M I G R A T I O N S T H E O R I E N 2
Inhaltsverzeichnis
/1 Einleitung 3
/2 Klassische Ansätze in der Migrationsforschung 4
2.1 RAVENSTEINS Gesetze der Wanderung 4
2.2 LEES Theorie der Wanderung 6
2.3 ZELINSKYS Hypothese des Mobilen Übergangs 10
2.4 Neoklassische Ökonomie 13
/3 Neuere Ansätze in der Migrationsforschung 15
3.1 Neue Migrationsökonomie 16
3.2 Dependenztheoretische Ansätze 18
3.2.1 Theorie der Neuen Internationale
Arbeitsteilung 1 9
3.2.2 Theorie des Dualen Arbeitsmarktes 20
3.3 Ansätze zur Erklärung von Migrationskontinuität 22
3.3.1 Migrationsnetzwerke und Transnationale Räume
2 3
3.3.2 Theorie der Kumulativen Verursachung von
Migration 24
/4 Fazit 26
/ii Literaturverzeichnis 28
/1 Einleitung
Theorien der Internationalen Migration versuchen in der Regel Antworten auf die Frage zu finden, welche Faktoren Menschen dazu veranlassen aus ihrem Heimatland abzuwandern, um sich in einem anderen Land niederzulassen: Liegen entscheidungsrelevante Faktoren auf Makro-, Meso- oder auf Mikroebene? Es werden demographische sowie sozioökonomische Migrationsursachen sowie Folgen für die Herkunfts- (sending countries) und die Zielregion (receiving countries) oder die Wirksamkeit von Einwanderungspolicen untersucht.
Obwohl Migrationsvorgänge von der Geschichte der Menschheit nicht wegzudenken sind, ist das Forschungsgebiet noch relativ jung. Erst 1885 kam es - vor dem Hintergrund der Industrialisierung - zu einer ersten wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Wanderung, als Earnest G. RAVENSTEIN der Royal Statistic Society seine „Gesetze der Wanderung “ (1885) vorlegte. Wanderungsprozesse können jedoch nicht in einem ahistorischen Zusammenhang betrachtet und unabhängig von sozioökonomischen und politischen Begleitkontexten verallgemeinert werden, sie stehen in einem interdependenten Verhältnis zueinander. So wie sich die globalen Strukturen während der letzten 60 Jahre der Nachkriegszeit rapide geändert haben und wir uns nun in einer post-industriellen wirtschaftlich wie politisch stets weiter global verflechtenden Welt befinden, so haben sich heute auch die Bedingungen geändert, unter denen neue Wanderungsformen stattfinden. Entsprechend hat sich auch die Migrationsforschung den neuen Rahmenbedingungen angepasst und neue, meist interdisziplinäre Theorieansätze aus der Ökonomie, der Soziologie und der Bevölkerungsgeographie entwickelt, um zum Verständnis der Wanderungsprozesse und ihrer Folgen beizutragen.
Es ist das Ziel der vorliegenden Seminararbeit einen Überblick über die klassische und aktuelle Forschung zu den komplexen Vorgängen der Internationalen Migration zu schaffen. Einzelne The-orien und Trends sollen kritisch durchleuchtet und anschließend diskutiert werden.
/2 Klassische Ansätze in der Migrationsforschung
Klassische Erklärungsansätze gehen über die Erstellung von Wanderungstypologien (PETERSEN 1958) hinaus und versuchen Ursachen für Wanderungsströme anzugeben (HAUG 2000: 1). Sie konzentrieren sich auf Fragen, warum welche Bevölkerungsgruppen grenzüberschreitend wandern und welche Auswirkungen Wanderungen auf Herkunfts-und Ankunftsgesellschaften haben (PRIES 2001: 12). Kennzeichnend für klassische Theorien ist ihre Einbettung in das modernisie-rungstheoretische Paradigma, nach welchem Migration als Begleitum-stand und Voraussetzung für die ökonomische Entwicklung von Staaten erachtet wird (WALDRAUCH 1995: 29). Im folgenden Kapitel sollen die demographischen (RAVENSTEIN 1885), entscheidungstheoretischen (LEE 1966), bevölkerungsgeographischen (ZELINSKY 1971) sowie neoklassischen (SJAADSTAD 1962, TODARO 1980, BORJAS 1988, 1989) Ansätze vorgestellt und diskutiert werden. 1
2.1 RAVENSTEINS Gesetze der Wanderung
Die erste wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Wanderungsprozessen lieferte RAVENSTEIN mit der Publikation seiner „Gesetze der Wanderung “ (1972), die nach seiner Meinung der Migration zugrunde lägen. Nach dem Muster der naturwissenschaftlichen Forschungsbestrebung hatte er zuvor eine ausgedehnte bevölkerungsgeographische Analyse der Zensusdaten des Vereinigten Königreiches vorgenommen (HAN 2005: 42), um von diesen Ergebnissen allgemeine Wanderungsgesetze zu deduzieren, die wie folgt zusammengefasst werden können (HOFFMANN-NOWOTNY 1970: 44 f.):
1. a) Migration über kurze Distanzen ist häufiger als Migration über lange Distanzen.
b) Die Migrationsströme bewegen sich in Richtung der großen Handels- und Industriezentren, die die Migranten „absorbieren “ .
