innern. 2 Dennoch: die letzten drei großen Dynastien - die mongolische der Yuan (1274-1368), ihre han-chinesische Nachfolgerin Ming (1368-1644) und schließlich das mandschurisch-chinesische Kaiserreich der Qing (1644-1911) - erreichten trotz der Veränderungen am Rande eine gewaltige Pertinenz des Großteils des Territoriums. Sie ermöglichten es, die Einigungs- und Integrationsprozessen mehr oder weniger erfolgreich abzuschließen. Während wir im Westen im Falle der Liao, Jin, Yuan oder Qing in aller Regel von Fremddynastien reden, waren diese in China selbst im Kern nicht als „nicht-chinesisch“ betrachtet worden, auch nicht von den han-chinesischen Machthabern der Ming. So berichten die Annalen des Ming-Kaisers Taizu 3 :
„Nachdem der Thron der Song gestürzt war, kamen die ‘nördlichen Barbaren’ [Hu 4 ] der Yuan ins Land und beherrschten China. Alle diesseits und jenseits der vier Meere unterwarfen sich ihnen. Dies war keine Sache menschlicher Kraft; es wurde ihnen durch den Himmel übertragen. Zu Beginn gab es fähige Herrscher und erleuchtete Minister, die imstande waren das Kaiserreich zu regieren.“
Als ein Staat mit kosmologischen Grundlagen, dessen wesentlichstes Kriterium die Entsprechung zwischen ihm und dem Himmel und damit die Aufrechterhaltung der
1 In der wissenschaftlichen Literatur dagegen gibt es in der Sinologie endlich vielversprechende Ansätze, einst begonnen von W. Eberhard und Herbert Franke, inzwischen in übersichtlicher, zusammenfassender Darstellung bei Schmidt-Glintzer 1997.
2 Schmidt-Glintzer 1997.
3 Ming Taizu Shilu, zit. nach Edward L. Farmer, Zhu Yuanzhang and Early Ming Legislation. The Reordering of Chinese Society Following the Era of Mongol Rule“, Leiden - New York -Köln 1995, S.1f.
4 Der Begriff „Barbaren“ [griech. „die Lallenden“, ursprünglich geringschätzig für Nicht-Hellenen] als Übersetzung für die Bezeichnung verschiedener Randvölker Chinas - wie Hu, Yi, Man, Fan usw. - sollte im chinesischen Kontext endlich einmal hinterfragt werden. Zwar beinhalten die Begriffe sicher die ‘barbarische’ Konnotation; doch da bis zum Beginn der Moderne die meisten Nationen einen ethnozentrischen Standpunkt innehatten, ist diese chinesische Auffassung nichts Außergewöhnliches. Daß diese alten chinesischen Völkerbezeichnungen jedoch meist etwas unreflektiert in westlichen Sprachen mit dem einen Begriff ‘Barbaren’, allenfalls noch ergänzt durch atttribuierte Himmelsrichtungen, wiedergegeben werden, wird jedoch häufig als eine Besonderheit der chinesischen Haltung ausgelegt und dementsprechend argumentativ benutzt. Demgegenüber muß hier aber einmal festgehalten werden, daß die chinesische Kultur gegenüber den ‘barbarischen’ Randvölkern in aller Regel - zumindest im Falle ihrer Assimilation von als typisch chinesisch betrachteten Kulturgütern und Wertvorstellungen - sehr viel konzilianter, integrativer aufgetreten ist als dies die meisten europäischen Völker taten. Diese Grundkonstellation dürfte eine wesentliche Voraussetzung für das multiethnische Selbstverständnis Chinas sein.
