Inhaltsverzeichnis
1.1 Einleitung
2.1 Die Psychiatrie - eine Begriffsdefinition
2.2 Konstitutionsgeschichte der Psychiatrie
2.2.1 Hospitalisierung und Medicozentrismus
2.2.2 Strukturmerkmale der medizinisch orientierten Psychiatrie
2.2.3 Reformversuche in deutschen Psychiatrien
2.2.4 Die Psychiatrie im Nationalsozialismus
2.2.5 Wandel der modernen Psychiatrie durch Theoriebildung und Pharmazie
2.2.6 Wandel der modernen Psychiatrie durch Psychiatriebewegung und Psychiatrie -
Enquete
2.3 Der Krankheitsbegriff in der Psychiatrie
3.1 Die Sozialpsychiatrie
3.1.1 Die moderne psychiatrische Versorgungslandschaft
4.1 Arbeitsfelder für die Soziale Arbeit in der sozialen Psychiatrie
4.2 Theoriegrundlagen der Sozialen Arbeit in der sozialen Psychiatrie
4.3 Die Arbeitsbeziehung in der sozialen Psychiatrie
4.3.1 Das Begegnungsmodell nach Dörner und Plog
5.1 Zusammenfassung
6.1 Literaturangabe
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1.1 Einleitung
Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist die Psychiatrie in Deutschland. In ihrer aktuellen Form bietet die Psychiatrie ein vielfältiges und widersprüchlich erscheinendes Bild - die hier vorgelegte Arbeit soll eine Durchleuchtung des komplexen Themas leisten und einen Verständniszugang zur zeitgenössischen Psychiatrischen Versorgung bieten.
Zur Erschließung des Themas habe ich mich für eine Dreiteilung der Arbeit entschieden. Der erste Abschnitt besteht aus der Behandlung des Themas: die Entwicklung der Grundzüge der Psychiatrie vom Ort systematischer sozialer Ausgrenzung hin zur modernen psychiatrischen Versorgung.
Die Konstitution der Sozialpsychiatrie einschließlich der Entwicklung von Arbeitsfelder für die Soziale Arbeit im psychiatrischen Versorgungsbereich ist ein zweiter Bereich.
Als dritten Schwerpunkt dieser Arbeit habe ich die Untersuchung der speziellen theoretischen Grundlagen aus dem Theoriegebäude der Sozialen Arbeit, welche für die Praxisarbeit in der sozialen Psychiatrie einer entsprechenden Modifikation für die Arbeit mit dem Klientel der psychiatrischen Patienten bedürfen, gewählt. Der Wandel im Denken und Handeln in der Gesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts und (damit auch innerhalb ) der Psychiatrie führte zu grundlegenden ideologischen, konzeptuellen und organisatorischen Umbrüchen und Kurskorrekturen sowie zum Wandel der gesellschaftlichen Funktion von Psychiatrie. Die Dimension, Qualität und Relevanz dieser Umbrüche sowie die entstandene Struktur der psychiatrischen Versorgungslandschaft wird dementsprechend in diesem ersten Abschnitt meiner Arbeit vorzustellen sein.
Hierbei ist insbesondere die Betrachtung der Konstrukte „ psychische Gesundheit / psychische Krankheit “ aus kritischer Perspektive von Interesse. Dieses Unterthemawelches für die Psychiatrie aufgrund somatisch orientiertem medizinischen Blick und
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Diagnostik von zentralster Bedeutung ist - werde ich aus soziologischer und medizinsoziologischer Sicht untersuchen.
Um einen Zugang zur heutigen psychiatrischen Versorgungslandschaft zu gewinnen, werde ich die historische Entwicklung der Psychiatrie nach verfolgen und in zusammenfassender Weise vorstellen. Eine abschließende Darstellung der heutzutage in der Gesellschaft vorhandenen Angebote der psychiatrischen Versorgung stelle ich diesem Abschnitt meiner Arbeit hintan.
Im zweiten Teil meiner Arbeit - in den Kapiteln 3.1ff - untersuche ich das Konzept der „Sozialpsychiatrie“ näher .
