Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2. Kriemhild als strukturtragendes Prinzip 6
2.1. Die 1. Aventüre 6
2.1.1. Kriemhild als höfische Dame 6
2.1.2. Die gesellschaftliche Stellung Kriemhilds 8
2.1.3. Kriemhilds Falkentraum. 9
2.2. Die 12. Aventüre: Streitanbahnung 10
2.3. Die 14. Aventüre: Der Königinnenstreit 11
2.4. Die 15. Aventüre: Täuschung Kriemhilds durch Hagen 14
2.5. Die 16. Aventüre 15
2.5.1. Kriemhilds Ebertraum 15
2.5.2. Kriemhilds Bergtraum. 16
2.6. Die 17. Aventüre 16
2.6.1. Kriemhilds leit’ 16
2.6.2. Kriemhild verbleibt in Worms 17
2.6.3. Kriemhilds Motiv der Rache 19
2.7. Die 19. Aventüre 19
2.7.1. Der Hortraub. 19
2.7.2. Kriemhilds doppeltes leit’ 21
2.8. Die 20. Aventüre 22
2.8.1. Etzels Brautwerbung um Kriemhild. 22
2.8.2. Kriemhilds Rachegedanken. 23
2.9. Die 21. Aventüre: Kriemhilds Leben am Etzelhof. 25
2.10. Die 23. Aventüre: Die hinterlistige Einladung Kriemhilds 25
2.11. Die 28. Aventüre: Kriemhilds Konfrontation mit ihren Verwandten. 26
2.12. Die 31. Aventüre: Kriemhilds Provokationen 27
2.13. Die 33. Aventüre: Kriemhild verliert Ortlieb 28
2.14. Die 39. Aventüre: Kriemhilds Hortforderung und Rache 29
3. Resümee 32
4. Literaturverzeichnis 33
4.1. Primärliteratur. 33
4.2. Sekundärliteratur 33
2
1. Einleitung
Wie die Midgardsschlange im Meer liegend den Erdball umarmt, umrahmt auch Kriemhild mit ihrer Lebensgeschichte das ganze Nibelungenlied. Sie tritt in der ersten Strophe 1 als Titelheldin auf und stirbt erst in der letzten Strophe einen einsamen Tod. Kriemhild bildet das Zentrum der Handlung und einen Kreis um das Leben aller Protagonisten. Sie ist die Mittelpunktgestalt, da sie sich für den Gang der Fabel als unentbehrlich erweist 2 . Der Schwerpunkt der Handlung wird von ihrem Schicksal und ihrer persönlichen Geschichte determiniert. Sie trägt gleichzeitig zur Vereinheitlichung der Siegfried- und Burgundensage bei und hält damit das ganze Nibelungenlied leitmotivisch zusammen. Andere Protagonisten werden nur genannt, sofern sie für Kriemhild von Bedeutung sind. Damit determiniert sie das Schicksal der anderen, ihre Handlungsweisen sind es, die im Nibelungenlied über das Leben und den Tod der Protagonisten entscheiden. Das Schicksal Kriemhilds wird zum Schicksal aller. Dieses Schicksal wird dem Publikum von Anfang an durch die Vorausdeutungen vor Augen geführt. Schon in der ersten Aventüre wird Kriemhild als wohlbehütetes, hübsches Mädchen dargestellt und zugleich auch als Rächerin und Verantwortliche des Untergangs der Burgunden. Darüber hinaus wird ausgehend von Kriemhild das Minnemotiv eingeführt und das weitere Schicksal der Burgundenprinzessin und vor allem das der Burgunden mit diesem Motiv verbunden. Infolgedessen kann Kriemhild als die eigentliche Protagonistin des Nibelungenliedes angesehen werden. Nagel sieht die Rolle der Kriemhild als so zentral an, dass er die Interpretation des Nibelungenliedes über die Kriemhild-Figur zu erreichen versucht und das Lied schlichtweg als einen „Kriemhildroman“ oder „biographischen Roman“ von Kriemhild bezeichnet 3 . Die Gestalt der Kriemhild ist im Nibelungenlied also handlungsbestimmend von der ersten bis zur letzten Strophe. Des Weiteren stellt eine Frau als handlungsbestimmende Figur eines Heldengedichtes ein Novum dar. Es handelt sich dabei um „etwas Neues und Ungewöhnliches in der mittelalterlichen Dichtung“ 4 . „Das Nibelungenlied ist“, laut Schröder, „zwar nicht nur, aber doch auch die Tragödie Kriemhilts“ 5 . Hoffmann konstatiert ähnlich, dass das Nibelungenlied „durchaus als die Erzählung der Lebensgeschichte
1 In Handschrift B tritt Kriemhild in der ersten Strophe auf, die Einleitungsstrophe fehlt. Nur C beginnt mit der uns bekannten Einleitungsstrophe. Die Fassung B wird aufgrund einer anderen Schwerpunktsetzung als „Kriemhildepos“ bezeichnet (Reichert 1985, S. 10).
