Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
1.1 Exk urs: „Selbstkonzept“ und „Selbstwertgefühl“ im Alltag. 3
2. Wie bildet sich Identität auf Selbstkonzept und Selbstwertgefühl ab? 4
2.1 Historische Entwicklung 4
2.2 Dimensionen der Identität 5
3. Theoretische Grundlagen. 7
3.1 Prolog: Die psychosozialen Entwicklungsstufen nach Erikson. 7
3.2 Das Modell James E. Marcias. 8
3.3 Identitätsentwicklung bei Jugendlichen. 10
4. Operationalisierung der Identitätszustände 11
4.1 Allgemeine Forschungsergebnisse 11
4.2 Operationalisierung für die empirische Untersuchung. 14
5. Vorbereitungen zur Datenerhebung 14
5.1 Erstellung des Fragebogens mithilfe der Computersoftware GrafStat. 14
5.2 Kontakt zum Lehrer 16
5.3 Gültigkeit der Daten. 17
6. Auswertung 17
6.1 Allgemeine statistische Angaben. 17
6.2 Beurteilung des Selbstkonzeptes und des Selbstwertgefühls 17
6.3 Beurteilung der Charaktereigenschaften. 18
6.4 Berufswahl 19
6.5 Bezug zu den vier Identitätsstadien. 20
7. Fazit 23
8. Anhang 24
8.1 Operationalisierung und Erstellung des Fragenkatalogs 24
8.2 Grundauswertung zur Identitätsbefragung. 27
9. Literatur. 35
2
1. Einleitung
In dem Seminar „Selbstkonzept und Selbstwertgefühl“ aus dem Bereich der pädagogischen Psychologie haben wir uns intensiv mit den Begriffen sowie Dimensionen von „Selbstkonzept“ und „Selbstwertgefühl“ beschäftigt. Ausgehend von den theoretischen Grundlagen zum „Sozialen Selbst“ durch den Psychologen William James haben wir uns um ein erstes inhaltliches Begriffsverständ nis bemüht. Mehrere theoretische Modellannahmen von Sigrun-Heide Filipp über Astrid Schütz bis hin zu James E. Marcia haben uns später begleitet. Ab der Mitte des Seminars haben wir dann die Entwicklung und Beeinflussung des Selbstkonzeptes respektive Selbstwertgefühls in den Lebensabschnitten „Kleinkindalter“, „Kindesalter“ und - besonders umfassend - „Jugendalter“ diskutiert.
Wie später genauer beschrieben wird, stehen die beiden oben genannten Begriffe in engem Zusammenhang zu dem Begriff „Identität“. Diese Wechselbeziehung habe ich zum Anlass
genommen, herauszufinden, wie die Identitätsentwicklung in der Adoleszenz 1 verläuft. Theoretische Grundlage in den nächsten Abschnitten soll das Identitätsmodell nach Marcia sowie grob das Stufenmodell nach Erikson sein. Das schafft den wissenschaftlichen „Sockel“ für eine empirische Untersuchung, die ich in Berufskolleg-Klassen durchgeführt habe. Ich möchte prüfen, inwieweit sich die theoretischen Modellannahmen hier wieder finden lassen. Nach der Operationalisierung der Variablen habe ich mit dem kostenlosen PC-Programm „GrafStat“ einen quantitativen Fragenbogen entworfen. Der Fragenbogen konnte von den Schülern über das Internet ausgefüllt werden. Eine genauere Beschreibung dazu folgt weiter unten.
Daran anknüpfen sollen sich der Versuch einer Auswertung und der Vergleich mit den bisherigen theoretischen und allgemeinen empirischen Ergebnissen. Ein Fazit soll die Arbeit schließlich abrunden.
1.1 Exkurs: „Selbstkonzept“ und „Selbstwertgefühl“ im Alltag
Welche Tragweite haben eigentlich „Selbst“, „Selbstkonzept“, „Selbstwert“ oder „Identität“? Gerade im Zusammenhang mit der psychosozialen Beschreibung der Adoleszenz sind die Begriffe stark frequentiert. Der Grund liegt darin, dass der lebenslange Prozess der Identitätsentwicklung im Jugendalter stärker als in anderen Lebensphasen „auf den Prüfstand gestellt“ wird. In dieser Phase wird vieles ausprobiert und vieles verworfen.
