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Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Geschichtlicher Hintergrund
1. Europa im Umbruch
2. Konfessionsauseinandersetzungen
II. Der Antimachiavellismus
1. Entstehung
2. Ursachen
III. Der Tacitismus
1. Entstehung
2. Die Suche nach einem Ersatz für Machiavellis „Principe“
IV. Die Lehre von der Staatsräson
1. Allgemeines
2. Die politische Diskussion in Deutschland
Schlussbetrachtung
Literaturverzeichnis
Einleitung
Im politischen Denken der frühen Neuzeit nimmt Niccolò Machiavelli (1469-1527) eine Schlüsselstellung ein. Er war der Wegbahner des modernen kontinentalen Machtstaates. Er gilt als der eigentliche Begründer der Lehre von den Staatsinteressen, d.h. der Autonomie politischer Entscheidungen gegenüber den Geboten der Moral, der Religion und des Rechts. „Das grundsätzliche Neue in Machiavellis politischer Theorie bestand darin“, so fasst Wolfgang Preiser im „Wörterbuch des Völkerrechts“ zusammen, „daß er lehrte, im Falle einer anders nicht zu lösenden Kollision zwischen den Geboten der Moral oder des Rechts auf der einen Seite, elementaren Interessen der Machtbewahrung im Innern oder der Erhaltung des Staates gegenüber äußeren Gegnern andererseits dürfe, ja müsse der leitende Staatsmann Moral und Recht hinter der - bald danach von seinem Landsmann Francesco Guicciardini erstmals sogenannten‚Staatsräson’ zurücktreten lassen; keine moralische oder vertragliche Bindung dürfe eine Rolle spielen, wenn die politische Notwendigkeit verlange, daß man sich von jenen Bindungen freimache.“ 1
In dieser Arbeit soll dargelegt werden, wie Machiavelli im späten 16. und im 17. Jahrhundert in Deutschland gelesen und diskutiert wurde. Es soll die Frage beantwortet werden, wie es dazu kam, dass Machiavelli nach seinem Tod zu einer derart berüchtigten Figur werden konnte, dass es zu den schlimmsten politischen Verleumdungen zählte, jemanden einen „Machiavellisten“ zu nennen. Dabei wird auch ein Blick auf Machiavellis antiken Vetter Publius Cornelius Tacitus geworfen, den Historiker der Kaiserzeit, der im sogenannten Tacitismus des 16. und 17. Jahrhunderts eine ähnliche Rolle wie Machiavelli spielte. Zusätzlich wird der Machiavellismus in Deutschland bes onders unter dem Aspekt des Aufkommens der Formel der „ragione di stato“ betrachtet. Die Literatur zu Machiavelli und dem Machiavellismus bzw. Antimachiavellismus ist außerordentlich reich. Insbesondere zur Machiavelli-Rezeption in europäischen Ländern wie Spanien, Frankreich und England ist viel geforscht worden. Das gleiche gilt für die Entstehung der Formel „ragione di stato“ in Italien und ihre Ausbreitung in England und Frankreich. Was Deutschland angeht, so ist die Situation vergleichsweise schlecht. Es existiert keine umfassende
1 Wolfgang Preiser, Art. Völkerrechtsgeschichte I, in: Strupp-Schlochauer, Wörterbuch des Völkerrechts, Bd. III,
Berlin 1962, insbes. S. 694 - 703. Quelle: Michael Stolleis, Staat und Staatsräson in der frühen Neuzeit.
Studien zur Geschichte des öffentlichen Rechts, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1990, S. 23.
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Darstellung der Machiavelli-Rezeption im 17. Jahrhundert und auch die Literatur, die sich mit der Frage der „Staatsräson“ im Deutschland der frühen Neuzeit beschäftigt, ist äußerst spärlich. Die Arbeit gliedert sich folgendermaßen: Das erste Kapitel liefert einen kurzen geschichtlichen Überblick über die Entwicklungen, die in Europa - mit besonderem Blick auf Deutschland - in der frühen Neuzeit stattfanden. Das Kapitel 2 beschäftigt sich mit dem Antimachiavellismus in Deutschland. Im dritten Kapitel wird der Tacitismus des 16. und 17. Jahrhunderts behandelt und das vierte und letzte Kapitel dieser Arbeit analysiert die Lehre von der Staatsräson.
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I. Geschichtlicher Hintergrund
Das Europa der frühen Neuzeit befand sich in einem Wandlungsprozess, der zum einen das gesamte gesellschaftliche Leben und politische Machtgefüge in Europa veränderte und zum anderen von kirchlichen und religiösen Unruhen geprägt war.
1. Europa im Umbruch
Charakteristisch für die Herausbildung des neuzeitlichen Staates war das energische, kontinuierliche Bemühen der Krone um eine Ausweitung der staatlichen Kompetenzen, um eine Intensivierung jeglicher Staatstätigkeit und um eine territoriale Ausweitung des Herrschaftsgebietes. Dem dienten vor allem die sich entwickelnden staatlichen Apparate der Zentralbehörden und Beamtenschaft sowie das Heer. All diese Faktoren entwickelten sich in den einzelnen Staaten durchaus verschieden und in unterschiedlichem Tempo, tendierten in jedem Fall jedoch zu einer Stärkung der Staatsmacht.
