Technische Universität Braunschweig
Seminar für Deutsche Sprache und Literatur
Abteilung: „Sprache und ihre Didaktik“
„Erzähl´ mal“
Das Erzählen- aus sprachwissenschaftlicher Sicht
Seminar: Mündliche Kommunikation als Lernbereich des
schulischen Deutschunterrichts
im Sommersemester 2004
von
Andrea Heinecke
Inhalt
Einleitung 3
1 Definitionen- Was ist Erzählen? 3
2 Zu den Begriffen 4
2.1 Das Verhältnis von Geschehen, Geschichte und Erzählung 4
2.2 Mündliches und schriftliches Erzählen 5
2.3 Erzählen und Berichten 8
2.4 Erzählen in der Schule und Erzählen im Alltag 8
2.5 Monologisches und dialogisches Erzählen 14
3 Funktionen und Motive von Erzählungen 15
4 Die Struktur von Erzählungen 19
5 Der Erzähl-Erwerb 23
6 Die Erzählfähigkeit 30
7 Fazit und didaktischer Ausblick 32
Literatur 38
Einleitung
Das Thema „Erzählen“ ist ein kleiner Kobold: zunächst ist es mit einer positiven Konnotation verbunden, ohne dies genau erklären zu können und der Versuch das Thema einzufangen wird schwierig. ( die Erzähler wie die Kobolde sind ja auch so frei)
„Erzählen“ fällt zwar in den Bereich der mündlichen Kommunikation, geht aber nicht darin auf. Ebenso bringt es ein Gliederungsproblem mit sich, was auch mit der genannten Freiheit zu tun hat, da Erzählungen als Form sprachlicher Kommunikation in ihren Spielarten, Gestaltungen, Funktionen etc. so unterschiedlich sein können.
Die Fragen, die sich mir zum Thema Erzählen stellten, zielen auch nicht hauptsächlich auf eine Bestimmung, Einordnung ab.
Die Arbeit soll vielmehr die Tätigkeit des Erzählens in den Mittelpunkt stellen. Was hat es damit auf sich? Warum erzählen wir so oft und so leidenschaftlich von uns?
Wie lernen Kinder das „Erzählen“ und was gehört alles zu dieser Fähigkeit dazu?
Kinder sind versessen auf Geschichte und melden zurück, wie gut sie diese gebrauchen können. Was entgeht also Kindern, die keine Geschichten erzählt bekommen?
Macht es einen Unterschied, ob wir, Kinder, Jugendliche im Alltag oder in der Schule erzählen bzw. wie soll in der Schule erzählt werden .
Noch ist die Frage offen: gibt es überhaupt eine linguistische Erzählforschung und wenn, beantwortet diese die Fragen?
Beim Versuch, die Arbeit zu gliedern, wurde der Kobold „Erzählen“ in Schubladen gesteckt, was zur Folge hat, dass er aus einer anderen plötzlich wieder herausschaut.
Angesichts der Komplexität des Themas wird die Leserin, der Leser sich nicht zu sehr stören, manches wiederholt zu lesen.
1 Definitionen- Was ist Erzählen?
Drei unterschiedliche Sichtweisen, was „Erzählen“ sei, durch die Zeit hinweg.
Nach Walter Benjamin liegt das Faszinierende am Erzählen an seiner anthropologischen Bedeutung, die man im Austausch von Erfahrungen sehen kann: „Der Erzähler nimmt, was er erzählt, aus der Erfahrung, aus der eigenen oder der berichteten. Und er macht es wieder zur Erfahrung derer, die seiner Geschichte zuhören“ (1955)1
Flader/Hurrelmann verstehen Erzählen „ als die sprachliche Vergegenwärtigung einer zurückliegenden singulären Erfahrung des Sprechens, die dem Hörer (den Hörern) die Teilnahme an fremden Erleben ermöglicht“. Dabei ist die Hörerin , der Hörer „ keineswegs unbeteiligt am Zustandekommen der Erzählung“, sondern durch „Hörersignale, Kurzkommentare, Nachfragen etc. dokumentiert (sie), er (ihr) sein Verstehen und das jeweilige Interesse im Ablauf des Erzählvorgangs“. ( 1984)2
Rafik Schami, selbst ein großer Erzähler, sagt über das Erzählen: „Aber für mich ist Erzählen gleich Lieben. Erzähler können über das Großartige und die sympathischen Nichtigkeiten dieser Welt im wahrsten Sinne des Wortes so phantastisch berichten, weil sie sich in die Menschen vernarrt haben. Meine persönliche Metapher lautet: Solange wir leben, sollen wir weiter erzählen, weiter dichten, noch radikaler mit dem Wort in der Öffentlichkeit auftreten und uns vor allem nicht einschüchtern lassen. Das Wort- ich weiß, es klingt pathetisch, aber es ist wahr- ist die letzte Freiheit, über die wir verfügen.“ ( 1995)3
Schon im Vergleich dreier Definitionen treten unterschiedliche Vorstellungen auf, was nun „Erzählen“ sei und diese Diversität wird sich im Verlauf der Arbeit immer wieder zeigen.
2 Zu den Begriffen
Um am Ende der Arbeit Aussagen darüber machen zu können, wie die Erzählfähigkeit erworben wird und welche Komponenten eine Erzählfähigkeit aufweist, müssen zuvor einige begriffliche, auch grundsätzliche Unterscheidungen getroffen werden: zwischen „Geschehen“, „Geschichte“ und „Erzählung“, zwischen „Mündlichem und schriftlichem Erzählen“, zwischen „Erzählen im Alltag“ und „Er zählen in der Schule“. Zwischen „Erzählen“ und „Berichten“ . Zwischen „monologischen“ und „dialogischem“ Erzählen.
2.1 Das Verhältnis von Geschehen, Geschichte und Erzählung
Gabriele Michel gibt den drei Begriffen folgende Bedeutung:
Das Geschehen ist der bloße Ereignisverlauf. Die Geschichte macht sich ein Beteiligter zu dem Geschehen. Die Erzählung ist dann die sprachliche Realisation einer Geschichte.4
[....]
1 Benjamin, zit. in: Bernhard Rank: Wege zur Grammatik und zum Erzählen: Grundlagen einer spracherwerbsorientierten Deutschdidaktik. Baltmannsweiler 1995. S.105
2 Flader, D./Hurrelmann,B.:Erzählen im Klassenzimmer- eine empirische Studie zum „freien“ Erzählen im Unterricht. In: K.Ehlich(Hrsg.): Erzählen in der Schule. Tübingen 1984, S. 224
3 Schami, Rafik: „Das Wort ist die letzte Freiheit, über die wir verfügen“. In: Diskussion Deutsch. Heft 143. September 1995, S. 191
4 Vgl. Michel, Gabriele: Biographisches Erzählen- zwischen individuellem Erlebnis und kollektiver Geschichtentradition. Tübingen 1985. S.102
Quote paper:
Andrea Heinecke, 2004, "Erzähl´mal" - Das Erzählen aus sprachwissenschaftlicher Sicht, Munich, GRIN Publishing GmbH
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