1 Die Adoleszenzphase wird zwischen Kindheit und Erwachsenenalter eingeordnet. In der BRD wird dabei der Zeitraum vom 17. bis 24. Lebensjahr betrachtet (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Adoleszenz mit Stand vom 12. April 2006).
3
So ist es nicht verwunderlich, dass die angeführten Begriffe im Zusammenhang mit Adole szenz die am meisten verwendeten und diskutierten Begriffe sind. Ein Richtmaß: „Im Jahr 1982 zählt Rosenberg [, Morris; amerikanischer Forscher, T.S.] ungefähr 7000 Studien zu
Selbstkonzept und Selbstwert.“ 2
Das darf aber auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die inhaltliche Deutung von „Selbst“ im Alltag oft missbräuchlich verwendet wird. Denn mit dem Präfix „Selbst“ sind viele Begriffe bekannt: „Selbstbewusstsein“, „Selbstbild“, „Selbstwahrnehmung“, „Selbstkontrolle“, „Selbstkritik“, „Selbsteinschätzung“, oder eben „Selbstkonzept“ und „Selbstwertgefühl“. Ebenso kann es dazu kommen, dass Selb stwert und Selbstkonzept synonym verwendet werden. Wie im späteren Verlauf deutlich wird, ist die kognitive Komponente der Identität das Selbstkonzept und gibt Auskunft über die Selbstwahrnehmung. Diese Beschreibungen in der Öffentlichkeit sind selten neutral, so wie beim Selbstwertgefühl. Das wiederum gibt Auskunft über die Selbstbewertung, die nie objektiv sein kann. 3
Deshalb werde ich dem Leser jetzt einen umfassenden Überblick geben, indem die Begriffe „Selbstkonzept“ und „Selbstwertgefühl“ erklärt und - vor allem - in den Zusammenhang mit „Identität“ gebracht werden.
2. Wie bildet sich Identität auf Selbstkonzept und Selbstwertgefühl ab?
An die Begriffe Selbstkonzept und Selbstwertgefühl und deren Ausprägungen möchte ich mich über die Identitätspsychologie nähern. Wenn Psychologie als Wissenschaft verstanden wird, ist es problematisch Identität als Begriff zu fassen, „nicht selten wegen seines komple-xen Charakters.“ 4
2.1 Historische Entwicklung
Bereits gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts hat William James (1842-1910), amerikanischer Psychologie und Philosoph, das „I“ (Ich) und „Me“ (Mich) definiert (James, 1890) und damit auf die Identitätsentwicklung beim Menschen hingewiesen. Das „Me“ steht für das Erkannte und das „I“ steht für das Erkennende. Der Zusammenhang zwischen beiden Formen besteht darin, dass „der Erkennende (Wissende), das Ich, die Aufgabe und zugleich das kognitive Bedürfnis hat, ein klares Bild vom Gegenstand seines Erkennens, dem ‚Mich’, zu gewin-
2 Flammer/Alsaker2002, S. 142
3 vgl. Flammer/Alsaker 2002, S. 143
4 Haußer 1995, S. 2
4
nen.“ 5 Eine weitere Unterscheidung besteht darin, dass das „I“ das wissende und erfa hrende Selbst ist, das „Me“ hingegen das Anderen bekannte Selbst.
Neben James war Charles Horton Cooley (1864-1929), amerikanischer Soziologe, ein Vorreiter auf dem Gebiet der Identitätsforschung. Er hat den Begriff „looking- glass self“ (Cooley, 1902) geprägt. Das bedeutet, dass sich die Person anhand der Reaktion Anderer selbst betrachten und erfahren kann, wie die Umwelt sie wahrnimmt.
