Inhalt
Einleitende Bemerkung p.3
1. Die okzitanische Lyrik p.4
1.1 Begriff p.4
1.2 Predigtvorbilder p.4
1.3 Formenvielfalt p.5
2.0 Albrecht von Johansdorf p.9
2.1 Historisches p.9
2.2 Datierung der Lieder p.10
3.0 Gedichtvergleich p.11
4.0 Korrespondenzen und Opposition von deutscher
und okzitanischer Kreuzlyrik p.16.
Sekund ärliteratur-Verzeichnis p.20
2
Einleitende Bemerkung
Die ersten deutschen Kreuzlieder sind uns aus der Zeit unmittelbar vor dem dritten Kreuzzug unter Kaiser Friedrich Barbarossa 1189-1192 überliefert. Kreuzlieder sind höfische Lyrik, von Rittern verfasst und an den Höfen der Fürsten öffentlich vorgetragen. Die Frage, was man nun unter dem Begriff der Kreuzzugsliteratur zu verstehen habe, welche Charakteristika literarische Texte aufweisen müssen, um unter diese Gattungsbezeichnung zu fallen, sind in der Forschung zur Kreuzzugliteratur vergleichsweise breit diskutiert worden. Die Problematik dieser Definitionen soll uns nicht weiter beschäftigen, da sie in Hinblick auf unser Problem eher sekundär ist. Allgemein ließen sich Kreuzlieder jedoch definieren als „Dichtungen, die den Kreuzzugsgedanken in poetischer Form vertiefen oder historische Vorgänge wiedererkennen lassen... .“ 1
Die besondere Stellung, die Albrecht von Johansdorfs Werk im Fundus des mittelhochdeutschen Kreuzliedguts einnimmt liegt begründet, einerseits im rein quantitativen Anteil die die Lyrik Albrechts am überlieferten Materialvolumen hat (neun Lieder), andererseits heben sich dessen Lieder durch stilistische und formale Aspekte, aber vor allem in Hinblick auf eine ganz eigene autorenindividuelle Minnekonzeption von Kreuzliedern anderer Sänger ab.
Gegenstand meiner Arbeit soll sein, eine Untersuchung literarischer Abhängigkeiten, Analogien und Differenzen in Hinblick auf stilistische und formale Aspekte der deutschen und französischen Kreuzliedtradition. Um Parallelen und Differenzen der Literaturen deutlich hervortreten zu lassen, sollen zwei exemplarische romanische Lieder und Albrechts von Johansdorf Guote luite, holt die gâbe (MF 94,15ff.) gegenübergestellt werden. Es wird in einem ersten Teil darum gehen die okzitanische Lyrik in ihren Erscheinungsformen nachzuzeichnen, wenngleich das aus Gründen des Umfangs nur holzschnittartig gelingen kann. Albrecht von Johansdorf und seiner Lyrik ist der zweite Teil der Arbeit gewidmet. Im dritten Teil, ist die eigentliche komparatistische Studie angelegt. Der vierte Abschnitt meiner Arbeit will in zusammenfassender Funktion, gleichsam die in Teil I und II exemplifizierten okzitanischen bzw. deutschen Liedtraditionen aufgreifen und zu einer verallgemeinernden Beurteilung des komparatistischen Problems formen.
Sehr hilfreich waren mir bei meiner Untersuchung die Studien von Peter Hölzle 2 zu den Kreuzzügen in der deutschen und okzitanischen Lyrik, des weiteren die breit angelegte Studie zur Kreuzzugsdichtung des Mittelalters von Friedrich-Wilhelm Wentzlaff-Eggebert. 3 Die Dissertation von Robert Bergmann 4 über die Lieder Albrechts von Johansdorf war an verschiedener Stelle durchaus hilfreich. Ebenso das kleine Büchlein von Marie Böhmer 5 , lieferte in konzentrierter Form Wesentliches und war für das Verständnis der größer gedachten Zusammenhänge sehr von nutzen. Auch Karl-Hubert Fichte 6 hat sich im Zusammenhang seiner Studie zu den geistesgeschichtlichen Voraussetzungen des deutschen Minnesangs mit der Relevanz der romanistische Einflüsse auf die deutsche Lyrik auseinandergesetzt.
