2
Gliederung
0. Einleitung
1. Cannabiskonsum in Deutschland
1.1 Cannabis - kurze Vorstellung der Droge
1.2 Cannabiskonsum - Epidemiologie
1.3 Risiko Cannabiskonsum
2. Cannabispolitik in Deutschland
2.1 Zielsetzung der Cannabispolitik
2.2 Drei Ansätze der Drogenpolitik
2.3 Drei Säulen der aktuellen Cannabispolitik
a) Repression
b) Therapie/Beratung
c) Prävention
2.4 Orientierung der aktuellen Cannabispolitik
2.5 Was erreicht die aktuelle Cannabispolitik?
3. Alternativen zur aktuellen Cannabispolitik
3.1 Präventive statt repressive Cannabispolitik
3.2 Gesundheitsrechtliche statt repressive Cannabispolitik
4. Schlussbemerkung
3
0. Einleitung
„Prävention statt Repression“ hieß der Slogan des Drogenfachtages am 26.11.2003 in Erfurt. Hier wurde darüber debattiert, wie eine Drogenpolitik auszusehen hat, die wirklich auf Prävention und Entkriminalisierung setzt. Drogenberater, Jugendclubmitarbeiter, Mitarbeiter des Gesundheitsamtes sowie eine Jugendrichterin machten ihre Standpunkte klar. Ergebnis der Diskussion war lediglich, dass es sich lohnt dieses Thema weiter zu erörtern. Doch eines wird klar: Es herrscht Unzufriedenheit über die aktuelle Drogenpolitik. Thema dieser Arbeit soll es nun sein, diese Drogenpolitik am besonderen Bespiel der „weichen“ Droge Cannabis vorzustellen, denn gerade die Cannabispolitik ist äußerst umstritten. Im ersten Abschnitt der Arbeit wird anhand einiger Fakten und Zahlen versucht, die Gründe für die Umstrittenheit dieser Drogenpolitik zu verdeutlichen. Darauf folgend wird die Cannabispolitik in Deutschland zunächst vorgestellt und dann ihre Wirksamkeit erörtert. Im letzten Teil der Arbeit werden zwei (nicht praktizierte) Alternativmodelle vorgestellt und nach ihren Chancen bewertet.
1. Cannabiskonsum in Deutschland
1.1 Cannabis - kurze Vorstellung der Droge
Als Cannabis, genauer Cannabinoide, werden die psychoaktiven Substanzen der einjährigen Hanfpflanze Cannabis sativa L. bezeichnet. Der psychoaktive Hauptwirkstoff der Cannabispflanze ist das Tetrahydrocannabinol (THC). Im Zuge der Opiumkonferenz wurde Cannabis 1929 in die Liste der zu kontrollierenden Rauschmittel aufgenommen, das heißt ab diesem Zeitpunkt ist Cannabis in die Kategorie der illegalen Drogen einzuordnen, wo es doch vorher noch als Medikament und Rauschmittel legal war. 1 Typischerweise werden Cannabisprodukte (Haschisch, Marihuana, Haschischöl) mit Tabak vermischt geraucht, aber auch eine orale Aufnahme, z.B. in Tee aufgelöst oder in Keksen verbacken, ist nicht unüblich. Nach der Aufnahme von Cannabisprodukten entfaltet das THC seine Wirkungen über einen eigenen Rezeptor im Gehirn, der in einer ganzen Reihe von Gehirnabschnitten wie auch im Immunsystem zu finden ist. Das THC verschwindet aus der Blutbahn relativ schnell, aber in
1 Scheerer, Sebastian/ Vogt, Irmgard: Drogen und Drogenpolitik - Ein Handbuch; Campus Verlag, Frankfurt/
New York 1989; S. 394
4
Fettgeweben und in verschiedenen Organen kann der Abbau bis zu 30 Tage dauern. 2 Der Cannabisrausch tritt relativ schnell ein und kann bis zu vier Stunden dauern, wobei die erlebten Rauschwirkungen von Entspannung, innerer Ruhe, Euphorisierung, Dämpfung und Halluzinationen bis hin zu Unruhe, Kontrollverlust und paranoiden Zuständen reichen. 3 Die akuten körperlichen Effekte äußern sich in erhöhtem Blutdruck, leichter Steigerung der Herzfrequenz und Augenrötung. 4