Zur Identitätspsychologie hat auch Erik H. Erikson (1902-1994), deutsch-amerikanischer Psychoanalytiker, viel beigetragen. Er hat letztlich den Identitätsbegriff für die Psychologie „relevant“ gemacht. Diesen legt er wie folgt aus:
„Identität bedeutet die Fähigkeit, sein Selbst als etwas zu erleben, das Kontinuität beisitzt, das ‚das Gleiche’ bleibt, und dementsprechend handeln zu können.“ 6 Identität bedeutet für ihn also etwas Stabiles. Eine zweckmäßige Definition des Begriffs „Identität“ stammt auch von James E. Marcia, einem noch lebenden Schüler Eriksons: „Identität ist eine innere, selbst konstruierte, dynamische Organisation von Trieben, Fähigkeiten, Überzeugungen und individueller Geschichte.“ 7 Etwas allgemeiner fassen Oerter und Dreher die Beschreibung von Identität: „Der Begriff Identität bezieht sich zunächst in einem allgemeinen Sinn auf die einzigartige Kombination von persönlichen, unverwechselbaren Daten des Individuums wie Namen, Alter, Geschlecht und Beruf, durch welche das Individuum gekennzeichnet ist und von allen anderen Person unterschieden werden kann.“ 8
Dabei kann nur das Individuum Aussagen zu „seiner“ Identität treffen; anders als bei den Begriffen „Ro lle“ (Bündel von Verhaltenserwartungen in der Gesellschaft) und Persönlichkeit (Summe der individuellen psychischen Merkmale).
2.2 Dimensionen der Identität
Identität hat eine kognitive, emotionale und handlungsbezogene Dimension. Die kognitive Komponente ist so etwas wie Selbstaufmerksamkeit („self-awareness“) in einem Moment. Dieses verbindet das Individuum mit gespeicherter Erfahrung. 9 Die emotionale Komponente wird durch Selbstbewertung berührt. Das geschieht durch sozialen und individuellen Vergleich. Wenn eine kognitive und/oder emotionale Auseinandersetzung über einen längeren Ze itraum generalisiert stattfindet, hat das Einfluss auf die Identität. Generalisiert wird über
5 Oerter/Montada 1998, S. 347
6 Haußer 1995, S. 28f
7 Marcia 1980, S. 159 in Haußer 1995, S. 3
8 Oerter/Dreher in Oerter/Montada 1998, S. 346
9 vgl. Haußer 1995, S. 12f
5
die Zeit - von momentan nach stabil - und über Lebensbereiche - von bereichsspezifisch nach global. „Was einen emotional nicht berührt und kalt lässt, wird auch nicht identitätsrelevant.“ 10
Dieses Zitat lässt schon darauf schließen, dass Selbstwahrnehmung und Selbstbewertung ein Teil der Identität sind. 11 Subjektive Betroffenheit stellt sozusagen einen Identitätsfilter dar. Ein Beispiel: „Von der Schließung eines Großbetriebs ist ‚existentiell’ betroffen, wer arbeit slos wird, und ‚ideell’, wer als Beschäftigter einer anderen Firma aus Solidarität auf eine entsprechende Protestkundgebung geht.“ 12 Der Filter sorgt also dafür, dass situative Erfahrungen, mit denen sich eine Person besonders beschä ftigt hat, gespeichert werden und daraufhin als Selbstkonzept (generalisierte Selbstwahrnehmung) und Selbstwertgefühl (generalisierte Selbstbewertung) die Identität als übersituative Instanz erreichen. 13
Das Selbstkonzept lässt sich weiter differenzieren: Z.B. ist da das schulische Selbstkonzept, oder das körperliche Selbstkonzept, oder auch das soziale Selbstkonzept zu nennen. Das schulische Selbstkonzept wiederum kann das sprachliche Selbstkonzept mit seinen Subkategorien Englisch, Deutsch oder das naturwissenschaftliche Selbstkonzept mit seinen Subkategorien Physik, Chemie, Biologie umfassen. Somit ist das menschliche Selbstkonzept hierarchisch gegliedert. 14
Das Selbstwertgefühl baut sich quasi aus der Bewertung von Selbstkonzepten auf. Optimalerweise bewegt es sich fernab der Pole Narzissmus und Selbstverachtung. Die Komponenten eines stabilen positiven, nicht überschwänglichen Selbstwertgefühls sind: Wohlbefinden und Selbstzufriedenheit, Selbstakzeptierung und Selbstachtung sowie Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. Die Gegenteile dieser Charakterisierungen implizieren ein negatives Selbstwertgefühl. William James definiert sodann Selbstwertgefühl auch als Erfolge pro Anzahl der
Versuche. 15
10 Haußer 1995, S. 9
11 Selbstwahrnehmung und Selbstbewertung stehen immer unter dem Einfluss von Fremdbewertung und Fremdwahrnehmung (siehe das „I“ und „Me“ bei James). Bei dem Prozess des Aufbaus und der Differenzierung menschlicher Identität spielen also Einfluss und Rückmeldung durch den „sozialen Spiegel“ eine große Rolle (vgl. Haußer 1995, S.39).