2 Vgl. Wahl Armstrong 1979, S. 29.
3 Nagel 1965, S. 178.
4 Wahl Armstrong 1979, S. 239.
5 Schröder 1960/61, S. 41.
3
Kriemhilds“ zu verstehen ist, und nennt das Werk kurzerhand eine „Kriemhildbiographie“ 6 . Dass man bereits im frühen 14. Jahrhundert diese Auffassung vertrat, beweist die Münchner Handschrift D, in der das Nibelungenlied unter dem Titel Buoch von Chriemhilt überliefert wurde. Damit wurde der wichtigen Funktion Kriemhilds bereits von einem mittelalterlichen Bearbeiter Rechnung getragen 7 . Im Nibelungenlied werden insgesamt siebenundsechzig Personen genannt, nur zehn davon sind weiblich 8 . Dass erstmals eine Frau die Titelrolle eines heroischen Epos innehat, beweist wiederum, dass ein Wertewandel im Gesellschaftssystem stattgefunden hat, der sich vor allem in der damaligen Literatur widerspiegelte. Bennewitz hebt diesbezüglich hervor, dass Frauenrollen im Nibelungenlied im Allgemeinen erstmalig eine Dominanz ausüben und damit das katastrophale Geschehnis verursachen. Kriemhild wird demzufolge eine „Katalysatorfunktion“ zugeschrieben, die sich als ausschlaggebend für die gesamte Handlung, den ‚plot’ selbst, sowie für die „Präsentation des überlegenen Agierens der männlichen Protagonisten erweist“ 9 . Zwischen 1504 und 1526 erhielt das Heldenepos im Ambraser Heldenbuch deshalb auch die Überschrift Ditz Puech heysset Chrimhilt. Der Prachtkodex wurde von Hans Ried, Zöllner am Eisack bei Bozen, in einem bairischen Frühneuhochdeutsch für Kaiser Maximilian I angefertigt 10 . Schröder geht gleichfalls von einer „Kriemhilt-Konzeption“ aus, die er als „Keimzelle“ des Heldenepos bezeichnet 11 . Darüber hinaus ist auch Panzer der Auffassung, dass Kriemhild die eigentliche Vordergrundfigur des Liedes ist und betont:
Sie bleibt auf seiner [sic!] Bühne von der ersten bis zur letzten
Strophe, lebend oder tot, wachend oder träumend, sichtbar wie unsichtbar die Handlung bestimmend. 12
Obwohl Kriemhild im fortschreitenden Verlauf der Handlung nicht überall gegenwärtig ist, so ist sie doch quasi allzeit als treibende Kraft vorhanden, wie beispielsweise in der sechsten Aventüre, in der Siegfried Gunther bei der Werbung um Brunhild im Hinblick auf die Minne Kriemhilds behilflich ist 13 :
6 Hoffmann 1987, S. 46.
7 Ihlenburg 1969, S. 93.
8 Wahl Armstrong 1979, S. 28.
9 Bennewitz 2001, S. 36.
10 Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen. Hrsg. von Günther u. Irmgard Schweikle. 2., überarb. Aufl. Stuttgart: J. B. Metzler 1990. Seite 193.
11 Schröder 1960/61, S. 42.
12 Panzer 1955, S. 225.
13 Ich beziehe mich auf die Fassung B des Liedes und zitiere aus der Edition: Das Nibelungenlied. Mhd. Text und Übertragung. Hrsg., übersetzt und mit einem Anhang versehen von Helmut Brackert. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 2004.
