Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung S 3
2. Hauptteil Leutnant Gustls Ehre S 4
3. Schlusswort S 13
Literaturverzeichnis S 14
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1. Einleitung
Arthur Schnitzlers Lieutenant Gustl erschien das erste Mal im Jahr 1900 in der Weihnachtsbeilage der Wiener Neuen Freien Presse und rief sofort Erregung und Entsetzen vor allem bei den Militärs hervor. Denn Schnitzler kritisierte mit seiner Novelle nicht nur das Militär und das Duellwesen, sondern legte mit dem durchgängigen inneren Monolog noch dazu das Innenleben eines Leutnants offen, wie es für diese Zeit sehr untypisch war. Nachdem der Autor in der Zeitung Reichswehr massiv attackiert worden war darauf nicht standesgemäß mit einer Duellforderung antwortete, rief man ihn auf, bekannt zu geben, ob er der Verfasser dieser Novelle sei. Schnitzler gab dies offen zu. Daraufhin wollte ihn das Bezirkskommando in einem Ehrengerichtsverfahren belangen, wogegen sich Schnitzler allerdings wehrte. Im Gegenzug fasste der „Ehrenrat für Landwehroffiziere und Kadetten Wien“ den Beschluss:
der beschuldigte Oberarzt hat die Standesehre dadurch verletzt, daß er als dem Offiziersstande angehörig eine Novelle verfaßte und in einem Weltblatte veröffentlichte, durch deren Inhalt die Ehre und das Ansehen der österr. ung. Armee geschädigt und herabgesetzt wurde, sowie daß er gegen die persönlichen Angriffe der Zeitung „Reichswehr“ keinerlei Schritte unternommen hat.
Schnitzler wurde daraufhin zum „Sanitätssoldaten des k. u. k. Landsturms“ degradiert und trug seine Strafe mit Würde. 1 Diese Anekdote verdeutlicht, welch große Rolle die Ehre eines Mannes in der vom Militär dominierten österreichischen Gesellschaft Anfang des 20. Jahrhunderts spielte. Arthur Schnitzler stellte sich seinen Gegnern und trug die Konsequenzen seiner Handlung. Seine Figur Leutnant Gustl vertuscht jedoch seine Ehrverletzung und trägt die Konsequenzen letztendlich nicht. Im Folgenden möchte ich auf das Motiv der Ehre in Arthur Schnitzlers Lieutenant Gustl eingehen und die Frage verfolgen, ob Gustl ein ehrenhafter Mann ist oder nicht.
1 Vgl.: Laermann, Klaus: „Leutnant Gustl“. In: Janz, Rolf-Peter (Hrsg.): Arthur Schnitzler: Zur
Diagnose des Wiener Bürgertums im Fin de siècle. Stuttgart 1977. S. 110f.
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2. Hauptteil – Leutnant Gustls Ehre
„Ich werd’ zum Obersten gehn und ihm die Sache melden … ja, zum Obersten […] und ich werd’ ihm sagen: Herr Oberst, ich melde gehorsamst, er hat den Griff gehalten, er hat ihn nicht aus’lassen; es war genau so, als wenn ich ohne Waffe gewesen wäre … - Was wird der Oberst sagen?“ 2 Schon in diesem Auszug aus Arthur Schnitzlers Lieutenant Gustl zeigt sich das gesellschaftliche Verständnis der Österreicher um 1900. Damals sahen die oberen Schichten die Gepflogenheiten des Militärs als allgemeingültige Regeln an. Dies zeigte sich besonders an den Vorschriften des Duells, einer militärischen Methode der Selbstjustiz, die auch im zivilen Bereich ausgeübt wurde um einen Konflikt zwischen zwei Personen zu entscheiden.
