Gliederung
1. Einleitung
2. Zur Phänomenologie des jurodivyj
3. Die Gestaltung der Figur Venička als jurodivyj
3.1. Genese der Rolle Veničkas
3.2. Das Motiv der Erkenntnisreise
3.3. Alkoholisiertheit als Stigma
3.4. Die Funktion des Alter Ego
3.5. Das Motiv des Schauspiels
3.6. Die Mission Veničkas
3.7. Die Provokation Veničkas
3.8. Die Weltsicht eines Narren oder die Betrachtung einer
närrischen Welt
4. Fazit
5. Literaturverzeichnis
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1. Einleitung
Christusnarren – oder jurodivye, wie sie im Verlaufe dieser Arbeit genannt werden sollen – haben ein lange Tradition in Russland und galten schon in der alten Rus‘ als feste Bestandteile von Dorfgemeinschaften. Zunächst heidnischen Ursprungs vermischte sich das Schamanenhafte, das ihnen eigen war, mit christlichen Elementen. Ihr Verhalten gleicht einem freiwilligen Martyrium; aus der Gesellschaft ausgeschieden, begibt sich der jurodivyj auf seine christliche Mission, die allgemeinen Missstände in der Gesellschaft durch sehr eigensinnige Methoden aufzuzeigen. Erkenntnis- und Wahrheitssuche sind dabei die hohen Ziele, die der jurodivyj verfolgt.
Die Poėma „Moskva – Petuški“ entstanden 1969 und durften erst 1989 in Russland veröffentlicht werden. In ihnen spiegeln sich Tendenzen jenes Dissidententums, das dem Autor Venedikt Erofeev zu Zeiten der Sowjetdiktatur vorgehalten wurde. Seine Figur „Venička“ fährt gleich einem Vagabunden mit dem Vorortzug von Moskau nach Petuški und schildert dem Leser seine kontroversen Weltanschauungen. Sein Stigma und seine Maske ist die fortwährende Alkoholisiertheit: Moralische Bewertungen und Einschätzungen erfahren ihre jeweilige Kanalisierung, wenn die entsprechende Trunkenheit eingetreten ist.
Schon in der alten Rus‘ bestand eine gewisse Äquivalenz zwischen Narrheit und Trunkenheit – so würden sich Betrunkene von Narren nur durch ihre sittliche Unreinheit unterscheiden, der Betrunkene aber offene Ehrlichkeit demonstrieren. 1
1 Vgl. Ottovordemgentschenfelde, Natalia, Jurodstvo: eine Studie zur Phänomenologie
und Typologie des Narren in Christo, Frankfurt a. M., Europäische Hochschulschriften,
Reihe XVIII. Vergleichende Literaturwissenschaft, Bd. 111, S. 191.
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Die von der Figur Venička evozierten Werte und Überzeugungen wirken mitunter paradox und unsinnig. Seine Berichte sind von provokativem Gehalt und die Vermutung liegt nahe, dass sich hier des Gestus des klassischen jurodivyj bedient worden sein könnte. Nach Aufschlüsselung der für jurodivye gemeinhin geltenden Charakteristika soll untersucht werden, inwiefern Venička einem jurodivyj ähnlich ist.
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2. Zur Phänomenologie des jurodivyj
Jurodivye gehören zum russischen kulturellen Identitätsverständnis – für sie gibt keine direkte westliche Entsprechung. Im Gegenteil: Sie gelten sogar als Gegenentwurf zur bourgeoisen westlichen Zivilisation. Sie sind in ihrer Typologie einzigartig.
Typische Verhaltens- und Wesenszüge eines jurodivyj sind nach Lichacev/ Pančenko seine asketische Selbsterniedrigung, sein vermeint-
licher Wahnsinn und die Verachtung und Abtötung des Geistes. 2 Der jurodivyj wählt freiwillig den Weg des Einzelgängers, indem er seine Kultur verlässt. Um seiner Mission nachzukommen, legt er die Maske des Wahnsinns oder der Schwachsinnigkeit an.
Sein als Martyrium bezeichneter Weg gleicht dem Muster der imitatio Christi. Durch Selbstverleugnung und Demut wird bewusst die Nähe zu Gott gesucht:
„In den altrussischen Quellen wird das Christusnarrentum, voll von Beschwerden,
Leiden und Schmach, mit dem Kreuzweg Jesu Christi verglichen, und der Narr
selbst mit dem Erlöser (...) Dies ist eine symbolische Darstellung des
Erlösungsopfers. Wenn der Leib Christi Opfer ist, dann ist der Leib des
Christusnarren ebenfalls Opfer.“ 3
Laut Lichacev/ Pančenko sei es die Aufgabe der jurodivye, die Laster und Sünden von Arm und Reich zu entlarven ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Umgangsformen. Deren Verachtung gelte den jurodivye als Privileg und notwendige Bedingung. Die Tatsache, dass sie ein Leben voller Mühsal und Schmach zubringen, gebe ihnen das Recht, die ‚stolze
und eitle Welt zu beschimpfen‘. 4
2 vgl. Lichacev, D. S., Pančenko, A. M., Die Lachwelt des alten Rußland, München 1991,
S. 92.
3 Ebd., S. 103f.
4 Vgl. ebd., S. 93.
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Gemäß Ewa Thompson diene dies jedoch als Mittel der christlichen Vervollkommnung: „They did so to perfect themselves spiritually. Their nasty behavior was a means of avoiding the love and admiration usually
accorded to persons of high spiritual achievement.“ 5
Doch neben der Ablehnung der Huldigung ihrer Heiligkeit zeigt sich ihre Aggression auch in der Form, dass sie möglichst provokativ versuchen,
die „Welt zu erschüttern“ 6 , um ihr deren Sündigkeit vorzuhalten. Diese Didaktik ist wesentlich für den jurodivyj.
Es gebe lt. Thompson fünf binäre Oppositionen, die einen so genannten „Code“ für jurodivye darstellten: „wisdom – foolishness, purity – impurity,
tradition – rootlessness, meekness – aggression, veneration – derision“ 7 .
Durch die ostentative Zurschaustellung des Negativen soll dem Sündigen das Positive offenbar werden. Der jurodivyj trägt das Gute in sich und will es durch diese Methode verbreiten. So besteht sein ethisches Prinzip darin, allgemein verbindliche Verhaltensnormen auf ihre moralische und christliche Standhaftigkeit zu prüfen.
5 Thompson, Ewa M., Understanding Russia. The Holy Fool in Russian Culture, Lanham 1987, S. 7.
6 Ottovordemgentschenfelde, Jurodstvo, S. 141.
7 Thompson, Understanding Russia, S. 16.
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Quote paper:
Anke Kell, 2005, Das Phänomen des Christusnarrentums in "Moskva-Petushki", Munich, GRIN Publishing GmbH
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