Die Frage nach den leitenden Grundgedanken des Modells „Sozialpsychiatrie“ und dessen Implikationen auf das „ Soziale“ sind in diesem Zusammenhang zentral. Der inhaltlichen Ausgestaltung der Kritik an der bis dahin erfolgten Organisation und Legitimation der psychiatrischen Versorgung wende ich besondere Aufmerksamkeit zu.
Eine theoretische Verfeinerung des Sozialpsychiatrischen Ansatzes ist in der Konzeptuierung der „Gemeindepsychiatrie“ durch Klaus Dörner, Rainer Köchert u. a. zu erkennen. Dieses werde ich in der vorliegenden Arbeit aufgrund des begrenzten Rahmens jedoch nicht vertiefen.
Die Schnittmenge von Psychiatrie und Sozialer Arbeit rückt im dritten Teil der vorliegenden Arbeit in den Mittelpunkt des Interesses. Ich werde Differenzen und Gemeinsamkeiten im Berufsbild, im Anforderungs- und Tätigkeitsprofil der beiden Disziplinen der Psychiatrie und der Sozialen Arbeit herausarbeiten und gegenüberstellen.
Weiterführend interessiert mich die Beschaffenheit der modernen psychiatrischen Versorgungslandschaft und deren Aufgliederung in institutionelle Segmente.
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Im Zuge der Konstituierung der Sozialpsychiatrie und deren sozialökologischer Perspektive haben sich somit Arbeitsfelder für Sozialarbeiter und Sozialpädagogen herausgebildet. Diesem Unterthema wende ich mich in Abschnitt 4 der vorliegenden Hausarbeit zu.
Hier entstehen Fragen nach erforderlichen Qualifikationen, nach speziellem beruflichem Fachwissen und nach professionellen Haltungen gegenüber psychisch kranken Menschen.
Die Frage nach Grundhaltungen gegenüber psychisch erkrankten Menschen ist im Kontext von Sozialer Arbeit und deren Verwiesenheit auf professionelle Beziehungsarbeit von größter Bedeutung. Untersuchen werde ich diese in den Kapiteln 4.2 bis 4.3.1. Hier mündet meine Untersuchung in der Darstellung des Begegnungsmodells von Dörner und Plog.
Die Literaturgrundlage zur Klärung dieser Fragen werden in der Hauptsache die Veröffentlichungen„ Sozialarbeit und Sozialpädagogik in der Psychiatrie“ von Bosshard, Ebert und Lazarus aus dem Jahre 2001 sowie Margret Dörrs „ Soziale Arbeit in der Psychiatrie“ aus dem Jahre 2005 abgeben.
Ergänzend hinzugezogen habe ich das Buch „ Irren ist menschlich. Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie“, von Dörner et al. aus 2002 sowie das „ „Lehrbuch Psychiatrie für Studium und Beruf“, von Rahn und Mahnkopf aus 2005.
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2.1 Die Psychiatrie - Eine Begriffsdefinition
Nach Dörr lassen sich drei unterschiedliche Ebenen von Psychiatrie unterscheiden. So lässt sich Psychiatrie zum ersten als Disziplin und Profession der Medizin fassen. Psychiatrie ist die Lehre von seelischen Störungen und Erkrankungen. In dieser Bedeutung beschäftigt sich Psychiatrie mit Diagnose, Intervention und Prävention mentaler Krankheiten sowie mit der Erforschung dieser. Ihr Anliegen ist es, psychische Krankheit erklären und behandeln zu können - allerdings auf einseitig biologistisch-naturwissenschaftlichem Fundament. Eine entsprechende Theorie der Entstehung und Behandlung psychischer Erkrankungen bildete sich im 18. Jahrhundert heraus.
Zum zweiten lässt sich Psychiatrie als bestimmter sozialer Ort begreifen: Hiermit sind psychiatrische Krankenhäuser und Kliniken gemeint. Diese Orte sind Schnittstelle von angewandtem medizinisch - psychiatrischem Wissen und der konkreten Behandlung des jeweiligen Patienten. Dörr bezeichnet die Kliniken als Träger der Institutionalisierung, die wesentlich zur Etablierung der Psychiatrie als Disziplin beigetragen hätten.