Es stellt sich zudem die Frage, ob die Deutung „Barbar“ dieser Begriffe eine sekundäre Erscheinung ist, wofür m. E. u.a. die Existenz dieser verhältnismäßig großen Zahl von Barbar-Begriffen spricht. Auch meint David-Néel (1996, S.12): „Ob sie sich selbst so nannten, ist durchaus nicht sicher. (...) »I« [Yi] bedeutet »wild«. Vielleicht wurde aber für die Chinesen das
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entsprechenden Ordnung war, spielten ethnische Bezüge dabei eine geringe Rolle. Es waren die Umstände der Herrschaft, ihre schlechten Auswirkungen, die die Illegitimität von Dynastien begründeten, seien es jene der Han oder anderer Nationalitäten. Die sogenannten „Fremddynastien“ zogen in aller Regel erst den Hass der Han (u.a. Nationalitäten) auf sich, wenn sie in chauvinistischer Art und Weise deren Gebräuche unterdrückten und ihre eigenen Sitten und Wertvorstellungen den anderen aufzwangen - etwas, was wir von Han-Chinesen auch in der neueren Geschichte kennen und was bei denen das Schlagwort vom „Groß-Han-Chauvinismus“ (da Hanzu zhuyi) geprägt hat. Die Überbewertung der eigenen „Volkskultur“ und deren Überstülpen über diejenige der anderen Nationalitäten geschah im Laufe von vielen Dynastien, gleich welcher Ethnie diese angehörte. Als berühmteste Beispiele seien nur das an die Apartheid erinnernde Gesellschaftsklassen-System 5 der Mongolen oder der Mandschu-Zopf, den zu tragen auch den nicht-mandschurischen Untertanen befohlen war, genannt. Gerade letzterer ist ein typisches Beispiel für westliche Wahrnehmungen, ist er doch bei vielen von uns als etwas „typisch Chinesisches“ in Erinnerung, war aber als aufgezwungene Sitte der Mandschus den Han-Chinesen verhasst und sein Abschneiden zuletzt noch zum Symbol für die oppositionelle Haltung der jungen Nationalisten geworden. Dass darüber hinaus viele jener Werte und Kulturelemente (wie Konfuzianismus und Schrift), die meist eher mit den Han, also jenen, auf die im Westen der Begriff „Chinesen“ meist sehr einschränkend verwendet wird, verbunden werden, übersieht die historische Tatsache, dass es in aller Regel die „Fremddynastien“ selbst waren, die sich diese aktiv aneigneten und manchmal noch weiter entwickelten. 6
Mit dem europäischen Auftreten in der chinesischen Welt fand das Nationalstaatsdenken seinen Weg nach China: Das Missverständnis in Europa über China war -und ist es bis heute, dass es „fälschlicherweise als ein - eben nur sehr alter - Nationalstaat angesehen“ wurde - und dies wirkte letztlich sogar auf das Reich der Mitte
Wort »I« zum Synonym von »wild«, weil jene Eingeborenen, die auf einer tieferen Kulturstufe standen als sie, sich selber die »Is« nannten.“
5 Die dritte dieser unter den Mongolen in vier Bevölkerungsgruppen eingeteilten „Klassen“ wurde als jene der „han ren“ (Han-Menschen) bezeichnet, umfaßte aber interessanterweise alle Einwohner, gleich ob sie den Han-Chinesen, Kitan, Jurchen oder Koreanern angehörten. (Franke/Trauzettel 1968, 5 1981, S.230)
6 Es ist ja ein unumstrittenes Phänomen, daß „sich die fremden Herrscher oft «chinesischer als die Chinesen» gaben“. (Schmidt-Glintzer 1997, S.23)
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zurück, so „dass sich in China dieses Selbstmissverständnis von einer chinesischen Nation überhaupt erst verfestigte.“ 7
Damit wurde Chinas Multiethnizität problematisch, denn es war in seiner Geschichte nie ein Nationalstaat im europäischen Sinne, sondern ein vielmehr kulturgeschichtlich gewachsenes, kulturell definiertes Nationalitätenreich. 8 Gleichwohl wurden so neue Ideen in es hinein getragen, die vor allem unter den Randvölkern, deren Stammesbevölkerung die Grenzen überschritt, divergente Haltungen stärkten. Von daher ist die heutige Frage berechtigt, inwiefern der ethnische Separatismus oder andere Faktoren das Land erneut auseinanderbrechen lassen könnten. Als Gegenbewegung unter den Han ist ein Nationalismus aufgekommen, der sich von jenem, der heute in vielen Teilen der Welt propagiert wird, deutlich unterscheidet: So scheint es, dass die chinesische Seite in ihrer traditionellen Staatsauffassung weiterdenkt, während sie durch den Westen (vermeintlich) „gezwungen“ wird, nationalstaatlich zu argumentieren. D.h. rein emotional wird die Geschichte Chinas - durchaus verständlich - in traditioneller Weise betrachtet, aber gleichzeitig wird versucht, den heutigen (nicht mehr ganz nach traditioneller Staatsauffassung gestaltbaren) Staat nationalstaatlich zu begründen. Die Argumente werden von westlicher Seite deshalb nicht anerkannt, weil sie das traditionelle chinesische Staatskonzept nicht verstehen, mindestens aber nicht nachempfinden können, zumal die heutige, von der chinesischen Führung im nützlichen Fall ebenfalls aufgegriffene nationalstaatliche Argumentation auf die Zeit vor dem Ende des Kaiserreiches auch nicht ganz passt.
