1. Einleitung:
Mit seinen wissenschaftlichen Studien über die Ursachen der Hysterie, der Traumdeutung und der Psychoanalyse, hat Sigmund Freud ein völlig neues Gebiet der Psychologie erschlossen. Einige seiner untersuchten und dokumentierten Fallgeschichten, mit denen er große Teile seiner Theorien begründet hat, erinnern allerdings eher an literarische Werke, als an wissenschaftliche Dissertationen. Selbst Freud fühlte die Notwendigkeit, den literarischen Charakter seine Fallgeschichten gegenüber seinen Fachkollegen zu legitimieren:
[…] und es berührt mich selbst noch eigentümlich, dass die Krankengeschichten, die ich schreibe, wie Novellen zu lesen sind, und dass sie sozusagen des ernsten Gepräges der Wissenschaftlichkeit entbehren. […] 1
In dieser Hausarbeit möchte ich untersuchen, ob Sigmund Freud diese Art der Dokumentation absichtlich gewählt hat und welches Ziel er damit verfolgt haben könnte. Des Weiteren möchte ich mittels einer formalen Erzähltextanalyse an Textauszügen des „Bruchstück einer Hysterieanalyse“ klären, ob sich die wissenschaftlichen Fallgeschichten Freuds mit literaturwissenschaftlichen Mitteln bearbeiten lassen.
2. Freuds Fallgeschichten als literarisches Gebilde:
Die im 19. Jahrhundert üblichen wissenschaftlich, orientierten Krankengeschichten waren nach einem bestimmten Schema gegliedert. Als erstes erfasste man die manifesten Krankheitssymptome, als zweites beschäftigte man sich mit der Anamnese und als drittes verzeichnete man die erblichen Belastungen der Patienten. Die Darstellung der therapeutischen Maßnahmen und ihrer Wirkung schloss sich an. Die Epikrise, also das weitere Schicksal der Patienten, bildete den Schluss. Freuds Fallgeschichten sind Abkömmlinge dieser Art von Krankengeschichte, das traditionelle Schema bleibt bei ihm bestehen. Bei Freud
1 vgl. Renate Böschenstein: Analyse als Kunst. Thomas Mann und Sigmund Freud im Kontext der
Jahrhundertwende. In: Literatur und Krankheit im Fin-de-Siècle (1890-1914). Thomas Mann im europäischen
Kontext. Die Davoser Literaturtage 2000. Hg. v. Thomas Sprecher. Frankfurt/M. 2002, S. 73-94.
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ist die Fallgeschichte immer noch die empirische Basis zur Hypothesenbildung. In der Psychoanalyse gilt jede Behandlung als ein Experiment, welches man nicht wiederholen kann. Es werden auch über die Fallgeschichten verschiedene innovative Forschungspositionen vertreten. In der Art Freuds diese Fall- bzw. Krankengeschichten aufzuarbeiten, mutiert die traditionell kurze Krankengeschichte zu einem umfangreichen Werk der „Seelengeschichte“. Der Analytiker wird zum Erzähler der heilenden Kur, die sich um ein psychisches Drama der „Wiederholung“ und des „Widerstandes“ zentriert 2 . Freuds These ist, dass die glatten und exakten Krankengeschichten der anderen Ärzte, die er „Autoren“ nennt, ein dubioses ärztliches Konstrukt sind, da seiner Meinung nach gerade Hysteriker/innen über keine kohärente Lebensgeschichte verfügen. Ein hervortretendes Krankheitsmerkmal ist, laut Freud, eben die bruchstückhafte Erinnerung an bestimmte Vorgänge in ihrem Leben, und die Unfähigkeit in chronologisch richtiger Reihenfolge Erlebnisse bzw. ihre Krankengeschichte wiederzugeben 3 . Also kann, nach Freuds Theorie, überhaupt keine chronologisch richtige und vollständige Lebensgeschichte bzw. Anamnese der Kranken erfolgen. Mit anderen Worten entscheidet die Erzählweise der Erkrankten über deren pathologischen Status. Bei der von Freud praktizierten Therapie der Hysteriekranken fällt die Anamnese mit der eigentlichen Behandlung zusammen. Durch das Erzählen und wieder bewusst machen bestimmter Ereignisse und Erinnerungen, tritt automatisch die Heilung ein. Das erste Beispiel für eine solche narrative Therapie ist der Fall der Anna O., die Freud mit einer Kombination aus Hypnose und erzählender Rekonstruktion behandelte, von der Patientin selbst „talking cure“ getauft.
In Freuds zweiter großer Hysteriefallgeschichte, dem „Fall Dora“, reproduziert er selbst die Geschichte der Krankheit, ihrer Entstehung und die Therapie in dem 1905 erschienenen „Bruchstück einer Hysterieanalyse“. Freud schreibt in seinem Vorwort dazu:
2 vgl. Horst Thomé: Freud als Erzähler. Zu literarischen Elementen im „Bruchstück einer Hysterieanalyse“. In:
Darstellungsformen der Wissenschaften im Kontrast. Hg. v. Lutz Danneberg u.a.. Tübingen 1998. S. 471-492.
Im folgenden Thomé 1998 genannt.
3 vgl. Sigmund Freud: Bruchstück einer Hysterieanalyse. In: S. Freud: Hysterie und Angst. Studienausgabe Bd.6
Frankfurt/M. 2000, S. 83-186. Im folgenden Freud 2000 genannt.