Der Staat sah das Duellwesen jedoch als eine Bedrohung an und verabschiedete deswegen über die Jahrhunderte hinweg viele Gesetze und Verordnungen gegen diese gewaltsame Form der Entscheidungsfindung. Man fürchtete den Machtverlust der Justiz, da sich das Duellwesen gesellschaftlich etabliert hatte. Mit der Zeit vollzog sich allerdings ein Wandel. Während den beiden (potentiellen) Duellanten im 18. Jahrhundert noch die unehrenhafte Entlassung drohte, wurde Ende des 19. Jahrhunderts „nur [noch] die Unterlassung des Duells mit Chargenverlust bestraft.“ 3 Dies kann als Zeichen dafür gesehen werden, dass sich der Staat nicht nur damit abgefunden hatte, dass seine Gesetze nicht befolgt wurden, sondern dass er nunmehr damit begann, die Durchführung der gegensätzlichen, militärischen Rechtsordnung zu überwachen. Wer ein Duell verweigerte, verlor jegliches gesellschaftliche Ansehen und musste im schlimmsten Fall das Land verlassen, während ein Duellant entweder direkt freigesprochen wurde, oder, allein der Form wegen, eingesperrt wurde um nach kurzer Zeit begnadigt zu werden. Eine Witwe, deren Mann aufgrund eines Duells verstorben war, erhielt sogar eine Pension, ein Duellverweigerer musste jedoch ohne jeden Versorgungsanspruch leben. 4
2 Schnitzler, Arthur: Lieutenant Gustl. Stuttgart 2002. S. 18.
3 Zitiert nach: Laermann, Klaus: Zur Sozialgeschichte des Duells. In: Janz, Rolf-Peter (Hrsg.):
Arthur Schnitzler: Zur Diagnose des Wiener Bürgertums im Fin de siècle. Stuttgart 1977. S. 144.
4 Vgl.: Laermann, Klaus: Zur Sozialgeschichte des Duells. S. 146.
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So half der Staat dem Militär und auch den oberen Schichten immer mehr sich gegenüber der restlichen Gesellschaft als Führungsschicht abzugrenzen und ihren Machtanspruch zu verdeutlichen. Nur wer satisfaktionsfähig war, gehörte dazu. Ein literarischer Vertreter dieses gesellschaftlichen Typus ist Leutnant Gustl. Gustls Leben ist ganz dem Militär und dessen Regeln gewidmet. Seine Individualität geht in dieser Lebensstruktur verloren. Zu diesem Standpunkt kommt auch Brenda Keiser: „Since Gustl does identify with and obey the rules of the military so strictly, and has made them the center of his life, he does not question or analyze them.“ 5 Sie kommt zu der These, dass Gustls alltägliches Leben und seine Zukunft vom Lebensstil des Militärs bestimmt sind. Dies zeigt sich daran, dass dieser offenbar schon mehrfach Duelle bestritten hat und sich als Offizier als ein Mitglied der höchsten gesellschaftlichen Schicht betrachtet. Jürgen Scheuzger fasst dies folgendermaßen zusammen: „Der aktualisierte Offizier ist der total veräußerlichte Mensch. Wahrheit, Wirklichkeit und Moral … sind beim Offizier ersetzt durch den Ehrenkodex.“ 6 Für Gustl zählt nur der militärische Ehrenkodex, vor diesem Regelwerk verschwinden menschliche Werte und Ansichtsweisen aus seinem Blickfeld.
So ist es auch nicht verwunderlich, dass Gustl, während er in einem Oratorium den Abend verbringt, an das Duell denkt, dass er am nächsten Tag gegen einen Doktor austragen muss. Der Leutnant sah in dem Ausspruch des Doktors „Herr Lieutenant, Sie werden mir doch zugeben, daß nicht alle Ihre Kameraden zum Militär gegangen sind, ausschließlich um das Vaterland zu verteidigen!“ (S. 12) eine Ehrverletzung, die es zu sühnen gilt. Aber um den Ausgang des Duells scheint ihm nicht bange zu sein.
Vielleicht auch aufgrund seiner Langeweile steigert sich Gustls Aggressivität schon während des Konzerts und erreicht ihren Höhepunkt beim Anstehen an der Garderobe. Dieses empfindet er als persönliche Beleidigung und somit auch als Beleidigung seiner gesellschaftlichen Position. Als höher gestellter Offizier und vor allem als ehrenhafter Mann, der seine Bestätigung in der Hierarchie findet, in der er gesehen wird 7 , scheint es für ihn völlig selbstverständlich zu sein sich vordrängeln zu dürfen.
5 Keiser, Brenda: Deadly Dishonor. The Duel and the Honor Code in the Works of Arthur Schnitzler. In: Brown, Peter D.G.: Studies in Modern German Literature. Vol. 33. New York 1990. S. 107.
6 Zitiert nach: Keiser, Brenda: Deadly Dishonor. S. 104.
7 Vgl.: Laermann, Klaus: „Leutnant Gustl“. S. 114.
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Linda Tolle, 2006, Leutnant Gustl, ein (un)ehrenhafter Mann? Über das Motiv der Ehre in Arthur Schnitzlers Lieutenant Gustl, Munich, GRIN Publishing GmbH
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