1 Zit. n. Marie Böhmer, Untersuchungen zur mittelhochdeutschen Kreuzzugslyrik, Rom 1968, S. 5.
2 Peter Hölzle, Die Kreuzzüge in der okzitanischen und deutschen Lyrik des zwölften Jahrhunderts. Das Gattungsproblem ‚Kreuzlied’ im historischen Kontext, Göppingen 1979.
3 Friedrich-Wilhelm Wentzlaff-Eggebert, Kreuzzugsdichtung im Mittelalter. Studien zu ihrer geschichtlichen und dichterischen Wirklichkeit, Berlin 1960.
4 Robert Bergmann, Untersuchungen zu den Liedern Albrechts von Johansdorf, Freiburg 1963.
5 Siehe a.a.O.
6 Karl-Hubert Fischer, Zwischen Minne und Gott. Die geistesgeschichtlichen Voraussetzungen des deutschen Minnesangs mit besonderer Berücksichtigung der Frömmigkeitsgeschichte, Bern/ Frankfurt/M. 1985.
3
1.0 Die okzitanische Lyrik
1.1 Begriff
Der Begriff des Okzitanischen bezeichnet, neben dem Altfranzösischen und Provenzalischen, in erster Linie eine Sprache, die vor allem im südfranzösischen Raum bis ins späte Mittelalter hinein gesprochen wurde. Rudimente der kulturellen Blüte des okzitanischen Sprachraumes begegnen uns heute in überlieferten literarischen Texten, vor allem in der Troubadourlyrik.
In meiner Arbeit soll es um literarische Beziehungen des deutschen Minnesangs und der literarischen Kultur des gesamtfranzösischen und nordspanischen Kulturraums gehen. Dementsprechend kann ich mich in meiner Darstellung nicht allein auf das Okzitanische beschränken, sondern beziehe mich zuweilen auch auf Lyrik aus provenzalischer oder altfranzösischer Feder. Der Begriff des Okzitanischen wird jedoch zugleich als Sammelbegriff 7 verwendet. Da die vielfältigen Differenzen und Bedeutungsnuancen der verschiedenen regionalen Sprachen, schon aus Gründen der Komplexität der Materie, an dieser Stelle nicht im Mittelpunkt stehen können, und der Schwerpunkt der Untersuchung vielmehr in Hinwendung auf das deutsche Kreuzlied liegen soll, werde ich darauf verzichten, die Differenzen der verschiedenen literarischen Traditionen herauszuarbeiten.
Ist von okzitanischer, altfranzösischer oder provenzalischer Lyrik die Rede, so meint das explizit französisches Liedgut mit Kreuzzugsmotiven, welches bereits seit dem zwölften Jahrhundert, aus der Zeit des ersten und zweiten Kreuzzugs greifbar ist.
1.2 Predigtvorbilder
Ein Beispiel für eine frühe Form des provenzalischen Kreuzliedes aus dem zwölften Jahrhundert findet sich in einem überlieferten Pilgerlied Wilhelms IX. von Poitiers. Auffällig ist für diese frühen Formen der okzitanischen Lyrik bereits die starke Abhängigkeit von Predigtvorbildern. Friedrich-Wilhelm Wentzlaff-Eggebert benennt zehn Thesen mit denen sich die Inhalte der Predigtvorbilder zusammenfassen lassen. 8 Die Thesen sollen an dieser
7 In gleicher Weise verfährt die Sekundärliteratur: Vgl. Hölzle, Die Kreuzzüge in der okzitanischen und deutschen Lyrik, S. 9ff.
8 Siehe Wentzlaff-Eggebert, Kreuzzugsdichtung, S. 43.
4
Stelle zitiert werden, da sie nicht nur für spätere Formen der okzitanischen Lyrik verbindlich bleiben, sondern darüber hinaus auch auf das deutsche Kreuzlied erheblichen Einfluss ausüben:
a) Das Land, das Christus durch sein Leben und Leiden geheiligt hat ist in Gefahr.
b) Gottes Allmacht kann auch jetzt helfen.
c) Vor Gottes Gericht kann nur der bestehen, der jetzt das Kreuz nimmt.
d) Gott prüft euch jetzt; jetzt könnt ihr euch auszeichnen.
e) Wir verdanken alles dem gütigen Gott, jetzt müssen wir ihm seine Gnade vergelten durch unseren Dienst.
f) Gott hat seinen Sohn für uns den Tod erleiden lassen; wir müssen ihm jetzt bis zum Tode getreu sein.
g) Wir erwerben für uns und unseren Nächsten die ewige Seligkeit.
