitgehend an Mahadev Aptes Zusammenstellung (Apte 1986: 213-224), sowie die Artikel „Trickster“ vonMelville J. Herskovits, Erminie W. VoegelinundAlfred Metraux(S. 1123-1125), „Coyote“ von Erminie W. Voegelin(S. 257-258), „Legba“ von Melville J. Herskovits(S. 612) und „Maui“ (S. 693-694) in „Funk & Wagnalls Standard Dictionary of Folklore, Mythology and Legend“.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Beispiele für Tricksterfiguren in verschiedenen Teilen der Welt
1.1. Nordamerika
1.2. Südamerika
1.3. Afrika
1.4. Ozeanien
1.5. Asien
1.6. Europa
2. Trickster in Mahadev Aptes interkultureller Sicht
3. Paul Radins Tricksterkonzeption
3.1. Trickster in C. G. Jungs psychologischer Sicht
4. Wolfgang Steins Kritik
5. Der Aguti-Zyklus der Kuna
6. „In Favor of Deceit“ - Trickstergestalten bei den Kalapalo
7. Schlußbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das mythische Phänomen des Tricksters als kulturübergreifende Figur in der oralen Literatur und analysiert dabei verschiedene Forschungsansätze, die das Wesen und die Funktion dieser ambivalenten Gestalten deuten. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich mit den Charakteristika des Tricksters als Verbindung von schöpferischen und destruktiven Impulsen sowie seiner soziokulturellen Bedeutung als Spiegel menschlicher Ambivalenz.
- Universelle Verbreitung von Trickstermotiven in verschiedenen Mythologien
- Psychologische Deutungsmodelle nach Paul Radin und C. G. Jung
- Kritische Auseinandersetzung mit der Trickster-Forschung durch Wolfgang Stein
- Fallstudien zum Aguti-Zyklus der Kuna und zu den Kalapalo-Trickstergestalten
Auszug aus dem Buch
1. Beispiele für Tricksterfiguren in verschiedenen Teilen der Welt
Der Terminus „Trickster“ wurde Ende des 19. Jahrhunderts von US-amerikanischen Ethnologen (zu nennen wären hier besonders Brinton und Boas) für bei den nordamerikanischen Indianern vorkommende Trickstergestalten eingeführt. Die meisten Berichte über Trickster stammen aus diesem Gebiet, daraus folgt, daß auch der Großteil der Untersuchungen zum Thema auf nordamerikanischem Material basiert.
Eine große Anzahl verschiedener therio- und anthropomorpher Tricksterwesen existiert bei den indianischen Stämmen, wobei jedoch die Ähnlichkeit der Motive der einzelnen Erzählungen typisch ist.
Der am weitesten verbreitete und Trickster par excellence ist wohl der Kojote.
Daneben finden sich allerdings noch unzählige andere theriomorphe Gestalten, wie z.B. Hase, Kaninchen, Rabe, der spinnengestaltige Ikto/ Iktomi/ Inktomi/ Ictinike/ Sitkonski bei den siouxsprachigen Ethnien, der ebenfalls spinnengestaltige Nihansan/ Nixant bei den algonkinsprachigen Arapaho, weiterhin auch noch Nerz und Blauhäher.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in das Thema der schillernden mythischen Tricksterfigur und die methodische Vorgehensweise der Arbeit.
1. Beispiele für Tricksterfiguren in verschiedenen Teilen der Welt: Überblick über regionale Ausprägungen von Trickstergestalten auf verschiedenen Kontinenten.
2. Trickster in Mahadev Aptes interkultureller Sicht: Analyse von Aptes theoretischem Ansatz zur humorvollen und soziokulturellen Funktion des Tricksters.
3. Paul Radins Tricksterkonzeption: Darstellung der klassischen Konzeption von Radin sowie die Ergänzung durch Jungs psychologische Archetypenlehre.
3.1. Trickster in C. G. Jungs psychologischer Sicht: Vertiefende Betrachtung des Tricksters als kollektive Schattenfigur und archetypische Bewusstseinsstufe.
4. Wolfgang Steins Kritik: Kritische Auseinandersetzung mit den methodischen Grundlagen der Forschung von Paul Radin.
5. Der Aguti-Zyklus der Kuna: Fallbeispiel der Kuna-Mythologie mit Fokus auf Erzählform und humortheoretische Aspekte.
6. „In Favor of Deceit“ - Trickstergestalten bei den Kalapalo: Analyse der Trickstergestalt Taugi in der karibsprachigen Gesellschaft der Kalapalo.
7. Schlußbetrachtung: Zusammenfassender Rückblick und Ausblick auf die moderne Rezeption des Tricksterthemas.
Schlüsselwörter
Trickster, Ethnologie, Mythologie, Orale Literatur, Kulturheros, Anthropologie, Individuation, Archetyp, Humor, Täuschung, Nordamerika, Kuna, Kalapalo, Symbolik, Religion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit widmet sich der ethnologischen Untersuchung der mythischen Figur des Tricksters, die weltweit in unterschiedlichen Kulturen als ambivalentes Wesen auftritt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder umfassen die interkulturelle Verbreitung, psychologische Deutungsmodelle, kritische Forschungsanalysen sowie spezifische regionale Fallstudien aus Amerika und Afrika.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Vielschichtigkeit des Trickster-Phänomens aufzuzeigen und durch den Vergleich verschiedener Forschungsansätze ein tieferes Verständnis für die menschliche Komponente dieser Figur zu gewinnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative ethnologische Literaturanalyse, indem sie Theorien namhafter Forscher wie Radin, Apte, Stein und Basso auf verschiedene mythische Beispiele anwendet.
Welche Inhalte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil analysiert die theoretischen Konzepte zur Natur des Tricksters, insbesondere die psychologischen Ansätze von Jung und die kritische Dekonstruktion dieser Ansätze durch Stein, ergänzt durch Fallbeispiele der Kuna und Kalapalo.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Trickster, Ethnologie, Mythologie, Kulturheros, Individuation und Humor definiert.
Warum spielt der Aspekt des „Humors“ bei der Trickster-Betrachtung eine so zentrale Rolle?
Laut Mahadev Apte ist Humor ein wesentlicher Bestandteil, da der Trickster durch seine widersprüchliche Persönlichkeit als Stimulus dient und eine soziale Ventilfunktion ausübt.
Was kritisiert Wolfgang Stein konkret an der Arbeit von Paul Radin?
Stein kritisiert vor allem die ungeklärte Quellenherkunft, die willkürliche Aufteilung zwischen Kulturheros und Trickster sowie die Übertragung psychologischer Schemata auf die orale Tradition.
Was unterscheidet den Trickster „Taugi“ bei den Kalapalo von anderen Figuren?
Taugi fungiert bei den Kalapalo als eine komplexe Figur, die männliche Rollenkategorien repräsentiert und eng mit dem dortigen kulturellen Verständnis von Täuschung als kreatives Instrument verbunden ist.
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- Kay Ramminger (Author), 2001, Tricksterfiguren und -konzeption, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60368