Inhalt
1. Einleitung
2. Religion als Zwangsneurose - Die Religionskritik Freuds
2.1. Der Mensch und die Kultur
2.2. Der Mensch und die Religion
2.3. Die Macht der Religion und ihr Problem
2.4. Religion als allgemein menschliche Zwangsneurose
3. Thomas Luckmanns These von der „unsichtbaren Religion“
3.1. Anthropologische Grundlagen der Religion
3.2. Die Weltansicht als unspezifische Sozialform der Religion
3.3. Der „Heilige Kosmos“ als spezifische Sozialform der Religion
3.4. Die Ausbildung von spezialisierten Sozialformen der Religion
3.5. Die Privatisierung der Religion in der Moderne
4. Vergleich der beiden Auffassungen
4.1. Kultur, Weltanschauung und Religion
4.2. Die Zeitdiagnosen Freuds und Luckmanns und ihre Erwartungen für die
Zukunft
5. Schluss
Literaturverzeichnis
2
Zusammenfassung:
Die vorliegende Arbeit untersucht die beiden religionstheoretischen Ansätze von Sigmund Freud und Thomas Luckmann. Sie geht dabei jeweils auf die unterschiedlichen Entwicklungs- und Funktionstheorien der beiden Autoren ein und stellt die daraus resultierenden Zeitdiagnosen und Zukunftserwartungen einander gegenüber. Dabei wird anhand des Verhältnisses von Kultur, Weltanschauung und Mensch exemplarisch dargestellt, inwiefern es Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Ansätzen gibt und wo die tief greifenden Unterschiede liegen. Im Schlussteil wird zudem kurz darauf eingegangen, inwieweit die beiden Theorien für die heutige Sozialwissenschaft noch von Belang sind.
3
1. Einleitung
Die Frage danach, was Religion ist, nach ihrer Funktion, ihrer gegenwärtigen Verfassung und nicht zuletzt nach ihrer weiteren Zukunft beschäftigt nicht nur die Theologie, sondern auch andere Wissenschaften, wie beispielsweise die Psychologie und Soziologie. Bei den verschiedenen Disziplinen und Ansätzen kommt es freilich zu höchst unterschiedlichen Antworten bzw. Antwortversuchen. Zwei dieser Antworten sollen in der vorliegenden Arbeit dargestellt und miteinander ins Gespräch gebracht werden. Da wäre zum einen die Sicht Sigmund Freuds, der meinte, mit den Mitteln der Psychoanalyse der Religion auf die Schliche gekommen zu sein. Die Darstellung seiner Religionsauffassung in dieser Arbeit stützt sich vor allem auf seine religionskritische Hauptschrift „Die Zukunft einer Illusion“ von 1927. Der psychoanalytischen Untersuchung Freuds (2) soll dann zum anderen die religionssoziologische Betrachtung von Thomas Luckmann gegenübergestellt werden (3). Hauptquelle für dessen Sicht ist sein Essay „Die unsichtbare Religion“, in der deutschen Ausgabe von 1991. Im vierten Punkt der Arbeit erfolgt dann ein Vergleich der beiden Auffassungen und Zeitdiagnosen.