„ An diesen Orten, die wohl bis heute - ... - eine der härtesten Formen manifester sozialer Kontrolle und institutioneller Verwahrlosung darstellen, halten sich Menschen auf, die, aus welchen Gründen auch immer, zu Adressaten klinisch - psychiatrischer Forschung und psychiatrischer Praxis geworden sind.“ ( Dörr, „Soziale Arbeit in der Psychiatrie“, S. 12 )
Drittens ist Psychiatrie begreifbar als soziale Institution, als gesellschaftlicher Funktionsträger, ein „ .. in Strukturen geronnenes soziales Denk-, Handlungs- und Beziehungsmuster “. ( Dörr, „Soziale Arbeit in der Psychiatrie“, S. 13 ) Hier wird Psychiatrie als ein gesellschaftliches Ordnungsmuster interpretiert; dieses konstituierte sich als Antwort auf soziale Fragen und ist somit Ergebnis der gesellschaftlichen
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Angebots- und Nachfrage -Wechselwirkung. Dörr weist auf die Vorteile von Institutionalisierungen wie Entlastung, konstante Regelung komplizierter interaktioneller Vorgänge etc. hin und stellt die Psychiatrie in diesem Sinne als die gesellschaftliche Organisierung psycho-sozialen Leides dar.
2.2 Die Konstitutionsgeschichte der Psychiatrie
Im Folgenden werde ich die Konstitutionsgeschichte der modernen Psychiatrie in verkürzender Weise darstellen, um einen Zugang zum Verständnis der komplexen Vielschichtigkeit des Themas zu schaffen.
Bosshard, Lazarus und Ebert benennen drei Wendepunkte in der Psychiatriegeschichte: die Errichtung der Irrenanstalten, die Entwicklung der Neurosenlehre und des psychoanalytischen Theoriegebäudes sowie die systematische Einbeziehung der sozialen Dimension durch die Sozialpsychiatrie.
2.2.1 Hospitalisierung und Medicozentrismus
Dörr nennt den Beginn der Neuzeit als Wendemarke im Umgang mit psychisch Kranken: Ab etwa 1500 nach Christus erfuhr das Leprosorium - das Leprakrankenhaus; eine Institution aus dem Mittelalter - eine Neubestimmung als Ort der systematischen Ausgrenzung psychisch kranker Menschen aus der Gesellschaft. Hiermit war ein Vorbild für zukünftige „Zucht-, Korrektions- und Disziplinierungsanstalten“ in Europa gegeben. Diese sollten der Aufnahme solcher Personen dienen, welche vom normativ gewünschten Verhalten bürgerlicher bzw. proletarischer Zeitgenossen in gravierender Weise abwichen. In der beginnenden Moderne trat ein kapitalistisches Moment zum Vorschein: Als vernünftig für das neue industrielle System galt die Fähigkeit zum reibungslosen Funktionieren. Freiheit von ineffektiven persönlichen Eigenarten und sowie die Kalkulier- und Planbarkeit des individuellen Verhaltens. Psychisch kranke Menschen waren dementsprechend im Verwertungsprozeß nicht einsetzbar.
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Bis ins späte 18. Jahrhundert hinein bediente man sich der alleinigen Praxis, psychisch kranke Menschen - ohne jegliche diagnostische Differenzierung vorzunehmenisoliert außerhalb der Dorf- und Stadtgemeinschaften unterzubringen. „ Sprengte Geisteskrankheit den aus heutiger Sicht beeindruckend weiten Toleranzrahmen der bäuerlichen Lebenswelt, wurden Kranke in zumeist Klöstern angeschlossenen Hospitälern verwahrt.“ ( Blasius, Der verwaltete Wahnsinn: „Eine Sozialgeschichte des Irrenhauses“, S. 94 )
Diese Anstalten hatten neben der Verwahrungsfunktion für die eingewiesenen Kranken auch die Funktion der abschreckenden Außenwirkung auf die Nicht-Arbeitswilligen gesunden Menschen.