4
„Des antwurte Sîfrit, Sigmundes sun: “gîstu mir dîne swester, sô wil ich ez tuon, die schœnen Kriemhilde, ein küneginne hêr. sô gér ich dehéines lônes, nâch mînen arbeiten mêr“ (332)
14 Ihlenburg 1969, S. 94 f.
15 Vgl. Schröder 1960/61, S. 128.
5
2. Kriemhild als strukturtragendes Prinzip
2.1. Die 1. Aventüre
2.1.1. Kriemhild als höfische Dame 16
Ein weiteres Indiz dafür, dass Kriemhild die Mittelpunktgestalt ist, ist die Tatsache, dass sie als erste Gestalt vorgestellt wird. Kriemhilds Brüder, die Könige Gunther, Gernot und Giselher, die nach dem höfischen Zeremoniell eigentlich vor ihr genannt werden müssten, weil sie einen höheren Rang besitzen, tauchen dagegen erst in den Strophen vier und fünf auf, und auch dort nur in Bezug auf Kriemhild 17 . Der Dichter war mit den höfischen Gesellschaftsregeln seiner Zeit sehr wohl vertraut, in denen besonderes Augenmerk auf die Etikette gelegt wurde und die Reihenfolge der Personennennung sicherlich nicht zufällig erfolgen konnte. Die Abfolge der Nennung der Namen im Nibelungenlied erfolgte daher absichtlich, und zwar bewusst im Hinblick auf die Bedeutung Kriemhilds als Titelfigur. Daraus lässt sich wiederum die große Bedeutung Kriemhilds für den weiteren Verlauf des Geschehens erkennen. Die Vorstellung der Könige erfolgt durch feststehende Epitheta, wie die adelige Abstammung, Macht, Tapferkeit, Freigebigkeit und großes Gefolge, so Haug 18 und Schulze 19 . Die Burgundenprinzessin steht unter dem Schutz der drei Könige, welche sich fürsorglich um sie kümmern. Schulze sieht in diesem Schutz eine Art Vormundschaft, der Kriemhild unterliegt. Bereits in der zweiten Strophe erfährt man gleichsam, dass allein Kriemhilds wegen viele Helden ihr Leben verlieren werden. Damit signalisiert uns die letzte Zeile, dass alle weiteren Ereignisse „in Beziehung zu Kriemhild stehen, ja durch sie verursacht werden“ 20 :
„Ez wuohs in Búrgónden ein vil édel magedîn,
daz in allen landen niht schœners mohte sîn, Kríemhílt geheizen: si wart ein schœne wîp. dar umbe muosen degene vil verlíesén den lîp.“ (2)
16 Vgl. zu diesem Kapitel Schulze 2003, S. 142.
17 Vgl. Wahl Armstrong 1979, S. 248 f.
18 Vgl. Haug 1990, S. 296.
19 Vgl. Schulze 2003, S. 144.
20 Wahl Armstrong 1979, S. 249.
6
„niht schœneres mohte sîn“ (2,2)
„ze stücken was gehouwen dô daz edele wîp.“ (2377,2)
21 Vgl. Bernreuther 1994, S. 13.
22 Vgl. De Pol 1997, S. 424.
23 Vgl. u.a. De Pol 1997, S. 427 f. und 432; sowie Bumke 1992, S. 452.
24 Schulze 2003, S. 143.
25 Vgl. Schulze 2003, S. 143.
26 Vgl. Schulze 2003, S. 143.
7
27 Vgl. Wahl Armstrong 1979, S. 249.
28 Vgl. zu diesem Kapitel: Brandt 1997, S. 151 ff.
29 Brandt 1997, S. 151.
30 Vgl. Brandt 1997, S. 151.
31 Eine interessante Darstellung über die gesellschaftliche Problematik von ‚Herrscher-Frauen’ liefert Bumke 1992, S. 486 ff.
8
„...ern sol des niht entgelten, habe ich Prünhilde iht getân.“ (893,4)
daz ich ez ie geredete daz beswárte ir den muot,
daz hât vil wol errochen der helt küene unde guot.“ (894,2-4)
2.1.3. Kriemhilds Falkentraum
32 Kuhn (1948/50, S. 196 f.) erhebt jedoch den Einwand, dass nach der Christianisierung die strafrechtliche Haftung des Mannes für ein Vergehen der Ehefrau verschwand. Stattdessen wäre die Frau vom rechtlichen Standpunkt fähig gewesen, selbst für ihre Verfehlung einzustehen. Dieses Faktum berücksichtigend, hätte der Dichter des Nibelungenliedes wohl andere Schwerpunkte setzen müssen.
9
Arbeit zitieren:
Karoline Ehrlich, 2006, Kriemhild als Strukturprinzip - Am Beispiel ausgewählter Aventüren des Nibelungenliedes, München, GRIN Verlag GmbH
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