h) Für alle Kreuzzugsteilnehmer ist der Tag des Heils angebrochen.
i) Jeder, der will und kann, soll das Kreuz nehmen.
j) Alle Angehörigen stehen unter dem Schutz der Kirche. 9
Mit diesen Inhalten nimmt die Predigtliteratur, etwa des Bernhard von Clairvaux, großen Einfluss auf die Sänger der okzitalen Lyrik des späten zwölften und dreizehnten Jahrhunderts und bestimmt im Wesentlichen den inhaltlichen Rahmen des Kreuzzuggedankens. Eine Rolle spielen hierbei etwa die Namen Aimeric de Belenoi, Conon de Béthune, Huon d`Oisy, Guiot de Dijon, Chatelain d`Arras, Giraut de Bornelh, Folquet de Marseilla und Bertran de Bornum nur die wichtigsten Vertreter ihrer Zunft zu nennen.
1.3 Formenvielfalt
Ich will im nun Folgenden versuchen ein holzschnittartiges Bild der Formenvielfalt und thematischen Breite okzitanischer Lyrik entwerfen. Eine eingehendere Optik ist, schon aus Gründen des Umfangs, nur bedingt möglich und soll vor allem dem Werk Albrechts von Johansdorf gewidmet sein.
9 Siehe Wentzlaff-Eggebert, a.a.O.
5
Die okzitanische Lyrik gestaltet sich heterogen. Wie bereits konstatiert, verwerteten die Sänger in ihren Liedern vielfach Predigtgedanken. Konsequent wird ein Lob auf den Lehnsherrn angestimmt, dessen Kreuznahme für den übrigen Adel als vorbildlich bestimmt wird. Wer sich von der eigenen Fahrt ausschließt, ist ehrlos vor dem eigenen Stand und vor Gott. Daher darf es kein Zaudern geben, denn der göttliche Lohn in der Gewissheit des Seelenheils und die letzte Erhöhung höfisch-ritterlicher Werte verbinden sich in der Kreuznahme eines jeden. 10 Im Wesentlichen werden alle Topoi verarbeitet, die sich als Themenkreise auch in der Predigtliteratur wiederfinden.
Neben der Kreuzzugsthematik klingt vielfach das Minnethema in den Liedern an. In den meisten französischen Kreuzzugsliedern überlagert die Minnethematik sogar den Kreuzzugsgedanken. 11 Zwischen die fast stereotype Formelhaftigkeit religiöser Motive in der Abfolge der bekannten Aufrufsformeln schiebt sich das Minnethema in zahlreichen Variationen ein. In aller Regel funktioniert dieses Integrieren der Minnethematik in Form einer inszenierten Abschiedsszene. Okzitanische Lyrik ist daher häufig eine Mischform von Abschieds- und Aufrufslied. Problematisiert wird der innere Konflikt des lyrischen Ich in Form der departie, der Zerrissenheit von Seele und Leib. 12 Hier findet sich bereits ein erster Bezug zum deutschen Kreuzlied etwa Friedrich von Hausens: mîn herze und mîn lîp diu wellent scheiden (MF: 47,9).
Um okzitanische Lyrik in Beziehung zu setzen zum deutschen Kreuzlied, bedarf es der Gegenüberstellung. Es sollen nun zwei exemplarische Lieder der okzitanischen Tradition in Aufbau und Inhalt kurz dargestellt werden, da sie in enger thematischer Verbindung zu Albrechts von Johansdorf Guote liute, holt die gâbe (MF 94,15ff) stehen.
Bezeichnend für den französischen Ausdrucksstil in seiner Ambivalenz von Kreuzzugsgedanken und Minne-Empfindung wirkt das bekannteste Lied von Guiot de Dijon (um 1190): Chanterai por mon corage. Gott wird von der Dame um Hilfe für die christlichen Kreuzritter angerufen. Nach jeder Strophe wiederholt sich dieser Bittruf, der gleichsam als Refrain jedes Mal die neugeschaffene Sphäre der Minnesehnsucht unterbricht.
10 Vgl. Wentzlaff-Eggebert, Kreuzzugsdichtung, S. 152.
11 Vgl. a.a.O.
12 Vgl. a.a.O.
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Arbeit zitieren:
Philipp Maurer, 2005, Das Vorbild der okzitanischen Lyrik, München, GRIN Verlag GmbH
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