Der Monopolisierung der politischen Macht in der Krone entsprach die schwererkämpfte politische Ausschaltung der Stände. An die Stelle des ständischen Elements trat zunehmend der Untertan als Objekt obrigkeitlicher Forderungen. Der Monarchie gelang mittels Ausbau des Steuersystems und der Heeresverfassung der direkte Zugriff auf die Untertanen, die ihrerseits (teils mit dem politisch egalisierten Adel) weniger ein gemeinsames Untertanenbewusstsein gegenüber der absoluten Monarchie und ihren Apparaten als ein solidarisches Nationalgefühl der politischen Selbständigkeit nach außen entwickelten.
Unbeschadet verschiedenster Ausprägungen sind für alle absolutistischen Staaten der frühen Neuzeit die Zentralisierung der Verwaltung, der Ausbau des möglichst mit Bürgerlichen (außer in Deutschland) besetzten Behördenapparats, die Erweiterung des stehenden Heeres, die Unterordnung der Kirche unter den Staat und die Entmachtung der Aristokratie (ohne ihr die gesellschaftlichen Privilegien 2 zu nehmen) charakteristisch. 3
2 Dem Adel wurde für den Verlust der politischen Zwischenstellung zwischen Krone und lokalen Gemeinden die
soziale Privilegierung (Steuerfreiheit, Grund-, Gerichts-, Polizeihoheit) garantiert. Quelle: Der Grosse Ploetz.
Die Daten-Enzyklopädie der Weltgeschichte. Daten - Fakten - Zusammenhänge, Komet Verlag, Frechen
1998, S. 654.
3 Ebd., S. 654 - 655.
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In der europäischen Entwicklung stellte Deutschland neben Italien einen Sonderfall dar. Denn in Portugal, Spanien, Frankreich und England, wie auch in Skandinavien und Osteuropa war der Staat mehr oder weniger identisch mit der Nation, in Italien und Deutschland dagegen zerfiel die Nation in verschiedene Territorien. Folglich waren im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation die Verhältnisse wegen des Dualismus zwischen Reich und Territorien besonders kompliziert. Auf der einen Seite existierte das Reich als Gesamtkomplex, auf der anderen Seite gab es eine große Zahl von Territorien, von denen jedes bestrebt war, innerhalb seiner Grenzen möglichst viel Macht zu vereinen, um daraus schließlich einen möglichst souveränen Staat zu schaffen. Auch in den Territorien existierte der Dualismus zwischen dem Fürst und den Ständen, zu denen man die Vertreter der hohen Geistlichkeit, des Adels und der Städte eines Territoriums zählte. Die einzelnen Fürsten waren bestrebt, den Einfluss der Stände so weit wie möglich zurückzudrängen, ihnen die Abgaben nach den eigenen Vorstellungen aufzuerlegen, mit dem endgültigen Ziel, die Stände gänzlich abzuschaffen. 4 Aufgrund der Emanzipationsbestrebungen der größeren Territorien und durch die religiösen Auseinandersetzungen befand sich das Reich zwischen 1555 und 1648 in einer schweren Krise. 5
2. Konfessionsauseinandersetzungen
Im 16. Jahrhundert begannen die unterschiedlichen Phasen der einzelnen Reformationsbestrebungen von Martin Luther in Deutschland (seit 1517), Ulrich Zwingli in der Schweiz (seit 1522), Johann Calvin in Genf und Westeuropa (seit 1541), der Entstehung der anglikanischen Kirche (seit 1534) und des Puritanismus in England, dem Reformkonzil von Trient (1545-1563) oder der Gründung neuer Orden, vor allem dem der Jesuiten (seit 1540). Alle diese Vorgänge waren gekennzeichnet durch ihren Doppelcharakter: Sie bezogen sich nicht nur auf die Erneuerung oder Regenerierung des christlichen Glaubens und seiner religiösen Formen, sondern betrafen in gleicher Weise die Kirche als institutionelles Gefüge und politischen Machtfaktor. Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts setzte in Deutschland die Gegenreformation ein. Diese bedeutete die gewaltsame Rekatholisierung protestantisch gewordener Gebiete und die Unterdrückung der weiter zurückreichenden Reformbestrebungen innerhalb der katholischen
4 Aldo de Maddalena; Hermann Kellenbenz, Finanzen und Staatsräson in Italien und Deutschland in der frühen
Neuzeit, Verlag Duncker & Humblot, Berlin 1992, S. 16 - 18.
5 Michael Stolleis, Staat und Staatsräson in der frühen Neuzeit... (Anm. 1), S. 7.
Arbeit zitieren:
Christoph Meyer, 2002, Machiavelli in Deutschland - Machiavelli-Rezeption im 16. und 17. Jahrhundert, München, GRIN Verlag GmbH
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