2. Religion als Zwangsneurose - Die Religionskritik Freuds
In seiner religionskritischen Hauptschrift „Die Zukunft einer Illusion“ entfaltet Freud in zehn Kapiteln seine Theorie der Religion. In Anlehnung an die Ergebnisse seiner psychoanalytischen Forschungen rechnet er die Entwicklung der religiösen Vorstellungen der Kindheitsgeschichte der Menschheit zu. Der Verlauf seiner Argumentation, sowie seine Schlussfolgerungen sind das Thema der folgenden Punkte. Gegenstand der Untersuchung sind zunächst die Beziehungen von Mensch und Kultur (2.1), und von Mensch und Religion (2.2). Nachdem einer kurzen Betrachtung der These vom Illusionscharakter der religiösen Vorstellungen (2.3) folgt im letzten Punkt eine Darstellung der Diagnose Freuds für seine Zeit. (2.4)
4
2.1 Der Mensch und die Kultur
Nach Freud umfasst die menschliche Kultur „einerseits all das Wissen und Können, das die Menschen erworben haben, um die Kräfte der Natur zu beherrschen und ihr Güter zur Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse abzugewinnen, andererseits alle die Einrichtungen, die notwendig sind, um die Beziehungen der Menschen zueinander, und besonders die Verteilung der erreichbaren Güter zu regeln.“ 1 Wenn der Mensch auch nicht in der Vereinzelung leben kann, so ist er doch von Natur aus eher ein Feind der Kultur, da diese vor allem auf „Zwang und Triebverzicht“ 2 aufbaut. Vom Einzelnen wird dies als „schwer drückend“ empfunden, weswegen er gegen die Zwänge der Kultur aufbegehrt. Die Kultur wiederum muss sich gegen eine solche Auflehnung wehren, um weiter existieren zu können. Diese Verteidigungsfunktionen übernehmen einerseits „ihre Einrichtungen, Institutionen und Gebote“ 3 , indem diese für eine gewisse Güterverteilung sorgen und diese aufrechterhalten. So soll gewährleistet werden, dass die Triebopfer der Mehrheit sich in Maßen halten. Andererseits verfügt die Kultur aber auch über „seelische“ Besitztümer, die den Menschen für seine Triebopfer entschädigen sollen 4 . Freud nennt hier zunächst die allmähliche Internalisierung der Gebote, d.h. die Ausbildung und Erstarkung des Über-Ichs des Menschen. Diese ist ein „höchst wertvoller psychologischer Kulturbesitz“ 5 und sorgt dafür, dass Einzelne von Kulturfeinden zu Kulturträgern werden können. Je größer wiederum die Anzahl der Kulturträger ist, desto eher ist auch der Erhalt der Kultur gewährleistet.
Zum seelischen Eigentum gehören zudem sowohl die „Kulturideale“, welche die narzisstische Natur des Menschen durch „Stolz auf die bereits geglückte Leistung“ 6 befriedigen, als auch die „Kunstschöpfungen“, welche als Ersatzbefriedigungen für „die ältesten, immer noch am tiefsten empfundenen Kulturverzichte“ 7 wirken.
1 FREUD 1927, S. 140.
2 FREUD 1927, S. 144.
3 FREUD 1927, S. 140.
4 Vgl. FREUD 1927, S. 144.
5 FREUD 1927, S. 145.
6 FREUD 1927, S. 147.
7 FREUD 1927, S. 147.
5
Das jedoch „vielleicht bedeutsamste Stück des psychischen Inventars“ 8 stellen die religiösen Vorstellungen dar.
2.2 Der Mensch und die Religion
Nach Freud ist es „die Hauptaufgabe der Kultur, ihr eigentlicher Daseinsgrund, uns gegen die Natur zu verteidigen“ 9 . Über ihre zivilisierende Funktion hinaus ist es aber auch ihre Aufgabe das bedrohte Selbstwertgefühl des Menschen zu trösten, der Welt und dem menschlichen Leben den Schrecken zu nehmen, sowie auch seinen Wissensdurst zu stillen 10 . Von Anbeginn seiner Existenz fühlt sich der Mensch durch die Gewalt der Natur bedroht. Zwar hat er es geschafft Teile von ihr unter Kontrolle zu bringen, aber die Hoffnung auf vollständige Beherrschung der Naturkräfte hat bisher keine Erfüllung erfahren. Um die „sinnlose Angst“, die ihn deswegen immer wieder befiel, „psychisch bearbeiten“ 11 zu können, war es daher nötig, die Natur ihrer Unpersönlichkeit zu berauben und sie zu vermenschlichen. Zwar änderte sich durch diesen Vorgang die äußere Situation des Menschen nicht, aber zumindest war er durch diesen Schritt in der Lage wieder zu reagieren anstatt „hilflos gelähmt“ 12 seinem Schicksal entgegenzusehen. Freud sieht in diesem Vorgang eine Wiederholung bzw. Weiterführung dessen, was bereits in der frühen Kindheit des Menschen geschehen ist, denn „in solcher Hilflosigkeit hatte man sich schon einmal befunden, als kleines Kind einem Elternpaar gegenüber, das man Grund hatte zu fürchten, zumal den Vater, dessen Schutzes man aber auch sicher war gegen die Gefahren, die man damals kannte.“ 13 In Anbetracht der verbliebenen größeren Macht der Naturkräfte verleiht er ihnen „Vatercharakter“ und macht sie damit zu Göttern.