Die eben genannten Fakten in Bezug auf Cannabis sind unumstritten, doch lenkt man das Augenmerk auf die Risiken und Folgeschäden des Konsums, sind selbst in der wissenschaftlichen Literatur teilweise gegensätzliche Auffassungen zu finden. So kommen beispielsweise Kleiber und Kovar in ihrer Expertise über die Auswirkungen des
Cannabiskonsums zu dem Schluss, dass sich die pharmakologischen und psychosozialen Konsequenzen des Konsums als weniger gefährlich erweisen, als allgemein angenommen wird. Sie weisen die Entwicklung eines amotivationalen Syndroms, die Entstehung einer Abhängigkeit sowie die These, Cannabis sei eine Einstiegsdroge, zurück. 5 Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) hingegen, warnt genau vor diesen Risiken. In einem Manual für die stationäre Jugendhilfe betont die DHS, dass zu den mittel- und langfristigen Risiken des Cannabiskonsum, eine psychische Abhängigkeit, ein mögliches Auftreten des amotivationalen Syndroms und ein möglicher Umstieg auf den Gebrauch anderer, härterer Drogen gehören. Weiterhin warnt die DHS vor Lungen- und Bronchialerkrankungen, vor Einschränkungen der Fahrtüchtigkeit, vor allgemeinem Desinteresse und sogar vor der Entstehung cannabisinduzierter Psychosen, die von Kleiber und Kovar ebenfalls abgestritten werden, deren Entstehung aber nicht verleugnet werden kann. 6 Wirft man nämlich einen Blick in die Psychiatrien, stellt man fest, dass es viele, vor allem junge Menschen gibt, bei denen durch Cannabiskonsum eine latente schizophrene Psychose ausgelöst wurde. Trotz alledem gilt Cannabis im Vergleich zu anderen illegalen Rauschmitteln als diejenige illegale Droge, die am ungefährlichsten in ihren Wirkungsweisen ist.
Von Kritikern wird die Expertise von Kleiber und Kovar als Verharmlosung des Suchtmittels Cannabis beschimpft. Aber auch andere Autoren bagatellisieren Risiken und negative Folgeschäden. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch Publikationen, die Risiken und
2 Wirth, Nadja: Ecstasy, Mushrooms, Speed & Co. - Das Info-Buch; ECON Taschenbuch Verlag, Düsseldorf
1997; S. 88
3 Kleiber/Kovar: Auswirkungen des Cannabiskonsums - Eine Expertise zu pharmakologischen und psycho-
sozialen Konsequenzen; Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart 1998; S. 240 ff
4 vgl.: Kleiber/Kovar: 1998; S. 54 f
5 vgl.: Kleiber/Kovar: 1998; S. 103 ff
6 Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) e. V.: Suchtmittelkonsumierende Jugendliche in Einrichtungen
der stationären Jugendhilfe - Manual für die stationäre Jugendhilfe; Hamm 2003; S. 222 f
5
Folgeschäden des Cannabiskonsums dramatisieren. Es zeigt sich also, dass wissenschaftliche Wahrheitssuche nicht objektiv und überhistorisch ist, sondern immer vorläufig und relativ. Sie ist an Denkschulen gebunden, die ihrerseits nicht frei von politischen und ökonomischen Interessen, von Mythen und Denkverboten sind. 7
So ambivalent wie die Literatur das Thema Cannabis behandelt, ist auch die Meinung in der Bevölkerung, unter Politikern und Sozialwissenschaftlern. Die Diskussion um Cannabis und die damit verbundene Cannabispolitik ist also sehr stark polarisiert, sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf gesundheits- und rechtspolitischer Ebene.