2. Der Absorptionsprozess verläuft schrittweise. Zunächst wandert die in unmittelbarer Nähe der Städte wohnende Landbevölkerung in diese ein. Die dadurch entstehenden Lücken werden durch Migranten aus weiter entfernt liegenden Gebieten aufgefüllt, so dass sich die Anziehungskraft der großen Städte über eine „step by step “ Migration schließlich bis in die entferntesten Gebiete des Landes auswirkt. Verbesserungen des Verkehrssystems können dabei dem Nachteil der weiten Entfernung von den Städten. Entgegenwirken.
1 Die Jahresangaben der Publikationen von Ravenstein, Lee und Zelinsky beziehen sich auf die Originalausgaben. Im Folgenden wird sich auf die in deutsche Sprache übersetzten Erscheinungen in SZÉLL 1972 gestützt.
3. Der Dispersionsprozess verläuft invers zum Absorptionsprozess, zeigt aber sonst ähnliche Züge. (Als Dispersion bezeichnet RAVEN- STEIN dieAbgabe oder den Verlust von Migranten, den ein bestimmter Bezirk erfährt.)
4. Jeder Migrationsstrom erzeugt einen gegenläufigen Migrationsstrom.
5. Migranten, die längere Strecken zurücklegen, gehen vornehmlich direkt in die großen Handels- und Industriezentren. 6. Die Bewohner von Städten neigen weniger zur Migration als die ländliche Bevölkerung.
7. Weibliche Personen neigen stärker zur Migration als männliche.
Neben den Wanderungsgesetzen führt RAVENSTEIN noch eine Klassifikation von Wanderern in lokale Wanderer, Nahwanderer und Fern-wanderer an (1972: 43-46).
RAVENSTEINS Beobachtungen fokussieren insbesondere die Zusammenhänge zwischen den Faktoren der räumlichen Distanz und der Anziehungskraft von Zentren, dass mit zunehmender Entfernung die Absorption von Einwanderern invers abnimmt, und darüber hinaus „die Art und Weise, wie der Bedarf an Arbeitskräften in einem Teil des Landes von anderen Teilen mit Überfluss an Bevölkerung gedeckt wird “ (ebd.: 51). Mit den modernen und relativ kostengünstigen Transportmöglichkeiten sowie den zwischenstaatlichen globalen Verflechtungen der Gegenwart ist der Faktor „Entfernung “ jedoch mehr und mehr obsolet geworden.
Seine Schlussfolgerungen stammen allerdings stark von den sozioökonomischen Umbrüchen während der Industrialisierung und können auch wegen zahlreicher Ausnahmefälle weder dem Anspruch allgemeiner „Naturgesetze “ gerecht werden noch die Ursachen für Migration erklären, außer dass sie etwa dem simplen Gesetz von Angebot und Nachfrage an Arbeit folgen. Dennoch ist seine „collection of empirical regularities “ (MASSEY ET AL. 1998: 15) der erste ernsthafte Versuch, Determinanten von Migration aufzuzeigen, so dass sie der zu einer Reihe weiterer Migrationsstudien angeregt hat (HOFFMANN-NOWOTNY 1970: 46).
2.2 LEES Theorie der Wanderung
Eine Weiterentwicklung des RAVENSTEINschen Gravitationsparadigmas hat Everett S. LEE mit seiner „Theorie der Wanderung “ angestrengt. Er versucht Migration anhand des schematischen Push/Pull-Modells sowie anhand von aus dem Modell abgeleiteten Hypothesen zu erklären.
LEE nennt vier Faktorengruppen, die in die Erwägung zur Migrationsentscheidung einfließen (1972: 118):
1. Faktoren in Verbindung mit dem Herkunftsgebiet, 2. Faktoren in Verbindung mit dem Zielgebiet, 3. Intervenierende Hindernisse, 4. Persönliche Faktoren.