Dörner et al. sehen in der sich formierenden Institution der Psychiatrie auch ein Spaltprodukt einer zeitgenössischen Lösung der „sozialen Frage“, da in der Mehrheit psychisch erkrankte Menschen aus der proletarischen Unterschicht in die Irrenhäuser interniert wurden - wohlhabenderen Familien standen Hauspflege- und ärzte ebenso wie Sanatorien und Bäderreisen zur Verfügung.
In den Anstalten - vielfach auch als Zucht - und Arbeitshäusern bezeichnet- war ein pädagogischer Gedanke vorhanden: Besserungsmethoden und Erzieherische Maßnahmen wurden an den psychisch kranken „Insassen“ exemplifiziert. Die psychisch Erkrankten sollten auf der konzeptuell schlichten Grundlage des „Moral Treatment“ - Gedankens zu nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gemeinschaft erzogen werden.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts bildete sich demgegenüber das medizinische Primat heraus: die Position der Ärzte in den Irrenanstalten wurde durch den preußischen Staat gesetzlich gestärkt und abgesichert. Die gesellschaftliche Außenwirkung war eine fatale: Es existierte nunmehr eine medizinische Legitimation zur Bewältigung einer sozialen Problematik. Somit wurde ein sozialpolitisch weit reichender Schritt - die
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Verschiebung der Zuständigkeit der Lösung eines gesellschaftlichen Ordnungsproblems aus dem psychologisch-pädagogischen Bereich in den medizinischen Bereicheben unter die ärztliche Autorität - vollzogen.
Michel Foucault macht darauf aufmerksam, dass die Rolle des psychiatrischen Fach-Arztes zu dieser Zeit maßgeblich als Wächterrolle zu interpretieren sei: der Arzt war eher Beschützer der Gesellschaft vor den psychisch kranken Menschen als Helfer, Heiler und Retter für die psychisch Kranken.
Dem Begriff der „Heilung“ kommt im Kontext der medizinischen Hegemonie eine zentrale Bedeutung in der Entstehungsgeschichte der modernen Psychiatrie zu: Mit dem Heilungsanspruch konstruierte sich die Psychiatrie als medizinische Disziplin ein Dilemma, welches die professionelle medizinische Praxis unter unauflösbaren Erfolgsdruck setzte und die Patienten viktimisierte. Dörr weist daraufhin, dass als unheilbar klassifizierte Patienten aus dem Zuständigkeitsbereich der Psychiatrie ausgeschlossen werden mussten, um den Erfolg der nunmehr ausschließlich medizinisch orientierten Psychiatrie nicht zu gefährden. Die Folge war, dass die Psychiatrie auf umgebende Institutionen angewiesen blieb, in welche sie chronische Fälle weiterleiten konnte. Dörr stützt sich in diesem Zusammenhang auf Aussagen von Ursula Engel aus dem Jahre 1996: Die Ausgrenzung von chronischen Patienten sowie die tendenzielle Entwertung der psychiatrischen Sozialen Arbeit seien beides keine zufälligen Fehlentwicklungen innerhalb der Psychiatrie, sondern der Psychiatrie wesentliche. Hier wird also deutlich, dass die psychiatrischen Fachärzte unbeirrt ihren Weg des disziplinären Alleingangs weitergingen - auf Kosten der Seriosität und Qualität der eigenen Arbeit und auf Kosten der ihren anvertrauten Patienten. „ Der Heilungsanspruch selbst und die fortschreitende Perfektion der technischen Mittel haben sich gegen die Menschen gekehrt und sie zu Opfern einer mitleidlosen Heilungstechnologie gemacht. Hinzu kommt, dass das Versagen der angewandten Techniken den Betroffenen angelastet wurde.“ ( Dörr, „Soziale Arbeit in der Psychiatrie“, S. 133 )
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Arbeit zitieren:
Christian Dreker, 2006, Die Soziale Psychiatrie als Tätigkeitsfeld für die Soziale Arbeit, München, GRIN Verlag GmbH
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