12 Haußer 1995, S. 9
13 Identitätsgeneralisierungen sind auch umkehrbar. Dieser Prozess heißt Spezifizierung. Z.B.: Eine gute Note kann ggfs. ein negatives Selbstkonzept hinsichtlich des Schulerfolgs aufbrechen. Ein momentanes negatives Selbstwertgefühl kann durch positive Erfahrungen andernorts oder zu anderer Zeit entlastet werden.
14 vgl. Flammer/Alsaker 2002, S. 147
15 vgl. Haußer 1995, S. 35ff
6
Als dritte und letzte Komponente der Identität ist die handlungsbezogene Komponente zu nennen. Personale Kontrolle meint, dass Personen auf Ereignisse der Umwelt Einfluss ne hmen können - entweder als interne oder externe personale Kontrolle. Als Beispiel dazu ließe sich die personale Kontrolle beim Lehrer nennen: Schreibt ein Schüler schlechte Schulnoten, wirkt sich das auf die externe Kontrolle beim Lehrer aus. Er behauptet nichts dafür zu können, da er annimmt, dass sich der Schüler beispielsweise falsch oder zu wenig auf die Prüfung vorbereitet hat. Er nimmt also nicht an, dass er die prüfungsrelevanten Inhalte falsch vermittelt hat. 16 Wird die personale Kontrolle über einen Zeitraum generalisiert, führt das zur Kontrollüberzeugung. Hier hat dann auch wieder die Filterfunktion gegriffen. „Unter der Kontrollüberzeugung wird dann die generalisierte subjektive Erklärbarkeit, Vorhersehbarkeit und Beeinflussbarkeit verstanden. “ 17
Zusammenfassend sei eine Tabelle angeführt: 18
3. Theoretische Grundlagen
Wie bereits angedeutet, stellt Identität ein komplexes Konstrukt dar, über das im Prinzip nur das Ind ividuum urteilen kann. „Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit sind ja Wesensmerkmale von Identität.“ 19
3.1 Prolog: Die psychosozialen Entwicklungsstufen nach Erikson
Zu Beginn möchte ich den Erikson´schen Identitätsbegriff näher beleuchten. Identitätsentwicklung setzt er gleich der psychosozialen Entwicklung, die ein Leben lang anhält. Für ihn
16 Zwei weitere Beispiele illustrieren dies außerdem: Interne personale Kontrolle meint: „Wenn man als Schüler gut vorbereitet ist, kann man selten oder nie eine Klassenarbeit als unfair bezeichnen.“ Externe personale Kontrolle meint: „Oft haben Prüfungsfragen so wenig mit dem durchgenommenen Stoff zu tun, dass es wirklich nutzlos ist, wenn man sich vorbereitet.“ (vgl. Haußer 1995, S. 19)
17 Haußer 1995, S. 42
18 vgl. Abbildung in Haußer 1995, S. 26
19 Oerter/Montada 1998, S. 351
7
Arbeit zitieren:
Torsten Strecke, 2006, Identitätsentwicklung in der Adoleszenz - Eine empirische Untersuchung an Berufskollegs, München, GRIN Verlag GmbH
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