Im Laufe der Zeit, als die Menschen immer mehr die Gesetz- und Regelmäßigkeiten der Natur beobachten, tritt die ursprüngliche Funktion der Götter, die Natur zu beherrschen in den Hintergrund und die moralische Stellung gewinnt an Bedeutung.
8 FREUD 1927, S. 148.
9 FREUD 1927, S. 149.
10 Vgl. FREUD 1927, S. 150.
11 FREUD 1927, S. 151.
12 FREUD 1927, S. 151.
13 FREUD 1927, S. 151.
6
Arbeit zitieren:
Peter Münch, 2006, Die Religion in der Moderne - Ein Vergleich der religionstheoretischen Ansätze von Sigmund Freud und Thomas Luckmann, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Hinduismus im Westen - Die Bhagwan-Bewegung
Theologie - Vergleichende Religionswissenschaft
Hausarbeit, 15 Seiten
Der Systemische Ansatz in Theorie und Praxis
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Sozialisation in der Erziehung mit Medien und die Bedeutsamkeit von Me...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 17 Seiten
Die Beobachtung als wissenschaftliches Messinstrument
Grundlagen, Arten und Beobacht...
Seminararbeit, 16 Seiten
Qualitatives und quantitatives Interview in der Sozialforschung
Soziologie - Methodologie und Methoden
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Der sozialisierende Einfluss der Massenmedien auf die Identitätsentwic...
Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung
Seminararbeit, 19 Seiten
Das behinderte Kind in der Familie - Die Veränderung der Rollenstruktu...
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Wissenschaftlicher Aufsatz, 27 Seiten
Mediensozialisation - Fernsehen, Sozialisationsinstanz oder Medium zur...
Soziologie - Medien, Kunst, Musik
Hausarbeit, 23 Seiten
Befindet sich die ökonomische Politikberatung derzeitig in einer Krise...
Seminararbeit, 21 Seiten
Die Religionssoziologie Thomas Luckmanns - Privatisierung anstatt Säku...
Hausarbeit, 19 Seiten
Macht und Herrschaft nach Max Weber
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Hausarbeit, 15 Seiten
Die Bindungstheorie nach John Bowlby und Mary Ainsworth
Psychologie - Entwicklungspsychologie
Hausarbeit (Hauptseminar), 13 Seiten
Suchtprävention in der Sekundarstufe - Theoretische Grundlagen, Konze...
Examensarbeit, 191 Seiten
Zu unterschiedlichen mathematischen Vorerfahrungen von Vorschulkindern...
Examensarbeit, 86 Seiten
Sprachförderung im Elementarbereich
Pädagogik - Kindergarten, Vorschule, frühkindl. Erziehung
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Peter Münch hat den Text Die Religion in der Moderne - Ein Vergleich der religionstheoretischen Ansätze von Sigmund Freud und Thomas Luckmann veröffentlicht
Peter Münch hat einen neuen Text hochgeladen
The Annual of Psychoanalysis, V. 29: Sigmund Freud and His Impact on t...
Jerome A. Winer, James W. Anderson
0 Kommentare