Der Westen begeht jedoch den gleichen Fehler, wenn er heutige politische Maßstäbe, die ja im wesentlichen in Europa gewachsen und dann der ganzen Welt übergestülpt wurden, ganz selbstverständlich auf die Geschichte Chinas (und anderer Teile der Welt) überträgt und mit ihnen jenen Teil der Geschichte nationalstaatlich betrachtet, als diese Maßstäbe dort noch gar keinen Eingang gefunden haben. Dies erscheint, wie wenn man Handlungen nach Gesetzen beurteilt, die erst eingeführt wurden, nachdem die Handlungen stattgefunden haben. Wesentlich bei der Beurteilung der chinesischen Haltung ist doch der Eindruck, dass „das Chinesische Reich
7 Beide Zitate aus: Schmidt-Glintzer 1997, S.15
8 „Entsprechend wurde ... die Geschichte Chinas nicht als die einer Nation, sondern einer Zivilisation gesehen.“ (Zit. Schmidt-Glintzer 1997, S.25) Vgl. auch Liang Qichao (1873-1929), übersetzt. von Immanuel C.Y. Hsü, 1989.
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immer dem Prinzip der Integration gefolgt“ und „die chinesische Welt vielleicht
Was aber war das traditionelle Staatskonzept? In der ältesten chinesischen Überlieferung (die aus Zeiten stammt, als die Ethnogenese der Han, wie wir sie heute sehen, noch lange nicht stattgefunden hatte), in der der Himmelssohn (tianzi) als Zentralherrscher über alles „was unter dem Himmel“ (tian xia) fungiert, ist in Andeutung zu erkennen, dass er grundsätzlich als ein Herrscher über die ganze (bekannte) Welt zu betrachten war. 10 Die Wahrnehmung einer politischen Wirklichkeit jedoch, in der diese Herrschaft auf sehr viel engeren Raum begrenzt war, bezeichnete schließlich seinen tatsächlichen Herrschaftsbereich als „Land“ (guo). Letzteres meinte sowohl die ihm untergeordneten Lehnsfürstentümer der Zhou-Zeit (1027-256 v.Chr.) als auch den Herrschaftsbereich des Zentralherrschers: als Zhongguo, „Reich(e) der Mitte“, im Doppelsinn eines mittleren Herrschaftsbereiches ebenso wie jenes der als „Zentralstaaten“ aufgefassten Lehnsreiche. 11 Das klassische Herrschaftskonzept Chinas definierte seinen Raum also von der Mitte aus, symbolisiert im Kaiser, dem „Himmelssohn“ - und damit zwangsläufig im Rahmen eines „Diffusionsmodells“ mit verschwimmenden Reichsgrenzen:
„Die Selbstreflexivität und die Vorstellung einer Ökumene (tianxia) machen ... das Spezifikum Chinas aus, demzufolge es außerhalb der anerkannten Kultur nur solche Zonen gibt, die sich der Kultur erst noch anpassen müssen. Nach dieser seit der Han-Zeit bestimmenden Vorstellung schwächt sich die Intensität der Kultur und damit auch der Einflussmöglichkeiten des Staates vom Zentrum zur Peripherie hin ab.“ 12
9 Schmidt-Glintzer 1997, S.239
10 Vgl. Kaminski 1971, S.10: „Die chinesischen Herrscher traten als Mittler zwischen Himmel und Erde auf. Ihre Vertretungsbefugnis im Verkehr mit dem Himmel war aber nicht auf ein bestimmtes Gebiet beschränkt, sondern sie traten dem Himmel stellvertretend für die g a n z e W e l t gegenüber.“
11 Peter Greiner: Die Polizei- und Justizbehörden der Ming-Zeit, Freiburg 1979 (Habilitationsschrift), S.90. Aus diesem Grund konnte der immer China meinende Landesbegriff (guo, zhongguo) „in Zeiten der Reichsteilung ohne Schwierigkeit auf den Machtbereich der zu gleicher Zeit bestehenden Kaiserhäuser angewandt werden.“ (Zit. S.90)
12 Zit. Schmidt-Glintzer 1997, S.23
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M.A. Andreas Gruschke, 1998, China und Tibet: Identitätsfindung im Spannungsfeld von Nationalismus und Regionalismus , München, GRIN Verlag GmbH
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