GLIEDERUNG
1. EINLEITUNG S 2
2. TOTALITARISMUSTHEORIEN IM WANDEL DES 20 JH S 2
2.1. Die Entdeckung des neuen Phänomens S 2
2.2. Die Klassiker der Totalitarismustheorie S 5
2.3. Die Soziologisierung des Totalitarismusansatzes S 6
2.4. Das Wiederaufleben des Totalitarismuskonzepts S 8
3. DIE AKTUELLE DISKUSSION S 10
4. FAZIT S 13
1. EINLEITUNG
Kaum ein Streit wurde erbitterter geführt, als der Streit um die Vergleichbarkeit von Nati- onalsozialismus und Kommunismus. Vor allem Anhänger Marxismus wehrten sich hef- tigst dagegen, mit ihrem Feindbild verglichen oder gar gleichgesetzt zu werden. Der Tota- litarismusansatz behandelt aber Faschismus und Kommunismus gleichermaßen, da beide auffällige Gemeinsamkeiten aufweisen und die Demokratie inklusiver ihrer Werte ablehnt. Steffen Kailitz zeichnet das Bild wie folgt:
„Die beiden tragenden Säulen der demokratischen Verfassungsstaaten, die Akzeptanz des Pluralis- mus und die unbedingte Achtung der Menschenrechte, werden bewusst negiert. Der Glaube im Be- sitz der objektiven Wahrheit zu sein, bedingt den Versuch einer ideologischen ‚Gleichschaltung’ der Bevölkerung; damit wird der Pluralismus zerstört. Totalitarismen bedeutet der einzelne Mensch nichts und das Kollektiv alles; das ermöglicht rücksichtslose Verletzung der Menschenrechte im Na- men der ‚guten’ Sache.“ 1
Das 20. Jahrhundert ist das Zeitalter, in dem totalitäre Systeme in Europa entstanden und wieder untergegangen sind. Damit ist es auch das Zeitalter der Theorien über den Totali- tarismus. Hierbei ist zu beachten, dass es nicht „die“ erkenntnistheoretische Theorie gibt, gleichzeitig aber viele verschiedene Ansätze, die während dieser Zeit verschiedene Phasen zwischen hoher Akzeptanz und kategorischer Ablehnung durchliefen.
Diese Arbeit stellt die einzelne theoretische Ansätze im Zeitverlauf vor und versucht dar- zustellen, welche Stadien das Totalitarismuskonzept durchlaufen hat und welche Mecha- nismen dabei gewirkt haben. Im Anschluss daran soll ein Überblick über die aktuelle Dis- kussion gegeben werden, in der sich der Totalitarismusansatz der teilweise berechtigten Kritik stellen muss, um schließlich herauszufinden, ob und unter welchen Voraussetzun- gen ein Festhalten am Konzept der Totalitarismustheorien sinnvoll ist.
2. TOTALITARISMUSTHEORIEN IM WANDEL DES 20. JH.
2.1. Die Entdeckung eines neuen Phänomens
Bereits 1919 charakterisierte der Moskauer Korrespondent der „Frankfurter Zeitung“ Alfons Pacquet den neuentstandenen Bolschewismus in Russland als „revolutionären Totalismus Lenins“. Der Begriff fand zu dieser Zeit aber noch keine weitere Verwen-
1 Kailitz, Steffen, Der Streit um den Totalitarismusbegriff. Ein Spiegelbild der politischen Entwicklung, in: Jesse, Eckhard/ Kailitz Steffen (Hg.), 1997: Prägekräfte des 20.Jahrhunderts. Demokratie – Extremismus – Totalitarismus, Baden-Baden, S. 219.
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dung. 2 Dieses änderte sich jedoch mit der faschistischen Machtübernahme in Italien. Der Liberale Giovanni Amendola bezeichnete 1923 das als neuartig empfundene System Mus- solinis als „sistema totalitario“. Mussolini selbst übernahm diesen Begriff 1925 für sein Herrschaftssystem und konnte ihm anfangs damit auch eine positive Bedeutung verlei- hen. 3
Ab Mitte der zwanziger Jahre zeigten sich vereinzelt erste vergleichende Betrachtungen von Bolschewismus und italienischem Faschismus, anfangs eher politischer Natur waren. Doch hob bereits 1926 der Liberaldemokrat Francesco Nitti neben den untrüglichen ideo- logischen Differenzen zwischen Bolschewismus und italienischem Faschismus die Gleich- artigkeit der beiden Systeme hervor und bezeichnete sie als die „zwei vollkommenen Ver- leugnungen des liberalen Systems und der Demokratie.“ 4
Nach der Machtübernahme Hitlers wurde auch in wissenschaftlichen Studien vermehrt die Gleichartigkeit zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus erkannt und unter- sucht. So stellte beispielsweise Eric Voegelin bereits 1938 in „Die politischen Religionen“ fest, dass totalitäre Ideologien religionsähnliche Elemente aufwiesen. Mit Hilfe dieser „Er- satzreligion“, verbunden mit den zugehörigen pseudoreligiösen Riten, konnten National- sozialismus sowie Bolschewismus die Massen der säkularisierten Gesellschaft vereinnah- men. 5
Doch Nationalsozialismus und Kommunismus wurden nicht nur als gleichartig, sondern auch als zunehmende Bedrohung für demokratische Staaten, empfunden. Auf dem ersten großen Symposium über den „totalitären Staat“ hielt Carlton J.H. Hayes die Merkmale dieses neuen Phänomens - des „Totalitarismus“ – fest: Danach zeichneten sich sowohl Faschismus als auch Kommunismus durch die Monopolisierung aller Gewalten, die Ein- bindung der Massen, neue Formen der Propaganda, die missionarische Kraft der Ideolo- gie, sowie die Eigendynamik der Gewalt aus. 6 Zuvor hatten Hitler und Stalin einen Nicht- Angriffspakt geschlossen, was den Teilnehmern des Symposiums als Beweis für die Ver- wandtschaft der beiden Systeme und ihrer Verbrüderung gegen den liberalen Westen