1.2 Cannabiskonsum - Epidemiologie
Cannabis ist weltweit die am häufigsten sichergestellte illegale Droge. 3,4 Millionen Deutsche verwenden Cannabis und somit ist es seit Ende der sechziger Jahre, nach Alkohol, auch in Deutschland das am meisten eingenommene Rauschmittel. Nach Untersuchungen zur Drogenaffinität Jugendlicher in Deutschland konnte die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) für das Jahr 2000 folgendes feststellen: Die Lebenszeitprävalenz des Cannabiskonsums bei den 12-25 jährigen beträgt 26%. Das heisst, etwa jeder vierte Jugendliche hat in Deutschland mindestens einmal Cannabis konsumiert, wobei 13% dieser Altersgruppe einen aktuellen Konsum von Cannabis betreiben (Jahresprävalenz). Bei den 18-20 jährigen sind die Prävalenzraten, mit 38% Lebenszeitprävalenz und 25% Jahresprävalenz, vergleichsweise hoch. In der Allgemeinbevölkerung nimmt die Jahresprävalenz nach dem 24. Lebensjahr wieder stark ab. Weiterhin ist der Cannabiskonsum in den vergangenen 20 Jahren stetig gestiegen: 1980 hatten „nur“ 15% der 18-24 jährigen Erfahrungen mit Cannabis gemacht, 1995 waren es schon 25% und im Jahr 2000 betrug die Lebenszeitprävalenz bereits 38%. 8 Das Experimentieren mit Cannabis ist ein überwiegend jugendtypisches Phänomen, wobei es in allen Altersgruppen Cannabiskonsumenten gibt, die auch in allen gesellschaftlichen Schichten vertreten sind. Um abschliessend ein Bild über das Ausmass des Cannabiskonsums zu vermitteln, gilt noch hinzuzufügen, dass mindestens 45 Millionen Erwachsene in der Europäischen Union bereits Erfahrungen mit Cannabis gemacht haben. 9
1.3 Risiko Cannabiskonsum
7 Schmidt, Bettina/ Hurrelmann, Klaus (Hrsg.): Präventive Sucht- und Drogenpolitik - Ein Handbuch; Leske und
Budrich, Opladen 2000; S. 28
8 www.bmgs.bund.de/downloads/FT_Beugen.pdf (05.05.2003); Dokumentation zur Fachkonferenz im
Dreiländerdreieck am 25.03.2002, Schloss Beuggen (Rheinfelden): Zum Umgang mit Cannabis; S. 37 ff
9 www.bmgesundheit.de/inhalte-frames/inhalte_themen/drogen/dokumente/informat... (26.03.2003); Cannabis
2002 Report
6
Der Konsum von Drogen, und somit auch von Cannabis, ist ein überhistorischer und grundlegender Aspekt des Verhältnisses von Mensch und Umwelt. Ohne Genuss, Lust, Rausch und entsprechendem Drogenkonsum ist eine Gesellschaft kaum denkbar. 10 Diese Gegebenheit und die Tatsache, dass Cannabis eine weiche Droge ist, deren Konsum nachweislich nicht zum Tod führen kann, begründen wohl auch die große Anzahl von Cannabiskonsumenten. Wesentliche Motive für den Konsum von Cannabis sind die Befriedigung der Neugier, die gewollte Beeinflussung der Stimmung und Gefühlswelt, das Herbeiführen von Entspannung und die Identifikation mit bestimmten Peergruppen. 11 Doch wann stellt der Konsum ein Risiko dar? Allgemein gilt, dass Drogenrisiken nicht durch die Droge, den Drogengebrauch oder den Drogenkonsumenten entstehen, sondern eher das Resultat der Wechselwirkung zwischen individuellem Drogenverhalten und
verschiedenartiger gesellschaftlicher Reaktion sind. Die gesellschaftlichen Reaktionen sind vor allem Steuerungs-, Kontroll- und Sanktionsmechanismen, die sich zum großen Teil durch die Drogenpolitik äußern.