Die entscheidungsrelevanten Faktoren in Herkunfts- und Zielgebiet (1. und 2.) sind exogen, meist also strukturell bedingt und auf Makroebene untersuchbar. Die dominanten Faktoren sind ökonomisch bedingt (Einkommensstruktur, Arbeitslosigkeitsraten, Lebens-standard), wobei jedoch demographische, soziale, politische, religiös-ethnische, rechtliche und nicht zuletzt ökologische Faktoren in ihrem Einfluss nicht zu unterschätzen sind (BRAUN/TOPAN 1998: 15). Die „unzähligen “ einzelnen Faktoren, die darauf hinwirken, dass Menschen von einer Region angezogen oder abgestoßen werden, sind in der folgenden Abbildung 1 angedeutet:
stimmungsort
Abb. 1: Faktoren am Herkunftsort, am Bestimmungsort und intervenierende Hindernisse bei der Wanderung. (Quelle: LEE 1972: 118)
Faktoren, die mit (+) gekennzeichnet sind, stellen die positive Bewertung durch den Entscheidungsträger dar und zeigen, dass sie ihn als Pull-Faktoren zum jeweiligen Gebiet hinziehen. Gegenteilig drücken die mit (-) markierten Faktoren eine negative Bewertung aus und stoßen als Push-Faktoren eher vom jeweiligen Gebiet ab. Zusätzlich macht LEE noch Faktoren aus, denen gegenüber sich der Entscheidungsträger indifferent verhält (0). Die persönlichen Faktoren (4.) können somit als individuelle Fähigkeiten zur (subjektiven) Perzeption und Bewertung der einzelnen sozioökonomischen Rahmenbedingungen in Herkunfts- und Zielgebiet zusammengefasst werden, anhand welcher die Entscheidung über Migration getroffen wird. Mit seinem Push-/Pull-Modell hat LEE den bis dato einzigartigen Versuch unternommen makrostrukturelle Rahmenbedingungen mit individuellen Entscheidungsprozessen auf Mikroebene zu verflechten, um so zu einem umfassenderen Verständnis von Migrationsströmen zu gelangen. Da aber die Makro- der Mikroebene in ent- scheidungstheoretischer Hinsicht untergeordnet wird, erkennt auch
LEE die Schwierigkeit strukturelle Rahmenbedingungen im Hinblick auf die Migrationswahrscheinlichkeit zu untersuchen (1972: 119). Weil das LEE zugrunde liegende Menschenbild auch keineswegs dem homo oeconomicus in seiner reinsten Fassung entspricht, erweist es sich als zusätzlich schwierig allgemeine Ergebnisse zu erfassen. Denn „die Entscheidung zu wandern ist niemals völlig rational, und für einige Menschen ist die rationale Komponente unbedeutender als die irrationale “ (ebd.: 120). Zahlreiche Ausnahmen machen eine empirische Verallgemeinerung nahezu unmöglich. Nach Einräumung dieser Schwierigkeiten schlägt LEE den Ausweg vor, schließlich nur Faktoren von besonderer Wichtigkeit in Untersuchungen einzubeziehen, bei denen angenommen werden kann, dass sie bei einer bestimmten Klasse von Menschen ähnliche Reaktionen hervorrufen werden. In die Faktorengruppe „Intervenierende Hindernisse “ (3.) zählt LEE räumliche Distanz, restriktive Einwanderungsgesetze sowie physische Barrieren wie etwa die Berliner Mauer (ebd.: 120). Aus dem besprochenen Modell glaubt LEE 19 erklärende Hypothesen zum Umfang der Wanderung, zu Strom und Gegenstrom und zu Merkmalen von Wanderern deduzieren zu können (HOFFMANN-NOWOTNY 1970: 89), wobei er sich hauptsächlich auf den Faktor der Unterschiedlichkeit zwischen den Regionen stützt. Zusammengefasst sagen die Hypothesen aus, dass große Unterschiede zwischen Gebieten zu entsprechend umfangreichen Migrationen führen, dass Wanderung demnach also auch regionalen Konjunkturschwankungen unterlegen ist, dass Ströme und Gegenströme die Ungleichheit der Regionen kompensieren und schließlich, dass Wanderung selektiv ist, sowohl durch die Wandernden selbst als auch durch die intervenierenden Hindernisse. Gerade aufgrund der scheinbar willkürlichen Sammlung von Hypothesen, die sich nicht systematisch von dem Modell deduzieren lassen, brachte LEES entscheidungstheoretischer Ansatz zwar ein vielseitig interpretier- und entwickelbares Modell hervor (WITTMANN 1975: 33), das jedoch eine theoretische, migrationserklärende Dimension vermissen lässt (HOFFMANN-NOWOTNY 1970: 91). MASSEY ET AL. sehen in Push-/Pull-Modellen zumindest ein nützliches heuristisches Werkzeug der klassischen Migrationsforschung (1998: 12). In seinen Studien über die transatlantischen Wanderungen im Zeitalter der Industrialisierung entdeckte Brinley THOMAS (1973), dass Perioden britischer Rezession (als Push-Faktor) oft mit Perioden amerikanischer Hochkonjunktur (als Pull-Faktor, und umgekehrt) zusammenfielen, so dass es je nach Periode zu stärkeren und schwächeren britischen Auswanderungsschüben über den Atlantik kam. Das Zusammenspiel von Push und Pull und die transatlantische Migration als seine Folge führten allmählich in ein sozioökonomisches Äquilibrium zwischen Großbritannien und Amerika. Die Prämisse ei- ner solchen zyklischen Ausbalancierung von strukturellen Verhält-
Arbeit zitieren:
2006, Migrationstheorien - ein Überblick, München, GRIN Verlag GmbH
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Einbetten
DOI
Frühe makrotheoretische Ansätze in der Migrationsforschung
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