2 Vgl. ebd.
3 Vgl. Jesse, Eckhard, 1998: Die Totalitarismusforschung und ihre Repräsentanten. Konzeptionen von Carl J. Friedrich, Hannah Arendt, Eric Voegelin, Ernst Nolte und Karl Dietrich Bracher, in: ApuZ, Bd. 20, S. 4 f. 4 Nitti, Francesco, 1926: Bolschewismus, Faschismus und Demokratie, München, S. 69, zit. in: Kailitz, Stef- fen, 1997, S.222.
5 Wippermann, Wolfgang (Hg.), 1997: Totalitarismustheorien. Die Entwicklung der Diskussion von den Anfängen bis heute, Darmstadt, S. 22 f.; Jesse, 1998, S. 12 f.
6 Vgl. Jesse, 1998, S. 5.
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gleichkam. 7 Bezeichnend für diese Auffassung stellte der Sozialforscher Franz Borkenau in seiner 1940 erschienenen Schrift „The Totalitarian Enemy“ den liberalen Staaten die totalitären Kräfte Deutschland und Sowjetunion gegenüber. Hier tritt nun auch die „pola- re Verwendung des Totalitarismusbegriffs am deutlichsten […] hervor“. 8
Diese stark negative Verwendung des Totalitarismusbegriffs ist so auch der Grund warum es nach dem Angriff Deutschlands auf Russland im Jahre 1941 eine Zeitlang still um die vergleichende Totalitarismustheorie wurde. Aus Rücksicht auf den neuen Verbündeten im gemeinsamen Kampf gegen den Nationalsozialismus vermied man einen Vergleich zwi- schen Faschismus und Kommunismus. Der Fokus richtete sich nun auf Deutschland, wobei vor allem deutsche Emigranten, wie Franz Neumann und Ernst Fraenkel, den To- talitarismusbegriff zur Untersuchung des Nationalsozialismus benutzten. Während für Franz Neumann das NS-System jegliche Form der Staatsordnung ablehnt, bezeichnet Ernst Fraenkel das Dritte Reich als „Doppelstaat“. Hierbei steht ein nach Gesetzen aus- richtender „Normenstaat“ einem nach politischer Zweckmäßigkeit handelnden „Maß- nahmenstaat“ gegenüber. 9
In dieser ersten Phase wurden also die Gemeinsamkeiten zwischen Faschismus und Bol- schewismus, die mit Hilfe ihrer vom Inhalt her unterschiedlichen Ideologie die Freiheit ihrer Bürger unterdrücken und dennoch von den Massen getragen werden, erkannt und mit dem Begriff des „Totalitarismus“ gekennzeichnet. Gleichzeitig wurde das „neuartige“ Phänomen als Bedrohung für das (bevorzugte) System der liberalen Demokratie empfun- den, was vor allem im imperialistischen Verhalten des Nationalsozialismus begründet ist. Der Begriff des Totalitarismus erhält hierdurch seine stark negative Besetzung, die er auch im weiteren Verlauf nicht mehr ablegen kann. Dies brachte ihm den Vorwurf des „politi- schen Kampfbegriffs“ 10 ein, welcher in Kapitel 3 ausführlicher behandelt wird.
Nachfolgend soll erläutert werden, wie sich die Hauptströmungen der Totalitarismustheo- rien im Laufe der Zeit entwickelt haben und wie sie auf die sich wandelnde politische Entwicklung reagierten.
7 Vgl. Backes, Uwe/ Jesse, Eckhard, Totalitarismus und Totalitarismusforschung. Zur Renaissance einer lange tabuisierten Konzeption, in: Jesse, E. /Kailitz, St. (Hg.), 1997: Prägekräfte des 20.Jahrhunderts. Demo- kratie – Extremismus – Totalitarismus, Baden-Baden, S. 85 f.
8 Vgl. Kraushaar, Wolfgang, Sich aufs Eis wagen.Plädoyer für eine Auseinandersetzung mit der Totalitaris- mustheorie, in: Jesse, Eckhard (Hg.), 1999: Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Eine Bilanz der internationa- len Forschung, 2. Aufl., Bonn, S. 493.;
9 Vgl. Jesse, Eckhard, Die Totalitarismusforschung im Streit der Meinungen, in: Jesse, Eckhard, 1999, S. 14. 10 Vgl. Wippermann, S. 20.
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Julia Wiedersich, 2006, Konjunkturen der Totalitarismustheorie - Zwischen politischer Instrumentalisierung und wissenschaftlicher Erkenntnis, Munich, GRIN Publishing GmbH
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