Weiterhin sind die subjektiv erlebte und objektiv beobachtbare Wirkung von Drogen das Resultat eines Wechselspiels zwischen Droge, persönlicher Disposition und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (drug - set - setting). Jegliches Cannabiskonsumrisiko aktualisiert sich also erst durch unsachgemäßen Gebrauch, das heisst durch „set“- und „setting“- Variablen, denn Cannabis an sich birgt kein latentes Risiko. 12 Folglich sind die Konsummuster ausschlaggebend für eine Risikobeschreibung. Da diese aber in Bezug auf Cannabis sehr vielfältig erscheinen, würde es den Rahmen dieser Arbeit sprengen, sie zu beschreiben. Es gilt jedoch die Faustregel: Je niedriger das Einstiegsalter, je instabiler die psychische Grundsituation, je höher die Dosis, je regelmäßiger der Konsum und je unangemessener die Situation, desto größer ist das Missbrauch- und Abhängigkeitsrisiko. 13 Die Risiken der physischen Abhängigkeit können in Bezug auf Cannabis zwar von der Hand gewiesen werden, aber das Risiko der psychischen Abhängigkeit ist höchst umstritten, aufgrund der in der Forschung aufgezeigten sozialen Konstruktion der Konzepte Sucht und Abhängigkeit. So kann in der Regel jegliche Form von psychischer Abhängigkeit auf weitere psychische Probleme zurückgeführt werden oder sie kann als relativer Normalzustand in einer Welt allseitiger Vernetzungen und Abhängigkeiten konstruiert werden. 14
10 vgl.: Schmidt/ Hurrelmann (Hrsg.): 2000; S. 33
11 vgl.: DHS 2003; S. 184 f
12 vgl.: Schmidt/ Hurrelmann (Hrsg.): 2000; S. 29-34
13 vgl.: www.bmgs.bund.de/downloads/FT_Beugen.pdf (05.05.2003); S. 45-48
14 vgl.: Schmidt/ Hurrelmann (Hrsg.): 2000; S. 32
Arbeit zitieren:
Tina von Berg, 2004, Cannabispolitik in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Das behinderte Kind in der Familie - Die Veränderung der Rollenstruktu...
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Wissenschaftlicher Aufsatz, 27 Seiten
Armut verhindert Bildung - Lebenslagen und Chancen von (armen) Kindern
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 24 Seiten
Chancen und Risiken illegaler Drogen am Beispiel von Cannabis
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 23 Seiten
Auffällige Merkmale bei Fahrzeugführern im Straßenverkehr - Die Drogen...
Jura - Strafprozessrecht, Kriminologie, Strafvollzug
Ausarbeitung, 57 Seiten
Schizoaffektive Störungen, Organische Psychosen, Cannabispsychosen
Pädagogik - Pädagogische Psychologie
Hausarbeit, 21 Seiten
Drogenpolitik in Deutschland und der Schweiz - ein Vergleich
Seminararbeit, 20 Seiten
Polytoxikomanie - Der kombinierte Drogenmissbrauch
Pädagogik - Pädagogische Psychologie
Seminararbeit, 45 Seiten
Untersuchungen zu cannabishaltigen Lebensmitteln - Grenzfälle des Drog...
Medizin - Neurologie, Psychiatrie, Süchte
Doktorarbeit / Dissertation, 97 Seiten
Die Auswirkung sozialer Ungleichheit auf die Gesundheit am Beispiel Üb...
Hausarbeit, 27 Seiten
Bildung im hohen Alter - (Un)Möglichkeit, Notwendigkeit, Chance oder Z...
Eine skeptisch-transzendentalk...
Pädagogik - Erwachsenenbildung
Diplomarbeit, 186 Seiten
Alleinerziehende Frauen in Deutschland und deren Lebenssituation
Pädagogik - Pädagogische Soziologie
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
Substitution - Ausweg aus der Heroinsucht oder die Kapitulation vor de...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Vordiplomarbeit, 71 Seiten
Tina von Berg's Text Cannabispolitik in Deutschland ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Tina von Berg hat den Text Cannabispolitik in Deutschland veröffentlicht
Tina von Berg hat einen neuen Text hochgeladen
Deutschland Supertouring 1 : 400 000. Autoatlas
Touristische Informationen. Ci...
Deutschland Supertouring 1
Religion and Politics in the United States and Germany / Religion und ...
Old Divisions and New Frontier...
Dagmar Pruin, Rolf Schieder, Johannes Zachhuber
Deutschland im Farbbild. Germany. L'Allemagne
Peter von Zahn, Markus Schnurpfeil, Horst Ziethen, Gwendolen Webster, France Varry
0 Kommentare