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Freud übernimmt somit die Rolle des Erzählers. Welche Funktion er damit erfüllt ist umstritten. Horst Thomé vermutet, dass die argumentativen Defizite, die durch eine Überdehnung der Wissenschaft entstehen, durch Formen der literarischen Kohärenzbildung ausgeglichen werden. 5 Freud skizziert sich selbst im Vorwort des „Bruchstücks“ als innovativer Forscher, er unterstreicht die ethische Qualität seiner Analysearbeit, da er mit seiner Methode die Wahrheit erkennt und er geht sozusagen ein Bündnis mit dem idealen Leser ein. Diese Sachverhalte haben erzählstrukturell gesehen, die Funktion, die auktoriale Verfügungsgewalt des Erzählers über seine Geschichte zu begründen. Das bedeutet auch, wer allwissend ist, darf sein Material so auswählen und zusammenstellen, dass dem Leser der innere Zusammenhang der berichteten Ereignisse anschaulich wird. 6 Allerdings verhält es sich bei einem auktorialen Erzähler eines fiktiven Werks so, dass er weiss was man eigentlich nicht wissen kann. Er hat Einblick in die Seele seiner Figuren und deren verborgenste Winkel, also eine Sichtweise, die dem realen Menschen im Umgang mit anderen verborgen bleibt. Also kann der auktoriale Erzähler niemals Figur seines Werkes sein, da er sonst den Grenzen der Menschheit unterworfen wäre und nicht mehr den empirisch unmöglichen Beobachtungsstandpunkt inne hätte. In Freuds Krankengeschichte tritt er zum einen als auktorialer Erzähler auf, also als derjenige der allwissend in die verborgenen Winkel von Doras Seele blicken kann und zum anderen aber als Teil der Geschichte, als behandelnder Arzt nämlich und somit liegt formal gesehen eigentlich eine Ich-Erzählung vor. Freud suggeriert durch die psychologische Deutungskompetenz eine Art Allwissenheit, von Thomé als „Aufblähung des Ich-Erzählers zur auktorialen Omnipotenz“ 7 bezeichnet. Nach der Theorie von Horst Thomé funktionalisiert das „Bruchstück einer Hysterieanalyse“ drei, im 19. Jahrhundert sehr prominente, Romanformen.
4 vgl. Sigmund Freud/Josef Breuer: Studien zur Hysterie. Frankfurt/M. 1979, S. 40/41.
5 vgl. Thomé 1998, S. 477.
6 vgl. Thomé 1998, S. 480.
7 vgl. Thomé 1998, S. 482.
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Die erste ist der Detektivroman. Der „Fall Dora“ ist sozusagen ein Rätsel, welches der Aufklärung bedarf. Freud sucht in Doras Psyche nach dem, was keiner zugeben will. Er fragt auch nach dem, was keiner beantworten kann, da sich die Antworten im Bereich des Unterbewusstseins abspielen. Mit seiner Adaption des Detektivromans suggeriert Freud, dass das Unbewusste zur Realität dazugehört. Er führt seinen „Beweisgang“ im Text auch so, dass der Leser ihn mitverfolgen und überprüfen kann. 8
Die zweite Romanform an die sich Freuds „Bruchstück“ anlehnt, ist der soziale Roman. Das zentrale Thema dieser im 19.Jahrhundert beliebten Romanform ist das Familiendrama. Ein solches ist beim Fall Dora leicht zu erkennen. Es gibt einen Zusammenstoß zwischen dem Liebesverlangen der Figuren, die Institution der Ehe wird zum Thema und die daraus resultierenden Wirrnisse beider Familien entsprechen dem Schema des sozialen Konfliktromans mit versöhnlichem Ausgang. Ganz im Sinne der Romantradition sind auch die Charaktere der Figuren gehalten. Sie erweisen sich als gemischte Charaktere, sie alle haben deutliche Schwächen, aber keiner von ihnen ist wirklich schlecht. Durch Freuds Darstellung der Krankengeschichte erscheint Dora als Opfer der Umstände und somit als Sympathieträgerin. Der „soziale Roman Doras“ nimmt auch ein gutes Ende, da die Protagonistin sich von den Widrigkeiten der anderen Figuren und ihrer Hysterieerkrankung losreißt und mit ihrer Heirat ein neues, glückliches Leben beginnt.
Die dritte zeitgenössische Romanform ist die fiktive Biographie. „Der Familienroman wird durch den Lebensgang Doras erschlossen, den der Ich-Erzähler aus Berichten, Spuren und Beobachtungen rekonstruiert.“ 9 Thomé findet überraschende Parallelen zur fiktiven Biographie wie zum Beispiel Wilhelm Raabes Roman „Die Akten des Vogelsangs“. Hier berichtet der Ich-Erzähler, genau wie bei Freud, nicht wie üblich eine eigene Geschichte, sondern es ist ein Versuch, die Geschichte eines anderen zu erzählen. Es sind auch vergleichbare strukturelle Gegebenheiten zu erkennen, wie zum Beispiel eine komplizierte Schichtung der Zeitebenen. 10
8 vgl Thomé 1998, S. 483-486.
9 vgl. Thomé 1998, S. 487.
10 vgl. Thomé 1998, S. 487 ff.
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Arbeit zitieren:
Andrea Nau, 2005, Sigmund Freud und der Fall Dora - Ein literarisches Werk oder wissenschaftliche Fallgeschichte, München, GRIN Verlag GmbH
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